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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II. Enklave

Des Kandidaten Richter Leichenrede auf die Jubelmagd Regina Tanzberger in Lukas-Stadt

(Vorbericht vom Herausgeber des 3ten Bandes des Kometen)

Die Predigt des Kandidaten muß zum gewöhnlichen Eingange noch einen zweiten haben, den man denn hier anstößt als Heidenvorhof. Die verstorbne Tanzberger war die einzige Schwester des Rezeptuarius, des sogenannten Dreckapothekers. Er, der Bruder, hatte sie mit größter Gelassenheit sowohl als Magd bei dem Superintendenten behandelt, dann als Dienst-Jubilierende (wovon das Nähere nachher) und endlich als Kranke unter seinen Kurhänden, und darauf sie ebenso kühl aufgegeben, eingesenkt und beerbt. Nun war der Kandidat Richter von jeher – und fast noch jetzo – keinem Menschen so aufsätzig als den sogenannten phlegmatischen, welche kalt und langsam die Pfeife rauchten, noch kälter und langsamer die Zunge regen, und welche das Leben nicht lasen, sondern buchstabierten, und zwar ganz jüdisch, indem sie z. B. das Wort Rokiah so buchstabieren: Komoz Resch oder Ro; dann Chirik Kuph oder Ki; dann Patach Ain oderAh.Leben Mos. Philippsohns von Salomon. »Der Donner fahre in die kühlen Schnecken,« (sagte der Kandidat) »kann nicht der Narr kurz und schnell sein wie sein Leben und, was schon der große Friedrich foderte, jeden Bericht auf einer Blatt-Seite vollenden und jeden Prozeß schon in einem Jahre?«

Da der Bruder an der Schwester so wenigen Anteil nahm, ob sie ihm gleich wie aus den Augen geschnitten war: so ärgerte sich der Kandidat nebenher darüber noch aus dem Grunde stark, weil ihr Gesicht dem brüderlichen so ähnlich war, daß er seines darin gleichsam im altmachenden Spiegel sehen konnte. Aber für ihn wollte alles nicht viel vorstellen, nicht einmal ihr Jubel und Tod. Beide waren aber so:

Sie war bei dem Lukas-Städter grauen Generalsuperintendenten Herzog als Magd alt und fast mehr Lebens als Dienens satt geworden. Nun hatte die Dreiundsechzigjährige gerade an dem Tage, wo ihre Herrschaft – nämlich die männliche – ihr Amt-Jubiläum feierte, bei einer Viehausstellung, wo mehre Preise für die fettesten Tiere und die magersten, d. h. ältesten Dienstboten ausgeteilet wurden, von der Regierung das Belobschreiben empfangen, daß sie vierzig Jahre bei einer und derselben Herrschaft ausgeharret. Sie hatte ihrem sehr strengen frommen Jubelherrn, dem Generalsuperintendenten, schon gekocht und gewaschen, als er erst Subdiakonus war – dann war sie ihm auf der gewöhnlichen Schneckentreppe des geistlichen Münsters, wo die Stufen Jahre sind, nachgestiegen zum Syndiakonat – dann zum Archidiakonat – dann zum Stadtpfarrer – bis sie endlich mit ihm in der Generalsuperintendentur ankam. So hatte sie von unten mit ihm hinaufgedient. Als sie nun vor vielen hundert Paar Ohren öffentlich auf der großen Wiese ein Lob überkam – sie, die ihr ganzes Leben hindurch nur unter vier Ohren in der Küche mit der Gans zugleich erhoben wurde, die sie richtig gestopft –; als sie von dem Präsidenten persönlich angeredet, mit dem Ehrenkaftan angetan, nämlich verbriefet wurde mit dem Belobungpapier und statt einer gewöhnlichen Ehrenminute einen ganzen Ehrentag erlebte: so war es, wenn man bedenkt, daß Tasso vor seiner Lorbeerkrönung starb, fast ein Wunder, daß sie erst an ihr umkam, ja nach ihr sogar. Denn sie hatte an einem doppelten Ehrenkreuz zu tragen, nämlich auch an dem Gefühle der Ehre, daß ihre Brotherrschaft, der Superintendent, ein paar Tage vorher das eigne Amtjubiläum gefeiert, wovon breite Glanz-Silberflittern an sie anflogen und ihr Haar versilbern halfen.

Endlich schlug gar noch etwas anderes ihre letzte Stunde aus, nämlich eine Uhr selber, und zwar eine Repetieruhr; denn als Marggraf die Feierlichkeiten sah – jede ergriff ihn sehr – und das zugleich verjährte und ausgedörrte Gesicht dazu: so überwältigte ihn seine immer liebende bewegte Natur so sehr, daß er mit mehr Eile, als wohl schicklich war, zur Jubelmagd durch die Masse schritt und ihr, was er eben Bestes bei sich hatte, seine Repetieruhr mit einem breiten roten Seidenband – das er für jemand anders in der Tasche geführt hatte – gleichsam wie eine Guitarre um den Hals befestigte.

Das Band gehörte unter ihre Sargseile – es war zu viel, eine alte Magd nach der Uhr wie eine Dame zu behandeln, die mehr eine Männin wider die Uhr ist, nicht eine für sie. Regina wollte niemals wagen, sie aufzuziehen, um nichts abzusprengen; aber repetieren ließ sie, von Kunstverständigen beruhigt, das stillstehende Werk des Tages öfter die letzte Stunde des Stillstandes, welche elf Uhr war. Daß sie später gerade um elf Uhr abends einschlief oder selber stillstand, ist ordentlich die Fortsetzung jenes schon an sich wunderbaren Falls, wo in Beek (im Crefeldischen Kreise, s. Nürnberger Korrespondenten No. 68. 1815) am 11. Jenner der Blitz gerade um elf Uhr die Ziffer 11 vom Turmzifferblatt wegschlug.

Nur in ihrer letzten Mattigkeit ließ sie, um endlich einmal den Genuß der Uhr zu haben, solche sich aufgezogen anhängen; aber die Uhr ging noch fort, als ihr Herz schon stand.

Der Kandidat hatte sie und ihr ehrliches, bedächtiges, runzelvolles Gesicht bei der Krönung gesehen und hier wieder sein altes Mitleiden mit bejahrten Dienstboten empfunden, welche unentfesselt mit dem schweren Dienstblocke an den alten Füßen in die Grube einsteigen. Ihr würde er damals bloß die alte Pfaff im Landgericht Müdesheim vorgezogen haben, welche bloß 78 Jahre im Dienste und davon 48 in demselben verlebt, aber nachher 100 Jahre und 10 Monate alt geworden.Nürnberger Korrespondent. 1817. Nro. 298.

Dieses und manches andere benutzte der Reisemarschall Worble, den Kandidaten der Theologie zu einer Antrittpredigt – etwa diesesmal zu einem kurzen Leichensermon – aufzumuntern. »Eine Kanzel ist ja schon da im Gasthof«, sagte er, »- Honoratioren als Leichenkondukt auch, ich und der Hofprediger – der Leidtragende desfalls, der Rezeptuar Tanzberger, und nichts fehlt als die Leiche.« – »Nicht einmal diese«, versetzte Richter. Da ihm nämlich hier die seltene Gesichtähnlichkeit des Rezeptuars mit der Schwester einfiel, so daß dessen Gesicht als ein Schieferabdruck und Steindruck des ihrigen im Feuer der Leichenrede für ihr eignes angesehen und angesprochen werden konnte: so war dies dem Kandidaten, teils Scherzes, teils Rache halber am ungerührten Bruder, so erwünscht als irgendein Spaß auf der ganzen Fahrt. So fing er denn vor Süptitz, vor Worble und vor Tanzberger, dessen kaltes Gipsabdruckgesicht zugleich ihn selber und die Erblaßte vorstellte, die Rede auf der Mobiliar-Kanzel an, wie folgt:

Gebeugter Tanzberger!

So ist denn Ihre Schwester Regina Tanzberger nicht mehr; denn was noch vor uns steht (hier deutete der Kandidat leicht mit der Hand gegen einen Spiegel rechts auf Tanzbergers Bild darin, und dieser suchte wieder im Spiegel nach und sah hinein) – dies sind bloß die kalten seelenlosen Hülsenreste des entflogenen Geistes, der seinen kallösen Körper, sein corpus callosum oder caput mortuum nicht länger beseelen wollte; es ist bloß das schildkrotene Uhrgehäuse der herausgehobenen Repetieruhr; das bloße Hippokrates-Gesicht, ja die Hippokrates-MützeSo heißt bei den Wundärzten eine gewisse Bandage des Kopfs. oder Mitra capitalis Hippocratis der kranken, nun geheilten Seele. Aber das gebeugte Rezeptuariat vor mir richte sich an dem Troste empor, daß die Arbeitsame mit ihren Runzel-Kreuzen und mit ihrem Grauhaar nicht anders als nach der Zurücklassung des Kopfes, also bloß in der andern Welt ein Bandeau de Ninon gegen Falten und einen Metallkamm gegen graue Haare finden konnte; und daher wird sie jetzo schöner aussehen als selber ihr jüngeres Ebenbild vor uns.

Nur wenige Herrschaften setzen es sich auseinander, was eine Dienstmagd aussteht, wenigstens hundertmal mehr als ein Bedienter, der doch zuweilen seine Pfeife rauchen und recht oft und weit aus seiner Bedientenstube weg sein kann – aber ich tat es längst, ohne doch eine zu sein, nämlich eine Herrschaft; und daher kann ich sogar aus dem Stegreif – nämlich aus dieser Kanzel, die mich einweiht, nicht ich sie – Leiden und Freuden eines verstorbenen Dienstboten flüchtig und obenhin in zwei Teilen darlegen. Es war schon unter der Jubelkrönung der verewigten Jungfer Regina Tanzberger, daß ich mir ihr vierzigjähriges Dienstwühlen auf dem Gerüste auseinandermalte, wo ich stand und herabsah; aber nach ihrem Auszug aus dem Dienste und aus dem Leben holte ich mir alle übrigen Personalien von ihr als nötige Funeralien ein und kann daher etwas sagen.

Wunderbar und doch nicht ohne Ruhm fing die selige Tanzberger ihre vierzigjährige Laufbahn bei dem Superintendenten dadurch an, daß sie von Herzog auszog, als er bloß Subdiakonus war und noch unbeweibt. Er hatt' es nämlich nicht aushalten können, daß sie unaufhörlich fegte, kehrte, kratzte, wusch – überall, wohin niemand kam, z. B. die Dachtreppe oder gar laut bis an drei Schritte vor seiner Studierstube, in der selber freilich nie ein weiblicher Besen an Armen gearbeitet hatte. Sie konnte aber sich nicht ändern, sondern nur den Dienst, da die weiblichen Wesen niedern Standes durchaus nichts sind und bleiben als ihre angeborne Natur, indem sogar die der höhern Bildung der Sonne gleichen, welche ihre Flecken immer wieder zeigt durch die monatliche Drehung um sich. Wollen wir nur einen Augenblick ihrem trüben Auszuge zusehen, um dabei an andere ihresgleichen zu denken, die nicht wieder den Rückzug machen. Stumm und langsam packte sie in eine große Schachtel – denn erst später dehnte ihr bewegliches Vermögen sich zu einem Köfferchen aus, und endlich gar bis zum Kleiderkasten – ihren Festtagglanz von weißen Hauben und bunten Schürzen ein, welche sie sonst an schönen Sommertagen mit ganz anderen Gefühlen ausgepackt; indes die heitere Nachfolgerin ihre weibliche, mit Blumen bemalte Kleider- oder Gewehrkiste auf die Stelle der Schachtel lagern ließ. – Aus dem kurzen Dienste schied Regina mit aller Teilnahme am herrschaftlichen Glück, die einen langen begleitet; und sie konnt' es am Abzugmorgen kaum aushalten, daß sie die Kochtöpfe mußte am Feuer sehen, ohne zu wissen, ob das Fleisch saftig genug herausgezogen werde. Überall standen frohe Gesichter, die sie entbehren konnten, von dem Subdiakonus an bis zu den angenommenen Kindern von Verwandten seiner Braut, die sich gewöhnlich über alles Neue, besonders über einen neuen Haus-Menschen, als über einen neuen Weltteil ihrer Weltchen erfreuen. So schied die Trübe von Frohen, und alles sah wohl der Nachfolgerin zu, aber niemand der Abgehenden nach.

Da er aber als Syndiakonus die Braut heiratete: so kam Regina wieder, und auch das Scheuern, aber doppelt; denn jene wußte das Wasser als das Urelement der weiblichen Schöpfung und Welt so gut zu schätzen als Pindar und Thales. Seitdem ging bei dem Jubilarius die selige Jubilaria vierzig Jahre aus und ein, ein langer Wüstenweg ins gelobte Land. Allerdings flog ihr manche ungebratene Wachtel in den Mund, und gerade am Sonntage fiel (anders als bei den Kindern Israels) Manna der Lust vom Himmel. Sie konnte da meistens schon nach der Nachmittagkirche die Stuckaturarbeit des Sonntags an sich anfangen und brauchte den weißen Anwurf erst spät vor dem Abendküchendienst wieder abzulösen, nachdem sie doch auch wie andere abends empfunden, daß es ein heiliger Tag sei. So stellte sie an Sommerabenden unter der Haustürtreppe ihren Hausschmuck wie eine Fürstenbraut stundenlang zur Schau aus, indem sie noch dazu selber im Schmucke steckte und alles Vorbeigehen ansah. Ich wünschte nur, in diesen und einigen andern Punkten hätte der strenge Jubilarius weniger geeifert und es mehr bedacht, daß für das arme Volk der rotgedruckte Sonntag die Schminke des unscheinbaren Wochenlebens ist, und daß ein sechstägig-dunkler Leib von Wandelerde sich auch in eine sonntägige Sonne durch bloße Kleider verklären kann, wie ja ein Prediger sich selber ganz anders und geistiger im Priesterrock empfindet als im Schlafrock. Ja die Selige trug oft aus Mangel an Fingerarbeit – da der strenge Herzog, wie England und Schweiz, alles sonntägliche Nähen und Stricken untersagte – schon am zweiten Feiertage Verlangen nach Faustarbeit und Wochensumpf.

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