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Der Katzensteg

Hermann Sudermann: Der Katzensteg - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Sudermann
titleDer Katzensteg
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1889
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071213
projectid09b831ed
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7

Die letzte der Steinplatten, welche das Grabgewölbe bedeckten, sank knirschend und klingend in ihre Fugen zurück. –

Hans Eberhard von Schranden ruhte bei seinen Vätern. –

Die Männer, die in der Grabkapelle das Totengräberhandwerk verrichtet hatten, entblößten ihre Häupter und sprachen ein stilles Gebet. –

Die letzte Fackel entsank, niedergebrannt, dem Ringe, in dem sie befestigt gewesen, und glomm im Verlöschen auf den blanken Fliesen weiter, in blutigem Flackerschein zu den finsteren Gesichtern der Betenden emporzuckend. –

Dann verließen sie, ohne sich nach Boleslav umzuschauen, die Kapelle.

Der stand in einen Winkel gedrückt, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und gedachte in wildem Trotze dessen, was seiner harrte.

Die verhallenden Schritte schreckten ihn auf. – Schweigend folgte er den Freunden, die Gittertür der Kapelle, die vorhin hatte aufgebrochen werden müssen, hinter sich ins Schloß werfend.

Der Mond war aus den Wolken getreten und warf einen grellen Schein auf die Hügel und Kreuze, die in Reih und Glied standen wie Kolonnen in Kampfbereitschaft.

»Wollt ihr die Hetze weiterführen?« sagte Boleslav leise, mit einem bitteren, haßerfüllten Lächeln die Gräber betrachtend.

An der Pforte holte er die Freunde ein. Dort vereinigten sie sich mit den Wachen, die nichts mehr zu bewachen hatten, denn bis auf einzelne Gruppen von Weibern und Greisen, die schwatzend und lachend am Zaune standen, war die Straße leer.

Von den Feldern her tönte das Lärmen des großen Haufens, der seine Jagd noch nicht beendet zu haben schien.

»Gnad' ihr Gott, wenn sie sie ergreifen!« sagte Karl Engelbert und faltete gutmütig die Hände.

Dann traten ein paar der Freunde, Peter Negenthin zuvorderst, an ihn heran und sprachen leise und dringlich auf ihn ein.

Boleslav, in seine Gedanken versunken, merkte noch immer nichts von der drückenden, unheilkündenden Stimmung, die sich dichter und dichter um ihn zusammenzog; kaum daß er gewahr wurde, wie er beim Gange durch das Dorf stets wieder allein blieb, obwohl er diesem oder jenem an die Seite getreten war.

Der erste Teil seines Werkes war vollbracht. Der Vater hatte den Ruheplatz, der ihm gebührte, aber die eigentliche Arbeit sollte ja nun erst beginnen. Bergehoch türmte sie sich vor ihm empor. Die verödeten Ruinen zu neuem Leben zu erwecken, die verwilderten Felder, auf denen Hederich und Heidekraut mißfarben wucherten, in ein goldgelbes Meer von Garben umzuwandeln, der verfallenen Habe neuen Glanz, dem besudelten Namen neue Ehre zu erkämpfen – und dann am Ziele seines Strebens vor das Angesicht der Geliebten, zu der er im Bewußtsein seiner Schande jetzt selber nicht emporzuschauen wagte, vor das lichte, keusche, jungfräuliche Angesicht zu treten und ihm entgegenzurufen: »Hab' ich die Schmach gesühnt? Bin ich deiner nun wieder wert?« – das alles harrte seiner, das alles wollte erkämpft, mit Nägeln und Zähnen errungen sein.

Fast schien es Wahnwitz, so Ungeheures zu erstreben – aber waren die Freunde nicht da? – Hatten sie ihm nicht heute schon geholfen, schier Unmögliches zu erreichen? Würden sie nicht auch ferner, dem geschworenen Eide getreu, mit Rat und Tat an seiner Seite stehen – würden sie durch ihr Beispiel nicht allgemach den Bann der Feme lösen, der ihn heute noch von aller Menschheit schied, und ihm helfen, vergessen zu machen, was der Vater an ihr gesündigt hatte? –

Höher und höher schwoll seine Zuversicht, tiefer und tiefer grub er sich in seine Phantasien. –

Die Dorfstraße war durchschritten, die Zugbrücke erreicht, in deren Schutz die Wagen standen. Die Pferde waren vor den Leitern wie vor Krippen angekoppelt und holten die Heubüschel mit vorgestreckten Lefzen zwischen den Sprossen hervor.

Die Freunde schritten ohne einen Augenblick des Zauderns auf sie zu und machten sich bereit, sie anzuschirren.

Da wachte Boleslav erschreckend aus seinen Träumen auf.

»Was heißt das?« rief er. »Wollt ihr etwa fort? – Ich hab' euch zu danken, hab' euch um euern Rat zu bitten.«

Schweigen ringsum.

»Und wollt ihr mir nicht jetzt wenigstens die Freude lassen, euch mit einem Glase Wein zu bewirten, jetzt, da alles glücklich vollbracht ist?«

Da stellte sich Peter Negenthin breit vor ihn hin, zog die geballte Faust aus der Binde und sagte zwischen den Zähnen durch: »Eher wollen wir verdursten, als daß wir auch nur einen Trunk Wasser von dir annehmen.«

Boleslav taumelte zurück, als hätte jene verbundene Faust ihm einen Schlag ins Gesicht versetzt.

Ihm war, als ob die Welt ins Schwanken käme.

Da trat Karl Engelbert aus dem murrenden Haufen und sagte: »Es ist jammerschade, Baumgart – Baumgart nenn' ich dich, weil du bis zu diesem Augenblicke so für uns geheißen hast – ich mein', es ist jammerschade, daß du auf diese plumpe Manier erfahren hast, wie wir eigentlich gesonnen sind. – Hättst ganz ruhig dein Maul halten können, Negenthin.... Aber da's einmal gesagt ist, sollst du auch alles wissen. – – –

Du hast uns rufen lassen, und wir sind gekommen. – Zwar einer oder der andre meinte, wir hätten's nicht nötig, weil du uns mit deinem falschen Namen etwas vorgespiegelt hättest, aber wir andern sagten, ob du Baumgart hießest oder – na, 's ist egal wie – der Schwur, den wir einander geleistet haben vor der ersten Schlacht – in der Kirche von Dannigkow, der halte uns fest – und meineidig zu werden, hatten wir keine Lust. Darum sind wir hier. – Daß wir nicht gerne kamen, das kannst du dir denken, denn schließlich sind wir ehrliche Jungens, und 's geht uns gegen den Strich – ein Handwerk zu tun, bei einem ... na kurz und gut, wenn wir jetzt zurückkommen und die Leute speien uns an, dann müssen wir uns das ganz ruhig gefallen lassen, denn sie sind in ihrem Recht.«

»Warum habt ihr mir das nicht vorher gesagt?« stammelte Boleslav, »warum habt ihr es dahin gebracht, daß ich jetzt vor euch steh' – wie ein – wie ein – hahaha – wenn ihr mich anspeien wollt ... wahrhaftig, ich muß es mir auch gefallen lassen.«

»Du brauchst dir keine Vorwürfe wegen uns zu machen«, erwiderte Engelbert, »du hast an deinem eigenen Unglück genug zu tragen, aber jetzt, nachdem wir unsere Pflicht erfüllt haben – ruhig und ohne Murren, das wirst du uns zugeben – was wir uns dabei gedacht haben, ist unsere Sache –, jetzt möcht' ich dich im Auftrage meiner Kameraden und – und gewissermaßen auch – na, 's ist egal – kurz, ich möcht' dich bitten, daß du uns fortan aus dem Eid entlässest, den wir dir geschworen haben, wie wir dir auch deinen gern zurückgeben wollen. – Es steht das in deinem Belieben natürlich – aber willst du nicht – so werden wir wohl über kurz oder lang – auswandern müssen, damit die Leute uns nicht – –«

»Hör auf!« schrie Boleslav, in Todesangst vor jedem Wort, das noch über diese Lippen kommen könnte. »Euer Wunsch ist erfüllt gewesen, noch eh' ihr ihn ausgesprochen habt, denn wahrhaftig! ich hätte ja meine Schande verdient, wenn ich noch jemals einen Dienst von euch verlangte. – Ich sag euch auch kein ›Schön Dank‹. – Gott mög' euch alles Gute vergelten – und mög' euch nicht vergelten, daß ich jetzt so – so vor euch stehen muß – lieber hätt' ich die Leiche in den Fluß geworfen und mich hinterher – aber es ist gut ... reden wir nicht mehr davon. Darf ich euch beim Anspannen behilflich sein, da ich sonst nichts für euch tun kann?«

»Laß nur«, sagte Engelbert, und seine Stimme wurde weich, »es tut uns ja selbst in tiefster Seele weh ... wir haben dich so lieb, wie wir dich immer gehabt haben – aber du siehst ein – –«

»Ich sehe alles ein, lieber Engelbert – es bedarf der Entschuldigungen nicht.«

»Also mag es dir gut gehen.«

»Euch auch.«

Die Pferde waren angespannt. Alles stand zur Abfahrt bereit.

Mit stumpfen Blicken starrte Boleslav, gegen eine Mauer gelehnt, den Aufsteigenden nach.

Von seinem Sitze wandte sich Engelbert noch einmal um. »Und vergiß – die Regine – nicht«, sagte er, »falls sie mit dem Leben davonkommt. Der bist du Dank schuldig, nicht uns.«

»Es ist gut«, antwortete Boleslav, ohne den Sinn des Gesagten verstanden zu haben.

»Adjes also.«

»Adieu auch, und glückliche Fahrt.«

Die Peitschen knallten – – donnernd rollten die Räder über die Bohlen der Zugbrücke. – Wie silberumrandete Schemen schwanden die Wagen im Nebel des Mondlichts dahin.

Er war allein. – – So allein, wie auf Gottes weiter Welt noch nie ein Menschensohn gewesen.

Was beginnen?

Mit müden Schritten schleppte er sich die Anhöhe hinan. Das Gestrüpp, das den Boden bedeckte, wand sich raschelnd um seine Füße. – Ein Sprühfeuer von leuchtenden Tropfen lief vor ihm her. Wie ein schwarzes Ungetüm, bereit, sich auf ihn zu stürzen und ihn mit seinen gigantischen Massen zu erdrücken, harrte auf der Höhe die Schloßruine seiner, und durch die Fensterhöhlen brach das Mondlicht, daß es schien, als sähen geisterhafte Augen auf ihn nieder.

Gedankenlos schlich er an den Türmen vorüber.

Eine plötzliche Ermattung legte sich bleiern auf seine Glieder. Einschlafen – und nicht mehr erwachen – wer das könnte!

Was war es doch, was der Freund ihm zum Abschiede vom Wagen zugerufen hatte? –

Er sann und sann, aber das Gedächtnis ließ ihn im Stiche.

Der Rasenplatz, auf dem er das fremde Weib gefunden hatte, lag grell beleuchtet wie im Tageslichte vor ihm. – In unheimlicher Schwärze hob sich der Fleck, an dem sie die Grube zu graben begonnen hatte, von dem flimmernden Rasen ab.

Hätte er nur die Leiche hier verscharrt und wäre dann seiner Wege gegangen – vielleicht hätte irgendwo am andern Ende der Welt noch ein Glück für ihn geblüht. –

Aber nun war es zu spät. – Nun hieß es ausharren – das Werk des Trotzes zu vollenden, das so düster heute begonnen hatte. –

Allein – und einsam bis ans Ende.

Nie wieder wird er einen Freund gewinnen, nie wieder mit ruhevollen Blicken in ein Menschenantlitz schauen, seitdem die Genossen sich schaudernd von ihm gewandt.

Schaudernd, wie die Geliebte getan – denn nun verstand er, warum sie sich vor ihm verhüllte und entwich.

Losgelöst war er von allem, was in Wonne und Weh die Menschenherzen aneinanderkettet, losgelöst von Liebe, von Hoffen und Erbarmen, allein mit seiner Schmach und seinem Hasse.

Das Gesicht in den Händen vergraben, taumelte er über den Platz der Gärtnerhütte zu, da – am Rande des Gebüsches – stieß sein Fuß an etwas Weiches, Rundliches, das ihm den Weg versperrte.

Die Gestalt eines Weibes war's, die, den Kopf in den Blättern vergraben, mit gelösten Gliedern dort lag.

Regine – wahrhaftig – Regine.

»Was tust du hier? Steh auf!«

Kein Laut – keine Regung.

Wo war er ihr doch zuletzt begegnet? Richtig – dort unten vor der Kirchhofspforte, als die Mündung des Gewehrs – – und plötzlich stand das Bild des fürchterlichen Augenblicks in Tagesklarheit vor seiner Seele.

Für ihn hatte sie sich dem Mörder entgegengeworfen, für ihn dem Tode getrotzt, den die Schrandener ihr verheißen.

Und wie hatte er ihr gelohnt?

Achtlos war er an ihr vorbeigeschritten, der Blutgier des mörderischen Haufens hatte er sie preisgegeben, ohne mit dem Schimmer eines Gedankens für ihre Rettung zu sorgen.

Und wenn sie gleich das verworfenste Geschöpf unter der Sonne war, das verdiente sie nicht, das wahrlich nicht.

»Regine – wach auf!«

Er bückte sich nieder und hob sie empor, doch schlaff und leblos sank ihr Kopf in das Gebüsch zurück. – An seinen Fingern glänzte Blut. Warm und feucht klebten ihre Haare aneinander.

Wie, wenn sie tot war? Nein, wahrlich, sie darf nicht, sie soll nicht. – – – Geopfert für ihn – durch ihn, das hieße ja eigene Schuld zu der ererbten häufen. – Und diesem Wesen etwas schuldig sein – welch schmachvoller Gedanke!

Sie muß weiterleben, damit er sie bezahlen kann!

Mit jähem Ruck riß er ihr das Hemd unter dem Halse entzwei und legte das Ohr auf die kühle, schwellende Brust.

Gott sei gelobt – noch klopfte das Herz!

Und als er sich emporrichtete, sah er ihr Auge groß und leer zu sich aufgeschlagen.

Erschrocken, wie auf einem Fehltritt ertappt, ließ er den Kopf aus seinen Armen fallen.

Sinkend ächzte sie leise. Die Berührung der Zweige tat ihr weh, doch damit kam sie vollends zur Besinnung. Sie stützte sich auf die Ellenbogen und sah ihn stumm und fragend an.

»Steh auf, Regine«, sagte er.

Der Ton seiner Stimme ließ sie erschauern. Sie wollte sich emporraffen, aber kraftlos sank sie zurück ... »Laß mich liegen«, bat ihr furchtsam flehender Blick.

»Steh auf, ich werde dir helfen.«

» Muß ich gehen?« fragte sie, seinen Händen ausweichend. Angst und Jammer verzerrten das blutbesudelte wild-schöne Gesicht.

»Du möchtest also bei mir bleiben?«

»Ach, Herr – was fragen Sie?«

»Aber du wirst es schlecht haben bei mir.«

»Ach nein, Herr. Der gnädige Herr hat mich alle Tage geschlagen. Ich bin dran gewöhnt.«

»Aber draußen wird man dich besser behandeln.«

»Wo draußen?« – Neu erwachende Angst malte sich auf ihren Zügen.

»Irgendwo – mein Gott. – Ein Weib wie du, das fleißig und willig ist und so starke Glieder hat –«

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Ich würd' nicht weit kommen, Herr. Wenn Sie mich fortjagen, leg' ich mich in den Graben und hungre mich tot.«

Ein weicherer Blick strahlte aus seinem Auge.

Mag sie auch schlecht und stumpf und verworfen sein, schließlich ist sie ja die einzige auf Gottes weiter Welt, die zu ihm halten will.

Verachtet, verfemt, verstoßen von der Menschen Wohnungen ist sie wie er; sie trägt den gleichen Fluch wie er – warum sollte er sie von seiner Schwelle weisen?

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