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Der Katzensteg

Hermann Sudermann: Der Katzensteg - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Sudermann
titleDer Katzensteg
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1889
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6

Folgenden Tages wurde das Dorf Schranden von einem Besuche überrascht, der seinen festlich gestimmten Bewohnern keine geringe Enttäuschung bereitete.

Es war gegen fünf Uhr nachmittags, als auf der Dorfstraße zwei Leiterwagen dahergefahren kamen, deren jeder fünf bis sechs Insassen trug, junge Leute in Jägerröcken, Feldmützen auf dem Kopfe, Büchsen an breitem Gurte über die Schulter gehängt.

Auf dem vordersten der Wagen saß außerdem eine Frauensperson, die in dem Augenblick, da die Pferde auf den Kirchplatz einbogen, mit einem wilden Satze über die Leiter sprang und in der Richtung des Schlosses hin das Weite suchte. –

Jeder Schrandener erkannte in ihr beim ersten Blicke das Liebchen des seligen Barons, aber die allgemeine Verwunderung war so groß, daß niemand daran dachte, sie zu verfolgen.

Vor dem Gasthof zum »Schwarzen Adler« machten die Wagen halt. Die Fenster wurden aufgerissen, und ehe noch die Fremden ihre Sitze verlassen hatten, brauste ein wüststimmiger Willkommenlärm ihnen entgegen.

»Die Heidesöhne – Hurra – die Heidesöhne!« schrie Felix Merckel, der mit den Kameraden aus der Sellenthinschen Schwadron manchen Strauß zusammen ausgefochten hatte, und schwenkte einen schäumenden Krug zum Fenster hinaus.

Sein Vater öffnete rasch die Tür zum Herrenstübchen, in dem nur Wein getrunken werden durfte, denn es war Hoffnung vorhanden, daß die wohlhabenden Bauernsöhne etwas draufgehen ließen.

Doch diese hatten als Antwort auf das begeisterte Willkommen nichts wie ein finsteres, fast feindseliges Schweigen. Ohne nach den Lärmenden aufzuschauen, zogen sie allerhand Geräte – Sägen, Beile und Grabscheite – zwischen den Leitern hervor und begannen die Pferde abzusträngen.

Die Schrandener wurden stutzig.

»Potzwetter – ist euch die Gurgel zugestopft?« schrie Felix Merckel zum Fenster hinaus. – »Und wo habt ihr euer Wundertier, den Leutnant Baumgart, gelassen?«

Noch immer erfolgte keine Antwort.

Die Schrandener begannen zu glauben, daß die Fremden sich einen Scherz mit ihnen ausgedacht hätten, und stimmten ein unbändiges Gelächter an.

Da trat Engelbert, der sich als Führer benahm, unter das Fenster, aus welchem Felix breitschultrig sich hinauslehnte, grüßte halb militärisch zu ihm hinauf und sagte: »Mit Erlaubnis, Herr Leutnant, wir sind nicht gekommen, ein Fest oder sonst was Lustiges zu feiern – wir sind Begräbnisleute.«

»Hier in Schranden wird niemand begraben«, schrie Felix Merckel noch lachend zurück, aber sein Gesicht zog sich merklich in die Länge.

»Mit Erlaubnis, Herr Leutnant – wir sind aber zum Begräbnis eingeladen.«

»Von wem denn?« »Von unserm ehemaligen Leutnant Baumgart.«

»Blödsinn – hier gibt's keinen Leutnant Baumgart – den sollt ihr ja eben mitbringen.«

»Mit Erlaubnis, Herr Leutnant, der ist schon hier.«

»Wo steckt er denn, der Kerl?«

»Sie werden ihn wohl bloß unter seinem Geburtsnamen kennen. Herr von Schranden hieß er sonst –«

Der Steinkrug in Felix Merckels Hand fiel zerschellend dem jungen Engelbert vor die Füße. Das Bier spritzte an seinen Beinen in die Höhe. – –

Ein Tumult erhob sich in dem Innern des Gasthauses, als ob eine Schlacht geschlagen werden sollte, dann wurden die Fenster dröhnend zugeworfen, und als Johann Radtke, von seinem Durst getrieben, die Treppenstufen zum Vorbau hinanschreiten wollte, flog die Haustür ihm vor der Nase ins Schloß.

»Wie die Strolche müssen wir uns hier von der Schwelle jagen lassen –« murrte der finstere Peter Negenthin und ballte die Faust in seiner Binde.

»Hast du Lust, meineidig zu werden?« sagte Engelbert leise, an ihn herantretend. »Dann kehr um. – Was auch von uns gefordert wird – ein Hundsfott, wer die Kirche von Dannigkow vergißt.«

»Und wem der Gaumen trocken ist, kann ja Maraunewasser saufen«, fügte Johann Radtke mit einem Seufzer hinzu.

Engelbert schulterte seine Büchse. – »Die Wagen fahren vorauf!« kommandierte er – »Vorwärts marsch.« – Der Zug ordnete sich; während ein Haufe von Eingeborenen, durch die Büchsen in Respekt gehalten, hinter ihnen hertrollte, schritten sie dem Schlosse zu. Auf der Brücke stand Boleslav, sie zu empfangen.

In überströmender Freude stürzte er den Freunden entgegen – kaum, daß ein Ruf des Dankes sich über seine Lippen rang.

Engelbert reichte ihm schweigend die Hand. Doch als Boleslav ihn umarmen wollte, wich er ihm aus.

Der in seiner Erregung achtete nicht darauf. »Ich wußt's ja, daß ihr kommen würdet«, stammelte er, »wußt's ja, daß ich noch Freunde habe – daß ihr mich diesen Wölfen nicht wehrlos überlassen würdet.«

Keiner antwortete ihm.

In Reih und Glied, steif und still wie eine Mauer, standen sie da, nur die Blicke irrten scheu an ihm vorüber.

Engelbert war der erste, der das Schweigen brach.

»Du hast gerufen – wir sind da – aber unsere Zeit reicht nicht weit – sag uns, was du für uns zu tun hast.«

Für einen Augenblick mochte Boleslav sich durch die rauhe, kurze Sprache desjenigen, der ihm von allen Kameraden stets der liebste gewesen war, befremdet fühlen, aber wie durfte er an ihnen zweifeln?

Sie waren ja gekommen!

Und in wirren, durcheinanderstürzenden Worten erzählte er ihnen, wie die Schmach, welche die Schrandener dem Vater zuzufügen gedachten, sich über ihn, den Sohn, ergossen habe und was er mit Hilfe der Freunde zu tun entschlossen sei.

Derweilen starrten hinter einem Schutthaufen hervor ein Paar flammende Augen ihn an, derweilen zuckte und zitterte der Frauenleib, der dort wie ein Knäuel zusammengekauert saß.

»Sie sind hier – sie sind schon im Dorf!« so hatte sie ihm in bangem Jubel entgegengerufen, wie eine Mänade über den Hof daherstürmend.

Im ersten Augenblick hatte er sie für eine Fremde gehalten. Sie trug einen hellen Kattunrock, eine Nachtjacke lose zugeknöpft über dem wogenden Busen und ein buntes Kopftuch unter dem Kinne geknotet, wie es bei den Bauernmädchen Sitte war.

»Das haben sie mir zum Anziehen gegeben«, fügte sie wie zur Entschuldigung hinzu, da sie seinen befremdeten Blick gewahrte.

In seiner Freude achtete er nicht mehr auf sie. Dann, als er die Freunde erwartend auf der Brücke stand, sah er sie zwischen den Trümmern herumschleichen. Das Kopftuch war ihr in den Nacken heruntergefallen – in voller Verwilderung fluteten die schwarzen Locken ihr über das sonnverbrannte Gesicht. – Sie lachte wie geistesabwesend in sich hinein.

Da schämte er sich, daß er dies Weib den Freunden hatte zeigen müssen, und nahm sich vor, sie auf der Stelle auszulohnen, damit sie ihnen nicht wieder begegne.

»Was treibst du hier?« herrschte er sie an.

Sie fuhr zusammen. »Nichts, Herr«, erwiderte sie, die Augen in Schuldbewußtsein senkend.

»Warum lachtest du?«

»Ich, Herr«, stammelte sie –, »ich freu mich man bloß.«

»Worüber?«

»Weil ich wieder da bin.«

O – das elende Geschöpf!

Was war es, das sie an diesen Fleck Erde fesselte, der ihr nichts wie Schmach und Entbehrung geboten hatte und an dem sie fortan doppeltem Elende preisgegeben war?

Man hatte ihm von Hauskatzen erzählt, die, wenn das Haus, dem sie sich zugehörig fühlen, von seinen Bewohnern verlassen worden ist, lieber unter dem verödeten Dache Hungers sterben, als daß sie mit jenen in die Ferne gehen.

Wie, wenn auch diese Katzenart nicht zu vertreiben war?

In diesem Augenblicke wär's grausam gewesen, das Wort der Verbannung auszusprechen. Mochte sie bis morgen dableiben, wenn sie ihm nur ihren verhaßten Anblick ersparte.

»Scher dich fort«, befahl er, »und laß dich weder vor mir noch vor den Fremden sehen.«

Da hatte sie demütig den Kopf gesenkt und war hinter den Schutthaufen verschwunden. Dort kauerte sie nun, zitternd vor Angst, entdeckt zu werden. – –

Boleslav hatte geendet.

Engelbert wechselte einen Blick des Einverständnisses mit seinen Freunden, dann sagte er: »Wir haben die nötigen Werkzeuge mitgebracht – wenn du uns das gehörige Holz lieferst, wollen wir dir in kurzer Zeit einen Sarg zusammenschlagen.«

»Freilich, ein Rittersarg wird's nicht werden«, fügte Peter Negenthin mit hartem Lächeln hinzu.

Engelbert sandte ihm einen strafenden Blick zu. Ein Raunen und Grollen ging durch die kleine Schar.

Boleslav, in freudiger Zuversicht befangen, sah und hörte nichts davon. »Besinnt ihr euch noch«, rief er, »auf jenen Sarg, den wir im Finstern für den jungen Grafen Dohna zimmerten? Zwei Stunden brauchten wir dazu und konnten keine Hand vor Augen sehen.« Aber seine Erinnerungen fanden keinen Nachhall.

»Einer bleibe bei den Pferden«, sagte Engelbert, »wir andern wollen uns Hölzer suchen. – Bis zum Abend muß alles für den Gang bereit sein.«

Boleslav, in Sorge, was er seinen Freunden Liebes antun könnte, gedachte des Weinlagers, das er in den Kellern gefunden hatte und das vom Feuer verschont geblieben war. – Dort lagen auch die Speisevorräte des Hauses, etwas Brot und geräuchertes Fleisch, leider viel zu wenig, um die Freunde zu bewirten.

»Zu essen hab' ich so gut wie nichts«, sagte er, »aber mögt ihr nicht wenigstens einen Schluck Wein trinken, bevor ihr ans Werk geht?«

Die Freunde schwiegen und machten finstere Gesichter.

»Laß nur«, meinte Engelbert, einen leichten Ton anschlagend, »Wein macht träge Glieder ... Die Arbeit hat Eile.«

Und er bückte sich, einen der angebrannten Balken, die zwischen dem Trümmerwerk der Ställe umherlagen, prüfend zu betasten.

»Der tut's«, sagte er, »aber sägt das Verkohlte nicht ab – das ersetzt uns die Farbe.«

Und er schritt mit Boleslav weiter, zwei oder drei andre der Balken auszusuchen.

Da schwirrte etwas Helles vor ihnen empor und war im Nu hinter der nächsten Mauer verschwunden.

Boleslav ballte die Fäuste. Er hatte Reginen erkannt.

»Verzeih«, sagte er, »daß ich dir keinen besseren Boten schicken konnte, aber ich habe niemand sonst.«

Engelbert wollte reden, aber es war, als ob ihm ein Verbot die Zunge bände.

»Und bekleiden hast du sie wohl auch erst müssen?«

»Ja«, sagte Engelbert, dessen Redseligkeit die Oberhand gewann, »ich fand sie halbtot und mit zerrissenem Zeug vor der Haustür liegen, als – ich nachts aufgestanden war – wollte doch sehen, was die Hunde so zu bellen hätten.«

»Wie? war's noch in der Nacht?«

»Zwei Uhr morgens war's. – Hier dieser Balken ist gut – den könnt ihr nehmen. Sie hat die fünf Meilen in sieben Stunden gemacht. – Hätt's nie im Leben für möglich gehalten. – Wie 'ne angeschossene Otter lag sie da – so straff und glänzend – und jappte nach Luft – und dein Blatt Papier hielt sie mit beiden Fäusten umklammert. Sie wollte aufstehen, aber da fiel sie zurück – und dann holt' ich ihr Branntwein und rieb ihr die Schläfen und gab ihr auch – – –«

Einer der Gefährten, die ihm nachgefolgt waren, sah ihn mit einem Blicke der Verwunderung an. Er erschrak und hielt mitten im Satze inne. – – –

In den folgenden Stunden hörten die Schrandener, die wütend und verstört am Ufer des Flusses entlang rannten, auf der Schloßinsel ein emsiges Hämmern und Sägen und Klingen, das ihnen nichts Gutes zu bedeuten schien. –

Sollten auf diese Weise ihre schönsten Pläne zu Wasser werden?

Es dauerte nicht lange, da erschien der alte Hackelberg mit seinem Gewehr auf dem Platze, das er für gewöhnlich in irgendeinem Düngerhaufen vergraben hatte, weil er fürchtete, daß man es ihm wieder wegnehmen würde, wie es schon einmal geschehen war, als er sich auf dem Marktplatze damit verlustiert hatte, die Fledermäuse wegzuschießen, die, wie er versicherte, schon am hellen Mittag in Scharen hinter ihm herzogen. Mit diesem braven Gewehr war er früher allnächtlich auf die Wilddieberei gegangen, aber seit die nimmerfehlende Hand vom Trunke schwach und zittrig geworden war, hatte er dies fröhliche Handwerk an den Nagel hängen müssen. Nur manchmal, wenn er sehr, sehr viel getrunken hatte, kam das Bewußtsein alter Jägerherrlichkeit urplötzlich über ihn, dann rannte er hinter die Ställe, grub das Gewehr aus seinem Verstecke und holte die erste Schwalbe, die vorüberschoß, mitten im Fluge aus der Luft.

Mit der lallenden Beredsamkeit, die ihm eigen war, begann auch er zu hetzen.

»Schrandener, die Ehre ruft – wappnet euch gegen die Verräter. – Ich bin ein unglücklicher Vater – mein Kind hat er mir geraubt – ich schieß ihn tot – den Kerl.«

»Aber, er is ja schon tot«, meinte einer.

»Is er schon tot? – Schad't nichts – die Brut muß auch totgeschossen werden – alle müssen sie totgeschossen werden.«

Inzwischen rannte Felix Merckel wie ein angestochener Eber im Gastzimmer umher. – Er erinnerte sich der Heidesöhne gut genug, um zu wissen, daß sie, gereizt oder gar tätlich angegriffen, keine Schranken mehr kannten. Ein Blutvergießen, wie es keiner der Tobenden draußen ahnte, mußte die unausbleibliche Folge sein. – Und dann – was dann? Würde auf ihn, als den natürlichen Anführer, der Zorn der beleidigten Gesetze sich nicht zuallererst ergießen?

Aber andererseits – durfte dem Schleicher, der da gewagt hatte, sich unter falschem Namen das Vertrauen der Kameraden und damit gar ein Leutnantspatent zu erschwindeln – durfte ihm, der nun doppelt den Haß und Abscheu jedes wackeren, ehrliebenden Soldaten verdiente, dieser Triumph gegönnt werden?

Herr Merckel senior hatte inzwischen andre Sorgen.

Er fand es höchst tadelnswert, daß ein so großes Quantum edelster Entrüstung zwecklos in freier Luft verpuffen sollte, und beschloß diesem Unfug ein Ende zu machen.

Er trat auf den Verschlag, der die Haustür umrahmte, und rief mit dem ihm eigenen väterlichen Wohlwollen in den Haufen hinunter: »Ich als euer Ortsvorstand kann es nicht dulden, liebe Kinder, daß ihr unseren öffentlichen Platz zu einem solchen Tumult benutzt. – Sucht euch hübsch einen geschlossenen Raum aus, Kinder – da dürft ihr Skandal machen, soviel ihr wollt.«

Daß mit dem »geschlossenen Raume« nur die Wirtsstube zum »Schwarzen Adler« gemeint sein konnte, war jedem klar, und fünf Minuten später ließ der Konsum an geistigen Getränken nichts mehr zu wünschen übrig.

Felix hatte den Krauskopf in beide Hände gestützt und starrte in finsterer Wut vor sich in das Glas.

Kein preußischer Patriot, geschweige denn einer, der den Degen trug, durfte sich ein solches Unterfangen bieten lassen, lieber sterben – lieber –

Und er begann mit begeisterten Worten auf die Menge einzureden. –

Die Wirkung sollte nicht ausbleiben. Einer nach dem andern stahl sich hinaus, um bald darauf mit irgendeiner Waffe – einem Feuersteingewehr, einem Krummsäbel oder einer Sense – wiederzukehren.

»Immer hübsch ruhig und patriotisch, Kinder!« rief schmunzelnd der alte Merckel, während er mit Argusaugen nach leeren Krügen spähte. – –

Es war Nacht geworden – die zwei braungelben Unschlittkerzen auf dem Schenktisch qualmten in dem dumpfig heißen, überfüllten Raum, dessen Halbdunkel die Reflexe der blanken Sensen blitzartig durchschnitten – da stürzten ein paar Burschen, die an der Zugbrücke als Wachen aufgestellt waren, schreiend ins Zimmer: »Sie kommen, sie kommen!«

Ein Wutgeheul erhob sich.

Alles drängte zur Tür. Felix Merckel eilte in sein Schlafzimmer, sich den Säbel umzuschnallen, aber er kehrte nicht wieder. – Wahrscheinlich hatte er sich beim Anblick der Waffe, die er so lange mit Ehren geführt, eines Besseren besonnen. –

Sein Vater ermahnte derweilen die Tobenden zur Ruhe und Besonnenheit, insbesondere diejenigen, die ihre Zeche noch nicht bezahlt hatten.

»Vorwärts«, lallte der alte Hackelberg, »rächt mein armes Kind – macht sie nieder!«

Draußen auf dem Marktplatze, den das Mondlicht hinter Wolken hervor mit fahlem Dämmerlichte übergoß, stand die ganze Bevölkerung des Dorfes versammelt. Selbst die Säuglinge hatte man aus ihren Wiegen gerissen. Ihr Quäken mischte sich in den hundertstimmigen Lärm.

Dunkel und schweigend schaute die Kirche mit ihrer riesenhaften Schattenmasse auf das wüste Schauspiel nieder. Dunkel und schweigend lag auch das Pfarrhaus da.

Der alte Wetterer hatte Wort gehalten. Er sah und hörte nichts von allem, was geschah. –

Hinter den Hütten hervor, die den Weg zum Flusse umsäumten, drang dunkelroter Feuerschein. – Über die niedrigen Dächer empor wirbelte schwärzlicher Qualm. Wie der Gleisch einer aufgehenden Feuersbrunst brach der purpurne Dunst in den bleichen Dämmer der Sommernacht hinein. –

Von den gleichen Impulsen getrieben, schlugen die Haufen den Weg zum Kirchhof ein, der wenige Schritte hinter den letzten Häusern dicht an der Straße gelegen war.

Dort vor der Pforte konnte den Nahenden die Bahn am sichersten versperrt werden.

Diejenigen, welche den Krieg mitgemacht hatten, formierten sich in Reih und Glied. Hier würden ja Soldaten gegen Soldaten kämpfen.

»Wo ist der Merckel?« rief verwundert einer, der in diesem Augenblick die Kommandostimme des Leutnants zu hören erwartete.

Und »wo ist der Merckel?« hallte ein verdutztes Echo von allen Seiten wider.

Aber man beruhigte sich. Er wird wohl gleich da sein, er ist ja nur gegangen, sich seine Waffen zu holen.

Der Feuerschein kam näher und näher.

Man unterschied etwas Schwarzes, Viereckiges, das, von einem Flammenkranze umgeben, in den Lüften schwankte.

»Der Sarg – der Sarg!« murmelte, von unwillkürlichem Schauer ergriffen, die Menge.

Da plötzlich – wer den Anfang gemacht, wußte niemand – es war, als habe aller Seelen in demselben Pulsschlage derselbe Gedanke durchflutet – da plötzlich stimmte der Haufe in brausendem Chore den unheimlichen Choralvers an:

»Unsern gnäd'gen Herrn von Schranden,
Der uns bedeckt mit Schimpf und Schanden,
Der uns gemacht zu Hohn und Spott,
Schlag mit der Pest, o Herre Gott!«

Und näher und näher kam der Sarg. Schon übergoß der Schein der Fackeln die singenden Haufen, schon drängten die Weiber und Kinder, welche die Vorhut bildeten, schreiend rückwärts – –

Eine Gasse öffnete sich – gerade breit genug, daß der Zug zum Weiterschreiten Platz gewann – und schloß sich wieder hinter dem Letzten des Gefolges.

Sechs Männer trugen den Sarg auf ihren Schultern und schwangen flammende Kienspäne in der freien Hand, mit denen sie die Menge zur Seite scheuchten. – Sechs andre, die schußfertigen Büchsen unter dem Arme, folgten.

Voran aber schritt, die Feldmütze im Genick, zwei Pistolen mit gespanntem Hahne in den Fäusten, den brennenden Blick den Gegnern ins Antlitz bohrend, Boleslav, der Leiche des Vaters den Weg zu bahnen.

Immer tiefer drang der Riß in den Menschenknäuel hinein – immer dünner wurde die Schranke, welche den Zug von der Schar der bewaffneten Schrandener trennte.

Die sahen sich unruhig nach allen Seiten um, denn sie fühlten sich führerlos.

Jetzt stand Boleslav Brust an Brust ihnen gegenüber. – Sie wollten sich vorwärts schieben. Da – ein plötzlicher Ruck ging durch ihre Reihen, denn ein kurzes, militärisches »Halt«, wie sie's im Feldzug oft genug vernommen hatten, war an ihr Ohr gedrungen. Und ihre Glieder, alter Gewohnheit treu, gehorchten, ob ihr Wille sich auch sträubte.

Boleslav, der den Befehl den Trägern zugerufen hatte, gewahrte das Zucken in der Mauer dicht vor ihm – ein plötzlicher Rettungsgedanke leuchtete durch sein Gehirn. –

»Stillgestanden!« kommandierte er weiter.

Nichts regte sich. – Sein Blick, seine Stimme meisterte sie.

»Wer von euch ist Soldat gewesen? Wer hat unserem Könige geholfen, sein Land zu befreien?«

Ein dumpfes, halb widerwilliges Murmeln ging durch die Reihen, aber sie antworteten doch.

»Der König hat euch heimgeschickt«, fuhr er fort, »weil es Friede geworden ist; – glaubt ihr, daß es ihm gefallen wird, wenn er hört, daß ihr den Frieden in seinem Lande wieder gebrochen habt? – Pfui, wird er sagen, so benehmen sich Polacken, aber keine Preußen. – – Drum macht Platz – Leute – Platz da!«

Ein Wogen, ein Wanken erschütterte die Mauer, sie begann sich zu spalten, und für einen Augenblick lag die Kirchhofspforte frei vor Boleslavs Blicken – aber von hinten her drängten neue Gestalten nach der Mitte zu und füllten den Spalt.

Aufs neue erhob sich das Lärmen – ein Hohngelächter, gurgelnd und lallend, mischte sich darein – und im nächsten Augenblicke sah er zwischen den Schultern der Vordersten ein rundes, schwarzes, blankgerändertes Etwas, mit einem tückisch blinzelnden Auge dahinter, auf seine Stirn gerichtet.

Ein Augenblick nur war's, kaum lang genug, um das Bewußtsein dessen, was für den nächsten ihm drohte, in seiner Seele aufzuwecken. Da ertönte in seinem Rücken ein gellender Schrei – eine Gestalt, leuchtend und geschmeidig wie die einer Pantherkatze, schoß an ihm vorüber und warf sich in den Haufen der Schrandener hinein, der sich aufs neue spaltete. In dem frei gewordenen Raume sah Boleslav zwei Gestalten, die sich am Boden wälzten, die eines Weibes, welche einen Mann überwältigt hatte und ihm den blinkenden Lauf eines Gewehrs aus den Händen rang.

Es war der Tischler Hackelberg mit seiner Tochter. – Die mußte heimlich und unerkannt dem Leichenzuge gefolgt sein; denn seit sie hinter den Trümmern der Ställe verschwunden war, hatte er sie nicht mehr erblickt. –

Neugierig drängte die Menge herzu, die wissen wollte, was der Knäuel am Boden bedeutete. – Diesen Augenblick der Verwirrung benutzend, schritt er, den Sarg dicht hinter sich, an den Kämpfenden vorüber der Kirchhofspforte zu. – –

Hinter ihnen ertönte der Knall des Gewehres, das sich in den ringenden Händen entlud.

»Bewacht den Eingang!« rief er den sechsen zu, die dem Sarge folgten, während die Träger ihren Weg zwischen den Grabhügeln zum Erbbegräbnisse der Schrandener Freiherren fortsetzten.

Karl Engelbert, der die Nachhut befehligte und sich als erster vor die gefährdete Pforte hingepflanzt hatte, gewärtig, den Eingang mit Leib und Leben verteidigen zu müssen, sah in dem Halbdunkel, das entstand, derweil die Fackeln sich entfernten, wie die Menge sich auf die Ringenden stürzte.

Das Weib stieß zwei, drei kurze, schneidende Schreie aus. Offenbar begann man seine Wut an ihr auszulassen. Kein Zweifel blieb, daß man sie töten würde, wenn ihr nicht schleunige Hilfe kam.

»Laßt sie los!« schrie Engelbert, mit kräftiger Faust in das Handgemenge hineingreifend. Im nächsten Augenblicke glitt die Gestalt, die vorhin in höchster Not aus dem Haufen hervorgetaucht war, aufs neue an ihm vorüber – duckte sich in den trockenen Graben des Kirchhofwalles hinunter und huschte dann am Zaune entlang schattengleich in die dunkle Nacht hinaus.

Die Schrandener fingen johlend an hinter ihr her zu laufen.

»Aber das Begräbnis?« schrie einer.

»Hol' der Teufel das Begräbnis« – ein andrer und warf einen scheuen Blick auf die wachehaltenden Männer, mit denen, wie es schien, nicht zu spaßen war.

Auf jenes wehrlose Wild Jagd zu machen, das war ein besseres Vergnügen, als hier seine Haut zu Markte zu tragen.

Und wie eine Meute von Bluthunden stürmten die Schrandener von dannen. – Der Tischler Hackelberg wollte das gleiche tun, er erhob sich langsam, taumelte in den Graben, blieb dort liegen und schlief ein.

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