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Der Kinder Sünde der Väter Fluch

Paul Heyse: Der Kinder Sünde der Väter Fluch - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDer Kinder Sünde der Väter Fluch
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1862-63
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Der Alte ließ augenblicklich den Arm sinken und trat nur einen Schritt näher zu ihm auf die Brücke, als fürchte er, sein Feind möchte ihm entfliehen. Es ist wahr, sagte er wie für sich, ich vergesse, 's ist mein Schwiegersohn, ich muß väterlich mit ihm umspringen. Nun, junger Herr? fragte er mit einer höhnisch heiseren Stimme, habt Ihr Euch auf die Antwort besonnen? Ihr werdet einsehen, daß mir bei aller Hochachtung vor Euch und Eurem Herrn Vater mein eigen Kind doch noch näher steht. Es mag Euch unbequem sein, zu thun, was ich verlange. Aber das Mädel – Ihr kennt sie ja – ist nun einmal curios; Ihr habt selbst gesagt, es sei Alles anders bei ihr, als bei den Uebrigen. Viele mag's geben, will's wohl glauben, die sich's zur Ehre schätzen, von Euch bei der Nase herumgeführt zu sein; die Häßlichsten sucht Ihr Euch just nicht aus. Aber mit der Filomena ist übel spaßen, kam's Euch nicht selber so vor? 's ist das beste Kind von der Welt, ihr Vater darf's wohl sagen, da sie's nur von Mutterseiten geerbt hat; aber was sie sich in den Kopf gesetzt hat, ist wie ein Schrotschuß in ein hartes Holz! man muß das Brett zerschlagen, um das Blei wieder 'rauszuholen. Und seht, junger Herr, ich hab' schon ein Mädel im Narrenhaus; das zweite war' mir denn doch zu Schade dafür.

Er hatte das Alles auf eine wunderliche, halb höhnische, halb weichmüthige Art gesagt, und dabei unverwandt in den strudelnden Schlammbach hinabgesehen, der unter ihnen hintoste. Seine erzwungene Ruhe mochte den Jüngling täuschen. Er athmete leichter auf, lüftete den Hut, zog dann plötzlich seine Uhr heraus und sagte: Es fehlt wenig an Mitternacht, und ich habe keine Zeit zu verlieren. Laßt es mich beschlafen, Herr Weber. Wahrhaftig, es liegt mir selbst am meisten daran, diese traurige Geschichte zu einem guten Ende zu führen. Aber jetzt und hier habe ich die Gedanken nicht beisammen, und würde für das, was ich Euch sagte, morgen bei kälterer Besinnung am Ende nicht einstehlen können. Nochmals, ich meine es gut mit Eurer Tochter, und was ich thun werde – wir sprechen noch davon!

Wir sprechen heut noch davon, oder nimmermehr, antwortete der Alte überlaut, und richtete sich in die Höhe. Hier ist nur Eins zu thun, ohne Schliche und Winkelzüge, und jetzt frag' ich dich zum letzten Mal: Willst du mein Kind heirathen, oder nicht?

Der Jüngling biß sich die Lippen. Ich habe ihr nichts versprochen, sagte er trotzig. Und wenn ich's gethan hätte, thät' mir's leid, aber halten könnt' ich's nicht.

Nicht? nicht?

Nein, ich könnt's nicht. Tobt und wüthet, so viel Ihr wollt, Ihr könnt's nicht ändern; und einschüchtern mit Worten oder Fäusten lass' ich mich eben so wenig. Ich will Euch entschädigen, so gut ich kann –

Entschädigen! – – er lachte bitter auf.

Ja, und das reichlich, und wenn Ihr nichts davon hören wollt, steht's Euch frei, mich niederzuschießen, wo Ihr Eure Gelegenheit trefft. Dann seid Ihr ein Mörder, und ich bin todt. Aber so lang ich lebe, komme ich nicht in Eure Gewalt, und mit Euch auszuwandern nach Amerika, als Euer Schwiegersohn und – Knecht, dazu fehlt mir ganz und gar die Lust. Fragt mich nicht weiter; was ich kann und nicht kann, weiß ich besser, als Ihr.

Der Alte musterte ihn lange mit den unheimlich starren Augen. Du hast eine andere Liebschaft, und bist eben auf dem Weg zu ihr; ist's nicht so?

Und wenn's so wäre – was geht's Euch an?

Ist's die Kammerfrau oder die Gräfin selbst?

Der Jüngling zauderte. Ihr habt kein Recht mich zu verhören, sagte er jetzt, und ich thue Unrecht, Euch Rede zu stehen. Aber damit wir endlich zu Ende kommen – und er hielt wieder inne und ein plötzlicher Einfall schoß ihm durch den Kopf, zu dem er sich in seiner Verblendung Glück wünschte; denn mit Einem Schlage glaubte er so den Verfolger abzuschütteln – die Gräfin ist's, und noch mehr –

Nichts mehr! unterbrach ihn der Alte. Du wirst nicht mehr zu ihr gehen. Ich aber –

Laßt mich ausreden. Hierüber habt Ihr kein Recht; was Gott zusammengefügt hat –

Gott zusammengefügt? Lästert der Bursch in dieser furchtbaren Stunde den Namen dessen, an den er nur mit Schaudern denken sollte?

Ihr seid nicht bei Sinnen, Weber. Vielleicht bringt's Euch wieder zu Verstand, wenn ich Euch sage, was bisher Niemand von mir erfahren hat: die Gräfin ist meine Frau. Wir haben uns heimlich trauen lassen, weil ihre Eltern noch leben. Ein fremder Geistlicher, der hier durchgereist kam, hat uns zusammengegeben. Nun wißt Ihr's.

Er hatte die Lüge mit nachlässiger Keckheit hingeworfen und wähnte einen Augenblick, die Sache sei nun abgethan. Der Alte stand schweigend vor ihm, von unten klang das Geräusch der wüthenden Sturzwellen herauf, und der Mond trat so klar aus den Dünsten, daß die beiden Feinde einander Zug für Zug in den erhitzten Gesichtern lesen konnten. Was der Jüngling las, machte ihn plötzlich erblassen. Er trat einen Schritt zurück, die Kniee wurden ihm unsicher, der Brückensteg schien ihm unter den Füßen zu schwanken, als wollten die hohen Ufer einbrechen. Ein paar unvernünftige Worte stammelte er, aber die Zunge erstarrte ihm; er wollte die Augen von dem Alten losreißen und konnte nicht – über die Brücke zu entfliehen suchen, und wie Blei hingen ihm die Glieder am Geländerpfosten.

Gott zusammengefügt? brach es jetzt mit wildem Hohn von den zitternden Lippen des Alten. Vom Teufel verkuppelt! Hahaha! Seine Frau! Und damit wär's aus, und ich ginge heim zu meinem verlorenen Kind und sagte ihr: 's ist Schade, arme Dirne, er hat schon eine Frau! und dann säh' sie den Schurken wohl einmal vorbeireiten mit der Gnädigen, und die Dame schaute durch die Lorgnette zu ihr herüber und fragte: Wer ist das Mädchen? und er, die Achseln zuckend: Eine Zigeunerin, ein Aschenputtel, aus einer heruntergekommenen Familie! Und im Weiterreiten gäb' er lachend alte Geschichten zum Besten? – – Höll' und Tod! da wär' es ja besser, man brächte den Burschen dahin, wohin er gehört, in den Schlamm mit der Kothseele, in den Abgrund mit der Höllenbrut, daß die Erde von ihr rein wird!

Weber! schrie der Entsetzte laut auf. Aber in demselben Augenblick fühlte er sich mit furchtbarer Gewalt ergriffen, emporgerissen, über das Geländer gezerrt – noch ein schneidender Hilferuf drängte sich aus seiner Brust, dann vergingen ihm die Sinne im erbarmungslosen Sturz, und die Strudel, die hoch um ihn aufrauschten, zogen ihn in die Tiefe.

Oben auf der Brücke stand der Mörder und Rächer und sah mit festem Blick dem Stürzenden nach. Er war todtenblaß geworden, aber keine Nerve zitterte mehr.

Schrie es da nicht? sagte er bei sich selbst. Nein, 's ist Niemand wach ringsum. Ich bin ganz allein.

Er ließ einen forschenden Blick über die Ufer schweifen; sein scharfes Jägerauge sah einen Büchsenschuß weit die Katzen über die mondhellen Scheunendächer steigen und auf dem epheuumwucherten Kapellendach eine graue Henne im Schlaf sich bewegen. Von Menschen keine Spur.

's ist geschehen, und so ist's gut! sprach er vor sich hin und richtete sich entschlossen auf. Man wird ihn finden, und es wird heißen, er sei verunglückt, weil er Wein im Kopf gehabt habe, und das arme Ding wird außer sich sein vor Herzweh, bis es dann verblutet. Was von oben kommt, ist Alles zu verwinden. Nur was Unseresgleichen uns anthut, frißt uns das Leben ab. Wenn ich's hätte geschehen lassen, daß sie sich verachtet gesehen hätte, verrathen, hingeopfert um eine Andere, – aus den Fugen wär' sie mir gegangen, 's ist so besser! Die Last liegt auf mir, ich hab' die Schultern dazu, es liegt schon mehr drauf, das Neue spür' ich kaum. 's giebt Dinge, über die kein Richter auf Erden zu Gericht sitzt; man muß sie selber rächen, 's ist Notwehr, Noth bricht Eisen.

Noch stand er eine Weile, dann besann er sich, daß es wohlgethan sei, eilig diese Stätte zu verlassen. Er hatte es gethan, – er wollte es nicht umsonst gethan haben. Noch einmal sah er in die brausende Tiefe zurück; von seinem Opfer war jede Spur verschwunden, so daß er sich flüchtig vorstellte, es sei Alles ein schauderhafter Traum. Dann blickte er, wie herausfordernd, zum Mond hinauf, ob diesem Zeugen zu trauen sei, und schlug einen dunklen Weg ein, das Ufer hinauf über Geröll und feuchtes Laub, wo die Fährte sich unsicher eindrückte, mit aller kundigen List eines alten Waidmannes, der es den Füchsen abgesehen hat. Tief im Naifthal erst wendete er den Schritt und ging nun wieder bergab, im Kastanienschatten seinen Weg nach Hause suchend.

Vom Thurm unten schlug es Ein Uhr, als er den wüsten Hof betrat. Hier, in der Nähe seines Kindes, schlug ihm zum ersten Mal das Herz, so heftig, daß er noch eine Weile im Freien blieb, sich zu beruhigen, eh' er die Treppe zu der weiten Halle hinaufstieg. Der Mond durchstrahlte sie mit Tageshelle, und in dem kleinen Gemach dahinter konnte er jedes Geräth, jede Blume im Kranz des Crucifixes deutlich erkennen. Als er mit leisen Schritten an die Schwelle trat, blickte die Alte, die am offenen Fenster spann, gleichgiltig zu ihm auf und erwiederte nickend seinen Gruß. Er sprach kein Wort, sondern schlich auf den Zehen in den Verschlag, wo das Mädchen schlief. Eine Weile horchte er auf ihr unruhiges Athmen, dann beugte er sich zu ihr hinab, um in der Dämmerung ihre Züge zu sehen. Sie schlug plötzlich die Augen auf, sprang zitternd vom Bett und stand erschrocken vor ihm.

Du bist's! sagte sie halblaut.

Ich bin's, Mena! Was fürchtest du dich vorm Vater, Kind?

's ist nichts! Ich hatte so Träume – ich weiß selbst nicht wovon, mir war so bange im Traum. Wo kommst du her? Hast du ihn gesprochen?

Den Grafen? Nein! Ich fand ihn nicht. Ich erzähl' morgen. Leg dich wieder schlafen.

Ich kann nicht, Vater; die Träume bringen mich um. Ich will aufsitzen und spinnen. Vielleicht wird mir besser an der Luft.

So setz dich zu mir, hier auf die Bank. Die Nacht ist so hell, mich schläfert auch nicht, und ich habe schon unten ein wenig genickt, als ich auf den Grafen wartete. – Was ich sagen wollte: magst du ihn wohl leiden, den Grafen? Es scheint doch ein guter Herr.

Sie schüttelte hastig den Kopf und versank in ihre traurigen Gedanken. So saßen sie auf der Bank neben dem Crucifix, er an die Wand gelehnt, das Mädchen auf einem Schemel vor ihm. Die Alte hatte ihnen den Rücken zugekehrt und achtete ihrer nicht, murmelte dann und wann ein Stück vom Rosenkranz oder hustete dumpf auf. Vater und Tochter sprachen nichts mehr. Er hatte die Hand auf ihrem Kopfe ruhen, der an seinem Schooße lehnte, und streichelte beständig das weiche volle Haar des Kindes; diese Liebkosung schien ihr fieberndes Gemüth zu besänftigen, sie lächelte ein paar Mal und schloß endlich die Augen. Sacht hob er sie auf und setzte sie bequemer auf seinem Schooße zurecht, beide Arme um den schlanken Leib gelegt, ihren müden Kopf an seiner Schulter bettend. Bald war sie fest eingeschlafen. In seine Augen kam kein Schlaf. Aber in ihm wurde es immer stiller, friedlicher und getroster. Er hielt in den Armen, was ihm das Leben noch werth und kein Opfer zu schwer und keine That und Missethat zu furchtbar machte. Eine trotzige Freudigkeit glühte in ihm auf. Er fühlte in sich die Kraft, mit seiner starken Vaterliebe dem armen Kinde Alles zu vergüten, was ihm je zu Leide geschehen. Er hatte sie schlecht bewacht, und für diese Schuld durch die Last gebüßt, die er sich aufs Gewissen geladen. Nun wollte er ihr nimmer von der Seite gehen. Nur noch die Schmerzen überstanden um den unglücklichen Sturz des Geliebten, und dann aufgebrochen und übers Meer mit ihr, und ein neues Leben gegründet, und eine neue bessere Liebe in das junge Herz gepflanzt, – warum sollte es ihnen nicht noch einmal glücken? Hatten nicht Aermere, Gemiednere, Schuldbeladnere drüben von vorn angefangen?

Und wieder eine Stunde verging, und noch immer saß der Vater und hielt sein schlafendes Kind im Schooß, und die Gesichter der beiden unglücklichen Menschen wurden immer stiller und zufriedener, und die Gedanken des Alten immer traumhafter, bis auch ihm die Augen zufielen. Der Mond trat hinter die Wolken; es kam jene Zeit der Nacht, wo Alles still wird, selbst die Nachtvögel ihre Jagd einstellen und die Mühseligsten und Beladensten im Kampf mit Kummer und Schuld eine kurze Waffenruhe genießen. Auch das ferne Brausen des Naifbachs, das allein nicht zur Ruhe kam, wurde dem zum Schlaflied, dem es als eine furchtbare Mahnung hätte ins Gewissen dröhnen sollen; und nur die taube Alte am Fenster, der Tag wie Nacht und alles Leben ein tonloses Schattenspiel war, saß unverrückt die schauerlichen Stunden hindurch vor ihrem Rade und spann ihren Faden in der Dunkelheit fort und murmelte ihre Gebete.

*

Nicht viel früher hatte auch der Graf unten in der Stadt sich aufs Bett geworfen, obwohl der nächtliche Spaziergang nicht lange fortgesetzt worden war, denn beide Wanderer waren schweigsam geblieben, und beiden die Nacht unheimlich geworden. In ihren Schlaf hinein spannen sich die Erinnerungen und Gedanken an jenes unselige Mädchen und die Zukunft der Ihrigen hinüber. Der Graf fuhr oft mit jähem Schrecken auf und fühlte es feucht auf seiner Stirn und schlief nur unerquicklich weiter. Als sein Diener vor acht Uhr ins Zimmer trat und meldete, ein fremder Herr habe ihn dringend zu sprechen verlangt, fuhr er völlig ermuntert hastig in die Kleider und war gefaßt darauf, daß nur eine neue Unglückskunde ihn so früh aufsuchen könne.

Der Landrichter trat zu ihm ein.

Sie bringen böse Zeitung, rief ihm der Graf entgegen. – Reden Sie: Was ist geschehen? Hat meine Ahnung mich nicht betrogen? Weber? der junge Mensch? – –

Ich komme so früh zu Ihnen, sagte der Mann mit dem Ton tiefer Erschütterung, weil Sie so menschlich Antheil nehmen an diesen Unglücklichen, und ich es Ihnen ersparen möchte, was geschehen ist, durch das Gerücht zu erfahren. Ich war gestern Nacht kaum eine Stunde zu Hause, so werd' ich herausgepocht, ein Mädchen steht vor meiner Thür, ein Bild des Entsetzens, hinter ihr ein paar Gendarmen, die sie auf der Wache zu Hilfe gerufen hatte, und einige Bauern und Leute aus der Stadt, von dem Schreien und Rufen des Mädchens aufgestört und begierig Näheres zu erfahren. – Ich nahm die Dirne ins Verhör, und hätte viel drum gegeben, an ihrer Aussage zweifeln zu dürfen. Sie dient oben beim Bäcker von Obermais; unfern der Naif steht das Haus, und da das Rauschen nicht nachließ, schickt sie der Bäck gen Mitternacht ans Ufer hinauf, zu sehen, wie es stehe, und ob keine neue Gefahr drohe. Da sieht sie dicht am Geländer der Brücke zwei Mannsbilder, und sie scheinen im Streit, daß ihr angst und bange wird und sie sich hinter einen Holzstoß niederduckt, zu spähen, was es gebe. Plötzlich werden die Stimmen lauter, ein Ringen, ein Schrei, und der Kleinere und Schlankere stürzt übers Geländer in den brausenden Schwall hinab. Ihr selbst sei ein Angstschrei entfahren, daß der Uebriggebliebene aufmerksam rings umgeschaut habe; und da habe sie ihn erkannt, den Weber von Planta, so klar und gewiß im Mondschein, daß sie das Sacrament darauf nehmen könne. Er sei dann das Ufer hinaufgegangen und verschwunden. Sie selbst, als sie sich erst ein wenig erholt, habe mit schlotternden Gebeinen das Ufer hinab den Gestürzten suchen wollen, aber das Grausen nicht bezwungen; auch wär 's ja auf alle Fälle zu spät gewesen. Und da habe sie sich resolvirt, vor allem die Anzeige zu machen, und sei auf die Wache gestürzt und dann in mein Haus.

Ich bin sogleich mit ihr und den Andern aufgebrochen, und wir haben den Jüngling nicht allzulange zu suchen gehabt. Als ich mit meinem großen Geleite, das trotz der Nachtzeit sich gesammelt hatte, mit Kienbränden wohl versehen, an die Stelle kam, wo die Schlucht gegen Trautmannsdorf zu die Biegung macht und sich verflacht, stießen wir alsbald auf eine unförmliche, ganz in Schlamm gehüllte Masse. Erlassen Sie mir, zu schildern, wie wir endlich den Aermsten wiederfanden, der noch vor wenigen Stunden ein Bild von Jugend und Uebermuth gewesen. Ich ließ ihn auf die Wache tragen, der Arzt mühte sich an dem starren Körper ab, mit Kopfschütteln; ich selbst hatte eine schwerere Pflicht zu erfüllen. Hinauf nach Planta ging ich, meine Leute folgten mir; das Volk hätt' ich gern zurückgehalten, aber es war durch den Anblick des Todten, und da es zu dem Weber nie ein Herz gefaßt hatte, in einer Aufregung, über die ich nichts vermochte. In der That rechnete ich kaum darauf, den Mörder zu Hause anzutreffen, und das Mädchen zu schonen lag mir am Herzen. Also befahl ich dem ganzen Schwarm, droben im Hof der alten Ruine sich ruhig zu verhalten und zu warten, bis ich wiederkäme. Nur die Gendarmen und einen Burschen mit einer Fackel nahm ich mit und stieg ohne Geräusch die Treppe hinauf. Was ich droben sah, war fast dazu angetan, mich an allen Zeugnissen irre zu machen. Denn da saß in dem kleinen Gemach der alte Weber und das Mädel ihm auf dem Schooß, und schliefen Beide so fest, daß nicht einmal unsere Schritte sie erweckten. Erst als die Kienfackel ins Zimmer sprühte, fuhren sie auf und starrten uns an. Weber, sagte ich, so gelassen, als ich vermochte, Sie müssen mit mir kommen, es ist eine Anklage gegen Sie erhoben worden. – Hoffentlich können Sie sich reinigen; aber ich habe die Pflicht, Sie zu verhaften.

Während ich sprach, verwandte ich kein Auge von ihm. Seine Züge blieben aber eisern.

Wessen bin ich angeklagt? sagte er, und legte den Arm nachlässig um den Nacken des Mädchens, das neben ihm stand, als verstehe sie unsere Sprache nicht.

Sie werden es erfahren, sagte ich darauf. Hier – und ich suchte ihm anzudeuten, daß ich der Filomena wegen zurückhielt – hier ist nicht das Verhörzimmer.

Sie haben kein Recht, bei Nacht in meine Wohnung einzubrechen, erwiederte er trotzig. Ich lasse mich nicht wegschleppen wie ein auf der That Ertappter; auf einen Verdacht hin will ich nicht mißhandelt sein, unschuldig wie ich bin.

Unschuldig? rief da plötzlich eine helle Weiberstimme dazwischen, und ehe ich es verhindern konnte, hatte sich die Magd des Bäcken, die trotz des Verbots nachgeschlichen war, in das kleine Zimmer gedrängt und goß nun den ganzen Strom ihrer Anklagen über den Trotzigen aus, dessen Gesicht plötzlich sich entfärbte. Soll ich mir nachsagen lassen, rief sie, daß ich falsch Zeugniß geredet hätte? Hab ich Euch nicht mit meinen leiblichen Augen auf der Brücke gesehen, und den Aloys mit Euch ringen und wie Ihr ihn hinuntergestoßen habt, und haben wir ihn nicht gefunden todt und kalt und so verstellt, daß seine eigene Mutter ihn am Gesicht nicht wiedererkannt hätte? Und Ihr wollt dem Herrn Landrichter weiß machen, daß Ihr unschuldig seiet und ich ein Lügenmaul?

Da schwieg die Dirne endlich von selbst, denn sie entsetzte sich vor dem, was sie sah. Das Kind nämlich, die Filomena, fing plötzlich überlaut an zu lachen und verzerrte die Augen und schlug dann, wie von der Sucht befallen, unter währendem Gelächter der Länge nach hin. Der Vater aber stand dabei und sagte, nachdem er sie eine geraume Weile betrachtet hatte: Für die ist nun auch gesorgt. Nun braucht's keiner Verstellung mehr. Ich folge Ihnen, Herr Landrichter. Ich hab's gethan. – – –

Der kleine Graf saß stumm dem Erzähler gegenüber; er hatte das Gesicht in beiden Händen verborgen und bot die äußerste Kraft auf, seiner Erschütterung Herr zu bleiben. Auch der Andere konnte lange kein Wort hinzufügen, war ans Fenster getreten und starrte gegen die geschlossene Jalousie. Zuletzt wandte er sich wieder um und sagte: Sie können noch etwas für die Arme thun – dem Vater freilich hilft Niemand mehr. Vor einer Stunde fand ich ihn im Gefängniß todt; er hatte sich mit seinen Strumpfbändern erdrosselt und lehnte sitzend, aufrecht gegen die Mauer. Das Kind aber haben wir einstweilen zu den Nonnen gethan; ich denke, wir schicken sie in dieselbe Anstalt, wo ihre Schwester Zuflucht gefunden. Sie wissen, es geschieht unentgeltlich, aus Barmherzigkeit mit solcher Armuth, die zwiefach arm ist. Aber mancherlei kann geschehen, sie besser und reichlicher zu pflegen. Wenn Sie das Mädchen vielleicht zu sehen wünschen – zwar hat sie bisher noch Niemand erkannt – – –

Der Graf schüttelte abwehrend den Kopf. Er stand auf, nahm eine Brieftasche aus dem Schrank und legte sie dem Landrichter in die Hand. Dann machte er eine bittende Bewegung; der Andere verstand ihn und verließ stillschweigend das Zimmer.

Eine Stunde darauf klingelte der Graf seinem Diener und bestellte Postpferde nach der Schweiz. Als gegen Mittag der Wagen, schon einige Meilen weit von Meran entfernt, die Höhe des Weges langsam erklomm, machte der Diener seinen Herrn auf eine graue Gestalt aufmerksam, die einen beschwerlichen Felsweg hoch über der Fahrstraße hinschritt.

Oberst! rief der Graf erschrocken.

Der Wanderer oben stand unwillkürlich still, warf einen Blick hinunter und begann dann eilig noch höher hinaufzuklimmen, wo keine Menschenstimme aus dem Thal ihn mehr erreichen konnte. In einer Schlucht dicht unter dem kahlen Grat verschwand die hagere Gestalt und alles Winken und Rufen verhallte fruchtlos an der steinernen Wand, die den Versteinerten aufgenommen.

Langsam erreichte das Gefährt die Höhe des Passes und die Pferde verschnauften einige Augenblicke. Der Graf aber war im Wagen aufgestanden und warf einen letzten Blick auf das paradiesische Thal von Meran zurück, das in der goldensten Mittagssonne lag. Frieden in der Natur! seufzte er unwillkürlich mit bitterem Wehgefühl. Dann nach einigem Sinnen, während er die überquellenden Augen gegen die grelle Sonne schloß: Armes Kind! sagte er vor sich hin; dein Vater hatte Recht, für dich ist nun gesorgt. Ich hatte es besser mit dir vor. Mein Dank ist jetzt, daß ich dich nie mehr vergessen kann und nur hoffnungsloser die Welt durchsuchen werde nach dem Frieden, der – ich ahne es wohl – nicht von dieser Welt ist!

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