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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
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created20060423
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Die drei Geduldproben

Es lebte in Mantua dereinst ein Edelmann namens Aloisio, aus dem Hause Canossa, in großem Wohlbehagen und Ansehen. Er hielt immerdar offene Tafel und ermangelte niemals der guten Freunde, die bei ihm zusprachen. Er hatte bereits sechzig Jahre im ledigen Stand gelebt, als einige seiner Freunde ihm zuredeten, zu heiraten. Es kostete ihm zwar viele Überwindung, diesen Entschluß zu fassen; indessen ergab er sich am Ende in ihren Wunsch. Die Frau, die man ihm zuwendete, hieß Lukrezia; sie war schön, edel geboren und noch jung genug, um mit Kindern gesegnet zu werden.

Aloisio hatte zwar trotz seines Alters noch ein stattliches Ansehen, war aber Lukrezien in der Tat nicht mehr jung und rüstig genug. Sie beklagte sich darüber gegen ihre Mutter und erklärte ihr rund heraus, daß sie eine solche Lebensart ohne Liebhaber nicht länger führen könne.

Die Mutter war eine ehrbare Frau, die zu ihrer Zeit ihrem Eheherrn die Treue nimmermehr gebrochen, und erstaunte, ihre Tochter in einem solchen Zustand zu sehen. Sie erzürnte sich höchlich über ihre Torheit und stellte ihr die Gefahren, denen sie sich aussetzte, auf das eindringlichste, wiewohl vergebens vor. Lukrezia bat und beschwor sie, ihr ein Mittel anzugeben, das sie von ihrem Übel heile und ihre Ehre errette. Widrigenfalls, sprach sie, sehe ich mich gezwungen, meine Ehre und mein Leben auf das Spiel zu setzen, denn ich ertrage die Glut nicht länger, die mich verzehrt. –

Die Mutter verzweifelte, als sie den Entschluß ihrer Tochter sah und glaubte schier aus Betrübnis darüber sterben zu müssen. Desungeachtet versuchte sie noch eines, um sie von dem Pfade des Verbrechens abzulenken; denn als sie alle ihre Vorstellungen scheitern sah, sprach sie: Meine Tochter! du bist also fest entschlossen, das heilige Band der Ehe zu zerreißen und eine Untreue an deinem Gemahl zu begehen. Ich kann dir zwar, was mich betrifft, nicht genugsam ausdrücken, wie mißvergnügt dies mich macht. Da es sich jedoch hierbei um nichts Geringeres als um deine Ehre und dein Leben handelt, so muß man ja wohl oder übel Maßregeln ergreifen, die deiner innerlichen Leidenschaft, deinem guten Rufe unbeschadet, Genüge tun. Zuvorderst also kommt es darauf an, daß du dir einen Liebhaber aussuchst, der kein unbesonnener junger Mann, sondern ein kluger, schweigsamer Mann sei. Dann mußt du dich aber auch wohl hüten, mehr als einem Manne deine Gunst zu gewähren. – Ich habe meine Augen bereits auf einen Mann geworfen, der zu unserem Zwecke tauglich ist, antwortete Lukrezia. Er steht in den besten Jahren und gilt hier im Hause für einen Heiligen. Ich meine den Kaplan, von dem mein Gatte eine so gute Meinung hegt, daß er ihn mir zu meinem Beichtvater geben will. Er hat mich von Zeit zu Zeit auf eine Weise angesehen, aus der ich wohl erraten möchte, daß er mir zugetan ist, und ich müßte mich sehr irren, wenn er mich nicht liebt. – Ich kann nicht leugnen, meine Tochter, sagte die Mutter, daß sich gegen diesen Mann allerdings nichts einwenden läßt; obgleich ein solcher Umgang mit Frauen nachgerade nicht in den Beruf eines Kaplans schlagen dürfte. Sieh dich aber nur vor, daß du dich mit ihm nicht übereilst, und gedulde dich noch eine kleine Zeit. Prüfe zunächst die Sinnesart deines Mannes und merke wohl auf, wie er sich dabei benehmen wird, wenn du ihm irgendeinen schlimmen Possen spielst. –

Es ist hier zu wissen, daß in Aloisios Garten ein schöner Lorbeerbaum stand, den er mit seiner eigenen Hand gepflanzt hatte. Dieser Lorbeerbaum war in einer geringen Anzahl von Jahren so groß gewachsen, und Aloisio hatte seine Zweige und Äste so wohl ineinander verschlungen und geflochten, daß sie auch gegen die allerstärkste Sommerhitze ein undurchdringliches Laubdach bildeten. Er bewirtete deshalb seine Freunde in der schönen Jahreszeit häufig unter diesem Baume und pflegte für gewöhnlich die heißesten Tagesstunden in seinem Schatten zuzubringen. Lukrezia wußte, wie wert und teuer dieser Baum ihrem Gatten war, und nahm sich vor, seine Geduld vor allem damit auf die Probe zu stellen, daß sie ihn fallen ließe. Eines Tages, als er mit einigen Freunden auf der Jagd war, ließ sie den Gärtner vor sich rufen und befahl ihm, den Lorbeerbaum auf der Stelle umzuschlagen. Der Gärtner weigerte sich zwar dessen lange Zeit; sie ließ aber nicht eher ab, in ihn zu dringen, bis er nach ihrem Willen tat und kleine Reisigbündel daraus machte, die sie ihm gebot, auf den Boden zu tragen.

Sobald Aloisio von der Jagd zurückkehrte, ging er geradeswegs in sein Zimmer, um Wäsche und Kleider zu wechseln. Lukrezia stellte sich an, um ihn besorgt zu sein, und ließ alsogleich eines der Bündel Lorbeerreis zum Einheizen herbeibringen. Ihr Gatte wunderte sich wohl über dieses Reis, doch konnte er eben nicht ahnen, von welchem Stamme es gehackt war. Als er in den Garten kam, entdeckte er, was dem schönen Lorbeerbaume widerfahren, und geriet darüber in solchen Zorn, daß er beinahe die Geduld verlor.

Nichtsdestoweniger hatte Lukrezia die Kühnheit, ihm in diesem Zustande lachenden Mutes vor Augen zu treten. Mein Schatz, sagte sie, ich habe befohlen, den Lorbeerbaum umzuhauen, wenn du die Tat bestrafen willst, so mußt du deinen Unwillen an mir auslassen. Ich habe nicht etwa im Sinne gehabt, dich zu beleidigen, ich tat es nur, um mich dir gefällig zu beweisen. Wir hatten kein trockenes Reisholz mehr zu Hause, und da es seit einigen Tagen kalt geworden ist, so dachte ich, bei deiner Rückkehr von der Jagd würde dir ein gutes Feuer heilsam sein. Der Lorbeer, wie du wissen wirst, brennt auf der Stelle, er mag noch grün oder schon getrocknet sein, und aus diesem Grunde gab ich dem Gärtner das Geheiß, den Baum umzuhauen. – Du hast sehr unrecht daran getan, erwiderte Aloisio, und ich kann fast nicht anders glauben, als daß es in böser Absicht geschehen ist. War denn auf keinem anderen Wege dürres Reisig zu erlangen, als durch Umschlagen eines Baumes, den ich für sich allein weit höher als den ganzen übrigen Garten schätze? Indessen ist dem Übel einmal nicht mehr abzuhelfen, und so bleibt mir nichts übrig, als dich zu warnen, mir in Zukunft jemals wieder einen solchen Streich zu spielen. Es würde mir schwer fallen, dir so etwas noch einmal nachzusehen.

Lukrezia ließ es desungeachtet mit ihrem Gemahle nicht dabei bewenden und stellte seine Geduld auf eine abermalige Probe. Aloisio hatte eine Hündin, die er außerordentlich liebte. Die Mutter sprach zu der Tochter, es reiche noch nicht hin, ihren Mann mit einem Baum geprüft zu haben, wahrscheinlich würde er sich viel mehr darob erzürnen, wenn er seine teure Florine, eben diese Hündin, einbüßte. Lucrezia versprach, den Versuch zu machen, und schmeichelte sich, ihren Zweck zu erreichen.

Eines Nachmittags, als Aloisio mit einigen seiner Freunde eben ausgegangen war und Florinen mit sich genommen hatte, ließ Lukrezia das Zimmer prächtig ausschmücken und eine kostbare Decke über das Bett breiten. Darauf zog sie eines ihrer besten Kleider an und setzte sich mit einem Buche in der Hand, ihren Mann erwartend, beim Feuer nieder.

Weil es draußen sehr kalt war, so geschah es, daß Herr Aloisio bald wieder heimkehrte, und mit seinen guten Freunden rings um das Feuer herum Platz nahm. Ganz kotig, wie sie war, sprang die Hündin auf das Bett und besudelte die schöne Decke über und über, was inzwischen Lukrezia nicht zu beachten schien. Bald nachher sprang sie aber wieder auf den Boden und streckte sich, wie sie gegen alle Anwesenden ihre Liebkosungen geäußert hatte, auf Lukreziens kostbares Kleid hin, das sie ebenso schmutzig wie vorher die Decke machte. Da entriß Lukrezia in demselben Momente den Händen ihres Gatten einen Dolch, den er der Gesellschaft vorzeigte, und brachte der Hündin mit dieser Waffe zwei bis drei so wohl abgemessene Stiche bei, daß sie auf der Stelle tot umsank.

Aloisio hatte bei dem Anblicke mit sich zu kämpfen, daß er an sich hielt. Als sie sich wegen ihrer raschen Tat mit der Unreinlichkeit des Hundes entschuldigen wollte, befahl er ihr, stillzuschweigen, und sagte nur zu ihr, sie nehme sich allzu große Freiheiten heraus. Du sinnst auf nichts anderes, fügte er hinzu, als darauf, wie du mich kränken willst; aber du kannst versichert sein, daß du deine Absicht nicht erreichst. – Mit diesen Worten brach er von der Sache ab und leitete das Gespräch mit den Anwesenden auf einen anderen Gegenstand.

Nachdem Lukrezia ihrer Mutter von dieser anderen Verwegenheit, die sie begangen, Bericht erstattete, sprach die Matrone zu ihr: Auch damit ist es noch nicht genug, denn so wie du die duldsame Gemütsart deines Joannes mit dem ermessen hast, was er von Pflanzen und Tieren zumeist liebte, mußt du ihn nun ein drittes Mal an vernunftbegabten Wesen in Versuchung bringen. Gelingt dir dieses letzte Wagestück ebensogut wie die beiden ersteren, so werde ich dann zusehen, was sich sonst für dich tun läßt. – Wohlan denn, Mutter! sagte Lukrezia, auch noch dieser letzte Versuch werde gemacht; ich hoffe aber, daß du mich danach nicht länger ohne Beistand laßt. – Der Sankt-Ludwigs-Tag, an dem Aloisio geboren war, nahte, und es war seine Gewohnheit, seinen Freunden und Verwandten zu diesem Feste ein prachtvolles Gastmahl zu geben. Lukrezia harrte auf diesen Tag mit Ungeduld, denn sie gedachte an ihm zum dritten Male gegen ihren Gatten zu freveln.

Sobald die Gäste bei Tafel saßen, befestigte sie einen Zipfel des Tischtuches mit Geschick an einem Bund Schlüssel, das ihr am Gürtel hing. Dies getan, sprang sie plötzlich von ihrem Stuhle auf und eilte, wie um noch etwas zu besorgen, das Tischtuch mit sich fortziehend, vom Tische hinweg, indem sie also alles, was darauf gestanden hatte, zu Boden riß. Man stelle sich vor, was bei dieser Tat, die sogar einen Salomo würde in Wut versetzt und einen Hiob ungeduldig gemacht haben, aus Aloisio wurde! Er war auf das augenscheinlichste hoch aufgeregt, wenn ihn auch die anwesende Gesellschaft abhielt, seinem Zorne freien Lauf zu lassen. Man gab der Sache eine lustige Wendung, und Lukreziens Bosheit wurde nicht allein anfänglich als ein Zufall, sondern sogar, nach einer kleinen Weile, als ein Übermaß von Zärtlichkeiten gegen ihren Gatten ausgelegt, denn wie dieser sie fragte, zu welchem Ende sie aufgestanden, antwortete sie: es sei um seinetwillen geschehen, weil sie wahrgenommen, daß ihm sein Messer fehle, das sie ihm selbst habe holen wollen; worauf nun die ganze gastliche Versammlung in Bewunderung dieser verbindlichsten Aufmerksamkeit ausbrach und Aloisio als den glücklichsten Ehemann in Mantua pries.

Aloisio, der ein Mann von vielem Verstande war, freute sich, seine Gäste die große Störung so heiter gestimmt hinnehmen zu sehen, und trug selbst das seinige dazu bei, den Unfall von einer scherzhaften Seite darzustellen. Er ließ die Tafel unverzüglich wieder besetzen, und die Anzahl der neu aufgetragenen Speisen war wirklich so groß, daß der erste Gang nur verschwunden zu sein schien, um den anderen desto mehr hervorzuheben. Freude und Fröhlichkeit bemächtigte sich aller Eingeladenen, und Aloisio hatte das Ansehen, ebenso aufgeräumt zu sein als die anderen.

Er hatte indessen die Verwegenheit seiner Frau nicht vergessen und nicht minder den Lorbeerbaum und Florine noch in frischem Angedenken. Sein Scharfsinn ließ ihn die allmähliche Steigerung in den Versündigungen Lukreziens wohl erkennen, und er konnte nicht umhin, dahinter ein Geheimnis zu ahnen.

Lukrezia dagegen meinte nicht anders, als daß sie wohlgetan und ihre Absicht völlig erreicht habe. Sie freute sich schon innerlich darauf, sich nach den verschiedenen Prüfungen nunmehr ungestraft einen Liebhaber erwählen zu dürfen. Als sie aber am anderen Morgen aus ihrem Bette aufstehen wollte, befahl ihr Aloisio, liegen zu bleiben. Ich habe Gelegenheit gehabt, seit einiger Zeit zu bemerken, sagte er zu ihr, daß du eine zu große Überfülle von Blut in dir hast, und deswegen mich entschlossen, dir etwas davon abzapfen zu lassen. Du begehst alle Tage neue Torheiten und Ausgelassenheiten und findest Vergnügen daran, mich zu beleidigen. Was du dir erst gestern noch erlaubtest, hat mir das Andenken an meinen lieben Lorbeerbaum und an meine Hündin erneut. Diese deine drei Vergehungen sind mir das Empfindlichste gewesen, was du mir bis jetzt anhaben konntest; wer weiß aber, was du mir sonst noch widerfahren ließest, wenn ich dem nicht vorbaute. Entschließe dich also dazu, einen tüchtigen Aderlaß auszustehen; ich bin überzeugt, daß du dadurch ruhiger und demütiger werden wirst.

Nachdem er dies gesprochen hatte, ließ er ungesäumt einen Wundarzt in seine Wohnung holen, gebot, ein ziemliches Feuer im Zimmer anzufachen, und forderte Lukrezien auf, das Bett zu verlassen und in einem Lehnstuhl Platz zu nehmen. Sie leistete ihm willigen Gehorsam, und der Wundarzt öffnet ihr auf ihres Gatten Geheiß eine Ader, die so lange, in Aloisios Gegenwart, offen bleiben mußte, bis er die Überzeugung gewonnen hatte, daß ein fernerer Blutverlust ihr Leben in Gefahr bringen würde. Darauf ließ er ihr dieselbe Ader am anderen Arme öffnen und nicht eher wieder zubinden, als bis die Beklagenswerte halbtot in Ohnmacht gesunken war.

In diesem Zustande wurde sie zu Bett gebracht, wo sie in kurzem wieder zu sich kam. Aloisio hatte unterdessen seine Schwiegermutter holen lassen, die auch sogleich ankam und ungefähr erraten mochte, was vorgefallen war. Nun, liebe Tochter, sagte sie halblaut mit einem heimlichen Lächeln zu Lukrezien, bist du noch aufgelegt, einen Liebeshandel anzuspinnen? Ich bin bereit, dir mein Wort zu halten. – Ach, Mutter! entgegnete Lukrezia mit schwacher, ersterbender Stimme: ich bin hin, es ist um mich geschehen. Meine Glut ist erloschen, ich denke an keinen Liebhaber mehr.

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