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Der Kinder Sünde der Väter Fluch

Paul Heyse: Der Kinder Sünde der Väter Fluch - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDer Kinder Sünde der Väter Fluch
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1862-63
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Rasche Schritte näherten sich ihm von der Hauptstraße her, und ein stämmiges junges Weib mit einem braunen, offnen und zufriedenen Gesicht kam unter den Bäumen heran, einen Tragkorb auf dem Rücken, in den Händen ein großes graues Strickzeug, an dem sie im Gehen arbeitete. Sie wandte, ohne zu erschrecken, den Kopf, als der Fremde sie anrief.

Wohin geht's? fragte er.

Ich bin die Bäckin, Herr, antwortete sie, und trage das Brod hier oben in die Höfe herum.

Ein saurer Gang in der Hitze.

Es passirt, Herr. Es weht ein viel guter Luft hier oben. Man spürt's kaum, daß der Weg lang ist.

Gehst du auch hier in das alte Schloß?

Freilich, Herr.

Wie heißt man die Trümmer?

Schloß Planta. Die Herrschaften, denen es gehört, haben schon lange keinen Fuß mehr hineingesetzt, es ist auch nicht gar sauber darin, aber ein Verwalter wohnt drin mit seiner Tochter und der Mutter von seiner Frau selig, oder seiner eignen, ein Weib wie der Teufel, die Jedem die Zähne weist, die zwei, die sie noch hat. Das arme Ding, es hätte auch wohl gern ein bissel andere Gesellschaft, zumal der Vater wenig daheim ist.

Was treibt er draußen?

Schießen, Herr. Auf allen Preisschießen viele Stunden ringsum bis nach Trient hinunter könnt Ihr ihn finden, und leer geht er nirgends aus. Darüber versäumt er freilich sein Heimwesen, aber im Grund hülf' es auch nichts, Fledermäuse und anderes Geziefer könnte er doch nicht verjagen, und wenn er Tag und Nacht darauf Jagd machte. Sie haben schon zu lange freie Miethe in den alten Löchern. Die Güter aber ringsherum sind verpachtet, bis auf die paar Reben, die im Hof wachsen. Da hat er freilich mit der Hausmeisterschaft wenig Plage.

Ist's ein Bauer hier aus der Gegend?

Nein, Herr. Es weiß so recht Niemand, wo er her ist, außer etwa der Bürgermeister. Er und seine Leut' sprechen nie davon, haben auch gar keine Freundschaft in der Nähe. Es ist nun schon ein Jahr, daß ich ihnen zweimal in der Woche das Brod bringe, aber ich weiß noch so viel von ihnen wie den ersten Tag. Alle Monat werd' ich richtig bezahlt, das ist wahr, und am Ende, was geht's mich an? Wovon einer nicht reden mag, das ist selten was Gescheites oder Lustiges, und ich hab' mein' Tag' lieber gelacht als geweint. Um das Mädel thut mir's aber leid. Das könnt' bildsauber sein, wann's ein ganzes Gewand anzulegen hätt'. Aber selbst Feiertags getraut sich's nur in die allererste Messe, weil's so schlecht angethan ist, und auch wegen der Alten, die Jedem bange macht mit ihrem wüsten Wesen. Nun aber behüt' Gott, Herr! Es ist schon spät, und der Meister wartet zu Haus.

Damit schritt sie an ihm vorbei in die hölzerne Pforte, und er stand ebenfalls auf, um noch vor der Mittagshitze die Stadt wieder zu erreichen. Was er seit dem Morgen erlebt hatte, ging ihm wunderlich durch den Sinn. Es war ihm, als läge der Auftritt mit der schönen falschen Frau, die ihn an sich gelockt hatte, um ihn dann beschämend abzuweisen, schon Jahre lang hinter ihm. Der Stachel, den er von ihr mit fortgenommen, war kaum mehr zu spüren. Desto fester stand ihm das Bild des Mädchens vor der Seele, wie er sie zuerst in dem magischen Zwielicht schlafend erblickt hatte, und hernach jede Bewegung, jeder Ton ihrer Stimme. Ein beklemmendes, räthselhaftes Mitleiden hatte er in ihrer Nähe gefühlt, das dennoch einen geheimen Reiz hatte und ihn nun überall hin begleitete. Es war ihm lieb, dem alten grilligen Mann, der ihm am Morgen zum Vertrauten gerade recht gewesen war, nirgends wieder zu begegnen. Von der Ungarin hatte er ihm sprechen können und seine Sarkasmen nur wie Eis auf einer frischen Wunde empfunden. Was ihn aber in dem alten Trümmernest angewandelt hatte, war ihm selber noch ein Märchen, das man Spöttern und Verächtern nicht gern zum Besten giebt. Jetzt, während seine Füße mechanisch den Abhang hinunterwanderten, schweifte seine leichtbewegliche Phantasie noch immer in den Irrgängen, Winkeln und öden Hallen jenes verzauberten Schlosses herum, ruhte auf der Bank neben dem schlafenden Kinde und spann von dem Wocken ihres Spinnrades einen langen wundersamen Faden herab, bis ihn die dumpfe Stimme der Alten plötzlich aufschreckte.

Es ist Thorheit! sagte er bei sich selbst. Ich bin im Fieber von meiner Feindin weggegangen und habe mit kranken Sinnen dies alles angeschaut. Der Oberst hat Recht, nur in einer überspannten Stimmung kann man in der Natur und bei Naturmenschen den Frieden suchen. Diese unheimliche Familie, von der Niemand weiß, woher sie stammt und was vielleicht hinter ihr liegt, ist nur als Staffage für die Trümmerlandschaft zu genießen. Auch wär' es der baare Unsinn, die alten Mauern etwa ausbauen zu wollen. Was finge ich mit den hundert Gemächern an, die darin Platz hätten? Ja wenn es anders gekommen wäre und ich müßte jetzt daran denken, mich auf ein Familienglück einzurichten! Und dann wäre immer noch die Frage, ob meiner Frau damit ein Gefallen geschähe, wenn ich sie und mich in jene Rebenwildniß vergrübe. Dieser Frau nun einmal gewiß nicht.

Dabei kam ihm der Gedanke, wie wunderlich es doch sei, daß die Verführerin sich nun schon Monate lang eben in dem freilich wohnlichen, aber immerhin einsamen Schlosse aufhalte. Einen kleinen Hofstaat hatte sie dort um sich versammelt aus der Aristokratie der Gegend, den Offizieren der Garnison unten in Meran und einigen Fremden, die gleich ihm, dem Grafen, nur ihretwegen ihren Aufenthalt in die heißere Zeit hinaus verlängert hatten. Aber wie konnte ihr dieser Kreis, in dem es völlig an glänzenden Gestalten fehlte, Ersatz sein für die Gesellschaft, deren Mittelpunkt sie in Wien und Paris gewesen war?

Indem er diesen Betrachtungen nachhing, besann er sich auch, daß er selbst am klügsten thun würde, den Ort zu verlassen. Es konnte nicht an Spöttern fehlen, die sein Abenteuer herumtragen würden, und nicht mit jedem seiner Bekannten hätte er die Sache so offen besprechen mögen, wie mit dem alten Menschenhasser, der ihm stets ohne alle Schonung seine Thorheit vorgehalten hatte. Er vermied auch die Wirthstafel des Gasthofes, in dem er wohnte, speiste auf seinem Zimmer und trug seinem Diener auf, jeden Besuch abzuweisen. Als er allein war, verbrannte er ein Tagebuch, das er in den letzten Monaten geführt hatte. Darauf wurde ihm etwas wohler; er fühlte jetzt erst, daß ihm der Schlag nicht ans Leben gegangen war, da der beste Kern seines Wesens von dem aufregenden Reiz dieser Leidenschaft nicht mit berührt worden. Unschlüssig ging er in seinem kühlen Zimmer auf und ab und überlegte die nächste Zukunft.

Er gehörte zu den Menschen, denen ihre völlige Unabhängigkeit mit den Jahren immer fühlbarer zur Last wird, die immer leidenschaftlicher in dem beruf- und pflichtenlosen Strom ihres Daseins nach einem festen Punkt haschen, an den sie sich anklammern könnten, auch auf die Gefahr hin, nun ihrerseits fester, als ihnen lieb sein möchte, an einen Boden gefesselt zu werden, der ihnen nicht freundlich und fruchtbar wäre. Es sind das jene unproductiven Naturen, deren einzige hervorstechende Gabe eine excentrische Gutmüthigkeit zu sein pflegt, von der sie, selten zu ihrem und anderer Menschen Heil, einen verschwenderischen Gebrauch machen. Da kein Talent, kein durch Wahl oder Zwang vorgestecktes Lebensziel ihnen innere Pflichten auferlegt und sie daher beständig wie in Ferien, wie von ihrem eignen Ich beurlaubt, herumgehen, machen sie sich hundert kleine Pflichten, in denen sie die treibende Unruhe eines edlen guten Willens zu stillen suchen, durch keine noch so schroffe Abweisung, keine Enttäuschung, keine Beleidigung egoistischer Naturen jemals für lange Zeit eingeschüchtert.

Es war dem kleinen Grafen etwas Aehnliches selbst mit seiner Leidenschaft für die glänzende Frau begegnet, die er in allem Ernst, gegen seinen geheimsten Instinct, genährt hatte, da er sich einbildete, hier warte seiner eine schöne Pflicht: die reiche, aber ans Nichtige sich vergeudende Natur dieses Weibes zu bändigen und durch den Einfluß einer ehrlichen treuen Neigung zu veredeln. Diese löbliche pädagogische Aufgabe hatte ihn, ohne daß er sich's klar machte, fast lebhafter begeistert, als der Zauber ihres Wesens ihn berauscht hatte. Er war nun plötzlich vollkommen nüchtern geworden; aber in der Leere, die ihn wieder umgab, griff er eilig nach einem neuen, noch abenteuerlicheren Plan, der ihn in den übrigen einsamen Stunden dieses Tages hinlänglich beschäftigte, und ihm eine erquickliche Entschädigung bot für Alles, was ihm eben so unsanft zerstört worden war.

Er hätte jetzt gern den alten Obersten aufgesucht, um im Streit mit ihm und seinem unerbittlichen Hohn zum Trotz sich erst recht in seinem Vorsatz zu bestärken. Der Alte aber hatte ihm nie seine Wohnung gesagt, und obwohl ihn Jedermann als Figur, als ein wandelndes Räthsel kannte, so konnte sich doch Keiner rühmen, etwas Genaueres von ihm erfahren zu haben, als daß er in irgend einem der umliegenden Dörfer seine Wohnung aufgeschlagen habe und seit einigen Monaten mit dem Hammerstocke die Berge und Thäler auf und ab durchwandere. Selbst sein Name war streitig; die Wenigen, mit denen er überhaupt je ein Wort gesprochen, nannten ihn Herr Oberst, ohne zu wissen, ob sein militärischer Rang oder sein Familienname damit bezeichnet sei. Daß er Militär gewesen, sah man auf den ersten Blick. Weiter hatte selbst der Graf nichts von seinen Verhältnissen erfahren können, trotz der kindlichen harmlosen Zuthulichkeit, mit der er bei zufälligem Begegnen sich ihm angeschlossen hatte. Denn auch hier meinte der warmblütige, müßige Enthusiast ein gutes Werk zu thun, wenn er dem Alten seinen menschlichen Antheil unermüdlich entgegenbrächte. Und da es wirklich mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit geschah, ließ der versteinerte alte Mann nach den ersten schroffen Ausbrüchen der Ungeduld den Verkehr so lose und zufällig, wie er war, sich gefallen.

Abends, als der Graf hinter geschlossenen Jalousieen am Fenster stand und auf die staubige Gasse hinuntersah, bemerkte er mehrere Offiziere, die zusammenstanden, lachten und zuweilen nach seinem Zimmer hinaufdeuteten. Der Gedanke, sein heutiges Abenteuer gebe den Anlaß zu ihrer Heiterkeit, war ihm empfindlich genug. Aber er wußte nun schon, wo er sich vor allen Spötterblicken zu verschanzen hatte; er legte sich früh schlafen, und in seinen Träumen stieg aus den Trümmern des alten Schlosses ein zierlicher Wohnsitz auf, und er selbst ging in den Rebenlauben umher und spielte den Winzer und pflog ernsthafte Gespräche mit dem Mädchen, das in sauberer Bauerntracht neben ihm wandelte, einen Korb tragend, in den er die schönsten Trauben sammelte. Er betrachtete dabei das junge Gesicht – das noch immer nicht froh, aber doch nicht mehr so verwildert und erschrocken dreinschaute – mit Blicken halb wie ein Bruder, halb wie ein Vater. Sein Blut floß ruhig, und in ihr Gespräch mischte sich kein Hauch von verliebter Tändelei. Sie erzählte ihm hastige traurige Geschichten aus ihrer Jugend; der Vater kam plötzlich dazu und nickte ernsthaft mit dem Kopf, als wollte er sagen: So war's! Ist das nicht schlimm genug? – Dann sprach er ihnen Beiden Muth ein, und sie setzten ihren Weg fort, bis der alte Oberst plötzlich aus dem Hause trat und mit seiner kaltblütigen Manier Sagte: Seife thut's freilich nicht, und Sie mögen das Mädchen waschen, so viel Sie wollen: die Haut wird rein, das Blut aber bleibt schmutzig. Da hob der Vater seine Flinte und drohte, den Alten zu erschießen; der aber sagte: Schießt immerzu, Steine schießt man nicht todter, als sie schon sind. – Und solcher Träume mehr, die immer banger und verworrener wurden, bis der Schläfer, in Schweiß gebadet, erwachte.

Indessen ließ er den Nachmittag herankommen, ehe er seinen Gang nach dem alten Schloß hinauf wieder antrat. Es war ein gewitterhafter Duft über den ganzen Himmel verbreitet, und der Weg wurde dem Steigenden beschwerlich, obwohl er sanft bergan führte. Er kannte diesen Weg Stein für Stein, wenigstens die Viertelstunde weit bis an den Brunnen, wo die Straße sich theilt, links nach Planta abbiegend, rechts nach dem Schlosse jener Armida, zu der er manche Woche Tag für Tag gegangen war. – Jetzt saß er am Brunnen auf einem Holzstoß und bedachte den Wechsel der Zeit und seines Herzens. Jene Straße zur Rechten, die er so lange blindlings eingeschlagen, war ihm plötzlich wie durch eine unsichtbare Mauer verlegt, und wußte er, wie oft er noch den Weg zur Linken betreten würde?

Indem er mit gedankenloser Melancholie in die Brunnenröhre sah, in der das Wasser in steter Unruhe stieg und sprudelte, ohne doch die Höhe des Troges zu überwallen, kam ein auffallendes Paar auf dem Wege zur Rechten daher, ein schöner junger Mensch in eleganter Sommerkleidung, das feine Strohhütchen etwas schief aufgesetzt, eine dunkle Nelke im Knopfloch, die lange Virginia-Cigarre fest zwischen den Lippen, daß der blaue Rauch dann und wann durch das glänzend schwarze Bärtchen hervorquoll. Er war eher klein als groß, aber von einer natürlichen Anmuth der Bewegung, und bei der dunklen Gesichtsfarbe und dem herausfordernden Blick so männlich in der Erscheinung, daß ihn Niemand über die Achsel ansehen konnte. Der Graf war ihm in Meran oft begegnet, ohne ihn zu beachten. Er gehörte zu den wenigen Löwen und Stutzern der kleinen Stadt, die den Tag im Kaffeehause und auf der Gasse verschlendern und regelmäßig bei der Post zu finden sind, wenn die Eilwagen ankommen, um die neuen Gesichter zu mustern. Dieser war ohne Frage, wie der schmuckste, so auch weitaus der manierlichste und weltläufigste unter seinen Genossen. Er mochte in Venedig gewesen sein, vielleicht gar in Wien, und hatte eine nachlässige Sicherheit in seinem Wesen, die den Andern als das Muster des feinen Tones vorschwebte. Sein Vater besaß ein Haus und einen Waarenladen in Meran, auch Weingüter und Wiesen; man wußte nicht recht, wie viel davon noch sein war, da er oft das Hypothekenbuch bemühte, auch auf einem bequemen Fuße lebte und den Sohn nicht minder gewähren ließ. Dies alles freilich war dem Grafen unbekannt. Aber nur allzu gut kannte er die Zofe, die der junge Löwe am Arm führte; wie oft hatte sie ihm die Thür zu ihrer schönen Herrin geöffnet und mit einem ehrfurchtsvoll verschmitzten Knix nach seiner Hand gegriffen, um sie, dankbar für so manches goldene Souvenir, an die Lippen zu drücken. Das Mädchen war nicht eben reizend und sah vollends unvortheilhaft und verblüht aus neben dem bildschönen jungen Galan, der sie auch mit einer vornehmen Miene, als geschähe es nur aus Gnaden, des Weges führte und nach ihrem lebhaften Geplauder kaum hinzuhören schien. Eine unsäglich widrige Empfindung überkam den Grafen beim Anblick dieser Mitwisserin seiner Schicksale. Er mußte sie als mitverschworen ansehen und wandte unwillkürlich den Kopf, um nicht erkannt zu werden. Zum Glück hatte er die schwarze Kleidung mit einem leichten Jagdrock vertauscht und einen breitrandigen Strohhut aufgesetzt. So ging das Paar achtlos an ihm vorbei und sobald sie hinter den Weingütern verschwunden waren, stand er eilig auf und setzte hastiger seinen Weg fort, als könne er die Zeit nicht erwarten, bis er den Ort seines Weltasyls wieder mit Augen sähe.

Im Thal lagen schon abendliche Schatten, aber die hohen Epheuwände standen noch in voller Sonne. Seine Gedanken hatten diese Mauern seit gestern so unablässig umkreist, daß ihm jetzt war, als sei er dort schon zu Hause und komme nach längerer Abwesenheit wieder zurück. Er fand das Mädchen im Hof, auf einem großen Block dürres Holz in Splitter hackend für die Küche. Nun erst in der Tageshelle fiel ihm ihre armselige Kleidung, deren sie sich selbst nicht zu schämen Schien, peinlich auf; er hatte sie in seinen Träumen schon so schön herausgeputzt. Auch der scheue Blick, mit dem sie von ihrer Arbeit aufsah, war ihm befremdlicher, als das erste Mal; zugleich aber zog ihn die aus aller Verwilderung rein hervorleuchtende Schönheit des Kindes noch mächtiger an. Er verlor sich einige Augenblicke in ihr Anschauen und verzögerte die Frage, die er auf den Lippen hatte.

So kam sie ihm mit der Antwort zuvor. Er ist noch nicht wieder zu Haus, der Vater, sagte sie. Ich weiß auch nicht, wann er kommt.

Als er darauf noch immer schwieg, hob sie wieder das kleine blanke Beil und fuhr gleichgiltig in der Arbeit fort.

Liebes Kind, sagte er jetzt, ich bin müde vom Steigen. Ich darf hier wohl ein wenig ausruhen?

Sie erwiederte nichts, und er setzte sich auf eine morsche alte Bank in ihrer Nähe. Wo ist der Vater denn hingegangen? fragte er nach einer Weile.

Nach Lana, zum Schießen.

Und bleibt er oft so viele Tage weg?

Wie sich's eben trifft. Vielleicht ist er nach Bozen, wo auch ein Schießen ausgeschrieben ist.

Und wird dir die Zeit nicht lang, Filomena, wenn du hier so allein bist mit der Großmutter?

Sie schüttelte den Kopf, als verstünde sie den Sinn der Frage nicht. Ihre stillen traurigen Augen sahen vor sich hin, wie wenn sie nie etwas anderes gesehen hätten, als die verwitterten Steine da drüben und den dunklen Epheu, über den die Zeit mit Winter und Sommer spurlos hingeht.

Ist die Großmutter gut zu dir? fing er wieder an.

Sie nickte, aber ein verhaltener Seufzer hob ihre Brust.

Und du fürchtest dich auch gar nicht mit der tauben alten Frau hier so allein, bei Tag und Nacht? Es streift doch oft Gesindel hier herum, Slowaken, Kesselflicker, betrunkene Soldaten. Wenn sie nun einmal hier hereinbrächen und überfielen dich und du könntest die Großmutter nicht herrufen?

Nein, nein, sagte sie plötzlich mit einer seltsamen Hast. Es kommt Niemand, es fragt Niemand nach uns, wir sind arm. Und wenn was käme, bei Nacht – die Großmutter würde es schon merken. Sie schläft nur am Tag, so lange die Sonne hoch steht, drei oder vier Stunden, weil ihr da die Augen weh thun. In der Nacht sitzt sie und spinnt, und sieht dann so gut, wie ich am hellen Tage, besser als die Eulen, auch wenn kein Stern Scheint und der Faden wird immer glatt und gleich. Nein, nein, es kommt Niemand zu uns, den sie nicht gleich bemerkte, außer – wenn sie einmal Wein getrunken hat.

Die letzten Worte waren ihr halb unbewußt entfallen. Sie erschrak sichtbar, und ein flüchtiger bittender Blick, den er sich nicht zu deuten wußte, streifte dabei seine Augen.

Möchtest du aber nicht zuweilen hinaus und andere Menschen sehen und Mädchen von deinem Alter, und auch einmal nach der Stadt hinunter, wenn Markt ist?

Was sollt' ich mir kaufen? erwiederte sie ruhig.

Nun, sagte er lächelnd, es fänden sich wohl Andere, die dir gern das Hübscheste, und was dir nur gefallen möchte, kaufen würden, wenn du sie freundlich dafür ansähest.

Eine dunkle Röthe übergoß sie plötzlich. Sie schüttelte abwehrend den Kopf und schlug mit dem Beil so heftig auf die harten Aeste, daß die Splitter weit herumflogen.

Ich meine ja nichts Schlimmes, Kind, sagte er, von ihrer wunderlichen Heftigkeit betroffen. Du wirst doch aber nicht dein Lebtag hier in dem alten Schlosse bleiben, sondern einen braven Burschen zum Mann bekommen und ein hübscheres Quartier, als dieses da. Möchtest du nicht, Filomena?

Ich will nicht fort vom Vater, erwiederte sie dumpf, immer noch in voller Glut. – Ohne daß er sich's eingestand, war es ihm lieb, sie noch so trotzig und kindisch zu finden, wie er sie nach diesen Reden vermuthen mußte. Liebes Kind, sagte er, du bist noch jünger als deine Jahre. Aber was sagtest du, wenn ich das Schloß hier kaufte und mir und euch eine bessere Wohnung darin ausbaute? Möchtest du dann wohl mit dem Vater zusammen bei mir bleiben?

Ehe sie noch etwas erwiedern konnte, klappte oben über ihren Häuptern der Fensterladen, und die Stimme der Alten rief laut und zornig etwas hinunter, was der Graf nicht verstand. Ich muß fort, sagte das Mädchen und raffte das kleingehauene Holz in die grobe Schürze zusammen, die sie um die Hüften gebunden hatte. Dann ging sie eilig in die kleine Thür, und er füllte sich nicht aufgelegt, ihr zu folgen und der Alten wieder zu begegnen, die noch immer ihr unförmliches Haupt zum Fenster hinausstreckte und ihn mit einer Fluth welscher Scheltreden übergoß. Draußen aber unter den Nußbäumen verzog er noch ein wenig; er bildete sich fest ein, sie müsse noch einmal herauskommen, und überlegte, was er ihr dann noch sagen wollte. Sie kam nicht; verstimmt und aufgeregt trat er den Rückweg an.

Bei der nächsten Biegung der Straße traf er mit dem Alten Zusammen, der ohne ihn zu grüßen vorbeischritt, diesmal aber wohl durch die veränderte Kleidung getäuscht, da er, das Gesicht immer auf die Steine gesenkt, überhaupt kaum darauf achtete, ob ein Mensch an ihm vorüberging. Der Graf hielt ihn an. Warum haben Sie mich gestern im Stich gelassen? fragte er.

Ich bin nicht gern, wo ich nichts zu suchen habe, gab der Alte mürrisch zur Antwort. Nun? fuhr er fort und maß den Andern mit einem strengen Blick; das Abenteuer schon hübsch im Gange, Herr Graf? Den Vogel schon ein wenig kirre gemacht? Ist Ihnen auch zu gönnen, der artige kleine Scherz, nach dem schlechten Spaß gestern früh.

Oberst, Sie thun mir sehr Unrecht. Sie wissen nicht –

Daß Sie eben wieder von der Dirne in dem alten Modernest kommen? Daß Sie sie schon zahmer und vertrauter gemacht, wohl gar mit Vater und Mutter schon so ein paar Biedermannsworte gewechselt haben, daß auch die sich nur das Beste denken müssen, wenn sie die Narren sein wollen?

Sie irren gewaltig, mein Verehrtester, wenn Sie mir nur von fern leichtsinnige Absichten zutrauen. Im Gegentheil –

O gewiß, unterbrach ihn der Alte mit bitterem Lachen, sie sind ein Mann von Ehre, ein perfecter Cavalier, und überdies ein Menschenfreund. Sie wollen der Dirne wohl; es jammert Sie, das Kind so verstauben zu lassen; auch ist der Gegensatz so verlockend; gestern ein Vollblutfrauenzimmer, die alle Tage dreimal das Kleid wechselt, und heute das Aschenputtel, am Wege aufgelesen. Nun, wie gejagt, es ist Ihnen zu gönnen. Ich wünsche viel Vergnügen.

Er wollte, die Mütze lüftend, vorbei, aber der kleine Graf, jetzt in wirklicher Entrüstung, hielt ihn am Arm und brach los: Sie haben es darauf abgesehen, mich zu beleidigen, aber so sehr ich Cavalier bin, ich wäge Worte nicht, die von Ihnen kommen, denn Sie sind ein Unglücklicher oder gar ein Verstörter. Aber ich möchte Sie doch bitten, Ihre höhnischen Bemerkungen über meine Ehre –

Halt! sagte der Alte überlaut. Was für eine Ehre meinen Sie? Cavaliersehre? Mannesehre? oder gar die Ehre, um die kein Hund uns beneidet: die Ehre, ein Mensch zu sein?

Der Graf starrte ihn an; in diesem Augenblick stieg ihm wirklich der Verdacht auf, er möchte es mit einem Irren zu thun haben, so furchtbar war der Blick des Alten, der ihm bis ins Mark drang. Halb verlegen antwortete er: Sie stellen seltsame Fragen. Nur so viel will ich Ihnen erwiedern, daß ich mich für den ruchlosesten Schurken halten würde, wenn ich je nur mit einem Hauch den Frieden und die Unschuld dieses armen Mädchens trüben sollte.

Sie sind ein edler Mensch, sagte der Alte mit einem Ton, der halb ironisch, halb kummervoll klang, so edel, wie nur die Edelsten unseres Geschlechtes. Schade nur, daß sich auch die Edelsten nicht länger halten, als – ein Hirschenziemer im Monat August. Heute noch das leckerste Essen, und morgen ein Fraß für die Hunde. Es kommt wie gesagt nur auf die Temperatur an. Wenn das Blut auf den Siedepunkt steigt, dann gute Nacht alle guten Vorsätze, die man noch bei zehn Grad über Null so heilig beschworen hat. Ich meine damit nichts besonderes, Herr Graf; es ist nur so eine Betrachtung. Legen Sie Ihre Ehre hübsch auf Eis, wenn Sie sie conserviren wollen. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.

Er griff militärisch an die Mütze und entfernte sich so rasch, daß er schon weit hinaufgestiegen war, als der Andere erst aus seiner Betroffenheit sich wieder zu fassen vermochte. Langsam stieg er hinab und grübelte über den feindseligen Reden des Alten, über allen Räthseln, die das Schicksal der armen Jugend, für die er so lebhaft fühlte, umgaben, und über den schwankenden Regungen in seiner eigenen Brust. Der Oberst hatte einen Mißton in seine so schön zusammenstimmenden Pläne gebracht. Er war sich der reinsten Absichten bewußt. Aber er mußte sich sagen, daß freilich Gefahr drohe, das Mitleiden, der menschliche, selbstlose Antheil möchte mit der Zeit sich lebhafter entzünden, als heilsam für seine Ruhe sei; er war nicht eitel genug, auch die Ruhe des Mädchens ernsthaft gefährdet zu glauben. Und was sollte dann aus der weltabgeschiedenen Idylle werden? Der Gedanke, daß er Filomena noch einmal zu seiner Frau machen konnte, erschien auch ihm wie eine thörichte Phantasterei.

Er beschloß den folgenden Tag, seine krankhaft erregte Stimmung durch eine Luftveränderung zu besänftigen, nahm einen Wagen und fuhr ins Vintschgau hinauf bis zu dem hochgelegenen Partschins, wo es noch frühlingsmäßiger war, die Reben noch nicht abgeblüht hatten und aus der Bergschlucht, durch die der Wasserfall braust, kühle Lüfte zur Genüge hervorbrachen. Aber so viel er sich Mühe gab, seine Gedanken ganz von den jüngsten Ereignissen abzuziehen, es gelang ihm nur auf Augenblicke. Dann kehrten seine Zweifel, Wünsche und Träume nur um so zudringlicher zurück, und als er in der Abendstille auf der dämmernden Chaussee heimfuhr, war er um nichts gefördert in seinen Entschlüssen, noch die seltsame Trübe gelichtet, die sich über seine Stimmung gelagert hatte.

Auf dem weinumlaubten Altan, zu dem eine Treppe von der Gasse hinaufführte, saß ein stämmiger breitschultriger Mann, der auf ihn gewartet zu haben schien und bei seinem Kommen von der Bank aufstand, den schlechten grauen Filzhut abnahm und etwas zwischen den Zähnen murmelte. Er trug eine vielgefleckte grobe Joppe, schwere Nagelschuhe, kein Tuch um den starken, sonneverbrannten Hals, und in den tiefen Zügen des starkknochigen, ganz von röthlichem Bart umwucherten Gesichts lag so viel finsteres Schicksal, daß der Graf unwillkürlich in die Tasche griff, in der Meinung, es mit einem Bettler zu thun zu haben.

Ich werde den Herrn Grafen nicht lange aufhalten, sagte der Mann mit einer unwillig abwehrenden Bewegung, möcht's aber nicht hier auf der Gasse abmachen.

Wer sind Sie? fragte der Graf, indem er verwundert den reinen Accent des Fremden mit seiner verwahrlosten Kleidung verglich.

Weber heiß' ich und bin der Schloßaufseher droben in Planta. Der Herr Graf hat mich sprechen wollen.

Sie sind der Vater des Mädchens, das ich da oben gesehen habe?

Der bin ich, Herr, denk' aber nicht, daß das zur Sache gehört, erwiederte der Mann mit gerunzelter Stirn. Der Herr Graf hat das Schloß sehen wollen, um es zu kaufen. Deshalb bin ich hier.

Sie waren indessen eingetreten, der Bärtige aber nahm auf dem Stuhl nicht Platz, den der Graf ihm anbot, sondern schien offenbar Willens, das Geschäft so bündig als möglich abzumachen.

Indessen rief der Graf nach Licht, öffnete die Jalousien dem erquicklichen Zugwinde, schickte seinen Diener nach Wein und warf sich, eine Cigarre anzündend, in den Armsessel am Fenster, während der Andere in wachsender Ungeduld mitten im Zimmer stand. Herr Graf, sagte er endlich, ich habe weniger Zeit zu verlieren, als Sie, wollte darum nur gehorsamst fragen, ob es Ew. Gnaden Ernst ist mit dem Handel, oder nur so gesagt war, wie es schon Manche gesagt haben, wenn sie in den alten Mauern herumgestiegen sind.

Der Graf sah ihm beim Schein des Armleuchters forschend ins Gesicht. Ueber der Bemühung, zwischen Vater und Tochter eine Aehnlichkeit aufzufinden, überhörte er die Frage.

Herr Weber, sagte er jetzt, Ihr seid noch nicht lange in dieser Gegend?

Was hat das mit dem Kauf zu schaffen? murrte der Andere und fuhr hastig auf. Ich bin nicht hier, um Rede zu stehen über meine Angelegenheiten, sondern im Dienst meiner Herrschaft. Wenn es Ew. Gnaden nicht Ernst ist mit dem Kauf, so will ich nur gleich meiner Wege gehen.

Lieber Freund, begütigte ihn der kleine Herr, Ihr seid auch allzu kurz angebunden. Setzt Euch nur ein wenig nieder – und da kommt Wein. Wir wollen die Sache nicht so trocken mit einander abmachen.

Ich danke gehorsamst, ich trinke nichts, erwiederte der Andere, mit einem Gesicht, das dem Bedienten allerlei Verdacht einflößen mochte. Er stand und schien seinem Herrn einen Wink geben zu wollen. Der aber hieß ihn das Zimmer wieder verlassen.

Nun denn, nahm er das Wort, als sie allein waren, Ihr habt Eile, wie ich sehe. Aber so ganz stehenden Fußes wird sich die Sache dennoch nicht ins Reine bringen lassen. Ich habe freilich den lebhaftesten Wunsch, die Ruine an mich zu bringen und ausbauen zu lassen. Aber dazu gehört, daß ich sie erst genauer ansehe, auch durch einen Sachverständigen prüfen lasse, was die alten Mauern noch aushalten; und dann muß ich doch auch die Forderung Eurer Herrschaft wissen, und das Alles will hin und her erwogen sein.

Herr Graf, erwiederte der Bärtige und drehte mit einem bösen scheuen Blick der starkgerötheten Augen seinen Hut in den Händen, nehmen mir's Ew. Gnaden nicht übel, aber ein schlechteres Geschäft, als mit dem alten Trümmerhaufen, ist nicht leicht zu machen, und wer sein Geld daran verlieren will, muß erst schon was Anderes verloren haben.

Ihr redet gerade heraus, Herr Weber!

Ich darf's schon, sagte der Andere, immer in demselben barschen Ton, ich hab's der Herrschaft ins Gesicht gesagt, für das Geld würde sich nimmermehr ein Käufer finden. Denn was man erst noch hineinstecken muß, um den Schutt wegzuräumen und wieder bis an die Fundamente zu kommen, dafür baut sich einer schon ein ganz schmuckes Haus. Und dann, so ein Schloß, die hundert Fuhren Steine und Sand und die hohen Löhne bei dem faulen Volk hier, und wenn man Welsche nimmt –

Schon gut, unterbrach ihn der Graf; von dem Allen läßt sich nachher reden, mit dem Baumeister. Wißt Ihr die Forderung und habt Vollmacht von der Herrschaft?

Der Andere nannte eine ansehnliche Summe und beobachtete gespannt, welchen Eindruck die Mittheilung auf den Grafen machen würde. Als sich das joviale runde Gesicht des kleinen Herrn nicht in längere Falten zog, erschrak der Bärtige sichtlich. 's ist auch nicht das Geld allein, setzte er eilig hinzu; auch die Lage ist ungesund, und weit und breit finden Sie nicht so viel Ratten, Schlangen und Scorpione, wie dort. Was erst an Ungeziefer in den Zimmern ausgebrütet wird, ist nicht zu sagen. Es heißt, der Bau sei auch aus keinem anderen Grunde ins Stocken gerathen, als weil die Dame vom Schlosse selbst von einer Kreuzotter gebissen worden sei.

Was Ihr sagt, Herr Weber!

So hab' ich sagen hören, Herr Graf – und der Bärtige fuhr sich mit dem Aermel der Joppe über die Stirn, um sich den Schweiß abzutrocknen, oder auch seine Züge zu verbergen, in denen eine lebhafte Aufregung hin und her zuckte.

Der Graf verwandte kein Auge von ihm. Herr Weber, sagte er in seinem gutmüthigsten Ton, Ihr sähet es ungern, wenn ich die Ruine kaufte.

Ich sage nur, was wahr ist. Was ich sage, weiß alle Welt, die Herrschaft auch; die hätte sonst selber weitergebaut; und Sie werden es selbst finden, Herr Graf, wenn Sie sich's genauer ansehen. Daß ich's keinen Hehl habe, geschieht nur, um Ew. Gnaden Mühe zu sparen. Was wollen Sie in dem Staub und Moder noch viel herumkriechen? Kaufen thun Sie es doch nicht; ich weiß zu Viele, die erst großmächtige Lust hatten und sie sich wieder vergelten ließen.

Ich habe aber einmal eine Passion dafür gefaßt, und was Ihr mir von Schlangen und Ungeziefer sagt, das schreckt mich wenig, das wird schon noch zu vertreiben Sein. Und dann, wohnt Ihr nicht selber da mit Eurer Tochter und seid doch bis auf den heutigen Tag ungebissen und unvergiftet?

Wir? – und der Bärtige sah mit einem bitteren Grimm in die Höhe. Wir gehören dazu, wir sind so zu sagen von der Familie; uns thun sie schon nichts.

Ei, scherzte der Graf, Ihr macht es ja ganz gefährlich. Ihr seht freilich aus, als ob Ihr Haare auf den Zähnen hättet und auch bei Gelegenheit beißen könntet, aber Eure Tochter –

Herr Graf! fuhr der in der Joppe wieder auf, ich muß nochmals bitten, mich und wer sonst zu mir gehört aus dem Spiel zu lassen. Ob ich eine Tochter habe, oder nicht, thut den Henker nichts zur Sache, und wenn es weiter nichts ist, als daß der Herr Graf etwa –

Er stockte und machte eine Bewegung, als wolle er kurzweg das Zimmer verlassen.

Ihr irrt Euch sehr, mein Freund, sagte der Graf gelassen. Wenn ich das Schloß an mich bringe, gehört Ihr selber sehr wohl zur Sache. Ich kann's Euch nicht übel nehmen, daß Ihr nicht zuvorkommender seid. Ihr scheint Euch in dem alten Nest ganz wohl zu besagen und meint, wenn es in andere Hände käme, würdet Ihr den Posten verlieren, an dem Ihr nun einmal hängt, so wenig er Andere locken würde. Aber seid unbesorgt. Wenn ich darin bauen lasse, für Euch und Eure Tochter wird schon ein Quartier bleiben; und mir läge selbst daran, einen zuverlässigen Mann darin zu haben, für die Zeit, daß ich abwesend wäre, und einen, der auch beim Bau die Aufsicht hätte und in der Gegend Bescheid wüßte.

Dann müssen Ew. Gnaden sich nach einem Anderen umsehn, versetzte der Mann finster. Ich bleibe keinen Tag länger, als bis Zur Uebergabe, und was der Herr Graf mir auch böte, ich müßte danken. Warum? Das ist halt meine Sache. Uebrigens bin ich's der Herrschaft schuldig, den Herrn Grafen sehen zu lassen, was er sehen mag; wollt' nur bitten, daß es etwa in den nächsten Tagen sein könnte; später muß ich wieder fort.

Ihr seid ein großer Schütz, wie ich höre.

Ich stehe meinen Mann, weiter nichts.

Seid Ihr Soldat gewesen?

Ein mißtrauischer Blick und ein kurzes Hm! war die ganze Antwort. Der Graf sah wohl, daß er den Schlüssel zu dem Zutrauen des wunderlichen Mannes noch nicht gefunden habe. – Nun also, warf er hin, ich komme morgen in der Frühe, und Ihr zeigt mir das Schloß, und dann reden wir weiter. Ich danke Euch für die Mühe, mich aufgesucht zu haben.

Keine Ursach, Herr Graf. Wohl zu schlafen!

Damit war der Einsilbige zur Thür hinaus, und der Graf blieb unschlüssiger und gedankenvoller zurück, als er schon den ganzen Tag über sich befunden hatte.

Auch weckten ihn seine Gedanken vor Sonnenaufgang, und in der schönen Morgenkühle stieg er den Weg durch die Weingärten hinan und ruhte lange auf einer Bank, von wo er auf die Dächer des Städtchens, die in duftigem Morgenrauch standen, und zu den reinen Berghäuptern des Vintschgaues hinüberschaute. An diese Stelle meinen alten Obersten! rief er unwillkürlich laut aus. Wenn er hier nicht bekennt, daß die Natur ihren Frieden über uns ausgießt, sobald wir uns ihr nur hingeben, so ist er ein sinnlos Eigensinniger. Wann genießen wir das in der Stadt, dieses träumerische Zwielicht, diesen würzigen Athem, den alle die stillen Pflanzen dort aushauchen, über Nacht vom Thau so geräuschlos erquickt, drunten der Fluß, der immer frei und ungetrübt von Frohndiensten seine Felsenstraße zieht, nichts lebendig ringsum, als seine Wellen, und drüben vom Thurme die ersten Glockentöne! Nein, man braucht nicht zu versteinern, um hier mit der Welt und ihrem Schöpfer sich im Einklang zu fühlen. Und wer hier nicht blos die Augen weidet, sondern auch seine Seele an einem nützlichen Tagewerk – wie könnte der jemals Langeweile oder Uebersättigung empfinden, denen man draußen rettungslos anheimfällt!

Indem er tiefer und tiefer sich in seine idyllischen Träume einspann, glaubte er, nun auch dem Räthsel auf die Spur zu kommen, weshalb der bärtige Gast von gestern es so heftig abgewiesen, im Schlosse zu bleiben, wenn er es besäße und dort Neuerungen vornähme. Eine düstere Vergangenheit, sagte er sich, mag ihn in jenen öden Winkel getrieben haben, vielleicht eine schwere Schuld; auch er hat Frieden in der Natur gesucht, und fürchtet nun, wieder darum gebracht zu werden. Er stellt sich vor, daß ich die alten Mauern zum Schauplatz eines lauten, lustigen Lebens machen und den Zauber verscheuchen würde, der sich dort um ihn und sein Kind gewoben hat. Wenn er erst erfährt, daß ich ein Bauer werden will und dort gleich ihm verschallen und der Welt absterben, wird er die Sache mit anderen Augen ansehen.

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