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Der Katzensteg

Hermann Sudermann: Der Katzensteg - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Sudermann
titleDer Katzensteg
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1889
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071213
projectid09b831ed
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20

Die Uhr der Dorfkirche meldete Mitternacht, als Boleslav die Stätte erreichte, wo der Leib des entseelten Weibes seiner harrte.

Der Mond war weiter gewandert, schützendes Dunkel umhüllte das bleiche Angesicht, aber aus dem Dunkel starrten die Augen noch immer groß und glanzlos zu ihm empor, als wollten sie eine flehende Frage tun, auf die es hienieden weder, noch im Jenseits eine Antwort gab.

Er warf sich neben der Leiche auf die Knie, nahm Abschied von den beiden erloschenen Sternen und strich sanft die Lider über sie herab.

Nun erst, da Regine einer Schlafenden glich, wagte er aufzuatmen, und ein schmerzlicher Friede zog in sein Gemüt.

»Du gehörst mir, mir ganz allein«, sagte er, »keiner sonst soll teilhaben an dir im Leben wie im Tode.«

Und was sein Gefühl gebieterisch von ihm forderte, schon seit er das Haus des Mörders verlassen hatte, das beschloß er nun in ruhigem Sinnen.

Was geschehen war, glich einer ehernen Kette von Schuld, in welcher seit Jahren ein Glied sich an das andre reihte. In diese Kette hineingefügt und mit ihr zusammengeschmiedet war eine blutschänderische Liebe. Um dieser Liebe willen, die sündig war wie die Hölle und rein wie der Himmel, sollte alles, was Nacht und Schweigen gezeugt, in Nacht und Schweigen begraben sein. Begraben zugleich mit diesem Leichnam.

Was konnte die armselige Gerechtigkeit der Menschen wohl für Sühne geben, da, wo das ewige Schicksal selber Recht zu sprechen schien? Hieß es nicht, diesen toten Leib entweihen, wenn er ihn vor die Schranken schleppte und von neugierigen Söldlingen beschnüffeln ließ?

Oder sollte er gar zulassen, daß der Priester, der sie im Leben verflucht hatte, im Tode den zünftigen Segen über sie sprach? Wieviel fehlte denn noch, daß sie in dem Sarge gebettet würde, den des Vaters mörderische Hand für sie gezimmert, und daß seine Mitschuldigen als Leichengefolge, johlend und Steine werfend, hinter ihr her zogen?

Nein, wahrlich! Keinem der Schrandener Wölfe soll sie zur Beute werden. Er selbst, für den sie gelebt hat, für den sie in den Tod gegangen ist, wird ihr die letzte Ruhestatt bereiten. Verstecken wird er sie im Schoß der mütterlichen Erde und den Rasen ausbreiten über ihr, daß keine leichenschänderische Faust jemals den Frieden der heiligen Statte störe. –

Er hob den Leichnam auf seine Arme und trug ihn nach dem Rasenplätze hin, über den der hochstehende Mond weithin seine weißen Schleier gebreitet hatte.

Die Trümmer der alten Dianenstatue leuchteten in blendender Helle aus dem Schimmer des taufeuchten Grases.

Dorthin trug er sie, ließ sie auf den Rasen sinken und lehnte ihren Nacken gegen das brüchige Postament, das Antlitz dem Monde zugewandt, so daß es schien, als wäre sie im Sitzen eingeschlafen. Dann hielt er Umschau nach einem Begräbnisplatze.–

Sein Blick siel auf den schwarzen, viereckigen Fleck, den Regine dem Vater zum Grabe bestimmt hatte. Leibhaftig sah er sie vor seinem Auge stehen in ihrer sonngebräunten, wildtrotzigen Kraft, wie sie den Spaten mit dem nackten Fuße gleichwie mit einer Ramme in den Boden getrieben halte.

Hätte er sie damals in ihrem Werke nicht gestört, so wäre das seine ihm heute erspart geblieben. – Den Liebesdienst, den sie damals seinem Vater hatte erweisen wollen, heute mußte sie ihn sich selber gefallen lassen.

Was lag näher, als daß er nur eben fortfuhr, die Grube zu vertiefen, die sie damals begonnen hatte, ohne Ahnung, daß es ihr eigen Grab werden sollte, woran sie grub?

Er holte einen Spaten aus der Küche, in welcher das Feuer, das sie geschürt hatte, noch nicht erloschen war, und begann mit allen Kräften das Erdreich aus der Tiefe zu heben.

Von Zeit zu Zeit hielt er inne und schaute nach ihr hinüber.

Vom Mondenlichte hell beleuchtet saß sie da und schien in guter Ruhe seinem Werke zuzusehen. – Einmal, als ein Wolkenschatten über sie hinhuschte, war's, als ob sie sich regte und sich erheben wollte.

Das qualvolle Nichtglaubenwollen, das angesichts eines geliebten Toten einen jeden erfaßt, überkam auch ihn. Er schrie ihren Namen und stürzte zu ihr hin.

Ihre Hand war auf Dianens Haupt gesunken, das dicht neben ihr im Grase lag. Er wagte nicht, sie zu berühren, und schlich, das Gesicht in den Händen vergrabend, an seine Arbeit zurück.

Als die Grube sich zu vertiefen begann, so daß er fürchten mußte, den Rand nicht mehr erklimmen zu können, holte er sich eines der Blumengestelle aus dem Glashause, auf dessen Stufen sie Schüsseln und Teller in sauberen Stößen geordnet hatte.

»Aus euch soll keiner mehr essen«, sagte er und warf das irdene Zeug auf den Boden, so daß es zerschellte.

Das Gestelle senkte er statt einer Leiter in die Grube hinab und fuhr fort, das Erdreich hinauszuschaufeln.

Als die Glocke vom Dorfe her die zweite Morgenstunde verkündete, war er mit seinem traurigen Werke fertig.

Einen Sarg konnte er ihr nicht geben, doch damit sie nicht auf der schwarzen, feuchten Erde zu liegen käme, holte er von seinem Lager, das sie fein säuberlich für ihn bereit gehalten, ein Bettuch und zwei Federkissen, ihr tief in der Erde das Bette zu bereiten.

Die Stunde des Abschieds war gekommen.

In seinen Armen trug er sie an den Rand des Grabes, dann setzte er sich, um auszuruhen, auf die Rasenbank und hob ihr Haupt auf seinen Schoß.

Noch niemals hatte er sie so mit Muße anschauen können, denn er hatte ja nie gewagt, das Auge auf ihr ruhen zu lassen. Nun studierte er jeden Zug des toten Angesichts, strich ihr über die straffen Wangen und preßte das Wasser aus dem schweren Lockenhaar.

Ein Schauer der Kälte überlief ihn. Er hatte den nassen Leichnam mit seinen triefenden Röcken so lange auf den Armen gehalten, daß seine eigenen Kleider ganz von Feuchtigkeit vollgesogen waren.

»Leb wohl!« sagte er und küßte sie auf die Stirn – doch als er auch die Lippen küssen wollte, fuhr er erschreckend zurück.

»Hast du sie im Leben verspielt«, sprach er zu sich, »sollen sie dir auch im Tode nicht gehören.«

Und dann trug er den Leichnam bis an den Rand der Grube und sprang auf die oberste Stufe des Gestelles hinunter. – Langsam und vorsichtig hob er sie zu sich herab, streckte sie auf dem Tuche aus und bettete das Haupt auf den weichen Kissen.

Noch einmal wollte er sie küssen, aber er fürchtete sich, das Gestelle zu verlassen, das ihre Füße überbrückte. So begnügte er sich, die Hände zu streicheln, die er von seinem Sitze noch erreichen konnte, dann kletterte er ans dem Grabe empor und zog mit dem Kreuze des Spatenstieles das Gestelle hinter sich her.

Da besann er sich, daß er vergessen habe, einen Zipfel des Tuches über ihr Antlitz zu breiten, damit die hinabrollende Erde es nicht beschmutze.

»Blumen tun's auch«, dachte er bei sich und begab sich auf die Suche.

Unter den Bäumen des Parkes blühten im Grase ganze Haufen von Anemonen und Leberblümchen, auch Veilchen und Primeln waren da, die sie selbst gezogen hatte.

Er raffte zusammen, was er im Dämmerscheine nur irgend entdecken konnte. Anemonen und Primeln hatten ihre Kelche zum Schlafe geschlossen, nur die Veilchen schauten ihn aus blauen Augen treuherzig an.

Mit den Blumen im Arme trat er an das Grab zurück, doch als er hinunterschaute, fuhr er, wie von einem Zauber getroffen, jählings zurück.

Und zauberhaft war das Bild, das sich ihm bot. – Der Mond, der den Zenit überschritten hatte und nun zu Fußenden der Grube stand, warf sein Licht an der Ostwand bis hinunter in die Tiefe und verklärte mit mildem Leuchten ihr Haupt, während der blutbesudelte Leib im Dunkeln vergraben blieb.

Wie im Traume lächelnd, schaute das weiße Angesicht zu ihm empor.

Da warf er die Blumen von sich, hockte in dem aufgeschaufelten Erdreich nieder und starrte zu ihr hinab – eine stille Totenfeier zu halten.

In seinem Hirn schossen die Gedanken durcheinander wie flatterndes Nachtgetier, und erst allgemach begann die Wirrnis sich zu lichten und zu beruhigen.

Ehrlos und schuldbeladen war sie durch die Welt gegangen und hatte doch niemals bereut, ja sie schien sogar zufrieden im Bewußtsein dessen, was geschehen.

Einstmals, in einer Stunde schwerer Not, hatte er sich gefragt, ob die Stumpfheit des Tieres oder die Bosheit des Dämons in ihr hause, daß ihr Wille so mächtig und ihr Gewissen so matt geworden – und hatte sich keine Antwort gewußt.

Heute, da es zu spät, ward ihm ihr Wesen klar.

Nein, kein Tier und kein Dämon war sie gewesen, sondern nichts wie ein ganzer und großer Mensch. –

Eine jener Vollkreaturen, wie sie geschaffen wurden, als der Herdenwitz mit seinen lähmenden Satzungen der Allmutter Natur noch nicht ins Handwerk gepfuscht hatte, als jedes junge Geschöpf sich ungehemmt zu blühender Kraft entwickeln konnte und eins blieb mit dem Naturleben im Bösen wie im Guten.

Und wie er dachte und sann, ward ihm zumute, als ob die Nebel sich lichteten, welche den Boden des menschlichen Seins vom menschlichen Bewußtsein trennen, und er sähe eine Strecke tiefer, als der Mensch sonst pflegt, in den Abgrund des Unbewußten hinein. Das, was man das Gute und das Böse nennt, wogte haltlos in den Nebeln der Oberfläche umher, drunten ruhte in träumender Kraft das – Natürliche.

»Wen die Natur begnadet hat«, sprach er zu sich, »den läßt sie sicher in ihren dunklen Tiefen wurzeln und duldet, daß er dreist zum Lichte emporstrebe, ohne daß die Nebel der Weisheit und des Wahnes ihn hemmen und verwirren.«

Ein so begnadeter, ganzer Mensch war dies verfemte, ehrlose Geschöpf.

»Und ich, für den sie lebte und starb, hab' ich dies Opfer verdient?« so fragte er sich weiter. »War ich es wert, daß sie in gläubigem Vertrauen zu mir emporsah?«

In strenger Prüfung ging er mit sich zu Gerichte, und das Urteil fiel nicht zu seinem Besten aus.

»Ich freilich – ich gehöre zu den andern, die ihr Leben lang zwischen Gut und Böse umhergeworfen werden und im Ungewissen den Weg nicht finden können. – Was die Natur von uns fordert, wird uns zu Schmutz und Sünde, und was die Menschensatzung will, erscheint uns schal und abgeschmackt. – Zwischen Trotz und Angst pendeln wir hin und her. – Wir gieren nach fremdem Segen, an den wir nicht glauben, und zittern vor fremdem Fluch, den wir verlachen. Damals hielt ich es für eine Schmach, den Vater an dieser Stätte zu begraben, heute würd' ich mich glücklich preisen, hätt' ich's getan. – Damals verbiß sich mein Trotz in dem Gedanken, das väterliche Erbe festzuhalten, heute bin ich froh, seinen Staub von meinen Füßen zu schütteln. – Damals schalt ich die Schrandener wilde Tiere, und jetzt seh' ich ein, daß mein eigen Geschlecht das Menschentum in ihnen erstickte. Damals war mir dies Weib zu schmutzig, ein Stück Brot aus seiner Hand zu nehmen, heute steh' ich weinend an seiner Gruft. An die erloschene Flamme blöder Jugendtorheit hing ich mein Herz, ein zimperliches Jüngferchen, das mir schon lange keinen Pfifferling mehr galt, macht' ich zur Richterin meines Tuns, während ich vor vollsaftiger, allgewaltiger Menschlichkeit schaudernd zurückwich.«

»Freilich, diese Menschlichkeit war Todsünde, und mein Blut begehrte, sich selber zu schänden.«

»Aber konnt' ich nicht mit dem Tode büßen, wenn das Leben, das meine Adern durchströmte, mich aus dem Reiche der menschlichen und göttlichen Gesetze hinauswies?«

Und dann wieder kam ihm der Gedanke, ob der Leib, den er so der eigenen Willkür preisgab, auch wirklich und ausschließlich ihm gehöre. Ob er damit schalten dürfe nach seiner Laune. Wie, wenn das Vaterland ihn für sich begehrte?

»Es ist gut, daß in diesem Chaos, wo Gut und Böse, Recht und Unrecht, Ehre und Schmach wirr durcheinandertaumeln und wo selbst der alte Gott im Himmel ohnmächtig dahinschwindet, ein fester Pol uns übrigbleibt, um den sich alles aufs neue ordnen muß, ein Fels, an den wir Ertrinkenden uns klammern können und an dem zu scheitern selbst noch Wollust ist – das Vaterland!«

So sprach der Sohn des Vaterlandsverräters und faltete inbrünstig die Hände.

Der Mondenschein war inzwischen an der Erdwand emporgeglitten. Das tote Antlitz, das er verklärt hatte, lag in Dunkel vergraben da. Kaum unterschied es sich noch von der umgebenden Erde.

»Es ist Zeit«, sagte er und schaute um sich.

Im Osten glomm ein schmaler Streif des Frührots, bläuliche Helle füllte die Lichtung, und in den Zweigen erwachte ein verträumtes Zwitschern.

Als er die Blumen in die Gruft hinabstreuen wollte, hielt er stirnrunzelnd inne und warf sie beiseite.

»Was soll das weichliche Getue?« schalt er sich. »Der Staub braucht sich vor dem Staube nicht zu scheuen.«

Dann ergriff er den Spaten und, die Augen zudrückend, schaufelte er die schwarze Erde auf den geliebten Leib.

Eine Viertelstunde später war die Grube gefüllt. – Alsdann legte er den Rasen an seine alte Stelle, entfernte sorgfältig das überschüssige Erdreich mitsamt den verstreuten Blumen, und als die Sonne aufging, hätte sie vergeblich versucht, die Stätte, an welcher Reginens Leichnam ruhte, an den Tag zu bringen.

Boleslav sah sich nach einem Markstein um, mit dem der Ort für Eingeweihte bezeichnet werden mochte. Sein Blick siel auf den Kopf der zertrümmerten Statue, der ihn mit leeren Augen anlächelte.

Ihn trug er herbei und pflanzte ihn in den Rasen.

»Diana, die Keusche«, sagte er, »soll ihr als Denkmal dienen. Sie ist ihrer nicht unwert, die Schwester, bei der sie Wache hält.«

Dann warf er sich ins Gras und träumte vor sich hin. –

Um die sechste Stunde rüstete er sich zum Fortgehen.

»Sie wären Narren«, sagte er sich, »wenn sie mir nicht den Garaus machten.«

Er setzte den Pistolen frische Zündhütchen auf und lockerte den Säbel, denn er gedachte sein Leben teuer zu verkaufen.

Doch als er die Zugbrücke überschritt, sah er von ferne befreundete Gesichter sich entgegenschauen.

Die Heidesöhne waren's, die auf dem Wege zum Versammlungsplatze in Schranden Station gemacht hatten.

Sie drängten sich um ihn und streckten ihm die Hände entgegen.

»Wir sind gekommen, uns unter deinen Befehl zu stellen«, redete Karl Engelbert ihn an, »denn wir wollen gutmachen, was wir an dir gefehlt haben.«

»Ich dank' euch«, erwiderte er, »es ist vergeben und vergessen.«

Dann schritt er auf die Landwehrleute Schrandens zu, die blaß und gekniffen, wie arme Sünder vor ihrem letzten Gange, nahe der Kirchentür standen.

Die Freunde wiesen einander voll Schrecken seine blutbesudelten Kleider, aber keiner wagte, ihn um Erklärung zu fragen.

»Holt den Gefangenen heraus und schafft einen Wagen für ihn!« befahl er.

Felix Merckel wurde herbeigeführt. Er würdigte ihn keines Blickes.

Als das Volk von den Seinen Abschied genommen hatte und alles zum Abmarsch bereit war, schob sich aus dem Haufen der Gaffenden der alte Pfarrer hervor.

Sein Gesicht war verstört, und seine Hände schlotterten. Er drängte sich an Boleslav und raunte ihm zu: »Ich höre, daß Regine diese Nacht den Tod gefunden hat ... Ich will ihr gern die christlichen Ehren er weisen.«

»Ich danke, Ehrwürden«, erwiderte Boleslav, »ich habe sie heidnisch beerdigt.«

Und er drehte ihm den Rücken.

Einer der Schrandener, der, um sich einzuschmeicheln, zur Nachtzeit auf die Jagd gegangen sein mochte, brachte mit unterwürfigem Grinsen Boleslavs Pferd herbei.

Er schwang sich in den Sattel. Sein Säbel flog aus der Scheide.

»Stillgestanden!« – Hart und dröhnend schallte seine Stimme über die Häupter der Menge hin.

»Rechts schwenkt, marsch!«

Hinaus zum Dorfe ging's. – Die Wälder nahten.

Er sah sich nicht mehr um.

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