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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Gang

Spaziergang

Gegen Abend, vor Sonnenuntergang, ging er als bloßer Graf von Hasenkopf ein wenig in der festlichen Stadt umher, einfach, bloß von seinem Kammerhusaren Stoß und seinen drei Gelehrten, Richter, Worble und Süptitz, begleitet. Die Sonne hängte ihre rotglänzenden Tapeten des Abendrots, wie bei einem Feste, an den Häusern herab, und außer ihm und in ihm war viel Freude. Alle Welt sah ihn an und zog vor dem von Hacencoppen, ganz bekannt mitten im Inkognito, Hüte und Mützen ab; die Welt aber bestand teils aus den porträtierenden Akademikern und ihren Verwandten, teils aus ihren Gläubigern, endlich wohl auch aus einigen feigen Hasen, welche fürchteten, er nehme sie vielleicht in einem tollen Anfalle gar beim Kopfe, wenn ihrer bedeckt bleibe. Der Graf zeigte Verstand, daß er sogleich mit dem Hute unter dem Arm aus dem Gasthof heraustrat, schon auf das ewige Begrüßen vorbereitet. Da aus den obligaten Hutbewegungen, womit ein Gefolge in das Dank-Solo eines gegrüßten Großen einfällt, so viel auf diesen zurückzuschließen ist: so weiß ich keinen schönern Beweis von des Fürsten Popularität und Entfernung von allem Stolz als die äußerst verbindliche Weise, womit seine nachahmende Suite jeden mitgrüßte, besonders Richter und Stoß, und der Hofprediger griff unermüdet an seinen Hut, wiewohl mit einigem Verdruß, daß ihn die Gewissenhaftigkeit mitten unter so vielen Merkwürdigkeiten immer an eignen und fremden Filz zu denken nötigte. Bloß vom Reisemarschall merk' ich an, daß er, um sich und seinen Hut zu decken, unaufhörlich sich umsah.

Das Abend- und Festgetümmel war hübsch und groß. Die kleinsten Jungen schrien: »Vivat der Kleine!« und meinten den Erbprinzen; und die abgelöste Schloßwache sagte unterwegs ganz laut: »Unser alter Herr konnte, bei Gott! kaum mehr stehen, es kam aber bloß vom vielen Zechen des Mittags, und da hat er auch recht, man bekommt nicht alle Tage einen gesunden Erbprinzen.« – Da sich auf der Welt wohl niemand mit weniger Galanterie gegen das weibliche Geschlecht beträgt als dieses selber: so hörte der Graf überall Freudenausrufe von Weibern, welche Gott für die Gnade dankten, daß er das Land mit keiner Prinzessin heimgesucht. Der Fürst labte sich, ohne den geringsten Neid gegen den Erbprinzen und dessen Eltern, so innig an der allgemeinen Lust, als sei er selber gemeint. Der Kunsthändler, der im Morgennebel auf dem Kopfe sein waagrechtes Brett als einen Olymp voll Götter aus Gips herumgetragen, ging wieder mit dem Göttersitze durch die Gassen, und Nikolaus freuete sich, daß er im Nebel keinen einzigen Gott und Kopf verloren, oder abgesetzt.

Da des Grafen ganzer Spaziergang durch die Stadt eigentlich zur Absicht hatte, vor dem fürstlichen Schlosse, das seinem Gasthofe gegenüberstand, bei der Rückkehr recht oft und nahe genug – doch nicht zu nahe, oder etwan gar in der Schuß- oder Grußweite – vorbeizugehen: so ging er einige Male vorbei; und bei dem dritten Male sah er eine der anmutigsten und blühendsten Prinzessinnen, welche je im ältesten hundertjährigen Romane aufgetreten, an dem hohen Schloßfenster stehen und ihr kurzes vergoldetes Sehröhrchen (es war gewiß ein seltner Ramsden) nach einem Reiter richten, welchen Hacencoppen wenig wahrgenommen. Der Reiter hatte sich eben in kurzen Galopp, nach den aufgerichteten Füßen des Pferdes zu urteilen, gesetzt und wollte aus dem Springbrunnen, worin er in Bronze stand, in das Schloß einsprengen, oder doch davor paradieren. Der Mann war, wie leicht zu denken, nichts als eine glänzende Bildsäule zu Pferde, welche so martialisch und ähnlich, als Gußform und Gußofen zugelassen, den seligen Vater des regierenden Herrn, wenn nicht letzten selber, abbildete.

Nikolaus wurde auf der Stelle so wunderlich von der Schönheit der Prinzessin bewegt, als säh' er etwas längst Bekanntes, das er jedoch nicht sogleich erkenne. Er fragte den Reisemarschall, der auf der Reise alles wissen mußte; es war aber bloß eine fremde Prinzessin, inzwischen nicht die, die er im Hofwagen anstatt der Hebamme vorausgesetzt, sondern eine schon längst angelangte, zur Pflege der hohen Wöchnerin vielleicht. Jetzo schloß das durch den Ramsden guckende Gesicht auf einmal das linke Auge auf, das bisher nicht von dem Zeigefinger, sondern bloß von dem Augenlide zugedrückt worden, und zwar ohne die geringste Verrückung der schönen Züge; – wobei ich nebenher versichern will, daß diesen einäugigen Augenlidzug wohl wenige Leser ohne den sichtbarsten Nachteil ihrer Schönheit, ohne einen zänkischen Runzelkranz am Schließauge und überhaupt ohne das verdrießlichste Aussehen von der Welt nachbringen würden. – Himmel! welch reizendes Gesicht! – Ich meine nicht der wenigen Leser, sondern der Prinzessin ihres.

Als sie aber vollends ihr Auge aufdeckte: so hob auf einmal aus des Grafen nächtlicher Jugendzeit sich das Bild der einen von den vier Freundinnen Amandas herauf, welche damals der Venus am ähnlichsten geschienen. Er mußte für sein Augenpaar noch das fremde schöne haben, zum Wiedererkennen. Eine aus der Halbjugend in die Volljugend Hinübergeblühete ist gleichsam ein blumenvolles Frühlingtal, vom Sonnenschein aufgedeckt, das man vorher in der Nacht, bloß bei Mondlicht, mit schlafenden Blumen gesehen. – Er geriet außer sich vor Liebe gegen die – Wachsbüste zu Hause; die vollblühende Prinzessin war eine Zauberrose an Amandas Brust. Stets mußte er – dazu war er gemacht – in Reflexen oder Widerscheinen entbrennen und lieben.

Endlich wurde die fremde Prinzessin die auf der Gasse hinaufblickenden Herren gewahr; und mußte sich natürlicherweise umkehren. Das erste, was der Graf nach ihrem Umkehren vorkehrte, war, daß er es auch tat und den Reiter anschauete, welchen sie angesehen. Sein Herz war nun in Bewegung gebracht und wogte fort – der alte Steinfürst schien ihm immer mehr seinen künftigen Vater und die erste Umschließung von dessen Armen vorzumachen, und je länger er an ihm herumsah, desto mehr war ihm am Ende, als könn' er eiligst vom Pferde springen, um in der ersten väterlichen Entzückung des Findens seinem feurigen Sohn, der dessen Knie umfassen wollen, geradezu ans Herz zu fallen. Er hätte – wenn es sein Stand gelitten – in den Springbrunnen steigen und bis zur Bildsäule waten mögen, um nur sich zu kühlen und die Hand auf ihren Fuß zu legen.

So schwamm er vor der Abendsonne in einem unbeschreiblichen, aber milden Freuen, ohne akademischen Seelenlehrern recht angeben zu können, was er Namhaftes dazu vorbekommen; unter den spielenden Sonnenstäubchen und Abendmücken haftete er in dem warmen Goldstaubregen, wie die Schwebfliege an einer leeren Stelle in der Luft, fest, sah aber bald nach dem Schloßfenster, bald nach dem Reiter. Wenn er es aber schon jetzo so treibt: so wird es mir, wenn ich den Fund der wirklichen Amanda und des wirklichen Vaters selber zum Beschreiben erlebe, sauer genug werden, seinen Entzückungen dabei mit dem Pinsel nachzukommen. – »Jean,« sagte er und kehrte sich gegen Stoß, »du erscheinst heute Abend früher und ziehst mich aus.« – »Ausziehen, Seine Durchlaucht? – Ja!« versetzte dieser; denn er wiederholte jeden Befehl fragend und fügte dann spät sein Ja bei, als ob er etwas dagegen zu erinnern hätte, in Wahrheit aber, weil er das Vergnügen des Gehorchens recht durchschmecken wollte.

Als eben ein paar vorbeigehende Mädchen den Reisemarschall recht aufmerksam ansahen, als ob sie sagen wollten: »Ist das nicht der Spitzbube, der arge Nebelstern oder Irrstern am Morgen?« – und als der Stößer auf einmal rief: »Alle diable! drunten kommt der verfluchte ewige Jude in seinem Lederhabit und sieht uns«, so verfügte sich das ganze Gefolge in den Gasthof zum römischen Hofe hinein. –

Unter dem ewigen Juden hatte Stoß den seltsamen Mann gemeint, der am Morgen, ganz in Leder gekleidet, sich vor dem Grafen den Fürsten den Welt genannt.

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