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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel. Eröffnung des Theaters und andere wichtige Vorfälle

Am andern Morgen versammelten sich die Komödianten auf einem ihrer Zimmer, die sie in der Schenke inne hatten, um die Komödie zu probieren, die am Nachmittag sollte vorgestellt werden. La Rancune, dem Ragotin schon das Geheimnis mit dem Ständchen anvertraut hatte, und der sich stellte als könne er es kaum glauben, sagte zu den Kameraden, dass der kleine Mann nun bald erscheinen würde, um den Dank für sein Ständchen einzuholen, man solle aber die Unterhaltung immer auf etwas anderes lenken, sobald er nur davon anfangen würde. Bald darauf trat Ragotin in das Zimmer, und nachdem er die Komödianten begrüsst hatte, wollte er mit Mademoiselle de l'Etoile von seinem Ständchen sprechen; die aber war wie ein Irrstern bald da bald dort, so oft er auch davon anfing und immer wieder fragte, wann sie zu Bett gegangen wäre, wie sie die Nacht verbracht hätte pp. Er liess sie und sprach mit Mademoiselle Angelique, die aber statt ihm zu antworten ihre Rolle studierte. Hierauf zur Caverne, die ihn nicht einmal ansah. Alle Komödianten der Reihe nach befolgten die Weisung des Rancune und antworteten mit keiner Silbe auf Ragotins Reden, oder änderten sofort die Unterhaltung sobald die Rede auf die vorige Nacht kam. Da ihn schliesslich die Eitelkeit zu sehr drückte und er doch den Ruhm haben wollte, rief er ganz laut zu allen: »Soll ich euch eine Wahrheit gestehen?« – »Ihr mögt das halten wie Ihr wollt«, sagte jemand. – »Ich bin derjenige,« sagte er, »der euch diese Nacht ein Ständchen gebracht hat!« – »In diesem Lande bringt man sie mit Orgeln; und wem brachtet Ihr es denn? Gewiss der schönen Dame, welche so viele Hunde zusammenhetzte?« – »Ohne Zweifel,« versetzte Olive, »denn diese Tiere, so bissiger Natur sie sind, hätten gewiss eine so schöne Musik nicht gestört, wenn sie nicht Nebenbuhler und vorzüglich eifersüchtig auf Herrn Ragotin gewesen wären.« Ein anderer von der Gesellschaft nahm das Wort und sagte, dass er vermutlich bei der Dame gut stünde und sie zärtlich liebte, weil er es so öffentlich bezeuge; kurz, alle Anwesenden zogen Ragotin mit seinem Ständchen auf, la Rancune ausgenommen, der ihn schonte, weil er ihn mit seinem Vertrauen beehrt hatte. Der Poet, der im Grunde ein ebenso eitler Narr war wie Ragotin und aus jedem Ding etwas für sich zu ziehen verstand, sagte mit der Miene eines vornehmen Herrn: »A propos Ständchen, ich erinnere mich, dass man mir eins zu meiner Hochzeit gebracht hat, das dauerte vierzehn Tage lang und bestand aus hundert Instrumenten, die galantesten Damen der Place Royale eigneten es sich zu, viele Verliebte glaubten, es gälte ihnen, und ein Mann von Stande wurde darüber so eifersüchtig, dass er diejenigen, die es mir brachten, von seinen Leuten angreifen liess. Allein sie kamen übel an; denn die Leute waren alle Landsleute von mir und sehr tapfer und zum Teil Offiziere in einem Regiment gewesen, welches ich errichtet hatte.« La Rancune, der seinen beissenden Spott gegen Ragotin zurückgehalten hatte, war nicht so höflich gegen den Poeten, den er beständig neckte. Er nahm also das Wort und sagte dem Musensohn: »Euer Ständchen muss nach Eurer Beschreibung ein wahres Geheul gewesen sein, da es einer Standesperson lästig wurde und die ihre Leute schickte, damit sie aufhörten oder es fort zu jagen. Was mich in meiner Meinung noch bestärkt, ist, dass Eure Frau an Altersschwäche sechs Monate nach Eurer zärtlichen Verbindung gestorben ist, wie Ihr mir selbst zu erzählen beliebtet.« – »Sie starb aber an den Mutterwehen«, sagte der Poet. »Warum nicht lieber an den Grossmutter- oder Urgrossmutterwehen,« versetzte la Rancune; »seit Heinrich des IV. Zeiten hatte sie ihre Mutterwehen verloren,« setzte er hinzu, »und um Euch zu zeigen, dass ich bessere Nachrichten von ihr habe als Ihr, der beständig mit ihr prahlt, so will ich Euch etwas von ihr erzählen, das Ihr gewiss nie erfahren habt! An dem Hof der Königin Margarete –« Dieser schöne Anfang lockte alle die im Zimmer waren zu la Rancune hin, weil sie wussten, dass er für das ganze Menschengeschlecht Bosheiten auf Lager hatte. Der Poet, der ihn fürchtete, unterbrach ihn und sagte: »Ich wette hundert Pistolen, dass alles nicht wahr ist.« Diese hübsche Wette brachte alle zum lachen, und diese Gelegenheit benützte der Dichter hinaus zu gehen. Es war seine Gewohnheit, dass er seine Aufschneidereien mit so grossen Wetten wieder gut machte; sie betrugen wöchentlich tausend bis zwölfhundert Unverschämtheiten, die Lügen nicht mit eingerechnet. La Rancune hielt ein richtiges Register über alle seine Handlungen und Worte und er hatte eine so grosse Gewalt über ihn, dass ich sie der Macht des Augustus über den Antonius vergleichen möchte, wohl verstanden Mensch für Mensch ohne weiter zwei Provinzschauspieler mit zwei solchen Römern zu vergleichen. Da nun la Rancune seine Erzählung angefangen hatte und von dem Poeten war unterbrochen worden, so baten alle inständig, er möge sie fortsetzen. Er entschuldigte sich jedoch für heute und versprach ihnen für ein andermal, ihnen den ganzen Lebenslauf des Poeten zu erzählen, und der seiner Frau solle darin inbegriffen sein. Man fing nun an, die Komödie zu probieren, die man noch an demselben Nachmittag in einer benachbarten Schenke spielen wollte; während der Probe fiel nichts merkwürdiges vor. Nach Tisch wurde sie aufgeführt und es fiel recht gut aus. Mademoiselle de l' Etoile bezauberte durch ihre Schönheit alle Zuschauer, Mademoiselle Angelique hatte auch einen Anhang, und beide spielten ihre Rollen zu jedermanns Vergnügen. Destin und seine Kameraden übertrafen sich selber, und diejenigen unter den Zuschauern, die oft die Komödie zu Paris gesehen hatten, gestanden, dass selbst die Schauspieler des Königs ihre Sache nicht besser hätten machen können. Ragotin bestätigte bei sich die Schenkung seiner Seele und seines Leibes an Mademoiselle de l' Etoile, die er in Gegenwart la Rancunes bereits gemacht hatte, und der ihm täglich versprach, dass die Schauspielerin sie annehmen würde; denn ohne dies Versprechen hätte die Verzweiflung einem kleinen Advokaten ein grosses Thema zu einem tragischen Gedichte gegeben. Ich will nicht sagen, ob die Komödianten den Damen von Mans ebenso gut gefielen als die Schauspielerinnen den Herren; denn wenn ich auch etwas davon wüsste, würde ich es doch verschweigen; da indessen der beste Mensch nicht immer Herr über seine Zunge ist, so werde ich, um aller Versuchung auszuweichen, dieses Kapitel schliessen.

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