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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Seit ich das neueste Stück des magnetischen Archivs gelesen, kann ich mich der Vermutung nicht erwehren, daß manche Mönche, wenn sie so oft die sündhaftesten, ihrem Gelübde der Enthaltsamkeit mehr entsagenden als zusagenden Träume ausstehen, wohl von boshaften protestantischen Traumgebern verfolgt werden. – Aus nichts anderem wäre es sonst erklärlich; denn die Patres haben die reinsten Sitten und die reinsten Lehren – genießen viel öfter als andere den Umgang mit Nonnen, deren Beispiel und Anblick schon Weltliche auf andere Gedanken bringt – sind überhaupt mehr die Lampenputzer als die Ofenheizer ihres von ihnen verachteten Leibes, weil schon das Gelübde der Armut allein ihr Fleisch genugsam kreuzigt – – Und nun, woher soll es denn kommen, daß Männer, die vom Volke noch früher kanonisiert werden als vom Papste, daß solche, gleich dem betrunknen Alexander, gerade im Schlafe merken, wie die Menschen sind, und daß sie ordentlich an sich selber des Schwärmers GichtelWalchs Kirchenhistorie § LV. Meinung von Adam bestätigen, der zuerst im Schlafe Magen, Gedärme, Leber und alles in sich hineinbekommen; von wem, sag' ich, kann ein solches Nachtgarn des Teufels über die frommen Männer gezogen werden? Lutheraner, vermut' ich, die sich aufs Traumgeben verstehen, erfischen sie mit dem Garne.

Jedoch will ich nicht eben alle Katholiken vom Traummitarbeiten freigesprochen haben; ich bin ein so redlicher Protestant wie Sie. Sehr gut könnten z. B. katholische Beichtkinder von Stande, aber aus dem Traumgeberbunde, wenn sie etwa zu schwer an ihren Sündenlasten (wie leicht sind am Hofe dagegen die Staatslasten!) zu tragen hätten, ihren frommen Hofbeichtvater die Nacht vorher alle ihre Sünden im Traume in eigner Person begehen lassen, um sich am Tage aus Zartheit teils die umständlichere Beichte zu ersparen, teils die härtere Pönitenz.

– Und ich will es Ihnen nur von mir selber gestehen, schätzbarer Herr Polizeidirektor, daß ich seit der Bekanntschaft mit dem Ober-Weginspektor Wesermann gleichfalls meine schwachen magnetischen Kräfte zu zwei Traum-Einimpfungen nicht ohne Glück, aber zu sehr wohltätigem Zweck, versucht habe; in der einen legt' ich einen ehelichen Zwist bei, in der andern hieb ich mich mit einem Husaren. Da ich nämlich hörte, daß ein Ehepaar in nichts einig war als in dem Wunsche und Vorbereiten der Ehescheidung: so strengte ich mich an, daß ich mehre Nächte hindurch die Leute förmlich voneinander schied, als ein vollständiges ganzes geträumtes Konsistorium mit allen Räten, Akten und Kosten und was dazu gehört. Seit meiner wiederholten Scheidung im Bette mehr als vom Bette hör' ich nun in allen Teezirkeln, daß die Leute sich einander am Tage wieder zu lieben anfangen; – was wohl am besten beweiset, daß mir das Vorträumen gelungen, und daß sie wirklich auf den wächsernen Flügeln des Traums auseinandergeflogen und sich und die Sache auseinandergesetzt. Denn bekanntlich ist Scheidung ein gutes Ehe-Aphrodisiakum und der Scheidebrief eine Auffrischung des ersten Liebebriefes, indem es mit einem bösen Gatten wie mit einem bösen Zahne gehtUnzers medizinisches Handbuch. B. 2., welcher, sobald man ihn ausgezogen und in die Kinnlade – beinahe Bettlade hätt' ich gesagt – wieder einsetzt und einbeißt, nicht im geringsten mehr schmerzet, sondern nur schmückt.

Einen andern Traumfall hatt' ich mit einem Husarenrittmeister, einem Gelehrtenfeind, der sich schon seit Jahren gern mit mir gehauen hätte – weil er den kleinsten satirischen Hieb auf sich zu lenken weiß –, wenn es nicht gegen seine Ehre liefe, wie er sagte, einem elenden Bürgerlichen oder Bücherschreiber mit dem Säbel den Kopf zu spalten oder auch nur einen Finger wegzuhauen. Diesen Rittmeister fodere ich nun jede Nacht, wenn wir beide die Schlafhauben aufhaben – gleichsam unsere Sturmhauben –; und er muß sich mir im Bette stellen, und ich adle mich nicht einmal, was ich so leicht im Traume könnte. Nun ist es aber kläglich, dabeizustehen und es anzusehen, wie ich den Husaren zurichte mit meinem Säbel – rechts und links, in die Quer und die Länge, vierfingerig, dreifingerig, zweifingerig, einöhrig wird er gehauen in den verschiedenen Nächten, und nur den Schädel läßt man ihm sitzen als Untersatzschale der Husarenmütze und des Lebens. Darauf lass' ich ihn um Schonung flehen und mir mehr als einen Dank sagen, daß ich ihn meines Säbels und des Durchhauens gewürdigt. – Es muß aber mein Traumgefecht wirklich in ihm vorfallen – fragen will ich ihn nicht –, weil er, wenn ich ihm begegne und als Sieger ihm etwas stolz ins Gesicht schaue, mich äußerst erbittert anblickt, was dem gedemütigten Husaren gern zu vergeben ist, da er sich für seine Demütigungen nicht räche kann. –

Allerdings sieht ein einsichtvoller und rücksichtloser Mann wie Sie von selber, daß die Traumbildnerei gerade wie die Schriftstellerei sich auch zu guten herrlichen Zwecken (ich möchte mir schmeicheln, in der einen und in der andern Beispiele gegeben zu haben) verwenden läßt. Ein Benediktiner, erzählt Isibord (Breviar. num. 26.), hatte in der Nacht vor dem Morgen, an welchem er eine Purganz nehmen wollte, den Traum, daß er die Sache schon im Leibe habe; und siehe da, am Morgen war auch die Wirkung vorhanden, und die gekauften äußern Pillen brauchte er gar nicht zu verschlucken. – Nun ließe sich recht gut denken, daß ein Arzt die Abführmittel und Brechmittel, die er dem Patienten verschreibt, ihm so lange vorträumte, bis sich Wirkung einstellte. Ein Hofmedikus könnte zarten höheren Personen statt der ekeln Pillen Träume eingeben, und in öffentlichen Krankenanstalten könnte der Staat manchen Apothekerzettel in der Tasche behalten, wenn der Spitaldiener oder Krankenwärter als Vorträumer der Arzeneien anzustellen wäre und man nichts in der Apotheke zu machen brauchte. Oder man könnte auch der Staatskasse (wie schon jetzt, aber ohne Vorteil der Kranken geschieht) Arzeneien ansetzen, die gar nicht gegeben worden, sondern nur geträumt. – Die Ekelkur, die mancher Arzt oft bei Wachenden ohne seine Absicht durch sein Äußeres macht, könnte er bei Schlafenden, wo es nötig, durch sein Inneres ausführen; und so würden die Jünger des Äskulaps, den schon die Griechen den Traumsender genannt, sich des Meisters durch die Träume würdig zeigen, die sie uns unmittelbar und ohne Druckpapier vormachten. Ja, ob man nicht auf Schiffen und in Festungen, wo zuweilen die Arzeneien ausgehen, statt dieser die Apotheker selber verschreiben könnte, da ihre treffliche Einbildkraft gewiß ohne Kräuter gute Brech- und Abführmittel machen könnte: dies würde bald die Zeit lehren, nebst den erfoderlichen Nächten.

Allenthalben vermißt man noch an Höfen und auf Thronen gerade für die ganze eine Hälfte des Lebens alle Hoflustbarkeiten, Spektakel und Hoffeste, und nur die andere hat dergleichen einige, die wache; so daß mithin die schlafende noch ein ganz unentdecktes Amerika oder eine neue Welt der Himmelkugel oder Glückkugel blieb, weil hohen Herrschaften in der Kunst, allzeit fröhlich zu sein, (der ars semper gaudendi) jeden Tag zehn Stunden fehlen, wenn nicht mehre. Dagegen gibts nun kein anderes Mittel, weil der Hof nicht in einem fort für das Vergnügen wach bleiben kann, als einen geschickten Vorträumer, ders den Frommen im Schlafe beschert. Ein solcher wäre als der wahre eigentliche maitre de plaisirs für die Nacht anzustellen, wo jeder seine Himmelfahrt nach dem Betthimmel hielte und in der Ruhe das rechte rheinische Lustschloß Monrepos anträfe. Da nun ein Nacht- und Traumfreudenmeister oder Intendant des plaisirs lauter Freuden anordnete, die keinen einzigen Gulden kosteten – weil alle unmittelbar von Gehirn an Gehirn abgeliefert werden –: so könnten auch die Landstände und die Kammern gegen die Freudenfeste und diese Lustlager ohne Soldaten nichts haben; denn keine Landes-Schulden würden gemacht, weil der maitre de plaisirs ein wohlfeiler Fliegenschwamm wäre, womit die Kamtschadalen sich durch dessen Aufgüsse wahre Edenträume und sich die Bettlade zur Nektar-Braupfanne machen.

Wenn ich weiter nachdenke, lieber Polizeidirektor, wahrlich das schwere Beglücken der Menschen würde gar zu himmlisch leicht gemacht, sobald man es ganz in seine Gewalt bekäme, bloß durch Träume zu erfreuen – Wunden zu schließen nach dem Schließen der Augen und den geplagten Menschen, wenigstens solange er liegt, aufrecht zu erhalten. Wahrlich, ich würde keinem Schläfer als eine gebratene TaubeHaller in seiner Physiologie führt aus Sanktorius an, daß genossene Linsen und Tauben häßliche Träume erzeugen. Nach Derhams Physikotheologie gibt der getragne Rubin schöne Träume. in den Mund und Magen fliegen, sondern ich würde mehr den kostbaren Rubin vorstellen, der die lieblichsten Träume erzeugt. Einem Blinden setzte ich so lange gute Augen ein, als er sie zuhätte, und herrliche Nachtstücke des Frühlings und Sternenhimmels wollt' ich um ihn herhängen. Und da der Traum uns gerade verlorne Gestalten unserer wärmsten Sehnsucht am hartnäckigsten verweigert: so wäre mein erstes, einer sehnsüchtigen Mutter die Tochter wieder an das Herz zu führen, die auf höhern Welten lebt, oder auf eine Nacht den Sohn nach Hause zu bringen, der auf fernen Schlachtfeldern übernachtet. Gott weiß, was ich noch täte; unschuldigen Gefangenen nähme ich ohnehin in der Nacht die Kettenringe ab; und zarten Prinzessinnen steckt' ich schöne Eheringe an und ließe einer schlafenden Diana-Göttin einen wachen Endymion erscheinen. – Ich triebe es weit.

Inzwischen bleibt es doch ebenso wahr als gefährlich – denn wenige würden so vorträumen wie ich –, daß die Erfindung des Traumgebens, wie die des Bücherschreibens und Druckens, die Entdeckung einer neuen Welt und dadurch die Verdopplung und Umkehrung der alten ist – –; und dies ists eben, worüber man einen Saalpater hören will und zu Rate ziehen. Unmöglich können Sie in Ihrem künftigen Werke gegen die gewöhnliche Preßfreiheit über die Gefahren der ähnlichen Traumgeberei wegschlüpfen; Sie müssen die wichtige Sache erwägen, und wär's auch nur in einem magern Appendix. In solcher Hoffnung verharr' ich etc.

Dr. Jean Paul Fr. Richter
 

Kaum hatt' ich den 1sten April diesen Brief an Herrn Polizeidirektor Saalpater abgeschickt, so bekam ich von ihm – dem fast von Akten erdrückten Geschäftmanne – schon in diesem Monate die Antwort; und zwar eine so unerwartete und wichtige, daß ich gewiß nicht getadelt werde, wenn ich der Welt nicht erst in dieser Vorrede zum zweiten Kometenbande, sondern schon im frühern Morgenblatte die Beweise überlieferte, daß der so sehr bedenkliche Traumbund wirklich existiert und schon tätig ist.

Saalpaters Schreiben leg' ich hier wörtlichtreu und vollständig dem Publikum vor und lasse nur da, wo ichs zweckdienlicher finde, Bedeutendes aus. Denn da Saalpater den guten, langen, weiten, breiten deutschen Reichsstil fertig schreibt, von welchem (wie ich hoffe) in den deutschen öffentlichen Kongreß- und Bund-Verhandlungen noch nicht so viel untergegangen als vom Reiche selber: so war bequem jede Seite auszulassen, wenn auf der abgedruckten dasselbe stand, so daß auf diese Weise nur der Nachdruck, nicht der Nach druck wegblieb. Hier ist der Brief.

 
Wohlgeborner Herr,
besonders hochzuverehrender Herr Legationrat!

Ew. werden gar bald aus den öffentlichen Blättern ersehen, welche heilsame Wirkungen Dero geehrtes vom 1sten April hervorgebracht. Schon seit geraumer Zeit hielten nämlich fünf magnetische Studenten aus Berlin sich in unserem Staate bloß zu ihrem Vergnügen, wie sie im Fremdenbuche des Gasthofs vorgespiegelt, auf; und zogen solche schon dessentwegen mein ganzes Augenmerk auf sich, weil sie sich die fünf Vokale nannten und sich niemalen anders schrieben als Ah, Eh, Ih, Oh und Uh. Dabei war doch manches nicht zu verkennen, was seit ihrem Aufenthalte im Staate Wunderliches vorfiel, ohne daß es recht zu erklären gewesen; denn Träume der verdrießlichsten Art fingen seit dem Übernachten der angeblichen Vokale nächtlicherweise im ganzen Lande an einzureißen, wovon drei Exempel von Schlafenden Euer Wohlgeboren anstatt aller übrigen dienen mögen. Nämlich Seine Exzellenz der Herr Minister der auswärtigen Angelegenheiten wurden überaus gemartert mit unschicklichsten Träumen, als wären Solche in Ungnade gefallen, ohne Pension entlassen, Dero hohe Familie vom Hofe verwiesen. Auch mir unwürdigen Subjekte kam es drei Nächte hintereinander vor, ich würde unter vielem Freudengeschrei auf dem Schloßplatze geköpft und trüge darauf den enthaupteten Kopf, nachdem man mir vorher einen hohen, hinten ausgehöhlten halben Maskenkopf aufgesetzt, mit beiden Händen ans Schloßtor, um ihn bei den Ohren neben einem angenagelten Hühnergeier anzunageln. Endlich wurden sogar Seine Durchlaucht mit den unehrerbietigsten Träumen beunruhigt, indem es wenige Dienerversehen und Untertanenklagen im Lande gibt, welche bisher jeder treue Diener vor seinem Fürsten aus pflichtschuldigster Schonung geheimgehalten, die nicht Höchstdenselben in allen Träumen vorgekommen wären, seit die Vokale da sind, ordentlich als wären die Landstreicher Landstände, welche einem höchsten Herrn alles Elend ausplaudern, wenn es nur wahr ist, ohne sich darum zu bekümmern, wie es einem alle Untertanen liebenden Fürsten schmerzet.

Wie ich nun die fünf Studenten schon längst politischer Umtriebe für verdächtig gehalten, so war vollends nach den eingegangenen Fingerzeigen in Ihrem Schreiben, hochverehrtester Herr Legationrat, weiter kein Zweifel mehr, daß die Personen zu einem neuen Traumbunde gehörten und sich träumerische Umtriebe erlaubten. Ich nahm daher vor allen Dingen die fünf Vokale in Verhaft und ihre Papiere in Beschlag. – Und siehe da, schon aus ihren Tagebüchern wies sichs sonnenklar aus, daß sie zur neuen geheimen Gesellschaft der Traumbündler gehörten; es ist aber solches Komplott das gefährlichste und strafwürdigste unter allen, angesehen ein Traumbündler nächtlicherweise durch gewaltsamen Einbruch in die verschlossenen Schlafkammern dringt und allda sein politisches und sonstiges Gaukelspiel in allen Köpfen treibt und weder durch Wache noch Schlösser abzuhalten ist. – Nicht zu spät wurden darauf die fünf Bündler zu Protokoll genommen, so wie aus den Tagebüchern die dienlichsten Extrakte gemacht; und biege Ihnen sowohl Verhöre als Auszüge hier an. – –

*

Aber ich beuge vielleicht besser hier den Verhören vor, da ein Jurist, als Wörterlatitudinarier, für das schöne blatt- und stachelreiche Gesträuch, worein er seine Beeren kleidet, mehr Platz bedarf, als Morgenblätter und Vorreden übrig haben. Der Auszug der Protokolle folgt jedoch:

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