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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
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Das Köstlichste im Menschen

Auf seinem Zuge durch sein Land geschah es dereinst dem Sultan Saladin von Babylon, daß er irgendwo mit seinem großen Gefolge nicht in einer Herberge Platz fand und für seine eigene Person in dem Hause eines seiner Vasallen untergebracht wurde.

Als der Ritter seinen Herrn und Gebieter also bei sich sah, bemühte er sich zugleich mit seiner Gattin und seinen Söhnen auf das eifrigste, ihm in allen Dingen dienstlich zu sein. Da nun aber der Teufel unablässig geschäftig ist, den Menschen zu verderben, so legte er es dem Sultan in den Sinn, uneingedenk dessen, was er wirklich hätte lieben sollen, eine unerlaubte und zwar so heftige Liebe auf diese Edelfrau zu werfen, daß er sich so weit verleiten ließ, mit einem falschen Günstlinge bereits zu ratschlagen, wie er zu der Befriedigung dieser Liebe gelangen könne. Es sollte doch jedermann Gott bitten, die Mächtigen vor dem Willen, Böses zu tun, zu bewahren, denn man mag dessen wohl versichert sein, daß es ihnen niemals an jemand fehlen wird, der ihnen dazu rätlich und dienstlich ist. Auch Saladin ermangelte eines solchen falschen Freundes nicht, der ihm den Rat gab, den Gatten der schönen Frau zu sich zu entbieten und ihm viele Wohltaten zu erweisen sowie auch Land und Leute ihm anzuvertauen, um ihn sodann einige Tage später in seinem Dienste nach einem weit entfernten Orte zu senden, und in seiner Abwesenheit seine Wünsche zu befriedigen.

Dem Sultan gefiel dieser treulose Rat sehr wohl, und er befolgte ihn. Der Ritter entfernte sich auf sein Geheiß mit Freuden, in der Meinung, bei seinem Gebieter hoch in Gunst zu stehen, und Saladin stattete einen Besuch in seinem Hause ab. Sobald die gute Frau die Ankunft des Sultans erfuhr, bewillkommte sie ihn um der Wohltaten willen, die er ihrem Manne erwiesen, sehr freundlich und tat mit allen den Ihrigen, was sie nur irgend ersinnen konnte, ihn zu vergnügen und ihm zu dienen. Nach aufgehobener Tafel begab sich Saladin in sein Gemach und forderte seine schöne Wirtin vor sich, die in der Meinung, daß er noch etwas bedürfe, alsobald zu ihm kam. Da erklärte ihr Saladin nun, daß er sie liebe. Sie verstand, was er damit sagen wollte, zwar ohne Schwierigkeit, aber sie gab sich das Ansehen, ihn nicht zu verstehen, und antwortete ihm: Sie bitte Gott, daß er ihn segnen möge, und Gott wisse, ob sie ihm dankbar sei und ihm alles Gute wünsche, wie es sich für sie schicke, da er ihrem Manne und ihr so viele Wohltaten erwiesen habe. Saladin sprach darauf: Auch abgesehen von alledem liebe und begünstige er sie mehr als jedes andere Weib, ja, und gab ihr endlich mit klaren Worten zu verstehen, welcher Art eben seine Liebe zu ihr sei. Als die gute Frau, die nicht allein sehr ehrbar, sondern auch äußerst verständig war, dieses hörte, erwiderte sie: Herr! wie sehr ich auch ein Weib geringer Art bin, so weiß ich doch, daß die Liebe nicht in der Macht des Menschen, sondern der Mensch in der Macht der Liebe steht, und kann ich mir wohl denken, daß Ihr die Wahrheit sagt, wenn Ihr, wie Ihr tut, vorgebt, eine große Liebe zu mir zu empfinden. Aber so gut ich eben dieses weiß, so gut weiß ich auch, daß die Männer, und zunächst unter ihnen die Gebietenden, wenn sie ihr Herz einem Weibe geschenkt haben, immerdar bereit sind, ihren Willen zu tun, wiewohl sie sie gleich nachher, wann die den ihrigen getan hat, verspotten und geringschätzen, wie sie es verdient. Ein solch unglückliches Los nun, fürchte ich, würde auch das meinige sein, Herr, wenn ich Eure Wünsche erhörte. – Saladin fing hierauf an, sie zu widerlegen, und versprach ihr goldene Berge für ihre Gunst, bis sie mit einem Male zu ihm sagte: wenn er ihr verspräche, ihr keine Gewalt anzutun und ihren Ruf zu schonen, so wolle sie alle seine Wünsche erfüllen, sobald er ihr eine Bitte, die sie ihm vorlegen werde, erfüllt habe. Saladin wendete zwar ein, er besorge, sie werde ihn bitten, daß er seiner Wünsche nicht wieder gegen sie eingedenk sei; sie sagte aber, sie werde das ebensowenig wie etwas, das er außerstande sei zu vollbringen, von ihm begehren. Saladin gab nunmehr sein Versprechen, und sie küßte ihm Hand und Fuß und sagte: das, was sie von ihm wünsche sei, daß er ihr diese Frage beantworte: Was ist das Köstlichste, das der Mensch in sich hegt, zugleich die Mutter und die Krone aller seiner Tugenden? – Nachdem er dies vernommen, dachte Saladin auf das reiflichste darüber nach, wußte der edlen Frau aber keine Antwort zu erteilen, lim seines Versprechens willen sagte er dagegen zu ihr, er wolle es bei sich in Überlegung ziehen, und sie wiederholte ihm, daß sie zu jeder Zeit, wann er ihr die Lösung dieser Frage brächte, bereit sein würde, sich seinem Willen zu unterwerfen; in welcher Weise denn ihr Verhältnis zueinander vorderhand auf sich beruhen blieb. Saladin kehrte zu den Seinigen zurück und fing die Sache fortan von einer anderen Seite an, indem er die Frage allen seinen Weisen vorlegte. Die einen meinten: das sei Wahrheit für eine andere Welt, man müsse sich damit aber nur in Geduld fassen, so werde sie auch schon für diese ihre Früchte tragen. Die anderen äußerten sich: das Köstlichste im Menschen sei die Aufrichtigkeit, denn man könne aufrichtig sein und dabei doch immer feige, karg, unehrbar, ungesittet oder was man sonst sein wolle, ohne, wie gesagt, der Aufrichtigkeit Eintrag zu tun; und auf diese Weise kamen sie von dem Hundertsten aufs Tausendste, ohne im mindesten des Sultans Frage zu lösen. Da nun Saladin zuletzt erkannte, daß in seinem ganzen Reiche kein Mensch war, der ihm hätte Bescheid geben können, so nahm er, um desto bequemer die Welt zu durchstreifen, zwei Jongleure mit sich und zog über das Meer nach dem Hofe des Papstes, wo alle Christenheit zusammenströmt, und legte allda seine Frage vor. Indessen hier sowenig wie am Hofe des Königs von Frankreich und bei allen den anderen Königen, die er nach und nach besuchte, fand er eine Antwort darauf. Er brachte auf diesen Reisen so lange Zeit zu, daß er am Ende bereute, sich jemals auf die Sache eingelassen zu haben; weil es für einen großen Mann allerdings ein Schimpf sein würde, etwas einmal Angefangenes, es müßte denn eine Sünde oder ein Unrecht sein, nicht zu Ende zu führen und etwa aus Furcht oder Ermüdung darauf zu verzichten. Und in diesem Sinne wollte denn auch Saladin durchaus nicht, ohne es erreicht zu haben, von dem Ziele ablassen, in dessen Verfolgung er von seiner Heimat geschieden war.

Da trug es sich eines Tages zu, daß er, mit seinen Spaßmachern seines Weges dahinziehend, auf einen Edelmann traf, der, auf der hohen Jagd begriffen, soeben einen Hirsch erlegt hatte. Der Edelmann hatte sich vor kurzem ein Weib genommen und hatte zu Hause einen alten Vater, der zu seiner Zeit der beste Ritter seines Landes gewesen, jetzt aber vor Alter erblindet war und das Haus nicht mehr verlassen konnte, wenn er gleich einen so großen und vollkommenen Verstand besaß, daß das Alter ihn noch keineswegs hatte schwächen können. Der junge Edelmann zog von seiner Jagd freudigen Mutes heimwärts und fragte die Fremden, wohin sie gingen und wer sie wären, worauf diese sich für Jongleure ausgaben. Der Jüngling war sehr froh, als er dies hörte, sagte ihnen, er kehre munter und guter Dinge von seiner Jagd zurück, und bat sie, gesetzt sie wären gute Jongleure, mit ihm zu kommen und seine gute Laune durch ihre Kunst noch erhöhen zu helfen. Die Reisenden erwiderten ihm darauf: sie wären sehr eilig, denn sie hätten ihr Vaterland schon vor langer Zeit verlassen, um die Lösung einer Frage zu erforschen, die ihnen bis jetzt noch immer unbeantwortet geblieben wäre, und sie hätten nun endlich ihren Rückweg angetreten, weshalb sie also die Nacht nicht bei ihm zubringen könnten. Der junge Edelmann fragte sie nunmehr so lange, bis sie ihm sagten, was sie in der Fremde zu erfahren gesucht hatten, und als er es wußte, sagte er, wofern ihnen sein Vater darin keinen guten Rat geben könnte, würden sie solchen bei keinem Menschen auf Erden antrefen, und vertraute ihnen, was für ein Mann sein Vater sei. Saladin aber, den der Jüngling ebenfalls für einen Jongleur ansah, ließ sich durch das, was er über den alten Mann von ihm hörte, sogleich bestimmen, mitzugehen. Sie kamen in dem Hause des Alten an, und sein Sohn erzählte ihm, wie froh und zufrieden er nicht nur seiner Jagd, sondern auch deswegen sei, daß die Jü[?]ngleure mit ihm gekommen, die, um die Lösung einer Frage zu finden, die Welt durchzögen. Auch bat er seinen Vater, ihnen nach seinen besten Einsichten raten zu wollen, wie er ihnen bereits versichert habe, daß, wenn er ihnen die Beantwortung ihrer Frage nicht gebe, kein Mensch es zu tun vermöge. Der alte Ritter erkannte also aus dem, was er hörte, daß der Fremde kein Jongleur sei, und erwiderte seinem Sohne, er wolle, sobald sie gegessen hätten, seine Antwort auf die Frage erteilen. Der Jüngling hinterbrachte das Saladin, und Saladin freute sich. Nachdem die Tafel abgedeckt war und die beiden Jongleure ihr Amt verrichtet hatten, sprach der Alte zu ihnen: sein Sohn habe ihm zu wissen getan, sie durchzögen die Welt der Beantwortung einer Frage halber, die sie doch bei niemand fänden, und forderte sie auf, ihm diese Frage zu nennen. Saladin gab ihm die Frage auf, und der alte Ritter lieh ihm ein aufmerksames Ohr und verstand sie wohl. An der Sprache des Fremden erkannte er, daß er den Sultan von sich hatte, bei dem er dereinst eine geraume Weile gelebt, und der ihm viele Wohltaten und viele Gnaden hatte zuteil werden lassen. Er sagte zu ihm: Freund! das erste, was ich Euch erwidere, ist, daß ich weiß, wie bis zu diesem heutigen Tage noch niemals solcherlei Jongleure wie Ihr über die Schwelle meines Hauses traten. Sodann aber sollt Ihr wissen, daß, wenn ich gerade herausreden wollte, ich Euch, der mir so vieles Gute erwiesen hat, recht wohl kennen möchte. Indessen will ich davon für jetzt weiter kein Wort fallen lassen, bis ich mit Euch unter vier Augen bin, damit keinem anderen Euer Geheimnis offenbar werde. Was Eure Frage betrifft, so sage ich Euch, daß das Köstlichste, was ein Mensch in sich hegen kann, und was zugleich die Mutter und die Krone aller seiner Tugenden, die Scham ist. Denn aus Scham erduldet der Mensch den Tod, das allergrößte Übel, das es gibt, und aus Scham unterläßt er alles, was nicht schicklich ist, wenn ihn auch eine noch so große Lust dazu antreibt; die Scham ist ebenso der Anfang und die Krone aller Tugenden, wie dagegen die Unverschämtheit Wurzel und Gipfel aller Laster ist. – Als Saladin diese Erklärung der Frage hörte, leuchtete es ihm gleich ein, daß es die rechte war, und daß es sich darum wirklich so verhielt, wie der alte Ritter sagte. Er ward deswegen über die Maßen froh und nahm von dem Vater und dem Sohne, die ihn so gastfrei bewirtet hatten, Abschied. Ehe er inzwischen noch das Haus verließ, zog ihn der alte Ritter beiseite und sagte ihm, daß er wisse, er sei Saladin, und daß ihm vieles Gute von ihm widerfahren, auch leistete er und sein Sohn dem Sultan noch viele Dienste auf die Art, daß sich kein anderer ihrer versah. Nach diesem schickte sich nun Saladin an, so schnell als möglich nach seinem Lande zurückzueilen, und als er ankam, war des jedermann äußerst froh und beging seine glückliche Rückkehr mit Festlichkeiten.

Nachdem diese vorüber waren, war das erste, was Saladin tat, daß er die schöne Frau besuchte, die ihm die Frage aufgegeben hatte. Sie nahm ihn sehr wohl auf und bewirtete und bediente ihn, und Saladin speiste mit ihr. Er hatte sich aber kaum vom Tische erhoben, so begab er sich in sein Gemach und beschied die junge Edelfrau zu sich. Sie erschien vor ihm und Saladin erzählte ihr, wie weit umher er in der Welt gewandert sei, nach einer sicheren Lösung der Frage suchend, die sie ihm gestellt und die er nun endlich gefunden habe, um dafür die Erfüllung ihres Versprechens von ihr einzutauschen. Sie entgegnete: So möge er denn die Gnade haben und vorerst sein Versprechen halten, ihr die Frage, die sie ihm gestellt, zu beantworten. Fiele diese Antwort befriedigend aus, so wolle auch sie nicht anstehen, ihre gegen ihn übernommene Verpflichtung zu lösen. Hierauf versetzte ihr Saladin seinerseits, er freue sich ungemein, sie also reden zu hören, und was seine Antwort auf ihre Frage betreffe: so sei das Köstlichste, was der Mensch in sich haben könne und was die Mutter und die Krone aller Tugenden sei, die Scham. – Das ehrbare Weib war mit dieser Lösung ganz zufrieden und sagte: Ihr habt mir hiermit Euer Versprechen eingelöst, o Herr! sagt mir nun aber auch gefälligst, ich bitte Euch, der Wahrheit gemäß, wie es einem Könige geziemen will, ob es nach Eurem Dafürhalten in der Welt einen vorzüglicheren Menschen als Euch geben kann? – Saladin antwortete: durch das, was sie ihn zu sagen nötige, beschäme sie ihn zwar in keinem geringen Grade; da er ihr aber einmal als König die Wahrheit aussagen sollte, so erkläre er ihr allerdings, wie er die Meinung hege, daß er etwas Besseres als andere und also auch kein anderer ihm irgend vorzuziehen sei. – Die junge Edelfrau hörte diese seine Rede, stürzte auf ihre Knie vor ihm nieder und brach hochaufgeregt in die Worte aus: Da habt Ihr mir zwei große Wahrheiten angesagt, o Herr! Die eine, daß Ihr der vorzüglichste Mensch auf Erden seid, die andere, daß die Scham das Köstlichste im Menschen sei. Damit Ihr nun aber auch die erste dieser Wahrheiten bestätigt und der beste der auf Erden lebenden Menschen wirklich seid, so flehe ich zu Euch, daß Ihr gnädigst das Köstlichste im Menschen, die Scham, in Euch aufnehmen und Euch dessen, was Ihr zu mir sagtet, schämen wollt. – Sobald Saladin ihre kühne Rede begriffen hatte, wie dieses ehrbare Weib mit Hilfe ihrer Tugend und ihres hohen Verstandes es einzuleiten gewußt, ihn zur Erkenntnis seines tiefen Irrtums zu bringen, dankte er Gott. Und wenn er ihr zuvor schon mit sinnlicher Liebe zugetan gewesen war, so liebte er sie von nun an nur desto reiner und inniger und uneigennütziger, wie ein guter Herr die Seinigen lieben soll. Er berief ihren Gatten auf der Stelle in ihre Nähe zurück und überschüttete fernerhin beide mit Huld und Gnade und Ehren jeder Art, so daß man sie vor vielen seiner Untertanen glücklich preisen durfte.

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