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Der kleine Tod

Irene Forbes-Mosse: Der kleine Tod - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer kleine Tod
authorIrene Forbes-Mosse
year1912
firstpub1912
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDer kleine Tod
pages221
created20170910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6

Eine Stunde von uns entfernt wohnte die Eddelfru; bei ihr bin ich oft, und o, so gern gewesen. Als sie dann Witwe wurde, mußte sie das alte Gut verlassen, das Haus mit den weißen Tapeten, in dem sie goldne Hochzeit gefeiert hatte, den Park voll rauschender Eichen und unzähliger Nachtigallen. Es tat mir weh; ich möchte das alles nie wieder sehn.

Sie war beim Einpacken, als ich sie dort zum letztenmal besuchte, das sind auch schon Jahre her. »Gehn Sie behutsam mit dem kleinen Service um,« sagte sie zum Packer. Sie hielt eine goldne Tasse in der Hand, mit Blumen und Vögelchen bemalt: »Das stammt aus meiner Familie,« sagte sie; »die Königin Luise hat Chokolade draus getrunken, wie sie auf der Flucht bei uns durchkam. Mama hat mir's erzählt, wie Großmama selbst das Tablett an die Reisekutsche getragen hat und wie die Königin nicht danken konnte vor Weinen.«

Da war auch ein Umhängetäschchen aus weiß und blauen Perlen. »Das hat meiner Mutter gehört,« sagte die Eddelfru und ihre Lippen zitterten ein wenig: »Sie war solch wunderschönes Kind. Als Großmama, 58 noch so jung, gestorben war, ging Großpapa ganz verzweifelt in dem langen hallenden Korridor auf und ab, vor ihrer Tür; und die Kleine hielt ihn am Rock fest und ging mit, immer auf und ab. Eine Frau im Dorf, die damals bei uns diente, hat es mir erzählt: die Abendsonne hätte so rot hineingeschienen in den leeren weißen Gang, auf den traurigen Mann, auf das wunderschöne Kind immer treulich neben ihm her, bis es ganz dunkel wurde.«

Einmal erzählte mir die Eddelfru, wie bei Mamsell damals der Wahnsinn ausbrach. Sie sei immer ein bißchen seltsam gewesen; gleich am Anfang bat sie um ein Zimmer nach dem Hof raus, weil sie das Schlagen der Nachtigallen nicht ertrüge. Aber sie war so tüchtig, mit dem Einmachen, mit der Wäsche – nein, auf so was wär man nie gekommen. Vormittags war sie in den Garten gegangen und hatte sich die Schürze voll Buchs und Salbei und Myrthe gepflückt. Dann kam sie ins Zimmer, wo schon das Tischtuch lag und das Küchenmädchen eben decken wollte fürs Gesinde. Und legte lauter Sträußchen von dem Grünzeug zusammen, an jede Ecke eins, und sagte: »Dies ist für den heiligen Taufbund, und dies fürs heilige Abendmahl, und das hier für die 59 Vergebung der Sünden. Aber dieses ist fürs letzte Gericht, wenn alle Gedanken der Menschen werden offenbar.« Und dann schloß sie sich ein und hängte sich auf an der Fensterklinke. Ist das nicht schauderhaft?

Es tat mir ja so leid um die arme Mamsell, aber es war nun doch schon dreißig Jahre her. Und es läuft mir solch himmlischer Schauder über den Leib, wenn solche Geschichten erzählt werden.

 

7

Gestern las ich die schöne Erzählung von Monsieur Putois, und da habe ich hinterher ordentlich nachgedacht, worin ich sonst nicht eben groß bin.

Monsieur Putois versorgte eine ganze kleine Provinzstadt des mittleren Frankreichs mit den angenehmen Schauern eines Lokalgespensts. Heinzelmann und Hütchen und Ole luk Oie, oder wie die französischen Repräsentanten solcher wohlwollenden Spükchen heißen mögen, haben alle bei Putois Gevatter gestanden.

Von ein paar ahnungsvollen Kindern, namens Bergeret, aufgespürt, wurde er rasch zum 60 Gemeingut, denn o wie herrlich eignete er sich zum Vertrauten und zum Sündenbock, und wo ist der Cato, der nie eines solchen bedürfte?

Und Kinder fühlen sich ja oft von Gott und den Menschen verraten; so, als wiche die Erde unter ihren Füßen; denn die irdische Gerechtigkeit hat doch nur Durchschnittsqualität. Aber tief, in einem Winkel ihrer Seelen, besitzen sie alle solchen tröstlichen Putois. Der nimmt zwar nicht der Welt Sünden auf sich, aber, was eigentlich angenehmer ist und weniger bedrückend, er versteht. Ach, die Missetat leuchtet so schrill wie ein Fliegenpilz im Moos, springt so recht in die Augen; aber da ist viel Drum und Dran, und das ignoriert die strafende Instanz. Da hat man dann ein Gefühl, als geschähe einem unrecht, das brennt so angenehm. Und auf einmal geht ein Fenster auf nach den seligen Jagdgründen, wo all die edlen Gesetzbrecher den Ausgleich finden sollen, und nun weiß man ja, wohin man gehört.

Über solchen bittersüßen Stunden aber schwebt der Geist Putois'!

Er kann etwas Unfaßliches, Unkörperliches sein; eine kleine Luftwelle nur, die im Dunkeln über ein verweintes Bäckchen streicht; oder das getreue Ticken 61 einer Uhr in verlaßnen Zimmern, oder auch der Lichtschein aus einer Dachkammer, wo nette, unbekannte Menschen wohnen, die gewiß freundlich, gütig und gerecht sind, wie sie da bei der Lampe sitzen und Sülze essen; ja, sicher essen sie Sülze, und schöne saure Dinge, die man selber nie bekommt!

Aber der Schutzgeist kann auch die Züge bekannter, wohlwollender Personen annehmen. Unsre Köchin Christine, die in ihrer runden getollten Haube einer Dahlie glich (von der gemütlichen Rosettensorte, die man jetzt leider so selten trifft), konnte solche tröstlichen Momente haben. Auch der reizende Mann, der abends mit seinem Eselchen kam, um die Müllkästen abzuholen, war zeitweis der Träger meines Putois-Ideals. Doch auch in leblosen Gegenständen habe ich Putois' Gegenwart gespürt. Da war ein altes, rundes Fußkissen mit grünen gedrehten Fransen umgürtet, das ich eines Abends, als ich in tiefster Ungnade war, auf meinem Dornenwege fand. Ich kannte es, seit ich denken konnte, unser kleiner Hund hatte sich oft damit gezaust; aber nun, an diesem Abend, hatte das Wesen plötzlich ein Gesicht. Ich nahm's in meine Arme und verkroch mich mit ihm zwischen die grünen Ripsgardinen eines unbewohnten 62 Zimmers, wo ich mich der berauschenden Vorstellung hingab, ein Vagabundenkind zu sein und mit meinem armen verachteten Brüderchen (dem Fußkissen) bei sinkender Nacht im Waldesdickicht zu sitzen, wobei wir uns gegenseitig unserer ewigen Liebe und Anhänglichkeit versicherten.

Später habe ich dann oft noch so ins Blaue gedacht. Gedanken, an einen kleinen Landstreicherbruder gerichtet, mit dem ich den goldenen Wagen – das einzige Sternbild, das ich mir merken konnte – bestieg, oder lieber noch auf der goldnen Deichsel saß und wippte.

Aber dann, als man weniger in die Luft sah und mehr aufpaßte, war wohl irgend etwas ganz so, wie man's sich gedacht hatte?

War die »blaue Grotte« wirklich so geheimnisblau wie auf dem Bildchen, das Papas Koffer zierte, als er von der italienischen Reise heimkehrte, mit Briefbeschwerern aus Mosaik und Armbändern aus Lava beladen? Und auch schon damals: wie er die Photographien hervorholte, die nach dem Tee, am abgedeckten Tisch, mit so beklemmender Langsamkeit herumgereicht wurden, lauter Ansichten von berühmten klassischen Stätten: hatte man sich's nicht ganz 63 anders gedacht? So was Leuchtendes, Wahnsinniges, mehr wie die Landschaft auf dem knattrigen Rouleau im Kinderzimmer, mit blauem Gewässer und Granatblüten und chronischem Sonnenuntergang? Dieses kreidige Weiß, diese kargen, verkrümmten Ölbäume, diese Trümmer an traurigen Straßen . . . man bekam ganz trockne Lippen beim Anschauen. Wie schwer, sich da zurechtzufinden! Ach, hätte uns der Garten des Paradieses nicht auch enttäuscht? Denn die Blumen wären doch nicht so groß gewesen, der verbotne Baum nicht so früchteschwer, die Schlange nicht so schön grün und blau geringelt mit goldnem, träumerischem Auge . . . wie man's eigentlich erwarten durfte.

Überhaupt waren es wenige Dinge, die Stand hielten, und darum verdienten sie aufgezählt zu werden. Da war z. B. das Kaleidoskop, eine Röhre mit rotem Moireepapier beklebt, die nach Leim roch. Man sog den Geruch ein, während man den quietschenden Deckel, der sehr fest saß, losschraubte; das war wie der Gasgeruch im Theater: alle Verheißungen wurden wach. Und dann schüttelte man, und die wundervollen Sternbilder erschienen, kreuzten, verschwammen und formten neue 64 Konstellationen; Teppichbeete wie von winzigen Zauberern gelegt, immer wechselnd, rasend und doch vernünftig, jedes Steinchen blitzschnell und unfehlbar an seiner Stelle. Das Kaleidoskop war eigentlich viel wunderbarer als die Erschaffung der Welt, die ja schließlich recht unordentlich geraten war; was zwar viel lustiger ist, aber doch lange nicht so knifflich in der Ausführung. Solche Wiese mit Weidenbüschen, wo es gar nicht darauf ankam, ob sie rechts oder links stehn, ließ sich gewiß viel leichter ausdenken als diese immer neuen und fehlerlosen Sonnensysteme in dem roten Zylinder, der nach Leim roch.

Und wie faszinierend war doch die Spieluhr! Die Messingwalze mit unzähligen winzigen Stacheln, die sich drehte wie ein kleiner goldner Igel am Spieß, während der Kamm seine schmalen, stählernen Zähnchen daran wetzte: der Marsch aus Norma, Don Juans Champagnerlied und »des Sommers letzte Rose« – das war das ganze Repertoire. Aber zwischen den Stücken allemal ein dumpfes Summen, als sei eine Fliege im Kästchen gefangen. Auf dem Deckel war ein musikalisches Stilleben dekalkiert, eine Pansflöte und ein Tamburin in einer Girlande von Trauben und Äpfeln baumelnd. 65

Ja, den Dekalkierkasten darf ich nicht vergessen. Wenn das Papier befeuchtet war und man die nötigen Minuten hatte vergehen lassen, ohne zu pellen, und nun leise, mit stockendem Atem, das äußerste Zipfelchen erfaßte . . .

Ach, so war's damals. Vieles so unbegreiflich lockend und bezaubernd. Ganz einfache Dinge meist. Und wenn man nachdachte, warum es so schön sei – da war man gleich am Ende. Es überkam einem so. Die Dächer, die leise rauchenden Schornsteine und der gelbe Abend dahinter, und ein Geruch von Frühling, plötzlich, im Februar . . . oder man saß oben bei der Weißnäherin, zwischen Bergen von Weißzeug, in der Nachmittagssonne, ganz friedlich; da kam eine Taube ans Fenster und gurrte, und ihre Brust schillerte in allen Farben . . . Aber andres wieder, auf das man sich so schrecklich gefreut hatte, war ganz grau und löschpapiern, wenn die Erfüllung kam.

Damals hatte ich dich noch nie gesehn. Ja, es gab eine lange Zeit, da wußte ich nichts von dir, und daß du in der Welt seist . . . und das Leben war dennoch lebendig genug.

*

Und nun ist heute wieder alles so wunderbar. Wie der Sternenhimmel; nicht wechselnd; nur so ruhig 66 rätselhaft. Weißt du, wie das ist? Mit all deinem Wissen kannst du es spüren, wie ich dich spüre? in jedem Fäserchen, so wie ein Baum der Erde Nahrung spürt: in der Wurzel, im graden, seidigen Stamm bis hinauf ins äußerste Blatt, das, ein kleiner, zusammengekniffter Fächer, auf den Sommerwind wartet, der es entfalten wird?

Es wird uns gesagt, daß geben seliger sei denn nehmen. Und doch, wer mir nichts zu geben hat, wie sollte ich dem geben? Schenke mir immer, schenke! Das liegt alles wohlbehütet in meinem dunkelsten Herzen! Jedes Wort, jeder liebe Atemzug. Ich neige mich drüber her, ich zähle meinen Schatz. Der Mond kommt ins Zimmer, er raubt mir nichts, legt all sein Silber dazu, und ich sage mein! und hüte meine Lippen, auch vor dir, dem alles gehört.

 

8

Ach, alles hier auf Erden
Muß einst vergessen werden –

Das las ich irgendwo. Ein dummes Verschen. Warum vergessen, was man nicht vergessen will? Ist der Tod gemeint? Aber dann – will man dann 67 auch noch festhalten? Jetzt aber ist so vieles, daran will ich mich erinnern.

Einen Sommer reisten wir an die See. »Die Kinder brauchen Salz« – hieß es auf einmal. Das begriff ich nun gar nicht, denn ich bekam allemal Schelte, wenn ich mir Salz aus der Küche holte: schönes, grobes, das zwischen den Zähnen knirschte. Aber Eltern sind widerspruchsvoll. Sonst mußten wir im Frühling große Tassen Stiefmütterchentee trinken; damit war das Medizinische erledigt. Der Hausarzt zwar erschien in regelmäßigen Intervallen; ein alter, lustiger Herr, der sich mit Trompetengetön in gelbe ostindische Seidentücher schneuzte und auf seine neuen Stiefel allemal mit dem Taschenmesser kreuzförmige Einschnitte machte, »damit die Füße Luft hätten«. Aber Mama goß seine Tränkchen regelmäßig fort, zu unserem Kummer, denn sie schmeckten nach Pomeranzenschnaps – und kurierte uns auf eigne Faust nach der Methode von Hahnemann: Pulsatilla – Belladonna – Brionia – und wie sie alle hießen; es waren bezaubernde Namen, wie von fremdländischen Feen; warum konnte man nicht selber so heißen?

Also wir zogen nach einer der kleinen schleswigschen Halligen, wo es damals noch keine Hotels gab, sondern 68 man mietete sich ein Fischerhaus, dessen Besitzer allemal Kapitän tituliert wurde und es wohl auch gewesen war.

Mit uns reisten drei alte Damen, Bekannte von Mama, sie wollten gern vor ihrem Tode noch das Meer sehen, trugen runde Hüte über ihren Hauben, mit Bindebändern, wegen dem Wind, und redeten viel von Böen und Springflut. Von der einen hieß es, sie hätte einen »männlich klaren Verstand«, welche unheimliche Geistesverfassung ich mir wie eine Vereinigung von Hellsehen und doppelter Buchführung vorstellte. Sie hatte knistrige Hände, wie Herbstlaub, und legte alle Nachmittage unzählige Patiencen; zum Schluß sagte sie mit Grabesstimme »nun aber die große Napoleon« – dann wurde der ganze Tisch mit Karten bedeckt, ja sogar ein kleiner Fenstertisch mußte noch dazu genommen werden.

Gleich zu Anfang erklärte sie, der einzig rationelle Kleiderstoff im Seebad sei feuerroter Flanell; er allein widerstünde der bleichenden Salzluft. So sah man sie mit ihren zwei alten, unterdrückten Cousinen in langen Scharlachjacken einhergehn, die mit weißem Grätenstich ornamentiert waren. Mama, die sich immer von Menschen imponieren ließ, die ein praktisches Air 69 zur Schau trugen, kaufte uns die gleichen –, und so wanderten wir als Familie Samiel am Strande entlang.

Manchmal gelang es der Männlich-Logischen, mich zum Vorlesen einzufangen. Sie hatte allerhand langweilige Bücher, die von Erdformationen und Gletscherperioden handelten, aber nie war darin von Walrossen oder Pinguinen die Rede, die doch eigens dazu erschaffen wurden, solche Einöden interessant zu machen, grad wie beim Geschichtsstudium die Liebschaften der Könige und Feldherren die langweiligen Kriege und Länderteilungen erträglich machten.

Wir wohnten – die alten Damen hatten zum Glück ein anderes Fischerhaus inne – bei Kapitän Mikkelsen, in einem breiten, strohgedeckten Hause an dem sandigen Weg, der zum Meer führte. Nach hinten war ein schmaler, sehr ordentlicher Garten, der an die Dünen stieß. Es wuchs Kohl darin, Johannisbeerbüsche und Studentenblumen, und eine schmale Resedarabatte duftete ins Haus hinein, unglaublich süß.

Drinnen bei Mikkelsens stand ein kleines Schiffsmodell auf dem Tassenschränkchen, das außer den guten Tassen (es waren kleine Chinesen drauf gemalt) noch eine Melone aus grünlackiertem Blech verwahrte. In dieser Melone war Tee. Einmal lud mich Frau 70 Mikkelsen zu einer Tasse ein; er war sehr blaß: »er hitzt so«, sagte sie. Aber ich glaube, der Tee, den tote Chinesen im Nirwana trinken, muß ähnlich schmecken.

Wenn die alte Frau bei den Johannisbeerbüschen am Staket Wäsche aufhing, saß Mikkelsen auf einem Bänkchen und rauchte, wobei er seine kleinen blauen Seemannsaugen auf die kümmerliche Birke heftete, an der ein Starkasten hing. An Mikkelsens rechter Hand fehlte ein Finger: das war damals, bei der Seehundjagd, gewesen . . .

In den Stuben war es blank wie in einer gutgehaltenen Kajüte. Am Fenster standen Geranien und ein paar weiße Porzellanhunde mit schwarzen Hängeohren und starren gelben Augen. »Es sind Glückshunde,« sagte Frau Mikkelsen »sie kommen aus England«. Aber ich mußte an das Märchen vom Feuerzeug denken: »Mit Augen wie Teetassen, mit Augen wie Mühlenräder« heißt es da. – Über der Kommode hing ein Bild: die »Johanna«, auf der Mikkelsen früher gefahren war; wenn man sie bewunderte, machte er ein schamhaftes Gesicht, als spräche man von einer nahen Anverwandten.

Mikkelsen war wohl leider oft betrunken, aber da er auch sonst entweder sehr schweigsam war oder 71 greulich fluchte, so ließ es sich nicht genau feststellen. Hübsch war's nach Sonnenuntergang, wenn Mikkelsen vor der Haustür Ziehharmonika spielte, und gegenüber, auf der Düne, stand die Windmühle, am Abendhimmel:

»Oll' Moder grau
Steiht alle Nacht im Dau« –

– Zuweilen kam so ein pfeifender, wimmernder Ton: »Aber Sie wissen, mein Mann, der kämpft mit Swierigkeiten, indem daß der Tommelfinger fehlt« – sagte Frau Mikkelsen, denn sie verfiel zuweilen ins Dänische.

Manchmal gab der Kapitän – aber man durfte beileibe nicht zureden, denn dann verstummte er völlig – ein Erlebnis aus früherer Zeit zum Besten; aber nur mit Grunzen und Spucken und sonstigen Begleiterscheinungen.

»Einmal«, erzählte er, »als er noch'n ganz junger Mensch gewesen, sei er mit seinem Skipper von Schottland nach Norwegen gefahren. Sie hatten einen Jungen mitgenommen aus dem schottischen Hafen, so zehn – zwölf Jahr etwa; viel getaugt hätte er nicht, und es hätt' ihn auch keiner recht verstanden, denn sie seien ja Deutsche und Dänen gewesen. Nur so das Nötigste. 72

Nun – in der einen Nacht war denn' ganz dollen Sturm mit Sturzwellen; wir hatten alle Hände zu tun mit pumpen. Und wie die letzte große Welle weg war, da war der Schiffjunge auch weg. Nu, man probierte ja, aber bei dem Seegang war nichts zu machen. Dann, so machte der Skipper 'n Kreuz auf die Seekarte, ungefähr an die Stelle, wo's passiert war.

Wie wir dann das nächste Mal in den schott'schen Hafen kamen, steht da die Mutter auf der Landungsbrücke, in großes Schaltuch gepackt, und wartet auf'n Jungen. Na, den Kapitän hat's ja en büschen gewürgt und er hat's ihr müssen sagen. Aber die Frau war ganz still und hat nicht gemuckst, nur ins Schaltuch hat sie sich ganz reinverbausert, als ob sie'n rechten Frost hätte. Denn is'r Kapitän mit ihr nach den Jung' seine Kiste gegangen und sie nahm sein Zeug mit. Und zuletzt zeigt er ihr die Seekarte, wo das Kreuz draufstand. Da hat sie zum erstenmal den Mund aufgetan und hat gefragt, ob er ihr die Karte schenken will. Na, denn schenkt er ihr die Karte. Die wickelt sie in'n Zipfel von ihr Schaltuch, daß se nicht naß wird, denn es hat so ganz fein gemieselt – und bedankt sich, und dann ging sie über die Brücke fort, und sah immer gradeaus. 73

Wie wir dann wieder mal nach Norwegen fuhren, so hatte ich eines Nachts Wache, es war so hell dämmrig, ich konnt' die Zeit auf meiner Uhr sehn. Da ruft mich der Steuermann und zeigt aufs Wasser und sagt, da bewegte sich was. Ich seh' scharf hin und da ist es wie 'ne Frau, so eingewickelt und gebückt, die geht und geht auf'n Wasser und immer so nach unten gebückt, als sucht sie was. Manchmal, dann war sie weg und dann kam sie wieder, lief ein paar Schritt und blieb stehen. Und einmal, grad im Kielwasser, richt' sie sich auf wie einer, dem's Kreuz weh tut, und sieht in die Höh' – mit so'n weißes Gesicht, und ich sah auch die Fransen am Tuch . . . Aber denn wurd' se wieder klein, und es kamen auch Wolken, denn war sie weg. Aber der Kapitän lachte uns aus am Morgen, es hätte wohl irgend 'ne Boje oder 'n Faß da herumgewippt – na, schließlich, was konnte man wissen? Als wir denn wieder nach Schottland kamen, fragt der Steuermann nach der Frau, und da sagen sie, sie ist gestorben, da hab' ich mit'n Steuermann nachgerechnet, daß sie grade in der Woche gestorben ist, daß wir den Spuk sahen. Und denn hab ich oft gedacht, ob sie wohl noch da geht und sucht? Aber der Kapitän sagte, es wär all dummes Zeug, er hielt überhaupt 74 nichts von dergleichen, und wurde fuchswild, wenn man ihm damit kam.«

So erzählte Herr Mikkelsen.

Als ich vor zwei Jahren an einem Winternachmittag die lange Brücke in Danzig entlang ging, mußte ich plötzlich an ihn denken. Es war wohl der ganze kuriose Hafenduft, so nach Teer und nassen Wolljacken – plötzlich tauchte sein rotes Gesicht mit den fidelen Äugelchen in meinen Gedanken auf.

Es war Fischmarkt. Die Laternen brannten schon und ich ging am Wasser entlang, wo die vorgebauten Stockwerke schwarze Schatten warfen. Die kuriosen Budiken, die man nur in Hafenstädten findet, luden ein, in ihre Rembrandthöhlen einzudringen. Da hingen Wolljacken, da lagen Berge von Tauwerk, armdickes und feines, geteertes und ungeteertes; alle möglichen Haken und Zangen und Bohrer klirrten an den Drähten über dem Ladentisch, und Schnapskruken standen da, welche Matrosen, und andere, welche Mohren im Pflanzerkostüm darstellten. Und auf einem Bort waren Kokosnüsse aufgereiht, mit fasrigem Haar, gräßlichen Muschelaugen und roten Flanellzungen, wie Häuptlinge aus Indianerbüchern.

Draußen am hölzernen Steg waren die Fischerboote 75 festgemacht, bis an den Rand gefüllt mit glitzernden Fischen. Aber die großen Silberlachse lagen an der Erde und die schmierigen Händler stiegen über sie weg. Der Himmel war ganz rosig, wie oft an Winterabenden, und der große Krahn vom Getreidespeicher ragte schwarz in die Luft; es roch nach Schlick und rauchiger Luft. Eine alte Frau saß wie eine Hexe in einem Schilderhaus und bewachte die Lachse. Sie hatte rote, plierige Augen und hielt eine Düte aus Ölpapier, in der ein Licht brannte, auf dem Schoß. Vor ihr, an der Erde, lagen die silbernen Ungeheuer. Die Boote rieben sich an den Pfosten, das gab immer einen quietschenden Laut, und der Laternenschein schlitterte über das Wasser. Überall war halbgeschmolzener, zertretner Schnee. Als ich dann weiterging, hörten die hohen Häuser und Speicher auf; es kam ein Holzstacket, dahinter einstöckige Häuschen in kahlen Gärten, nur Grünkohlstrünke ragten aus dem Schnee. Und vor mir, stumm und verschneit, ein paar Segelschiffe. Das eine mit einer Gallionsfigur, wie sie schon selten werden, eine Frau mit wildem Haar und nackten Brüsten – wie mochten die Wellen dran emporgeschäumt sein!

Dort, an jener Stelle, mochte auch die »Johanna« 76 gelegen haben, in dieser kleinen, verlaßnen Gartenwirtschaft ist vielleicht Herr Mikkelsen eingekehrt und hat, in Tabaksqualm gehüllt, einen gefühlvollen Seemannswalzer getanzt.

Die alten, schummrigen Häuser werden abgerissen, freundliche Plätze, versonnene Wälle, alles, was einer Stadt Zauber und Eigenart ausmacht, schwindet dahin. Und die kuriosen Menschen, die zu solchen Häusern paßten, verschwinden auch, wie gewisse Motten und Schmetterlinge, wenn das Unkraut und Unterholz allzu konsequent ausgerottet wird.

 

Unser Kinderzimmer in der Stadt hatte seine Fenster nach dem Hof, und der war ja viel interessanter als die Straße, denn es spielte sich mehr das Unbewußte, Hemdärmelige darin ab, im Gegensatz zu der Welt der Konvention. Da waren der Stall und die Waschküche, die Regentonne, auf der der Estragonessig in der Sonne zog, die Plumpe, der Hauslauch auf der Mauer und dann Leda, eine hochgeborne Engländerin mit braunem Atlasfell und langen Schlappohren, die auch öfters taufte, deren Kinder jedoch viel rücksichtsvoller behandelt wurden als Graufells kleine Niobiden. Sie waren ja auch 77 sinnbestrickend, weich und hingebend, mit dicken, erdfremden Pfoten und bläulich-wässrigen Äuglein. Sie rochen nach Heu und gaben kleine, miefende, herzbewegende Töne von sich, wenn man sie aus dem Nest hob, während große hellbraune Flöhe an ihren unschuldigen Bäuchlein herunterrieselten.

Sonntag nachmittag kamen immer zwei kleine Mädchen und besuchten das Küchenmädchen und die Näherin. Sie tranken Kaffee mit ihren Müttern und dann spielten wir zusammen. Das eine Kind war sehr schön, es hieß Bethle und hatte lange Augenwimpern, die sich zurückbogen, und tiefe Grübchen, wenn es lachte.

Unsere Köchin war eine ältere korpulente, dunkeläugige Person, die eine getollte Haube trug und überhaupt aussah, wie man sich eine Köchin denkt. Sie übte einen besonderen Reiz auf mich aus, indem sie, aus dem Paderbornschen stammend, ziemlich rabbiat-katholisch war. Auf dem Fensterbrett, neben dem Schnittlauchtopf, lag ihr Gebetbuch, das wunderschöne rotglasige Blättchen enthielt, die sich auf der warmen Hand zusammenkrullten und auf denen inbrünstige Gebete in Golddruck standen. Auch zarte Stahlstiche lagen dabei, mit Rändern aus 78 Papierspitzen: das Christkindlein von Prag, oder der heilige Ludwig von Gonzaga, ein junger schwärmerischer Priester, der seine Andacht vor einem Lilientopfe verrichtete. Dann, in einem Briefkuvert, die Photographie ihrer ersten Herrschaft, des Fräuleins von Haxthausen, mit Schmachtlocken und seidnem Krinolinenkleid, wie eine große schwarze Mohnblume, auf einem prie-Dieu.

Für mich hatte das Katholische damals etwas Gruselig-Anziehendes (wohl im Gegensatz zu Mademoiselle und le Calvin), und der Höhepunkt der Weihnachtsfreuden bestand eigentlich im Besuch der Christmesse, morgens um fünf, in Christinens Begleitung.

Das doppelte Schweigen von Nacht und Schnee lag auf Straßen und Plätzen; nur in der Nähe der katholischen Kirche wurde es lebendig. Dick vermummte Frauchen mit Wachsstock und Rosenkranz, rotnasige Schulkinder und ein paar Vincentiusschwestern in ihren schwarzen faltigen Mänteln schlüpften durch enge Seitentüren in die Kirche, was gleich dem Ganzen etwas angenehm-verschwörungsmäßiges gab. Die Kleider dieser Menschen schienen die gleichen zu sein wie vor ewigen Zeiten, und der Geruch der Kirche, dies Gemisch von Weihrauch, tröpfelndem Wachs und 79 armen ungepflegten Menschenleibern, die alten Lieder, die Krippe . . . vergilbter Himmelsstaat, Papierblumen, Flittergold und knisternde Bänder: all diese Überreste standen ja über der Zeit, über der Mode, weil so viel Zeiten und Moden darin eingeschmolzen sind. Um mich her klapperten die Rosenkränze, glühten die kleinen Wachsstöcke im Dunkeln; am Altar standen und gingen, hoben und senkten sich drei herrlich schimmernde Priester, von hinten wie riesenhafte, prächtige Skarabäen anzusehn, und dazu tönten die schönen, unverständlichen Worte der Messe rund und golden durch den blauen Weihrauch, und die raschen katholischen Choräle waren wie brausende, überstürzende Engelscharen, die sich durch die Paradiesestore hinausdrängen und stauen, und immer noch sandte die Orgelflut neue Truppen nach . . .

 

Im Frühling verdankte ich Christinen wieder andere Freuden. Ich begleitete sie auf den Markt, der dann besonders bunt und herrlich war. Die Marktfrauen thronten, rot und doppelkinnig, hinter Körben voll Gemüsen und Eiern, schöne rostfarbne Hühner saßen, nichts Böses ahnend, an der Erde, und große Sträuße Flieder und Goldlack und Narzissen machten 80 die Luft süß. Und erst die Maiblumen! Wenn man das Gesicht hineinsteckte, stand einem das Herz still vor Wonne. Aber das Niedlichste waren die kleinen, festen Vergißmeinnichtkränze; man legte sie in einen Teller mit Wasser und dann blühten sie hoch empor.

Wenn man so zurückdenkt, suchen die Gedanken sich festzuhalten an kleinen Zacken und Vorsprüngen der Erinnerung; aber hie und da ist nichts mehr und man sucht in der Luft, wie ein Räupchen sich hochreckt, um weiter zu klimmen. Und kleine Dinge tauchen auf: Bilderbücher, die jetzt leider nicht mehr zu haben sind und von so himmlisch ungezognen Kindern zu berichten wußten oder Tiere darstellten mit unbehaglich menschlichen Gesichtern; die Farbenpracht des knattrigen Rouleaus im Kinderzimmer – eine Palmengruppe an blauen Gewässern, von Paradiesvögeln und Kolibris bevölkert – dann ein rubinrotes Flakon mit goldnen Sternchen, es enthielt Lavendelgeist und erschien bei Krankheitsfällen, wie auch ein Nachtlicht mit Transparenten, Burgen am Rhein und idyllische Schweizerhäuser darstellend . . . An der Decke zitterte dann ein runder, heller Fleck, man sah hinauf, halb im Schlaf, und durch die dünne Wand des Nebenhauses hörte man den bösen Schuster Eckerle, der Nägel einklopfte. 81 Samstags war es gräßlich aufregend, da kam er betrunken nach Haus, man konnte seine heisere Stimme hören, er fluchte, er warf den Schemel nach der Frau. Es war schauderhaft, aber im Grunde doch genußreich.

Im Nebenzimmer saß dann die Lu-is, unser schwäbisches Mädchen, und strickte. Es war da ein brauner Kachelofen mit einer Röhre, die sich wie ein Lindwurm an der Decke wand. Im Ofenloch stand Kaffee. So um halb zehn kam die Schwester von der Lu-is, die an einen Droschkenkutscher verheiratet war, und klagte ihr Leid in durchdringenden Flüstertönen. Dann tranken sie aus der Kanne und aßen Hutzelbrot; ich hörte wie die Lu-is es aus ihrer Kommode holte, wo es bei dem Gesangbuch und den Aussteuerhemden lag. Die Lu-is gehörte zu irgendeiner stillen württembergischen Sekte. Wenn sie ein neues Kleid bekam, trug sie's zuerst zur Kirche, sonst wär' kein Segen dabei gewesen; und wenn sie zum Abendmahl ging, wanderte sie erst durchs ganze Haus und bat jeden um Verzeihung für unwissentliche Kränkung. Später heiratete sie ihren Schatz, einen Unteroffizier, welcher aussah wie der standhafte Zinnsoldat, bekam jedes Jahr ein Kind und wurde schwindsüchtig. Sie hatte große, düstre Augen und dichte schwarze 82 Augenwimpern, auch am unteren Lid, sodaß ihr blasses Gesicht aussah, als hätte es Halbtrauer, und schöne bläuliche Zähne, wie man sie oft bei Schwindsuchtskandidaten findet. Eine, um deretwillen man an das Bibelwort glauben möchte: die letzten werden die ersten sein.

 

Unsrer Schweizer Mademoiselle folgte eine Französin mit sehr dünner Taille und zusammengewachsenen Augenbrauen. Sie verwahrte in einem Kästchen ein von der Pariser Belagerung herstammendes Stück Brot, das wohl hauptsächlich aus Kalk und Kornhülsen bestand, eine Reliquie, die mich sehr peinigte und viel dazu beigetragen hat, daß ich mich für den Krieg nie recht habe begeistern können.

Morgens erschien Mademoiselle zunächst in einem ziemlich mangelhaften Negligee; »un déshabillé galant« wäre kaum die rechte Bezeichnung dafür gewesen. Aber nach dem Kaffee machte sie sich an den Aufbau ihrer Tagesfrisur, und während ihr Haarschöpfchen, Dank allerhand Fremdkörpern, zu einem wahren Termitenbau anwuchs, las ich ihr die französische Zeitung vor und hörte sie, voller Mitgefühl, über Elsaß-Lothringen seufzen. Nach ihr tauchte eine Engländerin an meinem Erziehungshimmel auf. Sie 83 plagte mich zwar auch mit antipathischen Gedichten, die von Primeln und Lerchen und sterbenden Kindern handelten; auch hing ein Bild über ihrem Schreibtisch, das ich nur mit der größten Aversion betrachten konnte: Felix Mendelssohn vor der Königin und dem Prinzgemahl am Flügel phantasierend; – aber im Ganzen war gut mit ihr auskommen, denn sie hatte einen Verlobten, ein junger Mann, der wegen geheimnisvoller Freveltaten nach Nova Scotia ausgewandert war, und verbrachte ihre Zeit mit endlosen Briefen an ihn und der Anfertigung gestickter Westen; so war sie immer vollauf beschäftigt.

Meine eigentlichen Studien leitete Herr Körnchen, ein blonder Teutone, der Winters Wachstuchmanschetten trug, die mit Hasenfell gefüttert waren. Herr Körnchen sollte vor allem mir die Rechenkunst näher bringen. Er versuchte diese keineswegs fröhliche Wissenschaft angenehm-anekdotenhaft einzukleiden; erfand ganze Romane, Erbschaftsteilungen mit Streitigkeiten, Rechnungen an verschwenderische junge Männer über »feinen Bordeaux« und »ächte Havannas«, mit angehäuften Zinsen. Ich vertrug mich sehr gut mit Herrn Körnchen, er ließ sich so herrlich ablenken. 84

Herr Körnchen hatte eine Braut. Er mußte mir von ihr, ihrer Familie, ihrer Wohnung in einer winzigen schwäbischen Stadt erzählen, es klang alles bezaubernd. Auch rechneten wir die Kosten seines künftigen Haushalts zusammen, und es kam mir alles ganz fürstlich vor. Doch dann wurde er in eine andre Stadt versetzt, und so ist mir auch das Mysterium der einfachen Brüche – von den doppelten ganz zu schweigen – zu dessen Klärung wir gerade schreiten wollten, bis zum heutigen Tage ein solches geblieben.

 

Ich bin im August geboren, wie die Grillen am lautesten sangen – aber meine Schwester feierte Winters, also in der Stadtwohnung, ihren Geburtstag.

Früh schon – wir waren kaum angezogen, erschienen die Söhne des Sekretärs, Wilhelm, Otto und Helmuth, mit einem Primeltopf; Wilhelm und Otto in grünlichen Joppen, Helmuth aber schottisch karriert und noch geschlechtlos; (Der Sekretär – ein früherer Zahlmeister – war ein äußerst patriotischer Mann; als Wilhelm, Otto und Helmuth noch, jungen Seehunden frappant ähnlich, im Korbwagen saßen, den bewußten fürchterlichen Gummipfropfen im Munde, schmückten bereits Dragonermützen ihre haarlosen 85 Köpfe.) Nachdem sie den Primeltopf losgeworden, erhielten sie ein großes Stück Kaffeekuchen, einem E. aus Butterteig, denn die Torte wurde erst am Nachmittag geschlachtet. Hierzu waren unsere Freundinnen geladen; sie brachten Hyazinthentöpfe, Falzbeine und Papeterien, man stand ziemlich hölzern herum und dann gab es zunächst Schokolade. Das eine Jahr kamen ein paar furchtbare Kinder zufällig dazu, deren Eltern die unsren auf der Durchreise besuchten. Nicht nur aßen sie mit Wohlbehagen ein paar uralte Marzipanatrappen und eine Schokoladenuhr auf, die seit Jahren in unserem Nippesschränkchen schimmelte, sondern sie stritten sich um die gräßliche Milchhaut, die auf dem Milchtopf zitterte. Das war für uns etwas ganz Unerhörtes. Papa wurde grün, wenn er Milchhaut nur sah; Mama reiste nie ohne ein silbernes Siebchen, und ich teilte die Menschen eigentlich nur ein in solche, die Haut aßen, und solche, denen davor grauste.

Nachher wurde Verstecken gespielt und Plumpsack geht rum, und dann, zum Abkühlen, Hammer und Glocke, mit Gewinnsten, wozu Wilhelm, Otto und Helmuth wieder auftauchten. Schließlich erschien die Torte mit Himbeerwasser. Otto konnte wunderschöne Mäuse aus seinem Taschentuch machen, sonst waren 86 es aber stieflige Jungens, die schrecklich nach grüner Seife rochen; während des Lottospiels schnieften sie unentwegt, anstatt sich ihrer Taschentücher zu bedienen, was Miß als »a dirty German trick« bezeichnete. Aber Mama sagte, Helmuth sei doch sehr lieb, trotz seines Geschnuffels, und mit seinen Ohren säh er aus wie ein kleiner fideler Henkelpott und überhaupt sei er ein guter Junge.

*

Zuweilen durften wir ins Theater. Es war alles abonniert, so daß zunächst ein allgemeines Nicken und Grüßen, wie bei einer Landpartie, stattfand. Überall in den Logen saßen bekannte alte Damen mit vergilbten Hermelinkragen und weißen Glacéhandschuhen, die an den Fingerspitzen nicht recht an waren. Da war eine, mit einem Maria-Theresiagesicht. Sie war furchtbar fromm und ging jeden Sommer nach Bad Boll. Aber sie konnte so himmlisch spannende Andeutungen über Kaspar Hauser machen. Nur, mit einem Mal, knipste sie dann die Lippen zusammen und sah aus wie ein Steinbild mit der Inschrift: »Sie konnte schweigen.« Das war grausam.

In den Zwischenakten wanderte ein Logendiener, der eine Perücke trug wie aus poliertem Mahagoni, 87 mit zweifarbigem Eis herum, Vanille und Himbeer, welch letzteres in der Farbe an Zahntinktur erinnerte. Wir sandten flehende Blicke zu Mama. Papa zuckte die Achseln. »Wenn Du die Kinder durchaus vergiften willst« – Wir bekamen eine Portion zu zweit, aßen sie langsam, mit Wonneschauern zwischen den Schulterblättern. Dabei paßten wir auf, wenn das Licht im Souffleurkasten wieder angezündet würde; denn den Kopf der Souffleuse, eines alten, dürren Fräuleins, zu erblicken, wenn auch nur sekundenlang, war ein besonders ersehnter Moment. Ebenso aufregend aber, wenn die Harfenistin im Orchester beschäftigt war, was leider selten vorkam. Auch sie war dürr und ältlich und trug eine riesenhafte Kameobrosche; in den Zwischenakten machte sie kleine Versuchsgriffe und Läufe, als ob Mäuse durch die Saiten liefen.

Die Zauberflöte ist die erste Oper, in die ich mitgenommen wurde, und meine Schwärmerei für die Königin der Nacht war fast schmerzhaft, so daß es mich eigentlich empörte, als im Fasching unsre Mädchen sich anmaßten, in der Kleidung meines Idols, schwarzem Tarlatan mit Goldsternen, zum kostümierten Ball zu gehn.

So schön das Theatergehn übrigens war, so hatte 88 es doch den Nachteil, daß einem vorher den ganzen Tag übel war vor Aufregung und dann bei der Rückkehr in die Wirklichkeit alles so entsetzlich fad und abgestanden erschien. Wie niederdrückend war es z. B., daß Papa so gar nicht aussah wie der Graf Luna. Und nun sollte man auch noch Schinkenmakkaroni essen und brachte doch absolut nichts herunter. Es war wie Weltekel. Aber dann gab es Belladonna – oder war es Pulsatilla? – drei Tropfen, zur Beruhigung, vor dem Einschlafen.

 

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