Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Als Nikolaus das Beglücken seines Vaters wahrnahm, vergaß er in der Freude, daß er ein Prinz war, und wollte selber zu ihm rennen; aber der Apotheker fand Herbestellen schicklich. Peter kam gesprungen; und Henoch fragte ihn, ob er sein Wort des Schweigens geben und halten wollte. Peter antwortete:»Ich bin ein Fuchs, und der geht gehetzt, wie die Jäger wissen, immer geradeaus; denn ich mache nicht, wie der Hase vor den Hunden, Rück- und Seitensprünge. Ich könnte Ihnen tausend mir anvertraute Geheimnisse offenbaren, sogar von Ihrem Herrn Sohne hier, aber Sie mögen warten.« Nikolaus untersiegelte es und sagte mit Feuer: »Konnt' ich je mich auf meines teuersten Freundes Versprechen steuern: so weiß ich, ist es diesesmal in der Zukunft« – welche Rede Peter wegen des feierlichen Anstandes, da er noch nicht wußte, daß Nikolaus von Geburt war, nicht sowohl feierlich fand als recht lächerlich. Als aber endlich der Apotheker – und dazwischen der Prinz, der gern seine neue Weltkugel mit einem einzigen Ruck ins volle Licht vor den Liebling gedreht hätte – diesem die Meer-, Land- und Luftwunder der Vergangenheit erzählte – ihn in die Kapitalbücher und Erziehscheine gucken ließ und als todkranker ernster Mann den Prinzen Prinz nannte – und als Worble gar vernahm, er solle dessen Gouverneur in Leipzig werden: so tat er an den Apotheker – um Zeit und Kraft zum Sammeln seines Ernstes und seiner Gesicht-Muskeln bei einer, wie es schien, zweiköpfigen Tollheit aufzutreiben – furchtsam die Bitte, man möge ganz kurz einen der wichtigsten Vorträge, die er je gehört, rekapitulieren, damit er alles einer solchen Wichtigkeit gemäß ermesse.

Scheinvater und Scheinsohn rekapitulierten alles miteinander. Zuletzt zeigte jener noch gar den kleinen Diamanten als Grund- und Schlußstein des an allen Ecken schimmernden Zauberschlosses der Zukunft vor; und der Prinz trug die Nachricht nach, welchen Anteil und Splitter Worble vom Edelstein erhalte; ein Splitter, der in dessen Augen bei seinem langen Hunger nach Essen und nach Wissen ein Balken sein mußte.

Jetzo fing er eine lange ehrerbietige Rede an und sagte beiden Herren für ihr Vertrauen Dank, das er sehr zu erwidern suchen werde. – Den wärmsten Anteil, fuhr er fort, nehm' er besonders an der hohen Abstammung seines hohen Schulkameraden, weil ein Fürst in jedem Fall das Höchste sei, was er sich denken könne, wenn er auch nur berücksichtige, daß ein solcher schon als Kind in der Wiege Orden und Hofstaat bekomme, Oberhofmeister nebst zwei Kammerherren, und Tafeldiener und Türhüter und einen Kammerheizer – und wie ein solcher Herr Kröpfe heilen und Feuer besprechen, was kaum glaublich, und, gleich Louis XIV., fremde Übersetzungen von Julius Cäsar unter seinem Namen herausgeben könne, was eher zu glauben, – und daß er später auf dem Throne, ja noch früher fast für unfehlbar gehalten werde, aber sein Minister desto weniger; – er erstaune, wenn er das Glück betrachte, das einer teils ausbreiten könne, teils selber genieße, daher er auch häufig Vater genannt werde, wie Silenus ausschließend wegen seiner Väterlichkeit in allen Dramen Papanämlich παππος. Creuzer in Daubs Studien B. 1. – und wenn er nun erst die Ehre und die Ehrenbezeigungen bedenke, die solcher einnehme, so daß er überall als Muster am Hofe steht und alle ihm, wenn er, wie z. B. der König Heinrich der Zweite in Paris, einen Unterrock statt der Hosen anzieht, es nachtun und die ihrigen ausziehen und weiblich auftreten – – »O, man kann wahrlich dazu gratulieren, mein Prinz!« beschloß Peter und umging die Duzbrüderschaft, in der er mit ihm von Jugend auf gelebt.

Über alle Maßen gefiel dem Apotheker diese erste Huldigung und der ganze Ernst, den Peter in jeden. Worte zeigte. »Ich sehe mit Vergnügen, künftiger Gouverneur,« sagte Henoch, »daß ich in meinem Manne nicht fehlgegriffen, und daß Sie Ihre Gouverneurs-Gage nicht umsonst verdienen werden.« – »Und wie sollt' ich anders,« (versetzte Worble), »da ich sie in meinen Umständen schon brauche; ich kann sagen, ich lebe wie der Biber bloß von Rinden, wenns auch keine Baumrinden sind; und wenn das Leben ein Schauspiel ist, so finden geschmackvolle Kunstrichter, welche verlangen, daß der Schauspieler nicht reell auf dem Theater essen soll, an mir ihren Mann.«

– Es wird doch, hoff' ich, kein Leser Worbles gelehrte Anspielungen einem erst nach der Hochschule sich einschiffenden Jüngling als zu unwahrscheinliche und mir bloß geraubte absprechen. Diesen Leser müßte man sonst daran erinnern, daß gegenwärtiger Verfasser selber tausendmal mehre Gleichnisse für seine »Grönländischen Prozesse« schon im ersten Jahr seiner akademischen Laufbahn in Leipzig, also in einem noch jüngern Alter herausgebracht und herausgegeben. Denn Worble war, als er von Henoch zum Prinzenhofmeister installiert wurde, gerade anderthalb Jahr älter als ich, nämlich neunzehn und ein halbes Jahr. – Eben diese Ährenlese aus ganz entlegenen Wissens-Feldern, wovon Worble kein einziges besaß und besäete – obs bei mir derselbe Fall, errate die Welt –, hatte ihm bei Henoch die hohe Achtung und das Prinzen-Gouvernement so leicht erworben, als wäre Henoch Nikolausens Vater gewesen.

Als der Apotheker eröffnete, was er von ihm als Gouverneur erwarte und fodere – daß er den Prinzen überall begleite und dessen Cortège mache, mit ihm die Kollegien besuche und recht die Wissenschaften treibe: so kehrte sich Peter mit einer kleinen, aber feierlichen Stegreifrede gegen den Prinzen und tat ihm darin ohne alles Du und Sie die Erhabenheit der Wissenschaften für Fürsten artig genug dar. –

Der alte Testamentmacher, der bisher Zeit genug zu allen Klauseln gehabt und verwandt, setzte ihnen noch als Spitze die letzte auf, daß man in Leipzig durchaus nicht mit den Ansprüchen fürstlicher Würde auftreten dürfe, indem man diese aus Mangel an Apanagegeldern nie genugsam behaupten und also den hohen Vater kompromittieren könnte, wenn er früher oder später erschiene und sein Wort dazu spräche, sondern – testierte Henoch – man müsse unter einem gewissen Inkognito fortleben, das längst die größten Potentaten beobachtet, und dazu halt' er die bisherigen Namen und Titel am füglichsten. – »So behalt' ich denn auch mein Inkognito als Gouverneur vor den Leuten bei,« – sagte Peter – »und wir bleiben vor den Leipzigern ein paar alte gute romische Schulkameraden; sind wir aber unter uns hinter vier Mauern, so tritt freilich das Kognito ein, und wir kennen uns, und er tritt als Prinz auf, und ich als Gouverneur.« – »Das verhüte doch Gott, mein Worble,« versetzte der Prinz; »auch dann, wenn niemand dabei ist, verbleiben wir im alten Du und Du, und ich kann und will für nichts Besondres von dir traktiert sein – auf dem Throne sogar will ichs zeigen, Peter.«

Letzter tat nun an den Apotheker furchtsam und bescheiden die Frage, wie es denn aber zu halten sei, wenn beide aus Leipzig, ohne den erhabnen Herrn Vater gefunden zu haben, wieder nach Rom heimkämen. »In meinem geschriebnen Testamente« – versetzte Henoch – »ist der Fall bedacht, und Sie werden darin für solchen, mein Prinz, ersucht, Ihre chemischen und botanischen Kenntnisse aus Liebe gegen Ihre drei Schwestern zu benützen und die Apotheke so lange zu übernehmen, als Sie noch keine Regierung übernommen; natürlich bleibt bis dahin alles weitere verschwiegen.« –

So weit des Apothekers letzter Wille, dessen Aussprechen vielleicht der Natur noch die stärkste und letzte Spannung gegeben; denn bald darauf sank sie in sich zusammen, und er starb entweder am Herzpolypen oder an dem Lungenschlagfluß nach Dr. Hohnbaums Theorie.

Es gehört nicht in Vorkapitel, schon der Kürze wegen, das weitläuftige Berichten, wie viele Liebe Nikolaus dem armen, an seinen Hoffnungen verhungerten Pflegevater jetzo nachgezahlt, die er bisher dem Vater schuldig geblieben, und wie viele Auslegungen und Argwöhnungen er sich reuig zu Herzen gezogen; kurz Henoch genoß nun den Vorteil der Unsichtbarkeit unter dem Grabstein, dem dicksten Schleier des Menschen. Wenn Nikolaus freilich noch eifriger das Grab seiner Mutter suchte und sich auf dieses wie auf eine Thronstufe setzte, um nach seinem wahren Vater in der weiten Welt zu blicken: so nehme man ihm dies nicht so übel wie hundert andere Dinge.

Der erste Gebrauch, den er von seiner künftigen Thronbesteigung machte, war, daß er auf den Kräuterboden hinaufstieg und die Türe an der Standuhr aufschloß, worin die Prinzessin wohnt, die er längst (es war Ahnen seines fürstlichen Geblüts) gestohlen hatte. Als er vor der wächsernen hohen Geliebten zum erste Male ebenbürtig als Prinz stand und er ihr in die festen treu-unverrückten Augen der Liebe hineinsah, welche ihn einmal in Park so freundlich und fast ordentlich alles voraussehend angeblickt: so ließ der ebene zusammennähernde Boden ihres und seines Standes nach einem solchen unverhofften Zuschütten der gegenseitigen Kluft der Geburt – in deren Tiefe er vor einigen Tagen mit Schrecken hinuntergesehen – so warme Paradiesesflüsse der Liebe in alle Kammern seines Herzens laufen, daß es hätte zerspringen mögen vor Lust und Liebe. – Und wie gern und feurig hätte er jetzt auf die einsamen Rosenlippen Amandas einen Kuß gedrückt, bei welchem nur sein Herz wäre Zeuge gewesen! – Aber weder das Wachs noch seine Achtung für die Geliebte ließen einen zu; und er hielt sich in den engsten Grenzen der zärtesten platonischen Liebe gegen die Büste.

Daß er seinen künftigen Vater mit der Pockennarbennase und dem Heiligenscheine einmal finden werde, war ihm wohl unter allen Dingen, wie das wichtigste, so das gewisseste, nur ausgenommen das Anerkennen und Legitimieren durch ihn, das allerdings (sah er) noch gewisser war, da es nicht mehr, wie das Finden, von außen und Zufall abhing, sondern von innen und Herz. – So war er denn ein froher gemachter Mann, der für seine ganze Luftschiffflotte nun einen Anker hatte, den er auf die Erde und auf einen Thron fallen lassen konnte, um unten anzukommen; denn bisher hatt' er seine Anker mehr nach oben in den Äther ausgeworfen, wo sie der Tiefe wegen nicht Grund faßten. Als er nach einigen Tagen den Schulkameraden und Gouverneur Peter wiedersah: wußte er mit dem alten Schul-Du einen gewissen höhern, seiner Geburt gemäßen Anstand so leicht zu verknüpfen, daß der Gouverneur über dreißig Einfälle darüber hatte. Prinz Nikolaus hatte nicht halb so viele erwartet; denn er hatte, ob er gleich Peters Weise kannte, gedacht, dieser habe den am Krankenbette vorgezeigten Ernst wirklich besessen und alles geglaubt, was er gesagt oder gehört Aber er vergab es gern; und er mußte ihn ohnehin haben, weil Peter der einzige in ganz Rom war, mit dem er frei über seine Kronerbschaft sprechen konnte, mochte auch der Kauz dazu spaßen, wie er wollte. Der Prinz blieb doch, was er war, wenn der Gouverneur ihm die Frage vorlegte, aber weniger im Ernst als Scherz: »ob er denn nicht – wenn in China bei der Erlöschung einer Dynastie der Kaiserthron sich erledigt, und zur vakanten Stelle sich sogar Schuster, Köche, ja Räuber melden – schon seines fürstlichen Geblüts wegen ganz andere Ansprüche habe; ja schon als bloßer Apotheker mehr als ein gemeiner Soldat in Algier, wo jeder im Regiment als präsumptiver Kronerbe anzusehen ist.«

– »Bon!« versetzte aufgeräumt der Prinz; »so scherze man denn weiter!«

Der zweite Gebrauch, den er – nach dem ersten des Treppensteigens zur geliebten Prinzessin – von seinem künftigen Regierungantritt machte, war, daß er unaufhörlich in Rom durch die Straßen auf- und abging und einen Menschen nach dem andern grüßte; er wollte seiner Menschenliebe etwas Rechts zugute tun. Da er schon seit Jahren nichts lieber machte als eine Verbeugung samt Gruß, weil er allen Menschen gern eine kleine Freude geben wollte, und doch nichts anderes dazu hatte als eben seinen Hut, in welchem er ihnen seinen geistigen Hutzucker der Liebe präsentierte und vorhielt: so freute er sich, daß er zugleich als Prinz sich herablassen und dadurch den unansehnlichen Gaben, die er mit dem Weihwedel des Hutes umhersprengte, einen bedeutenden Wert, wie man künftig einsehen werde, erteilen konnte. Und in der Tat, er hat recht, daß er einen Gruß so hochhält, eine der kürzesten Bewegungen des Mundes und Hutes, und doch ausreichend, um einem Vorbeigehenden auf der Gasse ein Freudenblümchen anzustecken und mitzugeben, das so lange frisch bleibt, bis er um die Ecke herum ist oder vor einem neuen Gruße vorbei. Der Verfasser dieses wendet daher mit Freuden jahraus, jahrein einige Hasenhaare seines Hutes daran, um ihn besonders vor denen zu ziehen, die dergleichen gar nicht mehr erwarten, als da sind z. B. abgelebte verwitibte Honoratioren, überhaupt ältliche Damen, so wie junge, noch nicht teetischfähige Mädchen von 14 Jahren, für welche die männliche Höflichkeit venia aetatis (Alters-Erlaß) ist, und vernachlässigte abgesetzte Männer, die kein Teufel kennen will. Zu einiger Ersparnis des Filzes schreitet er dafür vor kecken, hochbaumigen Amtmenschen, die auf dergleichen Gewehr-Präsentieren passen, und vor Offizieren, die jeden auf einen Schuß und Gruß fodern, bedeckt fürbaß.

Aber der Prinz Nikolaus fing seine künftige Regierung nicht bloß damit an, daß er in der Stadt mit der Säemaschine des Hutes herumging, womit er die Krönmünzen der Grüße an allen Gassen auswarf, sondern er trug sich auch besonders mit den Planen, wie er einmal die Menschen, wo auch die wären, die ihm sein Vater dazu gebe, unerwartet beglücken wolle. Und oft nach einem langen Spazieren lagen um Rom die Dörfer ordentlich im Sonnenscheine des Glückes vor ihm, den er innerlich auf sie während des Gehens geworfen. Glücklicher, wenn auch noch von niemand als mir anerkannter Prinz, den keine Kronschulden und keine Minister des Innern abhielten, in jeder Sackgasse bei jedem Glockenschlage deinen Untertanen so viel zu bewilligen, als sie und du nur wollen; und das Land, das du in deinem Kopfe voraus regierest, blüht unter dir so dauerhaft! Und kein Feind von außen überzieht, keiner von innen unterhöhlt es! – Solche Länder wären den meisten Fürsten zu wünschen.

Da er aber immer öfter neben dem Hute auch den Beutel zog, um landväterlich etwas zu schenken – nur nicht genug wars ihm, und er sagte, er würde sich schämen, wenn man wüßte, wer er sei –, und da sich im Sonnenfeuer seiner Liebe immer mehr vom akademischen Diamante verflüchtigte: so hielt es Peter für Pflicht, schon in Rom sein Prinzengouvernement anzutreten und ihm zum schnellen Beziehen der Akademie (zumal wenn er etwas übrig behalten wollte, um als ausstudierter Prinz sich in der Apotheke zu setzen) die stärksten Gründe – schwächere, Peters eignen Vorteil betreffend, bracht' er nicht einmal vor – ans Herz zu legen.

Und mein eigner Vorteil ist es auch, denn ich kann nicht genug eilen, um zum letzten Vorkapitel zu kommen.

Ernste Ausschweife des fünften Vorkapitels sind: Die prophetischen Tautropfen – Der Dichter auf dem Krankenbette – Der Regenbogen über Waterloos Schlachtfeld – Das Gefühl bei dem Tode großer Menschen – Alte und neue Staaten.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.