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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aber solche Preisaussetzungen laufen und fliegen umher, zumal in Lukas-Städten. Nach einer Stunde erschien der Gastwirt wieder, aber mit noch tiefern und langsamern Bücklingen, und fing an: »Es ist freilich kein Wunder, Ihro hochgräflichen Gnaden – Kenner der heiligen und nützlichen Malerkunst gibt es wenige – Gönner derselben kenne ich noch weniger, seit ich meinen Gasthof behaupte – aber gar einen Kenner und Gönner zugleich, wie Ihro Gnaden, beteuere ich mit Wollust, noch nie in meinem Gasthöfe, seit dem Ochsenschild bis zum römischen Hof, alleruntertänigst bewirtet zu haben, nach meinen geringen, nur gar zu schwachen Kräften. – Dies ist aber nun schon in der ganzen Residenz weltbekannt, und unser berühmter Ochs, unser berühmter Laus, unser berühmter Esel, desgleichen die gewiß nicht weniger berühmten Meister Schnecke, Bettler, Fresser, Säufer und alter Mann, alle diese echten Künstler (sie treffen jede Blatternarbe, jedes Nasenhaar) wissen und träumen von keiner größern Ehre – denn Geld ist ihnen Nebenzweck und Hauptbedarf –, als einen Gönner und Kenner der Kunst, wie Euer Gnaden, treffend abzureißen – sie stehen sämtlich draußen im Vorsaale, die Meister!«

»Ich sitze Ihnen allen mit Vergnügen«, sagte Nikolaus. »Das übrige hab' ich schon Herrn Pabst erklärt. Ich werde Sie wie Ihre Vorgänger behandeln, so wie Ihnen gleich Ihre Nachfolger, auf meiner ganzen Kunstreise.« – »So viel weiß ich, Ihro Gnaden, als bloßer Kunstfreund,« fiel der Wirt ein, »daß unter unsern belgischen Meistern hier in diesem Saale einer steht, der den berühmten Balthasar Denner etwas übertrifft. Dieser soll ein altes Gesicht so fein gemalt haben, daß man alles Feine erst durch ein Mikroskop recht erkennen konnte; aber unser Luxstädter Denner trieb es schon weiter: er malte einem alten Kopfe sogleich ein Vergrößerglas in die Hand, durch das man jedes Schweißloch des Kopfes vergrößert sehen konnte.«

Es würde nur langweilig und verdrießlich fallen, wenn ich das neue gesteigerte Bücken des als ein Knecht aller Knechte dankenden Pabstes wieder mit Lebhaftigkeit darstellen wollte, zumal da ichs vorausweiß, daß er noch einmal kommt und noch stärker staunt.

Denn in der Tat kam er nach zwei Stunden von neuem wieder, an der Spitze eines ganzen Maler-Konklave, das er im Vorsaal hinter sich herzog, und fing, zurückweichend, fast mit einigem Beben an: »Er wage übermenschlich bei Seiner hochgräflichen Gnaden, könne sich aber nicht helfen – hätte er freilich früher nur irgendeinen Fürsten und Großen gekannt und unter seinem Dache zu bedienen gehabt, welcher alles von höchsten Gönnern und Kennern der Künstler so sehr wie Herr Graf von Hacencoppen überboten: so wären große welsche Meister von solchen Namen, als er hier ankündigen dürfe, längst in andern Umständen, ein Salvator Rosa, ein Anton Raphael Mengs, samt einem Raffael von Urbino, ein Paolo Veronese und Fra Bartolomeo di S. Marco, samt einem Tizian – Kolorit, Karnation, Projektion, perspektivische Vorgründe, Gruppierung, Idealismus und erhabenes Pittoreskes und tiefer Faltenwurf und höhere Seele in allem, dies sei es, was diese wahren Seelenmaler in ihren Porträten so ungemein auszeichne, daß Ihro Durchlaucht, die hohe Mutter des heutigen Erbprinzen, sich als ihre Mäzenin ausgesprochen; und eben dieser heutige hohe Tag ihrer Niederkunft befeuere ihn, für die Schützlinge der erhabenen Wöchnerin die Gnade der vorigen Maler auszuwirken, daß Ihro Gnaden ihnen ebenfalls säßen. – Dürf' er nach seinem eignen Gesichte schließen, das mehre von ihnen zur Saldierung ihres Abendtisches gemalt, und in welchem sie die kleinsten Züge so herrlich idealisierend hinaufgeschraubt, daß man ihn kaum wiedererkenne, wenn man es nicht wisse: so wiss' er sich nichts Schöneres und Idealischeres als ein Porträt vom Herrn Grafen, wenn dasselbe von solchen Idealisiermeistern hinaufgetrieben würde.«

Der Graf antwortete äußerst verbindlich: »Meine sehr geschätzten Herren, Ihrem Wunsche, mich abzumalen, biet' ich allerdings mit besonderer Freude die Hand – und von Meistern, die sich so berühmte alte Namen zugeeignet, darf ich wohl Hohes und Höchstes erwarten. Mein Grundsatz war aber von jeher, keine Kunstschule ausschließlich hintanzusetzen oder aufzumuntern, sondern jede zu begünstigen. Daher sichere ich jedem von Ihnen für jedes Porträt so viel zu als früher den Künstlern der niederländischen Schule, nämlich zehn Louis. Die Sitzstunden werden künftig näher bestimmt.«

Man sieht aus der Rede, daß jetzo Nikolaus ohne besondere äußere Belehrung sich selber aus seinem anfänglichen Irrtum, als seien die Potter und die Denner in Lukas-Stadt lebendig zu haben, mit eignen Händen durch seine Kenntnisse der Kunstgeschichte herausgearbeitet. Da der Wirt auf seinen Fehlgriff gar nicht gemerkt hatte: so konnt' er ihn unter der Hand zurücknehmen. So werden hundert Irrtümer, so wie Einfälle, im gesellschaftlichen Platzregen nicht verstanden; man sieht erst hinterher, wenn man unnütz die einen zu verbessern und die andern zu erläutern denkt, daß niemand uns zuhörte als wir selber.

Ich versprach oben, nicht wieder mit Feuer zu malen; auch soll Wort gehalten und nichts von Freudensprüngen der italienischen Schule die Treppenstufen hinunter vorgebracht werden. Der Gastwirt sammelte sämtliche Entzückungen im Brennpunkte seiner eignen und bot der italienischen Schule seine niederländische Tabagie auf den Abend in seinem Gasthof an; denn er liebte die Kunst und die Künstler und den Grafen und sich wahrhaft; und versprach sich von der Vervielfältigung des gräflichen Gesichts eine noch größere der Stunden, die der reiche Nikolaus vor den Malern und in seinem Gasthofe versitzen müsse.

Hinter allen diesen Malern erschien bei Nikolaus ziemlich spät der eigene Hofmaler Renovanz; denn sein Kunsttrieb, für welchen kein Fürst und kein Graf ein Zügel oder eine Hemmkette war, hatte ihn in der Malerstadt umhergejagt, zu Kunstgenossen, zum Galerie-Inspektor und in die Galerie selber. Nikolaus konnte nicht genug eilen, dem Maler mit den Nachrichten alles dessen, was er an einem Vormittag für die Kunst getan, die größte Freude zu machen und es ihm zu sagen, wie er ganzen Malerschulen auf einmal zu sitzen versprochen. – Mehre und tiefere Stirnrunzeln hatte Renovanz dem Grafen nie auf seiner jugendlichen Stirn gezeigt: er verwundere sich darüber etwas, sagte er frei heraus – die Kerle seien Bestien, und kein einziger stelle ihn zufrieden, die Schelme aber aus der italienischen Schule am schlechtesten – dabei aber sei alles voll Neid gegen stärkere Künstler – und er selber habe heute bei dem Galerie-Inspektor, den er für einen wahren Kunstesel und Palmesel erkläre, auf dem ein Heiland der Kunst mit Mühe in das Jerusalem der Galerie einreite, am Ende mehr zum Gekreuzigtwerden als zum Königwerden, mit genauer Not drei von seinen Kunstwerken in die nächste Ausstellung zu schieben vermocht, weil man vielleicht einen ausländischen Mitkämpfer nicht gern auf der Palästra ihrer schwächlichen welschen Schule auftreten sehe.

»Der Inspektor hat Sie aber doch« – fragte der Fürstapotheker, nicht ohne einiges beleidigte und zornige Gefühl seines Stolzes –»sogleich aufgenommen, als erhörte, Sie wären mein Hofmaler?« – »Er hörte es nicht; ein Künstler zeigt bloß seine Kunstwerke, und damit will er stehen und fallen«, sagte der Hohengeiser Stallmaler und erzählte mit Ingrimm, wie die Luxstädter Färber aus der italienischen Schule sich immer von den alten Meistern, nach deren Kopien sie kopierten, die Namen patenmäßig beilegten, wie etwan in Wien die Bedienten der Fürsten und Grafen sich wie diese selber nennen, so daß oft z. B. mehre Metterniche und Kaunitze in einem Bierhause zusammen karten und ihre Herren erwarten. Am meisten erboste sich der Stallmaler über die zwei Luxstädter Raffaele, den aus Dresden und den aus Urbino, welche sich, mit solchen Glanznamen vor der Stirn, auch hinsetzen und im römischen Hofe auch porträtieren wollten. »Mein Bruder« – setzte er hinzu, und Geschichtforscher dieses Kometen erinnern sich noch aus dem zweiten Bande dieser Geschichte des mitfahrenden zarten, schönen, phantastischen Jünglings unter dem Namen Raphael – »verdient wegen seiner höchst malerischen Visionen bei Mondschein wohl eher seinen Raphaelischen Namen; und wenn er sich nicht auf Praxis und Porträtieren einläßt: so tu' ichs doch, nenne mich aber ganz kurz weg Renovanz. – O die abscheulichen Prahlmaler!«

Nikolaus tat aus Mitleiden mit diesem ärgerlichen Selbgefühl ablenkende Fragen über die niederländischen Maler und über die Unterstützung des Fürsten; aber da Renovanzens neidische harte Darstellung den Ruhm dieser berühmten Kunststadt schmälern würde, so schildere ich lieber selber. Die Meister der belgischen Schule – wie sich die niederländische da nannte – ließen sich gewöhnlich, jeder von dem verstorbenen, dessen Schüler er war, z. B. von dem berühmten Balthasar Denner, aus der Taufe heben, und einer nannte sich z. B. Balthasar Denner; so wie gemeine Leute an Fürsten Gevatterbriefe schreiben, eines artigen Patengeschenks gewärtig. Andere belgische Meister, z. B. ein Hase, ein Sau, ein Laus, nannten sich nach ihren Stücken und liefen auch im gemeinen Leben auf dem Konventionfuß der Preistiere um, auf denen sie, wie Muhammed auf dem Esel, oder wie in Rom die Kaiserseelen aus dem Scheiterhaufen auf einem emporgelassenen Adler, gen Himmel getragen werden. Andere Meister, welche der Gastwirt zum Porträtieren hergebracht, z. B. der sogenannte Säufer, der Bettler, der Fresser, ließen sich von ihren Meisterstücken dieses Namens, gleichsam die Väter von ihren Kindern, taufen, weil nicht zu verkennen war, daß sie solche nach dem Leben, nämlich nach ihrem eignen, gemalt.

Es wäre freilich gegen alle Natur des Menschen und gegen die ganze Weltgeschichte gewesen, wenn beide Schulen, die Belgier und die Welschen, einander nicht tödlich angefeindet oder einander nicht zu vergiften, zu verpesten und zu brandmarken gewünscht hätten. Der einzige Hut, unter welchen sie zu bringen waren, war das Dach des römischen Hofes, wo allein sie ein paar Groschen auf Borg verzehren durften. Wie einmal in Paris die Piccinisten in einem Winkel der Theaterloge des Königs standen, und die Gluckisten im Winkel der Königin: so war auch hier der Lukas-Städter Fürst der Mäzen der Belgier, und die Fürstin der der Welschen; denn natürlicherweise wird ein Mann lieber die Natürlichkeit, und eine Frau lieber die Verklärung beschirmen.

Schutz nun erhielten auch die Maler reichlich und Lob hinlänglich; aber von Geld wenig oder nichts, wegen der die kleinen Fürsten so drückenden Armut an Papiergeld, das nur sehr große Reiche im Überfluß besitzen. Die Brotkrumen, womit sonst Pastellmaler die Druckfehler ihrer Gemälde wegscheuern, hätten den Malern schon zum Erschaffen der Schönheiten Dienste getan; denn in der Tat will ein Künstler – so wie, nach den heraldischen Regeln, im Wappen nach Farbe stets Metall und nicht wieder Farbe kommen muß – ebenso etwas wie Geld aufgelegt sehen.

Nun mag denn Renovanz in seiner stärkern Sprache fortfahren bei Nikolaus: »Diese Hungerleiderei ist nun das Motiv, warum das ganze luxstädtische Malerpack porträtieren muß; wo man nur steht mit ein paar Pfennigen im Beutel, wird man abgerissen oder abgeschmiert, und wer niemand zum Sitzen bekommt, der sitzt sich selber und guckt in den Spiegel. Für anderthalb Taler kann sich jeder bis aufs Knie gemalt erhalten, und fast in allen Haushaltungen hier hängt jeder an der Wand, ders kaum wert ist, daß er lebendig am Boden stehe. Glauben Sie mir als einem Künstler, unter allen den Kerlen, die Ihnen der höchst unwissende und höchst eigennützige Pabst (Wirt) empfohlen, ist vielleicht kein einziger, der heute etwas zu essen hat; lauter Lumpe, die nun auf Ihr Gesicht wie auf einen Brandbrief borgen.«

Zu des Stallmalers Erstaunen erwiderte der Graf: recht warm dank' er ihm für diese Nachricht zur rechten Zeit; jedes Wort sei ein Fürsprecher für die armen geldlosen Künstler; denn auf ihn könn' er mehr bauen als auf den hier vielleicht interessierten Wirt. Nun hab' er doppelte Gründe gewonnen, sich von beiden Armen-Schulen malen zu lassen und keine auffallend zu begünstigen. Er stelle sich jetzo die eingefallenen Gesichter der beiden Reihen von armen Teufeln, die er schon durch sein Versprechen so sehr ausgeheitert, recht lebhaft vor, wie herrlich sie aussehen und lächeln werden, wenn er gesessen und sie lauter Gold einstecken. »Bei Gott,« – setzt' er ganz im Feuer dazu – »schlüge ich auch einem einzigen Künstler mein Gesicht, etwa seines Pinsels wegen, ab: so würde mich dieser, das weiß ich, auf meiner ganzen Reise mit seinem eignen betrübten verfolgen und es mir ordentlich vorhalten. – Mein Grundsatz aber war in meinem ganzen Leben der und bleibt es auf der Reise hindurch, Herr Renovanz: ein Fürst muß den andern ergänzen, und was der ärmere nicht vermag, soll der reichere vergüten, und so werd' ich denn sitzen.«

Darauf blieb denn dem Hofmaler nichts zu tun, als seine Galle zu verdauen – die eigentlich sonst verdauen hilft – und ihre Ergießung nach oben zurückzuschlucken, da man bei Nikolaus die warmen Beschlüsse der Wohltätigkeit durch jeden Widerspruch nur anschüren, aber nicht abwehren konnte; und er hatte nichts Angenehmes mitzunehmen als etwa das für den gastfreien Wirt Unangenehme, daß der Graf beifügte, er werde natürlicherweise aus Zeitmangel nicht jedem einzelnen Maler sitzen, sondern jedesmal einer ganzen Schule zugleich.

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