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Der kleine Tod

Irene Forbes-Mosse: Der kleine Tod - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer kleine Tod
authorIrene Forbes-Mosse
year1912
firstpub1912
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDer kleine Tod
pages221
created20170910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9

Mein Vater, ja, an den denk ich oft. So manche Toten wünschen wir zurück; wir fühlen, wir sind ihnen etwas schuldig geblieben, haben gut zu machen an ihnen. Das fühle ich ihm gegenüber auch; aber viel mehr noch wünsche ich ihn mir zurück zu meines Herzens Freude.

Bei Tisch zitierte er oft Lateinisches oder aus Faust, oder aus Tristram Shandy. Und dann konnte er sich so über seinen guten Wein freuen. Feine, glattrasierte Lippen hatte er und kleine, tadellose Zähne.

Abends, ehe die Lampen gebracht wurden, spielte 89 er Violoncell. So rein war der Ton, so sicher das Maß des Ausdrucks; kein Zuviel, kein Schwelgen, aber auch keine Zaghaftigkeit. Beethoven war sein Höchstes; es war, als spräche er von seinem Souverain, wenn er den Namen nannte.

Sonntags hatte er immer Quartett mit drei Herren vom Orchester. Ich verstand noch nicht viel davon, hier und da nur ein Goldschimmer, wie durch eine Spalte in der Tür. Aber gute Musik wird ganz unbewußt zu einer Gewohnheit, wie gute Luft.

Einmal sagte er mir, für ihn sei Beethoven der Rattenfänger von Hameln, wie für viele Menschen Wagner es ist. Wenn Beethovens Orchester einsetzte, sei's für ihn wie die ersten Striche des Magnetiseurs; Widerstand unmöglich.

Wie schön wurden die Wölbungen über seinen Augen beim Spiel. Der Mund ein wenig schmerzlich, wenn die tiefen, leidvollen Stellen kamen. Ein kleiner, untersetzter Mann mit großem Kopf. Aber dann wurde er schön, bekam etwas Einsames, Ferngerücktes. Berge können einen so ansehn; ich weiß nicht, wie ich's beschreiben soll . . .

Wenn ich doch einmal wieder die alten herrlichen Quartette hören könnte, alle ohne Ausnahme, in einem 90 kleinen Saal, nicht zu hell, wo man ganz fremd wäre; wie wir in Berlin die großen Orchesterproben hörten; am Vormittag, wenn man noch mit ganz wenig Menschen gesprochen hat. So muß frommen Katholiken zu Mut sein, fremd und doch brüderlich, wenn sie in aller Herrgottsfrühe zur Kommunion gehn, in einer fremden Stadt, in einer fremden dämmrigen Kathedrale.

Neulich, diese vier jungen Menschen. Sie spielten ja rein und reizend, und Oberflächlichkeit ist tausendmal erträglicher als Sentimentalität. Aber ich hätte rufen mögen »Grabt tiefer, da liegt ja noch so unendlich viel Gold!« – Sie waren wohl zu jung. Vielleicht können sehr junge Menschen Beethoven nicht spielen; sie lassen zu viel aus, oder sie übertreiben das Gefühl. Es gehört süße Reife dazu; wie so stille braunviolette Herbsttage: »dort mag solch Gold in heil'gem Gram gedeihn.«

 

10

Bei Jorinde

Ich habe auf der Treppe gesessen und die Pfauen gefüttert. Alles wie gestern und alles ganz anders. Die Sonne lag wohlig auf den grauen Stufen mit 91 ihren runden gelben Moosflecken; und weiter ab auf dem Platz, über den die Kastanien ihre Äste schleifen lassen, schlüpfte sie aus und ein. Die Hülsen bersten, die blanken Früchte rollen ins gelbe Laub, das schon so dicht am Boden liegt. Jetzt ist die Zeit, wo der Nase ihr Recht wird, beinah mehr noch als im Frühling; alles riecht feucht und kräftig, die Erde ist wie eine reife Mispel. Der Pfau kam, rauschend, verachtungsvoll, mit seinen feinen, behutsamen Hennen; sie haben so was von pensionierten Hofdamen, in grauer Seide.

Wie sehr verstehn wir's doch, das grade zu tun, was uns das Herz zerwringt. Es gibt ja auch Blumen, wir können nicht anders, wir stecken das ganze Gesicht hinein . . . und ist uns doch, das Erinnern möchte über uns zusammenschlagen und uns ersticken. Und so zog ich dies selbe Kleid an und setzte mich auf die Treppe und lockte die Pfauen, alles, wie ich es gestern getan, als wir zusammen waren.

Mattea kam und strickte an einem Söckchen; so viele, viele Söckchen brauchen ihre armen kleinen Pflegekinder. Eigentlich dürfte sie nicht stricken. Der greuliche Mann in »Nora« hat ganz recht, »es hat so was Chinesisches«. Der Sommer hat ihre schönen Hände gebräunt, die so königlich sind im Dienen. So 92 wie sie hätte auch Juno ein kleines Menschenkind auf den Arm genommen, so rasch und sicher und weich; mit solchen schlanken Fingern hätte Ceres eine Garbe gebunden, einen schönen schrägen Ährenknoten, wie ich sie in Toskana gesehn.

Oder Lorbeeräste und Pinienreisig über die Schulter gelegt, heimkehren, erhobnen Hauptes, in die Abendglut hinein . . . Ja, das würde Mattea wohl anstehn.

Sie hatte das Kleid aus rostfarbnem Leinen an. Wie der Herbst sah sie aus, wie sie so dastand, und die Marienfäden in der Luft um sie her . . . Sie, die so unendlich tätige, trägt ihre Kleider am längsten von uns Dreien. Und vom ersten Tag an fallen sie in bestimmte große Falten, als hätte sie schon jemand für sie ausgeweitet; irgendeine schöne, breitschultrige Heilige vielleicht, deren Frömmigkeit mehr von der praktischen als von der mystischen Art war.

Aber Matteas stilles Schaffen kann mich eben jetzt zur Verzweiflung bringen. Denn es ist etwas in ihr zerbrochen, darum arbeitet sie auch den Tag herunter, wie man einen Rocken abspinnt, ohne Hast; sie will ja keine Zeit erübrigen. Und ich denke . . . werde auch ich? Nein nein; denn Mattea wird sich nie mehr ändern. Wenn jemand ihr für eine Freude dankt, und 93 sie lächelt, wie aus einem Traum heraus . . . das geht mir durch und durch. Ach, was mich schmerzt und brennt – wie anders! Ich gäbe es nie her, wer auch sollte mir die Hand auflegen? Selig sind die Toten, die ruhen in Gott . . . ach, selig ist mein lebendiges Herz! . . .

Wenn aber die Schicksalsschläge so schwer und rasch kommen; ob das nicht ist wie mit den englischen Faustkämpfern, die nach der zweiten Runde nichts mehr fühlen? denen zu Mut ist, als erhielte ein andrer die dröhnenden Stöße, und sie sähen zu, ganz dumpf, von außerhalb? . . .

 

Am Teich bin ich gewesen; in der Nacht hat es stark geweht, viel Blätter sind gefallen; ein ganzer Wall hat sich angetürmt. Die gelben gefleckten Pappelblätter, wenn sie niedersinken in leiser Drehung, mit dem Knötchen am Stiel, sind wie kleine tanzende Chinesen; die Buchenblätter kupfern, rosig, und die Birken und Espen rund und gelb und glatt, ein Regen von Dukaten und goldnen Herzen. Der Ahorn zartrot, wie reine Wunden, aber die Linden bräunlich und bescheiden: sie treiben keine Hoffart mit dem Altern. So häufen sie sich, immer höher, bis ein Windstoß 94 kommt und treibt sie in den See. Der blaue Spiegel in der Mitte wird immer kleiner.

Da las ich neulich ein Gedicht: und mich dünkt, es liegt die ganze zitternde Oktoberwehmut in den zwei Versen, deren ich mich entsinne – . . .

»Frau Farahdis ging alleine
An des Ufers Rand,
Und die bunten Kieselsteine
Warf sie mit der Hand
So dahin – so dahin – in die Wellen hin.

Frau Farahdis mußte weinen,
Und sie sprach voll Sinn:
Daß ich doch gleich Luft und Steinen
Ganz verloren bin,
So dahin – so dahin – in die Wellen hin.«R. A. Schröder.

Der Schwan will noch immer nichts von der Frau Schwänin wissen. Es ist aber auch brutal, mitten in der Witwerwehmut, die sich mit dem langen Hals so sinnig ausdrücken läßt, eine neue Gattin oktroyiert zu bekommen. Sie, die Arme, schwimmt beschämt in einer Ecke; qualvoll, dies Tete-a-Tete, noch dazu in Gegenwart der Enten, die alles taktlos kommentieren. 95

Nun sind's erst vierundzwanzig Stunden her, da standen wir hier nebeneinander, und ich fing eine kleine Schlange im Laub und zeigte sie Dir: ihre wunderschöne Zeichnung, oliv und bläulich, wie das feinste japanische Geflecht. Du warst so freundlich erstaunt, wie ich sie in die Hand nahm; und auch meine Passion für Kröten erheitert Dich. Das sind aber Tiere, die zaubern können: Die letzten aus einer Zeit, als es große, herrliche Sümpfe gab, wo zottige Elefanten plantschten und Schilfwälder raschelten, wenn die Sonne im Wasser verglüht; aber die Menschen wohnten nackt und braun zwischen den Wurzeln der Riesenbäume und hatten nur eine ganz kleine Stimme in dem rauschenden, stampfenden Orchester. Denke, was solche Kröte alles zu erzählen wüßte, wenn ihre Familie eine Hauschronik geführt hätte; zu welch fabelhaften Urahnen sie zurückreicht: die interessantesten Seitenlinien, die Molche und die ganze Drachenzunft, Schatzmeister im Märchenreich; und dann all die lieben Basen, die Unken und Itschen, die Padden und Poggen und Quaduxen: lauter so nette Namen; meint man nicht ihre breiten nassen Füßchen die Treppe heraufplatschen zu hören? 96

»Jungfer Grün und Klein,
Hutzelbein,
Hutzel hin und her,
Bring mir die große Schachtel her . . .«

Und natürlich kannten sie auch all die Herrschaften in den Ziehbrunnen; dort, wo die Zauberwiese ist und die Brunnenfrau wohnt mit den weißen Armen; die in hellen Nächten über die Bleichen geht und das Garn segnet . . . oder verflucht, je nachdem man höflich oder unhöflich zu ihr gewesen ist.

Weißt Du, die Tiere, die haben eine große Rolle in meinem Leben gespielt: sie hatten dieselbe wortlose Sympathie wie gewisse Musik, wie der Wiesengeruch im späten September. Der laue Atem einer Kuh, eines Esels, das warme schaudernde Fell, die guten, traurigen Augen, die so unendlich tröstlich sind: ach, so ein rechtes Muttertier, ist das nicht doch das Beste auf Erden? . . . Wenn man schon das nicht hat, was das Liebste ist. Nicht hat . . . Ja, hab' ich Dich denn nicht? Tränkst Du meines Lebens Wurzeln nicht? Und niemand weiß davon? . . . Ach, wann liebt eine Mutter ihr Kind am seligsten? Ist es nicht, ehe denn es geboren wird? Wenn sie aufwacht und sich plötzlich auf ihr Glück besinnt . . . Mitten in der schweigenden Nacht? . . . 97

 

Mattea bringt ihre armen Kinderchen zu Bett. Erst werden sie gebadet: das ist recht komisch, wie eins vergnügt wie eine kleine Ente in den Zuber geht, ein andres aber erst durch Zelluloidseehunde und ähnliche Lockmittel hinein persüadiert werden muß. In den Bettchen singen sie sich in Schlaf – alte Liedchen, so ein bissel katholisch.

Wie der Mond so schön scheint,
Und die Nachtigall singt,
Wie lustig wird's im Himmel sein
Beim kleinen Jesuskind.

und –

»Droben auf dem Berge da wehet der Wind,
Dort sitzet Maria und wieget ihr Kind –«

Jorinde horcht hinauf und lächelt, und dann liest sie weiter in ihren abstrusen Philosophen. Sie kümmert sich so viel um die Menschheit, aber nur wenig um die Menschen, und wenn sie's einmal tut, dann ist's wie einer, der zu lang gelesen hat und sich die Augen reibt und um sich herblickt: »Mein Gott, was ist das alles für ein Gezappel« – scheint sie zu sagen. Und ich liebe sie grade, wie sie ist, so fein und kostbar und unpersönlich wie eine Quelle . . . Ach, meine Mutter hat gewiß zu viel zum Fenster 98 hinausgesehn, eh' ich geboren wurde. Mich interessiert ja eigentlich nur, was ich hören und sehn kann, und all der Kleinkram, was die Leute in ihren Töpfen kochen und wieviel Kinder sie haben und alles, was sie so erzählen von schauderhaften Unglücksfällen. Und sie sind auch immer so mitteilsam, sie merken gleich, daß ich mit Wonne zuhöre. Aber »die Menschheit« – das klingt mir fern und kühl, als sei ich selbst kein Teil davon.

»Droben auf dem Berge da wehet der Wind.«

Hier weht er auch, ob wir auch auf keinem Berge wohnen; er dringt durch die Haustür, fährt über die rotgepflasterte Diele, die Stiege hinauf, über die niedren gescheuerten Holzstufen; an den Stahlstichen (Napoleon an der Wiege seines Sohnes, »die geretteten Schiffbrüchigen« und »Olga, die Kosackenbraut« –) und an den Kreidezeichnungen verstorbner Tanten entlang: »le châlet« und »le chêne foudroyé«, hinauf zur obern Diele, wo die großen, graugetünchten Schränke stehn und es immer ein bißchen multrig nach Äpfeln riecht: Dort hängt das Bild des Urahnen, der Adam hieß wie unser aller Urahn; aber seine Geschichte ist viel hübscher.

Elf kleine Geschwister waren gestorben, an den Blattern glaub' ich oder sonst einer Engroskrankheit, wie 99 sie damals unter den Menschen aufräumten. Wie nun seine Mutter wieder gesegnet war, wurde sie sehr traurig, denn sie wußte ja, daß der Tod ihr kleines Kind erspähen würde, ob sie's auch noch so fest an sich drückte unter der grünseidnen Bettdecke, auf die ein Segelschiff gesteppt ist. Da sagte ihr die weise Frau, sie solle es Adam nennen und einen Bettler zu Gevatter bitten, so bliebe es am Leben. Das geschah. Sehr zum Verdruß der Schwiegermutter, einer stolzen Frau, die keinem Armen ein freundliches Wort gönnte. Der alte »Wetterkieker«, der alle Jahr, zur Erntezeit, mit seiner Ziehharmonika durch die Dörfer wanderte, trug das Jüngelchen zur Kirche und die hochgeborenen Paten mußten hinterdrein rauschen.

Dann, als dieser Adam dreiundzwanzig Jahr alt war, wurde er sterbenskrank. Niemand konnte ihm helfen, er siechte dahin, war bald nur Haut und Knochen. Da gelang's einem jungen Doktor, der sein Universitätsfreund war, sein Geheimnis zu erforschen. Es war Liebesgram, an dem der Urahn litt, um ein schönes bürgerliches Fräulein, das ihn nicht wiederliebte. Und da ging seine Mutter zu ihr und es gelang ihren beweglichen Worten, der kühlen Henriette Sinn zu ändern. Sie führte sie an Adams Lager, der zur 100 nämlichen Stunde aufstand und rote Backen bekam. So wurden sie ein Paar. Henriette soll recht glücklich gewesen sein, in ihrem Reifrock und perlenbenähten Schnürleib. Sie bekam eine spitze Nase und eine Menge Kinder, die sie ohne viel Liebkosungen, aber mit Gottesfurcht, über das Zahnen, die Masern und andere Anfechtungen hinwegbrachte. (»Ihr könnt mir glauben, sie war ein Ekel«, meint Jorinde.) Adam hat ein rundes Gesicht und gute verschwommene Äugelchen, er trägt ein behagliches Pelzchen und hält ein Notenblatt in der Hand – wenn Henriettens Tugenden allzu spinös wurden, nahm er seine Zuflucht zu seiner Violine . . .

Über die Bilder fährt der Wind. Ein kalter Wind, ein guter Wind; denn er kündet den Winter. Und wenn es dann Winter ist in der Stadt, und am Nachmittag all die gefrornen Pfützen rosig werden im Widerschein, wenn die kleinen Schuljungens nach Hause trollen . . . oh, dann steige ich die Treppen hinauf zu Jorinde und Mattea; die Lampe brennt mild, und am Fenster die Hyazinthen in ihren schlanken Gläsern duften nach Geburtstag. Jorinde sieht sich die Teekuchen durch ihre Lorgnette an, wie die Mutter im Struwelpeter. Sie hat in alten Büchern gestöbert und 101 legt mir ihre Ausbeute auf den Tisch, sie weiß, daß ich so was würdige. Das Kochbuch der seligen Charlotte von Bevern zum Beispiel, mit buntmarmoriertem Umschlag und voll der schönsten handschriftlichen Rezepte; Spezerey mit y, was auch gleich viel gewürzter klingt, und da sind zwei, Ingber und Cardemom, die spielen eine unheimliche Rolle. Ja, dann trinken wir Tee. Ich muß auf dem Sofa sitzen, unter der »Madonna del Sacco«, die auch über Mamas Sofa hing und über viel glückliche Stunden geleuchtet hat in ihrer schönen breitschultrigen Mütterlichkeit; der heilige Joseph neben ihr, über den Sack gelehnt, wie ein Berg über Wolken. Mattea rückt Kuchen und Früchte heran mit ihren schlanken Händen, sie weiß, ich hab' es eilig und ihr Grübchen zuckt verständnisvoll.

»Trink nur in aller Ruhe, es ist ja nicht der Bahnhof von Göschenen«, sagt sie. Und: »Stärke dich mit Traubenkuchen, erquicke dich mit Äpfeln«, sagt Jorinde. Sie zitiert gern aus dem Hohen Liede, es paßt so gar nicht zu ihr. Durch den Teppich hört man die kleine Geheimratstochter unter uns, die den »letzten Gedanken« von Weber übt – und das wäre gar nicht auszuhalten vor Wehmut, wenn da nicht beim Ofen mein grüner Mantel läge, Marderkäppchen und 102 schwedische mousquetaires (longueur dix boutons, sie müssen schön schrumpeln auf dem Arm). Aber in der Manteltasche steckt ein Billet No. 56, und No. 57, das bist Du!

Dann geh ich durch die frische Schneeluft und lache noch über Jorinde, die durch ihre Lorgnette still und gedankenvoll eine Fliege betrachtet hat, die in den Rahmtopf gefallen war, wozu sie den denkwürdigen Ausspruch tat: »im Dezember sei eine Fliege im Tee eigentlich eine Delikatesse!«

Aber im heißen Saal angelangt, wo es nach Staub riecht und um mich her viel langweiliges Volk sitzt, dem die Musik den Alltagsruß von der Seele spülen soll, da denke ich an nichts; weiß nur, daß ich ganz glücklich bin, ganz wach, und doch wie auf dem Meeresgrund . . . Dann, wenn das Stimmen leiser wird, nur noch hie und da ein Flötenlauf, wie eine kleine goldne Schlange, probierend in die Höhe fährt, dann kommst Du, hast ja immer bis zum letzten Augenblick zu tun, Du Guter. Wir nicken uns kaum zu, sind ganz still, wie Christen in den Katakomben schweigend ihre Lämpchen anzünden.

Den letzten Abend . . . weißt Du noch, die Symphonie? Die Stimmen gingen hin und her, wie suchend; 103 kleine Triolen, kaum geboren, schon erloschen, wie gebrochne Lichter auf einem Fluß . . . so atemlos. Dann ein Augenblick der Stille, und nun einigten sie sich, gedämpft erst, dann voller, und die Melodie zog dahin, traurig und stolz; ein großes Schiff, das aus dem Hafen gleitet.

Und ich war zu Eis geworden, aber mein Herz brannte, oh, es tat mir weh. Da war nur, als höbe derselbe Schauer Dein volles Haar, das schon ganz grau ist an den Schläfen; und der Ernst vieler Stunden stand wie Triumph auf Deiner Stirn. Und ich wollte nichts mehr, kein Wort, keinen Hauch. Ach, nur das Berühren Deiner Hand wär' zu viel gewesen; das Herz wär' mir zersprungen wie das dünne Venezianerglas, als wir es füllten.

 

Später bin ich noch bis zur Bank gegangen, auf die Anhöhe, wo die Stoppeln sind und die Akazien stehn, gelb und zerzaust. Aber heute ruhte der Wind. Solch weiter, weiter Sternenhimmel. Den Kopf hintüber gelehnt, saß ich da, die Arme sanken mir an den Seiten nieder – oh, so müde war ich nun.

Mondnächte sind anders; heimlicher, spukiger; denn der Mond kümmert sich um die Menschen, ihre Giebel 104 und Gärten. Aber die Sterne dort, so ewig fern, funkelnd im Dunst, wollen die Erde nicht erkennen, wissen nichts von uns. Und darum ist ihre Ruhe so groß.

Firmament! Das ist solch tiefes leuchtendes Wort. Als könnte man auf einmal tiefer atmen.

Es war totenstill . . . aber doch, als müsse man lauschen. War es mein Herz, das schlug? oder gingen irgendwo Riesen – unsichtbar – in der Nacht?

 

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