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Der Kinder Sünde der Väter Fluch

Paul Heyse: Der Kinder Sünde der Väter Fluch - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDer Kinder Sünde der Väter Fluch
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1862-63
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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So legte sich's der warmblütige Schwärmer zurecht, wie er es wünschte, und die Heiterkeit, die ihm seit Kurzem verloren gegangen war, kehrte wieder zurück. Auch wurde sie kaum erschüttert durch den Schritt eines Nahenden, in dem er den schönen jungen Mann, den Meraner Löwen, wieder erkannte. Der kam offenbar von einem nächtlichen Besuche aus jenem unheilvollen Schlosse droben am Abhang über der Naif, das jetzt mit geschlossenen Läden todtenstill ins Thal herabsah. Der Jüngling schien den Einsamen auf der Bank nicht zu bemerken, sondern ganz in seine zärtlichen Geheimnisse verloren; er sang im Niedersteigen halblaut ein damals beliebtes italienisches Lied und schlug mit seinem Stutzerstöckchen den Takt auf den Steinen am Weg. Früher hätte der Graf ihn nicht ohne Eifersucht dieses Weges kommen sehen. Jetzt wünschte er sich im Stillen Glück zu der Ruhe, mit der er an die Möglichkeit dachte, daß der nächtliche Besuch nicht der Zofe, sondern der Herrin gegolten haben könnte. Und wenn es wäre, was ja, wie er mit Augen gesehen, nicht der Fall war, was kümmerte es ihn? Was hatte er noch mit ihr zu schaffen?

Nach und nach wurde es lebendiger von Männern und Weibern, die in die Stadt hinab und aus dem alten Thor auf den vielzerklüfteten Felspfaden in die Berge stiegen. Nun durfte er auch nicht mehr fürchten, die Leute von Planta in ihrer Morgenruhe zu stören, und ging behaglichen Schrittes vollends hinauf. Die Sonne war noch vor ihm droben und vergoldete die Epheusturmhauben der alten Thürme und die Wipfel der Nußbäume, daß er wieder, von Neuem überrascht, davorstand, und der Gedanke, diese Märchenpracht sein eigen zu nennen, ihm verlockender schien, als je. Nur die beiden schwarzen grunzenden Insassen des einen Thurmes störten die andächtige Träumerei, mit der sich sein Geist in der wundervollen Scenerie erging, hier und dort ergänzend, einen Erker, einen Altan in die Epheuwand einflickend, und über dem Portal sein eignes Wappen einmeißelnd, statt des zerbröckelten Schildes der früheren Besitzer. Das Crucifix sollte erneuert werden, der verwilderte Garten an der Schattenseite schön gelichtet und neu angepflanzt, und an der Mauer, wo die schwarzen Rüssel den Epheu verwüsteten, neue Ranken eingesetzt, um die nackten Stellen den übrigen gleich zu bekleiden. Und dann sollte kein widriger Ton die Morgenstille wieder verstören, vielleicht aber ein Paar Windharfen in den leeren Fensterrahmen ihre Stelle finden. Denn Einiges mußte auf jeden Fall bleiben, wie es war, und der neue Bau war schon umfangreich genug, wenn er nur zwei Flügel des großen Vierecks umfaßte und den Rest als malerische Decoration bestehen ließ.

Nun trat er in den Hof, im Stillen hoffend, daß er dem Mädchen zuerst begegnen möchte. Statt ihrer aber sah er den Vater, als habe der ihn längst erwartet, in der Thür unter dem Holzschuppen stehen und zum Gruß nicht eben freundlich den Hut lüften. Auch an den Fenstern, obwohl sie der Morgenkühle geöffnet waren, erschien nirgends das traurige junge Gesicht, das er so gern gesehen hätte, und seine Verwunderung wuchs, als er nun mit dem wortkargen Mann die inneren Räume durchschritt und auch droben in keinem Winkel Filomena sich blicken ließ. – Er entsann sich noch zu genau der barschen Art, mit der der Vater gestern jede peinliche Frage abgeschnitten hatte, und hütete sich, ihn von Neuem zu reizen. Mit einem scheelen Blick ohne jeden Gruß empfing ihn die Alte, die noch am Spinnrad saß, ganz hinten in der Ofenecke; eine Schüssel mit gelber Polenta stand neben ihr auf der Bank; zuweilen griff sie mit der Hand hinein und aß unsäuberlich und hastig, während sie hüstelnd vor sich hin murmelte.

Der Graf eilte, aus diesen Räumen wieder hinauszukommen, und stieg seinem Führer in das Obergeschoß auf einer baufälligen Treppe nach. – Droben war der ganze mächtige Raum in den nackten Mauern wohl erhalten, aber keine Gemächer abgetheilt, auch die Balken der Decke noch ohne Bewurf, nur mit zahllosen Nestern, Spinneweben und verlorenen Epheuranken beklebt, ein freier Tummelplatz für allerlei Gethier, Vögel und Fledermäuse, die beim Eintritt der Männer mit lautem Schwirren und Schreien auseinander stoben. Man sah aus den Südfenstern weit über die Rebenabhänge ins Etschthal hinaus, zur andern Seite in den wüsten Hof, wo noch graue Dämmerung herrschte.

Dies wäre also zunächst in Angriff zu nehmen, und meines Bedünkens ließe sich mit geringen Kosten hier etwas Stattliches herstellen, sagte der Graf.

Sein Führer Schwieg. Er hatte die Miene der völligsten Gleichgiltigkeit angenommen, stand immer ein Paar Schritt von dem Grafen entfernt und gab nur auf ausdrückliche Frage kurze, geschäftsmäßige Antworten. – Die beiden Thüren, die aus der großen Halle in die Eckthürme führten, schloß er auf und hielt nur den Fuß vor, als der Graf über die Schwelle wollte. Denn die ganze Tiefe der Thürme war leer und hohl, und keine Treppe führte hinab. Sie mußten wieder die Holzstufen hinunter, die sie hinaufgestiegen waren.

Und das ist Alles? fragte der Graf, als sie wieder im Hofe standen.

Der Rothbart deutete mit seinem Schlüsselbund auf den hohen Anbau in der Ecke, zu dem, vom Hollunder überschattet, eine niedrige Thür, mit rothem Sandstein im Spitzbogen eingefaßt, hinaufführte. Zeigt mir auch das noch! sagte der Graf; denn aus dem Zögern des Alten schloß er darauf, daß dort etwas Besonderes verborgen sein müsse. Ja, einen Augenblick stieg der wunderliche Verdacht in ihm auf, er habe es wohl gar mit einem Falschmünzer zu thun, der in einem der verfallenen, schwer zugänglichen Keller sein lichtscheues Handwerk treibe. Aber auch in jenem Anbau war Nichts zu entdecken, als Schutt und leeres Sparrenwerk. Eine Art Hühnersteige führte freilich in ein oberes Geschoß hinauf, durch dessen halb zertrümmerten Fußboden man bis unter das Dach und durch die Löcher desselben weiter bis in den Himmel hinauf sah. Dies Alles mußte von Grund aus erneuert werden; jetzt war es nur ein herzbeklemmender Anblick.

Der kleine Graf trat stiller und unschlüssiger wieder in den Hof hinaus, als er gekommen war. Nur, wie er jetzt zufällig an dem stattlichen Bauwerk noch einmal hinauf sah, erheiterte sich plötzlich sein Gesicht. Oben trat in stumpfem Winkel ein Erkerfenster aus der Mauer vor, dessen kleine runde Scheiben jetzt schon im Sonnenschein blitzten. Das eine Fensterchen war offen, und in dem hellen Rahmen erkannte er den Kopf des Mädchens, das also der Vater da oben über der Hühnersteige vor ihm versteckt hatte. Er nickte freundlich hinauf und sah, wie mit schnellem Erröthen der jugendliche Kopf zurückfuhr. In demselben Augenblick wandte sich der Alte und trat mit einem heftigen Laut des Zornes auf ihn zu.

Was soll's? rief er. Was haben Sie da hinaufzuwinken und dem Kinde zuzunicken, das Sie nichts angeht? Ich merke nun wohl, mein Herr Graf, worauf Sie es abgesehen haben. Aber Sie sind an den Unrechten gekommen, das sollen Sie erleben. Der Weber ist der Mann nicht, ein Auge zuzudrücken, wenn ein vornehmer Herr seinem Kinde was in den Kopf setzen möchte. Verstanden, Herr?

Mein lieber Freund – fiel ihm da Andere betroffen ins Wort –

Nichts da, Herr! mit der Freundschaft zwischen dem Herrn Grafen und unsereinem hat's gute Wege. Ich hab' mir's gleich gedacht, daß es nicht richtig wär' mit dem Handel, aber in Sack stecken lass' ich mich nicht, und wenn Ew. Gnaden es noch zehnmal feiner anstellten. Das Schloß hat der Herr Graf gesehen, denk' ich, und was er sonst noch will, mag er mit der Herrschaft selbst ausmachen. Hier ist weiter Nichts zu suchen, und damit wollt' ich mich Ew. Gnaden empfohlen haben.

Er machte eine unzweideutige Bewegung gegen das Portal. Aber der Graf blieb stehen und sah ihn kaltblütig an.

Herr Weber, sagte er, Ihr könntet Eure Grobheit für eine bessere Gelegenheit sparen. Wenn ich Eurer Tochter einen Morgengruß zuwinke –

Sie haben ihr gar nichts zuzuwinken, fuhr der Alte ihm in die Rede, verstehen Sie mich, mein Herr Graf? Meinen Sie, das Mädel sei auf der Welt, damit Sie es angaffen? – Höll' und –! ich will Ihnen zeigen, daß ich das Kind, das einzige, das ich habe, zu gut halte, um so im Vorbeigehen einem hochgeborenen Herrn zur Kurzweil –

Weber, unterbrach ihn der Graf, nun ebenfalls in heftigem Zorn, Ihr seid ein Narr oder ein Bösewicht, daß Ihr ein Arg habt an Dingen, die kein Mensch in der Welt für was Arges hält. Ich will dem Kinde wohl, weil es ein braves, unschuldiges Gesicht hat und hier von Euch lebendig begraben gehalten wird, daß es in seinen jungen Jahren des lieben Herrgotts Welt für einen großen Kehrichthaufen halten muß. Und weiter will ich Nichts, weder von Euch, noch von Eurer Tochter, und wenn mir das Kind je wieder begegnet, werde ich mir wieder die Freiheit nehmen, ihr guten Tag zu sagen, habt Ihr verstanden? und mir von Euch Nichts verbieten lassen.

Der Bärtige sah ihn fest an und sagte nur: Wollen's erleben! Dann rückte er kaum merklich den Hut und ging durch die Thür unter dem Schuppen ins Haus, ohne den Grafen weiter zu beachten.

Der stand noch einige Augenblicke, ehe er sich entschloß, den Hof zu verlassen. Am Fenster oben war der dunkle runde Kopf verschwunden, und die Trümmer standen wieder lautlos und unheimlich. Auch die Katze war in die Thür unter dem Hollunderbaum hineingeschlichen, wie um der Gefangenen droben Gesellschaft zu leisten.

Der Graf ging endlich dem Portale zu, in heller Empörung über den harten Mann, der das arme junge Ding wie eine Verbrecherin einsperren, ihr sogar einen freundlichen Gruß mißgönnen und sie grausam um alle Jugendfreuden betrügen konnte. – Er wird sie noch wahnsinnig machen! sagte er vor sich hin. Wie? weil er vielleicht ein Gewissen mit sich herumträgt, dem unter Staub und Moder am wohlsten ist, soll die arme Unschuld schlimmer als im elendesten Felsenkloster hier ihre Tage vertrauern, bis sie endlich, so wie das Lachen, auch das Sprechen verlernt? Es kann und darf nicht geduldet werden! – Es ist ein moralischer Hungertod, den er das eigene Kind sterben läßt! Wie mag ihr zu Muthe gewesen sein, als sie ihn diese wahnwitzigen Reden führen hörte! Und wer weiß, was er ihr nicht anthut, sobald ich den Rücken gewendet habe! Ob er sie für die große Sünde, den Kopf aus dem Fenster ihres Zwingers gesteckt zu haben, nicht am Ende wirklich mit Hunger oder gar mit Schlägen büßen läßt und der alte Drache sie mißhandelt, daß sie den Tag verwünscht, wo ich zuerst den Fuß über diese Schwelle gesetzt habe?

In tiefem Mißmuth und sehr mit sich unzufrieden, daß er dem unnatürlichen Vater nicht nachdrücklich ins Gewissen geredet hatte, langte er unten in seiner Wölbung an und lag ein paar Stunden lang in dem kühlen dämmerigen Gemach hinter verschlossenen Jalousieen, um mit sich ins Reine zu kommen, was er thun solle. Er konnte sich nicht mehr verhehlen, daß ihm das Mädchen ein bedenkliches Interesse einflößte. Immer sah er das wundersame scheue Gesicht, wie es ihm heut an dem sonnigen Fenster erschienen war. Daß sie nach ihm ausgeblickt hatte, schien auch ihrerseits einen Antheil zu verraten, den er sich wohl zu seinen Gunsten auslegen durfte. War's auch ein Wunder, wenn ein freundliches Gesicht, das in diese Einöde hineinblickte, ihr nicht gleichgiltig blieb? Und das liebliche Erröthen, mit dem sie, da er sie droben entdeckte, zurückgefahren war! Ja selbst der unmäßige Grimm des Alten, war er irgend zu erklären, wenn der Vater nicht ebenfalls glaubte, daß sein Kind den Fremden nicht mit ganz kalten Augen betrachte?

In demselben Augenblick, wo dieser Gedanke sich ihm näherte, fühlte er sich von einem unheimlichen Etwas angefröstelt, das dunkel zwischen ihnen stand und keiner ruhigen Ueberlegung weichen wollte. Die Unruhe wurde zuletzt so peinlich, daß er keine andere Hilfe sah, als eilig seinen Koffer zu packen und dem verwünschten Schloß für immer den Rücken zu kehren. Doch auch hierzu fehlte die Willenskraft. Was ihm sonst wohl die Stimmung zerstreut und über die nervöse Aufregung hinausgeholfen hätte, war ihm durch das stadtkundige Abenteuer mit der schönen Frau abgeschnitten. Er konnte sich noch immer nicht entschließen, seine Bekannten aufzusuchen, ins Kaffeehaus zu gehen und Abends ein Spiel zu machen. Und bei seiner Mittheilungsbedürftigkeit, die er bisher noch stets befriedigt hatte, wurde, je länger er für sich allein blieb, die Gefahr immer drohender, daß er über dem Grübeln und Brüten zuletzt gar in ein Fieber verfallen möchte, wie sie gerade damals die Stadt heimsuchten. Sein treuer Diener sah mit Kopfschütteln, wie er eine Flasche Selterwasser nach der andern leerte, ohne daß die Röthe auf seinem Gesicht gewichen wäre.

Andern Tages ließ der Graf ein Paar Maultiere kommen und ritt, den Bedienten hinter sich, fort, ins Passeierthal hinauf nach dem »Sand«, wo das Haus des Sandwirths Hofer ihn einige Tage beherbergen sollte. Als er an dem alten Epheuschloß vorbeikam, hätte er am liebsten die Augen weggewendet. Aber sie spähten, dem alten Zauber gehorsam, zu allen Fensterlöchern der Reihe nach hinauf, obwohl er wußte, daß da Niemand heraussehen könnte. Die Lücke in dem Holzverschlag des Portals war mit einer alten eichenen Thür zugesetzt. Das kam ihm schauerlich vor, als sei nun das Leben ein für alle Mal abgesperrt und werde diese Schwelle nie wieder überschreiten. Er sprach den ganzen Tag über kein Wort, und es war ihm in seiner Verstimmung nur willkommen, daß der Weg rauher und das Thal unfruchtbarer wurde, je höher er hinaufkam. Der Diener, mit dem er sonst auf Reisen zwanglos zu plaudern pflegte, versuchte ein paar Mal das Eis zu brechen, aber ganz vergebens; und vollends droben, wo sie mehrere Tage blieben, war mit dem völlig veränderten gnädigen Herrn nichts aufzustellen. Er hatte selbst seinen guten Appetit verloren. Den halben Tag lang stieg er ganz allein zwischen Felsen und Bäumen herum. Er schien es darauf abgesehen zu haben, den Frieden, den die Natur nicht gutwillig hergab, ihr abzutrotzen; aber sein ganzer Gewinn war nur eine leibliche Ermattung, zuweilen ein stundenlanger Schlaf, auf eine schattige Höhe in Moos und Haidekraut hingestreckt, wo ihn dann doch im Traum die Gestalten heimsuchten, denen er zu entrinnen gehofft hatte.

Endlich, eines Morgens, ließ er die Thiere satteln und trat den Heimweg wieder an. Er fühlte nur das Eine, daß die Kur völlig mißglückt sei.

Ein heftig losbrechendes Gewitter überraschte ihn unterwegs und zwang ihn, in einer elenden Hütte ein paar Stunden zu rasten. Eine kranke Frau lag dort auf dem Stroh, ein paar in Schmutz und Stumpfsinn verkommene Kinder kauerten am Herd und nagten an steinhartem Brod; der Mann war abwesend. Es schnitt ihm durchs Herz, das Elend mit anzusehen, und er wartete kaum die größte Wuth des Unwetters ab, bis er wieder das Maulthier bestieg und in Gottes Namen in den warmen Regen hinausritt, nachdem er der Kranken ein reiches Geschenk durch den Diener hatte zustecken lassen. Draußen in der frischen Feuchte wurde ihm zum ersten Mal wieder leichter zu Muth. Unwillkürlich kam ihm jetzt der Gedanke, daß auch das arme Mädchen, das ihm immer vorschwebte, einmal in solcher Hütte elend und siech hinschmachten könnte, und die Vorstellung überschauerte ihn so unerträglich, daß er einen ausführlichen Plan entwarf, wie eine solche klägliche Zukunft abzuwenden sei. Er wollte ihr ein Heirathsgut aussetzen, ein Häuschen mit einem Stück Rebenland, eine ansehnliche Summe, die ihr bei ihrer Verheirathung ausgezahlt werden sollte. Aber indem er weiter überlegte, wer sie wohl heimführen könnte, schien sie ihm für einen Bauern von dem gewöhnlichen Schlag hundertmal zu gut. Und wer sollte sich überhaupt um sie bewerben, so lange sie in der Gewalt des starrköpfigen Vaters und der alten Nachteule von Großmutter wie eine Gefangene zwischen den unnahbaren Trümmern saß?

Ueber diesen Gedanken merkte der Graf kaum, daß sich das Wetter wieder heranwälzte, von einem heftigen Südwind getrieben, der mit lautem Sausen an den Abhängen hinfuhr und alles Gewölk überm Etschthal zusammenjagte, wie ein heulender Schäferhund um die Heerde herumtobt. Der Diener wagte mehrmals ihn anzurufen, ob sie nicht in einem der kleinen Dörfer Schutz suchen sollten. Aber er erhielt keine Antwort. Auch hatte der Regen gänzlich aufgehört, und eine bange athemlose Schwüle stand über dem tiefen Thal, wo jetzt auch der Wind verstummte und nur der ununterbrochene Schall des Donners vom schwarzen Firmament herniederkam. Unten in Meran, dem sie die muthigen Thiere mit sicherem Schritt entgegentrugen, läuteten die Wetterglocken, und die stark angeschwollene Passer brauste mächtig in ihrem Felsenbett. Und jetzt mischte sich noch ein anderes dröhnendes Getöse in den wilden Aufruhr und übertönte den Lärm des Flusses in den kurzen Pausen, wo der Donner schwieg. Der Graf hielt einen Augenblick und horchte. Es ist die Naif! sagte er für sich.

Indessen ritt er beim Schein der starken Blitze gleichmüthig weiter und schlug wieder den Umweg ein, der bei Planta vorbeiführt, obwohl der Diener seine Besorgniß nicht verhehlte, hier unter den hohen Kastanien den zuckenden Strahlen ausgesetzt zu sein, die hastig einander folgend nach allen Richtungen den Himmel furchten. Seinem Herrn schien das gerade recht zu sein. Es war, als fände er mitten im Kampf der Natur, was er in ihrer Ruhe vergebens gesucht hatte.

Und nun sahen sie schon zwischen den Baumwipfeln die hohe Epheuwand und den grünverkleideten Thurm, deren Umrisse auf Augenblicke grell auftauchten, wenn ein Blitz darüber hinfuhr. Unten auf dem Weg unter den breiten Aesten war es so dunkel, daß die Thiere langsam zwischen den Steinen hintasteten. Auch war kein Mensch weit und breit im Freien zu erblicken; denn die Wolken fingen wieder an sich zu entladen und machten in kurzem die engen Wege zu Bächen. Aus den Häusern aber, an denen sie vorüberritten, hörten sie lautes, murmelndes Beten, und sahen hier und da hinter den kleinen Fenstern ein verstörtes Gesicht gen Himmel spähen. Jetzt bogen sie in den Weg ein, der gerade auf den einen Eckthurm zuführte, und ritten langsam, vorm Regen durch das Blätterdach in etwas geschützt, die Straße weiter. Es fuhr dem Grafen durch den Sinn, ob er in Planta Einlaß begehren solle, unter dem Vorwande, das Wetter abzuwarten. Da sah er plötzlich am Fuß des hölzernen Kreuzes, wie in sich zusammengesunken, eine weibliche Gestalt. Er konnte nur den einen nackten Arm und ein Stück des bloßen Hauptes unterscheiden, und zweifelte doch keinen Augenblick, wer es sei. Sie regte sich nicht, sondern lag, das Gesicht gegen den Stamm des Kreuzes gedrückt, auf den nassen Steinen, mit dem einen Arm das Holz umklammernd, mit der andern Hand ihr Gesicht verbergend. Der Hufschlag der Thiere störte sie nicht auf, der Donner schien ungehört an ihrem Ohr zu verhallen, der Regen ungefühlt von ihrem Scheitel niederzufließen.

Reite voraus, sagte der Graf halblaut. Beim nächsten Gehöft erwarte mich.

Der Diener gehorchte. Er hatte es schon aufgegeben, seinem Herrn Einwendungen zu machen.

Der aber, als er sich mit der Knieenden allein sah, stieg ab, band sein Maultier an einem Pfahle fest und trat mit raschen Schritten an das Crucifix heran. Er legte dem Mädchen die Hand auf die Schulter und nannte ihren Namen.

Ein entsetztes Gesicht blickte auf.

Was thust du hier, Filomena? fragte er in gütigem Ton. Warum gehst du nicht hinein in dem gräulichen Wetter? Dein Haar ist ganz naß, von deinem Arm trieft der Regen.

Sie antwortete nicht, sondern verbarg wieder ihr Gesicht in den Händen.

Kind, sagte er und beugte sich zu ihr hinab, was ist dir? Du zitterst über den ganzen Leib, und deine Schläfe ist heiß. Du hast Fieber; geh hinein und trockne dich. Sieh wie die Blitze immer näher kommen.

Sie sollen mich finden! stammelte das Mädchen, und ihre Augen sahen wie bittend in die Wipfel hinauf.

Ein heftiger Donnerschlag erschütterte die Luft, und der Sturm zerriß den Wiederhall, der sich unten im Thal verfing. Immer noch dröhnte der Sturz der Naif herüber, und der Regen prasselte auf die Blätter.

Du darfst nicht hier draußen bleiben, sagte der Graf in tiefer Bewegung. Ist der Vater zu Haus?

Nein.

Ich bringe dich ins Haus, Filomena; wenn du nicht gutwillig folgst, so trage ich dich auf meinen Armen hinein.

Er hatte sie trotz ihres Widerstrebens aufgerichtet und sah ihr dicht in die Augen. Vertraue dich mir an, Kind, flüsterte er. Vielleicht kann ich helfen. Sage, was für ein Kummer dich drückt.

Die Thränen stürzten ihr statt aller Antwort aus den Augen. Sie hatte den Kopf gegen seinen Arm gelehnt, und er streichelte ihr das Haar, wie einem kranken Kinde, während ihm das Herz in wunderlicher Aufregung klopfte. Du möchtest fort, raunte er ihr zu, fort von diesem öden, verlassenen Ort. Sag es aufrichtig, liebes Kind: das Leben hier ist dir zur Last. Wo möchtest du aber hin?

Ins Grab! lallte sie kaum hörbar, und ein Schauder schüttelte sie vom Kopf bis zu den Füßen.

Er erschrak vor dieser verzweifelten Heftigkeit. Du sollst noch leben, Kind, tröstete er. Du bist zu jung, zu unschuldig, zu – schön, wollte er sagen; aber das Wort erstarb ihm auf den Lippen, denn sie machte sich plötzlich von ihm los und stürzte wieder am Fuß des Kreuzes zusammen, mit solcher Gewaltsamkeit, daß er meinte, sie müsse sich an der Stirn verletzt haben. Sein Mitleiden wurde immer ungeduldiger, sein Verlangen immer ungestümer, diese rätselhaften Thränen zu stillen. Er bückte sich von Neuem zu ihrem Gesicht hinab und trocknete mit seinem Tuch ihre Wange, die von Regen und Weinen wie gebadet war. Höre doch, Kind, sagte er. Es ist ja nichts so schlimm, daß man nicht Rath und Hilfe fände, wenn man nur guten Willen hat. Wenn ich wüßte, daß du etwas Zutrauen zu mir hättest, daß ich dir nicht zuwider wäre, daß du mir folgen wolltest –

Sie stöhnte unverständliche Worte dazwischen.

Komm! sagte er und hob sie von Neuem auf. Wir wollen uns hiehersetzen, dann sage mir, was dir das Herz abdrückt. Du weißt nicht, wie viel ich für dich zu thun im Stande bin. Ich habe dich liebgewonnen, seit ich dich zuerst gesehen habe. Du bist mir seitdem immer nachgegangen –

Sie sah ihm plötzlich mit einem scheuen, fragenden Blick gerade ins Gesicht, als blitze etwas wie Hoffnung durch ihre Seele. Der kleine halbgeöffnete Mund zitterte vor Schluchzen. Dann trat wieder die ängstliche Spannung auf den Zügen hervor, die jedes Vertrauen verscheuchte. Es ist nicht möglich! sagte sie vor sich hin.

Liebes theures Kind, was ist nicht möglich?

Daß ich lebe!

Er lächelte unwillkürlich, indem er dachte, welch ein Leben er selbst ihr zu bereiten sich vorgesetzt hatte. Trockne nur deine Augen, sagte er und reichte ihr sein feines Tuch. Sie nahm es mechanisch und hielt es in der Hand. – Ich werde mit deinem Vater sprechen, fuhr er fort. Du mußt aber dann ein gutes Kind sein; willst du, Filomena?

Nein, nein, brach sie heftig hervor. Nicht mit dem Vater, mit Niemand! Lassen Sie mich, gehen Sie fort und kommen Sie niemals wieder. Es ist alles umsonst – ich kann nicht leben!

Mena! Mena! rief plötzlich eine kreischende Stimme von der Schwelle des Eingangs herüber. Sie sahen Beide erschrocken um. Die Alte stand in der Thür und wiederholte ihren Ruf mit einer drohenden Geberde. Im nächsten Augenblick war sie bei ihnen, faßte den Arm des Mädchens und zerrte sie zurück. Der Graf wollte dazwischentreten; er bemühte sich, der Alten verständlich zu machen, daß er den Vater aufgesucht und zufällig das Kind hier getroffen habe, daß er mit dem Verwalter zu reden wünsche und morgen wieder anfragen werde. Die Alte schien keine Silbe zu verstehen. Ihre heftigen Scheltworte, wie seine laute und nachdrückliche Rede, wurden von dem tobenden Wetter verschlungen; nur noch ein flehender Blick des Mädchens traf ihn, dann verschwanden Beide hinter der Thür, die von der Alten rasch zugeworfen und verriegelt wurde, und er sah sich draußen unter den triefenden Bäumen allein, mit dem bitteren Gefühl, durch sein Dazwischentreten das Schicksal der Aermsten für heute nur noch verschlimmert zu haben.

Bekümmert band er sein Maulthier los, bestieg es wieder und ritt die Straße hinab, wo er seinen Diener im Schutz eines Strohdaches seiner harrend fand. Auch jetzt gönnte er ihm kein Wort; auch den Bauern, die hie und da ihm begegneten und angstvoll nach dem Stande der Naif fragten, antwortete er nur mit einem Achselzucken. Nur den Einen Gedanken wälzte er in seinem erschütterten Gemüth, daß hier Hilfe geschafft werden müsse, je eher je lieber, daß er diese Seele zu retten habe, koste es, was es wolle.

Als er durch das Thor von Meran einritt, war das Gewitter verhallt, der Regen hatte aufgehört, nur noch aus den Dachtraufen rauschte es in die unterirdischen Gossen. In seiner Wohnung aber, wo während seiner Abwesenheit die Fenster verschlossen geblieben waren, fand er eine so schwüle Luft, daß er sogleich wieder hinaus ging, der Brücke zu, um unter den Pappeln auf der Wassermauer seinen unruhigen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Das erste bekannte Gesicht, das ihm begegnete, war von weißem Bart umstarrt und von einer verregneten leinenen Mütze beschattet. Oberst, rief der Graf mit lebhafter Freude, treff' ich Sie endlich wieder an! Sie haben mir wahrhaft gefehlt in dieser unseligen letzten Woche.

Der unverstellte Ausdruck von Herzlichkeit in diesen Worten schien selbst dem steinernen Alten an die Seele zu gehen. Wozu haben Sie mich brauchen wollen? erwiederte er mit etwas weniger schneidendem Ton. Ich tauge zu nichts mehr, als auf meinem verlorenen Posten Schildwache zu stehen, bis die Ablösung kommt.

Der Kleine überhörte es und faßte ihn lebhaft unter dem Arm. Mein verehrter Freund, sagte er, ich habe das Herz voll bis zum Rand, Sie müssen mich anhören, und es wird mir eine Wohlthat sein, wenn Sie nach Ihrer Art Hohn und Spott über mich ausgießen. Wenn sich dabei mein Kopf nicht abkühlt, sehe ich wenigstens, daß es kein Strohfeuer ist, was in mir brennt, und bestärke mich in meinen Vorsätzen.

Nur keine Liebesgeschichten! brummte der Alte. Ist es noch nicht zu Ende mit der ungrischen Circe? Oder haben Sie gar da oben mit Ihrer Bettelprinzessin eine Narrheit angesponnen?

Sie sollen Alles erfahren, Oberst, drängte der Graf. Aber lassen Sie uns in irgend eine Schenke eintreten, ich bin den ganzen Tag geritten, die Zunge klebt mir am Gaumen. Seien Sie ruhig, ich bringe Sie nicht zu civilisirten Menschen; unter die Bauern setzen wir uns, wo Niemand Sie kennt und belästigen kann. Da ist eine kleine Weinkneipe unter den Lauben, wo Sonntags die weischen Maurer hinter der Flasche sitzen und ihre Lieder singen; dahin kommt Niemand aus der sogenannten »Gesellschaft«, die Ihnen wahrlich jetzt nicht verhaßter sein kann, als mir.

Damit schleppte der Graf den schweigsamen alten Herrn in die Stadt zurück und eine gute Strecke die steinernen Arcaden hinunter, wo jetzt, nach dem Gewitter, eine erfrischende feuchte Luft wehte. – Es ist schön, da in der Abenddämmerung hinzuschlendern und in die Hausthüren zu blicken, hinter denen gewölbte dunkle Flure, schmale Treppchen und kleine Höfe mit einem reizenden Wechsel von Licht und Schatten sich hintereinander schieden. Aber die beiden Männer, die einer Winkelschenke zusteuerten, gingen blindlings an diesen Kabinetsstücken vorüber, warfen auch, in dem Schenkzimmer angelangt, kaum einen Blick auf die prachtvollen Bauernfiguren, die den einen Tisch besetzt hatten, sondern nahmen an einem anderen Platz, wo Niemand saß als ein einfach, aber städtisch gekleideter Mann, der bei einer trüben Kerze die neuen Zeitungen las. Es war ein niedriges Gemach, dessen Fenster, nach den Arcaden zu, der Zugluft geöffnet waren. Ein noch kleineres Vorzimmer ging auf den Flur hinaus. Da stand ein Schrank mit Flaschen, Gläsern und zinnernen Tellern, und eine Fallthür führte in den Keller hinab. Zu anderer Zeit war auch hier alles voller Gäste, und sie saßen bis in den Flur hinaus. Heute war es dunkel darin; das Unwetter hatte die Bauern früher nach Hause gescheucht, und nur die wenigen dort am Tische waren standhaft ihrem Kartenspiel treu geblieben. Jetzt brachen auch sie alle zusammen auf, und Niemand blieb in dem vordern Zimmer zurück, als die drei an dem Tisch in der Ecke, wo man den Zugwind am wenigsten empfand. Die Kellnerin brachte dem Obersten von dem goldfarbenen Terlaner Wein, dem Grafen, der nur wenig, aber immer vom feurigsten zu nippen pflegte, den besten Ungar, der sich im Keller fand. Der kleine Herr stürzte aber zuerst ein großes Glas Wasser hinunter und seufzte mehrmals aus voller Brust, um sich zum Reden einen leichteren Athem zu schaffen. Indessen hatte der weißbärtige Alte seine Ledertasche geöffnet und ihren Inhalt auf dem Tische ausgekramt, um Stein für Stein durch eine große Lupe zu mustern. Er fuhr in diesem Geschäft gleichmütig fort, als nun der Graf seinen Bericht anfing. Ein kurzes Husten und Brummen war alles, was er dann und wann dazwischenwarf.

Verstehen Sie mich recht, lieber Freund, sagte der Graf endlich – in dem halblauten Ton, in welchem er die ganze Geschichte der letzten Zeit gebeichtet hatte, um den lesenden Dritten nicht mit einzuweihen – ich werde mich nicht kopfüber in diese Sache hineinstürzen und mir vor allen Dingen den Alten noch einmal gründlich ansehen. Für das Mädchen legt' ich die Hand ins Feuer, daß sie der aufopferndsten Theilnahme werth ist. – Wenn ich sie jetzt so auf einmal und für immer aus ihrer Umgebung herausheben könnte, so würde mir der Gedanke, was sie wohl schon erlebt haben mag, keine Stunde zu schaffen machen. Wenn Sie den Ausdruck des Jammers gesehen hätten, mit dem sie sich an das Kreuz klammerte, würden Sie mir Recht geben, daß hier alle andern Rücksichten nicht in Betracht kommen können gegen die Pflicht, das junge Leben, das so sichtbar verkommt und verkümmert, in eine reinere, wohlthätigere Luft zu bringen, und daß diese Pflicht zugleich eine Freude in sich schließt. Welch ein herrliches Kind! Welch eine Größe und Fülle der Empfindung in jedem Wort, das sie spricht! Wahrhaftig, es braucht nur eine liebevolle und behutsame Hand, um das Juwel, das im Schutte liegt, zu reinigen und ihm eine würdige Fassung zu geben, und Sie sollen staunen, welchen Fund ich da gethan habe!

Sie denken doch natürlich, das Kleinod in einen Ring zu fassen und an Ihrer eigenen gräflichen Hand blitzen zu lassen?

Und was wäre so Schlimmes dabei? fragte der kleine Herr eifrig. Vorläufig denk' ich in der That nicht so weit hinaus, nur daß um jeden Preis etwas geschehen muß. Denn wenn es länger so fortgeht, zehrt mich das Mitgefühl mit dem armen Kinde zum Schatten ab, und wer weiß, ob sie nicht am Ende Ernst macht mit ihren Sterbegelüsten. Wenn es mir aber gelingt, sie dem Leben wiederzugeben, und sie in reinen Kleidern hält, was sie in armseligen Lumpen verspricht –

So wollen Sie eine Frau Gräfin aus ihr machen, oder ihr wenigstens die Ehre anthun, sie zu Ihrer Maitresse zu erheben?

Oberst! zürnte der Graf, und ein edles Feuer überflog sein Gesicht. Aber was erhitze ich mich? Mögen Sie doch von meinen Vorsätzen und Grundsätzen denken, was Sie wollen. Nur einen Rath möchte ich von Ihnen hören, wo ich das Mädchen für die nächste Zeit am passendsten unterbringe. Sie so wild weg aus den alten Trümmern in eine der gewöhnlichen Pensionen zu stecken, schiene mir verkehrt. Doch meine ich – immer vorausgesetzt, daß der Vater mit sich reden läßt, und daß es mir überhaupt gelingt, den Schleier zu lüften, der über dieser seltsamen Familie liegt –

Ein lautes Reden und Singen, mit dem einige junge Leute aus dem Flur in das dunkle Vorzimmer traten, unterbrach ihn. Er blickte unruhig auf, denn er glaubte das Lied wiederzuerkennen, mit dem jüngst auf seinem frühen Morgengang der junge Stutzer, der Liebhaber der ungarischen Kammerzofe, an ihm vorübergeschlendert war. Und wirklich erschien der schmucke Jüngling jetzt in der Thür, das Strohhütchen noch herausfordernder aufs Ohr gesetzt, die lange Cigarre in der Hand, während er zwischen den blendend weißen Zähnen nachlässig jene welsche Melodie trällerte. Einer seiner Kameraden rief nach Wein, der andere, der heute schon manches Glas geleert zu haben schien, umfaßte die Kellnerin und raunte ihr allerlei ins Ohr, was sie mit Lachen und Kopfschütteln abwehrte. Die jungen Herren nahmen von den übrigen Gästen durchaus keine Notiz, redeten laut und ohne Scheu von allerlei intimen Privatangelegenheiten, und nur an dem Schönen, der sich nachlässig auf die Bank gestreckt hatte, war eine gewisse stolze Würde zu bemerken, mit der er sich zerstreut und einsilbig über die schlechten Witze der Anderen erhob. Er zog eine Rose aus dem Knopfloch seines eleganten Röckchens, zerpflückte sie langsam und warf sie zum Fenster hinaus. Dann zog er ein höchst zierliches Taschenbuch hervor, mit Banknoten gefüllt, und ein neues Spiel Karten, und begann, ohne ein Wort zu sagen, die Vorbereitungen zu einem Hazardspiel, in das sich alle drei bald aufs Eifrigste vertieft hatten.

Der Herr hinter den Zeitungen schien das Treiben der jungen Leute nicht sonderlich zu beachten; auch der Oberst studirte gleichgiltig weiter an seinen Mineralien. Aber der kleine Graf war sichtlich verstimmt. Sein leicht erregbares Temperament fühlte sich durch die cynische Absurdität dieser windigen Jugend, durch ihr Prahlen und Pochen beunruhigt. Er mußte eine geraume Zeit mit sich kämpfen, bis er wieder einigermaßen ins Gleichgewicht kam; und dennoch gelang es ihm nicht, den Faden von Neuem anzuknüpfen. Seine schönen Pläne und Träume erschienen ihm plötzlich grau und verschwommen; sein festes Zutrauen in die Güte der Menschennatur verließ hn. Er sah überall Hindernisse, Enttäuschungen, Undank, wo er vorher so muthig nur Erfolg und Sieg vor Augen gehabt hatte.

Eine Zeitlang wurde es stiller drüben an dem Tisch, wo die Spieler saßen. Nur der vom Wein Erhitzte begleitete jede Wendung des Spieles mit seinen Glossen, die in einer seltsamen Coteriesprache von Deutsch, Französisch und Italienisch zu Tage kamen. Der Schöne wies ihn manchmal vornehm zurecht, während der Dritte, der ganz Bewunderung war und den jungen Löwen als ein unerreichbares Vorbild zu studiren schien, getreulich secundirte. Es schlug neun Uhr von der Pfarrkirche. Draußen unter den dunklen Lauben wurde es stiller und stiller. Man hörte nur zuweilen durch die offenen Fenster ein Stück des Gesprächs von Vorübergehenden. Ein Nachbar des Schenkwirths, dem droben an der Naif ein Weingut gehörte, saß eine Weile auf der steinernen Bank unter der Arcade und beruhigte den Wirth, daß für diesmal Nichts mehr zu fürchten sei. Die Naif sei weiter unten, gegen Schloß Trautmannsdorf zu, über das Ufer gestiegen, habe aber wenig Schaden gethan. Droben bei der Besitzung des Wirthes sei alles sicher, und da der Himmel mondhell und das Wetter ganz nach Süden verweht, könne er sich ruhig aufs Ohr legen.

Das hörten die in der Schenkstube mit an, dann auch, wie ein einzelner Gast bei den Männern draußen vorbeikam und durch den Flur ins Vorzimmer trat. Er blieb aber dort im Dunkeln und setzte sich auf eine Bank dicht neben der offenen Thür, wo ihm die Kellnerin Wein und Brod hinbrachte. Man konnte von jenem Platz das ganze Schenkzimmer übersehen und jede Silbe verstehen, die darin gesprochen wurde.

Und dem Manne schien hieran nicht wenig gelegen zu sein. Wenigstens ließ er Brod und Wein unangerührt stehen und spähete unverwandt hinein. Die Kellnerin kam jetzt mit einem brennenden Licht an seinen Tisch. Sie sind's, Herr Weber! sagte sie, ihn jetzt erst erkennend. Denn Alle kannten ihn, obwohl er sich sonst nie in den Weinschenken des Städtchens blicken ließ, und auch die Kaufläden nur betrat, um Pulver und Blei zu erhandeln.

Still! sagte er rasch. Kannst auch das Licht sparen. Ich seh' klar genug.

Als das Mädchen ihn im Dunkeln wieder allein gelassen hatte, um die Herren drinnen zu bedienen, nahm er den Hut ab, unter dem der Schweiß in schweren Tropfen hervordrang, und griff nach seinem Tuch in die Tasche. Aber statt des groben, zerrissenen blauen Baumwollenfetzens zog er ein schneeweißes vom feinsten Batist heraus. Das ist das unrechte! knirschte er zwischen den Zähnen und steckte es sorgfältig in eine andere Tasche.

Es war das Tuch, das der mitleidige Graf vor wenigen Stunden dem weinenden Mädchen gegeben hatte, um ihre Thränen damit zu trocknen. Sie hatte es achtlos in der Hand behalten, als die Großmutter sie in den Hof zurückriß. Dann war der Vater heimgekommen und hatte sein Kind verklagen hören und sie scharf ausgefragt über jedes Wort, das der Graf zu ihr und sie zu dem Grafen gesagt hatte. Dann kein Scheltwort, kein Fluch, keine Drohung. Nur seine buschigen rotblonden Augenbrauen zogen sich noch finsterer über den tiefliegenden Augen zusammen, und die Flügel der kurzen, etwas aufgeworfenen Nase zitterten.

Er hat gesagt, daß er dich lieb habe?

Ja, Vater.

Und daß er mit mir sprechen wolle?

Ja, Vater.

Ladro maledetto! wüthete die Alte vor sich hin.

Still, Mutter! – Geh zu Bett, Kind. Gieb mir das Tuch. Er hat mit mir sprechen wollen? Ich werde mit ihm sprechen.

So war er gegangen. Was er dem vornehmen Herrn sagen wollte, stand ihm nur undeutlich vor der Seele. Denn ein bitterer Gram, der ihm das Blut gegen das Gehirn trieb, fraß ihm am Herzen. Er war fest überzeugt, daß seinem Kinde schon viel zu viel in den Kopf gesetzt werden war. Zwar begriff er es nicht, daß gerade dieser Herr, der eben nicht mehr der Jüngste, auch nicht der Stattlichste war, so rasch die Neigung des Mädchens gewonnen haben sollte. Doch wenn er zurückdachte, konnte er sich's nicht verhehlen, wie anders sie ihm seit einiger Zeit erschienen war, zerstreut und schreckhaft, als habe sie einen heimlichen Kummer zu hüten. Und diese Veränderung fiel ungefähr mit dem ersten Besuch des Grafen in dem alten Schlosse zusammen. Wer wußte auch, ob er sich ihr nicht schon früher genähert hatte? Und er kannte sie, daß sie Nichts leicht vergaß und verschmerzte. Wenn er auch jetzt dazwischentrat und das Unheil im Beginn ausrottete, das arme Ding würde doch noch eine geraume Zeit darunter zu leiden haben, und er in ihre Seele hinein.

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