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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060423
projectid76fa9d31
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Die Liebenden in Dalmatien

Die Liebe, wie sie von verständigen Männern sehr richtig geschildert worden, ist nichts anderes als eine unvernünftige Sehnsucht und eine rastlose Leidenschaft, die vermöge unzüchtiger Gedanken sich in das Herz geschlichen hat. Ihre heillosen Folgen sind: Verschwendung der irdischen Güter, Vergeudung der Kräfte des Körpers, Verwirrung des Geistes und Verlust der Freiheit. Es ist in ihr kein Grund, keine Ordnung und gar keine Beständigkeit. Sie ist die Mutter der Untugend, die Feindin der Jugend und des Alters Tod. Daß sie selten, wenn überhaupt, zu einem glücklichen, ruhmwürdigen Ausgange führt, mag hiermit auch die Geschichte von einer Jungfrau aus der Familie Spoletina beweisen, die der Liebe zufolge elendiglich endete.

Unfern der namhaften, am Meere gelegenen dalmatischen Stadt Ragusa liegt eine kleine, gemeinhin die mittlere genannte Insel, auf der sich ein festes, wohlbegründetes Schloß befindet. Zwischen Ragusa und dieser Insel ragt eine Klippe aus der See empor, auf der man weiter nichts als eine äußerst kleine Kapelle und eine schlechte Bretthütte antrifft. Es wohnen dort keine Menschen, weil der Boden unfruchtbar und die Luft ungesund ist, und nur ein Jüngling namens Calogero Teodoro brachte vor Zeiten einmal auf dem Felsen, einem um seiner Sünden willen getanen Gelübde gemäß, sein Leben im Dienste des armseligen Gotteshauses zu. Weil er seinen Unterhalt nicht mit diesem Amte zu verdienen vermochte, ging er dann und wann nach Ragusa oder nach der mittleren Insel und bettelte, und so trug es sich zu, daß Teodoro, seiner Gewohnheit nach auf der Insel Brot als Almosen einsammelnd, eines Tages fand, was er nimmermehr zu finden vermeint hatte.

Denn es traf mit ihm eine schöne und liebreiche Jungfrau, Margarita genannt, zusammen, der es bei dem Anblicke seiner männlichen Wohlgestalt und Bildung bedünken wollte, daß er doch viel mehr zum Genusse menschlicher Freuden als zur Einsamkeit geschaffen sei, und die ihn deswegen so innig in ihr Herz schloß, daß sie Tag und Nacht keinen anderen Gedanken hatte als ihn. Calogero, der in seiner Unbefangenheit sich dessen nicht versah, fuhr fort, des öfteren um Almosen ansprechend, in ihr Haus zu kommen, und wie heftig auch Margarita in Liebe zu ihm entzündet war, so wagte sie doch niemals, wenn sie ihm ihre milden Gaben spendete, ihm ihre Leidenschaft zu verkünden. Am Ende freilich gab ihr die Liebe, der getreue Hort aller, die ihren Spuren folgen, und die allzeit sichere Führerin zu dem ersehnten Ziele, eine ausreichende Kühnheit ein, und sie wendete sich mit diesen Worten an den Jüngling: Bruder Teodoro, du Trost meines Herzens, mich quält eine so heftige Leidenschaft zu dir, daß du mich bald entseelt vor dir erblicken wirst, wenn du mir keine Hilfe leihst. Die Flammen meiner Liebe verzehren mein Leben, und es löscht sie nur deine Gegenliebe aus.

Margarita vergoß reichliche Tränen, sobald sie dies gesprochen hatte, und der ihre Liebe vorher nicht ahnende Calogero blieb wie angewurzelt vor ihr stehen. Nachdem er sich indessen ein wenig wieder gesammelt hatte, ließ er sich mit ihr des weiteren ein, und es gab so lange ein Wort das andere, bis sie untereinander die himmlischen Dinge beseitigten und sich zu den irdischen wandten, wobei ihnen denn eben nichts Wichtigeres mehr zu bedenken übrigblieb als die Ermittlung einer Gelegenheit, heimlicherweise zusammenzukommen, um ihre Sehnsucht zu befriedigen. Die schlaue Jungfrau sagte zu ihrem Geliebten: Verlaß dich auf mich, mein Teuerster, daß ich bereits ausfindig machte, was wir zu tun haben, und höre mich aufmerksam an: Du stellst in der vierten Stunde der nächstfolgenden Nacht ein brennendes Licht an das Fenster deiner Hütte, und ich komme zu dir, sobald ich es wahrgenommen habe. – Teodoro sagte zwar: Wie gedenkst du über das tiefe Meer zu kommen, mein holdes Herz? Du weißt, daß keines von uns beiden einen Kahn zur Überfahrt besitzt, und daß es unsere Ehre und unser beider Leben in Gefahr bringen würde, vertrauten wir uns anderen Menschen an. – Die Jungfrau erwiderte ihm aber: Überlaß nur mir diese Sorge einzig und allein; ich werde dich besuchen ohne unser Leben zu gefährden: sobald ich das brennende Licht gesehen habe, schwimme ich zu dir hinüber, und kein Mensch erfährt etwas von unserem Tun. – Auch seine ferneren Einwürfe: Du läufst Gefahr zu ertrinken, da du, ein so junges, zartes Mädchen, unmöglich Kraft und Atem genug haben wirst, dich die weite Strecke entlang über Wasser zu erhalten, wußte sie mit den Worten zu beschwichtigen: Fürchte nicht, daß ich aus Mangel an Atem sinken könnte, ich schwimme mit den Fischen um die Wette.

Calogero gab am Ende dem festen Willen der Jungfrau nach. Sobald die finstere Nacht angebrochen war, zündete er ihrer Weisung gemäß ein Licht an seinem Fenster an, legte ein schneeweißes Linnentuch zurecht und erwartete mit heißem Verlangen die Liebreizende. Margarita hatte zu ihrer innigsten Freude noch nicht so bald das Flämmchen entdeckt, als sie ihre Kleider von sich warf und sich barfuß und im bloßen Hemde an das Gestade des Meeres schlich, wo sie auch die letzte Hülle abwarf und um ihren Kopf wickelte. Darauf stürzte sie sich nackt in das weite Meer und verstand ihre Arme und Füße so wohl zum Schwimmen zu rühren, daß sie in weniger als einer Viertelstunde bei der Hütte des sie erwartenden Calogero landete. Teodoro nahm das Mädchen, sowie er sie vor sich erblickte, bei der Hand, führte sie in seine niedrigse Behausung, wo er mit dem weichen Linnen eigenhändig ihre feuchten Glieder trocknete, und pflog mit ihr auf seiner Lagerstätte zwei volle Stunden lang der seligen Ruhe zärtlicher Gespräche und zärtlicherer Umarmungen.

Die gar wohl befriedigte Jungfrau schied zwar endlich dies erstemal von dem geliebten Freunde, mochte aber auch in der Folge der Zeit dem süßen Drange der Gewohnheit so wenig widerstehen, daß sie jedesmal, wenn sie das verabredete Zeichen des brennenden Lichtes erschaute, zu Teodoro durch das Meer hinüberschwamm.

Das ewig blind wechselnde Glück harrte freilich nicht lange Zeit bei den Liebenden aus. Denn eines Nachts, als die Luft von einem lästigen Nebel ringsumher erfüllt war, warf sich die Jungfrau, die das Licht hatte schimmern sehen, in das Meer und ward, durch die Wellen sich Bahn brechend, von einigen unfern von ihr auf den Fang ausgegangenen Fischern wahrgenommen. In der anfänglichen Meinung, der schwimmende Körper sei ein Fisch, setzten sich die fremden Männer alsbald in Bewegung, um näher hinzusehen, und erkannten ein in des Calogero Hütte verschwindendes Weib. Höchlich darob verwundert, ruderten sie nunmehr dicht zu dem ärmlichen Häuschen und blieben in dessen Nähe so lange verborgen, bis die Jungfrau es wieder verließ und nach der mittleren Insel zurückschwamm.

Der Schleier der Nacht hüllte die Unglückliche nicht so tief in seine Falten ein, daß er sie hätte bewahren können, von ihren Verfolgern erkannt zu werden. Gewannen die neugierigen Fischerleute also die Gewißheit, in der kühnen Schwimmerin Margarita Spoletina vor sich zu sehen, so begleiteten sie dieselbe öftere Male in der Stille der Nacht auf ihren gefahrvollen Wegen und nahmen sich jedesmal untereinander vor, nachdem sie zum Verständnis des anzeigenden Lichtschimmers gelangt waren, das Ereignis geheimzuhalten. Gedachten sie aber andererseits wiederholt der Beschimpfung, die eine ehrenwerte Familie bedrohte, und der Todesgefahren, in die das junge Mädchen sich begab, so wurden sie am Ende anderen Sinnes und entschlossen sich, Margaritens Brüdern das bedenkliche Geheimnis anzuvertrauen.

Die Brüder ergriff kein geringer Zorn, als die Fischer zu ihnen ins Haus kamen und ihnen die unerwartete Neuigkeit hinterbrachten. Sie wollten ihr keinen Glauben beimessen, bevor sie sich nicht durch den eigenen Augenschein davon überzeugt hätten. Sobald sie aber erst keine Zweifel mehr gegen die Wahrheit der Anklage ihrer Schwester hegen konnten, beschlossen sie deren Tod, den sie nach reiflicher Überlegung auf die folgende Weise bewerkstelligten.

In der Dämmerung des Abends bestieg der jüngere Bruder einen Kahn, fuhr allein in aller Stille zu Calogero und ersuchte ihn, ihn für diese Nacht bei sich zu beherbergen, weil ihm ein Unfall zugestoßen sei, um dessentwillen er Gefahr laufe, von den Gerichten verhaftet und zum Tode verurteilt zu werden. Calogero, der seinen Gast als Margaritens Bruder kannte, nahm ihn wohlwollend und mit Freuden auf, indem er die ganze Nacht hindurch über verschiedene Dinge mit ihm sprach und ihm das Elend sowie die Nichtigkeit alles Weltlichen und die menschliche Sündhaftigkeit auseinandersetzte, welche die Seele zu ertöten und zur Sklavin des Teufels zu machen pflegt.

Derweil also der jüngere Bruder bei Calogero blieb, verließen auch die andern heimlicherweise die Wohnung, nahmen eine Segelstange und ein Licht und bestiegen eine Barke, in der sie nach der Hütte Calogeros steuerten. In deren Nähe angelangt, richteten sie die Segelstange empor, befestigten die angezündete Laterne daran und erwarteten, was geschehen werde. Das Mädchen hatte kaum das brennende Licht aus der Ferne erspäht, so vertraute sie sich, wie sie es gewohnt war, dem Meere an und schwamm der Hütte ihres Geliebten rüstig zu; ihre Brüder aber faßten bei dem Geräusche, das ihre die Fluten zerteilenden Arme machten, ihre Ruder in die Hand und entfernten sich höchst langsam und geräuschlos mit dem aufgestellten Lichte von der Hütte, ohne von der Schwester gehört oder in der Finsternis der Nacht irgend gesehen zu werden. Der armen Margarita Auge erblickte nichts als das trügerische Licht, wonach sie ihre Richtung nahm. Die grausamen Brüder ruderten allmählich weit in das hohe Meer hinweg, zogen dann die Segelstange ein und löschten das Licht aus.

Sowie Margarita das Licht nicht mehr leuchten sah und nicht mehr wußte, wo sie war, entsetzte sie sich über die Maßen und gab sich für verloren, da sie sich außer dem Bereich aller menschlichen Hilfe sah. Das Meer verschlang die von der langen Anstrengung des Schwimmens Ermattete wie ein geborstenes Schiff. Überzeugt, daß ein Ausweg der Rettung für ihre ihnen nachgefolgte Schwester nicht mehr vorhanden sei, verließen die Brüder sie mitten auf dem offenen Meere und kehrten in ihre Wohnung zurück. Der jüngere Bruder dankte beim Anbruche des Tages Calogero für seine gastliche Aufnahme und ging von dannen.

Es verbreitete sich durch den ganzen Flecken die traurige Kunde, Margarita Spoletina werde vermißt. Die Brüder gaben sich das Ansehen, darüber schwer betrübt zu sein, doch in ihrem Herzen waren sie erfreut.

Erst mit dem Ausgange des dritten Tages warf das Meer den Leichnam der Verunglückten an Calogeros Gestade. Der Jüngling fand ihn, erkannte ihn und hätte vor Schmerz über dieses Wiedersehen fast selbst seine Seele ausgehaucht. Ohne daß sich dessen jemand versah, zog er den toten Körper an einem Arme aus den Wogen in die Höhe und trug ihn in sein Haus, wo er sich über das bleiche Antlitz der Geliebten warf und lange Zeit ihren Verlust beweinte, indem seine Tränen im Übermaße auf die weiße Brust hinabtroffen, und seine von Schluchzten und Seufzern erstickte Stimme umsonst ihren Namen rief.

Der nächste Gedanke des leidtragenden Teodoro war die würdige Beerdigung der Ertrunkenen und die Stiftung frommer Werke in Gebeten und Fasten zu der Wohlfahrt ihrer Seele. Er nahm deshalb den Spaten zur Hand, mit dem er gemeiniglich sein Gärtchen umzugraben pflegte, grub eine Grube in seinem kleinen Gotteshause, drückte dem Leichnam unter vielen Tränen Mund und Augen zu, setzte ihm einen Kranz von Rosen und Violen, den er selbst wand, auf das Haupt und senkte ihn, indem er ihn küßte und segnete, in das Grab hinab, das er mit Erde wieder zuwarf.

Auf solche Weise wurde die Ehre der Brüder und der Schwester gerettet, und nimmermehr verlautete, was aus Spoletina geworden sei.

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