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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel,

worin ein Dutzend heitere Kirmesgäste anlangt, um sich bei dem niedergeschlagnen Apotheker noch mehr aufzuheitern

Ich muß es leider als Geschichtschreiber ruhig tragen – um nur geschichtlich fortfahren zu können –, daß das Schicksal so unter meinen Augen und meiner Feder den armen Apotheker von der Wade bis zur Nase in ein großes spanisches Zug- und Blasenpflaster einkleidet und einschlägt, unter welchem er wie unter dem spanischen Mantel der Folter zu einer Riesenblase auflaufen soll. Gleichwohl muß ich als redlicher Mann die Sache weitläuftig erzählen.

Ich habe schon berichtet, daß Marggraf seine in Rom und Umgegend ansässige Sippschaft zu einem Glanzessen eingeladen, damit sie, nachdem sie lange genug zu ihm hinabgesehen, endlich zu ihm hinaufsähen, wenn er anstatt auf der Schwitz- und Ruderbank auf einmal auf einem hohen Schatzkasten oder Goldbergwerke säße. Besonders erpicht war er darauf, daß der Glanz seiner erfundenen Diamanten als ein warmer befruchtender Sonnenschein zu allererst auf die erfrornen (weniger auf die erkältenden und erkalteten) Anverwandten falle, so früh als nur möglich, damit er sie sogleich bei seinem ersten Wohltun dazu vor sich hätte. O! wie wollt' er Nest nach Nest entzücken und ätzen! – Aber warum hatt' er so viele Steinfresser und Steinschneider auf einen Meteorstein von Juwel eingeladen, der ja erst noch vom Himmel fallen mußte? Es war ein Gefühl in ihm, als könn' er durch die Verlegenheit, der er sich absichtlich bloßstelle, dem Schicksal die Hülfe abzwingen, wie etwan ein Feldherr sich und seinem Heere selber die Wege des Rückzugs abschneidet, um gewisser zu siegen. – Dabei hatt' er noch von Glück zu sagen, daß seine Schwester Libette ihn sehr geschickt betrogen und wenigstens an vier der allervornehmsten Verwandten, die sie einzuladen gehabt, mit keiner Silbe gedacht, sondern bloß die verarmten, die weniger begehrten und nötiger bedurften, dringend um die Ehre des Besuchs gebeten, indes umgekehrt die zwei andern Schwestern gerade die bettelhaften unterschlagen wollten.

Nun rückte endlich der wolkige Nachmittag mit seinem Abend an, der das Donnerwetter in sich hatte. Man weiß in großen Städten wenig, wie viel in kleinen ein Jahrmarkt ist, und vollends eine Eßeinladung dabei. Dazu kommt, daß schon, wenn man bei Geld ist, an keinem Vormittage verdrießlichere Gesichter geschnitten werden, als wenn auf ihnen nachmittags ein Freudenfest aufglänzen soll. Noch herber aber sind diese Vorhöllen des Himmels – von welchen der Stadtadel besser als ein Dante ein Lied singen könnte –, wenn gar nicht einmal die Gelder zu haben sind, sondern man die Gläubiger und Juden früher bitten lassen muß als die Gäste und Christen. Es ist einem solchen betrübten Tage, wo abends die Gäste in Galakleidern und Freuden erscheinen, nachdem den ganzen Tag vorher die Wirte vielleicht die ihrigen versetzt und sonst alle Art Geburtschmerzen des Festes ausgestanden, vielleicht ein froher Anstrich nur durch den Einfall zu geben, daß ebenso (wenigstens sonst) in WienMosers teutsches Hofrecht. B. 2. S. 444. abends der ganze Hof in Gala erscheinen mußte, wenn am Tage der Kaiser oder die Kaiserin abzuführen eingenommen, oder zu erbrechen oder sonst zu medizinieren, weil der Hof dadurch seine Freude über die gute Wirkung äußern sollte.

Was sind aber alle kaiserlichen Brechmittel und Mittelsalze gegen des Apothekers Wehen und die hysterischen Anfälle durch seine Schwestern! Zwei traten nämlich (aber viel zu spät am Tage) vor ihn, versehen mit ihren Speisezetteln, und eröffneten ihm: Geräuchertes, Gesalzenes, Gesäuertes hätten sie nach Vermögen zusammengescharrt; jetzo fehl' es nur noch an frischen Sachen, die man zu essen und zu trinken brauche; da er nun heute Geld zu bekommen und herzugeben versprochen, so sei es hohe Zeit, alles Nötige auf dem Markte einzukaufen, und hier seien die Zettel des Nötigsten; – – auf welchen auch alles treulich stand, was für den Souper-fin-Abend lebendig zu erhandeln, abzurupfen und abzuschuppen, zu schinden und zu schaben, zu sengen und zu brennen war ....... Himmel! aus wie vielen Marterstunden der Tiere glühen und löten die Menschen eine einzige Festminute der Zunge zusammen! ....

Jetzo trat Libette, die dritte Schwester, ein, und Nikolaus sagte: »Allerteuerste, siehts wirklich mit dem Abendessen so gut aus, wie deine guten Schwestern mir versichern wollen?« – »Ich weiß nicht,« sagte Libette, »was sie versichert haben.« – Aber Nikolaus ließ sich auf nichts ein als auf seinen Jammer oder auf den Leidenkelch oder die Zornschale, die er heute unverfälscht und von Wasser ungeschwächt ausleeren wollte. Der Mann war diesen Vormittag von 4 Uhr an gehetzt und geheizt vom faulen Heinz – vom Drachendoktor – vom Schwesterpaar und vom eignen Ich; und doch durfte er als frommer Alchemist, zumal neben dem noch im Brütofen liegenden zweiten Diamante, nicht auffahren, aufprasseln oder außer sich kommen vor Ingrimm, sondern er mußte gefaßt auftreten; und dies tat er sogleich. Er trank einen ganzen Schoppen Luft aus und reichte den Schwestern den leeren Seidenbeutel, mit Perlen verziert, und sagte: »Könnt ihr vielleicht den Perlenbeutel versetzen und auf das Faustpfand ein paar Groschen auftreiben: so richtet nur das Gastmahl aus; Geld selber aber führ' ich heute nicht bei mir.«

Zwei Schwestern – denn Libette schwieg – setzten aus Bosheit dazu, sie hätten sich auf seine heutige Einnahme aus dem Ofen ganz verlassen (wiewohl in Wahrheit keine nur je daran geglaubt), weil er sie noch gestern darauf vertröstet. »Du milder schwesterlicher Dreizack,« erwiderte er, »ich habe diesen Morgen den medizinischen Doktorhut aufgesetzt, und ich möchte gern den heutigen Ehrentag einigermaßen vergnügt verbringen ohne Nahrungsorgen für eine Eß-, wenn nicht Freßgesellschaft von zwölf Mann ohne die Kinder. Und dies heute um so lieber; denn morgen werd' ich ohnehin in Wechselgeschäften ins Stadtgefängnis abgeführt und sitze dort fest. Wär' es denn nicht zu machen, Lieben, daß man die ganze Mannschaft abbestellte und einlüde etwa auf bessere Zeiten? – Ach, sinnt nach!«

Hier fuhren die drei Spitzen des Dreizackes auf und beeidigten zusammen, dies sei Unmöglichkeit und überhaupt keine Manier; arme Familienschlucker kämen deshalb weit hergelaufen – und wo wären die vornehmen jetzo auf dem Markte aufzufinden – und der Hundedoktor und die drei Kränzelherren und alles von Stand und die eigne Familienehre fänden sich beleidigt – und es wäre ohnehin unmöglich. – –

»Wenn dies so ist, wie ich selber glaube,« – sagte Marggraf am allergelassensten – »so erscheinen demnach abends sämtliche zwölf geladene Apostel und dabei die übrigen samt Kindern, und der einzige Vetter Hofpauker ißt allein für zwölf, und der Kutscher ist der Zentaur mit zwei Mägen für Speis und Trank, und mein Freund, der Hundedoktor, will seinen Wein: Wein aber, glaub' ich, ihr lieben drei Höllenrichterinnen, haben wir wohl nicht im Hause – und heute wollt' ich erst echten Ausbruch zapfen lassen, was aber nicht gegangen – und daran würd' es sogar gebrechen so wie auch an Mandeln, wenn ihr euch auch nur mit dreißig oder vierzig Katzendrecken und NonnenfürzchenZwei Backwerke; die ersten sind Rosinen und Mandeln, an einen Faden gereiht, in Schmalz gebacken, gezuckert und süß übergossen; – die zweiten sind Apfelschnitte, in einen Brei von Mehl, Milch, Käse und Eiern und Franzwein getaucht, in Butter gebacken und mit Zucker bestreut. Frauenzimmerlexikon. B. 1. zeigen wolltet. Bloß Katzen und Nonnen ohne Wein und ohne Mandeln wollt' ich leichter auftreiben. Sonst übrigens leg' ich und ihr, meine gute Dreifelderwirtschaft, mit dem Essen Ehre genug ein. Die Gäste müssen mit ihren Tischen ein artiges Hufeisen vorstellen. Die blutverwandten Mägen, die ums Hufeisen hersitzen, legen wir gewissermaßen in Essig, in Salz und Rauch; wir legen nämlich in sie bloß Gesäuertes, Gepökeltes, Geräuchertes – Vieh haben wir zwar nicht frisch, doch hat der Stößer unten im Keller Krebse mit Käse gemästet, ja der gute Mensch kann noch im Stadtweiher nach Froschkeulen zu einer Potage krebsen – Zu PrügelkuchenDer Baum- und Prügelkuchen wird an einem besonders dazu geschnittenen Holze gebacken, auf welchem der Kuchen sich selber am Feuer umwendet. und Serviettenklößen haben wir schon Servietten und Prügel in den Händen und fehlt es bloß an Rosinen und Mandeln ......... O Himmel, o Himmel!« rief er auf einmal und bewegte heftig die gebognen Arme vor ihnen, als schaukle er ein Kind darin) »Und so sitz' ich heute in meinen alten Tagen zum Spektakel am Hufeisen und habe den Doktorhut auf dem Kopf und das Tellertuch im Knopfloch, und die Anverwandten sitzen dem Missetäter mit ihren Tellertüchern entgegen und sehen sich nach etwas Guten um, das die Tellertücher beschmutzt oder betropft: – – so fahr' ich ja leibhaftig als eine mit Teufelsdreck beschmierte Taube in den ganzen Taubenflug und stöbere meine Verwandten auseinander – und die Kränzelherrn trumpfen mir niedergearbeiteten Manne nach Gefallen auf ...... O Gott, ihr Seelenschwestern, hintertreibts, ich kann nicht, ich will nicht, ich soll nicht – – ach ich muß wohl! Dem Himmel erbarm' es: dort unter den Schusterstangen feilscht schon der Vetter Pauker mit den Seinigen, und in allen Buden stehen Basen. – Es zieht näher. Lauft nur entgegen und sagt allen, abends bei dem Souper-fin und bei meinem Doktorschmause sei ich zu haben. Jetzt putz' ich mich auf, ich steh' gern meine Höllen aus. Zündet nur Räucherkerzen im Gastzimmer an und fangt die ersten Schüsse des anverwandten Stromes höflich in meinem Namen auf. Bestellt auch das Essen aufs herrlichste und fragt mich gar nicht wie.«

»Lieber Bruder,« – fing endlich Libette an, die ihm gegen die Weise seiner Schwestern gern alles Unangenehme verschwieg und die übrigens ebenso gewöhnt war an seine ihn erleichternden Selbergeißelungen und Klagdithyramben als unaufmerksam auf alle Evangelien seines Gold- und Stein-Machens – »bereits ist schon alles gebacken, gezuckert, abgeschlachtet, sogar abgezapft – und dem Hundedoktor wird der Wein besser schmecken, als wir uns nur wünschen. – Wer wird auf dich und deinen Ofen warten? Die Weiber können auch Gold machen. Die Hauptsache ist jetzo nur, daß du dich anziehst.«

Närrisch genug wollt' er aber in seinem leichten Jammer bleiben – er schreibe sich an diesen libris tristium ordentlich heiter und es schlag' ihm gut an, merkt' er- und suchte nun in einer frischen Verzweiflung zu sein über sein Anziehen und Fertigwerden. Er fand sich darin unterstützt, da er jetzo vor dem Gasthofe aus der Halbkutsche eines Einspänners eine ganze heilige Familie seiner Verwandtschaft springen sah und den Hundedoktor in das nachbarliche Krankenhaus schreiten, aus welchem er als Gast in des Apothekers Hatzhaus wahrscheinlich eintrat. »Stößer,« – rief er – »um Gottes Willen alles schleunigst gebracht, Schuhe, Westen, Uhren – Sie ziehen schon heran, und ich bin noch splitternackt.« Er fuhr im Zimmer auf und ab und ärgerte sich über den ganzen summenden Marktplatz und über den Markgrafen von Bronze, der so steinern und kaltblütig im Springbrunnen das steigende Pferd ritt als Verzierung der Stadt. »Guter Stößer Stoß,« (sagte er zum ankleidenden Diener), »sei Er vor allen Dingen nicht so pfeilschnell und hastig. Sieht er, der Strumpfzwickel läuft gerade am Schienbein herauf, zerr' Er ihn doch auf den Knorren hin. Ich habe mirs eingebildet, da ziehen sich drei Westenknöpfe an ihren Fäden lang aus und gerade am Nabel; knöpf' Er nichts zu, ich will den ganzen Abend die Hand einschieben, ums zu verdecken, wie einer, dem ein Ärmel statt des verlornen Arms in die Weste geschoben ist. – Nicht einmal die Uhr kann ich einstecken, denn niemand im Hause läßt ein zerbrochnes Uhrenglas machen. Mein Bart ist auch handhoch aufgeschossen; aber glaub' Er nur nicht, daß Er jetzt in Seiner Hastigkeit an mir herumsäbeln und ihn und die Gurgel abschneiden darf. – Er sieht aber aus allem, was ich für einen Doktorschmaus in meinem Notstall halte, etwan wie eine Diebin, die im Zuchthaus niederkommt und Wochenbetten hält. Sogar unser elender Pudel ist elend geschoren und tanzt mit seinem Kopf-Toupet und Schwanz-Haarbeutel wie ein Narr auf und ab, weil er aus dem Anziehen schließt, ich gehe wie andere glückliche Menschen auf den Markt – und Er selber macht mit Seinem weinerlichen Gesichte eben nicht die glänzendste Kirmes-Figur ..... Wie der ganze Markt vor dummem Jubel blökt und der Viehmarkt dazwischen hinein! – Und die Straßenjungen gucken herauf und trommeln und trompeten mich an und schauen sich wohl nach meinen Luft- und Jammersprüngen um ..... Sieht Er, Stoß, so weit ists mit Seinem Prinzipal heute gekommen; lauf' Er aber ins Laboratorium hinunter und schaue Er nach den Kohlen« – »Ich wollte ich wäre schon fort!« sagte der Stößer höchst verdrießlich.

– – Schleunigst kam er wieder und meldete mit einem unbeschreiblichen Gesichte: »Die Kohlen im Heinze sind alle maustot und kohlschwarz, aber es scheußt etwas darin Strahlen über Strahlen, und muß es etwa der Demant sein.«

»Sollte wohl« – versetzte bleich und leise Marggraf – »Gott allgütig sein gegen mich Sünder und Hund?« und lief hinab.

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