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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Des Kapitels dritter Gang

Ortbeschreibung des Örtchens- die Portativ-Residenzstadt Nikolopolis – der Liebebrief

– Und da stand nun Liebenau da, das holde, und alle Welt war darin! Aber ihr glaubt doch nicht etwa, daß es ein belgisches, nettes, buntes, breites Dorf ist? – Kein Haus stand an dem andern, sondern bloß ein Gärtlein an dem andern; in jedem solchen stand erst das Haus, und jeder Baum wurde von dem andern (besonders im Sommer) abgesondert durch Blätter und Früchte. Zwei volle majestätische Lindenbäume regierten als Thronen das Dorf; der eine, ein breit- und langastiger und lasttragender, stand, vom Maienbaum nicht weit, mit einer kurzen Treppe da, welche an seinem Stamme zu einer an ihm herumgeführten Tanzgalerie hinaufführte; der andere Lindenbaum an der Kirche war mit Bänken umzingelt, damit die Kirchgänger auf den Pfarrer leichter sitzend warteten. Die Turmglocke schlug bei der allgemeinen Ein- und Auffahrt vier Viertel und fünf Uhr; aber auch sogar die metallkalte Aussprecherin der wärmsten Menschenstunden zählte sie in Liebenau dem wegeilenden Leben mit mütterlicher Stimme zu; denn es gibt Glocken, welche uns gleichsam die ganze Vergangenheit vorläuten und nachsummen, dergleichen eine der Verf. in Nürnberg im Abendgeläute, wie eines ganzen Mittelalters wehmütige Bewegung, hören konnte.

Auf dem Pfarrhause standen schon zwei weiße Heimkehr-Störche und sahen über das Dorf hin. Und in der Gartenhecke des Schulmeisters sang gar eine Grasmücke, und draußen schweiften weiße Tauben als malerische Farbentinten über dem Saatengrün herüber, und die etwas vertiefte Sonne loderte auf ihrem Hügel noch ganz warm durch die halb vergoldeten Silberstämme eines Birkenwäldchens und färbte jede Wange und jeden Hügel rot. »O! ein echter Frühlings-Anfang«, sagte schon wieder der Fürst; aber es ist ihm jede Entzückung über einen ganzen schönen, noch von einem Abende verschönerten Tag zu vergeben, wenn man sich den armen, bisher im bangen Rom und in einer Apotheke zu einer trocknen Mumie gewürzten und umschnürten und eingewindelten Apotheker vorstellt, der nun das Freie vor sich hat und Länder an Länder und Zepter und einen Vater samt Braut!

Inzwischen sollte doch dem reichen Dorfe (als hätte Süptitz wieder recht) etwas fehlen – und zwar gerade das, was im All das Wohlfeilste (wie in Paris das Teuerste) ist, und was jede Sonne auch mit ihren größten Wandelsternen so überflüssig vorfindet, daß noch millionenmal mehr davon übrigbleibt, als sie braucht – nämlich der Raum. Ich spreche vom Platz im Wirtshause.

Zum Unglück, wie es schien, war mitten im Dorfe gar eine Stadt einquartiert, bestehend aus zwölf Ochsen, vier Juden, drei Wagen und einem Pastetenteig zu einer artigen Stadt, sobald er gehörig unter dem Nudelholz gewalzet wurde und dann zusammengeklebt und gewölbt und sein gehöriges Füllsel von Einwohnern bekam. Es ist eine schon bekannte Sache, daß in Moskau, in London, in PhiladelphiaWeylands Reise-Abenteuer, B. 4. Neuerdings erfand in Stockholm Major Blom solche Portativhäuser. ganze hölzerne Häuser, d. h. Bretter dazu, unaufgebaut auf dem Markte feilgehalten werden, mit welchen man z. B. in Philadelphia von einer Gasse in die andere ziehen und da ansässig werden kann, was einer oder der andere ein Hausieren der Häuser nennen würde. Hat ein Mann die rechten Bauleute zu solchen reisenden Passagierstuben: in wenigen Stunden tritt er in seine passive oder in seine häusliche Niederlassung und guckt hinaus.

Etwas Ähnliches, aber hundertmal Schöneres führten die vier Juden auf ihren Leiterwagen, deren jeder ein Treibhaus von feinen Häusern war. Sie hatten nämlich einem jungen Fürsten, der bei dem Antritte seiner Regierung sich gern mausern, hären und häuten und alles Väterliche bis auf jede Eierschale und jeden Kokon von elterlichen Tapeten und Zimmern abstreifen wollte, die ganze Lust-Einsiedelei oder hermitage seines Vaters, welche Einsiedelei für die Menge seiner Hofleute zu recht vielen Häusern eingerichtet war, wie gewöhnlich um halbes Geld abgekauft und die Häuserchen nebst dem Lustpark geschickt zerschlagen. Sie fuhren nun das artige Hoflager samt einem Zimmermeister zum schnellen Einfugen und Aufbauen, falls etwa ein Bau- und Kauflustiger auf der Stelle eine Probe von Haus zu sehen begehrte, lange Zeit zu Markte herum, aber ohne den geringsten Absatz und zu ihrem wahren Schaden. Denn überall begegneten ihrer Wanderstadt selber Wanderthronen und Wanderfürsten und auswandernde Untertanen; und dabei mußten sie ihr zartes Städtchen unter dem groben Stadttore teuer bezahlen.

Das war keine Sache für die guten Juden.

Ihrem Herzen war, als würde jeden Tag Jerusalem wieder zerstört, und sie hatten Tempelzerstörung-Feier.

Da begegneten sie ihrem Messias, der die heilige Stadt aufbauete. Mit einem verständlichen Worte: der edle Marggraf kaufte ihnen das ganze Städtchen ab, zwar nicht wie in alten Zeiten um Pfund Heller, sondern um Pfund Gulden; gab den Juden aber nicht einen Pfennig mehr, als sie verlangten. Dabei bekam er noch den Zimmermeister zum Kaufe darein, den er unterwegs schon zu einem künftigen Untertanen vernützen konnte.

Jetzo entstand in Nikolaus der wahrhaft fürstliche Gedanke, sogleich den Antritt seiner Regierung und Reise mit der Anlegung einer Stadt zu bezeichnen. Er gab mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit dem Gefolge wider Erwarten Befehle zum augenblicklichen Aufbau wenigstens eines Stadtviertels oder -achtels. »Wenn man nur vor oder sogleich nach Sonnenuntergang«, sagte er, »die Residenz und einige Dienerhäuser fertig bringt: so ists für heute schon genug und recht viel, meine lieben Leute.« – Es mußte sogleich zum Werke gegriffen und ein Teil der Einsiedeleien abgepackt werden. Nur der Reisemarschall fand keinen rechten Geschmack an der unerwarteten Bauerei, weil er nach dem Reisetage so gern recht bequem im holden luftigen und duftigen Liebenau ruhen und kreuzen wollte nach schönen Gesichtern und vorher eine frühe Abendtafel vor sich sehen. In der Tat, eine kurze Ungnade hätt' er heute der ganzen Baubegnadigung zu einem Dienerhause vorgezogen.

»Eh' ich aber den Grundstein lege zu einer Stadt,« sagte Nikolaus zu einigen Gelehrten beim Gefolge, »muß ich in mir über den Namen, den ich ihr schenken will, einig werden, besonders da es meine erste ist und ich den Ort unterwegs überall mitbringe.«

»Niklas ruhe, Ihre Durchlaucht, sollt' ich fast vorschlagen, so etwan wie es Karlsruh und ähnliche gibt«, antwortete der nicht sehr aufgeräumte Worble. – »Mein Name ist Nikolaus oder auf griechisch Nikolo, deshalb ist Nikolopolis oder abgekürzt Nikolopel wohl der bestimmteste Name für meine Stadt«, versetzte der Fürst, mit erlaubter Freude über seinen Sprachschatz. Der Zuchthausprediger fuhr wieder zwischen seine Lust und bemerkte: Nikolo sei völlig welsch, Nikolaus hingegen sei griechisch; als der ehrliche Kandidat Richter nachfügte: wie man ja beide und mehre Namen so gut einer Taufstadt wie einem Taufkinde geben könne, was Byzanz und Konstantinopel und Stambul nicht sowohl bezeugen als bezeugt. Der treuherzige Mensch – man gewinnt ihn je länger je lieber – hatte vor lauter Hinneigung zu seinem Nikolaus Marggraf so wenig wie dieser selber – und dies ist das rechte Liebhaben – nur von weitem daran denken können, ob Worble nicht mit Niklasruh auf das gleichnamige Kinder-Schlafpulver, noch dazu auch Markgrafen-Pulver genannt, abzuzielen gemeint. Und ich frage: ist denn das Zielen auch so ausgemacht? –

Der Fürst entschied aber für den Namen Nikolopolis und sagte: Polis ist griechisch genug.

– Er legte nun eigenhändig den Grundstein zu Nikolopolis, oder vielmehr zu seinem Residenzschloß, ja noch bestimmter zur Residenzstube, und nahm natürlicherweise zum Stein ein Brett. Christen und Juden luden ab, stellten auf, fügten ein und rundeten zu, so daß unter der Leitung des Zimmer- und Baumeisters die neue Residenzstadt Nikolopolis in wenig Stunden fertig dastand, natürlich anfangs nur die Hauptsache davon, nämlich die Residenz nebst vier Dienerhäusern für die vier Herren vom Hofe; so wie auch für die Menschenseele sich im Mutterleib ihr Sitz oder der Kopf zuerst ausbaut samt den vier Herzkammern. Künftig, bei mehr Muße und bei längerem Bleiben an einem andern Orte konnten alle Wagen und die ganze Stadt abgeladen und aufgebaut werden, mit allen ihren Stadtrechten, Stadttoren und Stadtwappen und, wenn es nötig, sogar mit einem Judensackgäßchen, aus einer Stifts-Hütte bestehend.

Wie überhaupt alles groß bei unserem Fürstapotheker anhob und der Grundstein zu seinem künftigen Reich nicht wie bei dem Kapitolium durch einen gemeinen Stein, terminus genannt, sich legte, sondern durch einen echten Diamanten Regent: so war es natürlich und erfreulich, daß es so fortging auf der Reise, und daß bei ihm und seinen Städten sogleich mit Residenzen und Dienerhäusern angefangen wurde, indes ganz Venedig mit einigen Fischerhütten, Petersburg nur mit einer einzigen in die Welt eintrat, und Moskau gar aus der Eierschale eines hölzernen Hauses auskroch, wo der Czar Dolgorukoj eine Liebschaft hatte.Müllers 24 Bücher allgem. Geschichte, Band 2.

Welch einen ganz andern Anblick gewährt ein solches neues Nikolopolis, das jeder schon bewohnt, ich meine, welchen ganz andern Anblick gegen jene gemalten bloßen Dorf-Façaden Potemkins, an denen alles blind war, nicht bloß Fenster, sondern auch Mauer, und auf welche doch (nach Kotzebue) der Feldherr die große Katharina auf ihrer Reise durch Taurien von der Landstraße herab aus der Ferne sehen ließ! Bei Katharina war alles nur Schein, hier bloß Wahrheit!

Das Residenzzimmer des Fürsten war nach der Vollendung geräumig genug, daß es den Fürsten und den Tisch und die vier Herren vom Hof, Richter, Worble, Süptitz und Renovanz, die darin speisen sollten – ihre Dienerhäuser wurden während der Tafel gar ausgebaut –, gut fassen konnte. Über dem Speisen äußerte der Fürst: »Ich glaube, ich so wie das Publikum kann mit meinem ersten Tage und mit dem, was ich da vollführt, zufrieden sein. Mein neues Nikolopolis mag von andern Städten zwar leicht an Größe übertroffen werden, aber an nettem Glanz und Geschmack wohl schwerlich, und doch wird es mir ganz anders damit gelingen, wenn ich vollends das nächstemal mehr Zeit gewinne und die Residenz völlig ausbaue; denn Anstalten, Baumaterialien, Baurisse und alle Vorarbeiten dazu sind schon vollendet.« Er meinte damit das, was von der Stadt noch waagrecht auf den Wagen geladen war. Er hätte gern ein Lob aus den vier Hofherren herausgequetscht, aber niemand als der Marschall fiel ein: »Ich erinnere mich hier mit Vergnügen, wie Sie einmal in Leipzig, wo ich die Gnade hatte, Ihr Gouverneur zu sein, gegen mich im Theater geäußert, daß Sie sich unbeschreiblich in die hohen Paläste hineinsehnten, welche damals eine lang aufwärts steigende Straße hinaufstanden, die sehr gut vom Theatermaler gemacht und gehalten war. Durchlaucht wollten mit der Phantasie ordentlich die Einwohner darin besuchen und mit ihnen aus den gemalten Fenstern sehen. Auch mir kam ähnliche Lust an. Aber ist dergleichen nicht mehr als erfüllt durch die herrlichen nikolopolitanischen Zimmer der Hermitage, worin man in der Tat und Wahrheit ja eben ist und ißt?«

»Und doch«, versetzte Nikolaus, »fang' ich nur gleichsam mit einem hölzernen Rom an – ich meine nicht das holzige kleine in Hohengeis, sondern das große in Italien –, aber ich endige, geliebts Gott, mit einem marmornen, wie jener bekannte Römer. – Jedoch glauben Sie mir, meine werten Freunde, ich achte all dieses Leblose und vielleicht Glänzende, was ich heute zustande gebracht, unendlich gering gegen das größte Doppel-Glück, das ein Fürst nur erobern kann, nämlich gleich Friedrich dem Großen einige Menschen mehr in den Staat gezogen, wie ich heute den Bau-Direktor, und, da bei mir alle Religionen freie Übungen haben sollen, auch ein paar Juden zum Weiterreisen gewonnen zu haben. Auch hab' ich wohl schon unterwegs an meinem ersten Reisetag nicht wie Titus einen Tag verloren, indem ich daraus einen frohen für manche Dürftige gemacht ...... Ach sehen Sie doch, bei Gott! die allgemeine Freude draußen, wie alles zu den Fenstern hereinschauet, beinah das halbe Dorf, und wie drüben in der Laube alles tanzt und jubelt; denn Bier hab' ich sowohl meinen Leuten als den Liebenauern hinlänglich reichen lassen.«

Und da er jetzo gegen die Fenster grüßte und ihn vielleicht die Hereinschauer vernommen hatten: so erscholl ein weites Lebehoch von den Fenstergläsern an bis zum fernsten Biergläschen in Liebenau hinab. Nun hob der Fürstapotheker die Tafel auf und machte eine schwache Verbeugung gegen die Herren, zum Zeichen abzugehen.

Wie gern hätt' ihm aber der Kandidat die Hand zur guten Nacht gedrückt, wäre nicht der Abstand des Standes zu breit gewesen.

Aber wie würde der Kandidat sich erst diesen Abend noch in ihn hineingeliebt haben, wenn er gewußt hätte, was Nikolaus sofort nach dem Abgange der Herren getan! Denn ihm würde, wie ich ihn kenne, der wohlwollende, obgleich überflatternde Fürst, der wie der Vogel Strauß an seinen Flügeln selber wieder Stacheln trug, um sich zum Fluge zu spornen, ein Mann zum Herzandrücken dadurch geworden sein, daß er so spät abends das menschenfreundlichste Herz mit allen Irrtümern noch gegen ein ungekanntes wandte und das Tempelchen seiner Amanda aufmachte, um die lang entbehrte Geliebte wieder zu sehen und unter ihren Augen das folgende Briefchen an sie zu schreiben:

 

Wie hold und fest du mich wieder anblickst, Amanda! mit den stillen blauen Augen, still wie das Himmelblau! – Siehe, endlich bin ich auf der heiligen Wallfahrt zu dir, und das Herz, das dich von Jugend auf fromm in sich getragen, wird dir endlich nahe gebracht. Bin ich doch tausendmal seliger als hundert meinesgleichen, welche die Diplomatie verheiratet und welche von der aufgezwungenen Prinzessin nichts vorher zu Gesicht bekommen als ein flaches Porträt, das noch dazu mit Farben lügt; denn ich habe täglich deine volle treue Wachsgestalt um mich, und an ihr ist lauter Wahrheit, und alle ihre Schönheiten hast du selber; ja sogar die neuen unerwarteten, womit seitdem die Zeit dich wie eine Blume überhüllte. – Noch duften die Orangeblüten, die du für mich fallen lassen, mir den alten, nie welken Lenz einer Viertelstunde zurück, und obgleich von deiner Harmonikastimme nur wenige Worte aus dem Parke in mein Herz eingeflogen, singen doch diese Nachtigallen in meinem Innersten unaufhörlich, und deine Stimme versteckt sich als eine Echo überall in alle Ruinen meines Lebens und ruft mir, ach so lieb! O du Stimme! – Könnt' ich dir nur, Amanda, aussprechen, wie oft ich mir unser künftiges Zusammenfinden vorgemalt, und zwar jedesmal ein schöneres. Aber wahrscheinlich würdest du mich nicht sogleich wiedererkennen, da an dem jungen entzückten Gesichte, das du im Parke bei einem einzigen Begegnen in dein Auge aufgenommen, das Leben gar so manches durchstrichen hat, oder doch entfärbt. – Aber gewiß werd' ich mich wieder in meine Vorjugend zurückleben, und da, wo jetzo weiße Rosen stehen, werden rote auch wieder aufbrechen – und, Amanda, du wirst mich glühen sehen.

Da meine Reise gleich am ersten Tage so anfing, daß ich fast jede Stunde um die andere einige Menschen beglücken oder doch erfreuen konnte: so werd' ich schon so herrlich alle Tage in Freuden leben, daß ich wieder ein verjüngter Jüngling werde und die Wunden, ja die Narben aus Rom verliere. – Wie würdest du heute froh sein unter den Frohgemachten rings um dich her! – Bis jetzo pflückt' ich vom Throne nur die Freuden ab; o! wenn es dir leider auf dem deinigen anders ginge, wie möcht' ich fliegen, um dir über den kleinsten Schmerz, womit dich die Krone wund drückt, weichen Verband zu legen. – Wie füll' ich mir die Brust mit den Frühlingslüften, welche um dich geflattert haben, und die nun mich umschließen! Glaube mir, ich gehe einen langen Weg zu dir, und die Sehnsucht dehnet jede Stunde aus, aber ich werde doch nicht müde auf ihm, da der Reisewagen vielleicht manche rohe Anhängsel von mir abrüttelt, oder da (darf ich eine sehr schmeichelhafte Wendung meines Reisemarschalls gebrauchen) das Wagenrad gleichsam das Schleifrad werden kann, welches dem Diamanten sonst die Glanz-Facette einschneidet. – Ach, auf meine Flecken und dunkle Stellen dreh' ich zu leicht und schmerzend mein Auge; doch ein Lichtpunkt blinkt wie Diamantfeuer an mir, die Liebe zu dir.

Hätt' ich nur eine Seele, in die ich ganz frei Liebe und Seufzer für dich warm und heiß hinüberhauchen dürfte, und für welche die warmzitternde Brust und das tränenzitternde Auge eines Mannes ein recht ernster und erquicklicher Anblick wäre! – Allein dieses Glück fällt überhaupt den Männern weniger zu als den Frauen, von welchen keine weiß, wie das stumme Einkerkern der Liebe drückt und schmerzt, indem jede eine zarte Freundin findet, vor welcher sie mit ihren feurigsten Geständnissen nicht lächerlich erscheint; der Mann hingegen schämet sich fast seines Herzens vor dem Mann. – Leider könnt' ich aus Rom, aus der Pflanzstadt meines Gefolges, keinen Glücklichen um mich bekommen, mit welchem ich unaufhörlich von dir und mir sprechen könnte. Überhaupt decken die Römer dort dicht das Herz mit Brustknochen zu und mit allen Westen und Rockklappen; und ich verdenk' es daher denen, die ich mitgenommen, nicht im geringsten, wenn ich mich noch nicht vor sie, die mich bisher in meinen Bewegungen mehr als Mann denn als Jüngling zu sehen gewohnt, mit dem ganzen begeisterten Schlagen und Glühen einer Jugendbrust stellen darf.

Sie sind doch gut, die Guten!

Auch wird mir schon der Alliebende auf der langen Reise irgendeinen recht herrlichen Menschen entgegenführen, der die Liebe selber ist, und dem ich alles sagen kann in lauter Strömen, so daß er am Ende fast so warm zu lieben weiß, als wär' er ich selber.

Wie herrlich ist es, daß ich dir nicht nur schon heute (und am Frühlinganfang), sondern auch zuerst aus meiner Stadt Nikolopolis schreibe, die ich vor wenigen Stunden erbauen ließ, was deren Anfang oder Mitte anbelangt.

Vor der nächsten Stadt soll schon mehr von der meinigen fertig gebracht werden; der Grundstein oder vielmehr ein schönes Brett ist doch gelegt.

Sollte wohl der heutige Wagen mit hohen Damen mir vorfahren und zu dir gehen? Ich hoffe aber wirklich zu viel. Und doch wie unerwartet schön fügt sich nicht alles, daß ich meine erste Stadt, gerade wie meinen ersten Brief, bei Liebenau mache! – Die so rührende Liebenauer Glocke schlägt eben meinen ersten Lenztag aus, und die erste Morgenminute des zweiten schimmert schön an den hellen Sternen.

Nikolopolis bei Liebenau.
Des Frühlings Anfang.

Dein
Nikolaus

 

Hierauf faltete er den englischen, von aufgepreßten Herzen und Blumen geränderten Briefbogen richtig zusammen, schob ihn in einen schon geleimten himmelblauen Umschlag hinein und setzte Siegel und Überschrift darauf ...... Ich seh' ihn noch sitzen, aber wahrlich ich nehme Anteil an ihm, nämlich an seinem Lieben. Macht ihr Leser doch nicht zu meinem Erstaunen einen sogar gewaltigen Unterschied, daß er das stumme kühle Wachs vor sich hat, und kein organisches warmes Körperbild, als ob an sich dieses geistiger wäre, oder das geliebte Ich in diesem anderswo angeschaut würde als im liebenden! Warum dankt ihr nicht lieber Gott jedesmal, wenn ein Mensch nur etwas zu lieben bekommt, werd' er auch nicht auf der Stelle wieder geliebt, oder niemal? In eigner Liebe wohnt schon die fremde; und Nikolaus kann auf den wächsernen Flügeln eines Bildes hoch genug seiner warmen Sonne zufliegen; ihre Strahlen werden ihn vorher lange durchwärmen, bevor sie etwas von seinen Federn abschmelzen. – Hätte damals der Kandidat Richter um alles gewußt, wie später: er würde die wächserne Amanda weit über die hölzerne Charlotte jenes französischen Marquis gehoben haben. Der Marquis ließ nämlich von seiner verstorbnen Braut aus dem kostbarsten Holze ein bewegliches Nachbild verfertigen – kleidete es jedes Vierteljahr nach der Mode – versah es sogar mit einem Nachtkleide – mit Essen ohnehin – und mit zwei Aufwärterinnen – ließ es bald Gold zupfen, bald Bücher lesen – am Sterbetage der wirklichen Charlotte ließ er es weiß verschleiern, und an seinem eignen, nach 19 Jahren, solches in Totenkleidern zu sich in die Gruft der wahren Braut begraben.Mehres siehe in Abwechselungen. Hannover, Gebrüder Hahn. 1810. Aber wie anders und schöner lebt es sich mit der Gestalt einer künftigen Braut als mit dem Widerschein einer verstorbenen! Uns sollte dabei höchstens dieses wundern, daß dem Bräutigam nicht geradezu das täuschende Abbild unter seinen Blicken im Schreiben und Lieben lebendig geworden, da uns die Lebensähnlichkeit im Wachse schon an gleichgültigen Bildern bis zum Schrecken anschaut; und wahrlich, Nikolaus hätte sich ein Pygmalions-Schicksal gemacht, wenn er dem Urbilde nicht eben zugereiset wäre und Amandas fernes Bild nicht unter dem Schreiben sich in ihm mehr beseelt hätte als das nahe bei ihm.

Und so hatte er nun nach so vielen Rüsttagen eines Jugendlebens endlich seinen ersten Festtag erlebt und gefeiert; wie aber gings denn mit den andern Personen? –

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