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Der Komoediantenroman

Paul Scarron: Der Komoediantenroman - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/scarron/komoedia/komoedia.xml
typefiction
authorPaul Scarron
titleDer Komoediantenroman
publisherGeorg Mueller
year1908
translatorFranz Blei
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel. Geschichte der unsichtbaren Geliebten

Don Karlos von Arragonien war ein junger Edelmann aus dem Hause, dessen Namen er trug. Er tat sich bei den öffentlichen Schauspielen, die der Vizekönig von Neapel dem Volk bei der Vermählung Philipps des zweiten, dritten, vierten – ich weiss nicht mehr welcher es war – gab, sehr hervor. Den Tag nach einem Ringelstechen, dessen Preis er davongetragen hatte, erlaubte der Vizekönig den Damen, verkleidet in der Stadt herumzugehen und französische Masken zu tragen, zum Vergnügen der vielen Fremden, welche diese Festlichkeit in die Stadt gelockt hatte. An diesem Tage schmückte sich Don Karlos aufs beste, und fand sich mit einer Menge anderer Herzenseroberer in der Kirche der Galanterie ein. In diesem Land entweiht man die Kirchen ebenso wie in unserm, und der Tempel des Herrn dient den jungen Stutzern und verliebten Frauenzimmern zum Sammelplatz, zur Schande jener, die den niedrigen Ehrgeiz haben, ihre Kirchen feilzubieten, um einander die Kunden wegzufischen. Man sollte da einmal eine Änderung treffen und Leute dazu bestellen, welche die verliebten Herren und eitlen Dirnen fortjagten, so wie man Hundepeitscher und Hundepeitscherinnen anstellt. Vermutlich wird man fragen, was mich das angeht; allein es soll noch besser kommen, und der Narr, der sich darüber ärgert, muss wissen, dass jeder Erdensohn hienieden ein Narr und ein Lügner ist, der eine mehr, der andere weniger, und ich selbst bin vielleicht ein grösserer Narr als die andern, ob ich es gleich freiwillig gestehe, und da mein Buch eine Sammlung von Narrenstreichen ist, so hoffe ich, jeder Narr wird eine Schilderung darin finden, die auf ihn passt, wenn er anders nicht von der Eigenliebe sich blenden lässt. Don Karlos also, um auf meine Geschichte zurückzukommen, war mit einer Menge spanischer, italienischer und anderer Edelleute, die auf ihre schönen Federn so stolz waren wie die Pfauen auf die ihren, in einer Kirche, als drei maskierte Damen mitten durch diese losgelassenen Kupidos auf ihn zukamen, und die eine sagte ihm folgendes oder etwas ähnliches: »Don Karlos! Es ist eine Dame hier in der Stadt, der Ihr sehr verpflichtet seid; denn bei allen Stiergefechten und Ringelstechen hat sie Euch immer gewünscht, dass Ihr den Preis erhalten möget, wie es denn auch geschehen ist.« – »Das Angenehmste in dem, was Ihr mir sagt,« antwortete Don Karlos, »ist, dass ich es von Euch erfahre, die Ihr eine Dame von Stand zu sein scheint, und hätte ich gewusst, dass mir eine Dame gewogen ist, so hätte ich mir gewiss mehr Mühe gegeben ihren Beifall zu erhalten.« Die unbekannte Dame antwortete ihm, er hätte es an nichts fehlen lassen, um sich als den geschicktesten Kavalier von der Welt zu zeigen, und ausserdem hätte er durch seine schwarz und weisse Farbe zu erkennen gegeben, dass sein Herz noch frei wäre. »Ich habe mich nie auf die Farben verstanden,« antwortete Don Karlos, »allein dies weiss ich, dass ich nicht liebe, nicht so aus Unempfindlichkeit nicht, als vielmehr, weil ich weiss, dass ich nicht verdiene, geliebt zu werden.« Sie sagten sich noch eine Menge solcher schöner Sachen, die ich hier nicht anführen will, weil ich sie nicht weiss, und weil ich keine andern erfinden will, um Don Karlos und seiner unbekannten Dame nicht unrecht zu tun, die beide, wie ich seitdem von einem Neapolitaner erfahren habe, der sie gekannt hat, viel mehr Verstand hatten als ich. Endlich erklärte die maskierte Dame Don Karlos, dass sie es selbst wäre, die Neigung für ihn fühlte; er verlangte sie hierauf zu sehen. Sie antwortete, es wäre noch nicht Zeit, doch würde sie Gelegenheit dazu suchen. Um ihn aber doch zu überzeugen, dass sie sich nicht fürchte, mit ihm allein zusammenzukommen, so wolle sie ihm einstweilen ein Pfand geben. Indem sie dies sagte, zeigte sie dem Spanier die schönste und niedlichste Hand von der Welt und übergab ihm einen Ring, den er annahm. Es war sein Erstaunen über diese Begegnung so gross, dass er beinahe vergessen hätte, ihr ein Kompliment zu machen als sie von ihm wegging. Die übrigen Edelleute, die sich aus Bescheidenheit von ihm entfernt hatten, traten nun wieder zu ihm. Er erzählte ihnen, was ihm begegnet war und zeigte ihnen den Ring, der ziemlich grossen Wert hatte. Jeder sagte darauf, was er von der Sache dachte, und Don Karlos war so verliebt in seine Dame, als wenn er sie schon von Angesicht gesehen hätte: so sehr wirkt der Verstand auf diejenigen, die selbst welchen besitzen. Es vergingen ungefähr acht Tage, ohne dass er eine Nachricht von seiner Dame erhielt: ich weiss nicht genau, ob er sehr unruhig darüber war. Unterdessen ging er täglich in das Haus eines Infanteriehauptmanns, wo sich viele Leute von Stand des Spieles wegen versammelten. Eines Abends, als er gar nicht gespielt hatte und zeitiger nach Hause gehen wollte, hörte er aus dem unteren Zimmer eines grossen Hauses seinen Namen rufen. Er näherte sich dem Fenster, das vergittert war, und erkannte seine unsichtbare Geliebte an der Stimme, die zu ihm sagte: »Kommt näher heran, Don Karlos, ich erwarte Euch hier, um den Streit zu beenden, den wir miteinander haben.« – »Ihr seid eine Grosssprecherin,« antwortete Don Karlos, »Ihr fordert die Leute stolz auf, und versteckt Euch acht Tage lang, um endlich wieder hinter einem Gitterfenster zu erscheinen.« – »Wir werden uns zur richtigen Zeit schon näher sehen«, sagte sie. »Es geschah nicht aus Zaghaftigkeit, dass ich es aufgeschoben habe, mit Euch allein zu sein; ich wollte Euch nur vorher näher kennen lernen. Ihr wisst wohl, dass man bei den Kämpfen mit gleichen Waffen schlagen muss; wenn also Euer Herz nicht ebenso frei wäre wie das meine, so hättet Ihr etwas über das meine voraus, und deswegen habe ich mich nach Euch erkundigt.« – »Und was habt Ihr über mich erfahren?« fragte Don Karlos. »Dass wir beide für einander geschaffen sind«, sagte die unsichtbare Dame. Don Karlos sagte darauf, dass die Sache der beiden Teile nicht ganz gleich wäre. »Denn Ihr seht mich und wisst wer ich bin, ich aber sehe Euch nicht und weiss auch auch nicht wer Ihr seid. Was glaubt Ihr selbst, was ich über Euch denken muss, da Ihr Euch so sorgfältig versteckt? Man verbirgt sich nicht so, wenn man sich guter Absichten bewusst ist, und eine Person, die sich nicht in acht nimmt, ist leicht hintergangen: aber man hintergeht sie nicht zweimal. Und wenn Ihr Euch nur meiner bedient, um einen andern eifersüchtig zu machen, so sage ich Euch im voraus, dass ich mich nicht dazu eigne, und dass Ihr mich zu nichts weiter brauchen könnt als Euch zu lieben.« – »Seid Ihr mit Euerm verwegenen Urteil zu Ende?« sagte die Unsichtbare. »Es ist jedoch nicht ohne Wahrscheinlichkeit«, antwortete Don Karlos. »Wisst,« sagte sie, »dass ich sehr aufrichtig bin und dass Ihr mich in allen Stücken so finden werdet, und dass ich verlange, dass Ihr es auch seid.« – »Nichts ist billiger,« antwortete Don Karlos; »allein es ist ebenso billig, dass ich Euch sehe, und erfahre, wer Ihr seid.« – »Ihr sollt es bald erfahren,« sagte die Unsichtbare, »unterdessen hofft in Geduld, nur dadurch könnt Ihr das verdienen, was Ihr von mir fordert; und damit Eure Liebe nicht ohne Grund und Hoffnung auf Belohnung sein möge, so versichere ich Euch, dass ich gleichen Standes mit Euch bin, dass ich Vermögen genug besitze, um Euch mit derselben Pracht leben zu lassen, wie der erste Prinz des Königreichs, dass ich mehr schön als hässlich bin, und in Hinsicht auf den Verstand, habt Ihr selbst so viel, um zu beurteilen ob ich welchen habe oder nicht.« Mit diesen Worten zog sie sich vom Fenster zurück und liess Don Karlos, da er eben antworten wollte, mit offenem Munde stehen, der nun so sehr in die Person verliebt war, die er nicht gesehen hatte, und über das seltsame Verfahren so erstaunt war, dass er eine gute Viertelstunde auf ebendem Fleck stehen blieb und über die ausserordentliche Begebenheit nachdachte. Er wusste wohl, dass sich verschiedene Prinzessinnen und Damen von Stand in Neapel aufhielten, allein er wusste auch, dass es eine Menge galante Frauenzimmer dort gab, die den Fremden nachstellten und die um so gefährlicher waren, weil sie grösstenteils sehr schön waren. Ich werde euch nicht erzählen, ob er zu Abend gegessen hatte oder ob er sich ungegessen zu Bett legte, wie gewöhnlich die Romanschreiber zu tun pflegen, die alle Stunden des Tags ihres Helden anordnen, sie früh aufstehen lassen, ihre Geschichte bis zu Mittag erzählen, sie sehr wenig Zu Mittag essen lassen, und nach Tisch ihre Geschichte wieder fortsetzen oder sie in einen Wald sich verirren lassen, um dort mit sich selbst zu sprechen, wenn sie anders den Bäumen und Steinen nichts zu sagen haben; des Abends sie pünktlich an dem Ort erscheinen lassen, wo man isst, wo sie seufzen und träumen anstatt zu essen, und nachher Luftschlösser auf einer Terrasse bauen, die nahe am Meer liegt, während ihr Stallmeister anderen erzählt, dass sein Herr der und der, Sohn des und des Königs sei, dass kein besserer Prinz auf der Welt gefunden werden könne, und obschon er heut noch der schönste unter den Sterblichen wäre, er dennoch viel schöner gewesen wäre, ehe ihn die Liebe so abgezehrt hätte. Um aber auf unsere Geschichte zurückzukommen, so fand sich Don Karlos andern Tages auf seinem Posten ein und die Unsichtbare war schon auf dem ihrigen. Sie fragte ihn, ob er nicht wegen der gestrigen Unterredung verlegen wäre und ob es nicht wahr wäre, dass er an allem gezweifelt hätte, was sie ihm gesagt hatte. Don Karlos, ohne auf ihre Frage zu antworten, bat sie, ihm zu sagen, was für Gefahr dabei wäre, wenn sie sich ihm zeigte, da doch beide gleich wären und ihre Liebe einen Endzweck hätte, der von jedermann würde gebilliget werden. »Es ist die grösste Gefahr dabei, wie Ihr zu seiner Zeit erfahren werdet,« sagte die Unsichtbare, »beruhigt Euch unterdessen damit, dass ich aufrichtig bin, und dass ich in der Schilderung, die ich von mir selbst gemacht habe, sehr bescheiden war.« Don Karlos forschte nun nicht weiter, und die Unterredung dauerte noch eine Zeitlang, sie beteuerten einander mehr als zuvor ihre Liebe, und schieden mit der Versicherung, sich alle Abend an dem nämlichen Ort zu sprechen. Den folgenden Tag gab der Vizekönig einen grossen Ball. Don Karlos hoffte dort seine Unsichtbare zu erkennen. Unterdessen erkundigte er sich, wem das Haus gehöre, wo man ihm so günstiges Gehör gab. Er erfuhr von den Nachbarn, dass das Haus einer alten Dame, der Witwe eines spanischen Kapitäns, gehöre, die sehr zurückgezogen lebte und weder Töchter noch Verwandte hatte. Er versuchte sie zu sprechen, allein sie Hess ihm sagen, dass sie seit dem Tod ihres Mannes sich vor niemand sehen liesse, und dies setzte ihn in noch grössere Verlegenheit. Don Karlos fand sich abends bei dem Vizekönig ein, wo, wie man sich denken kann, die Versammlung überaus glänzend war. Er betrachtete sich alle Damen sehr genau und suchte seine Unsichtbare zu entdecken, er sprach auch mit verschiedenen, die er antraf, fand aber nicht, was er suchte. Endlich machte er sich an die Tochter eines Marquis von wer weiss welchem Marquisat, denn dies ist eine Sache, worauf ich am wenigsten schwören möchte, zu einer Zeit, wo sich jeder aus eigner Autorität marquisiert. Sie war jung und schön und hatte wohl etwas von dem Ton der Stimme derjenigen, die er suchte. Doch zuletzt fand er so wenig Ähnlichkeit zwischen ihrem Verstand und dem seiner Unbekannten, dass er es bereute, in so kurzer Zeit seine Sache bei dieser schönen Person so weit getrieben zu haben, dass er sich schmeicheln konnte, sie sähe ihn nicht ungern. Sie tanzten oft miteinander und als der Ball mit sehr wenig Befriedigung für Don Karlos beendigt war, beurlaubte er sich von seiner Eroberung, die ganz stolz darauf war, in einer so glänzenden Versammlung ganz allein einen Kavalier gefesselt zu haben, den alle Mannspersonen beneideten und alle Frauenzimmer liebten. Von dem Ball ging er eiligst nach Hause, um seinen Degen zu holen, und nachher an sein Gitter, das nicht weit davon entfernt war. Seine Dame war schon da und fragte ihn nach Neuigkeiten von dem Ball, ob sie gleich selbst dagewesen war. Er sagte ihr ganz freimütig, dass er mit einer sehr schönen Person getanzt und sie während des ganzen Abends unterhalten hätte. Sie tat hierüber verschiedene Fragen an ihn, die ihm zeigten, dass sie eifersüchtig auf die andere war. Don Karlos liess ihr seinerseits merken, dass es ihn wundere, sie nicht auf dem Ball gefunden zu haben, und dass das ihn an ihrem vornehmen Stand zweifeln liess. Sie bemerkte es, und um ihn wieder zu beruhigen, war sie ausserordentlich zärtlich und erlaubte ihm soviel Gunstbezeigungen als bei einer Unterredung durch ein Gitterfenster nur möglich sind, ja sie versprach sogar, sich ihm nun bald zu zeigen. Sie schieden hierauf von einander, er sehr zweifelhaft, ob er alles glauben sollte, und sie ein wenig eifersüchtig auf die schöne Person, die er den ganzen Ball über unterhalten hatte. Den andern Tag ging Don Karlos in die Messe und reichte zwei maskierten Damen das Weihwasser, die es zu gleicher Zeit mit ihm nehmen wollten. Die am besten gekleidete von ihnen sagte zu ihm, dass sie keine Gefälligkeiten von einer Person annehmen könne, der sie eine Entdeckung machen wolle. »Wenn Sie nicht zu sehr eilen,« sagte Don Karlos, »so können Sie es diesen Augenblick tun.« – »Folgen Sie mir in die nächste Kapelle« sagte die unbekannte Dame. Sie ging dahin voraus und Don Karlos folgte ihr, sehr zweifelhaft, ob es seine Dame wäre; obgleich sie von derselben Figur war, fand er einen Unterschied in der Stimme, da diese ein wenig schnarrte. Nachdem sie sich in der Kapelle mit ihm eingeschlossen hatte, sagte sie ihm folgendes: »Ganz Neapel, Don Karlos, ist voll des grossen Ruhmes, den Ihr Euch seit der kurzen Zeit, die Ihr hier seid, erworben habt und Ihr seid unstreitig der artigste Kavalier von der Welt. Allein man wundert sich sehr, dass Ihr es gar nicht zu merken scheint, dass es gewisse Damen von Stande hier gibt, die eine besondere Achtung für Euch hegen; sie haben Euch solche so viel als die Sittsamkeit erlaubt, bewiesen, und ob sie gleich sehnlich wünschen, Euch davon zu überzeugen, so wünschen sie doch lieber, Ihr möchtet aus Unempfindlichkeit nicht erkenntlich dafür sein, als dass Ihr Euch aus Gleichgültigkeit dagegen verstelltet. Unter andern ist eine unter meinen Bekannten, die Euch genug schätzt, Euch zu benachrichtigen, was auch immer daraus entstehen möge, dass Eure Besuche entdeckt sind, dass Ihr Euch unvorsichtigerweise einlässt, eine zu lieben, die Ihr nicht kennt, und da diese Geliebte sich verbirgt, schämt sie sich entweder Euch zu lieben, oder fürchtet, nicht liebenswert genug zu sein. Ich zweifle nicht daran, dass Eure ideale Liebe eine Dame von hohem Stande ist und viel Verstand hat und dass Ihr Euch eine anbetungswürdige Person darunter vorstellt. Allein, Don Karlos, traut Eurer Einbildung nicht auf Kosten Eurer Vernunft, hütet Euch vor einer Person, die sich verbirgt und lasst Euch nicht länger in diese nächtlichen Unterhaltungen ein. Warum sollte ich mich verstellen, ich bin es selbst, die auf Euer Phantom eifersüchtig ist und die es ungern sieht, dass Ihr mit ihm sprecht; und da ich mich einmal so weit erklärt habe, so will ich ihr Unternehmen so gut zerstören, dass ich einen vollkommenen Sieg über sie erhalten werde, den ich ihr mit Recht streitig mache, weil ich ihr weder an Schönheit, noch an Reichtum, noch an Stand, noch an allem, was eine Person liebenswürdig macht, nachstehe. Wenn Ihr klug seid, so werdet Ihr diesem Rat folgen.« Nach diesen Worten verliess sie ihn ohne seine Antwort abzuwarten. Er wollte ihr nacheilen, aber er traf eine Standesperson an der Kirchtüre, die ihn in eine Unterredung verwickelte, die ziemlich lang dauerte und die er nicht ablehnen konnte. Er dachte den ganzen Tag über das Begebnis nach und glaubte anfangs, dass die maskierte Dame, die er zuletzt sah, das Frauenzimmer vom Ball wäre. Da er sich aber erinnerte, dass sie vielen Verstand gezeigt hatte, den er bei der anderen nicht gefunden hatte, so wusste er nicht mehr, was er darüber denken sollte und wünschte insgeheim, sich mit der verborgenen Geliebten nicht eingelassen zu haben, um sich gänzlich dieser zu ergeben. Da er aber bedachte, dass er sie ebensowenig kenne als seine Unsichtbare, deren Verstand ihn bei allen Unterredungen so sehr eingenommen hatte, so wählte er gar nicht lange, welchen Entschluss er ergreifen sollte, ohne auf die Drohungen zu achten, die man ihm gemacht hatte, da er ohnehin nicht gewohnt war sich dadurch abschrecken zu lassen. Noch an demselben Tage begab er sich zur gewohnten Stunde an das Gitter, doch wurde er mitten im Gespräch von vier maskierten Personen angegriffen, entwaffnet und mit Gewalt in einen Wagen getragen, der am Ende der Strasse wartete. Der Leser kann leicht erraten, wie sehr er auf diese Masken schimpfte und ihnen vorwarf, dass sie ihn in überlegener Zahl angegriffen hätten. Er versuchte sogar, sie durch Versprechungen zu gewinnen, doch statt sie zu überreden, bewachten sie ihn nur desto schärfer und benahmen ihm alle Hoffnung, sich durch Mut und seine Stärke helfen zu können. Unterdessen ging der Wagen immer in einem scharfen Trab von vier Pferden fort und zur Stadt hinaus; nach einer Stunde hielt man an einem prächtigen Haus, dessen Türen zu seinem Empfang geöffnet waren. Die vier Masken stiegen mit Don Karlos ab und hielten ihn unter den Armen fest, so wie man einen Gesandten vor den Grossherrn befördert. Man führte ihn in derselben Zeremonie in das erste Stockwerk, wo zwei maskierte Fräulein ihn an der Türe eines grossen Saales erwarteten, jede mit einem Wachslicht in der Hand. Hier verliessen ihn die maskierten Männer, indem sie ihm ein tiefes Kompliment machten. Vermutlich Hessen sie ihm weder Pistolen noch Degen und er vergass auch nicht ihnen dafür zu danken, dass sie so gut acht auf ihn gegeben hatten. Vielleicht vergass er es auch. Nicht als ob er unhöflich gewesen wäre, allein einem Gefangenen kann man ja wohl eine kleine Unhöflichkeit verzeihen.

Ich werde auch nicht sagen, ob die Leuchter, die die Fräulein trugen, von Silber waren, dies wäre das wenigste, sie waren vielmehr von vergoldetem Silber mit eingegrabener Arbeit. Der Saal war, wenn ihr es so haben wollt, der prächtigste von der Welt, und ebensogut möbliert wie die Zimmer in den Romanen, wie z. B. das Schiff der Zelmaandra in dem ›Polexander‹, der Palast des Ibrahim in dem ›Erlauchten Bassa‹, oder das Zimmer, wo der König von Assyrien die Mandane in dem ›Cyrus‹ empfängt, welches letztere Buch nächst den oberen unstreitig am allerbesten möbliert ist. Man kann sich also das Erstaunen unseres Spaniers vorstellen, als er sich in einem prächtigen Zimmer fand, in Gesellschaft zweier Fräulein, welche nichts sprachen und ihn nun in ein noch prächtigeres Zimmer führten, in dem sie ihn jetzt allein liessen. Wäre er Don Quichottischen Sinnes gewesen, so hätte er hier seine Sache gefunden und sich gewiss eingebildet, entweder Esplandir oder Amadis zu sein; aber unser Held liess sich davon so wenig rühren, als wenn er in einem Zimmer seiner Wohnung oder einer Herberge gewesen wäre; nur vermisste er seine Unsichtbare sehr, und da er beständig an sie dachte, so schien ihm dieses Zimmer ärger als ein Gefängnis, das man gewöhnlich nur von aussen schön findet. Er sah wohl ein, dass man ihm hier, wo man ihn so prächtig logierte, kein Übel zufügen wollte; er zweifelte auch nicht, dass die Dame, die er gestern in der Kirche gesprochen hatte, die Zauberin dieses Schlosses ist. Er bewunderte bei sich den Sinn der Weiber und wie schnell sie ihre Entschlüsse ausführen; und entschloss sich, das Ende dieser Begebenheit ruhig abzuwarten und seiner vergitterten Dame treu zu bleiben, so viel Drohungen und Versprechungen man ihm auch machen würde. Einige Zeit später traten einige maskierte Diener herein, deckten den Tisch und trugen das Abendessen auf. Alles war höchst prächtig; die Musik und die Räucherbecken waren nicht vergessen, und unser Don Karlos befriedigte ausser den Sinnen des Geruchs und Gehörs auch den des Geschmackes, mehr, als man ihm in dem Zustande, in dem er war, hätte zutrauen sollen; aber was vermag ein grosser Mut nicht alles! Doch ich vergass euch zu melden, dass er sogar den Mund ausgespült hat, denn, soviel ich weiss, hielt er viel auf seine Zähne. Die Musik dauerte noch eine Zeitlang nach dem Abendessen fort, und da alles weggegangen war, spazierte Don Karlos lange Zeit auf und ab, und dachte an all diese Zaubereien oder auch an etwas anderes. Bald darauf, ohne zu fragen, ob er Lust hätte, sich schlafen zu legen, kamen zwei maskierte Fräulein nebst einem maskierten Zwerg herein, um ihn auszukleiden, nachdem sie vorher einen prächtigen Nachttisch aufgestellt hatten. Er liess alles mit sich machen, was man wollte, die Frauenzimmer machten ihm das Bett auf und gingen fort; der Zwerg zog ihm die Schuhe oder die Stiefel aus und kleidete ihn hierauf völlig aus. Don Karlos legte sich zu Bett, und alles dies geschah, ohne dass von beiden Seiten ein Wort gesprochen wurde.

Für einen Verliebten schlief er ziemlich ruhig, nur die Vögel eines in der Nähe hängenden Bauers weckten ihn morgens früh auf. Der maskierte Zwerg erschien wieder und liess ihm die allerfeinste, weisseste und wohlriechendste Wäsche anlegen, die man sich nur vorstellen kann. Wir wollen uns nicht darüber aufhalten, zu erzählen, was er bis zum Mittagessen tat, als welches ebenso kostbar war wie das vorige Abendessen, sondern gehen gleich zum Bruch des Stillschweigens. Eines der maskierten Fräulein brach es zuerst, indem sie fragte, ob es ihm angenehm wäre, die Besitzerin des Schlosses zu sehen. Er antwortete, sie solle ihm sehr willkommen sein. Bald darauf erschien sie selbst, von vier prächtig gekleideten Fräuleins begleitet: niemals hatte unser Kavalier eine Person von besserem Anstand gesehen als diese unbekannte Fee; er war so entzückt und zugleich so erstaunt, dass er unter den vielen Reverenzen und Schritten, die er ausführte, und indem er ihr die Hand bot, um sie aus dem Zimmer in ein anderes zu geleiten, mehr stolperte als ging. Alles was er Schönes in dem Saal und in dem Zimmer gesehen hatte, von dem wir schon geredet haben, war nichts in Vergleich mit diesem Zimmer, und das Ganze wurde noch durch die Pracht der maskierten Damen gehoben. Sie traten auf den reichsten Fussteppich, der je gesehen wurde, seitdem Teppiche in der Welt sind. Dem Ritter wurde wider seinen Willen ein Armsessel hingesetzt und die Dame setzte sich auf eine Menge reicher Kissen ihm gerade gegenüber; sie liess hierauf ihre Stimme gleich einem süssen Klavier ertönen und sagte ihm ungefähr folgendes: »Ich zweifle nicht, Don Karlos, dass alles das, was seit gestern in meinem Hause mit Euch vorgegangen ist, Euch sehr befremden muss, und wenn dies auch keinen grossen Eindruck auf Euch gemacht hat, so werdet Ihr wenigstens daraus ersehen haben, dass ich mein Wort halten kann, und nach dem, was ich getan habe, könnt Ihr leicht auf das schliessen, was ich zu tun imstande bin. Vielleicht ist meine Nebenbuhlerin durch ihre Künste und weil sie so glücklich war, Euch zuerst zu kennen, schon ganz Herrin von dem Platz geworden, den ich ihr in Euerm Herzen streitig mache. Allein ein Frauenzimmer lässt sich nicht so leicht abschrecken, und wenn meine Glücksumstände, die gewiss nicht zu verachten sind, nebst all dem, was man mit mir besitzen wird, Euch nicht bewegen können, mich zu lieben, so habe ich wenigstens die Genugtuung, dass ich mich weder aus Scham noch aus List verborgen habe, und dass ich mich lieber wegen meiner Fehler verachtet sehen will, als durch meine List geliebt werden.« Mit diesen Worten nahm sie die Maske ab und zeigte Don Karlos den offenen Himmel, oder besser gesagt den Himmel im Kleinen: den schönsten Kopf, der von dem schlanksten Körper und der feinsten Taille unterstützt war; kurz eine ganz herrliche Person. Nach der jugendlichen und frischen Gesichtsfarbe hätte man sie ungefähr sechzehn Jahre geschätzt, allein etwas sanftes Majestätisches, welches die ganz jungen Damen nicht haben, zeigte, dass sie auf zwanzig Jahre zu schätzen war. Don Karlos blieb einige Zeit ohne ihr zu antworten; er war böse auf seine unsichtbare Dame, die ihn hinderte, sich der schönsten Person, die er je gesehen, zu ergeben; er wusste nicht was tun noch sagen; nach längerem Kampfe endlich, der die Dame schon in Verlegenheit setzte, fasste er den Entschluss, ihr das zu bekennen, was in seinem Herzen vorging. Hier ist die Antwort, die er ihr gab, und die man sehr gerne glaubte: »Ich leugne es nicht, Madame, dass ich sehr glücklich wäre, Euch zu gefallen, wenn ich Euch nur lieben könnte. Ich sehe wohl, dass ich die schönste Dame von der Welt verlasse, für eine andere, die es wohl nur in meiner Einbildung ist. Doch würdet Ihr mich Eurer Liebe für wert halten, wenn Ihr mich der Untreue fähig hieltet? Und könnte ich treu sein, wenn ich Euch lieben könnte? Bedauern Sie mich also, Madame, ohne mir zu zürnen, oder vielmehr: wir wollen uns beiderseits bedauern – Sie, dass Sie nicht haben können, was Sie wünschen, und mich, da ich diejenige nicht sehen kann, die ich liebe.«

Er sagte dies alles mit so trauriger Miene, dass die Dame merken konnte, dass es ihm ernst war. Sie tat alles, um ihn zu bereden und einzunehmen, allein er war taub gegen ihre Bitten und liess sich durch ihre Tränen nicht rühren. Sie setzte ihm verschiedentlich zu, doch er verteidigte sich ritterlich. Endlich wurde sie zornig, schmähte auf ihn, machte ihm Vorwürfe und sagte ihm alles, was ihr der Zorn nur eingab und liess ihn allein, wo er Zeit genug fand, sein Schicksal zu verwünschen, das ihn so früh unglücklich gemacht hatte. Bald darauf erschien ein Fräulein, das ihm sagte, es stände ihm frei, im Garten zu spazieren. Er ging nun durch all die schönen Zimmer, ohne jemanden zu treffen, bis zur Treppe, die zehn maskierte Männer bewachten, die mit Speeren und Karabinern bewaffnet waren. Indem er durch den Hof nach dem Garten ging, der ebenso schön war wie das Haus, da ging einer dieser Wächter an ihm vorbei ohne ihn anzusehen und sagte ihm leise, als wenn er befürchtete, gehört zu werden: ein alter Edelmann hätte ihm einen Brief für ihn gegeben, und er hätte versprochen, ihn ihm eigenhändig zu übergeben, obgleich sein Leben darauf stände, wenn er entdeckt würde; aber ein Geschenk von zwanzig Pistolen und das Versprechen auf ebensoviel liessen ihn es wagen. Don Karlos versprach verschwiegen zu sein und eilte in den Garten, um folgenden Brief zu lesen:

»Seit der Zeit, dass ich Sie verloren habe, können Sie sich meine Angst nicht besser vorstellen, als wenn Sie sich den Zustand denken, in dem Sie sich selbst jetzt befinden müssen, wenn Sie mich so lieben wie ich Sie. Doch bin ich etwas ruhiger seitdem ich den Ort erfahren habe, wo Sie sind. Es ist die Prinzessin Porcia, die Sie hat entführen lassen, sie schont nichts, wenn sie ihren Willen haben will, und Sie sind nicht der erste Reinold dieser gefährlichen Armide. Aber ich will all ihre Künste vernichten, und Sie bald aus ihren Armen reissen, um Sie in die meinigen zu schliessen, und dies werden Sie verdienen, wenn Sie so beständig sind wie ich es wünsche.

Die Unsichtbare.«

Don Karlos war so entzückt über die Nachrichten seiner Dame, die er aufrichtig liebte, dass er den Brief hundertmal küsste und an die Gartentür zurücklief, um den zu suchen, der ihm die Nachricht gebracht hatte, und ihn mit einem recht hübschen Diamant zu belohnen, den er am Finger trug. Er spazierte noch einige Zeit im Garten herum und konnte sich nicht genug über die Prinzessin Porcia verwundern, von der er oft gehört hatte, dass sie eine junge, sehr reiche Dame und aus einer der ersten Familien des Königreichs wäre, und da er sehr tugendhaft war, so empfand er einen solchen Abscheu gegen sie, dass er sich entschloss, mit Gefahr seines Lebens alles aufzuwenden, um sich seiner Gefangenschaft zu entziehen. Am Ausgang des Gartens fand er ein Fräulein unmaskiert (jetzt maskierte man sich nicht mehr im Palast), das ihn fragte, ob er gern mit ihrer Herrschaft heute essen möchte. Man kann sich denken, mit welcher Miene er den Willkomm dazu bot. Man deckte hierauf die Tafel, zum Abend- oder Mittagessen, ich erinnere mich nicht mehr welcher Mahlzeit. Porcia erschien schöner denn je. Sie war während der Mahlzeit reizend und zeigte so vielen Verstand, dass unser Ritter bedauerte, dass so vortreffliche Gaben von einer Dame so hohen Standes so schlecht angewendet würden. Er zwang sich so gut er konnte, munter zu scheinen, obgleich er beständig an seine Unbekannte dachte und sehnlichst sich an sein Gitter zurückwünschte. Sobald gegessen war, liess man die beiden allein, und da Don Karlos, entweder aus Ehrfurcht oder um die Dame zu nötigen, zuerst zu reden, stille schwieg, so unterbrach sie das Stillschweigen mit folgenden Worten: »Ich weiss nicht, ob ich mir von der Heiterkeit, die ich auf Euerm Gesichte zu bemerken, glaube etwas erhoffen darf, und ob diejenige, die ich Euch gezeigt habe, Euch schön genug erscheint oder Euch zweifeln lässt, dass die andere, die man Euch noch verbirgt, Euch noch verliebter machen könnte. Ich habe das was ich Euch geben wollte nicht versteckt, weil ich nicht wollte, dass Ihr es einst bereuen solltet, es erhalten zu haben. Obgleich ich gewohnt bin, mich bitten zu lassen, könnte ich durch eine abschlägige Antwort leicht beleidigt werden, doch werde ich über Eure Weigerung nicht zürnen, wenn Ihr alles wieder gut macht und mir das schenkt, was Ihr mir mehr schuldig seid als Eurer Unsichtbaren. Sagt mir also Euern letzten Entschluss, damit ich, falls er ungünstig ausfällt, hinreichende Gründe suche, die Ursache zu vernichten, die mich bewogen hat, Euch zu lieben.« Don Karlos wartete eine Weile, ob sie wieder anfange zu reden, da sie aber schwieg und mit gesenkten Augen das Urteil erwartete, das er aussprechen sollte, so befolgte er den Entschluss, den er schon einmal gefasst hatte: ganz offenherzig mit ihr zu reden und ihr alle Hoffnung zu nehmen, dass er jemals der ihrige werden würde. Dies tat er folgendermassen: »Madame, bevor ich das beantworte, was Ihr von mir wissen wollt, so müsst Ihr mir mit eben der Aufrichtigkeit, die Ihr von mir fordert, Eure wahren Meinungen über das, was ich sagen werde, entdecken. Wenn Ihr von einer Person geliebt würdet, die Euch alle Gunstbezeigungen gegeben hätte ohne ihre Tugend zu verletzen, und der Ihr unverletzliche Treue geschworen, würdet Ihr den nicht für den schlechtesten und niederträchtigsten Menschen halten, wenn er dies sein Versprechen brechen würde? Und wäre ich nicht dieser schlechte und niederträchtige Mensch, wenn ich um Euretwillen eine Person verliesse, welche glauben darf, dass ich sie liebe?« Er wollte so noch eine Menge schöner Grundsätze hersagen, um sie zu überzeugen, aber sie liess ihm nicht Zeit dazu, sondern stand hastig auf, indem sie sagte, sie sähe wohl wo er hinaus wolle; sie müsse zwar seine Beständigkeit bewundern, obgleich sie ihrer Ruhe sehr nachteilig wäre, sie setze ihn daher wieder in Freiheit und bäte es sich nur als Gefälligkeit aus, zu warten bis es Nacht geworden, um auf ebendieselbe Art wieder fortzugehen, wie er angekommen war. Sie hielt während dieser Rede das Taschentuch vor die Augen, um ihre Tränen zu verbergen, und liess unsern Ritter zwar etwas verlegen, jedoch freudig, sich wieder in Freiheit zu sehen, also dass, wenn er auch der grösste Heuchler gewesen wäre, er dennoch seine Freude hätte nicht verbergen können, und wenn die Dame darauf acht gegeben hätte, sie ihm ganz gewiss Vorwürfe darüber würde gemacht haben. Ich weiss nicht ob es bald Nacht wurde, denn wie ich schon oben gesagt, ich gebe mir nicht mehr die Mühe, weder Zeit noch Stunden anzuzeigen – genug, sie kam und er setzte sich in einen geschlossenen Wagen, der ihn nach einer ziemlich langen Fahrt in seine Wohnung brachte. Da er der beste Herr von der Welt war, so wollten seine Bedienten, als sie ihn wieder sahen, vor Freuden ganz ausser sich kommen und hätten ihn mit ihren Umarmungen bald erstickt; allein sie genossen ihn nicht lange, denn er nahm seinen Degen und zwei von seinen Leuten, die sich nicht prügeln liessen, und lief geschwind nach seinem Gitter und so eilig, dass seine Leute ihm kaum folgen konnten. Er hatte kaum das verabredete Zeichen gegeben, als seine unsichtbare Schöne ihm erschien. Sie sagten sich eine Menge solch zärtlicher Sachen, dass mir immer die Tränen in die Augen kommen, wenn ich nur daran denke. Endlich sagte die Unsichtbare, dass in dem Hause, wo sie jetzt eben wären, ihr ein verdriesslicher Zufall begegnet wäre, sie habe schon nach einem Wagen geschickt um fortzufahren, da er aber so lange ausbliebe, und der seinige geschwinder bereit sein könnte, so bäte sie ihn, ihn holen zu lassen und sie an einen gewissen Ort zu fahren, wo sie ihm ihr Gesicht nicht länger verbergen würde. Unser Ritter liess sich das nicht zweimal sagen, und lief wie närrisch zu seinen Leuten hin, die er am Ende der Strasse gelassen hatte und schickte nach seinem Wagen. Als dieser ankam, hielt die Unsichtbare Wort und setzte sich zu ihm hinein. Sie sagte dem Kutscher welchen Weg er nehmen solle und liess vor einem grossen Haus halten, in das sie beim Schein vieler Fackeln, die bei ihrer Ankunft angezündet wurden, eintraten. Der Ritter ging mit seiner Dame eine grosse Treppe hinauf in einen Saal, wo er sehr unruhig wurde als sie sich immer noch nicht demaskierte. Nachdem endlich verschiedene prächtig gekleidete Fräuleins mit Wachskerzen herbeigekommen waren, um sie zu empfangen, da wurde die Unsichtbare sichtbar und zeigte Don Karlos, indem sie die Maske abnahm, dass die Gitterdame und die Prinzessin Porcia ein und dieselbe Person war. Ich werde die angenehme Überraschung Don Karlos' nicht schildern: die schöne Neapolitanerin sagte ihm, dass sie ihn zum zweiten Male entführt habe, um seinen letzten Entschluss zu hören; die Gitterdame habe all ihre Ansprüche an sie übertragen und sagte so noch eine Menge schöner und witziger Sachen. Don Karlos warf sich ihr zu Füssen, umfasste ihre Knie und wollte bald ihre Hände vor lauter Küssen aufessen, was ihn der Mühe überhob, ihr all das dumme Zeug vorzusagen, das man gewöhnlich sagt, wenn man zu glücklich ist. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, bot er all seinen Witz und Schmeichelei auf, um seine angenehme Überraschung der Geliebten zu zeigen; er tat dies in so schmeichelhaften und schönen Worten, dass sie sich ausserordentlich freute, in ihrer Wahl nicht betrogen zu sein. Sie erzählte ihm nun, dass sie sich niemals auf eine andere Person in dieser Sache als auf sich selbst verlassen wollte, ohne das sie ihn niemals hätte lieben können, und dass sie niemals einen weniger beständigen Mann als ihn je geliebt haben würde. Darauf kamen die Eltern der Prinzessin Porcia an, die benachrichtigt worden waren. Da sie unter die ersten Familien des Königreichs gehörten, so kostete es wenig Mühe, die Erlaubnis zu einer Heirat vom Erzbischof zu erhalten. Sie wurden noch an demselben Abend vom Pfarrer des Kirchspiels getraut, der ein sehr guter Priester und vortrefflicher Redner war; deshalb darf man nicht fragen, ob er eine schöne Trauungsrede hielt oder nicht. Man sagte, dass die beiden am folgenden Morgen sehr spät aufgestanden sind, was ich gar gerne glaube. Die Nachricht ihrer Verheiratung wurde bald bekannt, und der Vizekönig, der ein naher Verwandter des Don Karlos war, war darüber so froh, dass die öffentlichen Belustigungen in Neapel wieder aufs neue anfingen, wo man noch jetzt von Don Karlos von Arragonien und seiner unsichtbaren Geliebten spricht.

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