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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel. Einige Anmerkungen, welche hier am rechten Ort stehen. Neuer Unfall Ragotins und andere Sachen, nach Belieben zu lesen

Die Liebe, welche die Jugend antreibt, alles zu wagen und das Alter alles zu vergessen, die auch die Ursache des Trojanischen Krieges war und von vielem andern, auf das ich mich gerade nicht besinnen kann, wollte nun in der Stadt Mans ein Beispiel geben, dass sie in einer schlechten Schenke ebenso mächtig ist wie an jedem andern Ort. Sie begnügte sich nicht mit Ragotin allein. Dieser war bis zum Sterben verliebt, und flösste dadurch dem la Rappinière hunderterlei unordentliche Begierden ein, wozu der an und für sich schon geneigt war; ferner verliebte sich Roquebrune in die Frau des Operateurs; er setzte dadurch seiner Eitelkeit, Prahlsucht und Phantasterei noch eine vierte Torheit hinzu, oder liess ihn vielmehr eine doppelte Untreue begehen. Denn vorher hatte er der Etoile und Angelique Liebeserklärungen gemacht, welche beide ihm abgeraten hatten sich die Mühe zu nehmen. Aber selbst das ist noch nichts gegen das was jetzt kommt. Die Liebe triumphierte sogar über die Unempfindlichkeit und die Menschenfeindschaft des la Rancune, der gleichfalls in die Frau des Operateurs sich verliebte, und so ein Nebenbuhler des Dichters Roquebrune wurde, zur Strafe für alle dessen Sünden und Busse für alle die elenden Bücher, die er ans Licht gestellt hatte. Diese Operateursfrau nannte sich Donna Inezilla del Prado, gebürtig von Malaga, und ihr Mann, oder der sich so vorstellte, Herr Ferdinando Fernandi, venezianischer Edelmann, gebürtig von Caen in der Normandie. In der Schenke waren noch verschiedene andere Personen, die an dem gleichen Übel krank waren, und deren Krankheit ebenso gefährlich war als die derer, von denen ich eben gesprochen habe: wir werden sie bei Zeit und Gelegenheit auftreten lassen. La Rappinière verliebte sich in Mademoiselle de l'Etoile, als er sie die Chimene spielen sah, und entschloss sich zugleich, seine Liebe dem la Rancune anzuvertrauen, von dem er für Geld alles zu erhalten hoffte. Der bezauberte Roquebrune hatte sich die Eroberung einer Spanierin vorgenommen, was seines Mutes würdig war. Was den la Rancune betrifft, so weiss ich nicht, durch welche Reize diese Fremde einen Mann einnehmen konnte, dem die ganze Welt verhasst war. Dieser alte, noch kurz vor seinem Tode verliebte Komödiant lag noch im Bett, als Ragotin von seiner Liebe wie von einen Durchfall getrieben zu ihm kam und ihn bat, sich seiner Sache anzunehmen und sich seiner zu erbarmen. La Rancune versprach ihm, dass er ihm noch vor Abend einen wichtigen Dienst bei seiner Geliebten leisten wollte. Zu gleicher Zeit trat la Rappinière in das Zimmer zu la Rancune, der sich eben angekleidet hatte, nahm ihn beiseite, gestand ihm seinen Zustand und sagte ihm gleichzeitig, dass, wenn er ihn bei Mademoiselle de l'Etoile in Gunst setzen wollte, so sollte er alles von ihm erwarten, was nur in seiner Macht stünde: einen Dienst als Gensdarm und seine Nichte, die seine einzige Erbin war, weil er keine Kinder hatte. Der Schelm versprach ihm noch mehr als dem Ragotin, worauf dieser Vorläufer des Henkers keine geringe Hoffnung setzte. Roquebrune kam nun auch um das Orakel zu befragen; er war der eingebildetste Narr, der jemals von den Ufern der Garonne hergekommen war, und bildete sich ein, dass man alles das glaubte, was er von seinem schönen Haus, Reichtum, Vermögen und Tapferkeit sagte; er war deshalb durch die schrecklichen Reden und Beleidigungen des la Rancune niemals beleidigt. Er glaubte, dass er es bloss täte, um die Unterhaltung zu verlängern, ausserdem verstand er Spass besser als jemand und duldete ihn als einen Philosophen, wenn er auch gleich etwas bitter wurde. Er glaubte also, dass alle Komödianten ihn bewunderten, vorzüglich la Rancune, der Erfahrung genug hatte, um gerade gar nichts zu bewundern, und der weit entfernt eine gute Meinung von diesem Schmierer zu haben, sich im Gegenteil genau nach seinen Umständen erkundigt hatte, um zu erfahren, ob die Bischöfe und Grossen eines Landes, die er alle Augenblicke als seine Verwandten aufführte, wirklich zu dem Stammbaum gehörten, welchen dieser Narr auf altes Pergament gekritzelt hatte. Es war ihm sehr unangenehm, Rancune in Gesellschaft anzutreffen, obgleich ihn das weniger in Verlegenheit bringen konnte als jeden andern, da er die üble Gewohnheit hatte, jedem ins Ohr zu flüstern und aus gar nichts ein Geheimnis zu machen. Er nahm also den la Rancune beiseite und sagte ihm schnell, dass er wissen müsse ob die Frau des Operateurs auch Geist hätte, denn bisher hätte er Frauenzimmer von allen Nationen geliebt, nur eine Spanierin nicht, und wenn sie der Mühe wert wäre, so sollte ihn ein Geschenk von hundert Pistolen nicht arm machen. La Rancune sagte ihm, dass er die Donna Inezilla nicht genug kenne, um ihm für ihren Geist Bürge zu leisten; er hätte ihren Mann in den besten Städten Deutschlands getroffen, wo er Mitridat verkaufte; und damit er erführe, was er gerne wissen wollte, brauche er nur mit ihr eine Unterhaltung anzufangen, was desto leichter sei, weil sie ziemlich gut französisch spräche. Roquebrune wollte ihm darauf seinen pergamentenen Stammbaum anvertrauen, dass er damit nach spanischer Art den Glanz seines Hauses anpreise; allein la Rancune meinte, dass es besser wäre, Malteserritter damit zu werden als sich dadurch bei einem Frauenzimmer in Gunst zu setzen. Roquebrune machte darauf die Bewegung eines der Geld in die Hand zählt, und sagte zu la Rancune: »Ihr wisst wohl, was ich für ein Mann bin.« – »Ja, ja,« antwortete la Rancune, »ich weiss wohl, was Ihr für ein Mann seid, und was Ihr Euer ganzes Leben lang für ein Mann bleiben werdet.« Der Poet ging nun wieder seiner Wege, und la Rancune, sein Vertrauter und Nebenbuhler, trat wieder zu la Rappinière und Ragotin, welche ebenfalls, ohne es zu wissen, Nebenbuhler waren. Was den alten la Rancune betrifft (man hasst zudem alle diejenigen gern, welche auf etwas Anspruch machen, das man für sich bestimmt hat), so hatte er eine solche Abneigung gegen den Poeten, dass sie durch dessen Vertrauen nicht vermindert wurde; er entschloss sich sofort, ihm alle erdenklichen Streiche zu spielen, zu welchem Geschäft er wegen seines Affengemütes sehr geschickt war. Um keine Zeit zu verlieren, borgte er noch an demselben Tage Geld von ihm und kleidete sich von Fuss bis zu Kopf ganz neu und legte weisse Wäsche an. Er war sein ganzes Leben lang ein Schwein gewesen; allein die Liebe, welche noch grössere Wunder tut, machte ihn am Ende seiner Tage auf seine Person aufmerksam. Er legte nun öfter weisse Wäsche an als einem alten Provinzkomödianten zukommt und fing an sich den Bart so oft zu färben und rasieren, dass selbst seine Kameraden aufmerksam wurden. An diesem Tage wurden die Komödianten eingeladen bei einem der reichsten Bürger der Stadt zu spielen, der ein grosses Fest mit Ball bei der Hochzeit einer seiner Verwandten gab, deren Vormund er war. Man versammelte sich in einem sehr schönen Hause eine Stunde weit von der Stadt; der Theatermaler und der Tischler waren schon des Morgens früh hinausgegangen um ein Theater aufzuschlagen. Die ganze Truppe fuhr gegen elf Uhr in zwei Kutschen hinaus, damit sie um Mittag dort sein konnte. Die Spanierin Donna Inezilla fuhr auf Bitten der Komödianten und des la Rancune mit. Ragotin, der Nachricht davon erhielt, erwartete die Kutschen in einer Schenke am Ende der Vorstadt, und band ein schönes Pferd, das er gemietet hatte, an das Gitter eines Fensters an, das auf die Strasse ging. Kaum hatte er sich niedergesetzt, als man ihm sagte, dass die Kutschen heran kämen. Er flog mit den Flügeln der Liebe auf sein Pferd, mit einem grossen Degen an der Seite und einem Karabiner im Achselband. Er hat es niemals gestehen wollen, warum er mit so vielen Verteidigungswaffen zu einer Hochzeit ging, und selbst sein Vertrauter la Rancune hat es nie erfahren können. Als er den Zaum seines Pferdes losgemacht hatte, da waren die Kutschen schon so nahe, dass er kaum mehr Zeit hatte, sich ordentlich aufzusetzen. Da er auch kein grosser Reiter war und in der Kunst sich vor andern zu zeigen sich nicht geübt hatte, so stellte er sich sehr ungeschickt dabei an, zudem das Pferd so hoch wie er kurz war. Er stieg jedoch mutig in den Steigbügel und schlug das rechte Bein tapfer über den Sattel, dessen Riemen nicht fest waren; dieses schadete unserm kleinen Mann sehr, denn sobald er niedersitzen wollte, drehte sich der ganze Sattel auf dem Pferd. Bis hierher war noch alles gut gegangen, allein der böse Karabiner, den er in dem Achselband hatte, das ihm wie ein Halsband um den Hals hing, kam, ohne dass er es merkte, unglücklicherweise zwischen seine Beine, so dass er gar nicht auf den Sattel zu sitzen kam, da der Karabiner vom Sattelknopf bis an das Hinterteil des Pferdes reichte. Er hatte also einen üblen Sitz und konnte die Steigbügel kaum mit den Fussspitzen erreichen; die Sporen, die er an seinen kurzen Beinen hatte, stachen das Pferd an einem Ort, wo es nicht gewohnt war den Sporn zu fühlen; es fing an geschwinder zu laufen als es für einen kleinen Menschen gut war, der auf einem Karabiner sass. Er drückte die Beine fest an, das Pferd sprang nach hinten in die Höhe und Ragotin, der den Gesetzen der Bewegung aller Körper folgte, kam auf den Hals des Pferdes zu sitzen und zerstiess sich dort die Nase, weil das Pferd, das er unvorsichtigerweise scharf anzog, den Kopf in die Höhe warf; nun dachte er seinen Fehler zu verbessern und liess es den Zügel fassen, worauf das Pferd einen Sprung tat, der den Reiter über den Sattel weg und wieder auf das Hinterteil warf, immer mit dem Karabiner zwischen den Beinen. Das Pferd war nicht gewohnt hinten etwas zu tragen, schlug hinten aus und warf Ragotin wieder in den Sattel. Der jämmerliche Reiter drückte nun die Beine noch fester an und das Pferd schlug noch höher nach hinten aus, und nun kam der Unglückliche gerade auf den Sattelknopf zu sitzen, wo wir ihn nun wie auf einem Pfahl sitzen lassen wollen, damit ich ein wenig ausruhen kann: denn diese Beschreibung hat mich auf meine Ehre mehr Mühe gekostet als das ganze übrige Buch, und dennoch bin ich nicht recht damit zufrieden.

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