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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Gang

Abend des Kandidaten – ferner des Hofpredigers – endlich des Reisemarschalls – und allerhöchstes Klistiernehmen und -geben

Der Kandidat ging in seine Hofwohnung, in das niedliche, nicht von Engeln, aber von Juden gebrachte Lorettohäuschen, und kam da vor Freude außer sich, ohne daß jemand wußte warum, ausgenommen er selber. Es war schon lange ein Lieblingtraum von ihm gewesen, überall zu wohnen auf einige Wochen – dort mit seiner Wohnung auf einem Hügel am Strome – hier mit ihr mitten auf einer weiten Wiese – dort eng in einem Birkenwäldchen – ja, draußen kaum eine Viertelstunde weit von jenem mit Gärten umzingelten Städtchen – kurz der Schnecke zu ähnlichen, welche sich mit ihrem Haus auf jeden Zweig und Rasen setzt, wo es ihr gefällt, und dann, wann sie ausgeschlafen, sich auf einem andern Blatte ansiedelt und anklebt. »Welche prächtige Aussichten«, sagt, er, »hätt' ich in jeder Woche! Denn gewechselte sind prächtige. – Aber wie könnte ein Mensch zu dergleichen gelangen?« Da er aber doch dazu kam und dabei vorauswußte, daß sein Schneckenhäuschen künftig sich auf allen möglichen Paradiesesbeeten niederlassen würde und ihn einkriechen lassen: so war er, wie gesagt, ganz natürlich abends außer sich und sah zum Fenster in den Mondschein hinaus und sehnte sich nach allerhand. Der arme Teufel wußte nicht einmal, daß an diesem Frühlinganfang außer dem Geburttage der Stadt Nikolopolis auch der seinige falle. Weder er noch andere hatten – bevor er eines oder das andere in Druck gegeben – auf den Tag seines Eintritts in den großen Druckort der Erde im geringsten gemerkt.

Auf dem Lande, besonders bei Unbegüterten, wozu Richter gehörte, wird fast so wenig an Geburttage gedacht wie bei den Türken, welche daher (nach Meinhard) selten wissen, wie alt sie sind; und nur die Mütter erinnern sich und stellen etwan bei den Vätern tags vorher die Bemerkung, aber ohne Geburttaggeschenke auf: »Eben morgen um 1 Uhr bracht' ich unsern Fritz auf die Welt.« Aber sooft ich zuweilen einen armen Handwerker oder eine Magd höchst gleichgültig unter dem Arbeiten sagen, hörte: »Heute ist mein Geburttag«, und sie dann ohne weitere Feier fortarbeiteten bis ins Bett: so tat es mir so innig wehe, als wär' ich eine Kronprinzessin, die sich einen solchen Tag gar nicht ohne Feste und Festgeschenke und Bälle gedenken kann. – Denn (um auf den Kandidaten wieder zu kommen) es wurde der Mann erst nach einem und dem andern Meisterwerke und näher seinem letzten Tage als seinem ersten mehr gefeiert samt diesem, wie überhaupt mit Menschen geschieht, welche man, wie die Wörter in den indischen Wörterbüchern, nicht nach den Anfang-, sondern nach den End-Buchstaben reihet und aufstellt. – – Das menschliche Herz in Betrachtung gezogen, sollte man freilich die Leute lieber nach Jugendgefühlen als nach Altertaten schätzen, da die Menschen nur in jenen ihre Vollendung zeigen, indes später etwas anderes in ihnen zunimmt als eben das Beste; so wie an ihnen im Gegensatze der Fische und Schlangen, welche das ganze Leben hindurch immer größer werden, später nichts Besseres fortwächst als Nägel und Haar. Zum Glücke haben die Menschen gegen das fatale jahrelange Verschlimmern ein treffliches und schnell wirkendes Mittel zum Verbessern erfunden, das wegen der kurzen Zeit seines Einwirkens nie genug zu schätzen ist, nämlich die sogenannte Galgen-Bekehrung, welche bei rechtlichen Menschen keine andere sein kann als die auf dem Sterbebett, so daß dann wirklich einer, wenn er wie die braunschweigische Mumme unter dem Verfahren unten mehrmals sauer geworden, zuletzt wie diese ganz genießbar geworden oben ankommt. –

Aber wie weit verschlug Richters Wiegenfest uns von Nikolopolis!

Der Hof- und Zuchthausprediger wohnte in der nächsten Gasse, nämlich im nächsten Schmuckhäuschen. Süptitz war von jeher schwierig in ein Wirthaus zu bringen, weil es für ihn keine Person und keine Sache gab, die ihm reinlich genug war; er wünschte – der Pflück-Hände wegen – Kirschen und Beere wären so gut abzuschälen als Birnen oder Nüsse, und jedes Tafelgeschirr säh' er erst vor seinen Augen abfegen. Wenige Sachen aber floh sein Leib so bange als Gasthofbetten: »Ich verlange weiter nichts,« sagt' er, »als daß ein Mensch, und besonders ein Prediger, bevor er in ein Lager von tausend Schläfern einsteigt, sich hinstellt und flüchtig überlegt, wie viele hundert Bettlägerige darin gelegen, wovon ein einziger hinreicht, um ihn mit jeder unheilbaren Krankheit überhaupt, aber am meisten mit jener unehrbaren zu verpesten, mit welcher als unschuldiger Ehemann im Priesterornat auf der Kanzel zu stehen grausenhaft sei; denn die frischen Bettüberzüge, worauf einige bauen, ziehen doch gegen altangesteckte Federn noch keinen Pestkordon!«

Zum Glück konnte der Hofprediger, wie ein Paradiesvogel, bloß auf der Luft schlafen. Denn Nikolaus hatte am Tage vor seiner Abreise seinem Hofbankier Hoseas die Vollmacht gegeben, für die Reise alles Gerät um jeden Preis einzukaufen und lieber Unnötiges zu viel als Nötiges zu wenig, und da hatte es sich gerade sowohl zu Marggrafs als zu Hoseas' Vorteile getroffen, daß in Rom eine gute Quantität luftdichte Bettzeuge von ClarksMagazin aller neuen Erfindungen Nr. 64. Sie werden mit einem Blasebalge gefüllt, und ein Ventil hält die Luft fest; man kann sie sich härter oder weicher aufblasen. In Frankreich hat man (nach Knigge) längst lederne Unterbetten mit hermetisch verwahrten Nähten, aus welchen morgens die Luft wieder ausgelassen wird. zu verkaufen stand, welche der Hofbankier ohne langes jüdisches Handeln erhändelte, und die so ganz für Süptitz passeten, da sie nicht frisch überzogen, sondern frisch aufgefüllt wurden, anstatt mit Federn bloß mit Luftkügelchen aus dem immer frischen Dunstkreise.

Der Reisemarschall aber, um endlich auf diesen zu kommen, kümmerte sich sorglos um gar nichts, weder um seine Betten in Gasthöfen (lieber um fremde) noch um den Schein seiner Unschuld, ja Schuld. So gab er gern dem Liebenauer Wirthaus den Vorzug vor dem Hofquartiere. Er hätte darin, so wie im ganzen Dorfe, sogar seine eheliche Treue auf eine der schwersten Proben setzen lassen, wenn jemand es hätte tun wollen. Er durfte sich hierin gewiß mehr zu den Leuten von Stand als zu denen vom Mittelstande zählen, denn sein Herz war in der Ehe nicht, wie etwa chinesisches Papier, bloß von einer Seite zu beschreiben, sondern auf der Rückseite war noch Platz für manche weibliche Hand, oder in einem mehr anliegenden Gleichnis: er hatte nicht, wie etwa der Norweger ein einziges Mal Brot für sein ganzes Leben bäckt, sich ein Hausbrot von Hausfrau auf immer aus dem Ofen geholt, sondern er nahm Sauerteig und heizte von Zeit zu Zeit für einige frisch gebackene Laibe, wie etwa die Türken, als norwegische Gegenfüßler, nicht säuern und deshalb täglich frisch backen.

Spät abends klopfte Worble – dem wahrscheinlich im andern Sinne sein Brot im Dorfe gebacken war – stark an des Kandidaten Fenster an, damit er heraussähe; er wollte nicht hinein ins Zimmerchen, sondern sagte, er könne auch außen vor dem Fenster seine Freude ausschütten oder seine Wonnenachtgedanken, welche wahrscheinlich in einem bittern Nachgeschmacke von Nikolaus und dem Abende bestanden. Er hatte sich gegen den so späten Aufbau des Stadtviertels aus den besten Gründen – denn sie bezogen sich alle auf sein eignes Ausruhen – ganz vergeblich und wider sein Erwarten gestemmt, da der Prinz zum erstenmal als Prinz sich zeigte und keine andern Vernunftgründe annahm, als die er schon hatte.

Er fing an, von Nikolaus zu sprechen, dessen Wert er vom Kandidaten, sagt' er, mit Freuden so schön anempfunden sehe. »Er hat nun einmal«, fuhr er fort, »fürstliches Blut in seinen Adern, welche davon natürlich immer etwas schnell und fieberhaft pulsieren. Langsam – Sie sehens am heutigen Bauwesen – kann er nichts leiden; wie alle Fürsten will er in seinen Freuden nur Schwung- und Spornräder haben. Eben deshalb müssen Sie ihm auch sein bißchen Aufbrausen nachsehen; Fürsten fahren sämtlich auf, aber nur er unter ihnen am schönsten. Ich kenne hohe Personen, die wahre Vesuve sind, und zwar solche, wie einer im Wörlitzer Garten speiet, der außen Fenster hat und innen ein ganz artiges Schmollstübchen; – und ebenso sind Durchlaucht; abgebrannt ist das Zündkraut, noch ehe Sie schießen.«

Dem Kandidaten gefiel zugleich die Freimütigkeit eines solchen Fürstendieners und der Charakter eines solchen Fürsten außerordentlich, und er konnte sein Doppellob beider nicht oft genug wiederholen und verdoppeln. Der Reisemarschall fuhr, ohne darauf zu achten, fort: »Man ersieht daraus wenigstens, wessen hohen Stammes er ist; aber ich will Ihnen einen Zug erzählen, welcher noch mehr beweiset, wie er zu einer Zeit, wo er ohne alle Geldmittel und ohne alle Nachrichten von seinem Herrn Vater war, dem er entgegenreiset, sich als wahren Fürsten fühlte; – es war, als er ein Klistier setzte. Es klingt komisch genug, benimmt aber der Würde bei der Sache nichts. –

Wie ich Ihnen schon am Morgen gesagt, das Inkognito, worin sich gegen Durchlaucht Ihr Fürstvater festhielt, war so streng als hart; und noch weiß niemand dessen Namen, ausgenommen nur vielleicht Seine Durchlaucht, und Diese selber wissen ihn wohl nur seit der Zeit, daß Sie Diamanten von ihm heimlich bekommen; denn daß Sie die Steine selber brennen und fertigen, wird wenig vom Hofe geglaubt. Nun kamen Durchlaucht und ich, Ihr damaliger Gouverneur, von Leipzig aus schlechten Umständen zurück in noch schlechtere; mein damaliger Hunger, Herr Kandidat, sei Ihnen ein Vorbild des durchlauchtigen, der noch weit größer gewesen sein mußte, denn Sie hätten sonst den meinigen gestillt. Sie wissen es vielleicht noch nicht, Herr Kandidat, wie ein Mensch, der auf Ehre hält, seinen leeren Magen vor der Welt so künstlich in allerlei verkleidet, wie ein Kunstgärtner in einem Park den geheimen Abtritt – das Gleichnis ist so gar weit nicht hergeholt – artig in eine Nische oder einen Holzstoß versteckt, oder in ein Tempelchen. In eine Apotheke, sonach in das Nächste, verkleideten Durchlaucht Ihren leeren Magen – von den nobles masques des meinigen ein andermal –, und Sie trieben darin völlig dasselbe, was Herr Henoch Elias Marggraf getan, wovon noch die Apothekergesellen nachzeugen.

In diese elende Zeit nun – ich bin noch immer nicht bei meiner Anekdote – fiel es hinein, daß sich der noch heute regierende Markgraf von Hohengeis nach Rom begab und erhob, um diese Landstadt, die er in seinem Leben nie gesehen – außer einmal in der Nacht beim Durchfahren –, mit seiner Gegenwart zu bestrahlen, hauptsächlich aber, um zu einer abgebrannten Heiligen-Geist-Kirche den Grundstein eigenhändig zu legen. Sie wissen, wie die gekrönten Häupter lieber diesen ersten leichtern Stein legen als die schweren Quader.

Den Jubel und Glanz und Klang und Rausch unseres neuen Roms beschreib' ich Ihnen nicht – im alten welschen finden Sie ähnlichen häufig; aus eigner Weltkenntnis wissen Sie ohnehin, daß ein Fürst sich nirgend länger als in einem Landstädtchen, gleichsam in dem Paradebett, ausstreckt, oder in einer Paradewiege, was in einer Hauptstadt schon nicht geht. In letzter ist er nur ein Wochentag, weil er da seine Wochen hält; und nirgend als in einem Landstädtchen ein Sonntag, das seinen ganzen Namen mit Sonntagbuchstaben schreibt.

Was braucht es der Worte! Genug, zu Ehren des Herrn und der Geistkirche betrank sich unser ganzes Rom; darauf aber tat dasselbe, wieder zu Ehren Roms und des neuen Kirchenbaues, der Herr selber, anfänglich mit Maß, später ohne das Maß. Wer kennt dergleichen besser als ich, Herr Kandidat, wenn ich mit jemand trinke! Zuletzt konnt' es unser Hohengeiser Landesvater den Leichensteinen in Münster, welche aus Platzmangel aufrecht stehen, nicht mehr so gleich tun als unseren hiesigen, die liegen, und endlich droht' er selber unter einen zu geraten, wenn ihn nicht der Hebel einer Klistierspritze wieder hob.

Es wurden Eilboten an den Schloßapotheker abgefertigt; aber der war selber in dem Zustande, wo man mehr eine Spritze brauchen als gebrauchen kann, und vermochte nicht zu erscheinen. Er trug dieses sein Unglück, die Hintertüre zu Ehre und Geld umsonst offen gesehen zu haben, viel dazu bei, daß der Mann vor Gram länger auf dem Lager geblieben, als nach bloßem Trinken geschehen wäre.

Jetzo wurde zum zweiten Apotheker gesandt, was damalen Seine Durchlaucht waren. Nun hätte man von einem Manne wie der Fürst, welcher, nie bei Hofe gewesen, so plötzlich dahin gezogen wird mit einer Spritze, als dem Halbleiter zu einem gekrönten Haupte oder als dem Notruder zum Staats-Steuerruder, befürchten sollen, er werde den Kopf verlieren, teils vor Zagen, teils vor Jubeln, einen regierenden Herrn gerade von derjenigen Seite zu sehen, womit er sich auf dem Throne erhält – gleichsam das Untere der Karten und der Kartenkönige – – auch waren zwei Töchter des alten Apothekers, bei dem er erzogen wurde, über den goldnen Boden des Handwerks bei des Landesherrn bekannter Freigebigkeit schon voraus außer sich; – und auf den Schloßapotheker, über welchen unser Fürst wegschritt, werd' er, hätte man denken sollen, schon voraus heruntersehen .....

– Durchlaucht dachten höher. ›Meine Unterziehstrümpfe und die Seidenstrümpfe‹, sagten Sie kalt zu den Leuten.

Darauf zog der Fürst die feinen Überziehstrümpfe über die leinwandnen Unterziehstrümpfe mit solcher ruhigen Geschicklichkeit an, daß er – was so schwer, wie jeder weiß, der sich vor einem Tanze zur Fuß-Toilette niederkrempt – die Strümpf-Paare ohne Zerdrehen, Verdrehen und Fälteln so glatt wie ein Knochenhäutchen anbekam und anhatte, kurz mit einer seinem sonstigen Hasten so unähnlichen Ruhe, als ob es für ihn Kronsitzteile samt deren Spritzen gar keine in der Welt gäbe, seine eignen ausgenommen; – ein schöner seltner Kaltsinn gegen eine Hofauszeichnung, welche freilich jetzo, da er selber Fürst ist, uns nur als eine geringe erscheinen muß, wo nicht gar lächerlich.

Nun verfügten Durchlaucht sich mit Spritze und Blase samt Kräutern an den Hof und durchschritten die Säle voll scharfsichtigen Hofgesindels so unbefangen, als gehörten Sie selber darunter. – Und dies tat im Vorgefühl fürstlichen Bluts ein Fürst, welcher in der ganzen Apotheke, auf Befehl des wahrscheinlich vom Fürstvater selber befehligten Pflegvaters Marggraf, nie als gnädigster Herr oder Durchlaucht angeredet wurde, so wie Augustus auf eignen Befehl (freilich aus andern Gründen) nie, sogar nicht von seinen Enkeln, Herr oder Dominus durfte geheißen werden.

Das übrige versteht sich nun von selber, nämlich die gleichgültige Art, womit er an dem ihn scheinbar regierenden Landes-Herrn das Menschen-Erdgeschoß, für einen Nikolaus kein Noble-Parterre, oder die tragende Erdkugel des den politischen Thronhimmel tragenden Atlas behandelte und ansah, nämlich bloß von der Seite der Kunst, ohne knechtischen Pöbelrespekt. – War es nicht, als ob er mehr klistiert würde als selber klistiere, oder al ob er – wenn Friedrich der Einzige neben den Kommandostab eine Quanzische Flöte legen ließ – umgekehrt neben der Spritz einen Zepter liegen hätte, der freilich auch oft öffnet und abführt? –

So stand denn unbewußt – an sich eigentlich erhaben, wie Don Quixote neben Cardenio – ein Fürst dem andern als Verbündete auxiliar bei. – Das andere geht mich nichts an, und somit Gott befohlen und gute Nacht!«

Aber hier barst Worble in ein Lachen auseinander, das er so lange zusammengehalten, und rannte davon.

Als einen Nebenumstand bemerk' ich noch, daß die Hauptgeschichte bloß erlogen war. Bis zum Betrinken des einen Fürsten und bis zu dem Hof- und Klistierrufen des andern inklusive war die Sache wahr; aber Nikolaus nahm, trotz aller Vorstellungen seiner Schwestern, den so einträglichen Ruf nicht an: »einem bürgerlichen Patienten«, sagt' er, »beizustehen sei er bereit, aber einem Verstopften von Geblüt nun und nimmermehr, solang' er sich selber fühle« – ein Wort, das von vielen sehr falsch verstanden wurde.

Übrigens wünscht' ich, daß Sachwalter und Rezensenten – ein desto engerer Bund, wenn sie, wie der tragierende Müllner, beides sind – an diesem scherzhaften Muster Worbles sich ein wichtigeres ernstes nähmen, wie man parallel mit dem Wege der Wahrheit bleiben, und doch in der Ferne auf lauter Lugabwegen fortziehen könne. Es gibt so treffliche chemische Verschmelzungen von Wahrheit und Lüge, wo die Lüge, wegen der stärkeren Wahlverwandtschaft mit der Wahrheit, latent und gebunden bleibt.

Nur traue man dem guten Kandidaten Richter nicht zu, daß er alles als ein völliges dummes Lamm von Worble gläubig aufgeladen; er war vielmehr ein altes Schaf mit einigem Gehörn und Gehirn, das in des immer scherzhaften Worbles Darstellung der Wahrheit die komischen Schelmereien ganz gut auswitterte und eben deshalb zu sich sagte: »Der feine Vogel will wohl, scheint es, durch seine Nachahmung meiner Teufels-Papiere-Manier mich bestechen und fangen; er weiß aber wenig, daß ich Scherz und Ernst stets absondere und besonders den guten Fürsten recht ernsthaft lieb habe.« – Indes wird uns der Kandidat zu einem neuen Beweise, wie man zugleich selber Ironien machen, deren Verständnis fodern, und doch fremde zu ernstlich auffassen könne; so wie der Listige über sein Belisten das fremde übersieht. Und doch würd' ich mich einiger Parteilichkeit über den jungen Mann anklagen, wenn ich nicht bemerken wollte, daß er ja von den früheren apothekerischen Verhältnissen Marggrafs, welche der Leser aus zwei Bändchen seit Jahren ordentlich auswendig weiß, nie ein Blatt vorbekommen und folglich alles von keiner andern als der fürstlichen Seite ansehen müssen; aber dies ändert in der Sache viel.

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