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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel. Geschichte der Caverne

Die beiden Schauspielerinnen, die wir in dem Hause gelassen haben, aus dem Angelique entführt wurde, hatten eben nicht mehr geschlafen als Destin. Mademoiselle de l'Etoile hatte sich mit der Caverne in ein Bett gelegt, um sie nicht ihrem Schmerz allein zu überlassen und um sie zu bereden, dass sie sich nicht so sehr gräme. Da sie endlich sah, dass ein so gerechter Kummer seinen guten Grund hatte, bestritt sie ihn nicht länger mit Gegengründen, sondern fing an, um die Unterhaltung auf was anders zu lenken, über ihr eigenes Schicksal genau so sehr zu klagen als ihre Freundin das ihrige beklagte, und bewog sie dadurch nach und nach, ihr ihre Geschichte zu erzählen, und dies war um so leichter als die Caverne nicht glauben wollte, dass es noch eine unglücklichere Person als sie gäbe. Sie trocknete also ihre Tränen, die ihr häufig die Backen herunterliefen und nachdem sie einen derben Schneuzer getan hatte, damit sie nicht sobald wieder zu seufzen brauchte, fing sie ihre Geschichte folgendermassen an.

Ich bin ein gebornes Theaterkind und Tochter eines Komödianten, dessen Anverwandte alle gleichfalls bei der Komödie gewesen waren. Meine Mutter war die Tochter eines Kaufmanns in Marseille, der sie meinem Vater zur Ehe gab, um ihn dafür zu belohnen, dass er sein Leben gewagt hatte, um das seinige zu retten, als er von einem Offizier der Galeeren angegriffen wurde, der meine Mutter ebenso stark liebte als sie ihn hasste. Dies war ein wahres Glück für meinen Vater, denn er erhielt, ohne dass er es verlangt hatte, eine schöne junge Frau, die reicher war als dass ein fahrender Komödiant sie zu erhalten hätte erwarten dürfen. Sein Schwiegervater wandte alles an, um ihn zu bereden, seinen Stand zu verlassen, und zeigte ihm mehr Ehre und Vorteil in dem Beruf eines Kaufmanns. Aber meine Mutter war nur fürs Theater eingenommen und wollte nicht, dass mein Vater es aufgebe. Der war gar nicht abgeneigt, dem Rat seines Schwiegervaters zu folgen, weil er besser als meine Mutter wusste, dass das Komödiantenleben nur aussen glänzt. Mein Vater ging bald nach seiner Hochzeit von Marseille weg und nahm meine Mutter mit sich, dass sie ihre erste Probe ablege – darauf war sie noch begieriger aufs Theater als er und wurde in kurzer Zeit eine vortreffliche Schauspielerin. Sie wurde gleich im ersten Jahre schwanger und kam hinter den Kulissen mit mir nieder. Ein Jahr nachher erhielt ich einen Bruder, der mich sehr liebte und den ich wieder liebte. Unsere Truppe bestand aus unserer Familie und aus drei Schauspielern, von denen der eine mit einer Schauspielerin verheiratet war, welche die zweiten Rollen spielte. Wir kamen an einem Feiertag einmal durch ein Dorf im Périgord, und meine Mutter, die andere Komödiantin und ich waren auf dem Wagen wo unser Gepäck war, und unsere Mannsleute gingen zu Fuss nebenher, als auf einmal unsere kleine Karawane von sieben bis acht Kerls angegriffen wurde, so betrunken, dass als sie eine Flinte in die Luft abschiessen wollten, um uns in Furcht zu jagen, ich voller Schrot geschossen und meine Mutter am Arm verwundet wurde. Sie griffen meinen Vater und seine beiden Kameraden an, ehe sie sich noch zur Wehre setzen konnten und prügelten sie ganz unbarmherzig durch. Mein Bruder und der jüngste von den Schauspielern liefen fort, und seit der Zeit habe ich nichts mehr von meinem Bruder gehört. Die Bauern des Dorfes gesellten sich zu denen, die uns so grausam begegnet waren, und zwangen unsern Fuhrmann, zurückzukehren wo er hergekommen war. Sie gingen sehr stolz und geschwind nebenher, wie Leute, die eine grosse Beute gemacht haben und sie in Sicherheit bringen wollen; dazu machten sie einen so grossen Lärm, dass sie einander selber nicht verstehen konnten. Endlich nach einer Stunde Wegs führten sie uns in ein Schloss, wo wir kaum angekommen viele Personen auf einmal schreien hörten, dass die Zigeuner gefangen wären. Wir merkten, dass man uns für etwas gehalten hatte was wir nicht waren und dies tröstete uns wieder etwas. Die Stute, die unsern Karren gezogen hatte, fiel aus Müdigkeit tot nieder, weil man sie zu stark getrieben und geschlagen hatte. Die Schauspielerin, der sie gehörte und die sie der Truppe geborgt hatte, erhob darüber ein so klägliches Geschrei, als wenn eben ihr Mann gestorben wäre. Meine Mutter wurde in dem Augenblicke von dem Schmerz, den sie am Arme fühlte, ohnmächtig und das Geschrei, das ich für sie erhob, war noch ärger als das der Komödiantin über ihre Stute. Auf den Lärm, den wir und die besoffenen Kerls machten, die uns hergebracht hatten, kam der Schlossherr mit vier, fünf Burschen in roten Mänteln, die nichts Gutes prophezeiten, aus einem unteren Zimmer heraus. Er fragte sogleich, wo die diebischen Zigeuner wären und jagte uns eine grosse Furcht ein. Aber wie er unter uns lauter blonde Personen sah, fragte er meinen Vater wer er wäre, und kaum hatte er erfahren, dass wir unglückliche Komödianten wären, als er mit einer Heftigkeit, worüber wir erstaunten und mit den stärksten Flüchen, die ich jemals gehört habe, auf diejenigen losging, die uns gefangen hatten und mit dem Degen auf sie zuschlug, dass sie verwundet und erschrocken alle davon liefen. Er liess meinen Vater und seine Kameraden sogleich losbinden und befahl, dass man das Frauenzimmer in eine Stube führen und unser Gepäck in Sicherheit bringen sollte. Es kamen auch Mägde herbei, um uns zu bedienen und schlugen ein Bett für meine Mutter auf, die an ihrem Arm sehr viel litt. Ein Mensch, der der Haushofmeister zu sein schien, kam zu uns und entschuldigte seinen Herrn wegen dem was vorgefallen war. Er sagte, dass die groben Kerle halb lahm und mit vielen Schlägen wären fortgejagt worden, und dass man einen Barbier aus dem nächsten Dorf holen liess, der den Arm meiner Mutter verbinden sollte; er fragte auch noch, ob man uns nichts entwendet hätte und bat uns sehr, nachzusehen, ob uns nichts fehlte. Am Abend brachte man unser Essen in unsere Zimmer; der Barbier kam, meine Mutter wurde verbunden und legte sich mit einem heftigen Fieber nieder. Den folgenden Tag liess der Herr des Schlosses die Komödianten vor sich kommen, fragte nach dem Befinden meiner Mutter und sagte, dass sie nicht aus seinem Hause gehen sollte bevor sie wieder gesund wäre. Er war auch so gütig, meinen Bruder und den jungen Komödianten in der umliegenden Gegend suchen zu lassen, allein man fand sie nicht und dies vermehrte das Fieber meiner Mutter. Man liess aus der nächsten Stadt einen Arzt und einen Barbier kommen, der geschickter war als der erste, und die gute Behandlung machte uns bald die grausame, die wir erlitten hatten, vergessen. Der Edelmann, bei dem wir waren, war sehr reich und im Lande mehr gefürchtet als geliebt und so heftig in allen seinen Handlungen wie der Befehlshaber einer Grenzfestung. Er galt für einen sehr tapfern Mann und nannte sich Baron von Sigognac; zur jetzigen Zeit wäre er wenigstens ein Marquis, damals aber war er ein wahrer Tyrann von Périgord. Ein Trupp Zigeuner, der auf seinem Gut gewesen war, hatte sein Gestüt, das eine Stunde von seinem Schloss lag, bestohlen, und seine nachgeschickten Leute hatten sich, wie ich schon gesagt habe, an uns vergriffen. Meine Mutter wurde wieder vollkommen gesund, und mein Vater und seine Kameraden erboten sich, so viel es armen Komödianten möglich war, sich erkenntlich zu erzeigen, in dem Schloss so lange Komödie zu spielen, als es dem Baron von Sigognac angenehm sein würde. Ein grosser Page von wenigstens vierundzwanzig Jahren, welcher gewiss Erzpage aller Pagen im Königreich sein konnte, nebst einer Art von Kammerjunker, lernten die Rollen meines Bruders und des jungen Komödianten, der mit ihm geflohen war. Das Gerücht verbreitete sich bald in der Gegend, dass bei dem Baron von Sigognac eine Komödie sollte gespielt werden. Es wurde demnach eine Menge Périgordischen Adels zusammengebeten, und als der Page endlich seine Rolle gelernt hatte, die ihm so schwer wurde, dass man genötigt war, sie abzukürzen und in zwei Verse zu bringen, spielten wir das Stück »Roger und Bradamante« des Dichters Garnier. Die Versammlung war sehr glänzend, der Saal schön erleuchtet, das Theater und die Dekoration dem Stück angemessen. Wir gaben uns alle Mühe gut zu spielen und erhielten auch Beifall. Meine Mutter war schön wie ein Engel; sie war als Amazone gekleidet und da sie von der Krankheit noch etwas blass war, leuchtete ihre Haut blendend wie Schnee. Ob ich gleich Ursache habe traurig zu sein, so kann ich doch niemals an jenen Tag denken, ohne zugleich über die komische Art zu lachen, mit welcher der Page seine Rolle hersagte, und meine üble Laune soll Euch nicht um eine so drollige Sache bringen; vielleicht werdet Ihr sie zwar nicht so lächerlich finden, aber ich versichere Euch, dass die ganze Gesellschaft darüber lachte, und ich selbst habe seit der Zeit oft darüber gelacht, es sei nun dass es wirklich lächerlich ist oder dass ich zu denen gehöre, die über alles leicht lachen können. Er machte den Pagen des alten Herzogs von Aymon und hatte in dem ganzen Stück nur zwei Verse zu sprechen. Der Alte ist sehr erzürnt über seine Tochter Bradamante, da sie den Sohn des Kaisers nicht heiraten will, weil sie in Roger verliebt ist; nun sollte der Page sagen:

»Herr, lasst uns da hereingehn, ich fürcht' Ihr möchtet fallen,
Denn Ihr seid eben nicht sehr sicher auf den Füssen.«

Der dumme Page, ob er gleich nur zwei Verse herzusagen hatte, konnte sie doch nicht unverdorben herausbringen und sagte sehr ungeschickt und am ganzen Leibe zitternd:

»Herr, lasst uns da hereingehn, ich fürchte Ihr möchtet fallen,
Denn Ihr seid eben nicht sehr sicher auf Euren Schenkeln.«

Dieser elende Vers fiel allen auf. Der Schauspieler des Aymon fing laut zu lachen an und konnte nun nicht mehr einen zornigen Alten vorstellen. Die ganze Versammlung lachte ebenso stark und ich, die ich den Kopf durch die Kulissen gesteckt hatte, um mich umzusehen und mich sehen zu lassen, glaubte ich sollte vor Lachen hinfallen. Der Herr des Hauses, der ein Melancholicus war und selten lachte, fand doch bei dem Fehler seines Pagen so viel lächerliches, dass er sich die grösste Gewalt antun musste, um noch ein wenig ernsthaft zu bleiben, aber schliesslich musste er so gut wie die anderen lachen, und seine Leute gestanden uns, dass sie ihn nie so sehr hatten lachen gesehen. Da er nun in der Gegend im grössten Ansehn stand, so war niemand in der Gesellschaft, der entweder aus Gefälligkeit oder aus wahrem Ernst nicht mit ihm lachte. Ich befürchte aber, schloss die Caverne, dass ich es hierin mache wie jene die sagen: ›Ich will Euch eine Geschichte erzählen, worüber Ihr Euch tot lachen sollt‹, und die nachher ihr Wort nicht halten, denn ich muss gestehen, dass ich Euch von der Geschichte des Pagens zu viel Aufhebens gemacht habe.« – »Nein,« sagte l'Etoile, »ich habe sie so gefunden wie Ihr mir es vorhergesagt habt; ich gebe wohl zu, dass die Sache denen, die sie mit angesehen haben, lächerlicher geschienen haben mag als andern, die sie erzählen hören, weil die schlechte Aktion des Pagen sie noch vollends lächerlich machen musste, ausserdem kann Zeit, Ort und der Hang den wir haben, mit andern zu lachen, vieles beigetragen haben, um die Sache damals viel lächerlicher zu machen als sie jetzt ist.« La Caverne entschuldigte sich also nicht länger wegen ihrer Erzählung und fuhr in ihrer Geschichte fort. »Nachdem nun Akteure und Zuschauer aus vollem Halse gelacht hatten, befahl der Baron von Sigognac, dass sein Page nochmals auf dem Theater erscheinen solle, entweder um seinen Fehler zu verbessern, oder um die Gesellschaft noch einmal lachen zu machen. Aber der Page, der ein grober ungeschliffener Mensch war, wollte es nicht tun, so sehr es ihm auch sein strenger Herr befahl. Er nahm die Sache so wie er sie nach seinem Charakter nehmen konnte, nämlich sehr übel, und sein Missvergnügen, welches, wenn er vernünftig war, nur kurz sein konnte, verursachte uns nachher das allergrösste Unglück, das uns nur begegnen konnte. Unsere Komödie fand bei allen Zuschauern den grössten Beifall. Das Possenspiel belustigte sie noch mehr als die Tragödie, wie es denn aller Orten so zu geschehen pflegt, ausgenommen zu Paris. Der Baron von Sigognac und andere Edelleute fanden so viel Vergnügen daran, dass sie uns nochmals wollten spielen sehen. Jeder Edelmann unterzeichnete nach seiner Freigebigkeit etwas für die Komödianten, und der Baron unterschrieb sich um den andern ein Beispiel zu geben zu allererst, und die Vorstellung wurde auf den ersten Feiertag festgesetzt. Wir spielten so einen ganzen Monat vor dem Adel von Périgord und wurden wechselweise von den Herren und Damen bewirtet, die Truppe erhielt sogar einige halbgetragene Kleider. Der Baron liess uns an seinem Tisch speisen, und die Leute warteten uns mit Vergnügen auf und sagten uns öfters, dass sie uns die gute Laune ihres Herrn zu danken hätten, den sie, seitdem wir Komödie spielten, ganz verändert fanden. Bloss jener Page betrachtete uns als Leute, die ihm seine Ehre geraubt hätten, und der Vers, den er verhunzt hatte und den ihm alle Bedienten des Hauses bis auf den Küchenjungen stündlich vorsagten, war ihm jedesmal ein Dolchstich, weswegen er an einem von unserer Gesellschaft zu rächen sich vornahm. Als eines Tages der Baron von Sigognac seine Nachbarn und Bauern versammelt hatte, um das Land von einer Menge Wölfe zu säubern, zog auch mein Vater und seine Kameraden, jeder mit einer Flinte wie alle andern Bedienten des Barons hinaus. Der schlechte Page ging auch mit, und da er nun glaubte Gelegenheit gefunden zu haben, sein Vorhaben gegen uns auszuführen, so sah er meinen Vater und seine Kameraden, die sich von den andern abgesondert hatten und einander Pulver und Blei gaben, kaum allein, als er seine Flinte hinter einem Baum losschoss und meinem unglücklichen Vater zwei Kugeln in den Leib jagte. Seine Kameraden, die Mühe hatten, ihn aufrecht zu erhalten, dachten nicht gleich daran, dem Mörder nachzulaufen, der sich fortmachte und aus dem Lande ging. Zwei Tage darauf starb mein Vater an seiner Wunde; meine Mutter glaubte vor Kummer zu vergehen und wurde aufs neue krank, und ich war darüber so traurig wie ein Mädchen von meinem Alter es sein konnte. Da die Krankheit meiner Mutter langwierig wurde, nahmen die Komödianten und die Komödiantinnen unserer Truppe von dem Baron von Sigognac Abschied und gingen weiter, um bei einer andern Gesellschaft anzukommen. Meine Mutter war länger als zwei Monate krank und empfing von dem Baron von Sigognac so viele Beweise der Grossmut und Güte, wie sie mit dem Ruf, den er als einer der grössten Tyrannen im Lande hatte, gar nicht übereinstimmten. Seine Bedienten, die nicht gewohnt waren, ihn höflich und menschlich zu sehen, erstaunten, als sie sahen, dass er uns mit solcher Lebensart begegnete. Man hätte glauben sollen, dass er in meine Mutter verliebt wäre; allein er sprach fast gar nicht mit ihr und kam niemals in unser Zimmer, wo er uns seit meines Vaters Tod immer allein zu essen geben liess. Er schickte zwar oft und liess sich nach dem Befinden meiner Mutter erkundigen, man sprach jedoch im ganzen Lande davon, wie wir es nachher erfahren haben. Da nun meine Mutter bescheidenerweise nicht länger in dem Hause des Barons bleiben konnte, dachte sie an ihre Abreise und war entschlossen, zu ihrem Vater nach Marseille zurückzukehren. Sie meldete es also dem Baron Sigognac, dankte ihm für alle Wohltaten, die er uns erwiesen hatte, und bat ihn, uns noch die Gefälligkeit zu erzeigen, ihr und mir einen Wagen bis zu einer bestimmten Stadt zu verschaffen, nebst einem Karren für unser kleines Gepäck, welches sie dem ersten besten Händler überlassen wolle, so wenig sie auch dafür erhalten möchte. Der Baron erstaunte über den Entschluss meiner Mutter, und sie erstaunte nicht weniger, als sie weder Einwilligung noch Weigerung von ihm erhalten konnte. Den andern Tag kam ein Pfarrer von einer Pfarrei, die dem Baron gehörte, zu uns in das Zimmer. Er war von seiner Nichte begleitet, einer angenehmen und artigen Person, mit der ich bald Bekanntschaft schloss. Wir liessen ihren Onkel und meine Mutter allein, und gingen im Schlossgarten spazieren. Der Pfarrer sprach lange mit meiner Mutter und verliess sie erst zur Zeit des Abendessens. Ich fand sie sehr nachdenklich und fragte sie ein paarmal, was ihr fehle, ohne dass ich Antwort bekam. Ich sah, dass sie weinte, und ich weinte mit. Endlich, nachdem sie mich die Türe verschliessen geheissen, sagte sie mir noch stärker weinend als zuvor, der Pfarrer hätte ihr gesagt, dass der Baron von Sigognac sterblich in sie verliebt sei und ihm versichert hätte, dass er sie so sehr schätze, dass er es niemals gewagt habe, ihr seine Liebe zu entdecken oder durch andere mitteilen zu lassen, wenn er ihr nicht zugleich seine Hand als Gemahl anbieten könnte. Als sie aufhörte zu reden, wollte sie vor Seufzen und Weinen bald ersticken; ich fragte sie noch einmal, was ihr fehle. »Wie?« sagte sie, »hab ich dir nicht genug gesagt, um dich zu überzeugen, dass ich die unglücklichste Person von der Welt bin?« Ich antwortete, dass es eben für eine Schauspielerin kein so grosses Unglück sei, eine Frau Baronin zu werden. »Ach, arme Kleine, du sprichst wohl recht wie ein junges unerfahrenes Ding. Wenn er nun diesen guten Pfarrer hintergeht, damit der mich wieder hintergehen soll? Und wenn es nicht sein Ernst ist, mich zu heiraten, was für Gewalttätigkeiten habe ich nicht alsdann von einem Manne zu erwarten, der ganz ein Sklave seiner Leidenschaften ist? Und wenn er mich wirklich heiraten will, und ich einwillige, was für eine unglückliche Person werde ich alsdann sein, wenn er seinen Sinn ändern sollte? Und wie sehr muss er mich hassen, wenn er einst bereut, mich geliebt zu haben? Nein, meine Tochter, das Glück läuft einem nicht nach, so wie du glaubst, sondern ein schreckliches Unglück, das mich um meinen ersten Mann gebracht hat, den ich liebte und der mich wieder liebte, will mir nun einen mit Gewalt aufdrängen, der mich vielleicht hassen wird und mich zwingen wird, ihn wieder zu hassen.« Ihr Schmerz, der mir damals ganz unvernünftig schien, wurde so, dass ich glaubte, sie würde an ihm ersticken; ich kleidete sie aus und tröstete sie so gut ich konnte, brachte, um ihr ihre Traurigkeit zu nehmen, alle Gründe vor, deren ein Mädchen von meinen Jahren nur fähig war. Ich vergass nicht, ihr zu sagen, dass die Gefälligkeit und die Achtung, die der unhöflichste Mann von der Welt uns zeigte, mir von guter Vorbedeutung schien, besonders aber seine Furchtsamkeit, seine Leidenschaft einer Person nicht zu erklären, deren Stand eben nicht viel Achtung geniesst. Meine Mutter liess mich reden was ich wollte und legte sich sehr traurig zu Bett und weinte die ganze Nacht. Ich wollte dem Schlaf widerstehen, allein ich musste ihm nachgeben und schlief hernach so gut als meine Mutter wenig schlief. Sie stand sehr früh auf und als ich erwachte, fand ich sie angekleidet und ziemlich ruhig. Ich war begierig zu wissen, was sie für einen Entschluss gefasst hätte; denn die Wahrheit zu gestehen, so schmeichelte sich meine Einbildung mit der künftigen Grösse, zu welcher ich meine Mutter erhoben zu sehen hoffte, wenn der Baron von Sigognac aufrichtig redete und meine Mutter ihm das bewilligen wollte, was er verlangte. Der Gedanke, meine Mutter Frau Baronin nennen zu hören, war mir ausserordentlich angenehm, und nach und nach kam der Ehrgeiz in meinen kleinen Kopf.« La Caverne erzählte solchergestalt ihre Geschichte und die Etoile hörte ihr aufmerksam zu, als sie auf einmal in ihrem Zimmer jemanden gehen hörten; dies befremdete sie um so mehr, weil sie gewiss waren, dass sie die Tür verschlossen hatten. Unterdessen hörten sie immerfort gehen. Sie fragten wer da wäre. Man antwortete ihnen nicht, und einige Augenblicke nachher sah die Caverne unten an dem Bett, das keine Vorhänge hatte, die Gestalt eines Menschen, den sie seufzen hörte und der sich auf das Bett stützte und ihr die Füsse etwas drückte. Sie richtete sich auf, um das näher zu besehen, vor dem sie sich nun anfing zu fürchten; und war entschlossen es anzureden; als sie aber den Kopf aufrichtete und im Zimmer herumschaute, sah sie nichts mehr. Öfters vertreibt die geringste Gesellschaft die Furcht, allein manchmal wird sie auch dadurch, dass sie geteilt ist, gar nicht verringert. Die Caverne erschrak, dass sie nichts gesehen hatte und die Etoile erschrak darüber, dass die Caverne erschrocken war. Sie verkrochen sich in das Bett, umfassten einander und fürchteten sich beide so sehr, dass sie kaum zu reden wagten. Endlich sagte die Caverne, es wäre ihre verstorbene Tochter, die gekommen wäre und bei ihr geseufzt hätte. L'Etoile wollte ihr eben antworten, als sie wieder in dem Zimmer gehen hörten. Sie verkroch sich noch tiefer in das Bett und die Caverne, die durch den Gedanken, dass es der Geist ihrer Tochter sei, beherzter geworden war, richtete sich abermals im Bette auf, und da sie dieselbe Gestalt wieder sah und seufzen hörte, stand sie auf, streckte die Hand danach aus und fühlte etwas Haariges – worauf sie einen grossen Schrei tat und rücklings auf das Bett hinfiel. Zu eben der Zeit hörten sie in ihrem Zimmer bellen, so als wenn ein Hund in der Nacht über etwas erschrickt. Die Caverne war wieder so beherzt, um zu sehen, was es wäre, und erblickte einen grossen Windhund, der sie anbellte. Sie drohte ihm mit starker Stimme und er lief bellend in eine Ecke des Zimmers hin, wo er verschwand. Die beherzte Schauspielerin stand aus dem Bett auf und entdeckte beim Mondschein, der durch das Fenster hereinkam, eine kleine Türe in der Ecke des Zimmers, wo das Gespenst verschwunden war; die Türe führte auf eine verborgene Treppe. Sie konnte also leicht begreifen, dass es nichts anderes gewesen war als ein Windhund aus dem Hause, der auf diesem Weg in ihr Zimmer gekommen war. Er war vermutlich willens gewesen, sich auf ihr Bett zu legen, und da er es ohne die Erlaubnis derer, die darin lagen, nicht tun wollte, so hatte er wie eben ein Hund gewinselt und sich mit den Vorderpfoten auf das Bett gestützt; so oft aber die Caverne sich aufrichtete, hatte er sich unter dem Bett versteckt. Die Etoile wollte es lange nicht glauben, dass es kein Geist wäre, und die Caverne hatte Mühe, sie zu überzeugen, dass es ein Windspiel gewesen war. So betrübt sie auch war, so zog sie ihre Freundin doch mit ihrer Furchtsamkeit auf und verschob das Ende ihrer Geschichte auf eine andere Zeit, wo ihnen der Schlaf nicht so nötig sein würde wie jetzt. Der Tag fing schon an zu grauen als sie einschliefen. Sie standen morgens um zehn Uhr auf, wie man eben kam, um ihnen zu sagen, dass der Wagen, der sie nach Mans zurückführen sollte, bereit sei, abzufahren, sobald sie wollten.

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