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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
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Zwölftes Kapitel. Nächtliche Schlägerei

Ich möchte den geneigten Leser vorher noch benachrichtigen, dass, wenn er an den bis jetzt gelesenen Possen Ärgernis nimmt, er wohl daran tun wird, nicht weiterzulesen; denn, auf mein Wort: er wird nichts anderes darin finden und wenn das Buch so dick würde wie der ›Cyrus‹; und wenn er von dem, was er gelesen hat, auf das Folgende schliesst, hat er nicht unrecht, denn ein Kapitel gibt das andere und ich halte es wie mit den Pferden, denen man die Zügel fahren lässt, so dass sie laufen können, wohin sie wollen. Vielleicht aber auch habe ich eigene Beweggründe. Ohne mein Buch mit nachahmungswürdigen Beispielen zu füllen, suche ich unterrichtend zu unterhalten, so wie der Säufer Abscheu vor dem Trinken erweckt und durch die Streiche, die er in der Trunkenheit begeht, andere zum lachen bringt. Aber wir wollen mit dieser Moralpredigt aufhören und zu unseren Komödianten in die Schenke zurückkehren. Sobald ihr Zimmer leer war und Ragotin den la Rancune fortgeschleppt hatte, kam der Pförtner, den sie in La Tour zurückgelassen hatten, mit einem bepackten Pferd in der Schenke an, und setzte sich mit ihnen zu Tische. Aus seiner Erzählung und was einer dem andern wiedererzählte, konnte man sich klar werden, warum der Provinzintendant sich nicht an ihnen hatte rächen können, weil er selbst nebst seinen Soldaten sich kaum aus den Händen des Pöbels hatte retten können. Destin erzählte nun seinen Kameraden, wie er sich in seinem türkischen Kleid, in dem er den Soliman vorstellen wollte, geflüchtet hätte und da er gehört, dass zu Alençon die Pest regiere, so wäre er und la Caverne sowie la Rancune in dem Aufzug, den wir im Anfang dieser wahrhaften Geschichte beschrieben haben, nach Mans gegangen. Mademoiselle de l'Etoile erzählte ihnen von der Hilfe, die sie von einer Dame aus Tours erhalten hatte, deren Namen ich aber nicht erfahren konnte, und wie sie durch deren Beistand bis an ein Dorf bei Bonnestable gekommen wäre, wo sie sich bei einem Sturz vom Pferde den Fuss verrenkte. Sie fügte hinzu, dass sie erfahren hatte, dass die Truppe in Mans wäre; so hätte sie sich in der Sänfte der Dame des Dorfes, welche sie ihr gerne geliehen hätte, dahin tragen lassen. Nach Tisch blieb Destin ganz allein in dem Zimmer der Damen. La Caverne liebte ihn wie ihren Sohn, Mademoiselle de l'Etoile war ihr nicht weniger lieb und Angelique, ihre Tochter und einzige Erbin, liebte den Destin und die l'Etoile wie Bruder und Schwester. Sie wusste noch nicht, wer sie wären und warum sie Komödianten waren. Aber sie hatte doch so viel bemerkt, dass sie bei weitem freundlicher miteinander umgingen als Verwandte, obgleich sie sich Bruder und Schwester nannten; dass Destin gegen die Etoile die grösste Achtung hege, übrigens aber Verstand hatte und sehr wohl erzogen schien. Mademoiselle l'Etoile hatte mehr von einer Standesperson als von einer Komödiantin. Da sie nun beide von der la Caverne und ihrer Tochter sehr geliebt wurden, so vergalten sie es durch gegenseitige Freundschaft, und wirklich verdienten sie vor allen andern französischen Schauspielern geliebt zu werden, ob sie gleich niemals das Glück gehabt hatten auf dem Theater des Hotel von Bourgogne aufzutreten, welches jetzt als das non plus ultra der Komödie gilt. Diejenigen, welche diese drei kleinen lateinischen Worte nicht verstehen, denen ich hier den Platz nicht gut versagen konnte, weil sie mir eben so gelegen kamen, mögen sie sich erklären lassen. Nun aber scheuten sich Destin und l'Etoile nicht, sich in Gegenwart der la Caverne viel Angenehmes über ihr Wiedersehen zu sagen. Sie schilderten die Unruhe, die sie eins über das andere gehabt hätten, und Destin sagte zu Mademoiselle de l'Etoile, dass er bei der letzten Vorstellung zu Tours ihren alten Verfolger glaubte gesehen zu haben; dass er ihn unter der Menge der Zuschauer erkannt hätte, obgleich er sein Gesicht unter dem Mantel versteckt hielt, und dass er deshalb beim Auszug aus der Stadt, da er waffenlos war, sich ein Pflaster auf das Gesicht gelegt hätte. Er erzählte ihr, wie viele Sänften sie unterwegs angetroffen hatten und dass er glaube, es müsse ihr alter Feind gewesen sein, der alle Sänften so genau untersucht hatte. Während Destin so erzählte, konnte sich die arme Etoile der Tränen nicht erwehren, was Destin sehr rührte; er tröstete sie so gut er konnte und versicherte ihr, dass er fortfahren würde ihren gemeinschaftlichen Feind aufzusuchen, ebenso wie er bis jetzt sich bemühte ihm zu entgehen: in kurzem wolle er sie von ihrem Verfolger befreien ohne sein Leben zu riskieren.

Diese letzten Worte machten sie noch trauriger. Destin selbst war nicht stark genug um nicht ebenfalls mit traurig zu werden; la Caverne und ihre Tochter, die auch von Natur aus weich veranlagt waren, oder der Gesellschaft wegen oder gar durch Ansteckung dazu getrieben, weinten mit. Ich weiss nicht, ob Destin auch weinte, doch sprachen er und die Damen lange Zeit nichts und deshalb weinte wer wollte.

Endlich unterbrach la Caverne das Schweigen und Weinen und machte ihnen Vorwürfe darüber, dass sie in der Zeit ihres Beisammenseins wohl hätten einsehen müssen, wie sehr sie ihnen eine Freundin wäre; dennoch hätten sie weder zu ihr noch zu ihrer Tochter je Vertrauen gehabt, so dass sie noch immer nicht wüssten, wer sie wären; auch hätte sie in ihrem Leben genug Verfolgungen durchgemacht, um ebensolchen Unglücklichen wie sie zu sein scheinen, raten zu können. Destin antwortete, es wäre nicht aus Misstrauen geschehen, dass sie sich ihr nicht entdeckt hätten, sondern im Glauben, dass die Erzählung ihrer Missgeschicke für andere ganz langweilig sein müsste; er erbot sich aber, sie ihnen zu erzählen wenn sie wollten, und sobald die Zeit sich dazu schicke. La Caverne konnte ihre Neugierde fast nicht mehr bezähmen und ihre Tochter, ebenso neugierig sie anzuhören, schickte sich an, sich neben l'Etoile niederzusetzen. Und Destin wollte eben seine Geschichte anfangen, als sie in dem unteren Zimmer einen grossen Lärm hörten. Destin horchte eine Weile; da aber der Lärm und das Getöse immer zunahmen, man sogar um Hilfe schrie, so sprang Destin in drei Sätzen aus der Kammer auf Kosten seines Kamisols, das la Caverne und ihre Tochter ihm zerrissen, als sie ihn zurückhalten wollten. Er kam in das Zimmer, wo der Lärm war, und sah erst nichts. Aber die Schläge, Ohrfeigen, Stimmen der einander prügelnden Männer und Weiber und die Tritte der blossen Füsse, die in der Stube herumtappten, machten einen schrecklichen Lärm. Er mischte sich unvorsichtigerweise mitten unter die Kämpfenden, und erhielt sofort einen Schlag von der einen und eine Ohrfeige von der andern Seite. Dies änderte die anfängliche gute Absicht, die Schläger auseinander zu treiben, in ein heftiges Gelüste der Rache. Er fing also an, mit den Händen herumzuhauen und Versehrte, wie man nachher an seinen blutigen Händen sah, mehr als einen Kinnbacken. Doch dauerte der Streit lange genug, noch einige Hiebe abzubekommen, die er immer doppelt widergab. Im stärksten Gedränge fühlte er einen Biss in seinen Schenkel; als er mit der Hand danach griff und etwas haariges fühlte, glaubte er, ein Hund hätte ihn gebissen. Doch la Caverne und ihre Tochter, die mit Licht in der Türe erschienen, sahen Destin inmitten von etwa sieben Personen, die alle im Hemd waren und sich prügelten, jedoch als das Licht sichtbar wurde, von einander abliessen und sich versteckten. Der Friede dauerte jedoch nicht lange, denn der Wirt, der einer von den sieben weissen Bussfertigen war, fing wieder mit dem Poeten an und Olive, der auch dabei war, wurde von dem Knechte des Wirts, dem andern Bussfertigen, angegriffen. Destin wollte sie auseinanderbringen; die Wirtin aber, die eben das Tier war, das ihn gebissen hatte und die er für einen Hund hielt, weil sie unbedeckten Kopfes war und kleine kurze Haare hatte, sprang ihm, unterstützt von zwei Mägden, die ebenfalls nackt und unbedeckt waren, nach den Augen. Das Geschrei, die Schläge, die Ohrfeigen, alles ging wieder von vorne an und der Streit war noch schlimmer als zuvor; endlich erschienen, durch den Lärm aufgeweckt, verschiedene Leute auf dem Kampfplatz, brachten die Kämpfenden auseinander, und stellten einen zweiten Waffenstillstand her. Man fragte nun nach der Ursache des Streites und der Schlägerei, die sieben Personen unbekleidet in der Stube versammelt hatte. Olive, der am wenigsten erhitzt war, sagte, dass der Poet habe wollen zur Tür hinaus gehen, doch geschwind kam er wieder zur Tür herein, gefolgt von dem Wirt, der ihn prügeln wollte. Die Frau des Wirts wäre dazu gekommen und hätte sich ebenfalls über den Poeten hergemacht; da er sie nun hätte voneinander bringen wollen, so wären auch die beiden Mägde dazu gekommen; das Licht, das ausging, wäre die Ursache gewesen, dass man sich länger geprügelt hätte als sonst geschehen wäre. Nun war die Reihe an dem Poeten, die Ursache des Streites zu erzählen. Er sagte, er hätte zwei der schönsten Stanzen gemacht, die je gemacht wurden. Um nun diese nicht zu verlieren, hätte er von den Mägden in der Schenke Licht gefordert, diese aber hätten ihn ausgelacht; dann habe ihn der Wirt einen Seiltänzer geschimpft, worauf er ihn, um ihm nichts schuldig zu bleiben, einen Hahnrei genannt habe. Kaum war dies gesagt, so holte der Wirt zu einer Ohrfeige aus. Nun warfen sich wie verabredet die Wirtin, der Knecht und die Mägde über die Schauspieler her, die sie wiederum mit derben Schlägen empfingen. Diese letzte Schlacht war hitziger und dauerte länger als die erste. Destin ergriff eine dicke Magd und gab ihr über hundert Hiebe auf den Hintern. Olive der sah, dass die Gesellschaft darüber lachte, machte es der andern ebenso; der Wirt war mit dem Poeten beschäftigt; die Wirtin wurde von einigen der Zuschauer gehalten, worüber sie so zornig wurde, dass sie Diebe und Mörder schrie. Durch ihr Schreien wurde la Rappinière aufgeweckt, der gegenüber wohnte. Er liess die Türe aufmachen und gebot im Namen des Königs Ruhe. Da er die Ursache des Lärms erfuhr, ermahnte er den Poeten, künftig des Nachts keine Verse zu machen und hätte den Wirt und die Wirtin beinahe prügeln lassen, weil sie noch immer auf die armen Komödianten losschimpften und schwuren, sie andern Tags aus dem Hause zu werfen. Aber la Rappinière drohte dem Wirt, ihn exequieren zu lassen und stopfte ihm dadurch das Maul. La Rappinière ging nach Hause und die übrigen in ihre Zimmer, Destin aber in das Zimmer der Damen, wo ihn die Caverne bat, nun nicht mehr länger mit der Erzählung seiner und seiner Schwester Geschichte zu zögern. Er war dazu bereit: man hört sie im folgenden Kapitel.

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