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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060423
projectid76fa9d31
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Der Kaufmann aus Genua

Einen jungen Kaufmann ans Genua, Gianotto genannt, hatte sein Handel früh hinaus aus seiner Vaterstadt und weit und lange Jahre in der Welt umhergeführt. Wie ihm endlich das Bedürfnis nach Ruhe wünschenswert machte, sich irgendwo niederzulassen, kam er nach Neapel, wo er, teils von dem glücklichen Fortgang seiner Geschäfte, teils wohl auch von der wunderschönen Lage des Ortes bestimmt, einige Zeit wohnen blieb. Er ergriff die Gelegenheit zur Ehe mit der Tochter eines neapolitanischen Edelmanns, weil sie ihm ehrenvoll und in vielem Betrachte annehmlich erschien, und führte nach einem prachtvollen Hochzeitsfeste seine junge Braut Leonora heim. Gianotto mochte vielleicht ein Jahr mit ihr gelebt haben, da fiel es ihm ein, nachdem er so lange Zeit von seiner Heimat entfernt gewesen sei und durch seinen Handel und Fleiß einiges Vermögen erworben habe, nach Genua zurückzugehen. Der Einfall reifte zum Entschluß. Gianotto bestieg mit seiner Gattin ein Schiff, worauf er seine Güter hatte laden lassen, und fuhr, heiter und guter Dinge wie die übrige Mannschaft, aus dem Hafen von Neapel seiner Vaterstadt Genua zu. Wie nun das launenhafte Schicksal oft gern das Vorhaben der Menschen durchkreuzt, so wollte es, nachdem es Gianotto von Jugend an in allen seinen Unternehmungen günstig gewesen war, daß die gegenwärtige einen ganz anderen Ausgang nahm, als er dachte.

Denn eines Morgens mit Sonnenaufgang überfiel die Schiffenden bei Piombino ein heftiger Wind, das Meer begann zu schwellen und wogte allmählich im wütendsten Sturm empor, der das Fahrzeug nach kurzem Kampfe wider die Korsika gegenüber gelegene Insel Caprara warf, an deren hügligem Strand es scheiterte und alle Mannschaft ertrank. Der unglückliche, von seinem Geschick in so äußerstes Elend gebrachte Gianotto klammerte sich an ein Brett, das ihm der Zufall entgegenstieß, und stürzte in das Meer. Von Wind und Wellen bald hierhin, bald dorthin geworfen, trieb er zuletzt auf der unfernen Insel Elba ans Land.

Leonora sprang dagegen mit ihrer Magd aus Furcht nicht in die See, sondern erwartete auf dem Hinterteile des Schiffes jeden Augenblick ihren Untergang, den sie durch diese Unentschlossenheit eben abwendete, indem das Wrack auf einer Sandbank unbeweglich ruhte. Die beiden Frauen verbrachten die fürchterlichste Nacht ihres Lebens in steter Todesangst. Doch legten sich Ungewitter und Sturm endlich, und sie erblickten mit der Morgenröte ein anderes von Korsika abgegangenes Schiff, das auf sie zusegelte. Sowie es unfern von ihnen vorüberfuhr, gab Leonora alle möglichen Zeichen und schrie und rief, je näher es kam, so lange mit ihrer Magd um Hilfe, bis die Seeleute aufmerkend erkannten, was vorgegangen war, die Segel einzogen und auf das gescheiterte Fahrzeug lossteuerten. Durch Leonorens Klagen und ihre äußerste Gefahr bewegt, nahmen sie beide Frauen zu sich an Bord und retteten unter anderen auch einige ihnen überbliebene Sachen von dem Verdeck des zertrümmerten Schiffes. Leonora hatte vorsichtigerweise für den Fall, daß auch diese Sachen, gleich den anderen über Bord geworfenen Waren ihres Mannes, verlorengegangen wären, aus einem Kästchen eine gute Summe Geldes zu sich gesteckt, gab aber desungeachtet gegen die Seeleute vor, von allem entblößt zu sein.

Ihre Schönheit entzündete auf dem fremden Schiffe eine heftige Leidenschaft in zweien Reisenden, die sie, bei ihrer Keuschheit und Ehrbarkeit, vergebens um Erwiderung bestürmten, bis die Fahrt nach nicht allzulanger Zeit in dem Hafen von Livorno zu Ende ging, wo die Passagiere mit ihren Waren landeten.

Leonora beabsichtigte, nach Genua zu gehen, um dort Gianotto zu erwarten, hätte ihm das Schicksal sein Leben aufgespart. Vermöge einer Summe Geldes, die sie dem Kapitän durch ihre Verwandten zahlen zu lassen versprach, erlangte sie die kurze Überfahrt, befriedigte bei der Ankunft zuerst den Schiffsherrn selbst und zog dann überall Erkundigungen über ihren Gatten und die Seinigen ein, erfuhr aber von keinem Menschen etwas über den längst Ausgewanderten, den längst Verstorbenen.

Nichtsdestoweniger vermochte die gelobte Gattenliebe und Treue so viel über Leonorens Gemüt, in ihrem zwanzigsten Jahre fest an dem Entschlusse zu halten, an diesem Orte in ehrbarer Zucht auszuharren, bis Gianotto wiedergefunden sei; erführe sie hingegen seinen Tod oder gelange ihr niemals Nachricht von ihm zu, ihr übriges Leben als Witwe zu vertrauern.

Der, wie erzählt, von den Meereswogen an die Insel Elba gespülte Handelsherr erholte sich bald körperlich von dem erlittenen Ungemach und fuhr nach Piombino über, wo er, alles Besitztumes beraubt bis auf die Kleider, die er auf dem Leibe trug, ohne Mittel des Unterhaltes und sogar von dem leisesten Gedanken fern, seine Gattin könne gerettet sein, nachdem er lange Tage mit dem bittersten Mangel gekämpft hatte, sich glücklich schätzte, einen anconitanischen Edelmann zu finden, der ihn aus Mitleiden mit zu sich nach Hause nahm.

Zehn Jahre waren vorübergegangen, und Gianotto hatte, anfänglich im drückendsten Gefühl seiner Lage, allmählich duldsamer und ergebener in sein Schicksal, getreulich die Zeit über seinem Herrn gedient.

Seiner Seele war diese schwere Prüfung zuträglich gewesen. Vorher leichtsinnig und verschwenderisch, unfähig edlerer Gefühle und sinnlos für des Lebens wirklichen Genuß, ward bei der strengen Behandlung seines trübgesinnten, selten heiteren Herrn sein Geist geweckt. Er lernte den Ernst des Daseins kennen und eignete sich männliche, Leiden und Mißgeschicke still ertragende Besonnenheit an. Diese glückliche Besonnenheit ließ er sich auch nicht entgehen, als der alte, gesetzliche Erben nicht hinterlassende Edelmann eines Nachts plötzlich starb und bei gerichtlicher Eröffnung seiner Papiere es erhellte: Gianotto sei zur Besitznahme seines beträchtlichen Vermögens in Anerkennung der ihm erwiesenen Anhänglichkeit berechtigt.

In einiger Zeit hatte Gianotto sein Erbe angetreten und in Gold umgesetzt und gedachte zunächst der Rückkehr nach Genua. Hoffnungs- und freudelos seit dem Verluste seiner Gattin, die ihm jetzt seltsamerweise näher als je wieder vor der Seele stand, machte er sich auf den Weg nach seiner Vaterstadt, wo er bei seinem Ausflug in die Welt zwei Brüder verließ, in deren Umgang er sein Leben zu beschließen wünschte. Unbekannt mit jedermann, von niemand mehr gekannt, kam er nach fünfundzwanzigjähriger Abwesenheit in Genua an und erfuhr, als er in das elterliche, von fremden Leuten bewohnte Haus trat und nach seinen Brüdern fragte: sie wären schon seit langer Zeit hab- und kinderlos gestorben.

Leonora hatte die ganze Zeit, während Geanotto in Ancona diente, in Genua zugebracht und sich, da er nimmer erschien, so sehr in der Gewißheit bestärkt, er sei ertrunken, daß ihr nicht mehr die geringste Hoffnung blieb, ihn wiederzusehen. Kümmerlichen Lebensunterhalt gewährte ihr das aus dem Schiffbruch gerettete Geld. Zwar zog ihre Schönheit ihr mannigfache Nachstellungen und Versuchungen 35 von genuesischen Edelleuten zu; die reichsten und liebenswürdigsten Jünglinge trachteten nach ihrer Liebe. Sie schenkte jedoch keiner Bitte und Vorstellung Gehör, hätte das größte Ungemach eher erlitten, als ihrer Ehe Eintracht getan und ihrer Treue entsagt.

Von dem Schmerz seiner letzten fehlgeschlagenen Hoffnung betäubt, wanderte Gianotto langsam durch die Straßen der Stadt seiner Herberge zu. Wie einsam fühlte er sich, nachdem er sich vom Tode auch um den geringsten Trost einer Zuflucht an dem Herde der Seinigen für die Einsamkeit seines Lebens betrogen sah! Jede frisch in seiner Erinnerung auflebende Jugendfreude ward seiner Brust zum stechenden Schmerz. Er ahnte nicht, daß ihm das Schicksal endlich wieder lächelte, ihn einer neuen Freude zuführte, die ihm das Tor eines neuen Lebens eröffnete.

Jene Magd Leonorens, die mit ihr Schiffbruch erlitt und getreulich immer bei ihr geblieben war, sah Gianotto vor der Wohnung ihrer Gebieterin vorübergehen. Sie erschrak über seine Gesichtszüge und seine Gestalt. Eine dunkle Erinnerung durchflog sie, wie sie ihren Blick scharf auf ihn heftete. Es schien ihr durchaus, sie kenne ihn, und nach und nach stellte sich Gianottos ehemaliges Bild lebendig in diesem Fremden vor sie hin. Sie rief hastig Leonoren ans Fenster und wies auf den Vorübergehenden. Auch Leonore erkannte den Gatten wieder, und von unschätzbarer Freude erfüllt, schickte sie die Magd hinunter, ihn in das Haus zu bringen, und wartete selber in dem Flur auf ihn. Wie Gianotto in ihre Gegenwart gekommen war, weinte sie vor überströmender Zärtlichkeit und sprach: Ihr glaubt mir sicherlich, lieber Herr, daß nur ein hochwichtiger Grund mich bewegen hat, Euch meine Magd nachzuschicken; ich konnte nicht hoffen, Euch auf andere Weise vor mir zu sehen. Sagt mir um des Himmels willen, ob Ihr jemals in einer Lebensgefahr wart, in der Euch das Schicksal eine Euch teuere Person raubte, obwohl es Euch selber wohlbehalten errettet hat? Wenn Euch irgendein solcher Unfall ins Gedächnis kommt, so bitte ich Euch, denkt nach, welchen Gegenstand Ihr von denen am innigsten vermißtet, die Ihr dabei eingebüßt habt; sowie Ihr ihn mir nennt, erfahrt Ihr auf der Stelle, aus welchem Grunde Ihr gerufen worden seid. Gianotto erwiderte Leonoren, nachdem er ihre Worte vernommen hatte: Ich erlitt in meinem Leben nicht wenige Unglücksfälle, edle Frau, und befand mich ihretwegen seit langer Zeit schwer bedrängt. Ja, so reich an Gefahren waren einige, daß ich nicht hoffen konnte, ihnen mit dem Leben zu entgehen, obgleich mir des Allmächtigen Gnade es dennoch, er weiß zu welchen Ende, erhalten hat. Ich bin in Genua geboren, das mir jetzt fremd geworden ist, weil ich es schon in der Jugend verließ. Als ich vor vielen Jahren hierher zurückkehren wollte, verlor ich mein Vermögen in der See. Verlangt Ihr zu wissen, ob ich von den kostbaren Gegenständen, deren mich der Sturm beraubte, einen vor allen teuer hielt, so antworte ich Euch allerdings ja. Denn ich verlor etwas, in dessen Betracht mir jede andere schwere Herzenswunde leicht zu erdulden schien: mein Weib, das ich in eben dem Jahre erst in Neapel genommen hatte. Es ging zugleich mit meinen Waren zugrunde, ein Raub der See. Wie Gianotto den Verlust seiner geliebten Gattin erwähnte, stürzten Leonoren die Tränen in solchem Übermaße aus den Augen, daß deren Gewalt ihr jede Empfindungskraft benahm und sie bewußtlos zu ihres Mannes Füßen sank.

Vorher schon durch der Fremden Einladung aufmerksam gemacht, fing Gianotto nach diesem wunderbaren Ereignisse an, sie näher zu betrachten. Einige Gesichtszüge Leonorens wachten wieder in ihm auf, und er erkannte sie. Ohne weitere Beweise zu erwarten, warf er ihr die Arme um den Hals und sagte: O, mein geliebtes Weib! Wie vermochte ich es zu ahnen, daß du allein von allen Schiffsgenossen dein Leben in dem stürmischen Meer retten würdest, das die kühnsten und geschicktesten Seeleute verschlang? Wie hätte ich glauben können, der bittere Schmerz über unser Trübsal würde dies kostbare Leben, wäre es dennoch in der See erhalten worden, solange fristen? – Mehr zu sprechen gestattete ihm die überströmende Freude nicht. Auch er vergoß heiße Tränen, hielt Leonoren fest in seinem Arm und blieb so mit ihr eine geraume Zeit vereinigt, ohne daß eines von beiden sprach. Und als Leonorens erstarrte Lebensgeister allmählich in den schwachen Körper wiederkehrten, Gianottos beklommenes Herz sich erleichterte, bewillkommneten sie sich noch viele Male auf das zärtlichste und brachten diesen wie viele folgende Tage mit Liebkosungen und Mitteilungen ihrer gegenseitigen schmerzlichen Erlebnisse zu.

Gianotto kaufte in einiger Zeit, als die Gelegenheit sich ihm darbot, sein elterliches Haus zurück und bewohnte es mit seiner getreuen Gattin, die ihm einen Sohn und eine Tochter gebar, lange Jahre bis an seinen Tod in Eintracht und Glückseligkeit.

Aus Gianottos Geschichte läßt sich ersehen, wie veränderlich das Glück und Schicksal der Menschen sind, und wie leicht ein jeder im Verlaufe seines Lebens von einem Äußersten zum anderen gebracht werden kann; wie preiswürdig auch die Treue des Weibes gegen seinen Mann zu nennen ist, das aus Liebe zu ihm und seinem Gedächtnisse die Blüte ihrer Jugend in Keuschheit und Entsagung vergehen läßt und an Seelenstärke der antiken Penelope gleicht.

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