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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Gang

Abendessen – Stiefelknechte – und Stoß

Es kommt darauf an, ob eine Dienerschaft lieber einem vornehmen Herrn in die Seele sehen will, oder lieber einer vornehmen Frau. In jenem Falle helfe sie auskleiden, in diesem ankleiden. Um mit der Kammerjungfer anzufangen: so entschleiert sich ihr die Seele der Gebieterin mit jeder Hülle, womit sie den Körper einschleiert, und jedes Putzstück, besonders die Art, es anzulegen, die Eile und die Weile dabei, ist ein durchsichtiger Fenstervorhang oder Jalousiefenster des Innern der Frau; so daß ich jede Schmucknadel (was jede Stecknadel auch ist) eine Magnetnadel nennen kann, welche die Herzpole zeigt. – Kurz, die Kammerjungfer kann unter dem Heften, Falzen und Einbinden des anziehenden weiblichen Buchs bequem in die Blätter selber hineinblicken und hat noch dazu an den Nachrichten für die Buchbinderin (sie sind nur halb so dick als das Werk selber) genug zu lesen und zu ersehen.

So zeigt ihr denn die Dame bei dem Ankleiden sich und alles Innere, worin die Jungfer, wenn es auf mein Wünschen ankäme, nicht zuweilen sollte Übermut und Unmut, Reiz und Gefallsucht und Härte und Kleinlichkeit antreffen können. Inzwischen muß ichs dennoch glauben, wenn sogar eifrigste Verehrer hoher Damen mich versicherten, sie sähen lieber eine in der Badewanne (sie zeigte weniger Fehler) als vor dem Waschnapf oder mitten unter allen Schönheitwassern. Ich will leichter ein Held vor dem Kammerdiener sein als eine Heldin vor der Kammerfrau.

Hingegen das Auskleiden in der Nachmitternacht wirft mir wenig Psychisches ab für eine Jungfer, zumal wenn man die Eilfertigkeit der Dame bedenkt, die sich kaum so viele Viertelstunden zum Entpuppen nimmt, als sie vorher Stunden zum Verpuppen gebrauchte, und besonders bei dem Nachträumen der Vergangenheit, gekettet an ein Vorträumen der Zukunft (woran ich gar nicht einmal gedacht) – bei solchen Umständen, wo die Dame nichts sucht als ihr Bett, ist wenig zu erfahren, als bis sie wieder aus diesem heraus ist.

Ganz anders der vornehme Herr! Dieser kommt mit vollern Herzen und vollem Kopfe nach Hause und hat des Tages Lasten und Freuden überstanden und spricht, zumal wenn ers noch kann, lieber ein Wort zu viel als zu wenig. – – Dieses kann der Kammerdiener auffangen und so Leib und Seele miteinander enthüllen, zumal da bei unserem Geschlechte Auskleiden nicht viel kürzer dauert als Ankleiden.

Weder das Lever noch das Coucher des Fürstapothekers bestand bisher aus den vielen gewöhnlichen diensttuenden Kammerherren und Leibpagen anderer Fürsten – hierin hielt Hacencoppen mit andern Monarchen gar keine Vergleichung aus –, sondern alles war und tat der Stößer Stoß mit einigem Stolz. Desto erfreueter war er, daß er bald kommen und sich viel früher hinstellen durfte als den Stiefelknecht.

Vorher speiste man, und der Tafel- und Salon-Knecht, der Wirt, trug mit dem Suppennapfe zugleich die Bitte der einen unten trinkenden Malerschule, der belgischen, vor. »Herr Graf von Hacencoppen möchte die Stunden Dero Sitzens anberaumen, je bälder, je lieber; denn die Geburt des Erbprinzen habe die große Ausstellung zu nahe angerückt, und jeder Künstler wünsche nichts mehr, als das Porträt des Herrn Grafen bei dem allgemeinen Maler-Wettkampfe mit aufzustellen.« – »Morgen vormittags sitz' ich bestimmt der ganzen Schule«, resolvierte Nikolaus. Pabst merkte höflich, aber frei an, der Belgier seien ihrer sechzehn an der Zahl, und da brauche wohl jeder seine volle Stunde. »Aber ich will« – versetzte der Fürst lebhaft – »ja allen zugleich sitzen, vorwärts und links und rechts, im Vollgesicht, im Profil, im Halbprofil, im Drittel-, im Viertelprofil, und da, wo es nicht weiter zu machen ist, mögen die übrigen hinter mir mich aus den Spiegeln abkonterfeien, wie von jeher die größten Maler bei ihren eignen Gesichtsitzungen tun mußten; denn man braucht nur etwas von der Kunst zu verstehen, so sieht man die Leichtigkeit der Sache.«

Mit der größten Dankbarkeit und Lobpreisung, so wie mit der stillsten Verdrießlichkeit (über das Ineinanderschmelzen der Sitzstunden), trug der Wirt seine abgeleerten Teller und – Aussichten hinunter zur Schule, brachte aber hinter einem graulichten Hechte – der seinen Schwanz, als das beste Stück, selber zwischen den Zähnen hatte – wieder neue Entschuldigungen und neue Bitten hinauf: »Außerordentlich, Herr Graf, zu schätzen« – fing er an – »ist allerdings die belgische Schule, welche so treu der Natur auch die kleinsten, ja die unsichtbarsten Züge abstiehlt, jedem Gegenstande, auch dem verächtlichsten, ein ewiges Leben einflößt durch Leinwand samt Pinsel, und ewig wird sie daher von wahren Gönnern und Kennern geschätzt und gestützt. Aber dieselbigen wahren Kenner oder noch mehr die von der entgegengesetzten Künstler-Bank werden auch zugestehen, daß das weite und breite Reich der Kunst noch bei weitem nicht durch sie erschöpft ist – es gibt hohe Formen – es gibt große Partien – hohen Stil – Ideale – geistreiche Behandlung – entzückende Farbentöne – überhaupt etwas Überirdisches im Kontur, kurz was Sie, Herr Graf von Hacencoppen, als Kenner am besten bewundern, und wovon ich statt aller Worte immer am liebsten meinen einzigen Raffael von Urbino anführe. – Wo aber sind alle diese malerischen Göttergaben vereinigt zu finden als in der welschen Schule allein, die deswegen sich auch gebildet hat? Funfzehn Meister dieser Schule nun, welche heute unten in meinem zweiten Schenkkabinette sitzen, nähren gleichfalls keinen innigern Wunsch, ja keinen idealern als den, Ihro Gnaden im allerbaldigsten abzukonterfeien; denn sie können wahrlich – das hör' ich so oft, als ich einen Kork ausziehe – ganz unmöglich der zweiten Schule die Ehre lassen, daß sie allein im Bildersaale dasteht und feilsteht mit Ihrem großen Bildnis in der Ausstellung; sie wollen auch dabei sein und sich zeigen.«

Nikolaus versetzte: »Gern und parteilos sitz' er sogleich morgen nachmittags auch den andern Meistern auf einmal.« Außer der fürstlichen Sitte, alles recht eilig dazuhaben und wegzuhaben, die ihm auch ohne Krone angeboren war, befolgte er hier noch seine eigne andere, daß er nie einen Menschen auf etwas warten lassen konnte, schon aus eigner Ungeduld; – und hier wars ihm schon zu viel daß entweder die Welschen auf die Belgier, oder diese auf jene passen mußten.

Der Wirt Pabst trug seine abgeleerten Teller und Ernteaussichten hinab in das zweite oder italienische Schenkkabinett, wurde aber von ihm zum Grafen zurückgejagt und vorher, soviel dasselbe auch bei ihm geborgt, aus Kunstliebe stark angefahren, daß er viel zu einfältig gewesen und mit so weniger Kenntnis der Malerei unterhandelt habe, daß er sich Abendlicht für Morgenlicht aufbinden lassen. Er brachte dann dem Grafen tausend Entschuldigungen der Maler, die er, wie seine Getränke, ihnen lieh, und die untertänige Bitte um eine vormittägige Sitzung, wegen des bessern Lichtes, hinauf. – »Ich setze voraus,« – antwortete der Graf – »daß man sich unten der inständigsten Bitten um mein baldiges Sitzen noch erinnert; bloß deshalb hab' ich gewillfahret, ob ich gleich ein tagelanges Sitzen in einer Stadt nicht liebe, wo mich so vielerlei erwartet.« –

Hat nun ein Fürst an einem einzigen Tage so viele Hoffnungen teils erfüllt und gemacht, teils selber geschöpft: so ist er etwas müde und sehnt sich mit Recht vor dem Bettgehen nach seinem Stößer zum Ausziehen, den er vorher zum rechten Sattessen und Sichselberaufwarten in den Speisesaal hinuntergeschickt.

– »Jean! um des Himmels willen den Stiefel gehalten«, rief er dem eintretenden Stößer entgegen; denn er hatte wenig anders mehr an. Zwar wollte er jeden Abend sich vornehm und ordentlich ausziehen lassen, konnt' es aber vor fürstlicher und pharmazeutischer Ungeduld nie dahin bringen, daß ers erwartete.

»Um des Himmels willen den Stiefel gehalten«, hatt' er gerufen ..... Schwerlich erhalt' ich in diesem ganzen Werke eine bessere Veranlassung als hier, einmal ein Wort zu seiner Zeit aus zusprechen über einen Gegenstand, den eine gute Feder wohl früher als manchen anderen im allgemeinen gothaischen Anzeiger hätte beherzigen sollen, nämlich über die schlechten Stiefelknechte in deutschen Gasthöfen. Noch immer sieht man sie bedeutend unter dem Grade von Vollkommenheit stehen, welche andere Werkzeuge in Europa, wie sogar Schuhbürsten, Stiefelzieher, Stiefelhölzer und deren Wichse, längst erstiegen haben. So schmale Stiefelknechte, daß man auf ihnen nicht auffußen kann, oder solche, mit dem Fußboden auf einer Ebene liegend, berühr' ich nicht einmal; aber wenn es zwei Wechselbälge von solchen Knechten in den Wirtshäusern gibt, wovon der eine Balg unendlich eng ist, und der andere unendlich weit: so kann man einen Schluß machen.

Und doch könnte ein Mann am Ende in die Kneif- und Beißzange eines zu engen sich vielleicht finden, zumal mit Schnürstiefelchen; aber wenn er nun schläfrig oder eilig auf einem Stiefelknechte wie auf einem Gabelwagen steht und seinen Fuß als Pferd in der Gabel hat und damit ziehen will, luftig aber und leicht, wie aus einem Freihafen, wieder herausfährt – weil er keine Kurierstiefel und keine Fußsäcke anhat –, wenn vollends ein solcher Fußmärterer keinen lebendigen Nebenknecht und Oberdiener neben diesem untersten zur Seite besitzt, sondern am Ende zwischen die Stubentüre und den Türpfosten das Bein klemmen und auf solche Weise (er drückt nach dem Gesetze der Mechanik einige Fuß tief unter dem Schlosse die Türe grimmig gegen seinen Fuß) als sein eignes magnetisches Hufeisen ziehen und ausziehen muß: so wundre sich nur niemand, daß ich der Reisende bin und mein Bein aufhebe und vorzeige und frage: setzt man denn gar keinen männlichen Fuß mehr in der Welt voraus, der etwas niedlich ist und doch stark genug, und den man als Konventionfuß für alle Stiefelknechte feststellen könnte? Ein allgemein gesetzlicher Kegelschnitt ins Holz täte hier Wunder. – Aber diese Klage reiht sich an die Klage überhaupt über alle Knechte und Dienstboten und Sklaven insgesamt, die jetzo alle auf zu großem Fuße leben, ja von welchen immer mehre eingehen – wie Baderknechte, Landsknechte etc. –, so daß, wenn es in Griechenland und Rom wie in den westindischen Besitzungen gewöhnlich mehr Sklaven als Freie gab, bei uns zuletzt die Zahl der Freien die Zahl der Sklaven gänzlich übersteigen muß. –

Auf dem gähnenden Stiefelknecht wartete, wie gesagt, Nikolaus auf einen lebendigen – wozu freilich der Gastwirt Pabst, als Knecht aller Knechte, im eigentlichen Sinne geboren war –, als sein Leibhusar Stoß eintrat und ihm sogleich die Spitze hielt, nämlich dem Stiefel. Stoß sagte etwas verdrießlich, da er dem Fürsten gar nichts weiter auszuziehen hatte: »Das andere hätte unsereins auch tun können«, und half ihn nicht in, sondern auf das Bett –»Niedergesessen, Leibhusar!« – fing der Graf an – »aber was sagst du zu allem? Triffts nicht Wort für Wort ein, was ich dir einmal auf dem Romer Kanapee von meinem Fürstenwesen vorausverkündigt? Und doch sind wir erst in Lukas-Stadt. Hättest du dir aber einen so glänzenden Empfang bei meinem bloßen Inkognito vorgestellt, das Glockengeläute, das Schießen und die Leute überall, die uns so nachsehen? – Oder hättest du dir träumen lassen wie ich, daß eine Prinzessin mir hierher an den Hof vorauseilen würde, aus recht guten Gründen? Denn ich sage dir, sie ist mir eine Art wirklicher Vorhimmel.« (Der Stößer hob vor Freuden die ausgebreiteten Arme in die Höhe.) – »Sei doch still! – Und sage mir, was sagst du in deiner Einfalt dazu, daß alle hiesige Malerschulen unter allen Gesichtern keines zur Ausstellung liefern wollen als meines? – Ist aber nicht gerade auf mein Gesicht meine ganze Zukunft und Krone gebaut? – Wie, Jean? Gerade heraus damit!«

(Dieser steckte sogleich beide Hände ein und schüttelte damit die Taschen und den Kopf und den Oberleib vorwärts, um gleichsam ein allgemeines Körper-Zunicken zu geben.) – »Ich bin dabei nur begierig, wie sich Rom schämen und benehmen wird, das mich in den letzten Tagen so schmerzhaft verkannte, daß ich wahrlich immer daran denken muß, um es nur zu vergessen.« (Hier fuhr Stoß vom Sessel auf und drohte mit geballter Faust ernstlich nach der Stadt Rom hin und sagte: du!)

»Husar! Noch einmal möcht' ich erinnern, sprich weniger! – Und so bin ich denn heute so recht nach Herzens Wunsch und über meine Erwartung hinaus glücklich geworden. Nur würd' ich es noch stärker werden, wenn ich es recht glaubwürdig und ausführlich vernähme, daß es auch allen meinen guten Leuten, die mir so anhänglich auf meiner Lauf- und Rennbahn nachgefolgt, nach Wünschen ergangen, dir aber besonders, alter Jean, und es wäre wohl ein kleines Dankzeichen, wenn du nur endlich den Mund auftun und nur etwas darauf antworten wolltest.« –

»Alle diable! Will ich denn nicht reden, bis der Morgen graut? Und kann es jemand besser haben in der Stadt als ich! Den ganzen Tag geh' ich darin mit meinen goldnen Tressen herum, ob es gleich ein Werkeltag ist, und zeige mich. Die andern Herren haben es besonders herrlich und trinken, soviel sie wollen, und lassen sich ihr Essen bringen. Am meisten wunderts mich aber, daß unten zwei Stuben voll Anstreicher oder Malerleute sitzen und grausam jubeln, Ihnen zu Ehren. Gehören denn die zu unserer Suite? Ein ganzes halb Schock sind ihrer.« – Stoß hatte nicht im geringsten das verstanden oder beachtet, was Nikolaus von seinen Malern gesagt.

»Jean!« – versetzte Nikolaus mit dem frohesten Gesichte von der Welt und im Zimmer – »morgen malen mich ja die einen sechzehn auf einmal ab, übermorgen aber die andern funfzehn; auf das freuen sich nun die guten Leute so sehr.« – »Kann denn nicht einer allein Ihr Gesicht zustande bringen?« fragte Stoß, welcher glaubte, das halbe Schock arbeite es in Compagnie aus und teile sich in die Gliedmaßen für den Pinsel. Als er über seine einfältige Hypothese zurechtgewiesen war, gebar er die noch einfältigere Frage, was denn ein Mensch mit einunddreißig Gesichtern von sich anfangen wolle, zumal wenn er sein eignes noch habe. – »Page,« fing Nikolaus ernstschwer an, »ein Fürst unterstützt die Kunst, zwar auf jede Art, aber durch Porträtmalerei am liebsten. So ist die Sache schon an und für sich. Geh aber weiter, Page! – Nur kannst du über viele Dinge gar keine Einsicht haben – – Bejah es nicht und störe mich – – Ließe ich demnach zehntausend Schock Bildnisse von mir verfertigen, und zwar teils auf Silber, oder gar auf Gold, und gäbe die Porträts herum: wahrhaftig, niemand bekäme ihrer genug. – Ich wollte aber etwas anderes fragen; denn natürlich hat jeder Geld lieb, indes ist die Sache immer die, daß der Kopf eines Fürsten nicht oft genug abgebildet und repräsentiert werden kann, da er selber so viele tausend andere Köpfe repräsentiert, die er beherrschen muß. Sogar abbildende Geldstücke sind ihm nicht einmal genug, wenn er jemand mit sich selber beschenken will, sondern er beehrt ihn etwan mit einer Tabatière, auf welcher sein Bildnis im großen steht, obgleich oft unten darunter eine Menge seiner verkleinten Gesichter in der Gestalt von Goldstücken liegen mögen. – Bei mir aber hat es noch die höchst wichtige Bewandtnis, Jean, daß ich, eh' ich mich auf Münzen, oder Münzen auf mich schlagen lasse, darauf zu denken habe, vorher zweien der größten und geliebtesten Personen auf der Welt, meinem durchlauchtigen Vater und meiner durchlauchtigen Geliebten, mein Bildnis, das sich nun durch die einunddreißig Maler zu Hunderten ausbreitet, vielleicht in die Hände zu spielen. – Ich denke mirs, wenn denn nun die Allergeliebtesten auf einmal mein Porträt zu sehen bekämen .... –«

»Ciel!« versetzte Stoß, »sie wären des Teufels lebendig und wüßten gleich, wen sie vor sich hätten, wenn Ihro Durchlaucht selber nachkämen und aufträten.«

»Und da die Künstler natürlicherweise ihre morgendlichen Kunstwerke in der großen Ausstellung mit aufhängen: so ist es höchst wahrscheinlich, daß die fremde Prinzessin, die im Schlosse ist, sich erinnert, mich in Rom neben einer ihrer hohen Freundinnen gesehen zu haben, und darauf die Freundin oder mich von manchem benachrichtigt.«

»Morbleu!« versetzte Stoß, »auf mein Wort! Die Prinzessin hat Sie ja ohnehin schon heute am Schloßfenster beschaut, durch das Spektiv.« Nikolaus, der, wie gesagt, alles nur bei Widerscheinen sah und bei Widerhallen vernahm, hatte vor lauter Zukunft gar nicht ans Heute gedacht.

»Denn überhaupt« – fuhr er ruhig fort – »muß ich besser erfahren, was der hiesige Hof von mir denkt.«

»Ei, das weiß ja der Hof selber noch nicht« – sagte der Stößer, der bloß an den römischen Gasthof dachte. – »Der Wirt wollte wohl mich hinten und vornen aushorchen, aber ich pfeif' ihm was. Bloß dem redlichen Kellner hab' ichs entdeckt, wie ichs mit meinen eignen Ohren vernommen, und wie ich Dero Durchlaucht Vater selber gesehen, als er in der Apotheke Sie höflich invitiert, ihn einmal bei Gelegenheit zu besuchen auf seinem Throne; und Ihr Herr Vater wäre Ihnen wie aus dem Auge geschnitten, besonders an der Nase. Und an einen Grafen Hasenkopf sei bei der ganzen Sache bei Ihnen gar nicht zu denken.«

»Es verschlägt wenig, Ihr unpolitischer Jean,« versetzte der Graf, »mein hiesiges Inkognito ist ohnehin nur Schein, und jeder weiß ganz gut, wer ich bin. Jetzo sieh endlich einmal nach dem faulen Heinz und danke Gott in deinem Abendsegen für alles, was dir hier schon begegnete und begegnen wird.«

»Nur der verfluchte ewige Jude in seinem Ledersacke soll mir nicht begegnen; der hat etwas gegen Fürsten und derengleichen und sah mich heute schon dreimal an, der Satan.«

»Dem stehe ich schon«, sagte der liegende Nikolaus, welcher in sein heutiges Abendrot keinen Pechdampf wollte ziehen lassen, sondern sich in Nachträumen der Vergangenheit und Vorträumen der Zukunft so lange einsenken, bis er von der Nacht einen der herrlichsten Träume von der Gegenwart erhielte – und am Ende überkam er auch den, daß er vor einem Maler sich selber mit 16 Leibern und 32 Armen sitzen sah, welche sich sämtlich zu einer artigen Gruppe verflochten.

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