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Der kleine Tod

Irene Forbes-Mosse: Der kleine Tod - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer kleine Tod
authorIrene Forbes-Mosse
year1912
firstpub1912
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDer kleine Tod
pages221
created20170910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

Wenn wir krank sind und schlaflos, wachen die alten Winkel auf und sagen »Weißt du noch?« Dunkle Haselgänge ganz am Ende des Gartens, wo es schön multrig roch nach faulenden Blättern und die Amseln durch die Sträucher schlüpften; oder verschwiegene Gartentreppchen – Staffeln nannte man's dort – an denen entlang Büsche standen mit weißen Beeren, die ein bißchen knallten, wenn man drauftrat. Es krochen so schreckliche braune Rostschnecken über den Weg, man dachte sich aus, wenn man nun eine essen müßte, um jemanden von der Guillotine zu erretten . . . könnte man das? Und dann wieder in der Stadt: Die langweilige Straße, wo's immer sonnig war und so viel alte Hofdamen und die pensionierte Oberhofjägermeisterswitwe wohnten. In jener Straße florierten die Damenkaffees, dann roch es schon auf der Treppe nach lavande ambrée, zischend auf glühender Schaufel. An solchen Nachmittagen wurde man nicht angenommen. »Exzellenz bedauern, 22 sie haben Kranz« – sagte das Mädchen. Ach, wenn man mit Papa ging, kam immer irgend ein andrer älterer Herr und dann standen sie, so recht in der prallen Sonne, hielten einander bei den Rockaufschlägen, und der eine sagte »Verehrtester« und der andre »mein Gönner« – das klang so antipathisch.

Manchmal ging man auch durch bescheidenere Straßen. Es waren die ersten warmen Tage; vor den Türen saßen nette, dicke Hunde und schnappten nach Fliegen; damals trugen die Hunde keine Maulkörbe. Oben im ersten Stock (aber die meisten Häuser hatten nur einen) stand ein Fenster offen; es wurde eine Sonate geübt, oder auch vierhändig, eine Ouvertüre, aber immer war's etwas Klassisches: Man hörte nur ein paar Takte, im Vorbeigehn; aber sie durchtränkten die ganze Straße mit ihrer klaren Andantestimmung; freilich lechzte man damals mehr nach Chopins Weltschmerz, und auch »der letzte Gedanke eines Wahnsinnigen«, wenn ihn Fräulein Gabrilowski am Schlusse der Stunde, zur Belohnung, spielte, war so himmlisch herzzerreißend.

Wenn man dann nach Hause kam, war's am allerschönsten, auf dem Fensterschränkchen zu sitzen, die Arme um die Knie geschlungen, und hinüber nach den 23 Dächern zu sehen, wo ab und zu eine Katze spazierte. Der Himmel mit goldgrauen Wölkchen gefleckt, wie die flaumige Brust einer zauberhaften Ente; vom Hof kam der Geruch von Kaffee und der Pumpschwengel ging . . .

So Ende Februar mochte es sein, in der Luft war etwas Feuchtes, Verheißendes; eigentlich fühlte man sich gräßlich unglücklich. Ja, so gegen Ende Februar. Die Zeit, wenn die Schneeglöckchen unter der Erde anfangen, rebellisch zu werden.

Nach solchen Bildern und Winkeln suche ich oft in meinen Gedanken, wie nach einer Schulter, um den Kopf hineinzudrücken.

 

2

Die Heiden daheim, mit riesenhaften Kiefern, und der gelbe zehrende Abend dahinter: wenn kein einziger Mensch mehr lebte, ihrer inne zu werden, stünden sie immer noch so, schwarz im Gold, mit rotglühenden, sehnsüchtigen Stämmen, wie auf Erlösung wartend? Oh wir brauchen sie, unsre Augen hungern ja so viel, und sie brauchen uns nicht. Oder doch? Manchmal 24 ist's, als reiche etwas von ihnen hinaus zu uns, gäbe ein Zeichen.

Wie auch Musik. Das hat gerauscht und gebraust, und Nachtigallen haben sich totgesungen viel tausend Jahre lang. Dann haben die Menschen mit ihren Kehlen und klopfenden Pulsen, mit Rohr und Saiten etwas Neues gemacht. Aber nährt es sie nun, oder zieht es sie ein in seinen goldnen Rachen? Haben sie alle an einem Zauberkind geschaffen, und das sitzt nun außerhalb, riesenhaft und einsam und spricht: »Ich bin ein Rätsel geworden, in mir brennt es, ach wer löscht meinen Durst, daß ich nicht verdürste?«

 

3

Wenn du ein grünes Blatt gegen die Sonne hältst, siehst du die zarten Äderchen, durch die doch des ganzen Baumes, des ganzen Waldes Lust und Leben geflossen ist. Und du denkst an die winzigen Pflanzen, die der Wind ausgesät hat, wie sie zwischen Farren und Weidenröschen und dem wilden gelben Löwenmaul stehn, wo die Sonne brütet und die Hummeln in den Distelköpfen 25 einduseln . . . aber fern tönt der Axtschlag, wo die Riesen gefällt werden.

Oder du siehst sie, wie sie dann zu Wäldern wurden, in denen immer, ob Frühling oder Herbst, der Boden rostbraun ist vom Laub des Vorjahres. Oben säuseln die Kronen; es wird so dunkel, wenn eine Wolke vorbeizieht, aber dann kommt die Sonne wieder, schräg und duftig, und die Stämme leuchten auf, silbern und fremd. Es müßten Hexen zwischen ihnen hergehn, schöne, unselige Hexen, mit schönen, schlimmen Blumen in den Armen, Nachtschatten und Hellebore und Fingerhut.

Es war in Rom, in der Anstalt, wo die alten kostbaren Wandteppiche ausgebessert werden. Da saßen Mädchen, anmutig und welk, und lächelten, wenn man sie anredete, das kam und ging auch wie die Sonnenlichter im Wald.

Und sie woben falbe Herbstfarben in den Teppich, o, sie verglichen die Stränge wohl zwanzigmal, eh sie ein Fädchen wählten. An einem tiefen, horchenden Wald arbeiteten die leichten Hände. Quellen rieselten dort, Rehe standen sprungbereit, auf bebenden Füßchen. Kleine Jäger, mit Hifthorn und Hunden, ritten in der Ferne, immer kleiner, wo das Gebell immer leiser wurde. 26

Aber die armen Kinder, die Fädchen an Fädchen reihten, hatten niemals Eichenwipfel rauschen sehn, kannten all das grüne Gedämmer nur mit den Augen der Einbildung.

 

4

Es soll ein Bilderbuch werden. Ja, wer wird es ansehn? Mag's zu meiner eignen Kurzweil geschehn. Ich will es malen, so gut ich kann. Worte sind auch Blumen, bescheidne oder prächtige, und Vogelfederchen, weichgetönte, die die kleine Brust erwärmen, oder starke, feingebogne, die durch die Luft schneiden. Sie kommen ganz willig, noch ehe man ruft. Ja oft mein' ich, aus dem Wort wird der Gedanken erst geboren. Denn solch ein Wort klopft an hundert Türen der Erinnerung und hinter jeder schläft eine verzauberte Braut . . . Und wenn ich Rose sage, da denke ich erst an eine runde rote Rose mit einem grünen Blatt und dornigen Stiel, die in meinem ersten Lesebuche den Buchstaben R bei mir einführte; aber es sind noch andre Rosen, die werden ein bißchen später wach und geben dieser Rose erst 27 Schimmer und Duft . . . da sind auch Rosenkäfer, satt und verschlafen, und große Wassertropfen in den Rosen, wenn es aufgehört hat zu regnen, und Rosenfrüchte leuchten an bereiften Büschen, morgens im Herbst, wenn die Wiesen ganz silbern sind. Kleine, ordentliche Gärten im Norden schieben sich vor, wo alte Schiffskapitäne herumgehn, mit Bast in den Taschen, stützend und bindend, wo jeder Rosenstock, den heiligen Aposteln gleich, eine besondre Verehrung genießt, und das Reseda in leidenschaftlicher Demut zu ihnen emporduftet . . .

Und dann ist's wieder die lässige Rosenpracht grauer toskanischer Mauern, wo der Schatten der Oliven auf dem hellen Pflaster zuckt und zittert, und der Überfluß niederträuft, und man dazwischen aufsteigt, der Schönheit so gewohnt wie der Luft, die man atmet.

Darum, meine ich, schenkt das Wort reicher als das Bild. Denn das Bild zieht an sich, will uns nicht loslassen, will, daß wir in ihm wohnen bleiben; aber das Wort weist hinaus auf andre Wege und führt jeden dahin, wo es ihm gefällt. 28

 

Vallombrosa

Die jungen Forsteleven klimperten auf ihren Gitarren. Sie saßen dort auf dem Mäuerchen, beim schmiedeeisernen Tor des alten Klosters, wo die Forstschule untergebracht ist.

Dann, unmerklich, gaben sie sich ein Zeichen und setzten zusammen ein: die aufziehende Wache. Erst leise, dann anschwellend, ganz laut und wieder verklingend. Die Kameraden standen um sie her, aneinandergelehnt, feine junge Menschen, ungewollt graziös, wie hübsche, aufmerksame Tiere. Ein paar Kinderchen liefen herum und die Offiziere ließen sie tanzen. Dann tanzten die Kinder auch mit den gutmütigen Jagdhunden, die sie bei den Vorderpfoten faßten.

Plötzlich hob ein Offizier ein kleines süßes Ding in verwaschnem Rosakleidchen hoch, reichte es mir hin und sagte zu ihm: Gib der Dame einen Kuß, mach ihr »cara cara«. Die aufziehende Wache wurde noch einmal gespielt, leise erst, dann immer lauter; ich saß auf dem Mäuerchen, konnte mich nicht regen. Das kleine Mädchen hatte die braungebrannten Ärmchen um meinen Hals gelegt; ich fühlte sein kleines schlagendes Herz, sein warmes, durchsonntes Körperchen. 29

 

Die große Buche mitten im Weg: ganz hohl; zwei Menschen könnten in ihr aufrecht stehn wie in einem Schilderhaus. Die Krone ist noch grün; aber das meiste an ihr ist hohler, verwitterter Stamm. Darum wird sie nur wenig Geld bringen. Und ist doch gezeichnet: diesen Winter muß sie fallen. So alt. Wie lange schon steht sie hier, ernsthaft geduldig im lastenden Schnee, im ersten zitternden Frühlingshauch erwachend, grüngolden, säuselnd im Sommer; und dann im Herbst, rostbraun, mit sinkenden Blättern. Man könnte sie wohl Alters sterben lassen; die Walderde gäbe ihr ein mildes Gnadenbrot, der Wind streichelte leise den letzten Seufzer aus ihrem Wipfel. Mir ist der Weg verleidet, seit ich weiß, daß diese Hinrichtung bevorsteht.

 

Der tote Vogel lag vor meinen Füßen; dort auf dem Bergkamm, wo der Buchenwald nieder und zerzaust ist, von tausend Schafen alljährlich zu Gestrüpp zernagt. Im kurzen Gras lag er zwischen den winzigen rosa Immortellen, von Grillen umzirpt, unter dem hohen, hohen Himmel.

Ich blies die Federchen auseinander. Auf der Brust war kein Blut; nur ein wenig am Schnabel; 30 die Augen von einem feinen bläulichen Häutchen verschlossen.

Brach ihm das Herz dort oben, singend, lichtberauscht? So hoch, so fern von allen, daß keiner ihn mehr hören konnte, ein unsichtbares Pünktchen reinster Seligkeit?

 

In der Nacht hörte ich die Eule rufen, dort auf dem Dach der Forstschule: tuht – tuht – in die kühle Nacht hinem. Von der Wiese kam frischer, feuchter Duft, und ein Ton von tausend Grillen, zu einem zitternden Faden gesponnen.

Und ich wünschte mir so sehr, ein Eulenkind zu sein, und meinen kleinen Philosophenschnabel in die Federbrust der alten Eule zu stecken, die weich und silbrig und braungefleckt, mit großen, verschleierten Augen hinausstarrt in den Sternendunst dort oben bei der Turmuhr, der sie ähnlich sieht.

 

Der Wind wurde müde; die Hörner sind verklungen, die Tanzenden sind wieder zu Quellen und Bäumen geworden.

In der Lichtung, am Rande des Teiches, blieb die Göttin allein. Nun tanzt sie mit ihrem Spiegelbild, 31 langsam, sehnsuchtsvoll, und ihre Augen blicken aus der Tiefe zurück, groß und klagend. Sie strecken einander die Hände zu: wie oft noch wirst du mich ansehn? Denn die Wälder werden licht, die Axt hallt, wo es sonst säuselte und dunkel war. Und meine kleinen Altäre: wer gedenkt noch ihrer? Brombeergewirr verhüllt sie, Ziegen klettern an ihnen empor. Und sie weiß, sie wird von der Erde gehn, und wird nicht um sie kämpfen: eine Königin, die in ein größres Reich hinüberzieht.

Aber aus dem dunklen Feld des Nachthimmels wird sie Pfeile hinunterschießen, über silberne Wiesen und tote Flußbetten, und zwischen die seidigen Stämme hinab, die aus dem Samen wuchsen, der aus ihren Locken stäubte, wenn sie, lachend und wild, durchs Unterholz brach und innehielt und leiser auftrat vor der säugenden Hirschkuh, sie, die in bittrer Freiheitslust ihre Brust nur dem Winde preisgab.

 

Ich habe im Golde gesessen: bis an die Ohren. Das klingt wie Tausend und Eine Nacht, wie die Geschichte vom Mißgünstigen, der in der Schatzkammer verhungern mußte, oder vom Habgierigen, der erstickte in der immer steigenden Goldflut. 32

Es war aber nur der Ginster, der jetzt in Blüte steht, das Gold, das an jedem Berghang niederrieselt, und so berauschend duftet wie nur daheim die gelben Lupinen.

Ich mußte an das andre, das harte Gold denken, und davon ließe sich viel sagen, von dem ich nichts weiß. Aber ich träume mir mancherlei zusammen: von den Adern im Erdenleib, wo das Grubenlicht huscht und zittert, und von noch tieferen Höhlen, wo sich blaue Dünste durch alle Fugen winden; wo derselbe schwarze Tropfen seit tausend Jahren ins schwarze Gewässer fällt: wie tief ist's, wohin dehnt es sich aus, wohin reichen seine kalten Finger?

Und an enge Winkel im Judenviertel alter, brauner Städte habe ich gedacht: der grauhaarige Wechsler in Mütze und Kaftan sitzt vorgebeugt hinter dem Zahltisch, mit wachen Augen unter schläfrigen Lidern. Vor ihm das Öllämpchen und die Wage, in der die Ringe und Patenlöffel klirren. Und hinter ihm, wie zarter, milchiger Bernstein, ein feiner, spähender Kopf im gefranzten Turban, der einen Schatten wirft auf die Wand und wie eine Schlange zurückzuckt, wenn das heisere Glöckchen an der Türe zittert: Jessika, die schöne, gehütete Tochter, deren Kleider nach Nelken duften und nach Sandelholz. 33

Und das Gold geht von Hand zu Hand. Aber verschwiegen liegt es, vergessen, wo es in Heldengräbern schläft: Ketten und Spangen, Brustschilder mit glänzenden Buckeln, die des Königs Mantel zusammenhielten, wenn er Recht sprach am weißen, traurigen Strand; Reifen aus brüchigem Blattwerk, das sich um der Priesterin Stirne legte, über ihre graden, grausamen Brauen. Nardenbüchschen mit Widderköpfen, feine Garnwickel . . . alles so vertraulich der Erde, den krümelnden Knochen beigemengt, die es überdauert, nachdem es ihnen gedient hat zu Nutzen und Schmuck.

Bis das Verborgne aus der Ruhe geschreckt wird, und die Sonne mit den Lebendigen das Gold der Toten zählt.

 

Da ist der alte Fischweiher voll Wasser und Schlamm und unzähligen Kröten. Steinerne Pfeiler um ihn her, mooszerfressen mit grauen und orangefarbnen Flecken, krummgebeugt von Alterslast und dem Druck der vielen, die sich an sie lehnten. Die Steinquadern grasdurchwachsen, geborsten, und unter ihnen, in Fugen und Ritzen, hocken die Kröten. Mit goldnen Augen, mit Warzen bedeckt, gedankenvoll und ohne 34 Menschenfurcht. Sie lassen sich leicht greifen, bleiben auf der Hand sitzen und quaken einem in unverständlicher Mitteilsamkeit allerhand vor, abends begegnet man ihnen in der großen Allee, zwei und zwei, bedächtig und zielbewußt, auf dem Wege nach dem Sumpf weiter unten, wo sie ihre weltliche Verwandtschaft besuchen: denn sie sind Klosterkröten.

Aber in der Mitte des Weihers wohnt ihr Abt. Er steigt nur selten empor, und seine Stimme übertönt alle andern. Man sieht ein Maul wie eine offne Reisetasche, einen aufgeblähten Hals; er predigt, die andern schweigen. Groß ist er und einsam; am Ufer läßt er sich nicht blicken . . .

 

Eine kleine finstre Mühle steht dicht beim Weiher. Dort sitzt ein halbblöder Mann und dreht im Zwielicht eine primitive Handmühle, die die Kleie vom Mehl scheidet. Es ist immer halbdunkel dort, denn die Tannen stehen von drei Seiten, und das Tageslicht kommt nur verstohlen herein. Ein Treppchen führt auf den Mehlboden; dort stehen die vollen, stäubenden Säcke, dort schläft der Alte. Über dem Bett, an der Holzwand, hängt ein kleines Heiligenbild und ein vertrockneter Zweig; durch eine Ritze zwängt sich ein 35 Sonnenstrahl und zaubert Goldstaub aus dem Gebälk.

Das Bettgestell ist aus bunt bemaltem Eisen, schöne GenueserArbeit, Hymens Fackeln am Kopfende, die schwungvoll geformt sind und einmal vergoldet waren.

 

Wenn hier die Leute erzählen, das ist wie an der See: jedes Kapitel beginnt oder endet mit einem Todesfall. Dort verunglücken die Männer beim Fischfang, hier werden sie vom Wetter erschlagen oder kommen beim Holzfällen um. Es wird einem ruhig, ohne Nachdruck davon berichtet, wie von Naturereignissen. Man hört es an wie etwas, das vor langer Zeit geschah, weil es in seiner einfachen Unabänderlichkeit etwas Fernes, Maßvolles bekommen hat, gleich dem halbverwischten Gram auf uralten Grabreliefs. Es sind schneidende Akzente da, aber sie wirken wie Rhythmus durch die Wiederholung.

 

Ich ging den Weg, den ich schon oft gegangen bin. Erst durch Tannen, dann durch dämmernden Buchwald, und immer höher, dorthin, wo ich den Himmel durchleuchten sah. Schließlich kam noch ein 36 Labyrinth von Buchengestrüpp und dann tat sich's auf und ich stand am Waldrand auf dem freien, langgestreckten Bergkamm, vor mir seine Hänge, hinunter in weite Mulden und jenseits wieder empor. Alles baumlos und kahl, nur das niedre, zernagte Gebüsch. Aber die Erde war bedeckt mit einem Fell von kurzem glatten Gras, runden Thymiankissen und winzigen Immortellen.

Ein paar Schutzhütten lagen da, aus Steinen gehäuft, mit flachen Steinen gedeckt; daneben ruhten große, dickwollige Schafe. Es war heiß in der Sonne, aber die Luft ging so frei und rein. Zwei Hirtenbuben kamen schreiend, in großen Sätzen, und hetzten zwei Schafböcke aufeinander, daß die harten Schädel dröhnten. Die Buben waren zerlumpt, braungebrannt und mager, mit schneeweißen Zähnen; hätten sie selber Ziegenfüße gehabt, sie hätten nicht toller springen können. Sie hockten sich zu mir ins Gras und erzählten ganz zutunlich von daheim, vom Käsemachen, von ihren kleinen Brüdern, die nächstes Jahr mit heraufkommen sollten. Über uns, unsichtbar, quirilierten die Lerchen. Da sagte der eine voll Wonne, wie gut sie seien, wenn sie die Mamma brät, in der padella, mit einem Blättchen Salbei . . . was sollte 37 man dem kleinen Menschenfresser predigen, der sonst wohl das ganze Jahr kein Fleisch zu riechen bekommt?

In dem heißen Thymian schrillten die Grillen. Wenn man ganz reglos sitzt, kaum atmet, kommen sie aus ihren Löchern heraus; jede sitzt auf ihrer Schwelle in der Sonne und wetzt die Flügel, so entsteht das Gezirp. In jeder Höhle wohnt immer nur eine, jede ist Solistin und zirpt, ohne sich um die andern zu kümmern. Nicht wie die Zikaden, die zusammen einsetzen und zusammen aufhören, als ob ein Kapellmeister das Zeichen gäbe. Die Grillen sind fette, schöngestriegelte Tierchen, Eremiten, die etwas auf sich geben, keine Anachoreten . . .

 

Die Tannenwälder sind hier sehr alt und sehr düster. Es fehlt das Moos, die Pilze, die Beeren, all das Koboldzeug deutscher Wälder, der Kleinkram, der wie ein Wald für sich ist. Aber die Buchen brauchen nichts: ihre seidigen Stämme, ihre Kronen, Schatten und Lichter – das genügt zur Zauberei. Am schönsten, wo sie spärlich stehn, rein und unbeengt auf rotfalbem Grund. Da ist Duft und Durchblick und andre Bäume weiter ab, ein Echo der selben schönen Verästung. 38 Und die Sonnenflecken am Boden, wie Triangelgekling zwischen großen, hallenden Akkorden.

Manchmal aber, wo die jungen seidigen Stämme dicht stehn, ist ein Durchblick – wie ein silbrigdämmernder Gang . . . etwas, das zieht und saugt, als sei des Rätsels Lösung ganz am Ende.

 

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