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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
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Der belehrte Liebesschulmeister

In der Familie der Savelli in Rom gab es zwei Freunde und Verwandte, deren einer Bucciolo, der andere Pietro Paolo hieß und die beide wohlgeboren und mit Glücksgütern gesegnet waren. Diesen kam es in den Sinn, nach Bologna zu gehen und da zu studieren, und der eine wollte sich dem geistlichen, der andere dem weltlichen Rechte widmen, weshalb sie denn von den Ihrigen Abschied nahmen und sich auf die genannte Universität begaben, wo sie sich eine geraume Zeitlang ihrer Studien befleißigten. Da nun das geistliche Recht von minderem Umfange ist als das weltliche, so lernte Bucciolo, der jenes hörte, früher aus als Pietro Paolo mit diesem. Er wurde entlassen und sagte zu seinem Freunde: er kehre nach Hause zurück. Pietro Paolo erwiderte ihm: Ich bitte dich, laß mich hier nicht allein und warte den Winter über auf mich, so gehen wir zum Frühlinge miteinander heim. Du magst inzwischen irgendeine andere Wissenschaft erlernen und brauchst ja deswegen deine Zeit nicht zu verlieren; mit welchem Vorschlage zufrieden, Bucciolo wartete.

Hierauf trug es sich zu, daß Bucciolo, um seine Zeit nicht zu verlieren, zu seinem Lehrer ging und zu ihm sagte: Ich habe mir vorgenommen, hier noch auf meinen Freund und Verwandten zu warten und möchte gern, daß du mich mittlerweile in irgendeiner anderen schönen Wissenschaft unterweisest. – Der Lehrer antwortete, daß er dazu bereitwillig sei und bat den Schüler, ihm nur die Wissenschaft zu nennen, die er erlernen möchte. – Bucciolo sprach: Lieber Meister, ich lernte gern, wie und auf welche Weise man sich verliebt. – Der Meister erwiderte fast lachend: Das ist recht hübsch von dir, und du hättest keine Wissenschaft erwählen können, mit der ich mehr als mit eben dieser zufrieden wäre. Geh nur nächsten Sonntag früh in die Kirche der Minoriten, wenn alle Frauen dort versammelt sind und siehe zu, ob darunter eine ist, die dir gefällt; hast du sie gefunden, so folge ihr bis zu ihrer Wohnung und komm alsdann wieder zu mir; das soll deine erste Lektion sein, die ich dir aufgebe. – Bucciolo ging, fand sich des kommenden Sonntagmorgens bei den frommen Brüdern ein, wie sein Lehrer ihm geheißen hatte und musterte die anwesenden zahlreichen Frauen so lange mit seinen Augen durch, bis er unter ihnen eine wahrnahm, deren große Schönheit ihn bald vorzugsweise reizte. Als die Dame aus der Kirche ging, ging ihr Bucciolo bis zu ihrer Wohnung nach, die er sich merkte, und die Dame sah ihrerseit, daß der Student sich in sie verliebt hatte. Bucciolo ging zu seinem Lehrer zurück und sagte: Ich habe getan, was Ihr mir anrietet, und eine gefunden, die mir gar wohlgefällt. – Der Meister hatte darob eine ungemeine Freude und verspottete den unerfahrenen Bucciolo mit seiner Wissenschaft und Lernbegierde, indem er zu ihm sagte: Du mußt nunmehr alle Tage zwei-, dreimal ehrbar vor ihrer Wohnung vorübergehn, und wenn du nur deine Augen allerwärts hast und Achtung gibst, daß dich niemand mit ihr liebäugeln sieht, so magst du deine Lust daran immerhin büßen. Hast du ihr aber also erst zu verstehen gegeben, wie du es mit ihr meinst, so komme wieder zu mir, das ist die zweite Lektion. – Bucciolo verließ seinen Lehrer und fing nun an, behutsam an dem Hause seiner Schönen vorüberzuwandeln, bis dieselbe erkannte, daß er es um ihretwillen tat. Sie warf deshalb fortan auch ihre Augen auf ihn, und als Bucciolo sich dessen versah und vorsichtigerweise wagte, sich gegen sie zu verneigen, so erwiderte sie seinen Gruß immer und immer aufs neue, woraus Bucciolo annehmen zu dürfen glaubte, daß er wiedergeliebt sei. – Er verkündete seinem Lehrer dieses sein gutes Glück, und der entgegnete: Das ist alles recht schön, ich bin mit dir zufrieden, du hast deine Sachen seither gut gemacht. Jetzt denke nur daran, daß du einen jener Leute, die in Bologna mit Schleiern, Börsen und anderen Dingen hausieren gehen, zu ihr schickst, und laß ihr durch ihn sagen, daß du gänzlich ihr zu Diensten seiest und niemand auf der Welt lieber habest als sie, für die du alles hingeben und vollbringen wollest. Du wirst ja hören, was sie dir darauf sagen läßt, und sobald du ihre Antwort erhalten hast, komme wieder zu mir und hinterbringe mir sie, ich werde dir schon sagen, was du alsdann weiter zu tun. – Bucciolo begab sich hinweg und machte eine Hausiererin ausfindig, die zu seinem Endzwecke tauglich war. Ihr könnt mir einen außerordentlichen Dienst leisten, sprach er zu ihr, für den ich Euch so gut bezahlen will, daß Ihr mit mir zufrieden sein sollt. Die Frau antwortete: Ich will recht gern tun, was Ihr von mir fordert, denn ich lebe nur von dem, was ich mir verdiene; und darauf gab ihr Bucciolo zwei Gulden mit der Erklärung: Nun, so bitte ich Euch, daß Ihr mir heute auf die Straße Mascarella zu einer jungen Frau geht, die Madonna Giovanna heißt und die ich über alles in der Welt liebe und daß Ihr mich ihr mit den Worten empfehlt, ich sei bereit, alles für sie zu tun, was ihr angenehm sein könne und wozu Ihr so viele Schmeicheleien und Süßigkeiten fügen mögt, als Euch nur irgend einfallen wollen. – Die Alte versicherte ihm, er solle sie nur machen lassen, sie werde nach bestem Vermögen für ihn handeln, und Bucciolo sagte schließlich zu ihr, sie solle immerhin gehen, er erwarte sie auf der Stelle. Die Alte packte schleunigst einen Korb voll Waren zusammen und ging damit zu dem jungen Frauenzimmer, das sie vor ihrem Hause sitzend fand und zu dem sie, nachdem sie es begrüßt hatte, sagte: Madonna, ist Euch etwas von meinen Waren gefällig? Habt die Güte und sucht Euch aus, was Ihr braucht. – Sie nahm zu gleicher Zeit neben ihr auf der Bank Platz nnd begann ihr bald Schleier, bald Börsen, bald Schnuren, Spiegel und andere Dinge vorzuzeigen. Dem jungen Frauenzimmer gefiel am Ende, nachdem sie vielerlei davon in Augenschein genommen hatte, vor allem anderen eine Börse wohl, und sie sagte, wenn ich Geld hätte, würde ich sehr gern diese Börse kaufen. – Die Verkäuferin entgegnete Madonna, dessen bedarf es ganz und gar nicht; nehmt, was Euch von meinem Krame irgend wohlgefällt, es ist mir alles schon bezahlt. – Die junge Frau verwunderte sich über diese Worte und über die besondere Freundlichkeit der Alten und fragte sie: Was wollt Ihr damit sagen, gute Frau, was bedeuten diese Worte? – Die Alte sprach darauf ganz weinerlich: Ach! laßt Euch nur sagen, Madonna, daß mich ein Jüngling, namens Bucciolo, zu Euch geschickt hat, der Euch liebt und mit ganzer Seele ergeben ist, denn es ist nichts auf der Welt, das er nicht für Euch tun würde, wenn es in seiner Macht stände, der Euch sagen läßt, daß ihm Gott keine größere Gnade erzeigen könne, als wenn er ihm ein Gebot von Euch zukommen ließe. Ich, meines Teils, habe noch niemals einen wohlerzogenern Jüngling als ihn gesehen, und ich bin der Meinung, daß der arme Mensch noch gar verschmachten wird, so große Sehnsucht hat er danach, mit Euch ein Wörtchen zu sprechen. – Die junge Frau errötete über diese Worte im ganzen Gesicht und sagte, zu der Alten gewendet: Wenn mich nicht die Rücksicht auf meine Ehre davon abhielte, so wollte ich dich übel genug zurichten. Schämst du dich nicht, du Niederträchtige, einer ehrbaren Frau solche Worte zn hinterbringen? Gott möge dich dafür strafen! Sie nahm zu gleicher Zeit das Querholz der Türe zur Hand, um sie selbst zu züchtigen und drohte ihr, wenn sie sich jemals wieder vor ihr blicken ließe, sie nicht so wohlfeilen Kaufes entkommen zu lassen. Die Alte nahm also behende ihren Kram zusammen, machte sich in großer Angst vor den ihr angedrohten Schlägen auf und davon und glaubte sich nicht eher in Sicherheit, als bis sie wieder bei Bucciolo angelangt war. Als Bucciolo sie vor sich sah, fragte er sie, was sie ihm Gutes brächte und wie seine Sache stände? – Schlecht steht sie, antwortete die Hausiererin, denn sie will weder etwas von dir hören noch sehen und hat mir eine Angst eingejagt, wie ich in meinem Leben keine empfunden habe, denn hätte ich mich nicht über Hals und Kopf aus dem Staube gemacht, so würde sie mich geschlagen haben. Ich wage mich ganz gewiß nicht wieder zu ihr und rate dir wohlmeinend, daß du sie dir aus dem Sinne schlägst. – Bucciolo wurde von diesen Nachrichten ganz niedergeschlagen und ging stracks zu seinem Lehrer, dem er klagte, wie es ihm ergangen sei. – Der Lehrer tröstete ihn und sprach: Fürchte nichts, Bucciolo, kein Baum fällt auf den ersten Schlag; wandele du nur diesen Abend wieder so lange bei ihr vorüber, bis sie dich gesehen hat, und gib Achtung, was für ein Gesicht sie dir macht und ob sie dir böse ist oder nicht; das laß mich alsdann wissen. Bucciolo tat nach seinem Geheiß und ging nach der Wohnung seiner Schönen, die, als sie ihn kommen sah, sofort ein kleines Mädchen im Hause zu sich rief und zu ihr sagte: Gehe dem jungen Manne dort nach und sage ihm in meinem Namen, er solle diesen Abend zu mir kommen ich hätte mit ihm zu reden. – Das Mädchen hinterbrachte Bucciolo diese Botschaft, und er wunderte sich wohl darüber, sagte aber doch dagegen, er werde sehr gerne kommen und ging mit seiner frohen Nachricht gleich zu dem Meister zurück. Der Meister staunte darob höchlich und faßte, er wußte nicht, wie es kam, den Argwohn, dieses Frauenzimmer könne wohl gar seine eigene Gattin sein. Er sagte zu Bucciolo: Vortrefflich, und willst du zu ihr gehen? – Allerdings, meinte Bucciolo. – So sorge nur dafür, fuhr der Meister fort, daß du den rechten Weg nicht verfehlst. – Das soll geschehen, erwiederte Bucciolo und ging.

Seine Schöne war, ihm unbewußt, in der Tat seines Lehrers Frau, und dieser war eben eifersüchtig, weil er während des Sommers in dem Schulhause schlief, um seinen Schülern noch des Abends Vorlesungen zu halten und seine Frau deswegen mit ihrem Hausmädchen allein lassen mußte. Er sagte zu sich: Ich möchte doch nicht gern, daß der Bursche auf meine Kosten klug geworden wäre; aber wissen will ich es. – Als daher Bucciolo am Abende wieder zu ihm kam und sagte: Meister, jetzt geh ich hin, so erwiderte er ihm: Geh und sei klug. – Bucciolo blieb dabei, er solle ihn nur machen lassen und ging, mit einem guten Panzer bekleidet, einen Dolch an der Seite und ein tüchtiges Schwert unterm Arme, keineswegs unbedacht, von dannen. Sobald er fort war, machte sich zwar auch der Meister hinter ihm drein, Bucciolo aber ahnete nichts, sondern klopfte an, als er die Wohnung erreicht hatte, und die Schöne öffnete sie ihm. Der Meister sah zu seinem Entsetzen, daß es seine eigene Frau war, und nahm sich vor, seinen Schüler umzubringen; er rannte daher nach der Schule zurück, versah sich mit Dolch und Schwert und kehrte voll Ingrimm in der Absicht wieder an Bucciolo seine Rache zu nehmen, weshalb er denn in wilder Hast ebenfalls an den Eingang pochte. Die Frau saß neben Bucciolo am Feuer, argwöhnte, als sie den Lärm hörte, gleich, daß es ihr Mann sei, und verbarg Bucciolo unter einem großen Haufen Wäsche, die noch nicht getrocknet war und die sie einstweilen auf einer Diele unter einem Fenster zueinandergeworfen hatte. Darauf an den Eingang sich begebend, fragte sie: Wer ist da? – Der Meister antwortete: Mache nur auf, du kannst es dir wohl denken, schlechtes Weib, das du bist. – Die Frau öffnete die Türe, und da sie ihn mit dem Schwerte bewaffnet sah, rief sie aus: O wehe mir! Lieber Mann, was ist das? – Der Meister sprach: du wirst recht gut wissen, wen du im Hause hast. – Ach, ich Arme! entgegnete sie: Was sprichst du da? Bist du bei Sinnen? Suche das Haus durch und mache mit mir, was du willst, wenn du einen Menschen findest. Sollte ich denn wohl jetzt erst auf solcherlei Dinge kommen, die ich nie begangen habe? Hüte dich, daß du dir nicht von dem bösen Feinde etwas vorspiegeln läßt, das dich um deine Seele betrügt. – Der Meister ließ eine Kerze anzünden und begann im Keller zwischen den Fässern zu suchen, stieg dann empor und suchte die Kammer durch, unter dem Bette, durchstach den Strohsack von allen Seiten und ließ, mit einem Worte, auch den kleinsten Winkel des Hauses nicht undurchforscht, ohne daß er doch Bucciolo finden konnte. Seine Frau leuchtete ihm mittlerweile immer mit dem Lichte in der Hand dazu und sagte viele Male: Lieber Mann, schlage das Kreuz über dich, der Feind Gottes hat dich ganz gewiß versucht und dir eine Sache vorgespiegelt, die nimmermehr geschehen ist, denn wenn nur ein einziges Haar an mir nach so etwas verlangte, so brächte ich mich ganz gewiß selber um; darum bitte und beschwöre ich dich, laß dich nicht betören. – Wie nun der Meister sich endlich überzeugte, daß Bucciolo nicht im Hause sei, so maß er den Reden der Frau nach und nach Glauben bei, blies bald darauf seine Kerze aus und ging wieder nach dem Schulhause. Er war nicht so bald fort, so riegelte die Frau, die Türe von innen zu, zog Bucciolo unter der Wäsche hervor, fachte ein helles Feuer an, bei dem sie ein leckeres Abendessen bereitete und brachte endlich in Bucciolos Armen eine glückliche Nacht zu, nachdem sie sich mit ihm unter Lust und Lachen an Speise und Trank gütlich getan hatte. Als der Morgen anbrach, stand Bucciolo auf und sagte: Madonna, ich muß nun von Euch scheiden, habt Ihr mir noch irgend etwas zu gebieten? – O ja, antwortete sie, daß du diesen Abend wiederkommst. – Das soll geschehen, erwiderte Bucciolo, nahm Abschied von ihr und ging zur Schule zurück, wo er zu seinem Lehrer sagte: Ich habe Euch einmal eine lächerliche Geschichte zu erzählen! – Der Lehrer sagte: So! – Und Bucciolo fuhr fort: Wie ich nämlich gestern abend bei dem Weibe bin, siehe! da kommt der Mann nach Hause, sucht sich halbtot nach mir und findet mich doch nicht aus. Sie hatte mich unter einen Haufen Wäsche gesteckt, die noch getrocknet werden sollte und wußte den Alten so gut zu beschwatzen, daß er endlich das Feld wieder räumte und uns in guter Ruhe beieinander ließ. So haben wir nun einen fetten Kapaunen miteinander verzehrt und süße Weine dazu getrunken, und uns unserer Liebe erfreut, bis es tagte. Ihr könnt Euch wohl denken, daß ich müde bin, da ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe, und drum will ich mich jetzt niederlegen und den Tag über ausschlafen, denn ich habe ihr versprechen müssen, diesen Abend wieder zu ihr zu kommen. – Der Meister sagte darauf bloß zu ihm: Wenn du wieder hingehst, so kommst du vorher wohl noch einen Augenblick zu mir? – Herzlich gern, versicherte ihm Bucciolo, indem er ihn verließ, und der Meister war vor Zorn und Betrübnis dermaßen außer sich selbst geraten, daß er alle Besinnung verloren hatte und den ganzen Tag lang nicht imstande war zu lesen. Er lieh sich einen Panzer und eine Pickelhaube und gedachte dem Liebespaare auch diesen Abend wieder einen Besuch zu. Als es an der Zeit war, begab sich der sorglose Bucciolo zu ihm zurück und sagte: Meister, ich gehe jetzt. – Der Meister sprach: Gehe nur und komme morgen früh wieder und erzähle mir, wie es dir ergangen ist. – Bucciolo antwortete: Das will ich tun und machte sich ungesäumt nach dem Hause der jungen Frau auf den Weg. Der Meister aber wappnete sich und folgte ihm dahin auf dem Fuße nach. Die Frau hatte ihren Liebhaber erwartet, machte ihm schnell auf, ließ ihn ein und verschloß den Eingang wieder hinter ihm, bei dem der Meister aber sofort auch anlangte und mit großem Geschrei und Gepoche Einlaß begehrte. Die Frau löschte rasch das Licht aus, stellte Bucciolo hinter sich und machte die Tür auf, zu gleicher Zeit ihren Mann mit dem einen Arme umschlingend und mit dem anderen, ohne daß er sich dessen versah, Bucciolo hinausschiebend. Hierauf begann sie nun aber ihrerseits laut zu rufen: Zu Hilfe! zu Hilfe! der Meister ist toll geworden, indem sie ihn fortwährend fest an sich gedrückt hielt. Die Nachbarn rannten auf dies Geschrei herzu, und da sie den Meister also gewappnet sahen und hörten, wie die Frau ihnen immerfort zurief: Haltet ihn fest, er ist über das viele Studieren übergeschnappt, so bedachten sie sich und glaubten wahrhaftig, daß er von Sinnen gekommen sein müsse. Ei, Meister, huben sie an ihm zuzureden, was soll das heißen? Geht zu Bette und ruht Euch aus, äschert Euch doch nicht zu sehr ab. – Der Meister sprach: Wie kann ich mich wohl ausruhen, da das schändliche Weib einen Mann bei sich im Hause hat, den ich selber habe hereinschleichen sehen? – Ach, du meine Seele! rief die Frau, du kannst die Nachbarsleute fragen, ob sie jemals etwas Übles von mir gesehen haben? – Die Männer und Frauen aus der Nachbarschaft, die zugegen waren, antworteten alle auf eine Weise: Meister, gebt Euch nicht mit solchen Gedanken ab, in der ganzen Stadt ist keine bessere und ehrbarere Frau, die in so gutem Rufe stände als die Eurige. – Der Meister aber sprach: Ich weiß doch, daß ich einen habe hineingehen sehen, und daß er drinnen ist. – Unterdessen kamen zwei Brüder der Frau, und sie fing auf einmal an zu weinen und sagte: Liebe Brüder, mein Mann ist närrisch geworden und behauptet, ich hätte einen Mann im Hause verborgen, um dessentwillen er mich umbringen will; ihr wißt ja aber doch am besten, ob ich die Frau darnach bin, die solche Streiche begeht. – Die Brüder sprachen: Wir begreifen nicht, wie Ihr unsere Schwester so verunglimpfen könnt, und was Euch jetzt gerade einfällt, unzufriedener als andere Male mit ihr zu sein, da Ihr schon so lange Zeit gut miteinander auskommt? – Das will ich Euch gleich sagen, schrie der Meister: Es ist einer im Hause drin bei ihr, ich habe ihn gesehen. – Nun, so laßt uns ihn doch suchen, schlugen die Brüder vor; und wenn wir ihn finden, so soll sie ihre Strafe erhalten, an die sie denken soll. – Einer von ihnen rief darnach auch die Schwester vor sich und sagte zu ihr: Gestehe die Wahrheit, hast du einen fremden Mann im Hause bei dir? – Die Frau erwiderte: Weh mir! was sagst du da? Christus behüte mich davor; sollte ich jetzt erst anfangen, so etwas zu tun, was ich bei uns zu Hause im Leben nicht tat! Schämst du dich nicht, mir das zu sagen? – Der Bruder begnügte sich mit dieser Antwort und schickte sich mit dem Meister an, das Haus zu durchsuchen. Der Meister machte sich zunächst an den Haufen Wäsche und durchwühlte ihn, in der Einbildung, mit Bucciolo zu kämpfen, den er darin verborgen wähnte, mit solchem Ingrimm, daß seine Frau daher den Anlaß nahm, zu äußern: Hatte ich nicht recht, euch zu sagen, daß er närrisch geworden sei? Seht nur, wie wütig er mit der unschuldigen Wäsche umgeht, die ihm doch gar nichts angehabt haben kann. – Die Brüder konnten nicht umhin, ihr beizupflichten, und als sie alle Winkel durchsucht, die es nur im Hause gab, und keine verdächtige Spur gefunden hatten, so sprach der eine zu dem anderen: Der hat den Verstand verloren; und der andere sagte: Meister, Ihr tut, meiner Treu! nicht wohl daran, diese unsere Schwester zu einem ehrlosen Weibe zu machen. – Der Meister aber, einmal aufgebracht, wie er war, und recht wohl wissend, was er wußte, geriet deswegen mit den Brüdern in einen heftigen Wortwechsel und reizte dieselben durch sein blankes Schwert, das er nicht aus der Hand legte, dergestalt, daß sie am Ende ein jeder sich mit einem tüchtigen Stocke versahen und den Meister so lange prügelten, bis sie ihre Stöcke kurz und klein geschlagen hatten. Sodann ketteten sie ihn überdies wie einen Rasenden an und sagten von ihm, er müsse vor lauter Studieren ein Narr geworden sein, indem sie ihn die Nacht in diesem Zustande verbringen ließen und sie ihrerseits auch in dem Hause ihrer Schwester zubrachten. Des nächsten Morgens ließen sie den Arzt rufen, und der ließ ihm an der Feuerseite ein Bett bereiten und befahl: man solle niemand mit ihm reden lassen, ihm auf nichts antworten und ihn so lange fasten lassen, bis er wieder bei Verstande wäre; was denn auch alles pünktlich vollzogen wurde. Durch Bologna verbreitete sich das Gerücht, der Meister habe sich überstudiert, und jedermann bedauerte ihn deshalb. Der eine sagte, er habe es schon gestern kommen sehen, denn der Meister sei ganz unfähig gewesen, seinen Vortrag zu halten; ein anderer wollte bemerkt haben, wie er mit einem Male ein anderer Mensch geworden sei, und also erklärte man ihn einstimmig kurz und gut für einen Narren und stattete ihm als solchem Beileidsbesuche ab. Bucciolo wußte von allem dem nichts und kam in der Absicht zur Schule, dem Meister auch seine jüngsten Erlebnisse mit-* zuteilen, wo er dann die ihn betreffende seltsame Neuigkeit erfuhr. Er erstaunte und betrübte sich darob und begleitete die anderen nach des Meisters Wohnung. Wie fiel er aber da nicht beinahe aus den Wolken, als er erkannte, wie es um die ganze Sache beschaffen stand. Nichtsdestoweniger trat er mit den anderen allen, um keinen Verdacht zu erwecken, ein.

Im Saale anlangend, sah er den Meister völlig erschöpft in Banden zu Bette liegen, und näherten sich ihm alle seine Schüler, um ihn mit einigen Worten ihrer Teilnahme zu versichern. Als die Reihe an Bucciolo kam, sagte derselbe zu ihm: Lieber Meister, Ihr tut mir leid wie ein Vater, und wenn ich Euch in irgend etwas gefällig sein kann, so gebietet über mich wie über einen Sohn. – Der Meister erwiderte: Bucciolo, ziehe mit Gott von dannen, ich habe dein Lehrgeld für dich bezahlt. – Seine Frau fügte hinzu: Achtet nicht auf das, was er sagt, Herr, denn er faselt und weiß selber nicht, was er spricht. Bucciolo aber ging zu Pietro Paolo hinweg und sprach zu ihm: Lieber Bruder, gehab dich wohl, ich habe nunmehr in Bologna genug gelernt, – worauf er sich ohne Säumnis auf den Weg machte und mit seinem guten Glücke heim nach Rom reiste.

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