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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wenn freilich die Selige zuweilen viel länger, nämlich einen ganzen Tag lang, mit ihren architektonischen Verzierungen, sechzehn Schnörkeln, acht Stengeln und drei Blätterreihen am Kapitell, und mit dem korinthischen Säulenfuß als eine lange Säule (unser gebeugter Tanzberger ist kürzer) dastehen konnte: so war es, wenn der Jubelsuperintendent etwas von seinem Kindersegen an Töchtern oder Söhnen taufen ließ, welche sie alle so lange lieb hatte und am Herzen trug, als sie nicht gehen konnten; und sie sagte oft mit erlaubtem Stolze: »Da steht keiner von des Herrn Herzogs jungen Pfarrherren auf der Kanzel, dem ich nicht zu seiner Zeit hätte die Nase geschneuzt.«

Bei einem solchen mäßigen Nachlaß von Freuden darf im Inventarium am wenigsten eine große, ob sie gleich jeder haben kann, ausgelassen werden, daß Regina ihren Gottestischrock anzog und durch das genommene heilige Abendmahl einen ganzen und dabei verdreifachten, ja verklärten Sonntag durchlebte. O so hat doch der Hungrigste einmal denselben – Tisch mit dem Reichsten gemein und kann sich an einem Brot und Wein begeistern, worauf noch keine Konsumtionssteuer gelegt worden. Setzte man vollends einen Generalsuperintendenten und seine Magd gegeneinander in die Waagschale: so gewann letzte ein großes Gewicht durch seines, da der Brotherr sich vor ihr etwas bücken und als ihr Abendmahlbrotherr sie bedienen mußte.

Freilich nach solchen Dienstfreuden einer Jubel-Regina folgen die Dienstleiden, welche ich heute, da sie vorüber sind, am wenigsten verschweigen darf; nur aber denkt an diese so wenig ein Herr oder vollends eine Frau, ja sogar eine Magd wie die verklärte, denn sie würde heute, von Toten auferweckt, Herrn und Frau beifallen und erklären: mein Dienst war gut genug, und ich wüßte noch heute, den Gottesdienst ausgenommen, keinen besseren.

Da auf der Erde gerade von Jahrhundert zu Jahrhundert die Freiheit immer mehr gesucht wird – so wie die Keuschheit immer niedriger im Preise sinkt –, so spürt jeder seine durch Abstich, wenn er in Reginas Gesindekerker blickt, wo vierzig Jahre hindurch Millionen Gänge nur an dem Zuck des fremden Fadens erfolgen, und ebenso jede Sitzung sich an einen bindet. Es ist hart, den ganzen Tag im Kleinsten wie im Größten keinen andern Willen zu vollstrecken als den fremden; und etwa höchstens in der Nacht durch Träume eine dunkle Freilassung zu gewinnen, falls sie nicht ganz wieder die Knechtschaft nachspiegeln. – Diese Regina oder Königin kannte nach der schlechten lukas-städtischen Verkürzung ihres Namens nur Regel.

War in allen Zimmern der Superintendentur die geputzteste lachendste Gesellschaft, so trieb sie im Wochenrocke ihr ernstes Fegwesen in der Küche, und die Gäste gingen vorbei, ohne nach ihr zu sehen. – Wie viele tausend andere Butten als bei der Weinlese trug sie in ihrem Leben vom Springbrunnen die Treppe hinauf, beide Hände wie betend gefaltet und nicht so leicht zurückschreitend, als sie hinlief, die leere Butte schief wie einen Hut hängend und die Arme müßig ineinandergeschlagen.

Ihre einzige Braut-Menuett und noch dazu nur eine halbe wars, daß sie, wenn sie an der rechten Hand schwer trug, mit der linken die Schürze, wie zum Tanze, etwas faßte. – Doch mag auch ein kleiner Großmutter-Tanz auf der Gasse das Seinige gelten, wenn sie in früheren Jahren mit einem Herzog-Söhnchen nach der abendlichen Turmmusik zerrend herumhopsete. Ja sie kam oft dem Weiberhimmel voll Sphärenklang und Sphärengang, nämlich dem Tanzplatze, zuweilen nahe bis auf die Schwelle, wo sie mit der Laterne zum Glücke recht lange warten mußte, bevor vom Hochzeitballe ihre Pfarrmamsellen aufbrachen. Ein ansehnlicher Leichenzug, dessen Anblick ihr zuweilen beschert wurde, war auch noch etwas von Tanz.

Immer wechselten Freud' und Leid wunderlich bei ihr. Ein neuer Besen war ihr ein Palmzweig – ein Pascharoßschweif – Putzfächer – umgekehrter Christbaum und Maienbaum; aber es begegnete ihr zuweilen – und sie durfte nichts sagen –, daß, wenn sie ihr Wasser nicht wie Säeleute den Samen geradeaus, sondern in weiten Zirkeln auf die Diele ausgesprengt, auf einmal der Jubilarius ihre Archimedes-Zirkel störte mit seinen breiten Fußstapfen. Reiner blieb ihr der Genuß eines ganz neuen Tragkorbs, zumal wenn er und also sie recht viel tragen konnte.

Sogar eine Gevatterschaft bleibt für eine arme Magd immer ein Sauerhonig und Helldunkel. Regina mußte anfangs bei einer ersten und letzten doch mehr vor Schrecken als vor Freude zittern; denn sie mußte dabei zwei Taler dem Patchen ins Kissen stecken – ebenso viele Kopfstücke der Hebamme in die Hand – und noch über einen halben Gulden Nebenausgaben in andere Hände. Diesen Aufwand eines vierteljährigen Dienstlohns kann wohl eine Magd bedenken, wenn auch nicht abweisen; aber dafür werden auch alle weiblichen Gesindstuben, alle Küchen- und andere Mägde, Köchinnen und Kammerjungfern meiner Meinung sein, daß die Religion, als ein höheres Leben, gleich dem Tode alle Stände gleich macht, und daß eine Magd am Taufstein so viel Menschenwert besitzt als der Pfarr- und Taufherr selber – daß allein in der Kirche ihre Person gilt, in der Küche aber nur ihre Arbeit – und daß ihr eiserner Name, der Taufname, den ihr kein Bräutigam rauben kann, sich ohne einen Mann von selber fortpflanzt, und zwar, falls künftig der Tauf-Knirps wieder zu Gevatter gebeten wird, auf eine unabsehliche Reihe weit. So war Regina denn für ihr Geld und ihre Konfession einen ganzen Nachmittag lang eine Honoratiorin gewesen, bis sie abends wieder Küchenfeuer anschürte in der Pfarrei des Taufherrn.

Wir kommen nun auf ihre vorletzte Ehre, welche die Veranlassung zu ihrer letzten wurde, zum Tode, nämlich auf ihr Jubelfest. Es ist überhaupt schon an sich gefährlich, über irgendeine lange Lebens-Dauer öffentlich zu jubilieren; der Tod, der überall herumschleicht, hört den Jubel und denkt dann in seinem gehirnleeren Schädelknochen, er habe das Spätobst übersehen, und bricht es sogleich. Die selige Regina konnte also wohl eine kostspielige Gevatterschaft aushalten; hingegen im gebückten Alter den schweren Krönmantel und Herzoghut und alle Kroninsignien zu tragen, drückt ein gebücktes Alter schwer. Ich erinnere mich noch recht gut, wie sie dort stand, den Kopf etwas vorgesenkt, aber sonst lang und aufrecht – mit vielen Runzeln, die sich durchschnitten, aber voll lauter freundlicher Mienen, und mit blauen hellen Augen im grauen Kopf – und mehr demütig als beschämt – und sie schien sich am meisten darüber zu freuen, daß ihre Herrschaft eine solche Jubelmagd sich gehalten.

Der Husten, den ihr der Zugwind aus Famas Trompete anblies, ist bekannt; und was Sie dagegen heilend versuchten, geschickter Rezeptuar Tanzberger, weiß alle Welt in diesem Trauerkondukt, Herr Marschalch sowohl als ich und andere. Es muß aber doch besonders berührt werden, obgleich in Ihrer bescheidenen Gegenwart, wie viel Sie getan und aufgewandt, und wie Sie zugleich rezeptierten und präparierten und nichts gespart, was die »Neu vermehrte heilsame Dreckapotheke von Christian Franz im Paulini etc. 1714, in Verlegung Friedrich Knochen und Sohns« im vierten KapitelS. 94. gegen den Husten ins Feld stellt von Unrat – Sie wandten Hirschkot auf nach eines Plinius und Dr. Wolffs Rat – Sie nahmen von Albert Heymbürger Ganskot an, in etwas Huflattichwasser – Sie opferten ein gutes, schon im Maimonat gesammeltes album graecum auf und ließen sich von Paulini selber leiten – ja gepulverte Geißbohnen in einigen Tropfen Wein waren Ihnen nicht zu kostbar, denn Gufer war Ihr Gewährmann und Vorgänger.

Kurz, als Bruder und als Sterkoranist strengten Sie Ihren anus cerebri, wie man den Anfang der vierten und wichtigsten Gehirnkammer anatomisch nennt, nach Kräften an, und immer kam etwas dabei heraus; denn in dem Tempel, welchen die Römer dem Husten (tussis) geweiht, waren Sie ein fleißiger Opferpriester und apostolischer Stuhl und brachten, wie andere Ärzte, der Gottheit Gaben oder Dosen. Das Genesen selber, da es, als eine Nebensache, nicht zum Kurieren gehört – denn mederi oder heilen kann bloß die Natur, hingegen wohl curare oder die Natur besorgen der Arzt, was eben seine Kuren und Sinekuren sind –, das Genesen blieb natürlich aus.

Aber darüber tröste sich doch endlich ein Rezeptuariat, das so viel für die Hustende getan! Es bedenke hier nicht bloß einiges, sondern das meiste. Was wir da von irdischen Resten vor uns sehen, ist bloß das niedergeschlagene Tanzbergersche Phlegma; aber der feinere aufgestiegene Geist ist längst in eine durchsichtige Phiole aufgetrieben und wird vollkommen aufbewahrt. Wir wissen, die Seele ist am besseren Orte und fragt nichts darnach, was wir hier als bloßen polnischen Rock und Kaputrock derselben, als Futteral des Kopfes, ja als Hutfutteral noch vor uns stehen sehen. Indes sogar der zurückgebliebene entseelte Kopf (hier wies der Leichenredner wieder auf des Provisors Gesicht im Spiegel, und dieser kehrte wieder seines dahin) kann uns noch dadurch erfreuen, daß er so ruhig und gleichsam unbekümmert um den Verlust seines Geistes uns ansieht, wie schon Lavater eine leidenschaftlose Verklärung auf kalten erblichenen Gesichtern wahrgenommen.

Das niedergebeugte Provisorat kann sich an dem Troste erheben, daß seine Regina weder zu spät noch zu früh für ihre Verdienste um die Welt aus solcher gegangen. Wenn die Küche – die Kinderstube – die Gesindestube – die prächtigen Herrschaft-Zimmer – der große Hausplatz – die Treppe – der Keller, wenn alle diese Statthaltereien oder Intendanturen unter ihrer von Herzog verliehenen Belehnung gediehen und alle Zweige ihrer Verwaltung, als der Ministerin des Innern, grünten und blühten unter ihrem Borstwisch und Kochlöffel: so hatte sie mehr getan und erreicht als manche Fürstin, welche höchstens stickt, aber nicht spinnt als Grundlage, und die nichts Größeres wäscht als ihre eigenen Hände, mit ihnen aber nichts. Und doch blieb Ihre hohe Verwandte, Herr Tanzberger, von jeher so bescheiden, daß sie sich eher unter eine Fürstin hinab- als über eine hinaufsetzte. Ihrer Bescheidenheit sei dies zugelassen und sogar hoch angerechnet; aber wir alle, Sie Leidtragender und das ganze Trauergefolge, das hier steht, bis auf mich herab, wir sehen recht gut ein, daß das Körperlich-Kleine nicht das Kubikmaß des Geistig-Großen ist, und die Meilenquadratur des Territoriums nicht der Tasterzirkel des Territorialherrens; denn sonst müßte sogar ein Universalmonarch der Erde tausendmal einschrumpfen gegen einen Pater Provinzial auf manchem Flecken der Sonne, der bekanntlich zuweilen tausendmal größer ist als unsere Erde selber; und wo hörte denn die körperliche Vergrößerung auf, da der Raum unendlich groß ist, aber nicht irgendein Regent desselben, z. B. ein Mensch? – Das Storchpflugrad, worin ein unscheinbarer Mensch sein Nest bauet, gehört auch zu den Weltpflügen und Weltuhrrädern; und das Backrädlein, womit die selige Regina ihre Kuchen auszackte und zuformte, geht nach meiner Meinung sogar den Kanonenrädern vor, durch welche die Fürsten Länder zu Enklaven ausschneiden.

Am meisten erfreut mich, daß ihre alten Tage nicht länger währten als bis zum Ehrentage. Schon dem begüterten Alter gehört Ruhe und Müßiggehen auf der früher mit Schweiß gepflügten Erde; aber wo will das dürftige Alter eines Dienstboten seine Ruhe finden als im Müßigliegen, unter sie untergeackert? – Bei dem Leben wird, wie bei dem Montblanc, nicht das Hinauf-, sondern das Heruntersteigen am schwersten, zumal weil man statt des Gipfels Abgründe sieht. – Unsere Jubilaria Regina kannte schon in ihrer Jugend nichts Schöneres als Sterben – ein Wunsch, den man gerade bei jungen Wesen ihres Standes am aufrichtigsten antrifft, indes die unnützen Mönche, je mehr sie bei ihren sinnlosen Memento-moris veralten, desto weniger aufhören wollen, älter zu werden, ordentlich als ob sie zum Sterben sich so wenig schickten als zum Leben. – Zum Glück ist Sterben der einzige Wunsch, der stets in Erfüllung geht, sei man noch so verlassen von Menschen und Göttern. So ist auch ein Dienstjubiläum das einzige Fest, das man nur einmal feiert im Leben. Nach solchen Festen ist es denn gut, wenn der Mensch hustet – wie viele tun, eh' sie zu singen anfangen; – denn in der Tat hatte unsre Jubilaria ihren Husten bloß vorher, ehe sie in ganz schöneren Gefilden des All ihren frohen Gesang anfing, den wir wohl ja auch einmal vernehmen werden und begleiten. Amen!

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