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Der kleine Tod

Irene Forbes-Mosse: Der kleine Tod - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer kleine Tod
authorIrene Forbes-Mosse
year1912
firstpub1912
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleDer kleine Tod
pages221
created20170910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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25

Heute schickte mir Jorinde eine Menge deutscher Kalender. Es waren Schlösser und Orangerien und Wallgräben abgebildet, aus alten versonnenen Städtchen, wo wir miteinander herumgewandert sind; Kirchen, deren Türme und Türmer ich kenne, wo ich den Kopf durch die Luken gesteckt habe, und unter mir die Baumkronen waren wie runde Kissen, auf denen man barfuß hätte gehn mögen, und die weißen Landstraßen flimmerten im Staub, als sollten Frau Blaubarts Brüder angesprengt kommen: aber fern am Himmel, hinter gepflügten Äckern, standen Schornsteine, lange bläuliche Striche, in der Luft . . .

*

Gotik – versteinerte Märchen. Dies Schwelgen in Drachen und Teufeln und Folterqual; dazwischen Lilien und Rosen wie weltfremde Güte. Es sind dieselben Dinge, von denen einst die alten Kindermuhmen erzählten: daß die Kleinen im Holz zusammenschraken, wenn ein Reh durch's Reisig trat. Nun ist das alles in Stein gebannt, in schmale Höhlen und Nischen hinein. Die Sonne, der Luftzug, der linde 165 Harzgeruch fehlen. Drum ist's so bedrückend, auch in seinem Humor. Jede Säule, jeder Schnörkel wie ein Hinterhalt. Sie müssen sich ordentlich zusammenkrümmen, all die Heiligen und Löwen und Ungeheuer, darum hat man bisweilen solch ängstliches Gefühl wie als Kind, wenn man träumte, es säße ein Bär unter dem Sofatisch. Aber die Bürger damals mußten sich auch zusammendrücken hinter ihren Wällen, in ihren hohen, engbrüstigen Giebelhäusern; denn der Himmel ist nun einmal der einzige Ausweg, wenn auf Erden kein Platz ist.

Schnee gehört dazu. Die Steinbilder müssen weiß angeweht sein auf der Windseite; auf jedem ihrer Schilderhäuschen liegt dann ein dicker, glitzernder Tupfen. Ein Winternachmittag, wenn's eben zum Abend geht, alles so blaßrosig und ein wenig Rauch in der Luft, und kleine Jungens, die nach Hause trollen. In der Kirche brennen Lichter, daß die Drachen und steinernen Rosen lebendig werden im Spiel der Schatten, und der Lehrer übt die Choräle für den folgenden Tag.

Ein Jammer, daß die engen Straßen und die kleinen, versonnenen Plätze mehr und mehr zerstört werden, sie, die zu den Domen und Kirchen gehören wie 166 zum Auge Braue und Wimper; denn sie sind ja eigentlich ihrer Höfe und Kreuzgänge menschliche Fortsetzung. Auch die kleinen Buden, zwischen die Pfeiler geklebt, hätte man schonen sollen; dann behielt solch alter, finstrer Herr seinen eignen Ausdruck, halb Schutzgeist, halb Inquisitor, an den die Leute von Kind auf gewöhnt sind, so daß sie ihm sogar kleine Possen spielen, was ein bißchen in der Herzgrube spannt, weil man nie recht weiß, ob er schläft oder plötzlich zuschnappen wird: ein alter, brummiger Riese Gripsgraps, der im Grunde das arme Gelichter seiner Wege gehen läßt; nur viel fragen darf man nicht, und aller Zauberei und Hexenwesens muß man sich enthalten, denn das ist sein höchsteignes Privileg.

Unter dem düstern Torbogen, der zu solchem Platze führt, hing das Haupt des edlen Falada, vom Schinderknecht dort festgenagelt. Das Marienkind, das in die verbotne Kammer ging und stumm ward, bis es auf dem Holzstoß, in seiner höchsten Not, der Mutter Gottes seine Schuld gestand; Andersens »Rote Schuhe«, das Mädchen, das immer tanzen muß bis in die Kirche hinein, wo die Bilder der Prediger mit großen Tellerkrausen sie böse ansehn und mit den Köpfen 167 wackeln, die Geschichte vom schönen Annerl und braven Kasperl, Gretchens Verhängnis . . . all das spielt sich auf solchen hallenden Plätzen ab, hinter denen sich Gassen und Gäßchen und grasbewachsene Höfe winden und zusammenziehn, das Netzwerk der großen, starren Spinne, die nach bleichen, schlaflosen Zweiflern, nach jungen, heißblütigen Hexen die Finger ausstreckt. Denn in all diesen Geschichten steht der Henker und wartet, die Hand am Beil.

Wie wird einem wohl, wenn man eine Seite umschlägt und aus dem Mittelalter ins helle achtzehnte Jahrhundert tritt. Irgend ein freundlicher Platz tut sich auf, mit flachgeschnittnem Ahorn bepflanzt, von zierlich behäbigen Häusern umstanden. In der Mitte das bescheidene Denkmal irgend eines naturfreundlichen Dichters oder menschenfreundlichen Naturforschers. Gartenmauern und Pappelgeflüster. Man denkt an Hölty, der früh starb, oder an Linné, der sehr alt wurde. Aber auch weltfremde Mathematiker dürften hier wohnen, und Voltaires Geist, der so schneidend über menschliche Dummheit gelacht hat, könnte hier, dürrbeinig und spöttisch und blaß, an linden Tagen umgehn . . . 168

 

26

Viareggio

Vormittags am kleinen Schiffsdock. Zimmerleute, Balken und Teer; kleine verlumpte Knaben mit so wunderschönen Füßchen, die nie ein Schuh verunglimpft hat. Solch süßes kleines Knabengenick ist wohl schon das reizendste auf Erden. Aber es müssen schmale, schöngebaute Köpfchen sein, mit fest anliegenden Ohren, wie sie hierzuland von jeder Mutter Arm blicken. Und zwischen den Genicksehnen ein kleiner, kleiner Haarschniepel, grad genug, daß man dran zupfen kann.

Es war heiß am Dock. Zwei aufgerichtete Schiffsgerippe schwitzten Harz in der Sonne. Weiter unten, am Kanal, lagen die Schiffe auf der Seite, wie große hilflose Tiere: es wurde Werg in ihre Fugen gehämmert und dann verteert. Frauen knieten und putzten Fische, Kinder trugen Holzspäne fort. Solch ein Sammelsurium von Brettern, Tauenden und Tang, in all dem unermeßlichen Sand. Aller Kehricht lag da, Lumpen, Fischköpfe, faulendes Schlick, und doch kein Gedanke an Verwesung. Das Meer bläst drüber weg mit seinen mächtigen Lungen, das Meer, das alles 169 verdaut, was es verschlingt in seiner großen, grimmigen Gesundheit . . .

Seekriege wollen mir fast noch widersinniger erscheinen als Landkriege. Denn Seeleute haben immer etwas brüderlich Verwandtes. Sie haben von klein auf dieselben Geräte gehandhabt, dieselben Knoten geschlungen, dieselben Gefahren bestanden; es scheint so unsinnig, jemanden verderben zu wollen, dem man sonst helfen würde, ein Leck zu flicken . . . das Meer rauscht ihnen allen in den Ohren, derselbe Wiegengesang, dieselben Märchen, die sich bei allen Küstenvölkern wiederfinden, das uralte Lied, das bei den einen Hero und Leander heißt und bei den andern »et wassen twe Kunnigskinner« . . . Heute gingen da zwei Fischer auf der Mole auf und ab; der eine führte sein Enkelkind, ein ganz kleines Mädelchen, das mit dem andern Händchen einen Kochlöffel innig ans Herz drückte und mit silbernen Fischschuppen betupft war bis auf's Näschen; die Großväter waren wohl etwas dunkler und beweglicher als sie im Norden sein würden, aber doch . . . derselbe Seefahrerblick und auch das Lachen, treuherzig und verschmitzt . . . Die wundervollen Strandgeschichten von Drachman, das traurige Volkslied aus dem Oldenburgischen »ick havde 170 se nich to Schaule geschickt« – würden diese Menschen hier sie nicht verstehen?

In Portofino, voriges Jahr, nein, da war etwas andres, das auch hier nicht ist: Pinien und Felsen, an denen die Brandung hochspritzt. Griechische Helden? Ja, solche, die in Kartonschiffen fahren, mit goldnen Helmen auf dem Kopf, und der Chor ringt am Ufer die Hände und singt »Götter der Unterwelt« – mit Tremolo im Baß.

O die wunderbaren Farben dort, wenn die Feigenbüsche ihre weiten gebognen Kandelaber hinausreckten übers Meer, wenn die Olivenbäume sacht wedelten und die wilden Kirschbäume voller Blüten standen und kleinen blondpelzigen Bienen . . . Aber am Abend, wenn der Himmel rosig wurde und die See ganz sanft, erwachten die verzauberten Landhäuschen zwischen den Ölbäumen und Weingängen. Alle mit ihrem wunderbaren Bewurf, rosig oder hellgelb oder zartorange, wie Teerosen oder das Innere fremdartiger Muscheln; als seien sie mit demselben Pinsel gemalt wie das letzte Abendrot. Die Dächer mit bröckelndem Schiefer gedeckt, ohne eine Spur Schieferblau, mattgrau silbern, hier und da vom Moos orange überleckt. Sie standen in kleinen Gruppen, 171 oder verstreut, und leuchteten zum Himmel auf, und der Himmel leuchtete zu ihnen nieder.

Damals, ehe wir abreisten, kamen wir gegen Abend in ein enges, düstres Tal, an ein paar Mühlen, einem großen Wasserbehälter vorbei, wo sonst die Frauen in langen Reihen stehn und waschen. Immer tiefer, allmählich ansteigend; die Sonne schien nicht mehr hinein, es war etwas Banges in dem engen Winkel. Zu beiden Seiten ragten die Berglehnen, auf ihren höchsten Terrassen lag noch Sonnenschein; dort wachsen im saftigsten Gras die schlankgestielten schwarzweißen Orchideen, die das Volk »kleine Witwen« nennt. Aber wo wir gingen, war's düstergrün und schaurig, ein schmaler Bach rieselte im Grund, von dem ein Teil, höher oben, von Rinnen gefangen und nach den Mühlen geleitet wurde. Ganz am Ende des Tals, in seinem letzten, spitzesten Winkel, ein Wäldchen junger Pappeln, schmal und graustämmig, mit gelben Blüten bedeckt. Dazwischen ein paar Zypressen, nie sah ich sie so hoch und schwarz, die strebten hinauf zum Licht. Ganz enge wurde das Tal, es war schon nächtig, kein Vogel ließ sich hören; und plötzlich, wie hingezaubert, stand da an die linke Bergwand gelehnt, die kleine verwunschene Mühle. 172

Die Stufen, die zur Türe führten, verwittert und naß, die Türschwelle überwuchert von Gras und gelbblühender Nessel; alles Holzwerk verfault; ganz verödet stand sie da. Eine zerlöcherte Rinne speiste langsam, fast tropfenweis, das Rad. Wenn dann die Schaufel voll war, gab es einen ächzenden Ton, und es drehte sich mit einem Ruck, daß man zusammenfuhr, wenn das Wasser hinunterplatschte. Dort, hinter der Bodenluke, die selber einem schielenden Auge glich, saß gewiß die Seele des Müllers, verdammt, hier zu spuken, weil er im Leben unrecht Maß gegeben.

Es war ängstlich in dem engen Mühlgrund, so im Abenddunst. Am frühen Morgen hätte es mich wohl anders angeblickt.

 

27

Vergangne Nacht träumte ich von dir. Du gingst an mir vorüber, mit fremden Leuten, die zu dir sprachen; und weil sie alle etwas von dir wollten, gehörtest du ihnen an. Du sahst an mir vorbei, und doch stand ich auf deinem Wege. Du aber sahst kalt 173 und aufmerksam in die Ferne. Und da wachte ich auf, vor Schmerz, wie du so um die Ecke bogst, ohne mich zu kennen, und es schluchzte in mir auf, o, so weh, es wollte mich ganz zerreißen. Und dann war's, wie wenn im Ohr eine kleine Luftblase platzt, und man hört plötzlich alles ganz stark und deutlich: Fremdheit . . . immer dies eine Wort.

Wie es nun so still und dunkel war, hörte ich unter meinem Fenster ein Kätzchen schreien, so kläglich; es kamen Menschen vorbei, ich dachte, wird denn keiner es aufheben und mitnehmen? Da habe ich mich angekleidet und bin gegangen, es suchen. Es war weitergekrochen, aber das jammervolle Stimmchen führte mich. Keine Menschenseele war mehr auf dem Platz; so nahm ich's mit. Wie hoffnungslos geduldig sind kranke Tiere; so still verständig versucht es nur ab und zu mit dem Pfötchen die verklebten Augen zu waschen: ein Proletarierkind, das schon gelernt hat, das Leben zu nehmen, wie es ist.

Das ist ja das Traurigste bei armen Kindern; diese selbstverständliche Anspruchslosigkeit: »les petites malades qui n'ont pas de poupées.« In den großen, hellen Spitälern lassen sie brav und vernünftig die 174 Zeit an sich vorübergleiten, von der unpersönlichen Sanftmut der Schwestern umgeben. Sind sie gern dort, im reinlichen Frieden? Oder denken sie an die häßliche Straße zurück, wo immer Lärm war, wo Kohlstrünke und Papierfetzen herumlagen und sie für große Leute mit zornigen Stimmen Botengänge tun mußten? Sehnen sie sich nach der mürrischen, überarbeiteten Mutter mit den schrumplichen Waschfrauenhänden, die sie oft knufften und pufften, die aber doch Mutters Hände waren?

 

28

Der heilige Martinus von Lucca hatte ja wohl recht, als er dem Armen nur seinen halben Mantel gab, ob es gleich auf den ersten Blick etwas kühl Verständiges hat, das einem von seiten eines Heiligen wundernimmt. Aber Wohltun soll auch ans Künftige denken.

Liebe, ja die geht anders vor; tut nichts beiseite. Die gibt den ganzen Mantel her. Ich glaube, San Francesco würde mit San Martino in der Mantelfrage nicht übereingestimmt haben. 175

 

29

Ich hatte eine kleine Schulfreundin: Marie Amély. Sie lud mich ein zum Abend. Bei ihr zu Hause bestanden allerhand herzlose spartanische Einrichtungen. In den Schlafzimmern wurde nie geheizt, und die Betten blieben den ganzen Tag auseinander, sie waren dort ganz versessen auf Lüftung. Das Spielzeug wurde nur zu bestimmten Stunden herausgegeben, und die Kinder durften sich beileibe nicht anlehnen, dann hieß es gleich: »Rekle dich nicht wie ein Tausendfüßler.« Ja, nun hatte mich Marie Amély eingeladen, und da mir keine Lüge einfiel, hatte ich zugesagt, und das war doch, als sei man zum Lindwurm gebeten . . .

Dort fragten sie mich: Nehmen Sie Bier oder Tee? Das war nun auch wieder so qualvoll. Denn wenn ich Tee sagte, bekam ich gewiß später das unbändigste Verlangen nach Bier, und umgekehrt war's ebenso. Da sagte ich: »Ach, bitte, geben Sie mir beides« und mußte lachen. Und da lachten die alten Spartaner auch; und ich bekam beides; und die kleinen Spartaner saßen da mit runden Augen.

Ja, man muß Zutrauen haben zum Leben, dann macht es ja wohl auch eine Ausnahme. 176

 

30

Nach dem Konzert.

Wie unendlich angenehm ist die leise, unbeirrte Gangart dieses Allegrettos. Wie der Schritt der Wache in der schlafenden Stadt. Wenn dann plötzlich, wenig Takte nur, das Gefühl durchbricht, scheu und doch hingerissen, eine kurze, schmerzliche Gebärde, komm, ach komm! . . . um gleich wieder weiterzugehn im gewohnten Schritt; versonnen, ohne Hoffnung, aber mit so selbstverständlicher Treue . . . das ist entzückend.

Auch süße kleine Trios haben manchmal solchen leisen Schritt. Es gibt eine Zeichnung von Beardsley: der tote Pierrot liegt im Bett, und all die kleinen freundlichen Masken stehn betrübt um ihn her; da tritt Columbine ein, im schwarzen flattrigen Mäntelchen, den Finger am Mund: das ist wie solch feines, sacht schreitendes Stückchen; eigentlich sehr herzzerreißend in seiner leisen Emsigkeit, die das meiste unausgesprochen läßt, weil die Zeit knapp ist und man auf den Zehen gehn muß.

Das Adagio, das hinterher kam, war der Inbegriff zarter, überschwenglicher Romantik, die wie 177 Erinnerung an Byron und Chateaubriand und sonstige beaux ténébreux damals in der Luft hing. Deren letzter Hauch in den verblichenen Photographien verblichener Tänzer und Anbeter zu spüren war, die in Mamas Toilettenzimmerchen, auf der roten großblumigen Sammettapete hingen: Adolphe de Circourt und »ce pauvre Belvèze«, Ole Bull und die drei Brüder v. d. Gr., alle mit so märchenhaft feinen Taillen, hohen Kravatten, engen Aermeln, der geschweifte Zylinder auf einer Säule thronend, die Arme verschränkt; oh und dieser edel verglühende Blick . . . ein ganzes Adagio appassionato war darin enthalten. Eine Stelle in Trivia fällt mir ein, ich will sie hierher schreiben: »It was my hypothesis, that about 1840 had been the Meridian Hour of Passion. Those tightwaisted, whiskered Beaux, those keepsake Beauties, had adored each other, I felt, with a leisure, a refinement and dismay, impossible at other dates. And as I stood gazing, my thoughts would lose themselves in the Blue of Fashionplate Landscapes.«»Trivia« von Logan Pearsall Smith. 178

 

31

Menschen reden von Liebe, reden zusammen, aber jeder redet für sich.

Denn jedem scheint sie ein andres:

Was in den Augen der Braut aufglüht und sie doch dunkler macht, wenn sie vor den brennenden Kerzen steht, blaß, und trinkt ihr Bild im Spiegel: Herr du mein Gott, habe Dank, daß du mich schön gemacht hast!

Aber die Augen der armen, fiebernden Frau, die das Haupt ein wenig rückt: »Liebster, gib mir zu trinken!« – sie haben die nämliche Gewalt.

Und ein andrer noch denkt an den weißen zitternden Bart eines Mannes, über dessen stille Hand der verlorne Sohn weint. Und der eine meint den Jubel, der an sich reißt, und der andre den Strom, der sich ergießt, still und ohne Rückhalt. Und wieder einer geht fühllos an allem vorüber, aber er greift sich ans Herz, wenn das leise Wort anhebt: Oh gehe sanft mit mir um! . . .

 

So aber sang die arme Marianna:

Wenn ich tot wäre und meine Schwestern und Brüder kämen und alle meine Freunde und Gespielen, 179 und sie legten Blumen auf mein Herz, ich spürte es nicht, denn ich wäre ja tot. Und sie sprächen Böses von mir oder Gutes – was wäre das mir?

Und wenn alle Kerzen auf dem Altare strahlten und die Orgel dröhnte und der goldne Priester stünde über mir und gäbe mir den Segen . . . ich wüßte es nicht, ich wäre ja tot.

Aber wenn du durch die Kirchtüre kämst und dein Fuß auf den Steinen hallte, ich spürte ihn, wie ich die Haustür spürte, wenn sie abends ins Schloß fiel . . . und wenn du über mir stündest, meine Hände würden auseinandersinken, offen, daß mir das Kreuz von der Brust glitte, und der wilde Schmerz führe noch einmal bis in die Spitze meiner Füße – um dich – um mich – um mein süßes Leben!

 

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