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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel. Fortsetzung der Geschichte Destins und der Etoile

Das vorige Kapitel war etwas kurz, das jetzige wird etwas länger werden: ich weiss es zwar noch nicht bestimmt, doch wir wollen sehen. Destin setzte sich also auf seinen gewöhnlichen Platz und fuhr mit seiner Geschichte fort: »Ich will euch nun so kurz wie möglich ein Leben vollends erzählen, das euch schon gewiss zu lange gedauert hat. Da Verville, wie ich schon sagte, mich nicht bewegen konnte zu seinem Vater zurückzukehren, so verliess er mich sehr traurig und ging nach Hause, wo er sich einige Zeit später mit Fräulein von Saldagne und Saint-Far mit Mademoiselle de Lery verheiratete. Letztere war so klug wie Saint-Far unklug, und ich kann mir nicht vorstellen, dass zwei so verschiedene Naturen glücklich geworden sind. Ich wurde unterdessen wieder ganz gesund, und da der grossmütige Herr von Saint-Sauveur meinen Entschluss nach dem Ausland zu reisen billigte, gab er mir Geld zur Reise, und Verville, der mich auch nach seiner Heirat nicht vergass, schenkte mir ein schönes Pferd und hundert Pistolen. Ich nahm den Weg über Lyon nach Italien, mit dem Vorsatz, durch Rom zu reisen, und, nachdem ich Leonore zum letzten Male gesehen, nach Candia zu gehen, um dort im Kriege mit meinem Unglück fertig zu werden. Zu Nevers stieg ich in einem Gasthof ab, der nah am Flusse lag. Da ich früh angekommen war und nicht wusste wie die Zeit bis zum Abendessen durchbringen, ging ich über eine steinerne Brücke spazieren. Zwei Frauenspersonen gingen denselben Weg, von denen die eine krank zu sein schien und sich auf die andere stützte als wenn ihr das Gehen beschwerlich fiele. Ich grüsste sie ohne sie anzusehen als ich vorbeiging, und spazierte eine Zeitlang auf der Brücke und dachte öfters an mein Unglück und noch öfter an meine Liebe. Ich war ziemlich gut gekleidet, wie es sich für einen Menschen ziemt, dessen Stand ein schlechtes Kleid nicht entschuldigen kann. Als ich wieder bei den Damen vorbeiging, hörte ich halblaut sagen: »Ich würde ihn bestimmt dafür halten, wenn er nicht gestorben wäre.« Ich weiss nicht, warum ich mich umschaute, da ich doch kaum Ursache hatte, diese Worte auf mich zu beziehen; und doch waren sie auf mich hin gesagt worden. Ich erkannte Mademoiselle la Boissière mit einem abgezehrten und blassen Gesicht, die sich auf ihre Tochter Leonore stützte. Ich ging gerade auf sie zu und beherzter als damals in Rom. Sie waren so erstaunt und erschrocken, dass ich glaubte, sie wären davongelaufen, wenn Mademoiselle la Boissière hätte laufen können. Ich fragte sie, durch welchen glücklichen Zufall ich wohl die zwei mir liebsten Menschen auf der Welt hier träfe. Mademoiselle la Boissière sagte mir, dass ich mich über ihr Erstaunen nicht wundern werde, wenn ich höre, dass Stephano ihnen einen Brief von einem der Edelleute gezeigt hätte, die ich in Rom begleitete, welcher Brief besagte, dass ich im Krieg vor Parma geblieben wäre. Sie fügte bei, wie erfreut sie sei, eine Nachricht unwahr zu finden, die ihr so nahe gegangen wäre. Ich antwortete, der Tod wäre nicht das grösste Unglück, das mir begegnen könnte, und dass ich jetzt nach Venedig ginge, um eben diese verfrühte Nachricht wahr zu machen. Sie wurden über diesen meinen Entschluss traurig, und die Mutter sagte mir so viel Liebes, dessen Ursache ich nicht ergründen konnte. Endlich erfuhr ich den Grund ihrer Freundlichkeit von ihr selbst: ich konnte ihr noch einige Dienste leisten, und ihre Verhältnisse erlaubten ihr nicht mehr, mich zu verachten und mir ein schiefes Gesicht zu machen, wie sie es in Rom getan hatte. Es war ihnen ein grosses Unglück passiert, was sie sehr niederdrückte. Nachdem sie alle ihre schönen Möbel zu Geld gemacht hatten, waren sie mit einer französischen Magd, die schon lange in ihrem Dienste gewesen war, von Rom weggereist, und Signor Stephano hatte ihnen seinen Bedienten mitgegeben, der ebenso wie er aus Flandern war und dahin zurückkehren wollte. Dieser Bediente und die Magd liebten sich und wollten heiraten, ohne dass jemand etwas davon gewusst hatte. Als Mademoiselle la Boissière in Rouen angekommen war, reiste sie zu Wasser weiter und kam nach Nevers, wo sie erkrankte und nicht weiter konnte. Während ihrer Krankheit war sie schlecht zu pflegen und ihre Magd tat dies auch wider Erwarten sehr schlecht. Eines Morgens waren der Bediente und die Magd verschwunden; aber das Schlimmste war, dass auch das Geld der Mademoiselle la Boissière mit ihnen verschwunden war. Der Kummer darüber verschlimmerte noch ihre Krankheit, und sie war genötigt, in Nevers zu bleiben und Nachrichten und Mittel von Paris zu erwarten, die ihr erlaubten, die Reise fortzusetzen. Mit wenig Worten erzählte mir Mademoiselle la Boissière diese schlimme Geschichte. Ich führte sie in ihren Gasthof, der auch der meine war, liess sie dort allein speisen und zog mich auf mein Zimmer zurück. Ich konnte nichts essen; ich fühlte mich vollauf satt, als wäre ich stundenlang bei Tisch gesessen. Ich ging wieder zu den Damen, sobald sie mir sagen liessen, dass ich ihnen angenehm wäre. Ich fand die Mutter im Bett, und die Tochter kam mir mit ebenso trauriger Miene entgegen als sie vorher heiter war; ihre Mutter war möglichst noch trauriger und so wurde ich es auch. Schliesslich zeigten sie mir einen Brief aus Paris, der die beiden ganz unglücklich machte. Sie erzählte mir die Ursache ihrer Traurigkeit unter Tränen und ihre Tochter weinte so heftig mit und rührte mich so stark, dass ich ihnen mein Beileid nicht genug ausdrücken konnte, obwohl ich ihnen alles anbot was ich an Vermögen hatte, und dies auf eine Art, die sie von meiner Aufrichtigkeit überzeugen konnte. »Ich weiss noch nicht, was Sie so sehr betrübt,« sagte ich, »wenn aber mein Leben nötig ist, Ihren Kummer zu lindern, so mögen Sie sich beruhigen. Sagen sie mir also, was ich tun soll, Madame. Ich habe Geld, wenn Sie welches brauchen, und Mut, wenn Sie Feinde haben, und verlange für meine Dienste nichts weiter als die Genugtuung Ihnen geholfen zu haben.« Sie fassten sich ein wenig. Die Mutter las mir darauf einen Brief vor, in welchem eine ihrer Freundinnen ihr berichtete, dass eine Person, die sie mir nicht nannte und die ich als Leonorens Vater vermutete, Befehl erhalten habe, sich von Hof zu entfernen, und dass sie darauf nach Holland gegangen wäre. Die arme Dame war also in einem fremden Lande verlassen, ohne Geld und ohne Hoffnung, welches zu bekommen. Ich bot ihr neuerlich an was ich hatte, und das sich auf fünfhundert Taler belaufen mochte, und sagte ihr, dass ich sie bis Holland, und wenn sie wolle bis ans Ende der Welt begleiten wolle, und dass sie an mir einen Menschen fände, der sie wie ein Diener bedienen und zugleich wie ein Sohn lieben und verehren würde. Ich wurde über und über rot als ich das Wort Sohn aussprach. Und jetzt war ich nicht mehr der lästige Mensch wie damals in Rom, für den Leonore unsichtbar war und dem man die Türe versagte; und Mademoiselle la Boissière war keine strenge Mutter mehr. Auf alle meine Anerbietungen antwortete sie nur, dass Leonore mir sehr verbunden dafür wäre: alles ging nun auf Leonorens Namen, und man hätte glauben können, ihre Mutter wäre bloss eine Magd, die für ihre Herrschaft redet. Es ist eine Wahrheit, dass die meisten Menschen andere nur nach dem Nutzen beurteilen, den sie aus ihnen ziehen können. Ich verliess sie nun sehr beruhigt und ging zufrieden auf mein Zimmer. Ich verbrachte die Nacht, wenn auch wachend, doch sehr vergnügt, und stand spät auf, weil ich erst gegen Morgen eingeschlafen war. Leonore schien mir besser gekleidet zu sein als den Tag zuvor, und sie musste merken, dass auch ich mich nicht vernachlässigt hatte. Ich führte sie allein zur Messe, da ihre Mutter sich wohl zu schwach fühlte. Wir assen zusammen und bildeten von diesem Tage an eine Familie. Mademoiselle la Boissière zeigte mir viel Dankbarkeit für die Dienste, die ich ihr leistete und wiederholte, dass sie nicht undankbar sterben würde. Ich verkaufte mein Pferd, und sobald die Kranke etwas besser war, mieteten wir ein Fahrzeug und fuhren nach Orleans hinunter. Während wir auf dem Wasser waren, genoss ich Leonorens Gesellschaft, ohne dass diese Glückseligkeit durch ihre Mutter gestört wurde. Ich fand bei diesem schönen Mädchen sehr viel Verstand, und auch ihr missfiel der meinige nicht, an dem sie in Rom wohl zweifeln musste. Was soll ich noch mehr sagen? Sie liebte mich endlich ebenso stark wie ich sie, und seit der Zeit unseres Zusammenseins hat sich diese Liebe nicht vermindert, wie ihr bemerken könnt.« – »Wie?« unterbrach ihn Angelique, »Mademoiselle de l'Etoile ist also Leonore?« – »Und wer sonst?« antwortete Destin. Mademoiselle de l'Etoile nahm das Wort und sagte, dass ihre Freundin mit Recht zweifle, ob sie die Leonore wäre, von der Destin ein so schönes Gemälde entworfen hätte. »Nicht deswegen,« antwortete Angelique, »sondern weil man selten ein Glück erreicht, das man so sehr verlangt.« Mademoiselle la Caverne sagte, sie hätte nie daran gezweifelt, und wollte, dass Destin seine Geschichte zu Ende erzähle, was er denn auch folgendermassen tat: »Wir kamen nach Orleans, wo unser Einzug komisch genug war. Ein Haufen Müssiggänger, die immer am Hafen diejenigen erwarten, die zu Wasser ankommen, um ihr Gepäck zu tragen, stürzten sich alle auf einmal in unser Fahrzeug; wenigstens ihrer dreissig wollten zwei bis drei kleine Gepäckstücke tragen, die der Schwächste unter ihnen allein unter dem Arm forttragen konnte. Achte von ihnen nahmen ein Köfferchen, das keine zwanzig Pfund wog, und taten, als wenn es sehr schwer vom Boden aufzuheben wäre; endlich hielten sie es über ihren Köpfen und jeder trug es nur mit einem Finger. Alles was auf der Brücke stand, fing an zu lachen, und wir mussten mitlachen; ich war jedoch rot vor Wut, dass ich in dem Aufzug durch die ganze Stadt sollte. Unser übriges Gepäck, das ein einziger Mann allein hätte tragen können, beschäftigte wenigstens zwanzig; meine Pistolen trugen vier Mann. Wir zogen nun in folgender Ordnung durch die Stadt: Acht besoffene Kerle trugen in ihrer Mitte ein kleines Kästchen, wie ich schon sagte, darauf kamen meine Pistolen, jede von je zwei Mann getragen; unmittelbar darauf folgte Mademoiselle la Boissière, die ebenso ärgerlich war wie ich; sie sass auf einem grossen Strohsessel, der auf zwei Ruderstangen stand, von vier Mann getragen, die sich abwechselten, und die ihr im Gehen tausenderlei Grobheiten sagten. Der Rest unseres Gepäcks folgte nach: es bestand aus einem kleinen Felleisen und einem Paket in Wachstuch, das sechs bis acht dieser Schlingel während des Weges wie beim Ballspielen einander zuwarfen; ich beschloss diesen Triumphzug mit Leonore an der Hand, die so sehr darüber lachte, dass ich auch wider meinen Willen mich an diesem Unfug belustigte. Alle Vorübergehenden blieben auf den Strassen stehen und der Lärm lockte die Menschen an die Fenster. Endlich kamen wir in die Vorstadt, die der Pariser Seite zu liegt, mit einem ganzen Trupp Gesindel an und stiegen im Gasthaus Zum Kaiser ab. Ich liess meine Damen in ein unteres Zimmer treten und drohte darauf den Kerls so energisch, dass sie mit dem Wenigen, das ich ihnen gab, zufrieden waren, um so mehr da auch der Wirt und die Wirtin mit ihnen darüber zankten. Mademoiselle la Boissière hatte die Freude wieder Geld zu haben mehr als alles andere wieder gesund gemacht, und war nun stark genug die Kutsche zu vertragen. Wir mieteten also drei Plätze in der, die andern Tags abging und kamen in zwei Tagen glücklich nach Paris. Als ich an dem Hause, wo die Kutsche hielt, abstieg, machte ich die Bekanntschaft des Rancune, der ebenfalls von Orleans gekommen und in dem Begleitwagen der Kutsche war. Als er hörte, dass ich nach dem Gasthaus fragte, wo die Kutsche von Calais einkehrte, sagte er, dass er eben auch dahin gehen wollte, und dass, wenn wir kein bestelltes Logis hätten, er uns zu einer Frau führen wolle, die er kenne, und die möblierte Zimmer zu vermieten hätte, wo wir bequem wohnen würden. Wir glaubten ihm und fanden es ganz gut. Die Frau war die Witwe eines Mannes, der sein Leben lang bald Türsteher, bald Dekorateur bei einer Theatergesellschaft gewesen war, und der selbst einmal versucht hatte zu spielen, was ihm aber nicht gelang. Da er bei der Komödie sich etwas erspart hatte, fing er an möblierte Zimmer zu vermieten und Kostgänger anzunehmen und lebte so ziemlich behaglich. Wir mieteten zwei bequeme Zimmer. Mademoiselle la Boissière wurden die schlimmen Nachrichten bestätigt, und noch andere, die ich nicht erfahren habe, kamen dazu; davon wurde sie neuerdings krank. Dies verhinderte unsere Abreise nach Holland, wo ich sie hinbringen wollte. La Rancune, welcher zu einer Komödientruppe gehen wollte, war so gut, auf uns zu warten, nachdem ich ihm versprochen hatte, dass ich ihn freihalten wollte. Mademoiselle la Boissière wurde öfters von einer Freundin besucht, die gleichzeitig mit ihr bei der Gemahlin des Gesandten in Rom als Kammerfrau gedient hatte, und die ihre Vertraute war damals als sie von Leonorens Vater geliebt wurde. Von dieser hatte sie die Entfernung des unehelichen Gemahls erfahren und wir bekamen während unseres Aufenthaltes in Paris manche Gefälligkeiten von ihr erwiesen. Ich ging so selten wie möglich aus, aus Furcht ich möchte von meinen Bekannten erkannt werden; es wurde mir auch nicht schwer, das Zimmer zu hüten, weil ich bei Leonore war. Auf Zureden dieser Frau, von der ich eben sprach, gingen wir eines Tages nach Saint-Cloud, um unserer Kranken Bewegung zu verschaffen. Unsere Wirtin und la Rancune begleiteten uns. Wir mieteten einen Kahn und gingen hierauf in dem schönsten Garten spazieren, assen etwas, und la Rancune führte unsere kleine Gesellschaft wieder zum Kahn zurück, während ich mit der Gastwirtin, einer unbescheidenen Person, herumrechnete, was mich etwas länger aufhielt als ich dachte. Ich machte mich endlich los und lief der Gesellschaft nach. Ich war erstaunt als ich diese schon weit draussen im Fluss sah, wie sie ohne mich nach Paris zurückfuhren. Als ich noch ganz verdutzt am Ufer stand und überlegte, hörte ich von einem Fahrzeug her einen Lärm. Als ich mich näherte sah ich zwei Edelleute, die einen Schiffer durchprügelten, weil er unserm Fahrzeug nicht nachrudern wollte. Ich trat in das Fahrzeug im Augenblick als es vom Ufer abstiess, denn der Schiffer gehorchte den Schlägen. Wie ich schon erstaunt darüber war, dass man mich in Saint-Cloud allein zurücklassen wollte, war ich es noch mehr, als ich in dem Menschen, der diese Gewaltsamkeiten beging, Saldagne erkannte, dem ich schon so viel Unglück verdankte. Im selben Augenblick ging ich ans andere Ende des Fahrzeuges, überlegend, was tun. Erst verbarg ich ihm mein Gesicht; da ich aber so nahe war, dass er mich notwendigerweise erkennen musste, ich aber keinen Degen bei mir hatte, so fasste ich einen verzweifelten Entschluss, zu dem ich noch durch die Eifersucht getrieben wurde. In dem Augenblick als er mich erkannte, fasste ich ihn auch schon um den Leib und warf mich mit ihm in den Fluss; er konnte mich nicht fassen, entweder weil seine Handschuhe ihn daran hinderten, oder weil er zu erschrocken war. Er war dem Ertrinken nahe, da kamen auch schon von überall Kähne zur Hilfe herbei, weil sie alle glaubten, dass wir zufällig ins Wasser gefallen wären. Saldagne allein wusste, wie es zugegangen war, er war aber nicht imstande mich anzuklagen oder mir jemanden nachzuschicken. Ich erreichte das Ufer ohne Mühe, weil ich ein kurzes Kleid anhatte, das mich nicht am schwimmen hinderte. Da die Sache die Mühe lohnte, war ich laufend schon weit von Saint-Cloud entfernt ehe Saldagne herausgefischt war. Man wird Mühe gehabt haben ihn zu retten; auch wird man ihm nicht geglaubt haben als er sagte ich hätte den Willen gehabt ihn zu ersäufen; ich wüsste nicht, warum er es geheimhalten hätte sollen. Ich machte einen grossen Umweg nach Paris und kam bei Anbruch der Nacht dort an, ohne meine Kleider vorher getrocknet zu haben; die Sonne und die starke Bewegung hatten es besorgt. Alle hatten grosse Freude, mich wiederzusehen, und Mademoiselle la Boissière spielte die Rolle einer betrübten Mutter sehr gut, um die Wirtin und la Rancune besser glauben zu machen, dass ich ihr Sohn wäre. Sie entschuldigte sich dann allein bei mir, dass man nicht auf mich gewartet hatte und gestand mir, dass die Furcht vor Saldagne sie mich vergessen liess, und übrigens wäre, la Rancune ausgenommen, die Gesellschaft mir nur hinderlich gewesen, wenn ich mit Saldagne Streit bekommen hätte. Ich erfuhr, dass dieser feine Herr ihnen von der Türe des Wirtshauses an gefolgt wäre bis an den Kahn; dass er Leonore ziemlich unhöflich gebeten hatte, sich zu demaskieren und da die Mutter in ihm denselben wiedererkannte, der das gleiche schon in Rom verlangt hatte, so sei sie voller Furcht dem Kahne zugeeilt und hätte ihn in den Fluss treiben lassen. Saldagne hatte sich inzwischen mit zweien seines Schlages am Ufer beratschlagt, darauf wären sie in ebenden Kahn gestiegen wo ich sie getroffen hatte. Dieses Erlebnis machte, dass ich noch seltener ausging. Mademoiselle la Boissière wurde einige Zeit darauf wieder krank, wozu ihre Melancholie viel beitrug; wir mussten einen grossen Teil des Winters in Paris verbringen. Wir erhielten Nachricht, dass ein italienischer Prälat, der aus Spanien kam, über Peronne nach Flandern ging. La Rancune brachte es dahin, dass wir mit auf seinem Pass als Komödianten angegeben wurden. Eines Tages als wir zu diesem Prälaten unterwegs waren, der in der Seinestrasse wohnte, assen wir aus Gefälligkeit mit anderen Komödianten, die la Rancune kannte, in der Vorstadt zu Abend. Als wir nun auf die neue Brücke kamen und es spät war, wurden wir von sechs Spitzbuben angefallen. Ich verteidigte mich so gut ich konnte; zu Ehren von la Rancune muss ich gestehen, dass er sich als ein Mann von Mut zeigte und mein Leben rettete; dies hinderte nicht, dass ich von diesen Kerlen beraubt wurde, da mir mein Degen entfallen war. La Rancune, der sich tapfer durchschlug, verlor nur einen alten schlechten Mantel; ich verlor alles bis auf meinen Rock; was mich am meisten kränkte, war eine Dose, worauf das Porträt von Leonorens Vater emailliert war; Mademoiselle la Boissière hatte mich gebeten, nur die Diamanten daraus zu verkaufen. Ich traf la Rancune wieder am Ende der Brücke mit einer Wunde am Arm und einer im Gesicht; ich hatte nur eine leichte Kopfwunde. Mademoiselle la Boissière war sehr traurig über den Verlust des Porträts, doch die Hoffnung, das Original bald wiederzusehen, tröstete sie. Endlich reisten wir nach Peronne ab; von Peronne gingen wir nach Brüssel, von Brüssel nach Haag; von diesem Ort war Leonorens Vater vierzehn Tage vorher abgereist, um nach England zu gehen und dem König gegen die Parlamentsarmee zu dienen. Leonorens Mutter wurde darüber so krank, dass sie starb. Ich war bei ihrem Tode so traurig als wäre sie meine eigene Mutter gewesen; sie empfahl mir ihre Tochter und nahm mir das Versprechen ab, sie niemals zu verlassen und alles zu unternehmen, um ihren Vater zu finden, dem ich sie übergeben solle. Einige Zeit darauf stahl mir ein Franzose noch alles Geld, was ich hatte, und die Not, in der ich mit Leonore war, wurde so gross, dass ich mich entschloss, unter eure Truppe zu gehen, die uns auch auf la Rancunes Fürsprache aufnahm. Meine übrigen Erlebnisse kennt ihr, denn sie sind mir in Gemeinschaft mit euch passiert, ausgenommen in Tours, wo ich glaubte, den Teufel von Saldagne wiedergesehen zu haben, und wenn ich nicht irre, werde ich ihm in diesem Lande noch bald begegnen. Ich fürchte ihn nicht um meinetwegen, sondern wegen Leonore, wenn ein Unglück mich von ihr trennen sollte.«

So endigte Destin seine Geschichte. Nachdem er Mademoiselle de l'Etoile einige Zeit getröstet hatte, die bei der Erinnerung an all ihr Unglück so viel weinte als wenn ihr Unglück jetzt erst anfinge, wünschte er den Schauspielerinnen eine gute Nacht und ging schlafen.

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