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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Weit wichtiger für seine Stadt und seine Küche war es, daß er eine Winkelhochschule stiftete, worin er nur Kinder als schultafelfähig annahm, die stift- und tafelfähig waren, oder höchstens von bürgerlichen kleinen Bankiers. Er schloß unadelige Kinder darum aus, weil er seine Schule eine aphoristisch-enkyklopaidische Reallehrschule hieß, d. h. eine Sachschule, worin aus allen Sachwissenschaften, als z. B. Sternkunde, Völkerkunde, Scheide- und Pflanzenkunde, Tier- und Staatenkunde, Heil- und Rechtskunde, die nötigsten abgerissenen Sätze, und zwar vermischt in reizendem Abwechsel, ohne allen strengen alphabetischen Zusammenhang der französischen Enzyklopädie oder auch des Konversationlexikons vorgetragen wurden und auswendig gelernt; es blieben daher Schreiben, Rechnen, Religion, Sprachen als zeitfressende und zusammenhangende Kenntnisse ausgeschlossen. Aber dadurch wurde auch der junge sieben- und neunjährige Adel dermaßen in die Höhe geschraubt, daß er in Gesellschaften imstande war, in die einstöckigen Gehirnkammern der Gerichthalter und Buchhalter, der alten dicken Rittergutbesitzer und der alten mageren Großkaufleute mit unerhörter Gelehrsamkeit wie mit einem Spiegel, den ein Knabe vor der Sonne bewegt, ein umherfahrendes Lichtstück zu schicken und ihnen mit Leidner Flaschen und mit Bologneser Flaschen – mit Saturns-Ringen und mit Päpste-Ringen – mit Hollandgängern und mit Grönlandfahrern – mit westfälischen heimlichen Gerichten und mit Frankfurter Pfeifergerichten – mit Torsos und mit Rumpfparlamenten – mit der ungemeinen Last von 28 Zentnern, womit die gemeine Luft uns drückt (die Hofluft und die Kriegknalluft nicht einmal gerechnet) – mit den unglaublichen 14700 Meilen, welche die Erde in dieser und jeder Stunde durchrennt – mit den hohen sieben Brocken des Harzes, welche erst aufeinandergesetzt den Chimborasso geben – und mit den unendlich fernen Fixsonnen, deren Licht seit der Schöpfung noch immer auf der Reise zu uns ist, kurz mit solchen Sachen vermochte der junge Adel den Edel- und Kaufmännern ins Gesicht zu wetterleuchten und zu fahren; und, was die Weiber anlangt, diese vollends außer sich zu setzen. Himmel! wie sehr mußte sich dadurch der junge Adel von dem sogenannten gelehrten Adel unterscheiden! Und wie lange hätte die Hochschule in Blüte stehen können! –

Aber Worble war einmal zu einem J. P. geboren: –

– nämlich ausgeschrieben französisch zu einem Jean Potage,

– oder englisch zu einem Jack Pudding, oder John Bull,

– oder kurz zu einem Menschen, der immer mit seinem P oder B anfängt,

– zu einem Polincinello, oder Pagliasso, oder Bajazzo, oder Buffo, oder im Portugiesischen Bobo,

– kurz, zu einem Possenreißer,

– Pritschenmeister,

– Pickelhering.

Daher opferte er immer den Grazien, den komischen; am meisten aber opferte er, wenn er Schulstrafen, nämlich bloß Ehrenstrafen auszuteilen hatte. Er ersann sich täglich neueste: man machte die Schulstubentüre auf und trat mit größtem Erstaunen vor Köpfe mit ausgeleerten aufgesetzten Zuckerhüten, sowohl blauen als violetten, als Strafkappen – ferner vor leinwandne Unehrenordenbänder auf dem Rücken wie Tragbänder – vor umgestülpte Papierkronen mit den Zacken in den Haaren – vor zwei Zöglinge mit Pfeifen im Maul, womit jeder den andern auszupfeifen hat – vor Unehrensäbel, rechts angehangen – und hölzerne Ehrenflinten, von der Linken gehalten – und kurz vor eine närrisch in Lachen und Grinsen gehälftete Unterrichtstube.

Natürlich war dies Personen von Abstammung soviel, als würden ihnen die Ahnen zu Dutzenden gestohlen, und sie riefen daher ihre Gesandten aus der Hochschule zurück.

An sich hielt Worble diese Plage, so wie die längere, nämlich seine Frau – wenn sie mündlich blitzte oder schneiete –, so männlich aus, daß er gleich dem Zaunkönige gerade im schlechtesten Wetter am stärksten sang und sprang. Nur griff die Armut ihn stark an seiner zärtesten und empfindlichsten Seite an, ich meine seinen Gaumen. Er trank nämlich nach seiner Gewohnheit nichts lieber als das Beste – zu welchem Trinken er besonders das Essen rechnete, weil dieses nach reinen PhysiologienDie Ansicht Worbles ist ganz richtig; denn weder die Zunge kann das Feste schmecken, noch der Magen es benützen, ohne daß es in das Nasse aufgelöset worden. nichts als ein langsameres, dickeres und erst auf der Zunge frisch von den Speicheldrüsen aus Speise-Malz gebrauetes Getränke sei –; aber bloß aus Armut hatte er nichts, nämlich keinen Trank und Aß. In diesen Umständen tat er, was möglich war, und schaffte sich von den kostbarsten Weinen, die es gab, sowohl bei Versteigerungen als von Weinhändlern die echtesten Verzeichnisse oder Sortenzettel an und genoß dann in Körben und Fudern manches köstliche Gewächse von weitem, indem er die Zettel langsam durchlas und als Laie, wie bei einer katholischen Kelchberaubung, gerade das Geistigste zu sich nahm, das eben allein im Vorstellen sitzt. Im Essen war dasselbe zu machen; er konnte sich gütlich tun durch Kochbücher, welche er durchging, indem er beständig dachte: es bedeutet (crede et manducasti). Ein solches beschauliches (kontemplatives) Gaumleben setzte ihn öfter instand, wie ein spanischer König sich 100 Gerichte an einem Mittage auftragen zu lassen, ja sich wie Heliogabalus Gastmähler zu geben, Millionen an Wert; denn Kochbücher achten kein Geld. Aber wie herrlich und noch besser als aus einer Hofküche hätte der arme Teufel erst speisen können, wäre schon damals der Almanac des Gourmands zu haben gewesen! – Hätt' er darin nicht bloß die Eier allein auf fünfhundertunddreiundvierzig französische Kocharten zubereitet erhalten: à l'allemande – à la bonne femme – à la commère – au Père Douillet – è la Jésuite – au Basilic –? Ja hätt' er nicht zum Ehrenmitglied der »gastronomischen Akademie« (d. h. des gelehrten Bauch- oder Magen-Vereins), welche Grimold de la Regnière hinter seinem Almanac nachgeschaffen, aufsteigen können, um bloß in einem Briefwechsel ohne allen Tellerwechsel feinste Gerichte zu kosten, von welchen ich nur wenigstens den Namen zu wissen wünschte?

Verfass. dieses bekennt gern, daß er in Paris bei diesem wahren Nutritor (Ernährer) einer Akademie, für deren Sekretär er sich nur ausgibt, zuerst speisen und seine Hand – früher als irgendeine weibliche weicheste voll härtester Steine – ergreifen würde, und wär' es nur, um zu ihm zu sagen: »Schon lange, lieber M. Grimold de la Regnière, wollt' ich eine Hand drücken, die, obwohl eine linkeAm besten sagt' ichs wohl in einer Note deutlich, daß er die rechte verloren., (Sie sollten die rechte noch haben) Essern trefflich vorschneidet so wie vorschreibt; ich fasse gern den Mann an, der das Jahrhundert, nämlich das Pariser, aus der Sinnlichkeit zu heben sucht, indem er es aus dem tiefsten Sinne, dem des Gefühls (dem fünfsechstel Sinn), sanft zum höhern des Schmeckens steigert; wie kurz ist dann der Weg vom Munde zur Nase und zu den Ohren und Augen, diesen geflügelten Dienern der Geistigkeit! – Es ist nicht Ihre Schuld, wenn nicht aus Ihrer Hand ein großes Volk hervorgeht, welches dem Walfisch gleicht, an welchem die Zunge der köstlichste Teil ist, derenwegen daher die kriegerischen Schwertfische den ganzen Walfisch entleiben.«

Da die Zunge Ausfuhr der Worte und Einfuhr der Bissen betreibt, nach der Bibel aber nur Ausfuhr verunreinigt, und da der Almanac des Gourmands gerade diese verbietet und unter dem Schmecken Schweigen anbefiehlt: so möchte wohl mit der Zeit der gastronomische Sekretär Regnière der Urheber oder Bildner eines reinern höhern Menschenstammes werden, welcher schlechtere Güter als Tafelgüter verschmäht und stets den klassischen Boden der – Schüsseln aufsucht und beerbt.

Aber die Lesewelt reise endlich von Paris wieder nach Rom zurück zum Kränzelherrn Worble.

Der hat nun nichts – ausgenommen Geschmack und Hunger – und lebt aus Mangel an einem gastronomischen Sekretär halb von den guten Stücken seiner Küche, in welche er ganze Schweine, deren Schinken, pommersche Gänse, Hamburger Rindfleisch – lauter treffliche, vom Maler Renovanz nach dem Leben gemalte Küchenstücke – aufgehangen, um sie, wie Madonnenbilder, anzuräuchern und anzubeten und mit platonischer Liebe zu genießen. Ein Dutzend weißer Pfefferkörner, die er täglich verschluckte, sollten seinen Straußenmagen, zu dessen Füllung ihm Metalle gebrachen, nicht nur noch mehr stärken zur Eßlust – weil doch Hunger eine Art von Vorkost ist –, sondern die Körner sollten auch als neue Farbenkörner durch den Appetit Renovanzens Küchenstücke besonders heben, weil freilich dessen Braten nicht so gut gemalt waren als Raffaels irdene Teller, die man noch in Dresden verwahrt und ansieht. So nahm denn Worble sogar körperliche Nahrung schon geistig in Bildern zu sich, wie wir die geistige Ambrosia (Freiheit, Vaterlandliebe, hohe Tugenden) entweder in den herrlichen Federzeichnungen der Alten (dessins à la plume) oder in großen Altarblättern oder in guten Kupferstichen und Steindrücken wirklich besitzen und genießen.

– – Wird nun wohl ein gutherziger Leser den Hunger des armen, in einer so schlechten Haut steckenden lustigen Worble erwägen, ohne recht herzlich zu wünschen, daß sein Freund Marggraf womöglich den Stein der Weisen oder sonst ein Edelgestein erfinde, damit er doch dem guten alten Nagetier am Hungertuche etwas zu essen schenken könne? Was der gute Apotheker nur aus der Apotheke geben konnte, das gab er ihm – besonders wenn er in seinem alchemischen Vorparadiese stand, wo der Fluß der Goldsäuere in den Goldpison und Paktolus zu fallen und ihn ins Paradies zu flößen versprach –; natürlich bestand es nicht in Lebens-, sondern nur in Verdaumitteln (Stomachalia) und wenigem Aquavit. Und beide liebten einander überhaupt immer stärker, seitdem der Thron, worauf sich Nikolaus zu setzen gedachte, wie durch einen Erdfall mit allen Thronstufen eingesunken war bis auf ein schmales Spitzchen; Worble liebte ihn wärmer, weil er ihn so wenig beglücket und so bleich geworden sah; und Nikolaus hatte jenen noch zehnmal lieber, weil er ihn nicht beglücken konnte, wie er doch an Henochs Sterbebette so gewiß versprochen. Aber warum hatte er den Scherzvogel so gar sehr lieb? Darum: Worble war sein Schulfreund. Beide hatten miteinander von demselben Schulbakel Prügel, auf derselben Schulbank Anfanggründe, von demselben Lehrstuhle gelehrte Mittel- und Hintergründe, von demselben Rector magnificus das akademische Bürgerrecht erhalten.

Es ist etwas Unverwüstliches in dieser Jugend- und Schulen-Freundschaft, zumal wenn keine spätere Ortferne einen kalten Zwischenraum in das jugendliche Lauffeuer der verbundenen Empfindungen bringt. Oder könnt ihr denn vergessen, wie man liebt, wenn man einander noch im Morgenrote des Lebens und vom Morgenlichte der Wissenschaft beschienen sieht – wo man nicht ängstlich Wert gegen Wert, nicht Ähnlichkeiten gegen Unähnlichkeiten, nicht des Standes, kaum des Talentes abwiegt, und wo man, von derselben Sonne des Wissens auf eine gemeinschaftliche Bahn gezogen, Lernen ins Lieben verwandelt und in der Waffenbrüderschaft sich auf dem Feldzuge für die Wahrheit berauscht? Denn wenn sogar später in der Lebens-Kühle uns jeder Mensch zum Unvergeßlichen wird, dem wir uns in irgendeiner ersten Erscheinung des Lebens verbunden – und sei es in einer ersten Heirat im Spätalter, sei es in unserm ersten Feldzuge mit den Zeitgenossen –: wieviel mehr wird Herz dem Herzen einwachsen, wenn die Ideale der Kunst und der Wissenschaft und der Jugend befruchten! Der Jüngling ist dem Jünglinge ähnlicher als der Mann dem Manne, wie der Knospe die Knospe ähnlicher als die Blüten einander. – Und so denke denn jeder bei diesem Spiegelbild einer weit rückwärts gezogenen Zeit an seine schon liegenden oder noch aufrecht stehenden Jugendgenossen!

Daher hielt das Band der Freundschaft zwischen Worble und Marggraf eben seines alten Gespinstes wegen recht fest und färbte sich nicht ab. Jeder war so recht für den andern gemacht, und sie schmeckten sich einander gut. War auf der einen Seite Worble dadurch Marggrafs Mann, daß er gleichsam mit einem offenen Warenlager und Fruchtspeicher der besten Sachkenntnisse behangen einherging, aus welchem jeder, der wie der Apotheker ein Gelehrter sein, nicht scheinen wollte, nehmen und sich die Gehirnkammern füllen konnte: so war wieder auf der andern Seite Marggraf für Worble dadurch sehr schätzenswert, daß er leicht in jenes Licht zu setzen war, das der Freimäuerer gern auf die Menschen warf, und welches man im gemeinen Leben das lächerliche nennt. Wie manche Sorgenstunde versüßte ihm Marggraf durch die komischen Seiten, die er ihm fast ohne Wissen zeigte, und die nachher den Freimäuerer, der sie zum Belachen verarbeitete, immer so fröhlich machten.

– – Sollte man nicht denken, ich hätte den Zufall selber ersonnen, daß gerade jetzo ein Polizeibedienter auf der Gasse klingelt, der das Wiederbringen eines weggekommenen Diamantringes gegen ansehnliche Erkenntlichkeit verlangt, gleichsam als woll' er im Schauspielhause dieses Buchs klingeln, damit der abgetretne Diamantheld wieder auf die Bühne komme? Denn im vierten Kapitel: »oder man hat viel, wenn man begraben wird wie ein Fürst« bring' ich wirklich den Apotheker wieder, obwohl ohne ein anderes Gratial zu verlangen als mein Bewußtsein einer aufrichtigen Rückkehr von den bisherigen Ausschweifungen im dritten Kapitel.

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