Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Scarron >

Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120410
projectide6ec1aa1
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel welches dasjenige enthält, was man bei dessen Lesung erfahren wird

Ragotin führte den la Rancune in eine Schenke, wo er das Beste auftragen liess was nur da war. Man glaubte, er hätte ihn deswegen nicht mit nach Hause genommen, weil für gewöhnlich sein Tisch sehr schlecht war; aber ich will darüber nichts sagen, ich befürchte vielleicht da ein vorschnelles Urteil zu sprechen, denn die Tatsache habe ich selbst nie untersuchen wollen, weil sie nicht der Mühe wert ist und ich andere Dinge zu berichten habe. La Rancune war sehr scharfsinnig und hatte seine Leute gleich ausstudiert: er merkte sofort, als zwei Rebhühner und ein Kapaun für zwei Personen aufgetragen wurden, dass Ragotin ganz was anderes im Sinne hatte, als seine Verdienste zu belohnen oder dafür, dass er behauptete, die Geschichte wäre ein schöner Stoff für ein Theaterstück. Er bereitete sich also vor, etwas Neues von Ragotin zu hören, der bis jetzt nichts merken liess, sondern immer noch fortfuhr von seiner Geschichte zu reden. Er sagte eine Menge satirische Verse her, die er teils gegen seine Nachbarn gemacht hatte, dann gegen Hahnreie, die er nicht nannte und gegen einige Frauenzimmer, er sang Trinklieder und zeigte ihm Sinngedichte. Solches ist die Art der Reimschmiede, wodurch sie ehrliche Leute am meisten quälen. La Rancune verdarb ihn noch mehr, weil er alles in den Himmel hob und wie ein Spieler schwur, dass er niemals was Schöneres gehört habe, ja er tat, als wenn er vor Entzücken sich gleich die Haare ausreissen wollte. Er sagte ihm verschiedentlich, es sei ein Unglück, dass er sich nicht ganz dem Theater widme, denn in zwei Jahren würde man so wenig mehr von Corneille reden als man jetzt von Hardis Stücken spricht. »Ich kann nicht schmeicheln,« fügte er hinzu, »doch um Euch Mut zu machen, muss ich Euch sagen, dass ich, so wie ich Euch zum ersten Male sah, Euch sogleich für einen grossen Dichter erkannt habe, und Ihr könnt meine Kameraden fragen, was ich ihnen von Euch gesagt habe. Ich täusche mich nicht so leicht darin, und rieche einen guten Dichter auf eine halbe Stunde weit. Auch Euch habe ich, sowie ich Euch gesehen hatte, sofort erkannt, so als ob Ihr mein Sohn wäret.« Ragotin schluckte das alles mit einigen Gläsern Wein hinunter, was ihn noch mehr als la Rancunes Lob betrunken machte, der seinerseits mit dem grössten Appetit ass und trank und zuweilen ausrief: »Um alles in der Welt, zeigt Euer Talent, Ihr seid närrisch, dass Ihr Euch und uns nicht damit bereichern wollt. Ich kann ebenso gut wie jeder andere Papier verschmieren, allein wenn ich solche Verse machen könnte, die nur halb so gut wären wie die Eurigen, so würde ich wahrlich nicht mein Brot so suchen wie jetzt, sondern so wie Mondori von meinen Einkünften leben. Arbeitet also, Herr Ragotin, arbeitet frisch darauf los, und wenn wir diesen Winter die Komödianten des Hotels von Bourgogne und Marais nicht ausstechen, so will ich das Theater nie wieder gesund betreten – weiter hab ich jetzt nichts mehr zu sagen. Lasst uns trinken!« Er hielt Wort, und indem er sein Glas bis obenan füllte, trank er Herrn Ragotin die Gesundheit des Herrn Ragotin zu. Dieser bedankte sich, indem er auf die Gesundheit der Schauspielerinnen trank; dies tat er mit entblösstem Haupte und mit solchem Entzücken, dass sein Glas zerbrach als er es auf den Tisch zurückstellen wollte; er hatte das nicht bemerkt und glaubte, er habe es richtig beiseite gesetzt und versuchte wiederholt, es wieder aufzustellen. Endlich warf er es über den Kopf hinweg, indem er durch Anstossen la Rancune darauf aufmerksam machte, damit ihm ja nicht der Ruhm entgehen möchte, ein Glas zerbrochen zu haben. Es tat ihm leid, dass la Rancune nicht darüber lachte, aber wie gesagt, dieser war mehr neidischen als vergnügten Humors. La Rancune fragte ihn, was er denn von den Komödiantinnen halte, und der kleine Mann errötete über und über und konnte nicht antworten, und als la Rancune noch einmal fragte, gab er ihm stammelnd und errötend zu verstehen, dass eine der Damen ihm ausserordentlich gut gefiele. »Und welche?« fragte la Rancune. Der kleine Kerl war so verwirrt, dass er schon so viel gesagt hatte und antwortete: »Ich weiss es nicht.« – »Und ich auch nicht« sagte la Rancune. Dies verwirrte ihn noch mehr, so dass er ganz beschämt sagte: »Es ist, es ist –« Diese Worte wiederholte er vier bis fünfmal, sodass endlich der Komödiant ungeduldig wurde und ihm sagte: »Ihr habt sehr recht, es ist ein recht hübsches Mädchen.« Dies brachte ihn vollends in Verwirrung, und er konnte es gar nicht herausbringen, wen er meinte, vielleicht wusste er es auch selbst nicht recht und hatte weniger Liebe als simple Geilheit. Endlich als ihm la Rancune Mademoiselle de l'Etoile nannte, sagte er, sie wäre es, in die er verliebt wäre. Ich aber glaube, wenn er ihm Angelique oder ihre Mutter la Caverne genannt hätte, so würde er den Schlag der einen und das Alter der andern vergessen und sich mit Leib und Seele derjenigen ergeben haben, die ihm la Rancune genannt hätte, so sehr verwirrt war der alte Sünder. Der Komödiant liess ihn ein paar Glas Wein trinken, wodurch ein wenig von seiner Verwirrung wich, er selbst trank ein anderes und sagte ganz leise zu ihm, indem er sich sorgfältig im Zimmer umschaute, obgleich niemand darin war: »Eure Wunde ist nicht gefährlich, Ihr habt Euch an einen Mann gewandt, der Euch heilen kann, wenn Ihr ihm nur glauben und die Sache geheim halten wollt. Die Geschichte ist zwar nicht leicht, denn Mademoiselle de l'Etoile ist ein wahrer Tiger und ihr Bruder Destin ein Löwe, allein solche Leute wie Ihr seid, sieht sie nicht alle Tage, und ich weiss schon was ich zu tun habe. Lasst uns jetzt unsern Wein austrinken und morgen ist wieder ein Tag.« Die Unterredung wurde durch beiderseitiges Trinken einen Augenblick unterbrochen. Ragotin nahm zuerst wieder das Wort, erzählte alle seine Vollkommenheiten und seine Reichtümer; sagte zu la Rancune, er hätte einen Vetter, der Schreiber bei einem Finanzpächter wäre; dieser, sein Vetter, wäre ein vertrauter Freund des la Rallière gewesen, zur Zeit, als dieser sich zu Mans aufhielt um eine neue Steuer zu errichten, und dieser hätte versprochen, ihm durch Fürsprache eine königliche Pension zu verschaffen; er sagte ihm ferner, dass er den Kindern seiner Verwandten geistliche Pfründen geben lassen würde, weil seine Nichte den Bruder einer Dame geheiratet hätte, welche von dem Haushofmeister eines Abtes in der Provinz unterhalten würde, der sehr gute Pfründen zu vergeben hätte. Während Ragotin so fort prahlte, schenkte la Rancune immer ein und trank aus, und Ragotin, der einem Manne nichts abschlagen konnte, der ihm so viel Gutes versprach, tat ein Gleiches. Endlich wurden sie beide betrunken, la Rancune dadurch nur noch ernsthafter, Ragotin aber so stumpf und schwerfällig, dass er den Kopf sinken liess und einschlief. La Rancune rief die Magd, damit sie ihm ein Bett zurecht mache, denn Herr Ragotin wäre in einem solchen Zustande, dass er schwerlich aufwachen würde; und wirklich schnarchte er auch schon nach Herzenslust. Als man die zwei Betten zurecht gemacht hatte, erwachte er plötzlich und schimpfte und fluchte auf die Magd, als diese ihm sagte, sein Bett wäre bereit. Als ihn dann la Rancune auf dem Stuhl gegen das Feuer zu drehte, sperrte er die Augen auf und liess sich ohne weiteres auskleiden. Man legte ihn so gut man konnte auf sein Bett, verschloss die Türe und la Rancune legte sich in das seinige. Eine Stunde später stand Ragotin auf und ging, ich weiss nicht warum, zum Bett heraus. Er tappte dermassen in der Stube umher, dass er alle Möbel umstiess und verschiedenmal hinfiel, ohne sein Bett finden zu können; endlich kam er an das la Rancunes und weckte ihn dadurch auf, dass er ihm die Decke nahm. La Rancune fragte ihn was er suche. »Mein Bett«, sagte Ragotin. »Es steht auf der linken Seite des meinigen« antwortete la Rancune. Der besoffene Ragotin ging auf die rechte und legte sich zwischen die Decke und den Strohsack des dritten Bettes, das weder Matratze noch Federbett hatte, und dort schlief er nun sehr sanft. – La Rancune kleidete sich an, noch ehe Ragotin aufgewacht war. Er fragte ihn nachher, ob er aus Selbstverleugnung sein Bett verlassen hätte, um auf einem Strohsack zu schlafen. Ragotin behauptete, er wäre gar nicht aufgestanden, und es müsse in dem Zimmer spuken; er zankte sich deshalb mit dem Wirt, der sein Haus verteidigte und ihm drohte ihn vor Gericht zu belangen, weil er es in üblen Ruf brächte. Allein jetzt habe ich Euch lange genug mit Ragotins Ausschweifungen unterhalten, wir wollen nun zur Schenke der Komödianten zurückkehren.

*

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.