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Der Katzensteg

Hermann Sudermann: Der Katzensteg - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Sudermann
titleDer Katzensteg
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1889
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071213
projectid09b831ed
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1

Der Friede war geschlossen. Die Welt, mit welcher der Korse ein halbes Menschenalter hindurch Fangball zu spielen gewagt, hatte sich wiedergefunden. –

Zerschunden, zerfetzt, aus tausend Wunden blutend, mit Schlachtfeldern besät wie mit eiternden Schwären, halb Kirchhof und halb Trümmerstätte – so fand sie sich wieder.

Aber die Menschheit, die jüngst befreite, ahnte nichts von dem eigenen Jammer. – War der Boden, aus dem ihr Brot entsproß, auch mit Blut gedüngt – nun wohl! – so trug er fortan um so reichere Frucht; hatten Kugel und Bajonett auch ihre Reihen gelichtet, was tat's? – so fanden die Übrigbleibenden Raum, die Ellenbogen aufzustemmen. – Man konnte sich doch wieder regen in dem locker gewordenen Menschenknäuel.

Ein einziger Jubelschrei von Gibraltars Felsen bis zum Nordkap hallte den Himmel auf. – An jedem Glockenstrange hing ein zappelnder Bursche, von jedem Altar, aus jedem Kämmerlein erscholl ein Dankgebet. – – – Die Trauernden verkrochen sich, ihre Klage erstickten die Lobgesänge, ihre Tränen sog die Erde mit demselben Gleichmut ein, mit dem sie die Blutstropfen der Gefallenen in sich aufgenommen hatte.

Zur schönen Maienzeit waren in Paris die Friedensartikel unterzeichnet worden – – In den Blutlachen blühten die Lilien, und aus den Rumpelkammern holte man die blutgetränkten Lilienbanner. – Die Bourbonen krochen aus den Winkeln hervor, in die Robespierres Rasiermesser sie gejagt hatte, wischten sich die schlaftrunkenen Augen aus und fingen flott zu regieren an. Vergessen hatten sie nichts, gelernt nur eine schöne neue Vokabel aus Talleyrands Entout-cas-Fibel! Sie lautete: Legitimität.

Die übrige Welt hatte zuviel mit sich zu tun, hatte zu viel an Siegeskränzen zu winden und Pokale zum Willkomm zu kredenzen, als daß sie sich um diese Farce kümmern konnte.

Gerötet vom Fieber der Erwartung, starrte ein jedes Auge gen Westen, woher sie kommen mußten, die Helden, die lorbeergekrönten, sie, die um der heiligen Scholle willen, um Weib und Kind, um Recht und Vaterland den Feuerschlünden des korsischen Dämons Leib und Leben dargeboten hatten. – In seine hintersten Höhlen hinein hatten sie ihn verfolgt, bis er geknebelt zu ihren Füßen gelegen.

Just hatten die deutschen Eichen sich neu begrünt, gewärtig, alsbald mit Lachen geplündert zu werden, da begannen die Sieger heimzukehren.

Voran – in frohen, zwanglosen Schwärmen – der Stolz, die Blüte des Vaterlandes, die Söhne der Reichen, die als freiwillige Jäger mit eigenem Pferd und eigenen Waffen in den heiligen Krieg gezogen waren.

Ihr Weg durch Deutschland war ein einziger Reigen rauschender Feste. Wohin sie kamen, traten sie auf Rosen; die schönsten Jungfrauen wollten von ihnen geliebt, die edelsten Weine wollten von ihnen getrunken sein.

Hinter ihnen her ergoß sich ein Strom von Kosaken über die deutschen Gefilde. Vor einem Jahre, als sie gleich einer Furienschar hinter den halbtotgehetzten Resten der großen Armee einhergejagt waren, hatte Deutschland sie jubelnd als Befreier begrüßt, Magistrate hatten sie in feierlichem Zuge eingeholt, Hymnen waren zu ihrem Preise gedichtet worden, und blauäugig-germanische Sentimentalität war übergeflossen zugunsten ungewaschener Tatarenmäuler.

Auch jetzt wurden sie pflichtschuldigst gefeiert, aber die Sehnsucht der Deutschen schaute über sie hinweg, als wären sie nur die Schatten derer, die noch kommen sollten.

Und endlich kamen auch sie – die Männer des Volks, sie, die kein andres Kapital als ihr nacktes Leben besessen hatten, um es dem Vaterlande anheimzugeben. Ein Schall wie von geborstenen Trompeten ging vor ihnen her – träge Staubwolken schleppten sich hinterdrein.

Nicht hoch und herrlich, wie die Phantasie der Heimgebliebenen sie sich ausgemalt, ein Strahlendiadem über dem Haupte, den wallenden Mantel gleich einer Toga um den stolzen Leib geschlagen – stumpf und dumpf wie abgetriebene Gäule, schmutzig und zerlumpt, von Ungeziefer strotzend, die Bärte von Staub und Schweiß zusammengeklebt, so kehrten sie heim. – Hier einer, der, bleich und abgezehrt wie ein Schwindsüchtiger, nur mühsam einen Fuß vor den andern schob, dort einer, der vertiert und gierig in die Runde blickte, den Widerschein von Brand und Glut im trüben Flackern des Auges, die knotigen Fäuste noch immer von Mordlust zusammengekrampft. Nur hie und da leuchtete der reine Glanz hochherziger Rührung aus tränenerfülltem Auge, nur hie und da falteten über dem Kolben sich zwei Hände dankbar zum Gebet....

Aber willkommen waren sie alle. – Und so verroht und versteinert hatte noch niemanden das blutige Rächergewerbe, daß nicht Tränen und Küsse ihm zum Labsal wurden und die Ahnung wiederkehrender reinerer Zeit in seiner Seele aufdämmern ließen.

Freilich ganz mit einem Male ließen die aufgestachelten Leidenschaften sich nicht zur Ruhe bringen. – Die Faust, die bisher das Schwert geführt, braucht Zeit, um sich wieder an die Pflugschar oder das Richtmaß zu gewöhnen, und nicht jedermanns Sache ist es, die wilde Ungebundenheit des Biwaks am frommen Herdfeuer zu vergessen. – –

Wie nach jedem Friedensschlusse gab's drum auch Anno vierzehn für Deutschland eine tolle Zeit. Das Jahr, dessen Name zu uns, den Spätgeborenen, wie ein großer Akkord aus Lobgesängen, Orgelrauschen und Glockenklang herübertönt, sah mehr an Gewalttat und Verbrechen als irgend eines vorher oder später. Besonders wild gebärdete die entfesselte Bestie im Manschen sich in jenen Distrikten, in denen vor dem Kriege der Übermut der Franzen in seiner ganzen mörderischen Lustigkeit gehaust hatte, und am wildesten da, wo der Blutgeruch von Schlachtfeldern, der Feuergleisch von angezündeten Wohnstätten auch die Sinne der Heimgebliebenen mit wüsten Bildern erfüllt hatten, wo gar heimlicher Verrat und tückische Feigheit noch immer ungesühnt nach Rache schrien. Fast schien es, als ob der aufgewühlten Vaterlandsliebe die Ströme jüngst geflossenen Blutes noch nicht genügten, die Schmach des vergangenen Jahrzehntes abzuwaschen. Man konnte ja nicht ahnen, daß der korsische Geier, der in seinem Inselkäfig gefangen saß, schon den eisernen Schnabel wetzte, um die Gitterstäbe zu durchfeilen, und daß noch manche Ader voll quillenden Blutes sich öffnen sollte, ehe er gänzlich zur Ruhe kam. –

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