Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Nachschrift

Da in diesem Kapitel eines gewissen Knaben Worble gedacht wird und da es gerade derselbe ist, der viele Jahre später das berühmte magnetische Gastmahl gegeben: so will ich die Beschreibung davon sogleich hier einschichten; es wird aber auffallen.

Das große magnetische Gastmahl des Reisemarschalls Worble

Magnetische Gastmähler können nur wenige Menschen geben, Fürsten und Kapitalisten am allerwenigsten. Desto lieber ist es mir, ob ich gleich nicht mit an der Tafel saß, daß der Reisemarschall Peter Worble die Sache machen konnte, der unter allen Tischen, den Spiel- und den Schreib- und Sessiontisch nicht ausgenommen, keinen so gern hatte als den Eßtisch; nur mußt' es kein einsitziger, sondern ebensowohl etwas an als auf ihm sein. Ein Mitesser war ihm ein halbes Essen; er genoß zu seinen Speisen immer gern einige Gäste, ja er hätte auf eine Nachtigall, welche die gesangreichen Italiener so gern – verspeisen, ein paar Gäste eingeladen und den Vogel in der Luft geschickt zerlegt, wär' er einem solchen Braten mit seinem Beutel gewachsen gewesen.

Es fiel zum Glück gerade in die Zeit eines Mittelalters, wo er halb bezahlen und halb entlehnen konnte, daß er seine Menschenliebe und Eßliebe durch das große magnetische Gastmahl befriedigte, das ich eben zu beschreiben habe. Künftig wird man noch genug davon lesen, daß dieser Peter Worble der stärkste Magnetiseur war, welchen nur die Geschichte aufführen kann nach einem Puysegur, der sogar einen widerspenstigen lachenden Postillion von weitem zur Ruhe brachte, oder nach einem Pölitz in Dresden, der an einer Tafel bloß durch Handauflegen auf die Achsel auf der Eßstelle einschläferte. Worble freilich war gar noch darüber hinaus; er übersprang und überflog alle Grade der Einschläferung so mächtig, daß er sogleich bei dem Erwachen anfing, nämlich bei dem Hellsehen. Es sei nun seine durch Marksuppenanstalten verdoppelte Körperkraft – oder, seine zwei sechsten Finger an den Händen, die er, wie Katzen und Löwen unter dem Gehen ihre feinen Schneidekrallen, gewöhnlich einschlug, und die er folglich ohne Abnutzung geladen erhielt – oder sei es sein verstecktes Magnetisieren mit den Fußzehen – oder weil es überhaupt magnetische Goliathe geben kann, auf die man erst künftig mehr achten wird – oder es sei, was am wahrscheinlichsten, dies alles zusammengenommen die Ursache davon, kurz Worble brachte durch Anschauen und allmächtiges Wollen und unsichtbares Fernhauchen und Finger- und Zehenhandhaben die magnetischen Wunder des Hellsehens, der Sinnen-Versetzung, der Anschmiedung an den Magnetiseur, zu welchen andere Monate brauchen, in Minuten zustande.

Unter allen Wundern war nun dem guten, ebenso spaß- und menschenliebenden als essenliebenden Reisemarschall Worble das bekannte das liebste, daß ein Hellseher jeden Bissen und Tropfen schmecken mußte, den sein Magnetiseur zu sich nahm. Nie aber zeigte sich sein gutes Herz und seine Freigebigkeit, so wie seine herrliche Magnetkraft, in schönerem Lichte als bei dem berühmten Gastmahl, das er in der Stadt Wien – so heißt der Gasthof – einer ansehnlichen Gesellschaft von kranken und hungrigen Männern aus verschiedenen Ständen gab.

Er ließ nämlich in der gedachten Stadt Wien eine große Tafel mit 32, wenn nicht mehren Gedecken bereiten und bestellte zwei Gänge der ausgesuchtesten Speisen, jedoch von jeder Speise nur eine Portion, und zwar für sich allein. Unter den höchst-bedeutenden Gästen (um doch einige näher anzugeben) erschienen ein philosophischer Ordinarius, der an seiner neuen Philosophie, weil sie hinter den drei andern frühern Philosophien nicht abgehen wollte, halb umkam vor Hunger und vor Ärger – ein außerordentlicher Professor der Jurisprudenz, der sich an Napoleons rheinischer Bundes-Akte zu einem erlangischen Glück über das römische Recht, nämlich zu einem Glück über das neudeutsche hatte hinaufkommentieren wollen, aber damit samt dem Bunde sitzen geblieben war, gleichfalls siech und arm – mehre Schulmänner voll Eßlust und Nahrungssorgen – ein Prälat und ein Propst und noch einige Klosterleute, sämtlich krankhaft genug, weil sie immer sowohl vor dem Essen gegessen als nach dem Essen – desgleichen einige Hofleute, aus demselben Grunde preßhaft – und ein paar Landleute von Stand, aber durch Krieg herunter und erdfarbig – und ich könnte noch fünf oder sechs Gäste anführen.

Nachdem nun der Reise- und Futtermarschall seine Gäste mit Handdrücken und Fußscharren – nicht sowohl aus Achtung als aus magnetischer List – empfangen hatte und vor die so kunstreich wie Schwüre gebrochnen Tellertücher setzen lassen: bracht er sie alle, noch eh' sie ein Tuch entfaltet hatten, auf ihren Eßstühlen in Schlaf, und sie faßten sich alle (so wollt' ers still als Magnetiseur) wie Brüder an den Händen an, woran sie sich auch unter dem ganzen Essen forthielten, und sahen sämtlich hell.

Jetzo ließ er eine köstliche Sardellensuppe auftragen und leerte zwei Teller davon mit solchem Wohlbehagen ab, daß die Professoren und die Schulmänner einstimmig versicherten, sie hätten zum ersten Male eine so feine Suppe geschmeckt, als er sie darüber fragte und ihnen die trocknen Suppenteller weggenommen wurden und andere vorgesetzt.

Es wurde ferner aufgetischt moskowitisches Rindfleisch und ein Krebspastetel, nebst gebacknen Froschschenkeln. Der Reisemarschall schickte, noch eh' er nur das Messer genommen, die Bemerkung voran: er habe mit Vorbedacht, damit die Parität und Duldung der Römisch-katholischen und der Protestanten am Tische so gut wie in Deutschland erhalten werde, auf heute, wo kein Fleischtag sei, für die Bekenner der römischkatholischen Kirche die Krebse und die Frösche bestellt; wenn er aber das moskowitische Rindfleisch esse, so werd' er natürlich dafür sorgen durch ein recht starkes WollenBei mehren Magnetiseuren kam es bloß auf ihr starkes Wollen an, daß die Hellseherin Gesprochnes nicht höre u. s. w., daß niemand von den Katholiken etwas davon schmecke, außer die Protestanten. Allein hier fielen ihm zwei katholische Hellseher in die Rede, der Prälat und der Propst, echte Maulchristen, aber im schönern Sinne, nämlich im Schmecksinne, Männer, welche das Sprichwort: Blut (der Märterer) ist der Samen der Kirche (sanguis semen ecclesiae) auf ihr eignes anwandten und dessen nicht genug durch Verdauen zu machen wußten, diese gaben ihm die Nachricht, daß sie für ihre kränkern Jahre, so strenge sie auch in ihren gesündern das Fasten gehalten und sich bloß auf die von der Kirche erlaubten Fastenaustern, Fastenforellen, Aale, Salme, Seekrebse eingeschränkt, sich Fastendispense erwirkt hätten, und daß er also das moskowitische Rindfleisch und alles andere Fleisch ihnen so gut wie sich selber könne schmecken lassen. – Auf diese Weise konnte denn der Marschall als schottischer Eß- oder Logenmeister seine Loge zum hohen Lichte ausgesucht traktieren sogleich bei dem ersten Gerichte. Es wäre überhaupt nicht zu sagen, wie herrlich es allen geschmeckt, da er zu essen anfing, hätten nicht die paar Landleute von Stand einen zu großen Ekel an den Froschschenkeln verspürt, die ihnen sein Käuen mit zu kosten gegeben; die einfältigen Landleute konnten sich gar nicht in Franzosen und Frösche, nämlich in den Geschmack daran, hineinversetzen, und Worble hatte zum Unglück in der Eile ganz vergessen, es zu wollen, daß sie nichts davon schmeckten.

Darauf bewirtete unser Bienenwirt – um so mehr einer zu nennen, da die Bienen sich bei jedem Bienenwirte ihren Honig selber machen müssen – den geistlichen Bienenstand, besonders den Prälaten und Probst, mit einem Austerragout, welches ihm so gut schmeckte, daß er den weltlichen und tonsurierten Leckermäulern sich aufopferte und anderthalbe Teller mehr verzehrte, weil man ihn von zu vielen Seiten darum ersuchte; aber freilich konnt' er damit eine ebenso seltene als unschuldige Freude machen, da die guten Leute, welche bisher zu ihrem Magenschaden vergessen hatten, daß man, wie an Purgiermittel, Eide und Messen, ebenso an Essen bloß nüchtern zu gehen habe, nun auf einmal so viele Austern durch ihren Verdaugeschäftträger genießen konnten, als sie nur wollten, ohne das geringste Magenfieber. Was die mitessenden Hofleute betrifft, sie waren vollends außer sich über den Wirt, und sympathetisches Mitgefühl ihrer Geschmacknerven mit seinen zeigte ein Herz, das fühlte, was der andere fühlt, und an fremder Freude teilnahm, was weit schwerer ist als Mitleid.

Dieses üppige Genießen der ganzen eingeladenen Kostschule – nämlich einer Schule zum Kosten – dauerte von Schüssel zu Schüssel fort; beschränkte Landleute, darbende Schulleute und Klosterleute, magere philosophische Ordinarien und juristische außerordentliche Professoren der rheinischen Bundakten erfuhren nun an sich selber, wie gespickte Hechte schmeckten und gebratene Duck-Enten und große Prügelkrapfen und Rehziemer und gestiefelte Mandelköche. Unaufhörlich erkundigte sich der Reisemarschall bald bei dem einen, bald bei dem andern, ob er mehr von einem Gerichte begehrte, und nahm gern sogleich noch eine Gabel oder einen Löffel voll, indem er jedem die Furcht einer Überladung auszureden suchte und sich auf den Senf berief, den er als die beste Magen- und Gedächtnisstärkung zu allem reichlich nehme. Dabei wurde echter Kometen- oder Elferwein nicht gespart, ein Gewächs, das über manches mitspeisenden Zechbruders Zunge gar noch nie gekommen war, ja, eigentlich zu sprechen, auch jetzo nicht darüberkam. – Und was mußten vollends die Land- und die Schulleute denken und empfinden, als die Superweine großer Tafeln durch den feststehenden Elfer, gleichsam als Bravourarien durch ein Singspiel, sich schlängelten, nämlich Vorgebirgs der guten Hoffnung-Wein, ungarischer Ausbruch, vesuvischer lacrymae-Christi Ausbruch? – Sogar dem Reisemarschall stieg so viel davon in den Kopf, daß die hellsehende Schlafkameradschaft zuletzt etwas in den ihrigen bekam.

Als endlich die Gesellschaft satt und froh genug geworden und Worble zum Abschlusse der Verdauung noch ein Gläschen Anisette d'Amsterdam, dessen Stärke jedem einheizte, genommen: so hob er die Tafel auf und beurlaubte sämtliche Mitesser, gleichsam die Milchbrüder seiner Kost-Amme, mit der geistreichen und lebendigen Tischrede: »Mög' Ihnen doch allen mein wohlgemeintes Traktament, so gut es in der Stadt Wien zu haben war, einigermaßen geschmeckt haben! – Es hätte wohl besser ausfallen können, ja zehntausendmal besser, und gern hätt' ich (ich darf es sagen) Bayonner Schinken aufgetischt und Straßburger Pasteten samt polnischem Salat, desgleichen gefüllte Zungen von Troyes und Kälber von Rouen und Hähne von Caux und Kapaunen von la Fleche und Rotkehlchen von Metz; mit Freuden, wie gesagt, hätt' ich damit bewirtet; aber die Sachen waren nicht zu haben: konnt' ich doch kaum in der Stadt Wien gebacknen Katzendreck auftreiben und sächsische ChristscheitWie beides zu machen, steht im schwäbischen Kochbuch von J. Christiana Kiesin S. 284 und S. 312. und abgetriebene WespennesterWie diese zu machen, siehe baierisches Kochbuch von Klara Messenbeck. 6te Auflage, B. I. S. 481. und boeuf à la mode und pommersche Gans. Indes war doch das Essen (dies beruhigt mich) gesund und leicht. Wenn nach dem Koran in jenem Leben die Speisen durch die Schweißlöcher abgehen: so kann ich schon jetzo von den meinigen dasselbe versprechen, da ich Ihnen, so wie nach Strabo die Perser den Göttern von den Opfertieren nur die Seele darbrachten, etwas ebenso Geistiges am Gastmahle aufgetischt, nämlich den Geschmack, das einzige, aber beste, was der Kenner eben an Kunstwerken hat und womit er sie genießt.

Ich selber danke freilich der vortrefflichen Tischgenossenschaft den größten Genuß, um so mehr, da ich ungern allein genieße und hierin den Manichäern ähnlich bin, welche in der Taufe schwuren, niemals ohne Gesellschaft zu essenFueßlins Kirchen- und Ketzerhistorie. B. I. S. 121., auch dem Romanschreiber Hermes beifalle, welcher Gelehrten das einsame Essen so eifrig abrät. Wahrlich, wer den andern keinen Anteil an seinen Genüssen zuläßt, ist mir eine wahre Drohne, die wohl Honig einsammelt und saugt, aber nur für sich allein, indes ein Besserer der Bienenwirt ist, der zwar auch den Honig genießt und zeidelt, aber ihn stets in harten Wintern mit den Arbeitbienen teilt. So handelt oft z. B. der gute Fürst, wenn er offne Tafel hält und dadurch vielen hundert offnen Mäulern von Hungrigen den Himmel offen zeigt, so daß, wie zuweilen bei den Römern dem einen Erben die Kunstmünzen (numismata) vermacht wurden, dem andern aber der Genuß, sie anzuschauenL. 28. II. de usu fruct., hier das gaffende Volk der zweite Erbe ist und recht ansieht. – – Und so wünsch' ich Ihnen sämtlich zwei gesegnete Mahlzeiten zugleich, nämlich nach der jetzigen auch die nächste, da Sie, wie ich wünsche, wenn ich Sie durch Gegenstriche aufgeweckt und nach Hause gegangen, sich etwas bei dem Wirte bestellen und den Appetit befriedigen sollen, den ich nach Vermögen mit meinen schlechten Speisen zu schärfen getrachtet, so wie man von Platos spärlichen Gastmählern gerühmt, daß die Gäste darauf immer besondern Hunger verspürt.«

*

– So wurde denn der große magnetische Eßkongreß in der Stadt Wien geendigt, von dessen Pracht und Fülle ich schon so viel Rühmens vernommen. Und in der Tat war es wohl bloße Bescheidenheit, wenn der Reisemarschall sich mit einem Fürsten verglich und sein schmackhaftes Gastmahl mit einer offnen Fürstentafel, von welcher kein Zuschauer das Geringste schmeckt. Wahrhaftig, was hat selber bei dem an sich trefflichen Gabelfrühstücke des Kaisers Napoleon in Erfurt der ganze an der Tafel nahestehende Kongreß von Königen, Herzogen, Generalen, Ministern und Hofräten, worunter selber ein Wieland stand, von welchem man es eben aus seinen Briefen weiß, was hat der ganze Kongreß mehr davon gehabt als das Zusehen? Und war das offne Gabelfrühstück wohl etwas Besseres als ein Bild der Rheinbundakte, an welcher der außerordentliche Professor sich zum Pandekten- Glück emporarbeiten wollte? – Hingegen der Kongreß in der Stadt Wien, wo vom Hofmann an bis zum Schul- und Landmann alles in zwei Gängen schwelgte und sogar sich berauschte, kann anders sprechen vom Reisemarschall. Ja kaum war die Tafel aufgehoben und jeder aufgeweckt und der Reisemarschall zur Türe hinaus: so ließen sich (er zahlte unten noch in der Wirtstube an der Zeche seiner Portion) Schulleute und Landleute (sie hatten etwas im Kopfe) ganze Stücke gemeines Privatfleisch herauftragen und stillten den schönen Hunger (so wenig hatte die feine französische Küche ihren Magen verderbt) mit wenigem Reellen, indes zum großen Gastmahl viel magnetischer Aufwand für die Zungenresonanzböden nötig war, so wie die Engländer kleine Ausgaben mit Metallgeld abtun, aber große mit Papiergeld. – Kurz man darf es wohl noch einmal wiederholen: wo war ein ähnlicher froher Kongreß wie in der Stadt Wien, und wo kam so viel auf die Zunge, wenn auch nicht in den Leib?

Ernste Ausschweife zum zweiten Vorkapitel sind: Der Mensch ohne Poesie – Einsamkeit der Menschenseele – Der Atheist – Der Dichter – Geistige Erhabenheit der Berge.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.