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Der Katzensteg

Hermann Sudermann: Der Katzensteg - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Sudermann
titleDer Katzensteg
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
year1889
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15

Mehr als drei Monate waren seit der Nacht verflossen, da Boleslav von Schranden das Erbe seiner Väter verlassen hatte.

Derweilen hatte der Frühling sich eingefunden. In dem kurzhalmigen Grase blühten Gundermann und Anemonen, die Gräben füllten sich mit Labkraut und Nesseln, und von den Bäumen regneten bei jedem Windhauch welkende Blütenkätzchen.

Auf den Äckern zogen die Pflüge glänzend schwarze Furchen durch das ausgeruhte Erdreich, und die Säelaken wurden schon gelüftet.

Es war das erste Jahr seit langen, langen Zeiten, welches friedlich begonnen hatte und von dem man hoffen konnte, daß es auch friedlich enden würde. Europas böser Engel war bezwungen; wie Prometheus lag er angeschmiedet an unwirtbare, meerumspülte Felsen. – Das Schwert mochte nun rosten, Pflugschar und Egge in ihre alten Rechte treten.

Was fernab an den Gestaden des Mittelmeeres im Monat März geschehen war, davon ahnte man hier in den stillen Landstädtchen und einsamen Heidedörfern noch nichts, ahnte nichts von der unsanft gestörten Quadrille auf dem Metternichschen Balle, von dem Zorn der Souveräne und dem Entsetzen der Exzellenzen, ahnte nichts von der geiferbespritzten Achterklärung gegen den entwichenen Empörer, von Rüstung und Kriegsgeschrei.

Die Lerchen unter dem Himmel luden zu fröhlicher Arbeit ein, und die Erde öffnete sehnsüchtig ihren Schoß, das langentbehrte Saatkorn zu empfangen. –

An einem der letzten Tage des Monats April kam auf der Landstraße, die von Osten her nach der Kreisstadt Wartenstein hinführt, eine seltsame Schar dahergezogen, welche das Staunen aller der Orte erregte, durch die der Weg sie führte. –

Man war sich uneins darüber, ob man Soldaten oder Arbeiter vor sich habe. Die meisten waren bewaffnet, aber neben dem Gewehre ruhte der Spaten auf ihren Schultern, und aus dem rotgewürfelten Bündel, das quer über den Rücken geschnürt war, guckten Wetzstein und Sensenklinge.

Zehn bis zwölf waren beritten, und als Troß kam hinterher eine Wagenreihe, aus sechzehn bis zwanzig Achsen bestehend, die hoch beladen war mit prallen Getreidesäcken und Gerätschaften aller Art.

Der Haufe mochte wohl hundertundfünfzig Köpfe zählen und marschierte in halbmilitärischer Ordnung, nach Zügen aufgereiht. Er bestand aus jungen, kräftigen Burschen, zumeist strohblond und gedrungen von Gestalt, mit breiten, starkknochigen Gesichtern, deren Typus nicht deutsch war und auch mit dem polnischen wenig gemein hatte. Sie redeten eine Sprache, die in der Gegend noch nie gehört worden war, und sangen Lieder, die niemand nachzusingen vermochte. – Das Kommando jedoch, dem sie folgten, war deutsch, und deutsch war auch die Disziplin, die ihre Glieder straffte und ihren Bewegungen Maß und Haltung verlieh.

An der Spitze des Zuges ritt einer, an dessen Mienen sie voll Angst und Liebe hingen und dessen kurz, doch nicht unfreundlich hingeworfene Befehle sie mit freudig-kindlichem Eifer vollführten.

Es war Boleslav, der mit diesem Heerhaufen das ihm zugehörige Reich wieder erobern kam.

Fern im litauischen Osten, an der äußersten Grenze der Provinz, dort, wohin von dem Namen Schranden weder gute noch böse Kunde je gedrungen war, hatte er ihn angeworben. Durch fünfjährigen Umgang mit Sprache und Gemütsart des Völkchens vertraut, hatte er aus ihm seine Pioniere entnommen, mit Vorsicht nur solche wählend, die im Kriege gewesen und somit an soldatische Zucht gewöhnt waren und die trotzdem zu wenig von der deutschen Sprache erlernt hatten, um durch die bösen Zungen der Schrandener vergiftet werden zu können.

So durfte er hoffen, daß er das Schicksal seines Vaters, bei dem weder Knecht noch Tagelöhner hatte standhalten wollen, nicht zu teilen brauchte. Und wenn sich die Schrandener unterstanden, diesen hier Schlachten zu liefern, wie einst den Polen, die der Vater in äußerster Not zur Arbeit herbeigerufen hatte, so würden sie eben mit blutigen Köpfen heimgeschickt werden.

Stolz und zuversichtlich blickte er Kommendem entgegen.

Gern wäre er früher zurückgekehrt; aber um das Werk in großem Stile, wie es erforderlich war, in Angriff zu nehmen, mußte er den Zeitpunkt abwarten, da mit der Erbschaft der Großtante die nötigen Mittel in seine Hände kamen.

Schwere Zeiten lagen hinter ihm seit jener Januarnacht, als er, dem Zwange seines Blutes zu entrinnen, auf verschneiten Wegen in die mondbeglänzte Ferne hinausgestürmt war, den Aufschrei des unglücklichen Weibes, das nicht hatte fassen können, was ihm geschah, gellend im Ohre.

Es dauerte lange, bis er ihn loswurde und bis das angstvoll flehende Auge, das ihn verfolgte, wo er ging und stand, zu erlöschen begann.

In Königsberg, wohin er sich gewandt hatte, gedachte er, die Gerechtigkeit, die ihm und seinem Hause bislang versagt worden war, mit kühner Selbstanklage zu erzwingen. – Zwar fand er keine verschlossenen Türen, wie einst sein Vater – das Kreuz auf seiner Brust öffnete sie ihm –, aber das höfliche Achselzucken, mit dem man versprach, zu sehen, was tunlich wäre, der kühle Hinweis auf den Instanzenweg, der eingeschlagen werden müßte, belehrten ihn, daß jenes leidenschaftliche Sichpreisgeben, das er beabsichtigt hatte, hier wenig angebracht war. – Die Briefschaften des Vaters, die er freiwillig hatte vorlegen wollen, um jedes verwirrende Dunkel aus der Welt zu schaffen, packte er wieder zusammen, um sie für passendere Gelegenheiten aufzusparen. – Zudem war vieles vernichtet, was entlastend hätte wirken können. Die Waage hatte das Gleichgewicht verloren, und mochte es ihm gestattet sein, gegen sich selber zu wüten, der Schatten des Vaters verlangte Schonung.

Jedenfalls begann unter diesen Berührungen mit der Außenwelt, die in seltsamer Weise erkältend und ernüchternd auf ihn wirkten, die fieberhafte Gereiztheit seines Wesens allgemach zu schwinden. Er sah sich Gründen und nicht mehr Flüchen, Worten und nicht mehr Knütteln gegenüber. Das tat ihm wohl und beruhigte ihn. Er entwarf Pläne und bereitete mit Umsicht vor, was die Zukunft von ihm forderte. –

Darüber schlief auch der Zauber ein, mit dem die wilde Magd ihn so lange im Bann gehalten hatte. Jeder Mensch, dem er begegnete, jeder Gedanke, den er faßte, rückte ihn weiter von ihr fort. Der Vorwurf, er habe roh und unbarmherzig an ihr gehandelt, verstummte allgemach, und die Herrschaft, die sie monatelang auf ihn ausgeübt hatte, wurde ihm unverständlich. –

Nur manchmal, wenn er zur Dämmerstunde einsam in seinem Gasthofzimmer saß, sah er ihr Auge wieder glühen, und der Schauer ihrer Nähe rann ihm am Leibe herab. Dann war ihm, als finge die Narbe wieder zu brennen an, die mit leiser Furche seine Unterlippe durchquerte, als Brandmal jenes Kusses, des einzigen, den je der Mund eines Weibes ihm aufgedrückt, denn sein scheues, düsteres Aussehen hatte sein Leben lang die Weiber von ihm ferngehalten.

Ihm schien alsdann, als habe jener Augenblick die Seligkeit seines ganzen Daseins umschlossen gehalten. Doch das war Blendwerk der müßigen Sinne, das Lampenlicht und Arbeit alsbald zerstreuten.

Um sie über seinen Weggang – seine Flucht hätte er sagen können – zu beruhigen, hatte er etliche Male an sie geschrieben, Antwort verlangt und baldige Wiederkunft verheißen.

Einmal war auch Nachricht von ihr gekommen, ein ruhiger, ernster Brief in kräftigen Zügen und richtiger Schreibart. – Die Schule des alten Pfarrers hatte in all den Jahren der Knechtschaft ihre Kraft nicht eingebüßt. –

Angesichts der nahenden Heimat zog er das Blatt aus der Tasche und las im Sattel leise noch einmal vor sich hin, was er – wider Willen – auswendig kannte.

»Mein lieber Herr!

Machen Sie sich keine Besorgnis um meinetwillen. Mir tut keiner etwas. – Die von unten wissen gar nicht, daß Sie fort sind. Auch vor den Wolfsfallen haben sie Angst, denn es hat ihnen ja keiner gesagt, daß wir sie ausgegraben haben. Zur Sicherheit sehe ich alle Abend die Pistolen und Gewehre nach, damit keines versagt, wegen daß sie doch kommen sollten. Aber sie kommen nicht. An die Wunde denke ich gar nicht mehr. Der Krämer in Bockeldorf hat mir englischen Klebetaffet gegeben – und als der abfiel, war alles heil. – Der Eisgang und die Überschwemmung sind ja nun, Gott sei Dank, vorbei. – Ich habe einige Tage hungern müssen, weil das Wasser auf den Liekewoschen Wiesen zu hoch stand, um durchzuwaten. Und zum Herrn Merckel wäre ich nicht gegangen, und wenn ich hätte sterben müssen. – Ach, lieber Herr, ich freue mich sehr, daß Sie bald wiederkommen wollen. Denn ich weiß gar nicht mehr, wozu ich lebe, seitdem ich Sie nicht mehr bedienen kann. – Ich stehe, so oft ich kann, am Katzensteg und warte auf Sie, damit Sie ihn nicht aufgezogen finden und hinüberkönnen. Bitte, kommen Sie nicht in der Nacht und am Dienstag nicht vor sieben Uhr früh, denn dann bin ich auf dem Wege nach Bockeldorf. Und der Schnee ist schon aller weg. Und das Gras fängt auch schon an grün zu werden. Und gestern habe ich schon die Schwalben zwitschern gehört, die an der Traufrinne ihr Nest haben. Aber gesehen habe ich sie noch nicht. Manchmal leide ich an Herzstechen und Schwindel, und ich esse auch wenig. Ich glaube, das kommt daher, weil ich das Alleinsein nicht vertragen kann. Aber ich weiß gar nicht, wozu ich Ihnen das alles erzähle. Das macht, weil Sie immer so gütig zu mir gewesen sind. Und ich bange mich sehr nach Ihnen, weil Sie immer so gütig zu mir gewesen sind. Womit ich verbleibe

Euer Hochgeboren

untertänige

Regine Hackelberg.«

Der Brief hatte ihn mit Freude und Genugtuung erfüllt. Denn bewies er ihm einerseits, daß sie sich vernünftig in das Gebotene fügte und daß seine Besorgnis unnütz gewesen war, so zeigte er auf der andern Seite, daß sie nach wie vor in reinster Treue an ihm hing und ihm mit voller Seele angehörte. – Wie froh er auch war, sich von dem Gift, das sie ihm eingeflößt hatte, befreit zu fühlen, dies Bewußtsein mochte er doch nicht missen.

Sein Glaube an Helenens heilbringende Sendung hatte inzwischen neue Nahrung erhalten. Ihr Brief war es ja gewesen, der ihn in Stunden höchster Gefahr vor sich selbst gerettet hatte, und als Talisman trug er ihn dankbar auf dem Herzen, wenngleich er ihn nicht so gerne las wie den Reginens.

Bald nach seiner Ankunft in der Hauptstadt hatte das Verlangen ihn nach dem Dome getrieben, die Altarnische aufzusuchen, wo er oft genug vor ihrem Ebenbilde gestanden hatte. Aber er erlebte eine arge Enttäuschung. Die Madonna zwischen ihren Lilien und Rosen war einfach lächerlich. Wie aus Marzipan gebacken stand sie da, und die Blumen um sie her hoben die Köpfe so züchtig und naseweis, als wollten sie eine extradumme Frage tun.

Und das hatte er jahrelang an Stelle des geliebten Antlitzes im Sinne getragen! Nun war es Zeit, daß sie in eigener Person auf dem Schauplatze erschien, sonst lag die Gefahr nahe, daß er ein Phantom zu lieben begänne.

Mit welch frischer, quellender Lieblichkeit stand jetzt, da der Augenblick der Heimkunft herannahte, die harrende Magd vor seinen Sinnen, als gälte ihr, ihr allein die Freude des Wiedersehens! – –

Es war in sonniger Morgenfrühe.

In einem Kirchdorfe unweit Wartenstein hatte er mit seinem Haufen die letzte Abendrast gemacht, denn die Kreisstadt selbst gedachte er eilends zu passieren, um lästiges Aufsehen zu vermeiden. Von dort waren es noch drei und eine viertel Meile bis zur Heimat, wo er zur Vesperstunde einzutreffen hoffte, denn seine wackeren Burschen waren an Eilmärsche gewöhnt.

Von den zwei Türmen Wartensteins herab meldete die Glocke acht Uhr, als er zu dem moosigen Stadttor hereinritt. So durfte er darauf rechnen, in früher Morgenstunde, durch Fragen unbehelligt, von dannen ziehen zu können.

Doch ahnte er die Überraschungen nicht, die seiner harrten. Der Wächter, statt ihn anzuhalten und nach Steuerbarem auszufragen, schrie zum Turmfenster empor: »Zieh die Glocken, zieh die Glocken! Die ersten sind schon da!«

Dann streckte er salutierend seine Pike vor, während die Sturmglocke den Bürgern Wartensteins von Boleslavs Einzug Kunde gab.

»Was kann das bedeuten?« fragte er sich kopfschüttelnd, und sein Erstaunen wuchs, als er weiterreitend die Straßen von aufgeregten Menschen erfüllt sah, Männern und Weibern, welche die Taschentücher und Mützen schwenkten und ihm brausende Hurras entgegenriefen.

Seine Litauer, von ihren Siegeszügen her an dergleichen Empfänge gewöhnt, hielten den Jubel für selbstverständlich und erwiderten ihn nach Kräften.

Boleslav war sich klar, daß hier ein Mißverständnis obwaltete, das die nächsten Augenblicke von selber aufklären mußten.

Als er auf den Marktplatz einritt, den die Menschenmenge dicht erfüllte, trat ihm in feierlichem Aufzuge der Landrat entgegen, von dem Bürgermeister und den Verordneten der Stadtgemeinde gefolgt. Seine Löwenmähne wallte im Morgenwinde. Er legte die weiße Knochenhand auf die Brust und räusperte sich, zum Reden ausholend.

Als er Boleslav erkannte, der rasch vom Pferde gesprungen war, fuhr er betreten zurück; nichtsdestoweniger begann er: »Ich beglückwünsche Sie, Freiherr von Schranden, daß Sie der erste sind, welcher herbeigeeilt ist mit seinen Scharen – –«

»Halten Sie ein, Herr Landrat«, unterbrach ihn Boleslav. »Hier muß ein Versehen vorliegen. Diese Leute sind Arbeiter, die ich in Litauen für meine Wirtschaft geworben habe. Ich bin auf dem Wege nach Schranden.«

In den Reihen der Stadtväter erhob sich ein Schmunzeln. Sie liebten es, wenn der Herr Landrat sich lächerlich machte, und nahmen unter dieser Bedingung die eigene komische Rolle gern in den Kauf.

»Und Sie wissen noch nichts?« stammelte er, den Ärger verbeißend.

»Ich komme aus Preußens entlegenstem Winkel, Herr Landrat.«

»Sie haben noch nicht gehört, daß Napoleon von Elba entflohen ist und daß der König das Preußenvolk aufs neue zu den Waffen ruft?«

Boleslav fühlte ein Gemisch von Schreck und Freude heiß aus dem Herzen emporschwellen.

So hatte also die Weltgeschichte abermals sein kleines Los auf ihre Schultern genommen und trug es dem Ungewissen entgegen. Zerstoben waren seine Pläne; das Werk, dem er sein Leben geweiht, hatte ein Ende genommen, noch ehe es recht begonnen war.

Doch fort mit allem Bangen und Bedauern! Das Vaterland ruft! Das Vaterland ruft!

»Ich danke Ihnen, Herr Landrat«, sagte er, indem er versuchte, das klopfende Herz zu bändigen, »für die Ehre, die Sie mir und den Schrandenern zugedacht haben. Wir werden uns ihrer würdig erweisen und in vierundzwanzig Stunden auf dem Platze sein.«

Der Landrat streckte ihm die Hand entgegen. Er trat einen Schritt zurück und war im Begriffe, den einst empfangenen Schimpf dreifach zurückzugeben.

Da hielt er inne. »Das Vaterland ruft!« sprach es in ihm. »Was will dein kleiner Haß und deine kleine Liebe?« – Und er erhaschte die Knochenhand, die sich schon gekränkt zurückzog, und schüttelte sie kräftig.

Sodann erfuhr er das Nähere. Gestern abend sei der Aufruf des Königs, vom 7. April datiert, in Wartenstein angekommen. Die Nacht hindurch habe das Amt gearbeitet, die Verordnungen für die Ortsvorsteher fertigzustellen, die soeben durch reitende Boten abgesandt werden sollten.

»Auch nach Schranden?« fragte Boleslav.

»Gewiß.«

»Darf ich eine militärische Order hinzufügen?«

»Wenn es Ihnen beliebt.«

Er riß ein Blatt Papier aus seiner Schreibmappe und warf folgende Zeilen darauf: Um fünf Uhr nachmittags hat sich die gestellungspflichtige Mannschaft mit Gepäck und Montierung auf dem Kirchenplatze zur Musterung einzufinden. Die Stunde des Abmarsches wird alsdann bekanntgegeben werden.

von Schranden, Kapitän der Landwehr.

An den Ortsvorsteher.


»Und was wird aus Regine?« rief mahnend eine Stimme in ihm.

Aber er wollte sie nicht hören. Er war wie im Taumel. Das Fieber der Aktion hatte ihn übermannt.

Vorerst rief er seine Leute zusammen, machte ihnen klar, daß ihr Dienstverhältnis zu Ende sei und daß sie sich eilends ein jeder in seine Heimat zurückzubegeben hätten, um von dort aus zu ihren Truppenteilen zu stoßen. – Er lohnte sie ab und entließ sie mit Händedruck und Segenswunsch.

Die wackeren Jungen, die ihm bereits von Herzen ergeben waren, küßten den Saum seines Rockes und schieden mit Tränen in den Augen. Sodann schaffte er die Wagen in Sicherheit, deren Befrachtung ein nicht geringes Kapital darstellte, traf Bestimmungen über den Verkauf des Saatkornes wie der Lebensmittel und stellte die Pferde der Remontekommission zur Verfügung.

Nur eines, das, auf dem er ritt, behielt er zum eigenen Gebrauche.

Es war halb drei nachmittags, als er seine Arbeiten vollendet hatte und den Heimweg antreten konnte. In dem Fenster eines Schneiders hatte er eine ständische Interimsuniform hängen sehen, wie sie mit Abzug alles Prunks den Offizieren der Landwehr vorgeschrieben war, und da sie ihm auf den Leib paßte und der gestickte Kragen rasch durch einen schlicht roten ersetzt werden konnte, ohne Besinnen für sich erworben.

So konnte er, leidlich ausgerüstet, vor seine Schrandener treten, die er nun auf andere Weise, als er geahnt hatte, in seine Hand gegeben sah. – – – –


Zur selben Zeit, da Boleslav der Heimat zuritt, schritt im Hinterzimmer des »Schwarzen Adlers« der Leutnant Merckel in zornigster Erregung auf und nieder.

»Und ich tu's nicht – und ich lass' mir von dem Schuft nichts befehlen«, schrie er den Vater an, der, um ihn zu besänftigen, den besten Wein seines Hauses – er war noch sauer genug – auf den Tisch gestellt hatte und nicht müde wurde, dem Rasenden das Glas zu füllen.

»Felixchen«, bat er schmeichelnd, »nimm doch Vernunft an – wenn es der König so angeordnet hat und die Obrigkeit es verlangt –«

»Und wenn die Ehre das Gegenteil verlangt, Vater?« rief sein Sohn, den Schnauzbart emporwirbelnd, »ich bin Offizier, Vater – ich hab' Ehr' im Leib – und meine Ehre sagt mir: Stirb lieber, laß dir 'ne Kugel durch den Leib schießen, als daß der Sohn eines Landesverräters dein Vorgesetzter sein soll.«

»Aber wenn der König –« wiederholte der Alte in Verzweiflung.

»Was weiß der König! Der ist getäuscht, betrogen, hinters Licht geführt worden. Aber ich, ich will ihm die Augen öffnen, ich will ihm zurufen: Majestät, hier sind dreißig wackere Soldaten und ein ehrliebender Offizier, die wollen lieber –«

»Trink, Felixchen!« bat der Alte und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »Der Wein kostet mich selber einen Taler die Flasche. So was kriegst du in der ganzen Welt nicht wieder.«

»Hol' der Teufel deinen Krätzer!« schrie der Sohn und schlug mit der Säbelscheide gegen die Flasche. »Meine Ehre geb' ich um keinen Judaslohn preis! Meine Ehre läßt sich nicht zum Schweigen bringen! Meine Ehre verlangt, daß ich dem verfluchten Hund das Herz aus dem Leibe reiße! Und ich tu's. – Diese Schande für unser Vaterland muß endlich einmal getilgt werden. Diese Pestbeule des preußischen Offizierkorps muß ausgeschnitten und ausgebrannt werden! Ich tu's! So wahr ich ein wackerer Soldat bin! So wahr ich für meine Ehre sterben will! – Auf Wiedersehen, Vater! Ich hab' noch vom Feinsliebchen Abschied zu nehmen!« Und die Lippen zum Pfeifen spitzend, schritt der Halbtrunkene hinaus, indem er die Säbelklinge taktmäßig hob und niederstieß. – –

Als Boleslav kurz nach vier Uhr im Dorfe einritt, fand er die Straße von Weibern und Greisen gefüllt, die lautlos und scheu wie das böse Gewissen vor den Hufen des Pferdes zur Seite wichen und dann hinter ihm herliefen. Er tastete nach seinen Pistolen, die in den Halftertaschen steckten, und lockerte den Säbelkorb, denn ihm ahnte etwas von einem Strauße, den er zu bestehen haben würde.

»Wenn sie mit dem Soldatenrock nicht einen andern Menschen angezogen haben, so könnte ihnen wohl der Gedanke kommen, mich vor der Front niederzumachen«, dachte er bei sich, und seine Brust schwoll höher.

In der Nähe des Kirchenplatzes verdickte sich der Haufe. Er mußte langsam reiten, um ihm Zeit zum Zurücktreten zu lassen. Hie und da drang ein halblautes Gelächter, eine zwischen den Zähnen gemurmelte Verwünschung an sein Ohr. Sonst tiefes Schweigen.

Vor dem Giebel der Kirche, etwa zwanzig Schritte von den Treppensteinen entfernt, sah er die Mannschaft zweigliedrig aufgestellt, nach erster Schätzung fünfzehn bis sechzehn Rotten stark.

Der Leutnant Merckel schritt vor der Front auf und nieder, bald diesem, bald jenem ein – wie es schien – aufmunterndes Wort zuraunend. Sein Gesicht brannte, sein Gang schien taumelnd, zwei- oder dreimal geriet der Kavalleriesäbel, den er trug, ihm zwischen die Beine.

Boleslav sandte einen raschen, suchenden Blick nach dem Pfarrhause hinüber. Dessen Fenster waren dicht verhängt. Auch im Garten ließ nichts Lebendiges sich blicken.

Tiefatmend ritt er in das Innere des Ringes, der sich hinter ihm schloß. Wieder einmal stand er – einer gegen alle – den Schrandener Wölfen gegenüber, doch diesmal als Herr.

Zugleich fühlte er, daß die eiserne Ruhe, die allezeit sich einfand, wenn es Leib und Leben galt, ihn auch diesmal nicht im Stiche ließ.

»Ich vermisse Ihre Meldung, Herr Leutnant«, rief er drohend.

Ein Gelächter aus trunkener Kehle antwortete ihm.

Also sie meuterten. Seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht.

Er riß den Säbel aus der Scheide. – »Stillgestanden!« kommandierte er.

Ein Murmeln durchlief die Reihen. Zwei oder drei traten herausfordernd aus dem Gliede. Der Leutnant Merckel stieß ein Schimpfwort aus, und den Säbel zückend sprang er gegen ihn an.

Der nächste Augenblick entschied über Leben und Tod. Wehe, wenn er zauderte!

Ein Leuchten – ein Zischen – und mit einem grellen Aufschrei sank der Leutnant Merckel in den Sand.

Die Reihen wollten sich lösen, wollten sich auf ihn stürzen, aber Überraschung und Schrecken versteinerten sie. –

»Stillgestanden!« erscholl es donnernd zum zweitenmal, und keiner wagte mehr mit der Wimper zu zucken.

Boleslav zog mit der Linken eine Pistole aus der Satteltasche und spannte den Hahn, während er den Zügel in die bewaffnete Rechte gleiten ließ.

»Wehrleute«, rief er mit einer Stimme, die weit über den Platz hinhallte, »ihr wißt, daß ihr seit sechs Stunden unter den Kriegsgesetzen steht und daß der leiseste Versuch zur Insubordination euch das Leben kostet. Was vorhin geschah, will ich nicht gesehen haben. Wer aber fortan meinen Befehlen nicht augenblicklich und ohne Murren Folge leistet, dem jage ich auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf.«

Felix Merckel, der aus einer Kopfwunde heftig blutete, war inzwischen zur Besinnung gekommen und versuchte sich aufzurichten. Aber das Blut, welches sein ganzes Gesicht überströmt hatte, benahm ihm das Augenlicht, so daß er nicht wußte, wo er war. –

»Nehmt ihm den Säbel ab! – Bindet ihn!« befahl Boleslav.

Die Landwehrleute sahen sich an. Sie hatten keine Stricke. Ein Zögern konnte aufs neue verhängnisvoll werden. – Rasch entschlossen sprang er vom Pferde, riß ihm den Zaum aus dem Gebiß und reichte das Riemenzeug dem linken Flügelmanne.

»Vorwärts! Ihr zwei andern helft!«

Langsam, mit giftig scheuen Blicken, machten sie sich ans Werk. Der Daliegende schlug mit Händen und Füßen um sich und versuchte, sich mit dem Ärmel das Blut aus den Augen zu wischen. Aber sein Sträuben war vergeblich. Die Riemen schnürten sich um sein Handgelenk, und die schaumbespritzte Kinnkette wurde zum Knebel.

Der Rappe hatte sich inzwischen davongemacht und war durch die Reihen des erschrockenen Volkes ins Freie durchgebrochen.

Boleslav, um sich schauend, sah die Kirchentür, wohl zu einer Abschiedsfeier, offenstehen und den Schlüssel im Schlosse stecken.

»Schafft ihn in die Kirche!« befahl er.

In diesem Augenblicke kam der alte Gastwirt heulend und händeringend des Weges daher.

»Felixchen«, zeterte er, »was tun sie dir? Laß es dir nicht gefallen. Schrei doch um Hilfe! Helft ihm, Leutchen. Ich bin die Obrigkeit. Ich will es so. Ich befehl' es euch.«

»Zu befehlen habe ich hier!« herrschte ihn Boleslav an.

Da änderte er seine Taktik und versuchte das Herz des Gestrengen zu rühren.

»Herr Kapitän, haben Sie Erbarmen mit mir unglücklichem Vater. Ich hab' Sie noch auf dem Arm gehalten. Ganz klein – so klein sind Sie gewesen. Und immer hab' ich Sie liebgehabt ... Nicht wahr, liebe Leute, für unseren Junker hätten wir allezeit das Leben gelassen?«

Seine Wohlbeleibtheit ließ es nicht zu, sonst wäre er Boleslav zu Füßen gefallen. Dann, als er sah, wie man den Sohn von dannen schleppte, rannte er verzweifelnd hinter ihm her und suchte ihn am Rockschoß festzuhalten. Doch bereits schloß sich die Tür hinter ihm.

»Mir den Schlüssel!« befahl Boleslav.

Der Alte warf sich auf die Stufen und polterte mit den Fäusten gegen die eichenen Bohlen.

Der Flügelmann, von seinen Begleitern gefolgt, überbrachte den Schlüssel.

»Wie heißt du?«

»Michel Großjohann«, erwiderte verbissen der Schrandener.

»Und ihr beide?«

»Franz Malky.«

»Emil Rosner.«

Er notierte die Namen in seiner Schreibmappe. – »Ihr drei werdet diese Nacht hindurch Wache bei dem Gefangenen stehen und haftet mir für ihn mit eurem Kopfe.«

Der Alte schien an der Kirchentür, da all sein Wüten nichts half, wieder zu sich selbst zu kommen und schlich, verstohlen nach Boleslav schielend, dem Pfarrhofe zu.

Der glaubte zu wissen, was er dort wollte.

»Ihr drei andern«, fuhr er fort, »werdet die Sakristeitür bewachen, deren Schlüssel sich nicht in meinem Besitz befindet, und dafür sorgen, daß niemand, außer dem Barbier, der ihn verbinden soll, dort ein und aus gehe. – Verstanden?«

»Zu Befehl!« murmelten drei vor Wut bebende Stimmen.

»Nun an die Arbeit, Leute! Nach den Listen des Landratsamtes hat das Dorf Schranden an wehrpflichtiger Mannschaft zu gestellen – – –«

Und die Musterung begann. – – – – – – –

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