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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Ich weiß, wer den Herrn Grafen unter allen im Saale am besten und ähnlichsten getroffen: – er sich selber, durch sein Bezahlen«, sagte der Reisemarschall abends, als er, in gräflichen und seinen eignen Angelegenheiten den ganzen Tag zwischen Nikolopolis und Lukas-Stadt hin- und hergeweht, endlich zur Tafel kam und die sechzehn Pensionen und Baubegnadigungen aus der Staatskasse vornahm. Er sah sich sogleich für einen fahrenden Landstand an; denn in ältern Zeiten führten die Fürsten auf ihren Reisen die Stände selber mit, die jetzo erst zu ihnen reisen. –

Auch hatte er gerade den ganzen Tag genug geträumt, um mit einigem landständischen Feuer und Freimut den Fürsten auf seine übermäßige Güte aufmerksam zu machen. Auf keine Weise durfte der Landstand Worble sich unterfangen, etwa untertänigst und treugehorsamst zu bemerken, daß auf solche Weise der nächste künftige Diamant sich voraus verflüchtigen könne, eh' er nur aus dem Feuer heraus wäre, und daß so die Wände des Kammerbeutels, wie die eines ausgehungerten Magens, schlapp zusammenfallen dürften. Aber so viel dürfe er vermeinen, zumal er den ganzen Tag das Seinige getrunken: sowenig er auch von der Malerei verstehe – recht hatt' er hier und keinen Sinn für sie –, so müss' er doch dem Hofmaler Renovanz beifallen, welcher die ganze luxstädtische belgische Schule mit der Schule in London vergleiche, worin ein altes Weib Kindern Grimassen und Stellungen zum Erbetteln beibringt. – »Ich will keinen Tropfen luxstädtischen Krätzer in Ihrem Hotel mehr trinken, Herr Pabst,« – fuhr der Landstand, gegen den Gastwirt sich kehrend, fort, der hinter dem Fürstenstuhle Hacencoppens als maitre de plaisirs aufwartete – »wenn nicht mit solchem Malerhonorar alle Bettler der Stadt sich hätten abfinden und heben lassen; so wäre die Sache ein gründonnerstägiges päpstliches Fußwaschen von Armen gewesen, statt ein Handwaschen von Pinslern.«

»Die sechzehn Künstler« – versetzte Pabst – »sind eben, Gott erbarm's! selber schon Arme, und jeder ist mir schuldig.« – »Und deswegen«, fuhr Worble fort, »haben Sie als Kenner mehr ihrer Zeche als ihrer Kunst Prosazeichner und Kurrentkünstler anempfohlen, welche nie das Ideale einer Physiognomie, mit Renovanz zu sprechen, begreifen, geschweige ergreifen können.«

Der Gastwirt versicherte – und berief sich auf Nikolaus –, er habe auch die »idealisierte« Schule, die welsche, ebenso stark empfohlen, morgen kämen sie ja, und Seine gräflichen Gnaden säßen.

Jetzo rief Worble wie außer sich: »O Pabst und alle Götter! Dies ist gar der Hub, Durchlaucht! Unser Hofmaler Renovanz sagt – ich wollt', er wäre da; er arbeitet aber Tag und Nacht für die Ausstellung –: mit seinem Fußzehennagel, wenn er spitzig genug geschnitten wäre, wollt' er ein feineres Ideal-Oval auf das Papier hinkratzen und hinreißen als sie alle in der Stadt. Und Gott sei doch dem Gesichte gnädig, das unter die Glättzähne ihrer Pinsel geraten; das erste, was der Pinsel wegkehrt und abfrißt, ist die inländische Nase, um eine griechische aufzusetzen, oder wenigstens eine römische, an die Stelle einer romischen; und das kräftigste eckigste Gesicht wird so glatt gescheuert wie das einer scharfen Münze in einem Truthahnmagen. Ich möchte mir meines um kein Oxhoft Wein mit ihren Farben einseifen lassen. – Diese aber, Herr Graf, möchten doch noch abzuweisen und die Treppe hinunterzutreiben sein, zumal da sie gewiß auf ähnliche Benefize wie die belgischen Planspiegel sich spitzen.« –

Hier nahm endlich der Graf lächelnd und mild das Wort und sagte: »er habe ihnen das Versprechen gegeben, folglich halt' ers unbedingt. – Wenn ein Fürst wie der von Lukas-Stadt die Kunst sogar auf Kosten seiner Finanzen zum Blühen getrieben: so könn' er selber in seinen eignen Verhältnissen nicht weniger tun als sie in diesen Blüten zu erhalten und zu begießen. – Auch woll er seinem allseitigen Geschmacke nicht vorgeworfen wissen, daß nur die eine Schule vorzüglich begünstigt würde, die andere aber weniger.«

Hier fiel der freundlich Pabst mit Entzücken ein: er ergreife diese Gelegenheit, da der welschen Maler morgen nur funfzehn bestellt wären, und Herr Graf von Hacencoppen zum ewigen Preise Ihres unparteiischen Geschmacks auf beide Schulen Ihre gnädigen Augen würfen, den sechzehnten anzuempfehlen und nachzuschieben, der sich diesen Nachmittag fast weinend angemeldet; – von Natur und Profession sei er ein welscher Maler und habe wohl ohne Frage die besten Heiligen in Lukas-Stadt gemacht; daher er auch nur unter dem Namen Heiligenmaler allgemein umlaufe; – und überaus nett und andächtig seien besonders seine 11 000 kölnische Jungfrauen, wovon er ein paar Dutzend geliefert. – Da aber die Stadt mit Heiligen beiderlei Geschlechts längst überladen, so sei er aus Mangel an Absatz ein Kupferstecher geworden und steche eben jetzo ein paar Kupferplatten zu einem äußerst unzüchtigen Romane; es sei jedoch ein ordentlicher Jammer, dabeizustehen und es mit anzusehen, wie der hagere hungrige lange Mann an den zu anstößigen Figuren verdrießlich mit dem Stichel weiterarbeitend grabe; für den Mann ein wahrhaft fremdes Fach, in das er sich durch das vorige nicht im mindesten eingeschossen. »Dero untertänigster Knecht möchte denn wohl«, beschloß der kunst- und gastliebende Pabst, »zum Behufe des dürftigen unzüchtigen Heiligenmalers das Wort für ihn einlegen, da heute Herr Hofprediger Süptitz ausgesprochen: ein einziges Gesicht von Deroselben könnte samt dem Honorarium dafür den Heiligenmaler gar aus des Teufels Klauen ziehen.«

»Bei Gott!« rief Nikolaus, »das Gesicht soll der Mann bekommen, aber vielleicht noch mehr dazu, als er erwartet.«

Da kehrte sich Worble gegen den Wirt und sagte: »Eben seh ich, Herr Pabst, aus meinen Reden, daß ich heute beinah halb betrunken erscheinen soll, obgleich sonst einer der nüchternsten Trinker in ganz Lukas-Stadt. Ihnen, sehr nüchterner Herr Pabst, sind Ihres Ungleichen freilich lieber, zumal in Ihren Schenkkabinetten Leute, deren Lebenstage, wie bei dem BecherbandwurmDer bechergliedrige Bandwurm (T. Cyathiformis) ist aus lauter Bechern gestaltet, die er, da sie oben weiter als unten sind, aus- und einzuschieben vermag., in Gestalt von Bechern ineinanderstecken; so eine Art mir sehr fataler FlaschenorgelmenschenWilh. Engel in der Berliner Blindenanstalt erfand eine Flaschenorgel, worin leere Flaschen wie hohle Schlüssel von Blasbälgen angeblasen werden. Magazin aller neuen Erfindungen. No. 66., die erst Flaschen leeren müssen, um sich hören zu lassen und das Maul voll zu nehmen; kurz Leute, welche durch ihr eignes Beispiel den Bacchus als den Erfinder des KegelspielsJacobsons technologisches Wörterbuch. zeigen und ehren, das bloß im Umfallen besteht. – Wenn mir freilich jetzund ist, als könnt' ich kaum stehen, so ist der Fall viel anders; denn Ihr braver prächtiger Graves-Wein, so in seiner Jugendblüte, so wenige Herbste zählend, ist ein guter Ringer und wirft, nach Plautus, um. – Der Wein ist keiner von jenen alten Ladenhütern oder Kellerhütern, die oft erst nach einem halben Jahrhundert sich endlich aus dem Fasse herauswagen in Flaschen und Gläser – ein solches frisches, junges, minderjähriges Blut trinkt sich selber durch Weingeist einen Geist an, oder veniam aetatis, und wir jungen Trinker an ihm dergleichen – kurz im ganzen ist die Sache so. – Und dasselbe will ich rühmen von Ihrem Barsac und Haut Sauterne und andern Bordeaux-Weinen, die sich trefflich weiß gewaschen, nämlich gelb.«

Da hier der Wirt recht freudig über die Einfälle, wie ein Sokrates in dem aristophanischen Gewölke, lachte, so fuhr der Marschall fort: »Wäre aber nur zu wünschen, jeder Papst, Herr Pabst, hätte den Kalixtinern so willig jeden reinen Wein eingeschenkt wie Sie mir oder ich Ihnen. Haben Sie nicht einen seltnen Franz (wenn ich ausgesprochen, bitt' ich noch um eine Flasche), welchen ich ordentlich einem gesunden reinen Schwefelregen oder Schwefelbade gleichsetze? Und von einem so reichen Schwefelgehalt ist er, daß man mit dem Weine wieder andere Weine prüfen und jeden Bleizusatz darin niederschlagen könnte, so gut als mit dem Hahnemannschen Probier-Liquor, ders ja auch durch Schwefel tut! Sogar im Kopfe schlägt das reine Getränk jedes Blei nieder, und er ist am Morgen viel schwerer.«

Als der Wirt in des Grafen fürstlichem Gesicht, auf das er in einem fort sah, keine Unterschrift der lustigen Behauptungen antraf: so lächelte er leicht und selbgefällig; aber diese Unverwundbarkeit schärfte ordentlich Worbles Hieber und Raufer. »Und ists nicht«, fuhr er fort, »eine kindliche Liebe der Weinhändler zu den Weinkunden, wie man in Tunkin bei Kindern gegen Väter findet? – Die Kinder bestellen heimlich für jeden Tunkinesen das Leibmöbel – einen zierlichen Sarg – und überraschen damit den Vater an seinem Wiegenfeste; so stellt ein Weinfaß, innen mit Bleizucker, recht gut einen versüßten verdünnten Sarg vor, und noch dazu einen fürstlichen bleiernen, in einen hölzernen eingefaßt; nur daß der Sarg, wie natürlich, früher in den Trinker kommt als der Trinker in ihn. – – Aber was Henker gehen mich bleisüße Franze an, wenn ich meine guten herben Deutschen haben kann, welche das Leben ebensosehr verlängern als versäuern! Wollte nur Gott, junge Leute ergössen und mischten sich ebensogern in älteste als die jungen Weine in alte; oder alter Adel ließe sich so leicht mit neuem kopulieren und auffrischen. Edeln paritätischen Wirten verdankt man hier viel, die Hauptsache, das Wein-Simultaneum. Haben sie am Ende nichts, keinen tiers-état zur Fässervereinigung, so tun sie das Ihrige und nähern Weine, die sich nach so berühmten Flüssen wie Rhein, Neckar und Mosel taufen, einem neuen Ufer und Jordan und wiedertaufen sie darin.«

Pabst konnte gar nicht aus dem Lachen kommen und beteuerte mehrmal: »herrliche aufgeweckte Einfälle! Er habe ein paar Kollegen, wo er sie anzubringen gedenke; denn bei ihren schlechten Weinen wäre schwerlich Herr von Worble auf dergleichen Pointen verfallen«, und er eilte davon, um die verlangte letzte Flasche selber zu holen; aber der Graf, der Worbles Fortsteigern der Satire kannte und scheute, bat, sie ihm aufs Zimmer nachzuschicken,

Worble ging der Flasche sogar voraus – er hatte seine Gründe dazu, und zwar viele, nicht bloß die getrunknen Flaschen, noch die trinkbaren, sondern sein Nacht-Abenteuer. Es ist schwer zu entscheiden, ob es den Lesern recht ist, wenn ich dasselbe ihnen erzähle, weil es auf eine gewisse Art den Ernst dieser Fürstengeschichte, wenn nicht dieses Fürstenspiegels, unterbricht; sie sollen aber alle selber richten, wenn sie erst den zweiten Gang wirklich gelesen.

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