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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
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Eifersucht bis in den Tod

Ein Edelmann von sehr altem Geschlecht aus dem Gebirge von Burgos, namens Bernardo de Salazar, kam wegen eines in seinem Vaterlande mit dem Tode seines Gegners geschlichteten Zweikampfe nach dem Königreiche Valencia und wurde um seines guten Rufes und Betragens willen bei der Hofhaltung des Senor Don Carlos de Borja, Herzogs von Gandia als Kavalier angestellt. Nachdem er einige Jahre seine Pflichten getreulich erfüllt hatte, erwarben ihm seine vortrefflichen Eigenschaften die Zuneigung einer Edeldame der Herzogin, und er verheiratete sich mit ihr, indem er sich also an seine neue Heimat mit festeren Banden fesselte. Er zeugte in dieser Verbindung eine Tochter, die in dem fünfzehnten Jahre ihres Alters das schönste Mädchen des ganzen Königreichs geworden war. Viele junge Edelleute des Herzogs trugen Verlangen, sie als Gattin zu besitzen, und bemühten sich eifrig um ihre Hand; ihre Ansprüche wurden jedoch von ihrem Vater insgesamt unter dem Vorwande zurückgewiesen, daß sie noch in einem zu frühzeitigen Alter stehe, um verheiratet und aus der väterlichen Obhut entlassen zu werden.

Die Anbeter der schönen Marcela vernachlässigten zwar darum keinesfalls ihre Bewerbungen oder gaben sie auf; Bernardo de Salazar vereitelte sie aber durch den in sich vorgefaßten Beschluß, seine Tochter einem sehr reichen leiblichen Vetter von sich in Aguilar de Campo zuzuwenden, der von seinen Eltern ein Vermögen von mehr als vierzigtausend Dukaten in Ländereien und Einkünften geerbt hatte und also einer der reichsten Männer seines Ortes zu nennen war.

Marcela erreichte ihr zwanzigstes Lebensjahr, und ihr Vater begann mit anderen Verwandten, die ihre Vermählung mit dem Vetter behandeln sollten, um ihretwillen Briefe zu wechseln. Das dem Vetter zugeschickte Bild des jungen Mädchens erleichterte den Abschluß des Vertrages wesentlich. Der nachgesuchte Erlaß von Rom kam binnen drei Monaten an, und mittlerweile bereitete man die Hochzeit vor. Der Bräutigam war als ein echter Gebirgler nicht eben sehr galant, und seine Körpergestalt erhöhte seine guten Eigenschaften nicht, denn sie war sehr unansehnlich und überdies durch eine Wulst in den Schultern entstellt, die, nach seiner Aussage, infolge eines Falles angeschwollen war, von denen aber, die ihn von Jugend an gekannt hatten, für einen Höcker angesehen ward. Er war also nicht allein bucklig, sondern es saß ihm auch der Kopf so tief in den Schultern, daß er sich kaum zwei Finger breit darüber erhob. Seine Beine ersetzten diesen Mangel an Schönheit nicht, denn sie waren im höchsten Grade krumm; und es erschienen diese Gebrechen nur in bezug auf seinen Verstand geringer, weil der dem Körper an Kürze und Beschränktheit glich und sogar mit den Elementen der Höflichkeit und Sitte ziemlich unbekannt geblieben war. Welchem Ungeheuer sollte also Marcelas Schönheit hingeopfert werden! Welchen Teufel suchte man zur Begleitung dieses Engels aus! Nur in dem einen Punkte war er klug, daß er nicht nach Gandia zur Hochzeit kommen wollte, sondern verlangte, seine Braut in seine Heimat geführt zu sehen, was ihm wahrscheinlich zur Verheimlichung seiner Mißgestalt wohlwollend angeraten worden war. Er wich von dieser Bedingung nicht ab, sondern bestand so lange und fest wie ein König darauf, daß sein Schwiegervater und Vetter ihm seine Braut in das Gebirge übersende, bis Bernardo de Salazar seinem Starrsinne nachgab und, weil er bei Lebzeiten der mächtigen Brüder des von ihm Getöteten nicht öffentlich in Aguilar erscheinen durfte, heimlich dahin zu reisen beschloß.

Er verließ mit Marcelen Gandia und langte nach mehreren Tagereisen bei der Vaterstadt des Bräutigams an. Marcala sah dem Ende ihrer Wanderschaft mit keinem großen Vergnügen entgegen, denn sie schloß aus der geringen Gefälligkeit ihres zukünftigen Gatten auf einen Mangel an Verstand, wo nicht gar auf einen Überfluß an körperlicher Gebrechlichkeit seinerseits. Dem Willen ihres Vaters gehorsam und unterworfen, verleugnete sie am Ende aber allerdings den ihrigen und fügte sich darein, in Begleitung ihrer Mutter ihrem körperlich und geistig ihr unbekannten Verlobten entgegenzuziehen. Sie machten vier Meilen vor Aguilar halt, wo Bernardo de Salazar zurückzubleiben beabsichtigte, und erwarteten, von Lorenzo de Santillana eingeholt zu werden; der Bräutigam entschuldigte sich aber mit vorgeblicher Krankheit und Bettlägrigkeit.

Salazar faßte nun den Entschluß, zur Zusammenkunft mit seinem Eidam selbst nach Aguilar zu gehen, und sendete Frau und Tochter in Begleitung einiger ihnen entgegengekommener Verwandten dahin voraus. Sie wurden zur Belustigung des ganzen Ortes von dem Bräutigam im Bett mit Freuden empfangen, erkannten aber bald nach seinen ersten Äußerungen seine Sinnesbeschaffenheit und fühlten darüber beide um so schwerere Betrübnis, als diese Heirat eben gar nicht im Willen der Mutter gelegen hatte. Am gleichen Abend fand ein glänzendes Gastmahl statt, woran die nächsten Verwandten mit ihren Frauen teilnahmen, und wozu auch Bernardo de Salazar heimlicherweise kam. Mutter und Tochter hofften viel von dem Eindrucke, den der Anblick des von ihm zu seinem Tochtermanne erkorenen Menschen auf ihn machen werde; er war jedoch dermaßen von der Begierde nach dessen Besitztume eingenommen und so eingebildet auf dessen Person, daß er seine Gebrechen sogar wie Vollkommenheit betrachtete. Die Nacht verging unter Besuchen von Anverwandten, und am anderen Tage fand die Hochzeit statt, die der schönen Marcela und ihrer Mutter nicht wenige Tränen kostete. Der Bräutigam befand sich dabei äußerst elend, und es schienen ihm die acht Tage, während denen er seine Schwiegereltern bei sich behielt, tausend Jahre zu sein. Ja, seine Gäste wurden ihm am Ende so zur Last, daß er ihnen mit finsteren Blicken zu verstehen gab, es würde ihm Freude machen, ließen sie ihn allein.

Die Schwiegermutter nahm die Unlust des unhöflichen Eidams wahr und drängte Salazar zur Rückreise nach Gandia, wiewohl es sie auf der anderen Seite bekümmerte, ihre Tochter in der Gewalt eines ihr so unähnlichen Menschen lassen zu müssen. So versündigen sich die Eltern, die aus kleinlicher Selbstsucht ihre Töchter gewaltsam mit Menschen zur Ehe zwingen, bei denen sie lebenslänglichen Tod erleiden, und von denen sie nur der Tod befreien kann. Salazar kehrte mit seiner Gattin nach Gandia zurück, und sein Schwiegersohn behandelte ihn beim Abschiede unfreundlich genug, daß er schon einiges Leidwesen und Besorgnisse um das künftige Schicksal seiner Tochter empfinden konnte. Bei der Ankunft der schönen Marcela beeiferten sich alle namhaftesten Bewohner Aguilars, sowohl Damen als Edelleute, sie zu besuchen, und wurden alle von ihren Reizen entzückt, wie von ihrer Anmut und Höflichkeit bezaubert. Die müßige Jugend des Ortes war ganz voll des Lobes der schönen Valencianerin, wie man sie nannte, und ihre Schönheit ward unaufhörlich besungen und mit Abendständchen gefeiert. In dem guten Santillana stöberte man dadurch eine solche Staubwolke von Eifersucht auf, daß er ganz das Bewußtsein seiner selbst verlor. Er gab sich im allgemeinen zwar wenig mit Denken ab, aber was diesen Umstand anlangte, so konnte er doch nicht wohl umhin, sich bedachtsam zu Gemüte zu führen, wie sehr die Natur ihn an Körper und Geist vernachlässigt habe, und wie unwürdig er mithin sei und von den anderen erachtet werden möge, eine so vollkommene, von dem ganzen Orte mit Recht gefeierte Schönheit als Gatte zu besitzen. Infolge dieser Betrachtung fing er nach und nach an, wachsam zu werden, seine Frau am Ausgehen zu verhindern, die ihr zugedachten Besuche abweisen zu lassen, und sogar seinen Verwandten den Zugang in sein Haus zu untersagen. Er erhöhte somit in der armen Frau das Gefühl ihres Unglücks dermaßen, daß ihre Schönheit von Tag zu Tag abnahm. Sie durfte kaum in die Messe aus dem Hause gehen, und alsdann nur mit verhülltem Gesicht und in Santillanas eigener Begleitung, der sie unterwegs fortwährend bei der Hand führte und in der Kirche keinen Augenblick von ihrer Seite wich. Marcela empfand weniger schmerzlich ihre häusliche Abgeschlossenheit von allen Besuchen und allen Freuden der Welt und Geselligkeit als das geringe Vertrauen, das ihr unfeiner Gatte in sie setzte, und die Ängstlichkeit, mit der er sie behütete, von irgend jemand gesehen und etwa zum Leichtsinn oder zur Kränkung seiner Ehre verführt zu werden. Sie teilte dies und die Beschwerden, die er ihr unaufhörlich auferlegte, einige Male schriftlich ihren Eltern mit, und es bereute besonders Salazar, sie zu einer solchen Ehe gezwungen zu haben. Eines Tages in der Kirche geschah es, daß Santillana einen der Liebhaber, die seine Frau verfolgten, wahrend der Messe gähnen sah, und daß auch Marcela – so wie denn der, welcher gähnen sieht, gewöhnlich mitgähnen muß – einige Male dasselbe tat, was ihren Gatten gleich zu dem Verdacht verleitete, dies möge ein zwischen beiden verabredetes Zeichen sein, und ihm genügte, sie bei der Rückkehr nach Hause mit seiner Eifersucht aufs äußerste zu belästigen. Es konnte nicht fehlen, daß auf diese Weise immer eines aus dem anderen hervorging, was der armen Marcela die empfindlichsten Kränkungen verursachte und die Nachbarn, sobald sie es erfuhren, auf Kosten der törichten Leidenschaft ihres Ehemannes belustigte.

Die bitteren Klagen, in die Marcela sich über ihr betrübtes und verzweifeltes Leben schriftlich gegen ihre Eltern ergoß, zogen Bernardo de Salazar eine schwere Krankheit zu, die ihn so hart ergriff, daß sie sein Leben beendigte. Seine Gattin liebte ihn so sehr und empfand seinen Verlust so tief, daß auch sie, vierzehn Tage nach seinem Begräbnis, zum großen Leidwesen ihrer fürstlichen Herrschaften, die sie sehr wertschätzten, ihren Geist aufgab. Da nun Salazar einiges Vermögen hinterließ und Marcela seine einzige Erbin war, so benachrichtigte man Santillana zugleich von dem Tode seiner Schwiegereltern und von der Erbschaft seiner Frau. Habsüchtig und geldgierig, wie er war, freute er sich dieses Erbes ungemein, und da er einsah, daß er, wenn er nach Gandia reise, um es anzutreten, seine Frau allein zurücklassen müsse, so beschloß er sie mit sich zu nehmen. Der schönen Marcela war diese Reise nicht wenig angenehm, und sie nahm sich vor, in Gandia alles zu tun, was sie vermöge, um sich der Gesellschaft eines so unerträglichen Mannes zu entledigen, wobei sie namentlich auf die Gewogenheit der herzoglichen Familie rechnete. Sie langten in Gandia an – und es muß hier zuvörderst erwähnt werden, daß Santillana seit seiner Geburt Aguilar auf keine Meile im Umkreise verlassen hatte –, stiegen im Hause eines Verwandten Marcelas ab, der sie mit Freuden bei sich aufnahm, und wurden noch an demselben Abende im Namen der Fürstlichkeiten von einem Pagen bewillkommt. Santillana erwiderte diese Höflichkeit mit der ihm eigentümlichen Sprache, die von dem schönen Pagen sogleich aufgenommen und im Palaste zu allgemeinem Ergötzen mit vielem Geschick nachgespottet wurde.

Zwei Tage nach ihrer Ankunft wünschte Marcela dem Herzoge und der Herzogin aufzuwarten, und es begleitete sie ihr plumper Ehegemahl, so wohl aufgeputzt, als es sein Äußeres und seine Herkunft gestatteten; denn obwohl Aguilar ein sehr gebildeter Ort, ist, so war es dort doch noch nicht eingeführt, nach der Mode zu gehen.

Santillana ward von dem Herzoge, dessen ältestem Sohne und dem anwesenden Großmeister des Ordens von Montesa mit Ehren empfangen, indem ein jeder, so gut er es konnte, das Lachen derbarg, das ihm seine komische, widerwärtige Gestalt und seine ungeschliffenen Manieren erregten. Marcela ging dagegen, sobald sie dem Herzoge die Hand geküßt hatte, in das Gemach der Herzogin, die ihr sehr huldreich begegnete und sich nicht wenig über die Abnahme ihrer Schönheit und über die große Gewalt des Kummers verwunderte, und versäumte denn bei dieser Gelegenheit nicht, ihrer Exzellenz mit deren Damen ihre Leiden seit ihrer Verheiratung zu schildern und sich über deren Fortdauer zu beklagen, ohne daß ihr ein Mittel gegeben sei, Santillana dahin zu bringen, von seiner auf den nichtigsten Gründen beruhenden Eifersucht abzulassen.

Als sie darauf mit ihrem Gatten in ihre Wohnung zurückgekehrt war, besprachen und betrübten sich die vornehmen Herrschaften über das, was ihnen die junge Frau von der häßlichen Sinnesweise Santillanas mitgeteilt hatte, und der Herzog nahm es auf sich, des anderen Tages ernstlich mit ihm zu reden, um zu versuchen, ob er vielleicht zur Besserung und Sinnesänderung gegen seine Gattin zu bewegen sei. Er ließ ihn deshalb zu sich rufen. Wenngleich dem guten Gebirgsbewohner eben nichts an Besuchen im Palaste gelegen war, so kam er dennoch des Herzogs Befehlen nach. Der Herzog erwartete ihn allein in seinem Kabinett, und als er sich mit ihm unter vier Augen sah, erinnerte er ihn an die Verpflichtungen, die ein Ehemann habe, seine Gattin ehrenvoll zu behandeln, sobald sie sich ihm liebenswürdig erweise und ihm keinen Anlaß gebe, argwöhnisch auf sie zu sein, sagte ihm, was ihm von seinem Betragen gegen sie zu Ohren gekommen sei, und bat ihn, seine Aufführung fortan zu ändern, mit dem Bemerken, daß er ihn auf einem anderen Wege dazu vermögen werde, erführe er späterhin jemals das Gegenteil über ihn. Santillana fühlte sich in der Tat eingeschüchtert, als er sich von einem großen Herrn in einer Sache, worin er so wenig, jener aber so viel Recht hatte, ausgescholten sah. Er entschuldigte sich indessen mit den allerdümmsten Gründen, die ihn seine Ungeschicklichkeit im Augenblick auffinden ließ, ohne imstande zu sein, seine törichte Hartnäckigkeit irgend zu beschönigen, und beurlaubte sich damit von dem Herzog.

Da Santillana ein Dummkopf vom Kopf bis zu den Füßen war, so verstand er durchaus nicht, sich gegen seine Frau zu verstellen, sondern erboste sich, in der Voraussetzung, daß ihn dieser Verweis infolge von Marcelas Beschwerden betroffen habe, dermaßen gegen sie, daß er ohne die Rücksicht auf seine Wirte und Verwandten, Hand an sie gelegt haben würde. Der Herzog erfuhr das Geschehene alsobald und teilte es seinen Söhnen mit, um sich mit ihnen zu besprechen. Einige waren der Meinung, daß auf eine Ehescheidung hingewirkt werden solle, andere, daß die Herzogin Marcela auf einige Zeit zu sich nehmen möge, um zu versuchen, ob er sich noch bessere. Der Großmeister von Montesa aber, ein kluger junger Mann und Freund der Kurzweil, wünschte einen Scherz mit Santillana getrieben zu sehen und hoffte, auf diesem Wege Marcela am ehesten zu helfen. Er eröffnete seine Ansicht seinem Vater und seinen Brüdern und veranlaßte den Herzog, zu beschließen, daß sein Plan versuchsweise ins Werk zu richten sei. Vor allen Dingen war es notwendig, zwischen Santillana und seiner Frau wieder Frieden zu stiften. Die gastfreundlichen Verwandten nahmen dieses Amt auf sich, vollbrachten es anderen Tages und schlugen, zur Feier der Versöhnung, eine Lustfahrt auf dem Meere vor. Santillana weigerte sich erst, darauf einzugehen, weil das Meer keine Balken habe; auf die Bitten und Vorstellungen aller übrigen Verwandten, daß gar keine Gefahr sei, gab er aber endlich fast wider Willen nach. Zwei große Fischerbarken von dem flachen Strande Gandias wurden ausgerüstet und mit einem Vorrate kalter Speisen zum Vesperimbiß versehen. Die See ging ruhig, man fuhr frisch hinein, und die Ruder trübten die flüssige Bläue mit Geschäftigkeit, bis man über eine Meile weit meereinwärts gefahren war.

Der Großmeister hatte alle seine Diener zu der Posse angestellt, und ungefähr dreißig von ihnen, als Mohren verkleidet, auf eine mitten im Meere vor Anker liegende Brigantine geschafft, deren Wimpel mit halben Monden ausgeschmückt waren. Santillana bestürmte die Gesellschaft mit Bitten, nach dem Lande zurückzufahren, da sie aber große Vorsicht beobachteten, so wagten sie sich, je mehr er bat, desto tiefer in die See hinaus.

In kurzer Zeit kam ihnen die so wohl bestellte Brigg zu Gesicht, daß sie sie wirklich für einen algerischen Kaperer gehalten haben würden, wären sie nicht hinlänglich auf sie gefaßt gewesen. Die Schiffer huben an zu schreien: Ans Land! ans Land! Weh uns Armen! Das Schiff ist ein maurisches. - Santillana entfärbte sich, als er diesen Ruf hörte, und wagte kein Wort zu sprechen. Es fehlte nicht viel, so hätten die ihn Umgebenden den Betrug durch ihr losbrechendes Gelächter entdeckt, ein jeder tat aber fast das Unmögliche der Verstellungskunst, indem er äußerliches Entsetzen über dies unvermutete Ereignis zu erkennen gab und Gott anrief, ihn aus der offenbaren Gefahr zu befreien. Die Frauen verbargen ihr Gesicht in ihre Schnupftücher und schienen Tränen zu vergießen, und es herrschte allgemein die größte Verwirrung. Die Brigantine holte in diesem Augenblick die beiden Barken ein und feuerte, unter dem Kriegsgeschrei der Mauren, blindgeladenes Geschütz auf sie ab, dessen Donner kaum an Santillanas Ohren schlug, als er, auf den Boden der Barke niederstürzend, zu heulen und um Erbarmen zu schreien begann. Die Brigg enterte die eine Barke, auf welcher sich Santillana mit seiner Frau befand, und einige vermeintliche Mohren sprangen sofort hinein und schleppten die Frauen unter Umarmungen mit sich fort. Einige Männer, die sich zum Widerstande anschickten, wurden alsbald entwaffnet und gebunden und mit den übrigen und dem fast besinnungslosen Gebirgsbewohner auf die Brigg geschafft, wo man den Frauen allerdings nichts antat, die Männer jedoch, weil dies in der herbstlichen Jahreszeit eben noch erträglich war, bis aufs Hemd entkleidete und beraubte.

Die Brigantine kreuzte den ganzen Abend im Meere hin und wieder, und Santillana ward im untersten Raume aufbewahrt, damit er den Weg, den sie nahm, nicht erkenne. Der sorgenvolle Gebirgsbewohner weinte und wehklagte zum Erbarmen, ohne daß ihn eine Menschenseele tröstete. Am meisten bekümmerte es ihn, daß er sich seiner Gattin beraubt und sie, wie er nicht anders glauben konnte, in die Gewalt der Mohren gefallen sah. Die Nacht brach ein, und die Brigantine strich die Segel, indem sie das sämtliche Ruderwerk in der Nähe des Landes oberhalb der Küste von Gandill ruhen ließ, wo sich ein wenig landeinwärts eine Meierei befand. Es fing alles an zu rufen: Land! Land! damit Santillana es vernehme, und seine Gefährten verkündeten ihm, sie befänden sich am Strande von Algier, in der Nähe eines Landhauses, worin der König sich aufhalte. Der Unglückliche wußte nichts anderes zu tun als zu weinen. Die Mohren stiegen in dem kleinen Boote an Land und führten den vor Mißhandlungen zagenden Santillana und die übrigen vermeintlichen Gefangenen mit sich nach dem Landhause, wo, ihrer Aussage gemäß, der König sie erwartete, um die gemachte Beute in Augenschein zu nehmen. Allen anderen voraus schritt der über seinen Fang anscheinend sehr erfreute Befehlshaber der Brigg, dem das Schiffsvolk je zwei und zwei folgte. Sie gelangten auf diese Weise in die Meierei und fanden am Eingange eines Saales vier Mohren als Türhüter, die sie baten, vor König Mohammed Jafer erscheinen zu dürfen. Der eine der Mohren leistete diesem Geheiß Folge, während die anderen drei an ihren Plätzen verweilten, und kam bald mit der Nachricht zurück, der König erwarte sie. Der Zug der Mohren und Gefangenen bewegte sich also in derselben Ordnung, wie er gekommen war, weiter bis in das Gemach des falschen Königs, dessen Rolle der Kammerdiener des Großmeisters, ein Mensch von der trefflichsten Laune, spielte. Er war in einen engen, scharlachroten maurischen Talar gekleidet, worüber er einen blauen Regenmantel trug. Seinen Kopf bedeckte ein großer, von verschiedenfarbig gestreiftem Nesseltuche dick gewundener Turban. Er war groß von Körper, schwarzbraun, mit starkem Knebelbart versehen und wie dazu geschaffen, die Figur zu spielen, die er auf eine sehr natürliche Weise vorstellte. Er saß auf zwei Polstern von grünem Sammet, die auf einem großen Fußteppich lagen, und um ihn herum standen einige Mohren. Selim, so wurde der Befehlshaber der Brigg genannt, trat zuerst auf ihn zu, verbeugte sich vor ihm auf mohammedanische Art und redete ihn dann in einer selbstgebildeten Sprache an. Als er mit seinem unverständlichen Geschwätz zu Ende war, umarmte ihn der König und befahl ihm, beiseitezutreten. Darauf wurden die für gefangen geltenden Leute vorgeführt, die der König in spanischer Sprache einzeln nach Vaterland und Gewerbe befragte. Als die Reihe den erblassenden Santillana traf, trat er mit Ungewissen Schritten vor und verwunderte sich nicht wenig, den ungläubigen König so geläufig in seiner Muttersprache sich ausdrücken zu hören. Der König fragte ihn: Wo bist du her, Christ? Die Worte halb verschluckend, stammelte er: Ich bin aus dem Gebirge von Burgos, Herr. – Was ist dein Gewerbe? fuhr der König fort. – Ich bin ein Edelmann, erwiderte Santillana. – Nach meinem Bedünken, sagte der König, ist der Adel doch kein Gewerbe in deinem Lande, womit man sein Brot verdient, sondern wohl eine Erbschaft des Blutes tugendreicher Vorfahren. – Da sich der gute Gebirgsmann, wie schon gesagt, nicht eben auf das Denken verstand, so war ihm die Erklärung des Begriffes Adel zu hoch gegeben und ging an seinem nur das Wort Erbschaft festhaltenden Ohre vorüber. Er sagte also: Sennor, seit dem Tode meiner Eltern, gottseligen Angedenkens, habe ich keine andere Erbschaft als die meiner Frau gehoben, die mir überdies so teuer zu stehen gekommen ist, daß ich mich, indem ich sie kaum angetreten habe, in Euer Gnaden Gefangenschaft befinde. – Er fing bei diesen Worten so bitterlich zu weinen an, daß sich der König, trotz seiner Verstellungskunst, kaum bezwingen konnte, nicht zu lachen und dadurch den angefangenen Scherz zu verderben. Du bist verheiratet? fragte der König. – Euer Gnaden zu dienen, antwortet Santillana, wofern es Hochdenenselben, die ich nicht zu benennen weiß, recht ist, daß ich hier in Algier bin. Wie! rief der König aus, deine Frau ist in diesem Lande? – Um meiner Sünden willen, ja, Sennor! Die Herren Mohren haben sie als Gefangene mit hierhergeschleppt, ohne mich sie wiedersehen zu lassen, und uns von Tisch und Bett geschieden, als wären sie ein geistliches Gericht. – Ist sie jung oder alt? sagte der König. – Das wird sie besser als ich sagen können, entgegnete Santillana; die Frauen haben es aber nicht gern, daß immer mehr Jahre zu ihrem Alter kommen, wiewohl es mir doch scheinen will, in der kurzen Zeit unserer Ehe schon einige Jahre verheiratet zu sein. – Ist sie unter dem Trupp? sprach der König, zum Befehlshaber der Brigg gewendet. – Er bejahte es. – Ich werde mich freuen, sie zu sehen, fuhr der Schelm fort. – Der Hauptmann ließ Marcela sogleich vor den König führen. Er betrachtete sie aufmerksam, und sie blickte nicht vom Boden auf, indem sie über ihre uneigentliche Haft sehr niedergeschlagen schien. Als der König sie eine lange Weile angeschaut hatte, sprach er: Deine Schönheit, Christin, ist erstaunlich und ganz gewiß die höchste, die ich jemals gesehen habe. Ist es möglich, daß man in deinem Lande schöne Frauen so gering achtet, sie an Männer von so schlecht beschaffener Art, wie dein Gemahl da ist, wegzuwerfen, derweil sich Fürsten glücklich schätzen würden, dich zur Gefährtin zu haben? – Aufmerksam hörte Santillana den Worten des Königs zu, und, wie die Eifersucht ihn immerdar beunruhigte, so nahm er gleich an, der König müsse an seiner Frau Gefallen finden, und sprach, um in dessen Augen nicht niederen Standes zu erscheinen: Herr, meine Frau ist schön und weiß, daß sie es ist, was mir nicht gefällt; ich aber bin so hohen Standes wie irgendeiner, denn es gibt in dem ganzen Gebirge kein besseres Geschlecht als das meinige. – Nun wohl, sagte der König, so mögt Ihr es Euch genügen lassen, ein guter Chronist Eures Adels zu sein, während ich, der ich derzeitiger Gebieter Eures Weibes bin, mich zu bemühen gedenke, sie zur Annahme unseres Glaubens zu bringen, damit sie die Meinige werde. – So lange ich lebe, soll dies nicht geschehen, rief Santillana vom Zorn überwältigt aus. – Wie! Was! sagte der König, in meiner Gegenwart erkühnt sich ein elender Christensklave, der mir angehört, solche Reden zu führen? Holla, Hauptmann! laß ihm eine Tracht Prügel mit einem indianischen Rohre auszählen. – Mit Schreck und Betrübnis vernahm Santillana diesen strengen Beschluß, und die Mohren säumten keinen Augenblick, nach dem Willen ihres Königs, Santillann trotz seines Sträubens zu greifen und ihm die Hände auf den Rücken zu binden. Unter Vergießung reichlicher Tränen stürzte er vor dem vermeintlichen König auf die Knie nieder und flehte: Herr König und Herzog von Algier, oder wie Ihr Euch sonst nennen mögt, widerruft den gestrengen Urteilsspruch, den Ihr gegen mich erlassen habt, und vergebt wir meine Unehrerbietigkeit. Die Eifersucht allein sprach aus mir, und wessen sich diese Leidenschaft bemächtigt, der behält selten seine gesunden Sinne bei. – Je, je, du bist eifersüchtig auf mich? meinte der König, das wollte ich eben hören, um zu wissen, wie du zu behandeln seist. Den Spruch widerrufe ich zwar, aber ich verwandle ihn in Peitschenhiebe auf den Teil, den man gemeiniglich an den Schulknaben zu geißeln pflegt.

Hier standen die spaßhaften Ungläubigen nicht länger an, sondern schleppten ihre Beute im Umsehen, wie höllische Geister eine arme Seele, an einen geheimen Ort, wo sie ihn so weit entkleideten, daß er wie ein bußfertiger Sünder stehen blieb, und ihn mit ebensolcher Lust als Genauigkeit züchtigten, indem der arme Teufel so laut schrie, daß er die Ohren aller Umstehenden betäubte und auch nicht wenig seine mitleidige Frau betrübte, die nimmermehr in den Scherz gewilligt haben würde, hätte sie seine Folgen vorausahnen können.

Nachdem die Strafe an ihm vollzogen worden war, führte man den Schuldigen abermals vor den König, der ihn solchergestalt anredete: Die über dich verhängte Züchtigung ist von hoher Bedeutung, denn sie soll anderen nichtswürdigen Sklaven so wie dir eine Warnung sein, sich gegen einen wohlwollenden König so wie ich nicht zu viel herauszunehmen. – Hätte Santillana Verstand gehabt, so würde er den Betrug erkannt haben; aber den an und für sich schon einfältigen Tropf hatte die Bestürzung, sich gefangen und geprügelt, seine Gattin der Willkür des Königs preisgegeben zu sehen, aller Besinnung beraubt. Der König fuhr zu reden fort: Inzwischen dich meine Diener abstraften, habe ich dein Weib zu überreden gesucht, ihren Glauben abzuschwören und sich mit mir zu vermählen; aber sie zeigt sich so widerspenstig, die Ehre zu erkennen, die ich ihr antue, daß ich beschlossen habe, sie, die nicht gutwillig meine Gemahlin werden will, mit Gewalt zu meiner Kebsfrau zu machen. – Santillana fragte, was eine Kebsfrau sei, und man sagte ihm, daß dies eine von den Freundinnen oder Geliebten wäre, die sich der König in seinem Serail hielte. Darüber verlor der Gefoppte aber gänzlich die Geduld und schrie: Du ungerechter König, du Tyrann, der du dir nach anderer Gut gelüsten läßt, töte mich lieber, als daß du vor meinen Augen meiner Frau den Schimpf antust, sie zu deiner Beischläferin zu machen. Eine so vollkommene, so seltene Schönheit sollte ihre Ehre verlieren! Ich kann darüber wohl mein Leben einbüßen; aber ehe ich das mit ansähe, ermordete ich nicht bloß einen König, sondern hundert Könige, die eine solche Dreistigkeit begingen. Möge sich Eure anonyme Größe mäßigen, und sich nicht mit Gewalt anmaßen, was ihr nicht im Guten gegeben wird! Begnüge sie sich mit den Kebsweibern, die sie hat, und lasse sie Marcela außerm Spiele! – Hochverrat! Hochverrat! brüllten die Mohren auf, und der König sagte, als er die Bewegung des Volkes sah: Abermalige Empörung des Sklaven gegen seinen Herrn zieht ihm eine abermalige Strafe zu. Du sollst geschoren und als Ruderknecht auf einer meiner Galeeren geschnallt werden. Wohlan! ruft einen Bartscherer herbei und laßt ihn scheren, wie man Galeerensklaven schert. – Zum zweiten Male sah sich der Gebirgsbewohner in den Händen der Mohrenschar, die ihn durchaus entkleidete, nachdem sie ihn geschoren hatte, und ihm dann ein Hemd und ein Paar Hosen von grober Leinwand sowie eine Jacke oder einen Kittel von scharlachrotem Fries überzog, auch eine Mütze von dem nämlichen Zeug aufsetzte, so daß er mit seinen Fußschellen nebenbei ganz das Ansehen eines Rudersklaven gewann. Der Unglückliche wußte nicht, wie ihm geschehen war. Er fing von neuem zu jammern an, brachte die ganze Nacht in einem Keller zu, der die Stelle eines unterirdischen Gefängnisses vertrat, worin die Mauren damals ihre Sklaven aufzubewahren pflegten, und wurde unaufhörlich von den Mohren bedroht, nächsten Tages an die Galeerenbank befestigt zu werden. Kein Schlaf kam in seine Augen. Von tausend Ängsten bedrängt, stellte er sich das Leben vor, das ihn erwartete, und das ihm von seinen Wächtern mit tausend Schrecknissen geschildert ward.

Der von dem traurigen Santillana nicht eben sehr ersehnte Tag brach an und brachte ihm den Befehl, vor dem vermeintlichen Könige zu erscheinen. Er traf seinen Gebieter auf eben dem Platze wie vorigen Tages an und, zu seinem gewaltigen Erstaunen, ihm zur Seite seine ziemlich zufrieden blickende Frau. Der König sagte: Sieh her, Christ, wie gegen Beharrlichkeit kein Ungehorsam aushält, und wie aller Widerstand am Ende weicht: Marcela, dein Weib, hat schon zu meinem Glauben geschworen und ist entschlossen, weil sie von dir mit deiner Eifersucht vielfältig gekränkt und beleidigt worden sei, hier in Algier mit mir verbunden zu bleiben. Erkenne nun, was dein wunderliches Betragen angestiftet hat. – Sobald Santillana diese Worte vernommen hatte, fragte er Marcela, ob der König die Wahrheit gesprochen habe. Sie schwieg still, und der König entgegnete: Santillana, Schweigen bejaht. Ergib dich in Geduld und verrichte deinen Dienst auf der Galeere, wie es sich gehört. – Der Gebirgsbewohner stürzte seiner Länge nach bewußtlos zu Boden, so sehr ergriff ihn der Schmerz. Als er nach einer Weile wieder zu sich kam, fing er aus Trostlosigkeit an, sich Bart und Haare auszuraufen. Die Art, wie er dies tat, würden den Umstehenden viel zu lachen gegeben haben, wenn ihnen nicht die ernsteste Haltung in ihren Rollen zur Pflicht gemacht worden wäre. Also wurde Santillana auf die Brigantine geschafft und ihm bedeutet, daß man nur die Ankunft der Galeeren erwarte, um ihn nebst den übrigen Sklaven dahin abzuliefern. Der Befehlshaber der Brigg schien Mitleid mit ihm zu hegen und sagte ihm, um ihn zu trösten und nicht ganz verzweifeln zu lassen, solange er seiner Obhut anvertraut bleibe, wolle er ihn nicht zwingen, das Ruder zu führen, bis der König vielleicht andere Bestimmungen über ihn treffe. Es vergingen acht Tage, und nach ihrem Ablauf wurde Santillana wieder vor den König beschieden. Er fand ihn in der Gesellschaft seiner neben ihm auf einem gleichen Polster sitzenden Gattin und schloß daraus, daß die Hochzeit beider schon vorüber sei. Gleich nach ihm sah er zwei Diener des Herzogs von Gandia als vermeintliche Gesandte desselben eintreten. Diese erklärten dem Könige, wie es dem Herzoge sehr nahe gehe, Untertanen von sich als Sklaven in seine Gewalt gekommen zu wissen, und wie er ihn deshalb ersuche, ihm das für alle zu entrichtende Lösegeld zu bestimmen. Der König erwiderte ihnen: er wisse zwar sehr wohl, daß die Gefangenen insgesamt angesehene Leute wären, wolle aber desungeachtet zufrieden sein, wenn ihm seine Exzellenz zwölftausend Stück Dukaten für sie zahlen lasse. Die Gesandten gingen auf sein Verlangen ein; der König fügte jedoch gleich hinzu, daß in diesem Vertrage die schöne Marcela nicht mit inbegriffen sei, denn er nehme sie unwiderruflich von allen anderen aus, weil er von ihr wisse, daß sie freiwillig nicht wieder zu ihrem Ehegatten zurückkehren werde, der ihr mit seiner maßlosen Eifersucht gar zu sehr das Leben verbittere. Wenn sie nur deswegen und aus keinem anderweitigen Gelüst bei Eurer Gnaden bleiben will, sagte Santillana, so erbiete ich mich, von heute an nicht mehr eifersüchtig zu sein oder mich wenigstens nicht so gegen sie zu erweisen und alles zu tun, was sie von mir verlangt, werde ich nur dafür mit ihr aus der Sklaverei erlöst.

Der König befahl, einen Gerichtsschreiber herbeizubringen, an dem es der Himmel hier nicht ermangeln ließ, und Santillana diktierte ihn eine rechtskräftige Urkunde folgenden Inhalts in die Feder:

»Ich, Lorenzo de Santillana, wohlbekannter Edelmann aus dem Gebirge von Burgos, ehelich verbunden mit Marcela de Salazar, meiner Verwandten, und derzeitiger Sklave des ...«, hier fragte er den König zu allgemeiner Erlustigung um seine Titel und Würden und fuhr fort, als sie ihm genannt worden waren, » ... des Sennor Muhammed Jafer, Königs von Algier, tue hiermit kund und zu wissen, daß ich ferner nicht mehr wie seither meine vorgenannte Ehegattin mit Eifersucht verfolgen und belästigen, sondern still und ruhig ohne die böse, verteufelte Leidenschaft leben will, und daß ich Seine Hoheit den Herrn König berechtige, mich im Übertretungsfalle durch seine Mohren abholen zu lassen, wo ich immer bin, und mich als seinen Sklaven bei Wasser und Schiffszwieback mit Mißhandlungen zu halten, wie ich sie bereits von ihm erfahren habe, und wie die blauen Flecke meines Sitzfleisches sie offenbaren können. Zur Bekräftigung dessen dient meine eigenhändige Unterschrift.«

Mit Abfassung dieser Schrift beschäftigt, hatte er nicht auf die Mienen der anwesenden, vor Lachen fast berstenden Zeugen acht. Sie waren also imstande, sich wieder zu fassen, und er vollzog sein Versprechen, das er dem Könige einhändigte. Der König ergriff Marcelas Hand, übergab sie Santillana und erinnerte ihn nochmals daran, daß er wieder in seine Gewalt verfiele, sobald er seinem Versprechen zuwiderhandele. Santillana erneuerte seine Zusagen auf das bestimmteste, und es wurden darauf die Gefangenen den Gesandten des Herzogs übergeben, in einige Barken geladen und in der Richtung nach Gandia zur See abgeführt.

Der Herzog und die Herzogin und deren Söhne waren bereits von dem Scherz unterrichtet, den man mit dem dummen Santillana getrieben hatte. Die Barken liefen nach einigen zur See gemachten Umwegen an den Strand von Gandia und setzten die ganze Gesellschaft an das Land, das von ihr mit derselben Inbrunst geküßt wurde, als ob sie in Wahrheit aus der algerischen Sklaverei erlöst worden wären. Sie wurden alle vor den Herzog und die Herzogin gebracht, die sich die Geschichte von Santillanas Gefangenschaft in seinem zierlichsten Spanisch von ihm erzählen ließen und sich ungemein darüber belustigten, und der Herzog riet ihm, nur ja seines dem Könige von Algier gegebenen Versprechens gewissenhaft eingedenk zu bleiben. Santillana sprach: Exzellenz braucht mir das nicht weiter zu Gemüt zu führen, ich lasse das Worthalten meine eigene Sorge sein, denn sie haben mich dort so übel zugerichtet, daß ich den König und seine Mohren in langer Zeit nicht vergessen werde, ich müßte denn ein wahrer Dummkopf sein. – Die fürstlichen Herrschaften belachten den albernen Tropf abermals und gaben ihm, wie den übrigen, Urlaub, nach Hause zu gehen. Santillana nahm seine Geschäfte wieder auf, um sie zu Ende zu führen und kam seinem Versprechen pünktlichst nach.

Marcela benutzte die ihr also zuteil gewordene größere Freiheit dazu, ihren Freundinnen auswärts Besuche abzustatten. Santillana kehrte jedoch innerlich mit desto stärkerer Heftigkeit zu seiner eifersüchtigen Gemütsart zurück und verzehrte sich, weil er sie nicht zu äußern wagte, dergestalt, daß er in eine gefährliche Krankheit verfiel, die sein Leben beendigte. Marcela, als seine gesetzmäßige Erbin, trat den Besitz seines ganzen Vermögens an und suchte sich nach Ablauf eines Jahres einen Gemahl nach ihrem Sinne aus, mit dem sie ein zufriedenes und heiteres Leben führte bis an ihr seliges Ende.

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