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Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...

Klabund: Der Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten... - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleDer Kavalier auf den Knien und andere Liebesgeschichten...
publisherRembrandt-Verlag
addressBerlin
correctorhille@abc.de
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created20060423
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Der Kavalier auf den Knien

Madame Grasset war eine junge reizende Witwe von zweiundzwanzig Jahren, die noch alle ihre Kindesunschuld und infolge einer eigentümlich strengen Klostererziehung eine ungewöhnliche Sprödigkeit und Verschämtheit an sich hatte, welche Eigenschaften durch ihre fünfjährige Ehe mit einem reichen alten Geheimschreiber des Königs, der ihr ein Vermögen von dreißigtausend Talern hinterlassen, nichts weniger als gestört und beinträchtigt worden waren.

Während ihres Klosterlebens zur Genüge in ihren etwaigen Bedürfnissen nach Einsamkeit gesättigt, fand sie gegenwärtig ganz und gar keinen Geschmack an der Abgeschiedenheit einer Witwenschaft und sah sie deshalb auch schon vier Monate nach dem Tode ihres ehelichen Versorgers nicht eben mürrisch darein, wenn ihre Freunde davon sprachen, sie zum andern Male auf eine ihrem Alter angemessene Art zu verheiraten.

Da nun auch bereits ihre Eltern, und zwar bald nach ihrer Vermählung, gestorben waren, so stand sie jetzt als unbeschränkte Herrin ihres Schicksals ganz allein in der Welt und lebte fast ausschließlich der Sorge für ihre Schönheit, die nebenbei ihrer erfahrenen Kammerfrau anvertraut war. Ihr Vermögen, ihre Jugend und ihre Reize ließen es ihr natürlich nicht an Anbetern fehlen. Sie hatte deren jeder Art, einige hatten sich auch schon erklärt. Aber der Anstand, die Rücksicht auf die öffentliche Meinung und mancherlei Streitigkeiten, die zwischen ihr und den Verwandten ihres Mannes wegen der Erbschaft obschwebten, zwangen sie, ihre Gesinnung zurückzuhalten, derweil andere Liebhaber noch nicht gewagt oder Gelegenheit gefunden hatten, ihre Absichten auf ihre Hand auszusprechen oder sich ihr zu nähern.

Unter der Zahl dieser letzteren befand sich der Chevalier d'Argencourt, ein junger Mann, der nicht viel älter war als sie selbst, seit fünf Jahren unter den Musketieren des Königs diente und als unbemittelt sich durch eine vorteilhafte Heirat emporzuhelfen suchte. Er war von angenehmem Äußern und von gutem Hause und verfehlte nicht, seit einem Monate, da er die Augen seines Herzens und seines Verstandes auf die Witwe geworfen hatte, sich ihr bei jeder Gelegenheit zu zeigen und sie mit seinen verliebten Blicken allerwärts zu verfolgen.

Ein Musketier des Königs war nicht gewohnt, den schmachtenden Schäfer zu spielen. Ärgerlich über den geringen Erfolg seiner Liebäugeleien und im Vertrauen auf seine persönlichen Vorzüge, faßte also d'Argencourt den raschen Entschluß, seine Geliebte in der Nähe und mit einem entschiedenen Angriff zu bestürmen und ihr seine Leidenschaft rund heraus zu erklären, es möge darauf folgen, was da wolle. Zu diesem Endzweck erkühnte er sich, da die junge Witwe das zweite Stockwerk in dem Hause eines Sachverwalters bewohnte, dessen Haustür immer offen steht, noch desselben Abends bei einbrechender Dunkelheit ihre Treppen emporzusteigen, um, nachdem er sich versichert habe, daß sie allein sei, sich eine ungestörte Unterredung mit ihr zu verschaffen. Seltsamerweise fand er, als er vor ihrer Wohnung angelangt war, die Eingangstür offen stehen. Auch nahm er niemand wahr, der sich erboten hätte, ihn anzumelden. Dieser Umstand nötigte ihn, geradezu einzutreten; und so schritt er aus einem Gemach in das andere, bis er zuletzt in dem Schlafzimmer seiner Schönen diese in einer auffallenden Lage antraf.

Es hatte nämlich die Kammerfrau ihrer Gebieterin ein gewisses, körperliche Erleichterung bewirkendes Mittel zurechtgemacht und das dazu dienende Werkzeug auf einen zur Seite ihres Bettes stehenden Sessel neben eine das Zimmer schwach beleuchtende brennende Kerze gelegt. Die Bettvorhänge waren halb zurückgeschlagen, und die Witwe ruhte, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, zur Aufnahme des lindernden Mittels bereit, auf ihrem nächtlichen Lager, derweil die Dienerin, die vergessen hatte, weiße Wäsche herbeizubringen, deswegen noch einmal in das obere Gestock in eine Vorratskammer geeilt war und, um Zeit zu sparen, alle Türen offen gelassen hatte.

Nicht wenig erstaunt über das sich seinen Augen also darbietende unerwartete Schauspiel, wollte der Chevalier doch nicht eine so gute Gelegenheit verabsäumen, der schönen Witwe einen Dienst zu leisten, und ohne sich daher von dem reizenden Anblick blenden zu lassen, nahm er geräuschlos das Werkzeug zur Hand, ließ sich vor der Dame auf ein Knie nieder und erfüllte mit ebenso großer Schnelligkeit als Gewandtheit das Amt der Zofe, worauf er gleich die Vorhänge wieder niederließ, das Instrument auf den Stuhl zurücklegte und, ohne ein Wort zu sagen, so geschwind das Zimmer verließ, daß er die halbe Treppe schon hinabgestiegen war, als die Kammerfrau außer Atem die geholte Wäsche herzubrachte und beim Eintritt in das Schlafzimmer ihrer Gebieterin von weitem zurief: Verzeihen Sie, daß ich Sie habe warten lassen. Sie haben wohlgetan, nicht unbedeckt liegen zu bleiben, geschwind, kommen Sie. Ich fürchte beinahe, daß es kalt geworden ist. – Ich glaube, du bist närrisch, erwiderte die Witwe: Willst du, daß die Sache zweimal geschehen soll? – Die Zofe hatte mittlerweile das Instrument an ihre Wange gehalten, es leer und kalt befunden und deswegen den Schluß gezogen, ihre Gebieterin habe sich selbst geholfen. Sie sagte also zu ihr, indem sie die Vorhänge voneinander schlug: Ich hätte wahrlich nicht geglaubt, Madame, daß sie imstande sein könnten, sich in der kurzen Zeit, in der ich oben war, vor Ungeduld selbst zu bedienen! – Nun, ich gestehe, Margot, ich weiß nicht, was ich von dir denken soll, sprach die Witwe: Du verrichtest mir den Dienst vor einem Augenblicke und gibst dir jetzt schon das Ansehen, nichts mehr davon zu wissen! – Ich, Madame? entgegnete die Zofe: Auf Ehre und Gewissen, ich habe es nicht getan. Sie treiben Ihren Scherz mit mir! – Nein, nein, wiederholte die Frau vom Hause, ich spreche in vollem Ernste. Du mußt wohl nicht mehr bei Verstande sein! –

Dieser Wortwechsel zwischen der Witwe und ihrer Dienerin ward immer eifriger und führte am Ende dahin, daß beide nach langen gegenseitigen Beteuerungen nicht wußten, was sie von dem Vorfalle denken sollten, und lieber gar annahmen, der Geist des vor zwei Tagen gestorbenen Apothekers, welcher der Witwe gegenüber gewohnt hatte, möge sich in der andern Welt ihres Bedürfnisses versehen und der Versuchung nachgegeben haben, seine gewohnte irdische Amtsvorrichtung noch einmal an ihr auszuüben.

Die starke Abergläubigkeit der beiden Frauenzimmer prägte ihnen diese abenteuerliche Vorstellung so fest in den Sinn, daß sie keinen Augenblick anstanden, sie für wahr anzunehmen. Noch an dem nämlichen Abende war es, Margots Plauderhaftigkeit zufolge, das Gespräch des ganzen Stadtviertels, daß der Apotheker aus Gefälligkeit für Madame Grasset aus jenem Leben wiedergekommen sei; und die junge Witwe entsetzte sich darüber dergestalt, daß sie nicht mehr allein schlafen wollte und Margot die Nacht bei sich in ihrem Zimmer behielt, ja, am folgenden Morgen noch bei weitem ängstlicher geworden war.

D'Argencourt war aus dieser Unternehmung als der selbstzufriedenste und verliebteste Mann auf Erden hervorgegangen. Seine Leidenschaft hatte sich um das Doppelte gesteigert. Er brachte die Nacht in der höchsten Unruhe zu, und als er mit Anbruch des Tages aufgestanden war, fand er in dem erlebten Abenteuer Gelegenheit zu einer Liebeserklärung von der lustigsten Art. Er ergriff die Feder und schrieb einen Brief, den er sich vorsetzte, der jungen Witwe solchergestalt in die Hand zu spielen, daß sie nicht erraten sollte, woher er käme. Um dies zu bewerkstelligen, vertraute er sich seiner Wirtin an, die er als eine in jeder Art von Intrigen bewanderte Frau kannte. Sie versprach ihm, seinen Wünschen nachzukommen, fand Gelegenheit, sich auf eine unbefangene Weise in die Wohnung der Witwe Eingang zu verschaffen, und wußte den Brief des Chevaliers so geschickt auf deren Toilettentisch zu bringen, daß ihn die Dame vorfand, ohne im mindesten zu ahnen, wie er dahin gekommen sei. Mit leicht erklärlicher Neugier ihn erbrechend, las Madame Grasset zu ihrer nicht geringen Verwunderung folgendes:

Werden Sie mir verzeihen, Madame, daß ich, vom Himmel entsendet, gestern glücklich sein durfte, mich Ihnen dienstbar zu erzeigen, um Ihnen also eine Liebe zu erklären, die Ihnen während meiner irdischen Lebensdauer verborgen blieb? Mein unsichtbarer Geist, den das Feuer seiner unwiderstehlichen Leidenschaft zu Ihnen antrieb, führte mich in Ihre Nähe. Was sah ich da, Madame, oder was sah ich da vielmehr nicht, als sich eine solche Fülle von Reizen meinen Augen darbot und mich hinriß, sie kniend anzubeten! Oh, widerstreben Sie nicht dem Schicksal, das mich durch diesen Augenblick auf ewig zum Sklaven Ihrer Schönheit machte! Ich werde Ihnen nicht eher sichtbar werden, als bis Sie anfangen, mit meiner Leidenschaft Erbarmen zu tragen. Inzwischen beschwöre ich Sie, mir keinen meiner Nebenbuhler vorzuziehen, von denen doch nicht einer so viel Ursache haben kann als ich, der grenzenlose Verehrer Ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit zu sein.

Die Witwe teilte dieses anonyme Schreiben ihrer Zofe mit, und da beide, Herrin und Dienerin, abergläubisch genug waren, die amtliche Erscheinung des Apothekers, ihres verstorbenen Nachbars, fortwährend im Sinne zu haben, so trugen diese auf eine unbekannte Weise zum Vorschein gekommenen Zeilen nicht wenig dazu bei, sie in dem vorgefaßten Wahne zu bestärken. Die junge Witwe machte dies wunderbare Ereignis zum Gegenstand ihrer ernstlichen Betrachtungen und glaubte in seiner Statur und Beschaffenheit fast eine Ähnlichkeit mit dem Abenteuer der Psyche zu sehen. Die Vorstellung des toten Apothekers ward ihrer Einbildungskraft nachgerade auch nicht unangenehm, denn sie wußte recht wohl, daß die von dem Ballaste ihrer Körper befreiten seligen Geister nichts mehr von der Niedrigkeit des Irdischen an sich haben, und fühlte also allmählich in der Tat das Verlangen in sich erwachsen, diesen ihr wohlbekannten Geist vor Augen zu sehen, indem sie nur die eine Sorge trug, wie sie wohl imstande sein würde, ihn aufzufinden und von der Neigung zu benachrichtigen, die sie gar nicht ungern in sich aufkeimen fühlte.

Mittlerweile machte das Gerücht von der Erscheinung des Apothekers nicht geringes Aufsehen in Paris, und wie denn alles, was den sogenannten Gespensterglauben und die Wiederkehr Gestorbener betrifft, in der Leichtgläubigkeit und kranken Einbildungskraft der Schwachen einen fruchtbaren Boden findet, so war in der Nachbarschaft nicht eine einzige Witwe oder alte Jungfer, die nicht der steten Angst gelebt hätte, den Geist des Apothekers auf den Fersen zu haben, und man hörte nichts als unaufhörliche neue Spukgeschichten, die dem Chevalier, der die unschuldige Ursache dazu geworden war, ungemein viel zu lachen gaben.

Nach Verlauf einiger Tage erspähte d'Argencourt die Stunde, da die junge Witwe in die Kirche gehen würde, um ihre Andacht zu verrichten. Als sie das Gotteshaus betrat, schlich sich ein kleiner Knabe zu ihr heran, der ihr ein Billett zwischen die Finger schob und ebenso schnell, als er gekommen war, wieder in die Menge entwich. Der Chevalier, der sich wie durch Zufall in ihrer Nähe befand, bot ihr zu gleicher Zeit das Weihwasser dar und sagte leise zu ihr: Wenn etwa ein böser Geist Sie plagt, Madame, so verscheuchen Sie ihn damit.

Sie bezog diese Äußerung nur auf das umlaufende Gerücht von der Erscheinung des Apothekers. Eine lebhafte Röte überzog ihr Gesicht, und sich einbildend, daß der ihr zugeschobene Zettel desgleichen von dem spukenden Geiste sei, der sie so sehr beschäftigte, ward sie von der Ungeduld befangen, ihn zu lesen, und fand darin, nachdem sie sich an einen dazu gelegenen Ort begeben und ihn geöffnet hatte, die nachstehenden Zeilen:

Soll mein armer Geist noch lange Zeit unwissend dessen bleiben, Madame, was in Ihrem Herzen seinetwegen vorgegangen ist? und tragen Sie gar kein Verlangen, Ihren getreuen Anbeter sichtbar werden zu sehen? Er ist Ihnen schon erschienen, ohne daß Sie ihn erkannten. Sie werden ihn, ehe Sie sich von hier entfernen, noch einmal in derselben Gestalt sehen, die er für Sie angenommen hat. Fürchten Sie sich nicht, daß er Ihnen mit seinem Äußern einen entsetzenerregenden Anblick darbiete, und kommen Sie, wofern Sie seine nähere Bekanntschaft wünschen, in die Tuilerien.

Der Chevalier, welcher sich solchergestalt in ihre Nähe gestellt hatte, daß er sie beobachten konnte, ohne von ihr wahrgenommen zu werden, hatte das Vergnügen, sie seinen Brief mit ungemeiner Aufmerksamkeit lesen zu sehen. Er erkannte selbst, daß sie nach allen Seiten verstohlen umherblickte, um sich zu überzeugen, ob sie auch von niemand beaufsichtigt würde. Da es ihm darauf ankam, ihr Herz zu erforschen, bevor er sich ihr entdeckte, so hielt er sich noch eine Weile vor ihr verborgen, um ihre Unruhe länger hinzuhalten. Als er sich dann aber ihren Augen absichtlich bloßstellte und ihr in den seinigen seine Gesinnung zu verstehen gab, erkannte die schöne Witwe in ihm, sobald ihre beiderseitigen Blicke sich begegneten, denselben jungen Mann, der an der Kirchtür gegen sie des Geistes gedacht hatte. Ein tiefes Erröten verkündigte die Regung ihres Innern auf ihrem Angesicht. Sie erinnerte sich auf der Stelle, ihn schon vor dem Tode des Apothekers öfters gesehen zu haben; und diese Erinnerung, verbunden mit dem Ausdrucke der auf sie gerichteten Blicke des Chevaliers, brachten in ihrem Geiste eine solche Verwirrung hervor, daß sie, je mehr sie darüber nachdachte, desto weniger die Geheimnisse erriet.

D'Argencourt erwies ihr, als sie die Kirche verließ, dieselbe Höflichkeit, wie bei ihrem Eintritte, fügte einige doppelsinnige Worte dazu und vermehrte nur dadurch ihre Unruhe, indem er selbst ungeduldig den Abend erwartete, um zuzusehen, welchen Erfolg die Zusammenkunft in den Tuilieren haben werde, und sehr richtig schloß, daß sie ihm keinen zuverlässigeren Beweis ihrer Neigung geben könnte, als wenn sie sich daselbst einfände.

Die Witwe ermangelte nun auch zwar in der Tat nicht des Vorsatzes, sich das Vergnügen eines Abendspazierganges nach den Tuilieren zu geben; ein unvorhergesehener Unfall störte aber einigermaßen d'Argencourts davon vorgehegte Erwartung. Der alte reiche Advokat nämlich, ihr Hauswirt, der die Geschäfte der jungen Witwe führte und ebenfalls Witwer war, hatte sich in den Kopf gesetzt, sie sei eine ihm angemessene Partie, und wollte sie heiraten. Er machte ihr mit Eifer und Ausdauer seine Aufwartungen, und sie nahm so viele Rücksichten auf ihn, ihn nicht geradezu kurz abzufertigen, weil sie eben seines Rates und seiner Feder zu bedürfen glaubte. An diesem Abend kam er nun zu der Stunde bei ihr an, als sie sich anschickte, ihren Spaziergang anzutreten. Da er seinen Wagen vor der Tür hatte, so konnte sie nicht umhin, auf sein Anerbieten einzugehen, sie nach den Tuilieren zu fahren. Sie nahmen noch eine Nachbarin der Witwe und ihre Zofe mit und waren nicht so bald in der Hauptallee angelangt, als der Chevalier, der sie stehenden Fußes erwartet hatte, seine Geliebte mit so zärtlichen Blicken grüßte, daß sie allmählich anfing, einen Teil der Wahrheit zu ahnen, die ihr bisher verschleiert geblieben war, und die Überzeugung zu gewinnen, der Chevalier möge wohl eben selbst der vorgebliche Geist des Apothekers gewesen sein. Die sie nunmehr bewältigende Scham über das Angedenken dessen, was er getan und gesehen hatte, war so stark, daß sie bei der ihr eigenen Sprödigkeit eine Zeitlang alle Fassung in sich selbst verlor. Sie errötete einmal über das andere, wiewohl glücklicherweise keiner ihrer Begleiter sich ihres Zustandes versah. Als sie zuletzt mit denselben ausgestiegen und ein wenig über sich gekommen war, führte sich der Chevalier unter einem schicklichen Vorwande in ihre Gesellschaft ein und begann mit ihr eine Unterredung, deren Vergnüglichkeit die Gegenwart des mürrischen Rechtsgelehrten noch dadurch erhöhte, daß dieser dem jungen Krieger mannigfachen Anlaß lieh, sich über ihn zu belustigen. Es kostete d'Argencourt nicht große Mühe, die junge Witwe auf eine versteckte Weise mit Andeutungen und halben Worten in Kenntnis zu setzen, daß sie sich in ihrer Annahme, die in ihm denjenigen sah, der ihr jenen verfänglichen, dem unruhigen Geiste des Apothekers schuld gegebenen Dienst geleistet habe, nicht trüge, und da sie bereits eine ernstliche Neigung zu ihm gefaßt hatte, so verzieh sie ihm am Ende in ihrem Herzen die Verwegenheit. Der scharfe Verstand, den er in dem Gespräche verriet, das er mit ihr führte, gefiel ihr wohl. Sie fand sein äußeres Wesen zuvorkommend und liebenswert, und die energische Liebesglut, welche seine Augen auf sie ausstrahlten, zündete auch in ihren Gefühlen für ihn eine Flamme an, die sie, wenn sie auch selbst gewollt hätte, nicht imstande gewesen sein würde, wieder auszulöschen.

Der Spaziergang währte ziemlich lange, und zwar länger als der alte Advokat, der sich dabei nicht wenig langweilte, gewünscht hätte, bis die einbrechende Nacht endlich zur Rückkehr und zum Abschiede nötigte, bei dem sich der Chevalier heimlich von seiner Geliebten die Erlaubnis erbat, sie besuchen zu dürfen, und mit einem Händedruck von ihr vernahm, wie gern sie ihm diese Bitte zugestand.

Sobald der eifersüchtige Advokat die schöne Witwe nach Hause zurückgebracht hatte, konnte er nicht unterlassen, ihr mannigfache Vorwürfe über ihre allzu frei und lebhaft geführte Unterhaltung mit einem Unbekannten zu machen. Er erreichte aber freilich damit nichts anderes, als daß er sich der jungen Dame um so unangenehmer darstellte, je entschiedener er sie also ihrer innerlichen Neigung selbst bewußt werden ließ.

Als ihr nun der Chevalier bereits des nächsten Tages seinen Besuch abstattete, brachte das Liebespaar nicht lange Zeit mit unergiebigem Wortwechsel zu, sondern kam vielmehr bald dahin überein, daß der lästige Nebenbuhler d'Argencourts gänzlich beseitigt werde. Madame Grasset verlobte sich nämlich mit d'Argencourts noch bei eben dieser Zusammenkunft, nachdem sie die Nacht vorher über ihr ferneres Schicksal mit sich selbst einig geworden war. Wer weiß, inwiefern sie nicht allein schon durch ihre übergroße Verschämtheit sich hatte bestimmen lassen, ihre Hand einem Manne zu reichen, der schon so weit wie an jenem Abende den Willen ihres Schicksals zufolge mit ihr vertraut geworden war.

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