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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel. Leanders Geschichte

Ein Edelmann aus einer in der Provinz sehr bekannten Familie kann ich einmal sicher auf zwölftausend Pfund Einkünfte rechnen, sobald mein Vater stirbt. Doch ob er gleich achtzig Jahr alt ist und alle die um ihn sind und von ihm abhängen beständig quält, so befindet er sich doch so wohl, dass ich eher befürchten muss, er würde niemals sterben, als dass ich hoffen könnte, ihm einst in dem Besitz von drei schönen Landgütern, worin sein Vermögen besteht, nachzufolgen. Er wollte wider meinen Willen einen Parlamentsrat aus mir machen und liess mich auch deswegen so früh studieren. Ich war Schüler zu La Fleche, als Eure Truppe dort ankam, – ich sah Mademoiselle Angelique und verliebte mich so sehr in sie, dass ich von nun an nichts anders tun konnte als sie zu lieben. Ich tat noch mehr und wagte es ihr zu sagen, dass ich sie liebte, und sie fühlte sich dadurch nicht beleidigt. Ich schrieb ihr einen Brief, über den sie mir kein unfreundliches Gesicht machte. Von dieser Zeit an begünstigte eine Krankheit, welche Mademoiselle la Caverne nötigte das Zimmer zu hüten, während dass Ihr zu la Fleche wart, mein Zusammensein mit ihrer Tochter sehr. Sie würde es gewiss verhindert haben, da sie für einen Stand zu streng ist, der ja meist alle, die ihn erwählen, von der tugendhaften Strenge befreit, Von der Zeit an, dass ich ihre Tochter liebte, ging ich nicht mehr in die Schule und verfehlte keinen einzigen Tag die Komödie. Die Jesuiten wollten mich zu meiner Pflicht zurückbringen, aber ich wollte so unangenehmen Lehrern nicht mehr gehorchen, seitdem ich das schönste Mädchen der Welt liebte. Euer Bedienter wurde an der Tür des Theaters von Bretagner Schülern ermordet, die in dem Jahr überhaupt viel Unordnung in la Fleche verübten, weil der Wein billig und sie in grosser Menge beisammen waren. Dies bewog Euch zum Teil, la Fleche zu verlassen und nach Angers zu gehen. Ich konnte von Mademoiselle Angelique nicht Abschied nehmen, weil sie ihre Mutter nicht einen Augenblick verliess. Alles was ich tun konnte war bei ihrer Abreise vor ihr zu erscheinen mit einem Gesicht, worauf Verzweiflung lag, und mit Tränen in den Augen. Ein trauriger Blick, den sie mir gab, hätte mich bald umgebracht. Ich schloss mich in mein Zimmer ein und weinte den ganzen übrigen Tag und die ganze Nacht. Des Morgens früh tauschte ich meine Kleider gegen die meines Bedienten, der von meiner Grösse war, meine Kleider liess ich ihm und trug ihm auf, mein Schulzeug zu verkaufen, gab ihm einen Brief an einen Pächter meines Vaters, der mir Geld schickt, wenn ich welches brauche, und bat ihn, zu mir nach Angers zu kommen. Ich folgte Euch also dahin nach und traf Euch zu Duretail an, wo verschiedene vornehme Personen, die auf einer Hirschjagd waren, Euch sieben bis acht Tage aufhielten. Ich bot Euch meine Dienste an. Es sei nun, dass Ihr einen nötig hattet, oder dass mein Gesicht Euch nicht missfiel – Ihr nahmt mich an. Meine Haare, die ich mir ganz kurz hatte abschneiden lassen, machten mich denen unkenntlich, die mich öfters bei Mademoiselle Angelique gesehen hatten; zudem verstellte mich auch das schlechte Kleid, das ich von meinem Bedienten genommen hatte, sehr; es sah um so schlechter aus, als ich früher reicher gekleidet ging als gewöhnliche Schüler. Ich wurde zuerst von Mademoiselle Angelique erkannt, die mir gestand, dass sie gleich gemerkt hätte, dass meine Leidenschaft für sie sehr gross sein müsste, weil ich um ihretwillen alles verliess. Sie war grossmütig genug, mir abzuraten und mich zur Vernunft zurückzuführen, die ich, wie sie wohl einsah, verloren hatte. Sie war lange Zeit so streng und hart gegen mich, dass ein anderer an meiner Stelle gewiss kalt gegen sie geworden wäre. Allein da ich sie trotzdem beständig liebte, wurde sie endlich bewogen, mich wieder zu lieben. Da Ihr die Denkart einer wohlerzogenen Standesperson habt, erkanntet Ihr bald, dass ich nicht wie ein gewöhnliche! Bedienter dachte. Ihr wurdet mir gewogen und ich setzte mich bei allen Herren Eurer Truppe in Gunst; selbst la Rancune hasste mich nicht, von dem doch bekannt ist, dass er keinen Menschen liebt. Ich will die Zeit nicht damit verlieren, Euch alles das zu erzählen, was zwei Personen, die sich lieben, einander sagen, so oft sie miteinander sprechen – Ihr wisst dies alles von Euch selber. Ich will bloss sagen, dass Mademoiselle la Caverne, die unsere Liebe ahnte oder vielmehr gar nicht daran zweifelte, ihrer Tochter verbot mit mir zu sprechen; dass ihre Tochter ihr aber nicht gehorchte, und da sie diese überraschte, als sie eben an mich schrieb, so behandelte sie sie öffentlich und heimlich so schlecht, dass ich gar nicht viel Mühe hatte, sie zu bereden, sich von mir entführen zu lassen. Ich fürchte mich nicht, Euch dies zu gestehen weil ich Euch als einen grossmütigen Menschen kenne der zudem ebenso verliebt ist wie ich.« Destin wurde bei den letzten Worten Leanders rot; dieser aber fuhr fort und erzählte, dass er die Truppe bloss verlassen habe, um sich in den Stand zu setzen, sein Vorhaben auszuführen. Ein Pächter seines Vaters habe ihm versprochen, ihm Geld zu geben, und in Saint Malo hoffte er noch etwas von dem Sohn eines Kaufmannes zu bekommen, auf dessen Freundschaft er sich verlassen könne, und der seit kurzem durch den Tod seiner Eltern Herr über sein Vermögen geworden war. Mit Hilfe seines Freundes hoffe er leicht nach England hinüberzukommen und von dort aus sich mit seinem Vater zu versöhnen, ohne Mademoiselle und deren Mutter seinem Zorn auszusetzen. Destin stellte dem Leander vor, dass wegen seiner Jugend und seiner Geburt sein Vater sicher die Mademoiselle la Caverne wegen Verführung verklagen würde. Er suchte ihm jedoch seine Liebe nicht auszureden, weil er wohl wusste, dass verliebte Leute nicht imstande sind, anderm Rat zu folgen als dem ihrer Leidenschaft, und so mehr zu bedauern als zu tadeln sind. Doch war er sehr gegen die Flucht nach England und stellte ihm vor, was man in fremdem Lande von zwei einzelnen denken würde, machte ihn auf die Strapazen und Gefahren der Reise und die Schwierigkeit, Geld zu erhalten, aufmerksam, und auch auf die Nachstellungen, welche die Schönheit der Mademoiselle Angelique und ihre beiderseitige Jugend ihnen ganz gewiss erwecken würde. Leander verteidigte seine schlimme Sache nicht weiter und bat den Destin nochmals um Verzeihung, dass er sich ihm nicht eher entdeckt hätte. Destin versprach ihm, ihn mit aller der Macht zu unterstützen, die er über Mademoiselle la Caverne zu haben glaube, um sie ihm günstig zu stimmen. Er sagte ihm auch, dass wenn er entschlossen wäre, keine andere Frau als Mademoiselle Angelique zu heiraten, er die Truppe nicht verlassen dürfe. Er stellte ihm vor, dass sein Vater sterben oder dass seine Leidenschaft abnehmen, oder gar verschwinden könnte. Leander aber sagte, dies würde niemals geschehen. »Gut,« sagte Destin, »damit dies nun Eurer Geliebten nicht widerfahren möge, so lasst sie nie aus den Augen und werdet Komödiant bei uns. Ihr seid nicht der einzige, der es geworden ist und der imstande wäre, etwas besseres zu werden. Schreibt an Euren Vater; schreibt ihm, dass Ihr in den Krieg gezogen wäret und sucht Geld von ihm zu bekommen. Ich werde unterdessen mit Euch wie mit einem Bruder sein und mich bemühen, Euch die harte Begegnung vergessen zu machen, die ich Euch erzeigte, als ich noch nicht wusste, was Ihr wert seid.« Leander hätte sich gerne dem Destin zu Füssen geworfen, wenn ihn der Schmerz, den er an seinen Wunden fühlte, nicht daran verhindert hätte. Er dankte ihm also in den herzlichsten Worten und versicherte ihn seiner ewigen Freundschaft. Sie sprachen dann von Mademoiselle Angelique, aber ein grosser Lärm, den sie hörten, unterbrach ihre Unterhaltung. Destin ging in die Küche des Wirtshauses hinunter, wo das vorging, was man im folgenden Kapitel lesen wird.

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