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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
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Bestrafte Untreue

In dem Herzogtume Brabant lebte ein junger Edelmann namens Girard, der bei dem Herrn des Landes in Diensten stand und für ein Edelfräulein desselben Hauses, namens Katharina, in Liebe entbrannt war.

Der wohlgebildete Jüngling fand Gelegenheit, seiner Dame zu erklären, was er für sie fühle, und so geschah es im Laufe der Zeit, als Katharina ihm eine günstige Antwort gegeben hatte, daß beide Liebenden ein Herz und eine Seele wurden. Wie denn nun aber die Liebe des öfteren die Augen ihrer Diener zu blenden pflegte, so übersah auch dieses junge Paar, daß sein vertrautes Verhältnis, nachdem es etwas länger als zwei Jahre gedauert hatte, nicht mehr wie anfangs im verborgenen fortbestand, sondern in dem Palaste zum öffentlichen Geheimnis geworden war und männiglich daselbst zur Unterhaltung diente.

Eine junge Freundin Katharinens sagte ihr endlich, daß die Sache mittels jener bösen Neidharte, die sich immerdar um Dinge bekümmern, die sie nicht betreffen, zur Kenntnis ihrer beiderseitigen Gebieter und ihrer eigenen Eltern gekommen sei. Ach! was ist da zu machen, meine liebe Schwester und Freundin? fragte Katharina. Rate mir, ich bitte dich, oder ich bin ein verlorenes, unglückseliges Weib. – Bei diesen Worten drangen Tränen aus ihren Augen und rannen über ihre Wangen bis auf das Kleid nieder. Als ihre gute Freundin dies sah, betrübte sie sich äußerst über ihren Schmerz und sagte, um sie zu trösten: Es ist töricht von dir, Schwester, deshalb so schwer zu trauern, denn man kann dir gottlob nichts vorwerfen, was deine Ehre kränkt. Wenn du dir die Liebesdienste eines Edelmannes hast gefallen lassen, so ist dies etwas, das kein Ehrenhof verbietet, sondern vielmehr die wahre Rittersitte, deren du nicht Ursache hast dich zu schämen, und um derentwillen dich in der Tat kein Mensch auf Erden schelten kann. Indessen würde ich es um der Gerüchte willen, die über deine Minne bestehen, allerdings für geraten halten, daß Girard auf eine unverdächtige Weise in Frieden und vielleicht unter dem Vorgeben von seiner Herrschaft schiede, eine große Reise anzutreten oder in den Krieg zu ziehen. Er ginge dann in der Stille an einem anderen Hof in Dienst und wartete die Zeit ab, bis der Himmel eure Liebe begünstigte, indem er dir mittlerweile durch Botschaften Nachricht von sich gäbe und ebenso über dein Empfinden unterrichtet würde. Eine solche Trennung, glaube mir, fuhr sie fort, stört eure Liebe nicht im mindesten, wenn sie aufrichtig ist, sondern befestigt sie im Gegenteil nur, indem sie das zweifelhafte Urteil eurer Augen, worauf sie seither beruhte, ihrer Prüfung unterwirft.

Katharina dankte ihrer Freundin für diesen guten Rat und pries ihn als einen sehr verständigen. Auch hatte sie nicht so bald die Gelegenheit gefunden, ihren geliebten Girard insgeheim zu sprechen, so vertraute sie ihm, daß ihre Liebe sowohl ihren Eltern als ihren Gebietern verraten sei, und stellte ihm nicht nur die Gefahren, die sie demzufolge bedrohten, sondern auch die einzige Abhilfe vor, die ihr dagegen von ihrer Freundin genannt worden war.

Vorher schon halb und halb des über ihn hereingebrochenen Unheils sich bewußt, das ihn härter betraf, als geschehen sein würde, wäre etwa die ganze Welt außer seiner Dame zugrunde gegangen, entgegnete Girard ihr die Worte: Ich bin Euer getreuer und ergebener Knecht, meine süße Freundin, der nächst Gott nichts auf Erden so sehr liebt als Euch. Ihr mögt mir heißen und gebieten, was Euch gefällig ist, und Ihr werdet jederzeit finden, daß ich Euch mit Freuden gehorche. Wollet jedoch bedenken, daß mir nichts Schlimmeres zustoßen kann, als aus Eurer Nähe scheiden zu müssen, und daß die erste Nachricht, die Ihr nach unserer Trennung von mir erfahren werdet, ganz gewiß keine andere ist als die meines durch den Gram um Euch herbeigeführten kläglichen Todes. Desungeachtet will ich Euch lieber mein Leben aufopfern und den Tod erleiden, als ein noch so langes Euch mißfälliges Dasein führen. Vernichtet, tötet oder verbannt mich also, und tut mit mir in allem, wie es Euch gut deucht. – Als die besorgte, kummervolle Katharina, die in ihrem Herzen eine wahrhafte Liebe zu ihrem Freunde trug, ihn dermaßen sich betrüben sah, hätte sie sich fast erboten, ihn auf seiner Reise zu begleiten, wenn die große Kraft der Tugend, womit sie Gott begabt hatte, nicht in ihr gewesen wäre und sie bewogen hätte, geduldig abzuwarten, ob ihr vielleicht in der Zukunft ein Ersatz für das jetzt Verlorene verborgen sei. Sie erwiderte also: Mein Freund, es ist notwendig, daß du mich verläßt. Ich bitte dich, bleibe derjenigen eingedenk, die dir ihr Herz zu eigen gegeben hat. Damit du den Mut habest, deinen Wünschen und Neigungen entgegen, zu tun, was die Vernunft von dir fordert, verspreche ich dir und versichere dich bei meiner Liebe, daß ich nimmermehr mit meinem Willen eines anderen Mannes Gattin sein werde, solange du mir deine Treue unversehrt erhältst. Zum Zeichen und zur Beglaubigung dessen gebe ich dir hier diesen mit schwarzen Tropfen überschmelzten goldenen Fingerreif. Und wenn man mich jemals sollte anderwärts vermählen wollen, werde ich mich dieses Zwanges solchergestalt erwehren, daß du mit mir zufrieden sein und erkennen sollst, wie ohne Falsch ich dir treu zu bleiben gedenke. Geh hin, und sobald du eine neue Stätte deines Bleibens gefunden hast, laß mich von dir wissen und erwarte getrost, daß du auch von mir Nachricht empfängst. – Ach! meine werte Gebieterin, sprach Girard, ich sehe wohl ein, daß ich dich auf eine Zeitlang verlassen muß, und bitte nur Gott, daß er dir mehr Freuden schenken möge, als er mir zu gönnen scheint. Du hast mir durch dein Versprechen eine so hohe und unverdiente Gunst erzeigt, daß ich dir gar nicht genugsam und mit nichts anderem als mit dem nämlichen Versprechen meinerseits dafür danken kann, indem ich dich zugleich inständigst bitte, dir meinen geringen Willen für eine bessere Tat gefallen und gelten zu lassen. Lebe wohl, meine Augen grüßen dich zum letzten Male mit dem, was meiner Zunge die Sprache raubt. – Mit diesen Worten küßte er sie und sie ihn auf das brünstigste, und ging ein jedes in sein Zimmer, wo es seinen Schmerz in Klagen laut werden ließ und Tränen der Liebe vergoß. Zur Stunde, da sie sich öffentlich zeigen mußten, zwang sich ein jedes anders auszusehen, als ihm um sein trostloses Herz zumute war. In wenigen Tagen erlangte Girard von seinem Gebieter seinen Abschied nicht um deswillen ohne große Mühe, weil er sich etwa in seinem Dienste hätte Fehler zuschulden kommen lassen, sondern weil Katharinens Angehörige sich mit ihrer Liebe zu ihm unzufrieden bezeigten, der lange nicht so reich wie sie und nicht aus so gutem Hause war, und weil sie befürchteten, daß die Jungfrau ihn heiraten möchte, wie es allerdings nicht geschah. Also reiste Girard ab und kam nach mehreren Tagereisen nach Barrois, wo er in dem Paläste eines Großen ein Unterkommen fand und sogleich seiner Dame von sich Nachricht gab, die sich darüber sehr erfreute und ihn durch den rückkehrenden Boten wiederholt ihrer Treue versicherte.

Es ist hier zu wissen, daß alsbald nach Girards Abreise aus Brabant verschiedene Edelleute, Knappen sowohl als Ritter, sich an Katharinen mit dem Bemühen drängten, ihre Gunst und Gewogenheit zu erwerben, die, während Girard ihr diente, ihr nicht genaht waren, weil sie wußten, daß sie ihm den Vorzug gab. In der Tat verlangten nun auch deren einige sie von ihrem Vater zur Ehe, und wie denn ihm vorzugsweise einer zu seinem Eidam genehm war, so berief er seine Vertrauten und seine schöne Tochter vor sich, gab ihr sein Alter und die große Freude zu bedenken, die er empfinden würde, könnte er noch bei seinen Lebzeiten ihr Schicksal in dieser Welt entschieden sehen, und schloß mit der Erklärung: jener ihm sehr wohl anstehende Edelmann habe sie von ihm zur Ehe begehrt, und er sei willens, wenn irgend sonst auch seiner Freunde Rat dahin ausfiele und seine Tochter ihm gehorchen wolle, auf dessen ehrenvollen Antrag einzugehen.

Alle Freunde und Verwandten des alten Herrn priesen und billigten diese Verbindung außerordentlich, in Ansehen der Tugenden, Reichtümer und anderweitigen Vorzüge des edlen Freiers. Als nun aber die Reihe an Katharinen kam, auch ihren eigenen Willen kundzugeben, versuchte sie freilich, sich damit zu entschuldigen, daß sie gar nicht heiraten möge, oder wenigstens diese Heirat unter mancherlei Ausflüchten ins Ungewisse zu verschieben. Am Ende sah sie sich jedoch dahin gebracht, sich entweder die Ungunst ihrer Eltern, Freunde, Verwandten und Gebieter zuzuziehen oder ihr ihrem Freunde Girard angelobtes Wort zu brechen. Da mittels dessen sie doch für den Augenblick die Ihrigen zufriedenstellen und ihrem Geliebten treu bleiben könnte. Sie sagte: »Mein vielgestrenger Herr und Vater! Ich möchte Euch um keinen Preis in der Welt ungehorsam sein; aber ich vermag auch ein Gelübde nicht zu brechen, daß ich Gott, meinem Schöpfer, getan habe, dem ich noch mehr als Euch zu eigen gehöre. Es ist nämlich der Fall mit mir, daß ich in meinem Herzen und vor Gott den Vorsatz gefaßt habe, nicht sowohl gar nicht als vielmehr jetzt nicht zu heiraten, bevor mir der Himmel diesen oder einen anderen Stand als den angewiesen habe, der mit zu meiner armen Seele Heil vonnöten ist. Ich bin zwar nichtsdestoweniger, um Euch eben nicht zu betrüben, gern bereit, den Himmel um seinen Ratschluß geradezu zu befragen; es müßte Euch aber nur wohlgefällig sein, mir zu gestatten, eine Wallfahrt zu dem heiligen Nikolaus von Varengeuille zu tun, dem ich meine besondere Verehrung gewidmet habe.« – Sie tat diesen Vorschlag, um unterwegs ihren Geliebten zu sehen und ihm ihre Not und Drangsal zu klagen. Ihr Vater war nicht wenig erfreut, den guten Willen und die weise Antwort seiner Tochter zu vernehmen. Er bewilligte ihr Verlangen und wollte auf der Stelle die Vorbereitungen zu ihrer Abreise treffen, indem er in Gegenwart seiner Gemahlin zu seiner Tochter sprach: »wir geben ihr den und jenen Edelmann zur Begleitung mit. Isabeau, Marguerite, und Jeaneton reichen zu ihrer Bedienung hin.« – »Ach! gnädiger Herr Vater,« warf ihm Katharina ein,»dem soll nicht also geschehen, wenn es Euch gefällt. Ihr wißt, daß der Weg zum heiligen Nikolaus schon an sich nicht allzu sicher ist, geschweige denn für Leute, die mit großem Gefolge reisen oder gar für ein Frauengeleite. Das muß man wohl bedenken. Dann könnte ich auch nicht ohne bedeutenden Aufwand an Ort und Stelle gelangen, und wenn wir auf der Straße etwa an Geld und Gut ausgeplündert würden oder gar meine Ehre Schaden erlitte, so wäre dies doch ein großer Übelstand. Ich möchte es also, vorausgesetzt, daß es Euren Beifall hätte, für rätlich halten, Ihr ließet mir eine männliche Kleidung verfertigen und vertrautet mich der alleinigen Obhut und dem Geleite meines Oheims, des Bastards, an. Ich reiste selbander mit ihm auf zwei kleinen Pferdchen in größerer Sicherheit, gleichwie auch billiger, und wurde also viel getrosteren Mutes als in großem Gefolge sein.«

Der ehrbare Herr dacht' ein wenig dem Rate seiner Tochter nach, befragte seine Hausfrau, was sie davon halte, und kam mit ihr dahin überein, daß die Rede eines tief begründeten Sinnes nicht ermangele. Nachdem darauf die Vorbereitungen zur Reise rasch hintereinander getroffen worden waren, begab sich die schöne Katharina, in zierlicher deutscher Tracht, nur von ihrem Oheim, dem Bastard, begleitet, auf den Weg und langte an dem Ziele ihrer Wallfahrt an. Als sie nun bereits die Rückreise angetreten hatten und neben anderen Gesprächen eben Gott dankten, daß er ihnen bis dahin nur Erfreuliches habe zustoßen lassen, redete Katharina ihren Oheim folgendermaßen an: »Mein Oheim, lieber Freund! Ihr wißt, wie es von mir, der alleinigen Erbin meines Vaters, abhängt, Euch viel Gutes zu erweisen, und ich sage Euch, daß ich von Herzen gern bereit bin, dies zu tun, wenn Ihr mir in einer kleinen Sache, die ich unternommen habe, insofern dienen wollt, als ihr mir gestattet, mich in den Palast jenes vornehmen Barons von Barrois zu begeben, bei dem sich Girard aufhält, und mir darin womöglich für einige Tage Aufnahme zu verschaffen. Wir lernen also das Land kennen und wissen was Neues zu erzählen, wann wir zurückgekommen sind. Daß ich meine Ehre dort behüte, so wie es einem rechtschaffenen Mädchen zusteht, daran zweifelt nicht.«

Der Oheim wußte, daß die Tugend seiner Nichte Katharina keine Obhut erforderte, und da er überdies hoffte, durch sie in der Folge eine bessere Lage zu gewinnen, so sagte er ihr seine Dienste in ihrem Unternehmen zu, indem er mit ihr, die nicht aufhören konnte, ihm zu danken, übereinkam, sie Conrad zu nennen.

Als sie nun binnen kurzem an dem von Katharinen ersehnten Orte anlangte, kehrte der Oheim mit den Pferden in einer Herberge ein und wandte sich Conrad demnächst allein an den Haushofmeister des Barons, der ehemals Schildknappe gewesen war und ihn als Fremden ehrenvoll und höflich bewillkommnete. Conrad fragte ihn, ob sein Herr nicht einen jungen Edelmann in Dienst nehmen möge, der auf Abenteuer umherziehe, um die Welt zu sehen. Der Haushofmeister fragte dagegen, aus welchem Lande er komme, und er erwiderte, daß er aus Brabant sei. Nun wohl, sagte jener, Ihr mögt zu Mittag essen, und über Tisch rede ich Euretwegen mit dem Herrn. – Er führte den Reisenden in ein schönes Gemach, ließ den Tisch decken, ein gutes Feuer anfachen, eine Suppe mit einem Stück Hammelfleisch und weißen Wein in Erwartung des Mittagessens auftragen und begab sich sodann zu seinem Herrn, dem er erzählte, daß ein junger Edelmann aus Brabant in der Absicht gekommen sei, ihm zu dienen, vorausgesetzt, daß er seiner benötige. Er hatte jedoch den Pflichten seines Amtes an der herrschaftlichen Tafel nicht so bald Genüge getan, als er auch schon zu Conrad zurückkehrte, um gemeinschaftlich mit ihm zu Mittag zu speisen, und zu Conrads Gesellschaft Girard mitbrachte, weil dieser gleichfalls aus Brabant gebürtig sei. Da ist ein Edelmann aus Eurem Lande, sagte er zu Conrad. Ich freue mich seiner Bekanntschaft, erwiderte dieser, und Girard hieß ihn willkommen, wiewohl er seine Dame nicht wiedererkannte.

Während ihrer gegenseitigen Höflichkeitsbezeigungen wurde das Essen aufgetragen, und darauf setzte sich der Haushofmeister mit den beiden jungen Leuten nieder. Dem verkleideten Conrad währte diese Mahlzeit überaus lange, denn er hoffte, mit seinem Freunde nachher ein frohes Wiedersehen zu feiern, da er gar nicht zweifelte, daß dieser ihn alsbald an seiner Sprache sowohl wie an dem, was er ihm über Brabant zu sagen gedachte, wiedererkennen werde, wenngleich alles ganz anders kam und Girard zu Conrads höchlichem Erstaunen auch schon während des Essens sich nach keiner Menschenseele in Brabant erkundigte. Nach Tische nahm der Herr des Hauses den jungen Conrad in seine Dienste auf, und der Haushofmeister verordnete als ein denkender Mann, daß Girard und Conrad als Landsleute Stubengenossen würden.

Sie gingen also beide Arm in Arm von dannen, um nach ihren Pferden zu sehen, und was ferner Girard anlangte, so schwieg er beharrlich über Brabant still.

Der arme Conrad oder die schöne Katharina fing daher schon allmählich an zu besorgen, ihr Name möge von Girard auf sein altes Sündenregister gestellt worden sein, weil er, wenn dem anders gewesen wäre, sich doch gewiß nicht würde haben enthalten können, wenigstens über das vornehme Haus, worin sie lebte, Erkundigungen einzuziehen. Sie verhehlte ihm indessen die große Herzensangst, die sie bedrängte, und suchte im stillen mit sich einig zu werden, was sie tun, ob sie sich ihm noch länger verbergen und ihn mit verfänglichen Fragen auf die Probe stellen oder ob sie sich ihm gleich zu erkennen geben sollte. Am Ende entschloß sie sich dazu, noch länger Conrad zu bleiben und zuzusehen, wie es mit Katharinens Andenken in Girards Herzen beschaffen sei. Der Abend strich wie der Mittag hin, und Girard und Conrad plauderten miteinander, als sie in ihr Zimmer gekommen waren, mancherlei; es gefiel jedoch dem armen Conrad nichts von alledem sonderlich. Als er nun sah, daß sein Gefährte durchaus kein Wort vorbrachte, was ihm nicht in den Mund gelegt wurde, so fragte er ihn, aus welchem Hause er in Brabant sei, wie er hierhergekommen und was sich daselbst seit der Zeit, daß sie ihr Vaterland verlassen, neues zugetragen habe. Girard antwortete, wie er es für gut befand, und Conrad fragte ihn ferner, ob ihm nicht der oder jener Edelmann bekannt sei? Bei St. Johannes! ja, erwiderte Girard, als ihm Conrad seinen derzeitigen Gebieter nannte, den kenne ich recht wohl; sagte aber nicht, daß er jemals in dessen Haus gekommen sei, geschweige denn dort gewohnt habe. – Man sagt, fuhr Katharina fort, es soll sehr schöne Damen in dem Palaste geben. Habt Ihr keine von ihnen kennengelernt? Nicht näher, meinte er, und ich bekümmere mich gar nicht um sie. Laßt mich schlafen, ich vergehe hier vor Schläfrigkeit. – Wie könnt Ihr doch nur schlafen, sprach sie, solange von schönen Mädchen die Rede ist? Das ist ein Zeichen, daß Ihr nicht verliebt seid; Girard antwortete aber hierauf kein Wort, sondern schnarchte wie ein Ratz.

Die arme Katharina wußte nun wohl so ziemlich, woran sie war, aber sie gedachte ihm noch eine schärfere Prüfung zu.

Am anderen Morgen sprach ein jeder von dem, was ihm am Herzen lag, Girard von Hunden und Vögeln und Conrad von schönen Mädchen in Brabant und am Orte selbst. Nachmittags wußte Conrad Girard von den anderen zu entfernen und sagte zu ihm, als er mit ihm allein war: Barrois mißfiele ihm schon sehr stark, denn er finde, Brabant sei doch ein ganz anderes Land, wodurch er ihm zu verstehen gab, sein Herz zöge ihn gewaltig nach Brabant hin. Auf diese Äußerung entgegnete Girard: Was seht Ihr denn wohl in Brabant, das nicht auch hier wäre? Habt Ihr hier nicht ebenso viele und große schöne Wälder zur Jagd, ebenso schöne Flüsse, Ebenen, nicht minder wohl zur Ergötzlichkeit mit Vögeln gelegen, ebensoviel Wildbret und andere wünschenswerte Dinge als dort? – Ach, was ist das alles! rief Conrad aus: sind doch die Frauen von Brabant ganz andere als diese hier, und gefallen sie mir ebenso wohl und mehr als Euer Jagen und Vogelstellen! – Bei Sankt Johann! das ist etwas anderes, sprach Girard, Ihr mögt, wie ich höre, gewaltig verliebt in Eurem Brabant sein? – Meiner Treu! antwortete ihm Conrad, warum sollte ich es Euch verhehlen? Ja, ich bin in der Tat verliebt. Um deswillen zieht mich auch mein Herz so gewaltsam und stark dahin, daß ich Euern Barrois sicherlich eines Tages einmal werde verlassen müssen, denn es wird mir auf die Dauer unmöglich fallen zu leben, ohne meine Dame wiederzusehen. – Sonach ist es eine Torheit, mein Freund, sagte Girard, daß Ihr sie verlassen habt, wenn Ihr nicht Unbestand oder Kraft zur Genüge in Euch fühlet, sie zu vergessen und die Herrschaft über Eure Sinne und Vernunft wieder an Euch zu reißen! – Dieses Gespräch führten sie vor der Hand nicht weiter, sondern sie kamen davon ab und griffen es nicht eher als nach dem Abendessen wieder auf, als sie miteinander zu Bett gegangen waren. Alsdann würde Girard freilich auch an nichts anderes als wieder an Schlaf gedacht haben, wenn nicht Conrad ein langes schmerzliches Geklage angestellt hätte, das er damit beschloß: Ach, Girard! wie vermöget Ihr nur neben mir so sehr nach Schlaf verlangen, der ich von solcher Sehnsucht und solchem Kummer wach erhalten werde, daß es zu verwundern steht, wie es Euch sogar nicht einmal ein wenig rührt. Glaubt mir, wenn es eine ansteckende Krankheit wäre, die mich befallen hätte, Ihr kämt nicht mit heiler Haut wieder aus meiner Nähe fort. – Beim Gotte der Liebe! sprach Girard, ich sah noch in meinem Leben keinen so törichten Verliebten! Meint Ihr denn etwa, daß ich niemals verliebt gewesen sei? Ich weiß wahrhaftig auch, was es damit auf sich hat, und habe das mit durchgemacht wie Ihr; aber ich trieb das Ding nimmermehr so weit, darüber Schlaf und Besinnung zn verlieren, so wie Ihr jetzt tut! Glaubt Ihr wohl, daß Eure Dame sich auch so anlassen wird wie Ihr? Oh, mitnichten! mitnichten! – Ich bin dessen gewiß, sagte Conrad, sie ist mir zu treu gesinnt, um mich zu vergessen. – Ei was! warf ihm Girard ein, Ihr mögt sagen was Ihr wollt, ich glaube nimmermehr, daß eine Frau jemals ihre Treue halten kann, nur verliebte Gecken bilden sich noch so was ein. Ich habe ebenso geliebt wie Ihr und liebe eine Dame gegenwärtig noch recht sehr. Die Wahrheit zu gestehen, kam ich eigentlich wegen einer Liebschaft von Brabant fort, denn zur Zeit meines Scheidens stand ich gar sehr in der Gunst eines schönen, guten und edlen Mädchens, von der ich nur mit großem Leidwesen ließ, und deren Verlust mir einige Tage lang gewiß nahe ging, wenn ich mich darob gleich nicht so gebärdete wie Ihr und auf Schlaf und Speise ihrethalb verzichtete. Als ich mich nun aber einmal von ihr geschieden sah, da tröstete ich mich natürlich über das, was sich nicht ändern ließ, damit, daß ich mir bei einer anderen Zutritt verschaffte, und so habe ich es, Gott sei Dank! jetzt wieder so weit gebracht, daß ich von einem recht schönen Mädchen, das ich liebe, wieder geliebt und begünstigt und meiner alten Liebe, wie meines Kummers, ledig bin. – Wie ist es aber möglich, sprach Conrad, daß Ihr die andere so schnell vergessen und verlassen konntet, wenn Ihr sie einst von Herzen lieb hattet. Ich vermag nicht zu begreifen und einzusehen, wie das zugehen kann? – Es ist nichtsdestoweniger geschehen, entgegnete Girard, begreift es, wie Ihr es imstande seid. – Das ist die Treue nicht wohl gehegt, blieb Conrad dabei, was mich betrifft, ich würde lieber tausendmal sterben, wenn es möglich wäre, als gegen meine Dame eine so große Falschheit begehen, und Gott möge es mich nicht erleben lassen, daß ich jemals auch nur den Gedanken einer Untreue an ihr fasse. – Desto schlimmer für Euch, sagte Girard, wenn Ihr in der Albernheit beharrt. Ihr werdet also niemals glücklich und zufrieden werden, sondern nur immer träumen und brüten, ohne Genuß davon zu haben, und auf Erden vertrocknen wie ein schönes Kraut im Ofen. Ja, wenn Ihr Euch denn mit aller Gewalt zum Selbstmörder macht, so wird Eure Dame am Ende über Euch lachen, falls Euer Jammer Euch das Glück beschert, zu ihrer Kenntnis zu gelangen. – Wie? fragte Conrad: So seid Ihr vor Zeiten auch in der Liebe erfahren gewesen? Nun, dann ersuche ich Euch, mich zu unterweisen, auf was für Art ich mich ebenso von einem Übel heilen kann, wie es Euch gelungen ist. – Laßt Euch sagen, sprach Girard, ich führe Euch morgen zu meiner Dame, eröffnet ihr, daß wir Freunde und Genossen sind, und bittet sie, daß sie ihre Gefährtin für Euch gewinnt. So zweifle ich denn ganz und gar nicht, daß Ihr bald gute Tage haben werdet, wenn Ihr wollt, und daß Eure Schwermut allmählich von Euch schwinden soll, wenn ihr die Nahrung entzogen wird. – Das würde mir alles recht wünschenswert sein, erwiderte Conrad, wenn ich nur nicht meiner Dame die ihr zugeschworene Treue brechen müßte. Indessen will ich versuchen, wie es damit gehen wird. – Nach diesen Wechselreden wandete sich Girard um und entschlief, und Katharina fühlte sich durch die offenbare Untreue und Verräterei dessen, den sie mehr als alles in der Welt liebte, innerlich zu Boden gedrückt, daß sie sich aufrichtig den Tod wünschte. Desungeachtet faßte sie sich, verleugnete alle weiblichen Schwächen und waffnete sich mit männlicher Kraft. Ja, am anderen Morgen hatte sie sogar die Ausdauer, mit derjenigen, die ihren geliebten Girard ihr entrissen, eine lange Unterredung zu bestehen und ihr Herz und ihre Augen zu zwingen, Zeugen der Vertraulichkeit zu sein, mit der sich die Liebenden in ihrer Gegenwart unbedenklich begegneten. Derweil die Dame nun mit ihrer Gefährtin im Gespräche begriffen war, sah Katharina von ungefähr den Ring in ihrem Zimmer liegen, den sie beim Abschiede ihrem ungetreuen Liebhaber zum Andenken geschenkt hatte. Sie besaß Geistesgegenwart genug, sogleich einen Entschluß zu fassen, nahm den Ring, wie um damit zu spielen, auf eine schlaue Weise in die Hand, betrachtete ihn hin und wieder und steckte sich ihn endlich an den Finger; worauf sie, wie seiner uneingedenk, baldigst aufbrach und von dannen ging.

Unmittelbar nach dem Abendessen des nämlichen Tages begab sich Katharina zu ihrem Oheim und sprach zu ihm: Wir sind gegenwärtig lange genug in Barrois gewesen. Es ist Zeit, wieder abzureisen. Seid morgen früh mit Tagesanbruch fertig und bereit, ich werde es gleichfalls sein. Auch unterlaßt nicht, Sorge zu tragen, daß alle unsere Sachen wohl aufgepackt sind. – Kommt Ihr nur so früh, als es Euch gut dünkt, entgegnete der Oheim, Ihr sollt nichts weiter zu tun finden, als Euer Pferd zu besteigen. – Von diesem Ausgange in ihr Zimmer zurückgekehrt, benutzte Katharina die Abwesenheit Girards, der unterdessen bei seiner Dame weilte, setzte sich nieder und erinnerte ihn nicht nur in einem langen Briefe, den sie ihm schrieb, an ihre gegenseitige Liebe in Brabant sowie an die Schwüre, die er ihr bei seiner Abreise verpfändet hatte, sondern schilderte ihm auch, wie man sie trotz ihres Widerwillens habe mit einem anderen vermählen wollen, weshalb sie ihre Zuflucht zu einer Wallfahrt genommen, um ihre eigenen Schwüre zu sichern und ihn wiederzusehen. Danächst fügte sie die Erklärung gegen ihn hinzu, daß sie, von seinem Treubruche durch Worte und Taten hinlänglich überzeugt, ihres ihm gegebenen Wortes sich für erledigt halte und in ihr Vaterland zurückkehre, wohin sie keinen größeren Wunsch mit sich nehme als den, den allerwortbrüchigsten Mann auf Erden nimmer wiederzusehen, der da sogar schon ihren glücklicherweise von ihr wiedererlangten Ring veruntreut habe, und schloß mit der Bemerkung: er könne sich zwar rühmen, drei ganze Nächte an ihrer Seite geruht zu haben, er möge dies aber immerhin laut und öffentlich tun, sie fürchte sich dessen nicht.

Diesen mit ihrer ihm wohlbekannten Hand geschriebenen Brief unterzeichnete sie mit ihrem Namen Katharina und richtete die Aufschrift: »An den ungetreuen Girard«. Sie brachte die ganze Nacht schlaflos zu, und sowie sie nur den Tag aufdämmern sah, stand sie leise von ihrem Bette auf, kleidete sich so geräuschlos an, daß Girard nicht im mindesten davon geweckt wurde, nahm ihren Brief, den sie gefaltet und verschlossen hatte, und steckte ihn in den Ärmel von Girards Wams, indem sie ihn Gott anempfahl und bittere Tränen des Schmerzes über den schlechten Streich, den er ihr gespielt hatte, vergoß.

Girard schlief ohne sich zu rühren weiter, und Katharina kam zu ihrem Oheim, der ihr in Bereitschaft stehendes Pferd ihr übergab, bestieg es und langte wohlbehalten in Brabant an, wo sie mit vielen Freuden empfangen wurde.

Man kann sich leicht vorstellen, wie viele Fragen über die Begebnisse der Reise an sie gerichtet wurden; indessen hütete sie sich wohl, was sie auch alles darauf erwiderte, nicht ihr vernehmlichstes Abenteuer gegen andere zu erwähnen. Was Girard betrifft, so wachte er am Tage der Abreise Katharinens ungefähr erst um zehn Uhr morgens auf. Da er seinen Genossen Conrad an seiner Seite vermißte und ihn auch nicht mehr im Zimmer sah, so sprang er rasch aus dem Bette, in der Meinung, es sei schon spät. Indem er sich nun aber ankleidete und mit dem einen Arme in sein Wams fuhr, stieß er einen Brief aus dem Ärmel heraus. Voller Verwunderung, weil er sich bewußt war, 1^5 keinen darin verborgen zu haben, hob er das Schreiben auf und sah, daß es versiegelt und: »An den ungetreuen Girard« überschrieben war.

Hatte er sich vorher gewundert, so war er jetzt über die Maßen erstaunt, erbrach den Brief nach einigen Augenblicken und fand, als er nach der Unterschrift sah, daß diese lautete: »Katharina, benannt Conrad«. Er wußte zwar noch nicht, was er von alldem denken sollte; aber er überlas den Brief nichtsdestoweniger. Indem er las, stieg ihm das Blut in den Kopf, erbebte ihm das Herz. Er wechselte des öfteren die Farbe, und auch sein ganzes Äußere veränderte sich. Wie hart es ihm auch ankam, so setzte er sich doch von dem Inhalt des Briefes in vollständige Kenntnis und erfuhr also, daß seine Treulosigkeit derjenigen, die ihm so wohl gewollt hatte, nicht mehr verborgen war. Ja, das schlimmste bei der Sache war, Katharina hatte diese Kenntnis nicht etwa durch andere Zuträgerei, sondern durch ihren eigenen untrüglichen Augenschein erlangt. Es mußte ihn überdies wohl außermaßen verdrießen, drei Nächte hindurch neben ihr in einem und demselben Bette geschlafen zu haben, ohne es zu ahnen. Er knirscht vor Wut und ist nahe daran, rasend zu werden, als er sich durch seine eigene Schuld so betrogen sieht. Nach mancherlei Bedenken weiß er nichts anderes zu tun, als ihr zu folgen. Er nimmt also, in der Hoffnung, sie einzuholen, seinen Abschied von seinem Herrn, begibt sich auf den Weg, den Fußtapfen ihrer Pferde folgend; erreicht aber Brabant erst, nachdem sie schon dort eingetroffen ist.

Girard kam so zur rechten Stunde in der Vaterstadt seiner Geliebten an, daß er ein Zeuge ihrer Hochzeit sein konnte, die er gehofft hatte, sich durch Schmeichelreden, Küsse und Liebesblicke leicht zu versöhnen. Als er sich Katharinen zu nähern versuchte, drehte sie ihm den Rücken zu, und gleich wie es ihm an diesem Tage nicht gelang, ihr ein einziges Wort zu sagen, also war er auch an keinem der darauffolgenden glücklicher. Er trat einmal auf sie zu, um sie zum Tanz zu führen; aber sie wies seine Aufforderung vor den Augen vieler Menschen zurück; obwohl sie gleich danach, als ein anderer Edelmann die Spielleute aufspielen ließ und ihr die Hand reichte, zu ihm herniederstieg und vor Girards Augen mit ihm tanzte.

Auf diese Weise verlor der Ungetreue seine Dame, und wenn es seinesgleichen noch mehr gibt, so mögen sie sich in diesem Beispiele, das sich wirklich zugetragen hat, spiegeln. Und möge es ihnen ergehen wie ihm!

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