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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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So sprach in der Tat dieser eingebildete Kain, aber zum Glück konnte ich ihm mit Wahrheit antworten, daß ich mich selber oft gewundert, warum im fünften Kapitel Mosis, wo die Sterbejahre adamitischer Nachkömmlinge bestimmt werden, nirgends des Alters, geschweige des Todes eines Kain gedacht werde.

›Ich wandle‹ – fuhr er mit starker Stimme fort – ›unvergänglich, unermüdet, unbezwinglich, eueres tierischen Kauens und Schluckens unbedürftig auf der Erde; denn ich erwarte die Ankunft meines Vaters, des Antichristus, um mit ihm euch Habels, am meisten gekrönte Usurpatoren, für euere Abtrünnigkeit zu strafen, so wie er in Jerusalem euern Gottmenschen, der vor ihm auf dem hohen Berge nicht niederfallen wollte, mit dem Kreuztod heimgesucht.‹

Da fuhr ordentlich ein unbändiger Geist in den Tollen, und er arbeitete mit einer richtigen, aber fürchterlichen Beredsamkeit, welche der Psycholog öfter bei den von einer fixen Idee entzündeten und getriebenen Menschen wahrnimmt, auf der Stelle eine so bittere, von vielseitiger Belesenheit und von so vielseitigen Erfahrungen und historischen Kenntnissen strotzende Strafpredigt, wenn nicht Schmährede auf die Menschen aus, besonders aber über ihre Fürstendienerei und ihr ewiges Dummbleiben, über ihre ewige Feigheit vor Gott und Menschen und Teufel, über ihre Tierfellsucht, über ihre Putzsucht nämlich, daß ich ordentlich wie erstarrte, zumal da er dabei mit der Nase zuckte und die Ohren hin- und herschlug und zwei Büschel Scheitelhaare zurückgekrümmt fast wie weißliche Hörner aufrichtete. Und immer mehr wurde mir im stillen zumut, als säh' ich den Teufel lebendig vor mir, und ich kehrte in meinem Innersten alle die Hülfmittel vor, welche (ich meine nicht das Kreuzigen) einem Christen in solchen Umständen zu Gebote stehen. Wie sich manche Philosophen sogar ihr eignes Sterben zu beobachten vorsetzten, obgleich die Beobachtungen keiner Seele nutzen konnten als nur ihnen allein, so stand ich mitten in meinen Gefahren wie auf einer Sternwarte, zum genauesten Observieren des Tollen. Da nahm ich augenblicklich wahr, wie das mündliche Waldhornieren unseres Schlotfegers ihm ins Ohr fiel und er auf der Stelle davonrannte, aber noch in der Ferne mit dem Prügel mir zurückdrohte, als ich noch unter der Türe stand und auf sein Verschwinden wartete.« – –

Der Hofprediger erklärte nun, er wolle seine aufrichtige Meinung unbewunden über den Menschen sagen – was wohl das Schwerste für einen Hofprediger ist, da jeder so voll Rücksichten wie ein Hofmann spricht, nur aber freilich ein katholischer noch dreißigmal mehr als ein protestantischer –, und zwar woll' er seine Erklärungen ohne alle Beziehung geben – ausgenommen auf den Apotheker, wie bald zu merken war – »da biet' er denn«, fuhr er fort, »zur Auflösung des Rätsels zwei Wissenschaften auf, Seelenlehre und Theologie, genauer zu sprechen, Natürliches und Übernatürliches. Eine fixe Idee – um psychologisch anzufangen – sei wirklich vorhanden, welche der Närrische, der so viele Gelehrsamkeit verrate, wahrscheinlich durch das Lesen von den jüdischen und kirchenväterlichen Meinungen über Kain aufgefangen, auf welche er vollends die Mittelaltersagen vom ewigen Juden künstlich gepfropfet und wirklich, wie Tolle leicht vermögen, in erträglichen Zusammenhang gebracht. Das Nacht- und Dächer-Wandeln sei ziemlich Ausbruch und Nahrung des Wahnsinns, und was das Nicht-Essen (auch Wahnsinns-Nahrung) anlange, worüber alle einig sind, so finde man nicht erst heute in den Werken der Physiologen und Psychologen viele Beispiele, daß Rasende stärkste Laxanzen, größte Kälte und Hitze und längste Schlaflosigkeit ohne Nachgefühle ausgehalten, und folglich Hunger auch.«

Es wurde ihm zwar an der Tafel eingewandt, wie der Lederne nach allen Stadtzeugen schon jahrelang nichts in Lukas-Stadt zu sich genommen oder von sich gegeben; aber Süptitz versetzte: »darauf komm' er eben, indem er die zweite Wissenschaft, die Theologie, versprochnermaßen zu Hülfe rufe; er hege nämlich, dringe aber seine Privatmeinung nicht auf, die kühne, daß in unsern Zeiten so gut wie in den apostolischen der Teufel Besessener erscheinen könne, und die Scheu, welche die sonderbare Gestalt vor des Herrn Reisemarschalls Kreuzzeichen in die Luft an den Tag lege, bestätige viel; so auch ihre Vorliebe für Weiber, welche der Teufel aus Erinnerung an die zuerst willfährige Menschenmutter von jeher, wie die Hexen-Überzahl dartue, vorzugweise aufgesucht und gemietet.« – »Auf diese Weise könnte der Lederne«, unterbrach ihn Worble, »eine Stütze oder eine Folge Ihrer Hypothese werden, daß der Böse oder Arihman noch lebendig unter uns hantiere, weil er in Kleinigkeiten jedem von uns nachsetze und immer unser Butterbrot auf die bestrichene Seite fallen, oder die aufeinanderliegenden Papiere, gerade als die gesuchten, immer ganz unten finden, oder die Spalte der Feder nach langem Drücken zuletzt fingerlang aufreißen lasse.« –

»Wenigstens ist es seltsam, was ich noch gar nicht vorzubringen Zeit gehabt,« antwortete Süptitz, »daß die Gestalt sich sehnt, in die Hölle zu kommen, weil sie glaubt, dort ihre verwandten Seelen, nämlich die verstorbenen Tierseelen, wiederzufinden. Die Tierwelt, glaubt sie nämlich, sei eigentlich die höhere und werde durch junge, noch unreife Teufelchen beseelt; in ihr geb' es daher die größern Kenntnisse und Künste – die Instinkte genannt –, den größern Zorn, die größere Unbezähmbarkeit, und das Reich schließe endlich mit dem Affen, dem vollendetsten Tiere und dem Ebenbilde des sogenannten Teufels, ganz unbezähmbar, listig, kunstreich und keck und sonst; auch nennten die Menschen wirklich einen an sich trefflichen Affen den Simia Beelzebub, obwohl mehr wegen seiner Schwärze, seines Brüllens und seiner Furchtgestalt; der Mensch aber sei nichts als ein schwächlicher, ausgearteter, unvollendeter Affe, so wie (nach Buffon) das Pferd ein ausgearteter Esel, und daher hätten die Menschen in bessern ägyptischen Zeiten die Affen und alle Tiere als ihre wahren Götter angebetet. – So spricht die Gestalt; aber, meine Herren, ich habe viel bei ihr erwogen, und manches frappiert wirklich. Jedoch alles Psychologische und Theologische beiseite, in jedem Falle kann sie wenigstens Unglück anstiften, schon mit menschlichen Muskelkräften, geschweige mit andern; besonders bin ich sehr verwundert, daß kein Mensch dem Fürsten von Lukas-Stadt die Gefahr ernstlich vorhält, in die er sich durch ein solches ganz ungehindert auf Gassen und Dächern umherlaufendes Wesen setzt, welches der einzige Fürst der Welt, sogar des höhern Tierreichs, geschweige der geringern Menschen zu sein vermeint, und das folglich dem Lukas-Städter Fürsten, wie jedem andern, als einem Usurpator das Lebenslicht in der ersten besten Minute ausbläst, in welcher die Wut des bisher zahmen Untiers oder Unmenschen unvermutet ausbricht. – – Und sollte meine Rüge« (sagte er, sich zum Wirte wendend) »noch heute an den Hof gelangen, Monsieur Maître d'hôtel, ich hielt sie für Pflicht.«

Auf diese Weise klopfte Süptitz mit seiner Psychologie im Ledermenschen eigentlich den Grafen aus, wie man sonst in Persien den Rock anstatt des Sünders geißelte. – Er holte noch in der Eile aus ärztlichen und psychologischen Hörsälen die besten Wahrscheinlichkeiten zusammen, wie die Gestalt sich in die Einbildung, ein Fürst zu sein, möge hineingelesen haben. »Sehr sollte es mich wundern,« dachte der Hofprediger, »wenn Nikolaus nichts heimlich merkte und auf sich bezöge; am Ende verläßt er früher die Stadt oder wohl gar seine – Narrheit.«

Aber Menschen mit Phantasie, wie Nikolaus, finden in der Phantasie selber schon eine stille Abwehr gegen jedes Niederdrücken derselben durch vergebliche Heilmittel; sie gleichen Verwundeten an dem Scheitel oder – den Kinnbacken, wo das nachwachsende Haar das aufgedrückte Pflaster immer wieder hebt und abstößt, zum Ärger des Wundarztes.

Der Graf von Hacencoppen ließ den Wirt abtreten. »So viel ist endlich gewiß,« fing er auf- und abgehend an, »nun wird die ,Sache ernsthaft. Das unselige Wesen schaut hell durch mein ganzes Inkognito hindurch, es verfolgt mich unausgesetzt, es hoffte draußen wahrscheinlich mich in meiner eignen Hauptstadt zu treffen und anzugreifen. – Was kann es mir oder irgendeinem Manne nützen,« rief er heftiger, »daß er sich für den Kain, für den Ahasverus, ja für den Teufel selber ansieht? Gott, desto gefährlicher ist ja eben ein Mensch, mit einem eingebildeten Brudermord und Christus-Haß im Gewissen! – Hinmorden wird der alles, was ihm nicht gefällt; aber am allerersten muß er, bei seinem Teufels-Ingrimm gegen die guten Menschen, gerade jeden anpacken, der ihnen recht zugetan ist und recht wohltun will, und der wegen seines höhern und weitern Wirkkreises es am besten vermag.«

Er lief immer schneller auf und ab und fuhr fort. »das nachsetzende Wesen zeige sich ihm immer gefährlicher, je länger er sichs vorstelle, und er erstaune, wie er solchem bisher bei seiner Sorglosigkeit entgangen. – Über ein nahes hohes Fürstenbild« (er meinte Amandas Büste) »könn' es ja herfallen und überhaupt wichtige Majestätverbrechen verüben.« –

»Um Gottes willen, wenn man sich einen zweiten Ravaillac gegen einen zweiten Heinrich den Vierten denken müßte!« fiel der Kandidat Richter bloß scheinbar albern ein, weil er für andere gerade da fürchtete, wo er für sich gar nichts scheute.

»Wenn man nun vernünftig erwägt,« fuhr gefaßter Nikolaus fort, »wie die größten Fürsten aller Art, sogar mitten unter ihren liebenden Völkern und Heeren, sich mit unzähligen Schildwachen ordentlich umgittern: so ist es noch natürlicher, daß Fürsten sich noch mehr, vollends gegen Fürsten oder gegen Thronräuber oder Thronprätendenten, oder mit andern Worten, gegen den Krieg rüsten.«

– Plötzlich stand er still: »Ja, ich will Leibwache,« sagt' er; »wozu hab' ich einen ganzen Wagen voll mitgenommen?«

Somit hatt' er sich auf den Kriegfuß gesetzt, seine Landmacht mobil gemacht, nämlich stehend, d. h. zu Schildwachen. Da er sehr viele Invaliden – sie waren ihre eignen Ehrensäulen und Ehrenkreuze der Tapferkeit – bei sich hatte: so wurden nur solche noch denselben Tag als Vorlegschlösser an die Zimmertüten kommandiert, welche stehen konnten, sowohl an und für sich als vor dem tollen Feinde; die andern aber, die zu sitzen vermochten, wurden als Kavallerie zu Pferd verbraucht. Er ließ daher den Wirt einberufen und sagte ihm unverhohlen, daß er, Hacencoppen, von heute an vor das Tor des römischen Hofs eine Wache zu Pferd beordere, welche dem sogenannten Ledermann den Eintritt durchaus verwehre.

»O heiliger Gott, schön!« – versetzte Pabst – »Der eingebildete phantastische Fürst der Welt hat in meinem Hôtel ohnehin nichts zu suchen.« – »Ich wüßte selber nicht,« – fiel Worble bei –»zumal da der Kerl, wie man hört, ja gar nicht ißt und trinkt, geschweige säuft, Herr Wirt!«

Durch denselben Reisemarschall wurde nun – da er der einzige im Reisefürstentum war, der hier Generalissimus sein konnte – die Wachparade so richtig organisiert, daß das Ritterpferd vorm Gasthoftore von Zeit zu Zeit mit einem andern Reiter besetzt wurde, der gleichsam als ein lebendiger spanischer Reiter dastehen und den etwa mit Gewalt andringenden starken Ledermann leicht niedertreten konnte. Sogar der Inhaber und Dispensator der Dreckapotheke löste, weil er mußte, einmal ab und saß verdrießlich auf. Nicht ohne Vergnügen nahm Hacencoppen in seinem Fensterbogen den Parallelismus wahr, daß im Springbrunnen (wie ich schon erzählt) ein in Galopp gesetztes Pferd mit Reiter und wieder aus dem römischen Hofe heraus ein berittenes hinschaue, das noch dazu Scharren und Wiehern voraushatte, der bronzene Schloßgaul aber ganz und gar nicht.

Der Kaminfeger und Waldhornist bekam die Höhen zu bewachen und im Notfall zu besetzen, die Rauchfänge nämlich, falls in der Nacht der Ledermann eine feindliche Landung auf diese Küsten etwa versuche.

Ging der Fürst aus, so war er hinlänglich vom Gefolge gedeckt, vom Kandidaten Richter, Hofprediger Süptitz und Reisemarschall Worble. »Ich kann Ihnen wahrlich nicht genug danken, Herr Hofprediger,« sagte er im vollen Genußgefühl seiner Umgebung, »daß Sie zuerst durch Ihre lebendige Darstellung mich auf meine Lage aufmerksam gemacht«; für den Prediger freilich gerade ein umgekehrter Erfolg, da der Ledermensch den Grafen eben aus dem fürstlichen Goldrahmenwesen herausdrücken sollte. »Der geistliche Arm« – sagte Worble und meinte den Kandidaten und den Hofprediger – »würde bei einer noch größern Tapferkeit, als man nur voraussetzen wollte, den Herrn Graf von Hacencoppen niemal so breit und muskulös und mannhaft decken als der weltliche, der in seiner eignen Achsel wurzle, und an dem eine Hand mit einem sechsten und Sextenfinger sitze, einem Six-et-leva-Finger, der gegen einen Teufel Kain mehr ausrichte als eine volle päpstliche Faust mit Segens- und mit Exorzisierfingern.«

Worauf Worble hier zielt und worin Süptitz hier fehlschießt – und letzter zwar so außerordentlich, daß er dessen Luftstriche magnetischer Einschläferung für teufelaustreibende Hand- und Kreuzzüge ansehen wollte –, das im eignen Kopfe auszukundschaften, dazu braucht ein Leser von allen Bänden dieses Kometen nichts gelesen zu haben als im ersten Worbles magnetisches Gastmahl: so sagt er: das dacht' ich mir längst. Der Hofprediger aber, argwöhnisch und fein wie alle seine Kanzelvettern, brachte leicht heraus, daß der Reisemarschall kein besseres Versprech- und Drohmittel, um den Fürsten in seiner Nähe und Wache und Gewalt zu haben, ergreifen konnte als dieses, immer neben demselben als ein magnetischer Waffenträger gegen den Ledermann, als eine magnetische Rettleiter, als Meßgeleit herzugehen, oder als was man will, das herrlich schirmt. –

Was aber nicht gemutmaßet zu werden braucht, ist, was man sah, daß der Kandidat Richter jetzo dem Grafen noch inniger anhing, weil er vor Gefahren vorbeizugehen hatte, und daß er recht gern immer um ihn geblieben wäre.

Des Hofstallmalers wurde von mir bisher gar nicht gedacht; er murmelte aber bloß für sich: hole der Teufel alle die Narrenpossen und Narren!, erklärte aber übrigens laut: »man brauche ja nichts, als dem Narren zur nötigen Stunde Arme und Beine entzweizuschlagen und ihn dann laufen zu lassen.« – –

Der Himmel beschütze denn unsern guten Fürsten, bei seinen wenigen Beschützern! – Denn er gibt sich uns allerdings mehr tapfer als vorsichtig, wenn wir ihn gegen andere Fürsten stellen, welche mitten in ihrer Hauptstadt sich gerüstet halten gegen die Hauptstadt, und die ihre Residenz zu einer Grenzfestung gegen die Stadt bewaffnen und bemannen. Die Wachen sind ihre lebendigen Panzer-Hemden, und die Helme sind ihre Bienenkappen, als Staats-Weisel; der Thron stellt mit seiner Palmenkrone voll Palmenwein eine Palme dar, welche bis oben hinauf zur Wehre gegen Ersteigen mit langen Stacheln – womit man erträglich Bajonette vergleichen kann – umgürtet ist. Noch dazu tun es Fürsten mit kriegerischer Gesinnung und in kriegerischer Uniform und umpanzern und fortifizieren sich so mannigfach; kurz, Helden und Eroberer, welche gegen die größten auswärtigen Feinde Wunder des Siegs getan, oft bloß durch ein paar oder mehre Handschreiben an die Generale, weil ein gut und recht gebauter Kriegstaat einem Strumpfwirkerstuhl gleichen muß, der als ein Meisterwerk der Mechanik bei seinen zahllosen kunstvollen Bewegungen nichts nötig hat als ein paar mechanische Griffe und Tritte des Meisters; und der Strumpf oder (im obigen Falle) der Sieg hängt da.

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