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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
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created20060423
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Die Zähmung der Widerspenstigen.

In einer gewissen Stadt in Spanien lebte ein angesehener Mann, der hatte einen Sohn, den besten Jüngling, den es in der Welt geben konnte, aber nur nicht reich genug, um so viele und große Taten zu verrichten, als ihm sein hoher Mut eingab, und um deswillen schwer bekümmert, also den Willen, aber nicht die Macht zu besitzen.

In derselben Stadt gab es nun auch einen weit geehrteren und reicheren Mauren als den Vater dieses Jünglings, der hatte eine einzige Tochter, die sehr verschieden von dem Jüngling war. Offenbarte nämlich dieser gute und löbliche Sitten, so hatte die Tochter des Ehrenmannes deren ebenso schlechte als verkehrte, und es wollte also niemand auf der Welt diesen Teufel heiraten.

Da trat der gute Jüngling eines Tages vor seinen Vater und sagte: Er wisse recht wohl, daß er nicht so reich sei, daß er davon mit Ehren auskäme, und daß er deswegen entweder ein elendes kümmerliches Leben führen oder seine Heimat verlassen müsse. Wenn es ihm also genehm sei, wolle er doch lieber als beides sich durch eine vorteilhafte Heirat aus seiner unglücklichen Lage zu ziehen suchen. – Der Vater antwortete: Dagegen habe er nicht das mindeste und werde sich vielmehr freuen, wenn sich eine solche Heirat für ihn fände. So sprach denn der Sohn weiter: Wofern er also es zufrieden sei, möge er sich doch bemühen, daß jener reiche Maure ihm seine Tochter zum Weibe gebe. – Alls der Vater das hörte, verwunderte er sich sehr und fragte, wie er auf den Gedanken gekommen sei, da doch kein einziger Mann, und selbst der ärmste nicht, der sie

kenne, sie zum Weibe haben möge. – Der Sohn aber beharrte bei seiner Bitte, daß er ihm den Gefallen tun möge, sich für ihn um das Mädchen zu bewerben. Er beschwor ihn fortwährend darum so dringend, daß der Vater am Ende, wie seltsam er es auch fand, nachgab, alsbald zu jenem braven Manne ging, der sein besonderer Freund war, und ihm hinterbrachte, was zwischen ihm und seinem Sohne vorgefallen, der es nun einmal wagen wolle, wenn es ihm recht sei und wenn er sie ihm gebe, seine Tochter zu heiraten. – Der brave Mann hatte diese Worte nicht so bald gehört, so sagte er zu seinem Freunde: Bei Gott! Freund, wenn ich das täte, würde ich dir einen gar schlechten Dienst leisten, denn du hast einen gut gearteten Sohn, und es wäre eine große Falschheit von mir, wenn ich in sein Unglück oder in seinen Tod willigte; denn ich bin gewiß, daß, wenn er meine Tochter zur Frau nähme er sterben oder ein Leben führen würde, das schlimmer als der Tod wäre. Glaube nicht etwa, daß ich dies bloß sage, um dir dein Verlangen abzuschlagen. Denn wenn du durchaus darauf bestehst, so bin ich es am Ende gern zufrieden, daß dein Sohn sie heiratet und ein anderer als ich sie in sein Haus aufnimmt. – Des Jünglings Vater sagte nunmehr seinem Freunde für diese beifällige Antwort seinen Dank und bat ihn, da sein Sohn einmal auf diese Heirat seinen Sinn gerichtet, ihm also seine Tochter zuzugestehen.

Die Hochzeit erfolgte darauf, die Braut wurde in das Haus des Bräutigams eingeführt, und da, der maurischen Sitte gemäß, an dem Hochzeitsabende das junge Paar allein speist, so machte man ihnen ihren Tisch zurecht und überließ sie bis zum nächstkommenden Tage sich selbst. Väter, Mütter und Verwandte des Bräutigams und der Braut blieben mittlerweile freilich sehr besorgt und erwarteten beinahe nichts anderes, als den Bräutigam wo nicht gar tot, doch übel genug zugerichtet wiederzusehen. Sobald die Brautleute miteinander allein im Hause waren, setzten sie sich zu Tisch; bevor sie aber noch ein Wort sagen konnte, sah der Bräutigam sich rings auf dem Tische um und blickte sodann auf seinen Hatzhund, der daneben lag, indem er etwas heftig zu ihm sagte: Allano! reich uns Wasser her. – Der Hatzhund tat es nicht, und nun begann er zornig zu werden und hieß ihm heftiger noch einmal, Wasser herbeizubringen. Das Tier tat es natürlicherweise auch diesmal nicht, und sowie sich der Bräutigam dessen versah, sprang er wütend von seinem Sitze auf, legte Hand an sein Schwert und drang damit auf den Hund ein. Der Hund floh von dannen, als er ihn auf sich zukommen sah, und er sprang hinter ihm drein und verfolgte ihn eine Weile über Tische und Stühle hinweg, bis er ihn erreichte. Darauf schnitt er ihm Kopf und Beine ab, zerstückte ihn ganz und gar und befleckte nicht nur Zimmer und Zimmergerät über und über mit Blut, sondern setzte sich endlich, selbst noch ganz blutig und ingrimmig wieder an den Tisch.

Hier sah er abermals rings um sich, nahm ein Schoßhündchen wahr und befahl ihm, ihm Wasser in die Hand zu reichen. Das Hündchen tat es nicht, und er sagte: Wie? du treuloser Verräter! hast du nicht gesehen, wie ich den Hatzhund behandelte, weil er nicht tun wollte, was ihn ihm gebot? Ich sage dir, wenn du mir noch einen Augenblick trotzest, so ergeht es dir ebenso wie ihm! – Als er aber sah, daß das Tierchen nicht tat, was er von ihm wollte, so sprang er empor, faßte es bei den Hinterpfoten und schleuderte es wider die Wand, worauf er es ebenfalls kurz und klein zerhieb und ihm noch weit größere Wut bewies als dem Hatzhunde. Wild und mürrisch und seines Zornes kaum noch Meister, kehrte er an den Tisch zurück und sah wieder trotzig um sich her. Seine Frau war über das, was sie ihn tun sah, außer sich vor Staunen und Bestürzung und sagte kein Wort. Darauf, als er sich nach allen Seiten umgesehen, nahm er sein Pferd, das einzige, das er besaß, im Hause wahr und rief ihm stürmisch von ferne zu, es solle ihm Wasser bringen, was das Pferd nicht tat. Da er es nun seinem Befehle nicht gehorchen sah, so sprach er: Wie, du stolze Bestie! meinst du, weil ich kein anderes Pferd als dich habe, werde ich ruhig mit ansehen, daß du nicht tust, was ich dir heiße? Ich will dich ebenso jämmerlich umbringen wie die anderen, und alles was auf Erden lebt und nicht tut, was ich haben will, dem soll es um nichts besser ergehen. – Das Pferd blieb ruhig stehen, und sowie er sah, daß es nicht tat, was er ihm geboten, rannte er zu ihm hin, schlug ihm den Kopf herunter und hieb es mit der höchst möglichen Wut, die er kundgeben konnte, in hundert Stücke entzwei. Dadurch nun aber, daß die Frau ihn auch dies einzige Pferd, das er hatte, vor ihren Augen töten sah und ihn sagen hörte, so solle es mit allem geschehen, was seine Gebote nicht vollbringe, wurde sie belehrt, daß mit ihm nicht zu spaßen sei. Sie wurde von solcher Furcht befangen, daß sie nicht mehr wußte, ob sie noch lebendig oder schon tot sei. Er kehrte aus dem Pferdestalle ebenso trotzig und grimmig und blutig wie vorher zu Tische zurück und schwur, wenn er hundert Pferde, Männer und Weiber im Hause hätte, und sie befolgten seine Befehle nicht, so sollten sie alle hundert des Todes sein. – Sodann setzte er sich nieder, blickte nach allen Seiten um sich und behielt mittlerweile das blutige Schwert auf dem Schoße. Indem er nun aber seine Augen also hin und wider schweifen ließ und damit nichts Lebendiges mehr in seiner Nähe ersah, richtete er sie mit Wildheit auf seine Frau und sprach zu ihr, zornwütig und den blanken Degen in der Faust haltend: Steh auf und reiche mir Wasser zur Hand! – Die Frau, die nichts anderes erwartete, als daß er sie ganz zerfleischen werde, stand eiligst auf und brachte ihm Wasser, indem er zu ihr sagte: Ha, Gott sei Dank! daß du tatest, was ich dir befahl, denn sonst würde ich in der Wut, in die mich das Getier versetzt hat, mit dir wahrhaftig ebenso wie mit ihnen umgegangen sein. – Hiernächst forderte er sie auf, ihm zu essen zu geben, und sie tat es zitternd vor Furcht. So brachten sie die ganze übrige Nacht miteinander zu, sie sprach kein einziges Wort, tat aber alles, was er ihr befahl. Nachdem sie eine Weile geschlafen, sagte er zu ihr: Wegen des Ärgers, den ich vorhin gehabt, kann ich gar nicht fest schlafen, habe acht, daß mich morgen früh niemand stört und trage mir für ein gutes Essen Sorge. – Als nun der helle Tag angebrochen war, versammelten sich Eltern und Verwandte vor der Türe, und da sie niemand im Hause sprechen hörten, besorgten sie fast schon, der Bräutigam möge tot oder verwundet sein, und dies zwar um so mehr, sobald sie erst allein die Braut ohne den Bräutigam an der Türe erscheinen sahen. Die Braut aber hatte sie ihrerseits kaum erblickt, als sie ganz leise und furchtsam auf sie zukam und zu ihnen sagte: Ihr Unbesonnenen, was tut ihr! Wie könnt ihr wagen, der Türe so nahe zu kommen und den Mund dabei aufzutun? Schweigt! oder ihr seid alle mit mir des Todes. –

Die Eltern und Verwandten waren sehr erstaunt, dies zu hören, und sobald sie erfuhren, wie das junge Ehepaar die Nacht zusammen verbracht, priesen sie den Jüngling ungemein, der die Führung seines Hausregimentes so trefflich in die Hände genommen. Von diesem Tage an war die junge Frau äußerst folgsam und bereitete ihrem Mann ein glückliches Leben. Einige Tage darauf wollte zwar der Schwiegervater das nämliche tun wie der Schwiegersohn und schlug aus diesem Grunde ebenfalls ein Pferd tot; seine Frau aber sagte zu ihm: Laß du das man bleiben, mein Guter! du kommst ein wenig spät auf diese Sprünge, wir kennen einander schon zu gut.

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