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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Des 14ten Kapitels zweiter Gang

Der schönste Ortname – bewegliche Kirchengüter – Gefecht zwischen Stech- und Schießgewehr – Rückkehr des Eilreiters – Liebenau

»O Liebenau!« – versetzte der Kandidat sehr frei, der einiges vom Weine und vom fürstlichen Beifall im Kopf hatte – »Ja Liebenau – ein solcher Name weiset hier auf die Morgenseite des Herzens – Nichts hör' ich so gern als Städte und Dörfer mit dem Liebenamen kopuliert. So gibt es noch sechs andere Liebenaue in Deutschland, ordentliche Sechsstädte – ferner ein ansehnliches und arzneiliches Liebenstein in Meiningen – und ein Liebenthal in Schlesien im Hirschberger Kreis – und gar ein Liebenzell voll Löffelschmiede im Württembergischen – und sehr artig klingt ein Lieberose in Meißen, wo Sandsteinbrüche sind, aber gewiß keine Ehebrüche – nur das Städtchen Lieblos in der Grafschaft Ober-Isenburg klingt nicht gut, doch werden da viel Wollstrümpfe gewoben.«

Marggraf fand das Wetter – und sich dazu – reich an Frühlingen; vorzüglich jenes ganz so, wie es der Kandidat vorausgesehen; und es war dem jungen Menschen ein solcher Königschuß von prophetischem Probeschuß und Meisterstück gar wohl zu gönnen. In Nikolausens Herzen webte die Entzückung des Zöllners süßzitternd fort, zu welcher ihm der Eilbote für Abend gute Beiträge von der Zöllnerin versprach. Ein Dank verfolgt das Herz lange auf der Reise und unter einem heitern Himmel; und glücklich ist, wer gerade durch das Himmelblau eine Wohltat oder durch diese das Blau sich verschönern kann. –

Nach einer Stunde begegnete dem Zuge ein Leiterwagen, worauf einige Juden und Viehhändler eine Kanzel, einen Beichtstuhl, einen Taufengel und andere Kirchenstücke führten, die sie bei dem Zerschlagen und Versteigern einer katholischen Kapelle erstanden hatten. Marggraf ließ halten und stieg aus, um vielleicht einige Bestandteile zu seiner Reise-Kapelle zu erhandeln. Der Handel wurde bald durch den Reisemarschall Worble über eine niedliche, sogar mit einer Sanduhr versehene Kanzel geschlossen, nachdem er zu ihrer Besichtigung den Hofprediger hinzugerufen, falls sie ihm zu enge sein möchte. Sie aber war dem dicken Prediger wie auf den Leib gemacht. Die Begierde, womit Nikolaus sie zu erstehen suchte, bewies wahre Freundlichkeit und Nachsicht für den Hofprediger, der überall das kirchliche wie das gemeine Leben nach den feinsten Mikrometern abmaß und also zum Mark einer geistlichen Rede den hölzernen Knochen einer Kanzel verlangte, oder das halbe Holz-Rund für die halbe Eierschale oder auch Hirnschale der geistigen Geburt ansah. Ob aber nicht auch heimlich bei einem so gutmütigen Menschen wie Marggraf die Erinnerung an Süptitzens unterbrochenes Opferfest seiner vorzutragenden Theorie zum Kanzelkaufe mitwirkte, möcht' ich fast zu überlegen geben. Auch wurde noch der Taufengel den Juden abgekauft, da er so schön geschnitzt und angestrichen war und nicht sehr ins Gewicht fiel. Denn die schweren Artikel, wie Beichtstuhl und Altar, ließ man ihnen, um den Packwagen nicht zu überladen. Noch wußte niemand, wem der Taufengel dienen und die Hände und Arme bieten sollte, wenn nicht etwa den mitreisenden Juden selber unter ihrem Abfallen und Bekehren; indes der Engel war doch leicht und schön, und unter solcher Bedingung sind wohl sonst lebendigere Engel auf Reisen mitgenommen worden.

Während des Engel-Einkaufs sah Nikolaus zwei Wagen mit Kronwappen vorüberfahren, worin auf dem Rücksitze mehre Damen ansässig waren. Da sie, wie er, denselben Weg nach der Residenz Lukas-Stadt einschlugen, so sagte er zum Reisemarschall: »Ich merke wohl, daß Prinzessinnen darin müssen gesessen sein – sonst wären die Damen nicht rückwärts gefahren –; aber mir ist es gar nicht wahrscheinlich, daß hohe Bekannte meiner Amanda mit im Wagen gewesen; sie hätten sonst auf eine oder die andere Art, da mein Auszug aus Rom allgemein bekannt ist, zu verstehen gegeben, daß sie mich kennten.« – »Ganz gewiß«, versetzte Worble, »wurden Sie nicht gekannt; aber auffallend bleibt es, daß die Fürstinnen mit uns gerade derselben Residenzstadt und an demselben Tage zurollen.«

Als der Zug vor einem prächtigen einsamen Gasthofe auf einem Hügel ankam, wurde auf Worbles Rat schon wieder gehalten und ein kleines diner à la fourchette oder Gabelmittagmahl eingenommen, damit die Leute bis zum Messermittagessen (abends in Liebenau) leichter ausdauerten. Mir ist als Geschichtschreiber dieser bloße Gabeltisch nicht unbedeutend, weil hier Worble ein wahres Wunder der Tapferkeit verrichtete, und zwar mit nichts als mit einem Blaserohr. Es saß nämlich ein gewisser Artillerieoffizier von Peuk mit unter andern Gästen im Freien und ließ einige Gläser blaue Milch aufgehen. Vornehme schämen sich nicht, wenig zu verzehren und zu bezahlen. Höchst gleichgültig und lächelnd und ohne, wie andere Gäste, den Hut nicht eher als auf Bitten des Fürstapothekers wieder aufzusetzen – denn er hatte seinen kaum gedreht – sah Peuk das ganze marggräfische Gefolge und die Invaliden und Pferde und Wagen an und machte, ungeachtet das Gefolge von dem Gastwirte, wie ein Fruchtgarten von der Pomona, mit vollen Tellern und Gläsern aller Art behangen wurde, kalt ein vornehmes Gesicht, als halt' er den ganzen Hof für lustiges Zigeuner- oder sonstiges verrücktes Gesindel.

Der Reisemarschall erfuhr es geradezu vom redlichen Wirte, der sich sehr wenig aus dem Offizier machte, weil er ihn lange als einen versteinerten Geizhals kannte, der, wie er sagte, bei ihm in einem Jahre nicht für einen halben Gulden reinen Gewinn aufgehen lasse, und den er daher bloß für andere Gäste seines Erzählens und Prahlens halber, auch um einen Gast mehr aufzuzeigen, und weil der reiche Schabhals bloß von seinen Zinsen lebe, gern und ungern sitzen sehe. »Der Filz fodert auf mein christliches Wort«, sagte der Wirt, »an Schalttagen seine besondern Interessen ein und gibt nicht nach, und ich weiß noch andere Züge, Ihro Gnaden.«

Über Geizige glaub' ich leicht alles Unglaubliche; den poetischen Überladungen der komischen Dichter selber kommen sie mit ihren prosaischen nach, ja zuvor. Am stärksten gilt dies, wenn die Zinsseele nicht von Arbeiten, sondern von Zinsen lebt. Der Zinsen-Pfründner muß das Kapital als die unantastbare Bruthenne der Zinsen unaufhörlich mästen, damit sie mehr Eier lege; sie selber könnte ebensogut sicher und ungerupft auf dem Monde sitzen und legen, wenn sie nur die Zinseneier herunterfallen ließe. Merkt aber vollends der Zinsen-Kostgänger einmal voraus, er könne am Ende sich schon mit den Zinsen von Zinsen behelfen, so hat er sich dann zum letzten Male in seinem Leben satt gegessen, desto mehr aber am Genusse der Zeit gewonnen, welche ihm durch ihre Flucht gerade so viel zurückläßt, als sie andern entführt; und jeden Abend kann er zu sich sagen: Gottlob! wieder einen Tag erlebt, der sich verzinste, und der wie ein Apelles seinen Strich oder wie ein Titus sein Gutes für mich getan.

Worble, von jeher ein Widersacher aller Sparsamkeit und auch kein Liebhaber des Militärs, dem er fast Nichtstun und Wenigwissen schuldgab und unzeitige Tapferkeit im Gegensatze seiner eignen, ihm weit nützlichern, mußte in solcher Gemütstimmung noch vollends dem Großsprechen des Soldaten die Ohren darbieten; Ausbrüche waren unvermeidlich. Peuk zog eine goldene winzige Repetieruhr vor und ließ sie schlagen, indem er bemerkte, daß er sie einem tapfern Generale, den er gefangen, abgezwungen. Niemand gab sonderlich darauf acht als Marggrafs Leute, welchen er die Sage noch nicht, wie den andern, schon zum tausendsten Male vorgetragen. Als ein Beweisstück seines Mutes stellte er seinen Stachelstock auf, mit welchem allein, sagte er, ohne ein anderes Gewehr als einen kleinen Stock-Degen, der darin stecke, er durch den nahen verschrienen Wald sich wage; »Gott aber sei den Kerlen gnädig, die mir darin aufstoßen und mir verdächtig vorkommen«, setzte er hinzu und sah fast grimmig die unerschrocknen Mienen von Worble an.

Dieser versetzte endlich, er tret' ihm ganz bei, denn er wisse aus eigner Erfahrung, was ein Mensch in der Tapferkeit vermöge; er habe ja in der kurzstämmigen Gestalt, wie er dastehe, und in bloßen Zivilkleidern und eigenhändig mehr als einen Militär braun und blau geschlagen, zwei unharmonierende Farben, welche freilich niemand gern trage, wegen ihrer so schreienden Geschmackwidrigkeit; aber er schlage um so lieber und ohne Gewissensbisse ein Schulterblatt unter der Epaulette oder einen gestickten Ellbogen in einem Monturärmel entzwei, da diese Knochen-Glieder sich nach neuern ErfahrungenEin Unterkiefer wiedererzeugte sich (nach Siebold) – ein Ellbogenstück (nach Ruysch) – ein Schlüsselbein (nach Moreau) – ein Schulterblatt (nach Chopart). noch eher wiederherstellen als die verletzte Ehre selber.

Der Offizier würdigte ihn keiner Erwiderung, da ihn so etwas gar nicht anging, sondern bloß eines gleichgültigen Blicks und machte sich kaltsinnig, aber zum stärkeren Beweise seiner gedachten Kühnheit, reisefertig zum Gang in den Spitzbubenwald. Er ging, um abzurechnen, hinein zum Wirt, und ließ den Hut da, nahm aber den Stock mit, und Worble sah in einem Winkel zu, wie er den hohlen dicken Stockknopf abschraubte und die Repetieruhr wie eine Kugel fest hineinlud; der Knopf sollte etwas Sicherstellenderes von Festung oder Königstein für die Uhr, die er vorher sein Tedeum klingeln lassen, im rekognoszierenden Walde abgeben, als die bloße Hosentasche konnte. Der aufrichtige Wirt hatte schon vor der rednerischen Uhr-Ausstellung dem Marschalle die Aufbewahrung und das Transportschiff eines solchen Kunstschatzes verraten.

Von Peuk kam wieder und zog aus Verachtung ohne Grüßen ab. Seinen Stachelstock – wie der Bienenstachel nur die Scheide des eigentlichen Stechgewehrs – trug er waagrecht; und wie Löwen und Katzen ihre feinen Krallen unter dem Gehen zurückschlagen und schonen, so stach er aus gleichen Gründen den Stock nicht ein. Da begab sich Worble zu dem Fürstapotheker, dem überall nichts weher tat als eine Unhöflichkeit, mit einem leisen Schwur in dessen Ohr hinein, er wolle eine Woche lang Fischschuppen käuen und Fischgallenblasen dazu trinken, wenn er nicht den Artilleristen samt seinem Stocke, sobald solcher nur den Hügel hinab sei, vor aller Augen mit dem Blaserohre des Gastwirtjungen in die Flucht und in den Wald jage, und er bitte um nichts als zwei Minuten Geduld. »Ja, ja, das tu' ich«, sagte er lauter vor vielen.

Die Sache schien in der Tat unglaublich, und von der Stockuhr oder dem Uhrstock hatt' er noch dazu aus Gründen kein Wort hervorgebracht:

Er rückte nun dem Artilleristen nach, mit keinem andern Artilleriepark bewaffnet als mit einem Blaserohr – die Tasche war das Kugelzeughaus –, und schoß in einiger Nähe ein paar naßkalte Kugeln wie zum Salutieren Peuken auf den Rücken. Der Artillerist drehte sich wild um und fragte sehr ernst den Marschall, ob er ihn nicht vor sich gesehen unter dem Blasen. Worble aber hatte ihm schon wieder eine zweite schmutzige Kugel auf die Weste gesetzt, bevor er nur zur Antwort geben konnte, er schieße zu seinem Vergnügen gewöhnlich gerade und nie quer, und wer sich getroffen fühle, wie etwa von einer Satire, der müsse eben einen andern Weg einschlagen; er seines Orts blase fort.

»So will ich Euch Mores lehren, Ihr impertinenter Fürstenhund«, schrie Peuk, der Ehre und Weste zugleich befleckt sah, und hob wütig den Stockdegen in die Höhe, teils zur Kriegdemonstration, als woll' er den innern Degen abschrauben und herausreißen, teils um unter diesem maskierten Angriffe geschickt vor allen Dingen den Kron- und Schlagschatz des Stockknopfs, die Repetieruhr, zu flüchten und einzustecken. Aber dazu, zur Anlegung seines Brückenkopfes, nämlich zur Abnehmung seines Stockknopfes, ließ ihm Worble keine Minute Zeit, sondern drang schreiend mit erhobenem Blaserohr, gleichsam mit dem Bajonett des vorigen Schießgewehrs, auf den Stock ein, und nun war dem Artilleristen die traurige Wahl ohne die geringste Bedenkzeit vorgelegt, ob er entweder mit dem Stachelstock das Rohr, das schon geschwungen wurde, ausparieren und legieren sollte, und ob er folglich mit einem einzigen Schlag an seinen Stock, den beständigen geistigen Elektrizitätträger, gleichsam durch einen Uhrschlag an seine Schlaguhr, diese vermittelst der Erschütterung auf immer zerrüttet sehen wollte; –

oder ob er – war die andere Wahlseite – lieber zur Schande greifen und vor dem Kerl, den er in seinem Leben nie gesehen, geradezu waldeinwärts rennen sollte.

Von Peuk griff zur Schande. – Unter fünf oder acht der tapfersten und fürchterlichsten Flüche – sie sollten seinen Schwanengesang vorstellen, wie der Reisemarschall seinen Todes-Engel – warf er sich in den nahen Wald und rettete so mit wenigen Sprüngen das Köstlichste, was er nur hatte, die Uhr.

Der Marschall setzte ihm so lange nach, als es Ehre und Zorn nur geboten, und rief ihm noch zu: er habe ja nichts zu fürchten als ein elendes Blaserohr; kam aber bald darauf mit Lorbeeren bedeckt aus dem Walde zurück.

Mitten unter dem Amtjubiläum einer Tapferkeit, die er in der Schlacht bei Rom so gut wie nicht gezeigt, bekam er, der Jubilar und Großwürdeträger, dieselbe harte Nuß aufzubeißen, die ich selber schon am Eingange dieser Beschreibung öffnen mußte.

Nichts ist nämlich verdrießlicher und erhält einen Mann länger in Schwanken, als wenn er gern mit zwei Vorzügen oder Siegen auf einmal stolz tun möchte, von welchen er, da jeder den andern aufhebt, durchaus nur den einen oder den andern nehmen darf. »Recht fatal!« sagte Worble zu sich. »Erzähl' ich dem Gefolge meine Wissenschaft um den Repetieruhrfries und -karnies und mache mit meiner Verschlagenheit Figur: so ragt meine Tapferkeit nicht vor; setz' ich diese ins Licht. so lass' ich meine Feinheit im Dunkeln; eins ist aber so verflucht wie das andere.«

Wie gesagt, ich selber hatte anfangs als bloßer Geschichtschreiber die ähnliche Frage aufzulösen, ob ich nämlich den Lesern (diese stellen hier das Gefolge vor) im Anfange des Schlacht-Bulletin den Umstand mit dem Stock-Knopf als Uhrgehäuse klug verdecken sollte – ich hätte dadurch die Erwartungen gespannt –, oder ob ich ihnen aufrichtig den Umstand vorberichten und dadurch den Artilleristen komischer machen wollte. Die Welt weiß freilich schon seit Seiten, daß ich hier, wie immer, ganz redlich und ohne List geschrieben und alles herausgesagt.

Der Wunsch aber, widerstrebende (kontradiktorische) Kronen des Glanzes zugleich aufzuhaben, quält manchen von uns erbärmlich und macht, daß er sein eigner Gegenkaiser wird. Der Dichter z. B. möchte gern als einer erscheinen, der in der Begeisterung alles vergißt, und zugleich als einer, der in ihr nichts übersieht. – Ein Paar blaue Augen sähen zugleich herzlich gern wie ein Paar schwarze aus, und eine Blonde wie eine Brünette. – Eine Residenzfrau erschiene mit Vergnügen als geistiger Hermaphrodit, zugleich zum Bewundern weiblich-weich und männerkräftig. – Und überhaupt wer wäre nicht gern ein paar tausend Menschen auf einmal, wenigstens ein paar hundert! – Aber die Juden verbieten schon, zwei Freudentage an einem Tage zu feiern, z. B. einen Sabbat und einen Hochzeittag; ja die Italiener verbieten in ihren Opern unmittelbare Aufeinanderfolge zweier pathetischen Arien hintereinander, ordentlich als wären es zwei Oktaven; und so muß denn häufig jeder von uns seinen Glanz ziemlich einschränken.

Etwas half sich jedoch der Reisemarschall durch ein Zwielicht entre chien et loup. Zuerst ließ er das Gefolge, das selber eigenäugig seinen kühnen Fechterstreichen zugeschaut, sich ganz auswundern über den Mut; dann aber, da doch die frühere Bewunderung seiner Keckheit (wußt' er) sich nicht ganz verflüchtigen konnte, ohne einigen festen glänzenden Bodensatz niederzuschlagen, deckte er offen – die Sache mit dem Uhrgehäuse auf, für deren Ausspüren er immer auch einige Lorbeerreiser für sein Kopfhaar erwarten konnte. Er verbarg es dem Hofe und dem Fürsten gar nicht, daß er überhaupt etwas keck gehandelt, da der Artillerist, dessen Mut er so absichtlich hinaufgeschraubt, doch mit der Uhr im Degenknopf hätte einhauen können, oder anstatt desselben im Walde einen Knittel erwischen und damit auftreten. – »Inzwischen wenn auch,« schloß er, »ich dürfte dann wohl dem Narren, der uns alle vom schäbigsten Kerl an bis zu Ihrer Durchlaucht hinauf ordentlich verlachte, doppelt gezahlt haben, in der einen Hand mit meinem Blasrohr, in der andern mit seinem Stachelstock, und er hätte auf seiner Reise an Ihren Reisemarschall denken sollen, Sire!« –

Wichtig genug bleibt übrigens das ganze Gefecht, schon wegen der Lehre, die ich daraus abziehe für hohe Häupter und noch tiefere Köpfe; denn sie heißt: macht nie den Knopf oder das Kapitell eures Waffenstocks oder Waffenstabs zur Zitadelle oder Burg euerer Repetieruhr, wollt ihr euch anders nicht erbärmlich schlagen lassen vom bloßen Blasewind, ohne nur einen Stoß oder Stich getan zu haben; ebensogut und so sicher könntet ihr eine wichtige Handelstadt in eine wichtige Grenzfestung stecken. – –

Nach diesem ersten Siege, der unter Marggrafs Regierung vom tapfern Marschall erfochten worden, kam mit den Nachrichten eines schönern eigenhändigen schon der Rezeptuarius nachgetrabt, der sich längst vom hohen Sattel auf den stillen Wagensitz herabgesehnt. Nikolaus ging ihm stracks entgegen und fragte mit den freundlichsten Linien um den Mund den Reiter, ob der dürftigen Frau die unerwartete Gabe recht gewesen, was sie gesagt und gemacht. »Das alte Stück dachte,« sagte der Rezeptuar, »ich wolle sie Schulden halber kuranzen und festnehmen, und stieß vor Schrecken das Spinnrad um.« – »Die wird aber«, sagte Stoß, »Freudensprünge getan haben, mon dieu.« – »Wer leugnets?« versetzte der Reiter, der alles lieber machte als viel Worte, und aus dessen Phlegmablock irgendeine historische Gestalt nur Schlag nach Schlag konnte hervorgemeißelt werden; und der Stößer mußte ihm immer die Entzückungen der Soldatenfrau im Brennspiegel seiner eignen entgegenhalten, bevor der Rezeptuar versetzte: »Wer leugnets?«

Für Marggraf gab es keinen feinern Nachgeschmack einer Wohltat als ein recht ausführliches Verhör der Empfänger über ihre Empfindungen und über ihre Beschlüsse und Hoffnungen dabei, nur ein so reicher Reisetag ließ ihn die Ein- und Dreisilbigkeit des Reiters aushalten, bis endlich dieser die Weitläuftigkeit selber wurde und berichtete: »Das unvernünftige Weibs-Präparat setzte sich in der Lustigkeit gar mir auf den Sattel, bloß damit sie den goldnen Batzen bälder sähe bei ihrem Manne; ich wäre ja sonst viel früher gekommen.«

Der wöchentliche Gastwirt des Gastes Peuk sah nun auf allen Seiten, was wahre Gäste sind und wahre Landesherren, und er sagte dem Reisemarschall dreist ins Ohr: könnt' er seinen Gasthof mit aufpacken, er führe, bei Gott! mit und aus dem Hungerleiderland hinaus; – und dann sollte es schon gehen. Damit es aber früher ginge, ließ er sich in seiner Wirtsrechnung von einem reisenden Landesherrn selber alle Steuern eines Untertanen zahlen, Kopfsteuer – Servicesteuer – Erbsteuer – Schuldensteuer – Prinzessinsteuer – Pferdesteuer – Juden- und Türken- und Nachsteuer – und viele Gelder, wie Tafelgeld, Fenstergeld, Abzuggeld, samt den Pfennigen, wie Mahlpfennig, Schreibepfennig und Peterspfennig, so daß die ganze marggräfliche Konsumtion etwa ein Zehntel der Konsumtionsteuer betrug.

So von allen Ecken und Herzen bereichert und gefüllt, brach denn Nikolaus honigschwer nach Liebenau auf, um abends zeitig genug das Mittagmahl einzunehmen, zumal da er geringen Hunger hatte, das Gefolge aber starken. Wie voll Lust sah er in seine weite Reisewelt! Der Klang Liebenau war ein Nach- oder Vorhall Amandas; und sie schickte ihm das Dörfchen ordentlich entgegen. Endlich erschien es von weitem am Ende einer schönen hellblumigen Ebene hinter Obstbäumen versteckt, wie ein Mädchen hinter Gartenstaketen. Aus der Nähe aber lief ein Schäfer mit einer Schalmeie an die Landstraße heran und blies ihm ein schönes Stückchen vor; denn er wollte ganz schweigend und pfeifend ein Almosen haben. Wie viel eingreifender ist diese süddeutsche harmonische Feldbettelei als die gewöhnliche katholische mit einer ton- und sinnlosen Gebetklapperjagd nach einem Hellerstück! Und wie rührend kommen aus dem Mund, der sonst nur Seufzer gewöhnt ist, dem Freudigen bloß Töne der Freude entgegen und sprechen die bittende Armut hoffend aus! – Die Karlsbader Türmer und die Stadtvorpfeifer des Neujahrs und die Derwische mit ihrem Horne zum Betteln stell' ich weit unter den schalmeienden Schafhirten. – Marggraf warf eine Handvoll weißes Geld hinaus für das Ständchen, das man seiner Amanda und seinen Träumen gebracht, und ließ auf der Stelle Schritt vor Schritt fahren, weil er überall auf der Ebene weitsichtige Schäfer von den Herden mit Pfeifen an die Landstraße springen sah, um daran Reisenden ihr flüchtiges Konzert zu geben und bar mit klingender Münze ihr Almosen zu bezahlen. Sie kamen und bliesen sämtlich ordentlich an. Sogar oben an einer Krümme der Straße nach Liebenau hinein hatten voraus mehre von diesen Kuhreigern sich fest gestellt, um die Herren nicht sowohl mit letzten jüngsten Tags-Posaunen, sondern mit ersten des Lenzanfanges zu empfangen, und Nikolaus sagte in einem fort: »Echter Frühlings-Anfang heute!«

Das Dorf Liebenau deckte sich vor ihm auf, wenn es eines war, und nicht vielmehr ein Dörfchen; und schöner konnt' er nicht einziehen als unter dem Glockengeläute der Schafe und unter dem Anblasen sämtlicher Schafhirten, welche, von den weißen Geldstücken berauscht, alle ihre weißen Schafe vor der Zeit ein- und ihm nachtrieben, welche letzte artig genug eine Herde weißgekleideter, auf zwei Füße gestellter Empfangmädchen eines Fürsten nachspiegelten.

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