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Der Katzensteg

Hermann Sudermann: Der Katzensteg - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Sudermann
titleDer Katzensteg
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1889
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8

Schon die nächsten Tage zeigten ihm, wie wenig er imstande gewesen wäre, ohne sie auf seinem Grund und Boden zu leben, um wieviel mehr er von ihrer als sie von seiner Fürsorge abhängig war.

Hilflos wie ein Schiffbrüchiger, der auf ein wüstes Eiland verschlagen worden ist, schlich er auf seiner Väter Erbe umher. Mochten auch die Minen und Wolfseisen seine Schritte nicht mehr bedrohen, unsicher schwankte sein Fuß, und sein Sinn verwirrte sich in dem Chaos rauchgeschwärzter Mauern, die der Verfall so sehr verändert hatte, daß sie nicht einmal mehr seinen Kindheitserinnerungen Halt und Stütze boten. Selbst der Park, in dem er einst jeden Baum und jeden Busch gekannt, hatte durch die jahrelange Verwilderung ein so fremdes Ansehen gewonnen, daß er neuer Anhaltspunkte bedurfte, um sich darin zurechtzufinden.

Als der erste Rausch des Trotzes verflogen war, trat mit um so herberer Gewalt die Frage an ihn heran: »Was soll nun werden?«

Und diese Frage wurde dringlich, denn die armseligen Vorräte an Brot und geräuchertem Fleische, die in den Kellern aufbewahrt wurden, gingen zu Ende.

Sich bei Reginen Rats zu holen, verbot ihm sein Stolz, er hatte nicht wieder mit ihr gesprochen. Geräuschlos und unsichtbar waltete sie im Hause. Es schien, als ahnte sie, daß es geraten war, sich so wenig als möglich bemerkbar zu machen. Aber wenn er morgens vom Flusse heimkehrte, wo er ein Bad genommen hatte, fand er das rotgeblümte Himmelbett sauber geordnet und gedeckt, fand er die Dielen mit knirschendem Sand und duftenden Tannenreisern bestreut und sah auf dem goldplattierten Tische, dessen vierter Fuß mit einem Ziegel gestützt werden mußte, eine braune Kaffeekanne dampfen und zarte Schnitten schwarzen Brotes daneben liegen.

Die Scheu, aus ihren Händen Speise zu nehmen, hatte er in Bälde fahren lassen, anfangs zögerte er ein wenig, das Brot zu brechen, das sie ihm gebracht, aber es sah so gar appetitlich aus, und das herbstlich kalte Bad hatte seinen Hunger geschärft.

Mittags standen eine Brotsuppe und ein paar Schnitte gebratenen Fleisches für ihn bereit, die Flasche Wein nicht zu vergessen, und abends war durch irgendeinen Kniff eine neue Abwechslung geschaffen.

So wußte sie mit den wenigen elenden Resten hauszuhalten, die er im Keller vorgefunden hatte.

Manchmal sah er sie mit Töpfen und Kesseln am Fenster vorüberhuschen, die sie wohl unten am Flusse reinigen wollte. Wenn sie dann zurückkehrte, brach sie vorsichtig die Zweige des Buschwerks auseinander und lugte mit ihren Flammenaugen heraus, um zu schauen, ob der Weg frei war. – Stand er vor der Tür oder hatte er sich zum Fenster hinausgelehnt, so war sie im nächsten Augenblick wieder im Dickicht verschwunden.

Die frühere Gärtnerwerkstatt hatte sie sich zu ihrem Reich gewählt. Eines Morgens, als er sie zum Flusse hatte hinuntergehen sehen, war er dort eingetreten. Er fand einen schräg gegiebelten Raum, der ein Dach aus Treibhausfenstern trug. Die grünen, rußigen, bleigefaßten Rauten waren vielfach zerschlagen, und durch die Lücken drang herunter, was vom Himmel kommen wollte. – Der Boden war ungedielt und ungepflastert und mit einer schwarzen, fetten Gartenerde bedeckt, die wie Torfstreu aussah. An den Wänden erhoben sich stufenförmig Brettergestelle, die dem Gärtner einst für seine Blumentöpfe gedient hatten und auf denen nun das kärgliche Gerät des Hauses untergebracht war. In schönster Ordnung standen die Töpfe, Schüsseln und Teller dort aufgereiht und glitzerten in blitzblanker Sauberkeit. – Neben der Tür lag auf zwei niedrigen Holzböcken – ein bis zwei Schuh über dem Boden – eine ausgehakte Tür, die an beiden Ecken stark angekohlt war, ein Überbleibsel vom Brande sonder Zweifel. Eine dünne Strohschicht lag darübergebreitet und auf dem Stroh ein paar härene Decken, wie man sie sonst den Pferden über den Rücken legt. Das war ihr Lager. »Jeder Haushund hat ein besseres«, dachte Boleslav. – Ein roher Ziegelherd stand in der entgegengesetzten Ecke. Darüber war eine Art von Brettermantel angebracht – selbstgezimmert, wie es schien –, um dem aufqualmenden Rauche einen Weg zu weisen, aber er hatte sich nur wenig darum gekümmert und sich, wo es ihm nur beliebte, einen Ausweg gebahnt.

Auf diesem schwarzen, kalten Boden, über sich die rauchgeschwärzte Decke, hauste sie und begehrte nichts Besseres. Daran hing ihr Herz, das hegte sie als das Paradies, aus dem vertrieben zu werden ihr Tod und Verderben bedeutete.

Armes, elendes Weib! –

Und eines Abends war sie verschwunden. Er hatte endlich der Vorräte wegen mit ihr sprechen wollen und sie zu sich gerufen. Keine Antwort. Die Küche war leer. Im Parke, in den Ruinen, vor der Brücke – auf der ganzen Insel keine Spur. Unbedingt hätte sie ihn hören müssen, denn ihr Name hallte laut genug in die Nacht hinaus.

Der Argwohn stieg in ihm auf, daß sie sich zum Lohn für die einsame Arbeit des Tages zur Nacht in den Armen eines Freundes gütlich tue. Sie war ja in den Künsten des Lasters erfahren und wohl dazu angetan, daß irgendein roher Patron in wildem Gelüste den Arm nach ihr ausstreckte. Mancher da unten mochte nur deshalb mit Steinen nach diesem Leibe werfen, weil er ihn nicht sein eigen nennen durfte.

Und schließlich, was konnte es sein, was sie nach dem Tode des Vaters an dieses Elend fesselte, wenn nicht eine neue Sünde, eine, die mit jener alten vielleicht schon lange Hand in Hand gegangen war?

Der Ekel stieg ihm zur Kehle. »Kann sie sich nicht reinigen, so stäup' ich sie morgen früh von dannen.« Mit diesem Gedanken legte er sich zur Ruhe. Aber zu schlafen vermochte er nicht viel, denn die Zukunft ohne sie machte ihm Sorge. Sie hinausjagen, hieß noch an demselben Tage selber von hinnen ziehen.

Es war gegen sechs Uhr, da wurde er durch ein leises Klirren der Außentür aus dem Halbschlummer geweckt.

Rasch kleidete er sich an, denn er wollte sie auf der Stelle zur Rechenschaft ziehen.

Als er die Küche betrat, fand er sie am Herde stehen, über die frisch glimmenden Kienspäne gebeugt, in die sie mit vollen Backen hineinblies. Langsam wandte sie sich um und sagte, die großen Augen erstaunt zu ihm aufschlagend: »Wünsch' guten Morgen, Herr!«

Er bebte vor zorniger Erregung.

»Wo warst du diese Nacht?« fuhr er sie an.

Da begann sie ängstlich zu werden, ließ die Arme am Leibe herunterfallen und zog sich in die hinterste Herdecke zurück.

»Nun wird's bald?«

»Ach Herr«, stammelte sie, den Kopf in die Schultern hineinziehend, »ich hab' gedacht, Sie würden's nicht merken, und ich würd' wieder dasein, bevor der Herr aufgewacht sind – –«

»Also wenn ich's nicht merke, meinst du dich nächtlich 'rumtreiben zu dürfen?«

Sie war vor lauter Angst ganz in sich zusammengekrochen.

»Aber – aber – ich konnt' doch nicht anders«, stammelte sie, »wir hatten doch nichts mehr – und der Herr haben sowieso schon immer Rauchfleisch gegessen!«

Da fielen ihm die Schuppen von den Augen.

»Du warst also Nahrungsmittel holen?«

»Nun ja doch, Herr! Ich hab' Kalbfleisch gebracht und frische Eier und Butter auch – und Wurst und allerhand sonst. Es liegt alles schon im Keller.«

»Wer hat dir das gegeben?«

»Aber Herr, Sie wissen ja. – In Bockeldorf war ich, da kenn' ich den Krämer – der besorgt mir schon im voraus, was wir brauchen, und wenn ich des Nachts anklopf', macht er mir die Hintertür auf – nur seine Frau weiß drum, sonst kein' Menschenseel' – und eigentlich teuer ist er auch nicht. Der Herr Merckel hier im Dorf nimmt für jedes Pfund Fleisch 'nen Taler und schimpft mich obendrein noch aus.«

»Und die sechs Meilen hin und zurück hast du in dieser Nacht zu Fuß gemacht mit deiner Last auf dem Rücken?«

Verwundert und noch immer in Angst sah sie ihn an.

»Ich denke, das wissen Sie, Herr. Ich hab's Ihnen ja schon früher mal gesagt.«

»Aber dazu ist doch kein Mensch imstande – lüg mir nichts vor, Weib. Ich weiß aus dem Feldzug, was man aushalten kann – was Männer aushalten können.«

Nun sie einsah, daß er nicht mehr zürnte, wagte sie sich aufzurichten und reckte die mächtigen Arme.

»Ich halt' mehr aus wie jeder Mann, Herr«, sagte sie mit einem glücklichen Lächeln – »sonst wär' ich hier auch gar nicht zu brauchen –«

»Wie lange gehst du diese Wege schon, Regine?«

»Seit fünf Jahr', Herr, alle Woch' – auch manchmal öfters – aber im Sommer ist's 'n Spaß – im Winter und im Herbst – wenn der Schnee im Wald liegt oder die Wiesen überschwemmt sind – dann wird's einem manchmal sauer – glücklicherweis' sind dann die Nächte wieder länger, daß man wenigstens nicht gesehen wird – und ich geh' doch lieber die sechs Meilen, als daß ich bei dem Hund – bei dem Herrn Merckel wollt' ich sagen – bitten tu' – der nimmt fürs Pfund Fleisch 'nen Taler – ist das nicht unverschämt? Und dann überhaupt ins Dorf –«

Erschrocken hielt sie inne, als fürchtete sie, wegen ihrer Geschwätzigkeit gescholten zu werden.

»Was wolltest du sagen, Regine?« fragte er milder.

»Ich wollt' eigentlich nur um Verzeihung bitten, daß ich ohne Erlaubnis weggegangen bin – aber ich dacht', 's würd' den Herrn freuen, wenn er zum Frühstück mit einmal frische Eier – – –«

»Es ist gut, Regine«, sagte er und wandte sich ab, »du bist ein braves Mädchen.« –

Dann ging er hinaus und zum Flusse hinunter, um sein Bad zu nehmen. Als er zurückkam, fand er wohl wie sonst das Zimmer geordnet, aber der Kaffee war heute ausgeblieben.

»Sie wird vor Übermüdung eingeschlafen sein«, dachte er bei sich und beschloß eine Weile zu warten, denn er mochte sie heute nicht einmal mahnen. – Aber da ihn infolge des Bades bitterlich fror, wollte er den erwärmenden Trank nicht länger entbehren. Er trat auf den Zehenspitzen in die Küche, um selber nach dem Feuer zu sehen, wenn möglich, ohne sie zu wecken. Aber sie schlief nicht. Auf den ersten Blick freilich schien es so. Sie saß auf der Kante ihres Lagers, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und rührte sich nicht. Von Zeit zu Zeit lief ein Zittern durch ihren Leib, wie es dem Schlafe der Übermüdung eigen ist.

Doch als Boleslav näher hinschaute, gewahrte er, daß helle Tropfen an ihren roten fleischigen Fingern hinunterliefen. Gleichzeitig brach ein Ton keuchenden Schluchzens aus ihrer Brust.

»Was ist dir, Regine? Warum weinst du?«

Sie antwortete nicht, doch ihr Schluchzen wurde lauter.

»Hab' ich dir weh getan, Regine? Ich hätte dich nicht gescholten, wenn ich gewußt hätte, wo du gewesen bist.« Da ließ sie die Hände vom Gesicht sinken und sah aus dickgeweinten Augen zu ihm auf.

»Ach, Herr«, stieß sie, halb erstickt von Tränen, hervor, »'s hat mich – noch keiner – so genannt, und 's ist auch nicht – wahr –«

Seine Stimmung verhärtete sich. Er war sich nicht bewußt, einen Schimpfnamen gebraucht zu haben. Das fehlte gerade, daß dies Geschöpf, das man sonst mit Hunden hetzte, anfing, gegen ihn die Empfindliche zu spielen.

»Was ist nicht wahr?« herrschte er sie an.

»Was Sie gesagt haben.«

»Was hab' ich gesagt – Schockschwerenot!«

»Daß ich – ein braves –« ein neuer Anfall krampfhaften Schluchzens erstickte ihre Stimme.

Kopfschüttelnd schaute er auf sie nieder. Er hatte noch nie in Menschenseelen nachgeschaut und wußte nicht, daß Rätsel darin hausen, wußte nicht, daß auch Ehrlosigkeit ihr Ehrgefühl besitzt. – Lächelnd legte er die Hand auf ihre Achsel und sagte: »Du kannst dich beruhigen, Regine. Es war nicht bös gemeint – und nun mach mir mal das Frühstück fertig.«

»Darf – ich's – auch 'reinbringen?« fragte sie, immer schluchzend.

»Sollt' ich's mir holen kommen?«

»Ich dacht', ich – darf nicht.« Damit schritt sie zum Herde und blies mit den tränennassen Backen das halberloschene Feuer an.

Von nun an scheute sie sich nicht mehr, in seiner Gegenwart das Zimmer zu betreten. Angstvoll hing alsdann ihr Blick an seinem Angesicht, um seine Wünsche zu erraten, aber kein Wort wagte sich über ihre Lippen. Boleslav hatte in den Kellergewölben, dort, wo das bare Geld und die Weinflaschen aufbewahrt wurden, große Massen von Papieren vorgefunden, die in mehreren Kisten – ein unentwirrbares Chaos – durcheinandergewühlt lagen. Der ganze Briefwechsel des Vaters, Zeugnisse und Dokumente aller Art.

Was ihm gleich am ersten Tage des Suchens in die Hände fiel, war nichts weniger als ein Testament, laut welchem die Tante Exzellenz ihm, Boleslav von Schranden, dem einzigen Sohne ihrer Lieblingsnichte, ihr gesamtes Vermögen vermachte, »um ihn für die Unbill zu entschädigen«, – so lautete die Klausel –, »unter welcher er sein Lebtag zu leiden haben wird.«

Die Freude Boleslavs war nur gering. Erst als er sich überlegte, daß ihm hiermit für den bevorstehenden Kampf eine gute Waffe in die Hand gedrückt worden war, begann er den Wert der Gabe zu schätzen. – –

Der Geberin selbst, die allzeit gütig zu ihm gewesen, gedachte er kaum, so verhärtet hatte sich sein Gemüt, so ausschließlich war sein Sinn auf das düstere Werk gerichtet, das zu vollenden ihm oblag.

Wenn nur ein einziger Weg sich hätte erblicken lassen, auf dem er ungestüm, wie es sein Temperament verlangte, hätte vorwärtsschreiten können. Aber für Monate hinaus lag nichts als öde, lähmende Hoffnungslosigkeit vor ihm.

Der Kampf mit den Schrandenern, zu dem er entschlossen war, mußte in großem Stile geführt werden, sollte er nicht mit derselben Niederlage enden wie der, in welchem der Vater den letzten Rest seiner Lebenskraft eingebüßt hatte. – Ganze Scharen von Arbeitern mußten aufgeboten werden, um dem wilden Gesindel dort unten Respekt einzuflößen. Doch woher die nehmen, wenn niemand in der Gegend sich herabließ, in seine Dienste zu treten? Freilich für Geld ist alles erreichbar, und die Aussicht auf dreifachen Lohn hätte manchen, der jetzt, in vermeintlichem Patriotismus sich brüstend, stolz auf seine Schwelle spie, zum katzbuckelnden Knechte gemacht.

Aber so weit reichten seine Mittel nicht. Die Barsumme, die er vorfand und die beim ersten Anblick ein ungeheurer Reichtum geschienen, hatte sich als durchaus unzulänglich erwiesen, um irgendeine Veranstaltung damit ins Werk zu setzen. Es waren viertausendfünfhundert Taler als Rest der Außenstände, die der Vater nach dem Brande, als ihm die ganze Welt in Flammen aufgegangen schien, schleunigst gerettet hatte. Wohl ließ sich das elende Dasein, das er mit Reginen nach des Vaters Art zu führen begonnen hatte, jahrelang mit dieser Summe fristen; aber für das Werk, das ihm vorschwebte, war sie ein Tropfen auf heißem Stein.

Vor der Entdeckung des Testaments hatte er mit schwerem Sorgen geplant, die Waldungen, die der Stolz seiner Väter gewesen waren, zum Verkaufe auszubieten – sie zu verschleudern, wenn nicht anders möglich. Nun ließ er den Gedanken schleunigst wieder fallen. Gesetzten Falles, die Verkäufe vollzogen sich so glatt, wie er es wünschte, so mußten doch Monate darüber vergehen, ehe er das erste Bargeld in Händen hielt. Zudem stand der Winter vor der Tür, einer der harten ostpreußischen Winter, die das werktätige Leben im Freien bis zum April hin vollständig vernichten. – Für dieses Jahr also war weder an Bauen noch Ackern mehr zu denken. – Wozu also ein Opfer bringen, das durch ein kurzes Gedulden – es handelte sich ja nur um Wochen – vollständig zu vermeiden war?

Wenn er am ersten April das Erbe erhob, um sodann mit vollen Taschen die Werbefahrten anzutreten, konnte der Bau im Mai bereits in vollem Gange sein, vielleicht war es sogar noch möglich, dem Boden etwelche Aussaat anzuvertrauen.

Bis dahin aber – bis dahin!

Wie würde er imstande sein, das öde Einerlei der grauen Wintertage in stumpfem Nichtstun hinzubringen, derweil die Arbeit ihm unter den Nägeln brannte? – Wie würde er's ertragen, die Geliebte in seiner Nähe zu wissen tagaus, tagein – ohne Hoffnung, die Frage, die eine große, schicksalschwere Frage, von der Leben und Glück für ihn abhing, an sie zu richten? – Wird sie ausharren? Wird sie verzeihen? Wird sie ihr Herz verschließen, damit der Pesthauch des Hasses, den ihre Umgebung ausatmet, ihre Liebe nicht vergifte?

Das Madonnenbildchen aus dem Dome fiel ihm ein. Ob sie ihm noch gleichen mochte? Wenn er nur für einen einzigen Augenblick in ihr Antlitz hätte schauen können! Vor seinen Augen leuchtete es weiß und rot von Lilien und Purpurrosen, eine lichte Madonnengestalt beugte sich lächelnd hernieder, aber wie die Geliebte ausgesehen hatte, war ihm entfallen.

Nun gleichviel – so mag sie, in Wolken gehüllt, als ein unsichtbarer Schutzgeist über seinem Schaffen walten und einst mit ihrer Liebe krönen, was er vollendet hat. – In diesem Gedanken schlief allgemach die Sehnsucht ein, sie wiederzusehen. Hätte er nur ein einzig Wort von ihr erhaschen können, das ihm ihre Treue bestätigte, seine Wünsche wären vollauf erfüllt gewesen.

Immer tiefer grub er sich in das Chaos von Papieren, das um so gewaltiger anschwoll, je sehnlicher er hoffte, ihm bis auf den Grund zu dringen. Schon waren an den Wänden des Wohnzimmers bis über den Kopf der schönen Großmutter die vergilbten Schriften aufgestapelt, und noch immer standen Kisten und Kasten vollgestopft in den Gewölben. Das ganze Familienarchiv schien in einer Stunde der Not eilends zusammengerafft und ohne Zucht und Ordnung in Sicherheit gebracht zu sein. Nun galt es, aus diesem Wirrwarr herauszufinden, was für die Weiterführung der Herrschaft von Wichtigkeit und zum Teil ganz unerläßlich war. So fehlten unter anderm die Dokumente über die Auseinandersetzung mit den frei gewordenen Bauern samt allen Grenzbestimmungen. Sicherlich hatten die Hyänen dort unten von den herrenlos gewordenen Ländern gerafft, was ihnen nur irgend paßte. Endlose Streitigkeiten standen bevor, und wenn er nicht um jeden Fußbreit Erde prozessieren, wenn er sich selber sein Recht erzwingen wollte, durfte dessen Umfang keinem Zweifel unterliegen.

Zudem hielt eine unüberwindliche Scheu ihn ab, sich an die Behörden zu wenden. – Noch stand das Bild des Vaters vor ihm von dem Tage her, da er ihn lebend zum letztenmal gesehen hatte. Damals hatte man dem verfemten Manne, der kühn genug sein Recht zu suchen kam, einfach die Türen verschlossen ... Freilich, damals war in Preußen alles drunter und drüber gegangen. Die Mauern des Staates wankten – drum hatten die Ratten freies Spiel. – Aber wer konnte wissen, ob dem Sohne jenes Vaters ein willigeres Ohr sich öffnen würde? – Hintertüren bot das Gesetz genug, um einen mißliebigen Gesellen rechtlos zu machen, und daß es am guten Willen dazu nicht fehlen würde, daran zweifelte er nicht. – So tief hatte er sich in das Gefühl seiner Verlassenheit hineingewühlt, daß ihm Ordnung und Gesetz wie wilde Bestien erschienen, die an der Zugbrücke gegen ihn auf der Lauer lagen. – Auch seiner soldatischen Pflichten gedachte er nicht mehr. Der Leutnant Baumgart stand auf der Liste der Gefallenen. Wozu den Herren vom Amte mit dessen Wiederaufleben unnütze Arbeit machen? – Sie würden ihm wenig Dank dafür wissen. –

Ein Wort aus der Bibel kam ihm nicht aus dem Sinn: »Seine Hand soll sein wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn.« Der Fluch, der einst dem Sohne Hagars ins Leben mitgegeben worden, mußte sich ihm in Segen wandeln, so vermaß sich sein Trotz.

Die Wochen verrannen, er merkte es kaum. Den Tag über saß er in seinen Papieren vergraben, des Abends rannte er in den ungebahnten Pfaden des Parkes umher oder stolperte über den Schutt der Ruinen.

Nur einen einzigen Ort vermied er ängstlich. Das war der Katzensteg. Das Herz begann ihm zu klopfen, sobald er in seine Nähe geriet, und rascher eilte er an den Gesträuchen vorüber, die ihn verbargen.

Aber eine dumpfe, quälende Begier, den Ort des Unheils von Angesicht zu sehen, erwachte in ihm und ließ ihm fürder keine Ruhe mehr.

Es war eines Abends gegen Ende September, und zum erstenmal wieder seit seiner Heimkehr stand der Vollmond weißleuchtend am Himmel. Ruhelos hastete er in den Gängen des Parkes umher. Die welkenden Blätter raschelten vor seinen Schritten, und durch die Gebüsche strich schauernd der Herbstwind. Wie Scharen weißen Getiers liefen die Mondlichter am Boden umher, in schwarzen, zackigen Mauern ragte das Gesträuch vor ihm empor.

Da – in einem Anfalle finsteren Trotzes – überwand er die abergläubische Scheu, die ihn bisher in Banden gehalten hatte, und drang durch das Dickicht, das den Pfad schützend verhüllte.

Ein steiler Abhang fiel beinahe senkrecht zum Flusse hinunter, dessen Spiegel Erlenbüsche fast ganz verhüllten. Ein leises Murmeln und Plätschern erscholl geheimnisvoll von ihm empor.

Auf der Höhe ragte ein geländerter Balken weit in die Luft hinaus. Ein Gerüst, das in den Abhang hineingegraben war, hielt ihn mit Eisenstangen fest. – Ein ebensolcher Balken reckte vom jenseitigen Ufer sich ihm entgegen, doch war's dort der Stumpf einer mächtigen Eiche, in den er eingelassen war und der ihm Halt und Gleichgewicht verlieh. In der Mitte klaffte eine zehn bis zwölf Fuß breite Lücke. Wie zwei Arme, die sich verlangend nacheinander ausstrecken und sich doch niemals erreichen können, hingen hüben und drüben die Balken über der Tiefe.

Wenn sie sich in Wahrheit niemals erreicht hätten, das Unheil wäre ungeschehen geblieben. – Aber nie hatte ein Kuppler leichtere Arbeit. Auf dem diesseitigen Balken lagen zwei Bretter, die mittels eines Keiles mühelos hinübergeschoben werden konnten. Selbst ein Geländer war vorhanden, das sich jetzt an den Balken anlehnte und das mittels eines Scharniers nach entgegengesetzter Richtung hinübergedreht werden konnte. So war alles trefflich eingerichtet gewesen, um dem Verrate leichtes Spiel zu geben.

Als Denkmal ewiger Schmach ragte das Bauwerk schwarz und schwankend in die neblig flimmernde Nacht hinaus.

Der plätschernde Laut unten auf dem unsichtbaren Flusse verstärkte sich. Es schien, als ob die Wellen heute noch in Entrüstung aufschäumten über die Tat, die nun im Schoße des Todes sich barg.

Langsam wie ein Träumender betrat er den Steg, tief unter sich die silberne Fläche, über die Funkenschwärme hinzuhuschen schienen. Da sah er eine weißliche Frauengestalt, welche die Röcke zwischen die Schenkel gepreßt hatte und bis zum Knie im Wasser stand. Es war Regine, die am Rande der Sandbank ihre Wäsche spülte.

Er runzelte die Brauen. Daß er ihr selbst hier begegnen mußte! – Aber freilich – ungerecht durfte er nicht sein, sie ging ihm ja aus dem Wege, wo sie nur konnte, er hatte wahrlich nicht viel von ihrer Gegenwart zu leiden.

Halb gedankenlos lehnte er sich über das Geländer und schaute ihr zu. Sie ahnte nichts von seiner Nähe. Tief auf das Wasser hinabgebeugt stand sie da. Ihr Nacken straffte sich, die nervigen Arme schüttelten die nasse Wäsche, daß die leuchtenden Tropfen umherstoben. Von Zeit zu Zeit begann sie das Lied mit den zwei Tönen, das sie damals beim Schaufeln des Grabes gesummt hatte, und ließ es wieder fallen, wenn das aufspritzende Wasser ihr in Mund und Nase kam. Wie eifrig sie arbeitete, jetzt am späten Abend, da er sie längst auf ihrem Lager glaubte!

Und nun fuhr sie erschrocken empor. Sein Fuß hatte ein paar Kieselsteinchen hinuntergescharrt, die plätschernd dicht vor ihr in den Fluß gefallen waren.

Argwöhnisch spähte sie nach dem jenseitigen Ufer hinüber. Ihr erster Gedanke war offenbar, daß jemand drüben im Gebüsch ihr auflauerte. – Dann erst fiel ihr ein, zum Steg emporzuschauen. Sie stieß einen leisen Schrei aus.

»Du brauchst nicht zu erschrecken, Regine«, rief er hinunter, »ich tu' dir nichts.«

Da wandte sie sich ruhig zu ihrer Wäsche zurück.

»Wie kommst du da hinab?« fragte er weiter.

Sie wischte sich mit dem nackten Arm über das Gesicht. »Ich kann gut klettern«, sagte sie und blinzelte für einen Augenblick zu ihm herauf.

»Friert dich nicht im Wasser? Es ist schon spät im Jahr!«

Sie antwortete etwas, was er nicht verstand. Dann störte er sie nicht mehr. Aber er war neugierig, wie sie's wohl anfangen würde, mit ihrer Last an der abschüssigen Böschung hinanzuklimmen.

So blieb er an seinem Platze und sah ihr zu. – Nach wenigen Minuten packte sie ihre Wäsche zusammen und stieg ans Ufer. Das Mondlicht zog einen flimmernden Ring um ihren Scheitel herum, der heute beinahe glatt gekämmt war. Es sah aus, als trüge sie ein Krönchen.

Mit scheuem Aufblick vergewisserte sie sich, daß er oben noch stand, dann tauchte sie in das Gebüsch, wo er sie bald wie eine Wildkatze von Knorren zu Ast, von Ast zu Knorren emporklimmen sah.

Als sie oben war, strich sie sich die Röcke glatt und wollte mit dem Korbe von dannen gehen, aber er rief sie heran.

»Warum tust du deine Arbeit zur Nachtzeit?« fragte er und bemühte sich, ihr ein freundliches Gesicht zu machen.

»Weil sie mich bei Tag nicht in Ruh lassen«, erwiderte sie.

»Die vom Dorfe?«

»Ja, Herr.«

»Was tun sie dir?«

»Nun, was sie immer tun – sie schmeißen.«

»Über den Fluß weg?«

»Ja. Herr.«

»Das nächste Mal, wenn dir ein Übles geschieht, kommst du mich holen.«

Sie antwortete nicht.

»Hast du verstanden?«

Sie faltete die Hände und sah ihn flehentlich an.

»Was gibt's?«

»Ach, bitte, Herr, nicht schießen!« stammelte sie. – »Ich weiß, Sie wollen schießen. Er hat's – der gnädige Herr mein' ich – hat's auch einmal probiert. Da fingen sie drüben ebenfalls an. Das knallte immer hin und her, wo man ging und stand. Ein Wunder war's, daß keiner getroffen wurde. – Schließlich, wenn sie sich dran gewöhnt haben, die Flinten immer mitzunehmen, knallen sie mich einfach nieder, sobald sie mich draußen treffen, denn ich muß ja von der Insel 'runter.«

Er hatte sie noch nie so lange und so vernünftig sprechen hören. Es erschien ihm neu und seltsam, daß hinter dieser niedrigen, wildumlockten Stirn Gedanken voll ruhiger Überlegung wohnen sollten.

»Du hast recht, Regine«, erwiderte er, »schon um deinetwillen darf ich sie nicht reizen.«

Er sah im Mondlicht, wie eine dunkle Röte ihr Antlitz überflutete.

»Um meinetwillen, Herr?« stammelte sie. »Ich weiß nicht, wie Sie das meinen?«

»Gut – gut«, erwiderte er abwehrend. »Doch was ich noch fragen wollte, Regine – bist du zufrieden mit deinem Dienste? Fehlt dir nichts?«

Sie starrte ihn an und schwieg.

»Du mußt mir nicht verdenken, Regine, wenn ich unfreundlich gegen dich bin. Ich habe meinen Kopf voll Sorgen und lebe am liebsten allein für mich hin. Daher denke nicht, daß ich dir böse bin, wenn ich nicht mit dir rede.«

Ihre Augen verschleierten sich. Ihre Hände tasteten nach dem Geländer, wie um eine Stütze zu suchen. Im nächsten Augenblick wandte sie sich um – und ihren Korb im Stiche lassend, floh sie von dannen, wie von Furien gepeitscht.

»Seltsames Geschöpf«, murmelte er, hinter ihr herblickend. »Ich muß milder mit ihr sein. Sie verdient es sich.«

Dann lehnte er sich über das Geländer und schaute zu den Wassern hinunter, auf deren silbernem Grunde ein Garten von Lilien und Purpurrosen erwuchs.

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