Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Der Karneval und die Somnambule

Karl (Leberecht) Immermann: Der Karneval und die Somnambule - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Karneval und die Somnambule
authorKarl Leberecht Immermann
year1989
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00326-1
titleDer Karneval und die Somnambule
pages3-116
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1830
Schließen

Navigation:

Sie nahm die Maske ab, und – das Antlitz meiner Frau lachte mir unter der Krempe des Hutes entgegen.

Ich wich vor ihr drei Schritte zurück wie vor einem Geiste; ein Gespenst hätte mich nicht gräßlicher erschrecken können. «Beruhige dich!» sagte sie scherzend. «Nehmen Sie sich zusammen, mein sauberer Herr Gemahl! Sie werden der Fassung bedürfen. Das große Geheimnis naht seiner Entwicklung; alle Fragen sollen ihre Antwort finden.»

«Du warst...?» stammelte ich.

«Auf dem Karneval, unter dem Schutze meines Bruders, Fledermaus, Pilgerin, betrogene Frau, Anhörerin zärtlicher Ausrufungen und wohlgesetzter Reden, Empfängerin verschiedener Küsse und Austeilerin einer hoffentlich nicht zu sanften Ohrfeige.»

«Und die Anzeige in der Karnevalszeitung?»

«War von mir.»

«Was hat dich bewogen», fuhr ich leidenschaftlich auf, «diesen verwegenen Scherz mit deinem Manne zu treiben?»

«Laune, Etourderie, ein unüberwindlicher Kitzel, zu erproben, wieweit der Herr Gemahl mir angehören – vielleicht ein bißchen Verdruß über deine somnambule Liebschaft. Es wäre wahrscheinlich vernünftiger gewesen, wenn ich's nicht getan hätte; wer weiß, ob es geschähe, müßte ich es noch tun. Nun, es ist einmal geschehen, wer kann es ungeschehen machen? Vergib mir! Mein Bruder weiß von dem eigentlichen Zusammenhange der Sache nichts; er denkt – denn so habe ich es ihm gesagt –, daß ich nur einen gewöhnlichen Karnevalsscherz mit dir getrieben habe. Fühle dich in die Stimmung einer armen Frau, die in bedeutenden mystischen Ausrufen immer von einem Wesen höherer Art hören muß, der ein Brillantring als unschätzbares Erinnerungszeichen köstlicher Stunden gezeigt wird, die dann auf einmal Licht über die saubere Schöne bekommt, und du wirst ihr vergeben, wenn sie ihren Triumph benutzt!»

«Was weißt du von Sidonien? Wie kam mein Ring in deine Hände?» fragte ich, mich mühsam aufrecht haltend.

«Wegen des Ringes nachher! Daß er der echte ist, siehst du. Von Sidonien, oder wie die Vortreffliche auf ihren Kreuz- und Querzügen sonst noch geheißen haben mag, muß ich dir leider sagen, daß diese liebende Seele so wenig Hellseherin war, als ich es je gewesen bin, und daß ihr Gefühl für dich sich bis auf deine Schatulle erstreckt, daß sie an dieser ihre zärtliche Sehnsucht befriedigt hat.»

«Himmel und Erde... Sie...!»

«War eine Betrügerin, gesellt einem abgefeimten Schelme, der in verschiedenen Gestalten die Welt durchzog und seine Streiche ausführte, bis ihm endlich die Gerichte das Handwerk legten. Wenn du einmal eine empfindsame Reise durch die Festungen des Landes machst, wirst du wohl irgendwo in den Kasematten deinen Herrn Arzt, der an andern Orten ein Marquis und wieder an andern ein Demagogenchef gewesen sein soll, das Kompliment machen können. In Ems war er nun, wie gesagt, Arzt und seine verlaufene Gefährtin Somnambule. So erregte er mit ihr die Aufmerksamkeit, nach der er strebte; Personen, bei denen er etwas zu gewinnen glaubte, zog er auf geschickte Weise in seine magnetische Sphäre, und er sah die Gelegenheit, ihr Zutrauen zu benutzen. Du bist nicht der einzige Betrogene; das kann ich dir zu deinem Troste sagen. Auch andere, mit denen er den siderischen Rapport anknüpfte, sollen goldene Uhren, brillantierte Dosen als Lehrgeld haben hingeben müssen oder falsche Wechsel bekommen haben, die er ihnen gegen bares Geld aufgeschwatzt hatte. Zuletzt entzweite sich die Schöne mit ihrem Paladine, gab ihn an; das saubere Paar wurde an der Grenze von Bayern arretiert.»

«Wenn dies auch alles richtig sein sollte», sagte ich, «so begreife ich noch immer den Zusammenhang meiner Geschichte nicht. Wie konnte jener Betrüger wissen, daß ich Summen bei mir führe, die die Mühe lohnten? Wie erklärt sich das Zusammentreffen auf der Bäderley mit jenen, die ich nie gesehen hatte, von denen ich nie gesehen worden war? Auf welche Weise ward der Diebstahl verübt? Wer war der Mensch, der mir zuletzt die Papiere raubte? Das sind lauter Dinge, die ich nicht fasse.»

«Du wohntest ja wohl neben der sogenannten Gräfin? Man hörte in dem einen Zimmer, was in dem andern laut gesprochen wurde?» fragte meine Frau.

«Ja, so war es.»

«Nun, du pflegst in der Regel ziemlich vernehmlich zu reden. Erinnerst du dich nicht, daß du von deinem Gelde gesprochen hast?»

«Von meinem Gelde? Ich glaube, ich habe den Kellner gefragt, als ich angekommen war, ob das Schloß der Kommode auch fest sei; ich habe mehrere Hunderte darin zu verwahren.»

«Und dann?»

«Dann? Wer kann alle geringfügigen Umstände jahrelang behalten? – Dann? Halt! ja! Ich habe ihm auch gesagt, er solle mir einen Esel bestellen, ich wolle nach der Bäderley reiten.»

«So wußten also nebenan der Herr Arzt und die gnädige Gräfin, wohin der Mann mit dem vielen Gelde sich begeben hatte. Und nun, denke ich, folgt das andere ganz natürlich. Sie machten sich hinterher auf den Raubzug. Wie man dort durch eine seltsame Forderung deine Phantasie, deine Neigung zum Geheimnisvollen frappiert, wie der Arzt durch berechnete Zurückhaltung, durch die listige Art der Mitteilung dich gestimmt hat, auch das Unglaubliche zu glauben und eine handgreifliche Komödie für Wahrheit zu halten, das, lieber Gustav, hast du mir ja selbst vorgelesen. Jenes Glas Wasser auf der Bäderley bezauberte dich; du warst blind für alles, was sich dir aufdrängen mußte. Ich unglückliche Frau, daß ich weiß, was noch außerdem dir die Binde fester um die Augen zog!»

«Und der Diebstahl... der Diebstahl!...»

«Wurde verübt, als du bei deiner sehenden Hellseherin hinter dem Schirme saßest. Du erinnerst dich, Metallreize wirkten auf die Kranke zu heftig; der gute Arzt ließ dich deshalb alles Metall ablegen, worunter sich denn freilich zufällig auch die Schlüssel zu deinem Zimmer und zur Kommode befanden. Als du nun da saßest hinter deinem Schirme, vertieft in ihren Anblick, ging ja der Edle hinaus, um zu sehn, ob du allein für dich ohne seine Gegenwart mit ihr in Rapport stehest. Es galt aber noch ein anderes Experiment. Er hatte die Schlüssel sacht mitgenommen; der Mann der Wunder setzte sich mit deiner Schatulle in Rapport, d. h. er stahl sie, kam dann wieder, legte die Schlüssel sacht an ihren Ort, und du wurdest fortgeschickt, weil der Zweck der Session erreicht war.»

«Höllische Betrügerei! Und die leere Schatulle und die Erzählung des Arztes von dem Orte, wo sie Sidonie im Schlafe gesehen haben sollte...?»

«Da der Herr sie selbst hingeworfen hatte, so konnte er dir doch wohl sagen, wo sie lag. Erinnere dich nur! Der Baumgarten stieß ja an das Hinterhaus, und in einem Zimmer des Hinterhauses schlief die Somnambule. Die Schatulle ist wirklich aus dem Fenster jener Stube durch die Luft in den Garten gereist, und der aberwitzige Wirt hat schon damals die Wahrheit geahnt. Damit du nicht zu Atem kämest, aus dem Dunst, den man um dich verbreitet hatte, nicht schautest, ward dir das neue Wunder aufgeheftet.»

«Und der Räuber im Walde?»

«Hier gehen meine Nachrichten aus. Indessen glaube ich, daß wir ohne großen Scharfsinn auch die Waldszenen werden entziffern können. Jener lakonische Bösewicht war vermutlich ein Spießgeselle des Herrn Arztes. Dieser ahnte, wie es auch der Fall war, daß seine Somnambule dir nachgeschlichen sei. Das war ihm verdrießlich, bedenklich; das Abenteuer schien eine Richtung zu nehmen, die ihm nicht ganz gefiel; für ihn war es zum Schluß gekommen; er hatte die Schatulle. Nun sollte die Sache abgebrochen werden; sein Geschäft in Ems war gemacht. Er wollte mit seiner Getreuen auf und davon. Damit nun von keiner Seite gegen diesen vernünftigen Entschluß etwas unternommen werden möge, nahm er den handfesten Adjutanten mit; der hat sich denn im Versteck gehalten, dich, wie du weißt, außerstand gesetzt, den beiden zu folgen, und so seines Herrn Gebot erfüllt. Daß bei der Gelegenheit noch der Rest deiner Kasse aufging, war ein Zufall, der, wie es sich trifft, den Dieben bald günstig, bald ungünstig sich erweist. So, denke ich, hing die Sache zusammen. Vermutlich hat der Arzt von der letzten Beute gar nichts empfangen; die wird wohl der Held des Nachspiels für sich behalten haben.»

«Aber», sagte ich, «welch ein ungeheuer künstlicher Plan lag dieser Überlistung zum Grunde, wenn sich alles so verhält, wie du sagst! Mich dünkt, die Berechnung war zu berechnet, um wohlberechnet zu sein. Vergib mir! Deine Erklärung ist um nichts wahrscheinlicher als die somnambulistischen Phänomene, von denen mir der Arzt erzählte.»

«Weil sie deiner Eitelkeit nicht schmeichelt», versetzte meine Frau mit bitterm Akzente. «Und dennoch ist sie richtig, und dennoch war die erhabene Wundergeschichte nichts weiter als ein gemeiner Schelmstreich. Der Arzt konnte freilich nicht wissen, als er sich mit der Komtesse zu Esel setzte, ob sein Anschlag gelingen werde; er hat auch gewiß den Entschluß zu seinem Feldzuge gegen deine Kasse damals noch nicht fertig im Kopfe gehabt; er machte es wie ein kühner Freibeuter; er griff unverweilt verwegen an und überließ dem Augenblicke und der Eingebung des Augenblicks, den Gang des Gefechts zu bestimmen. Mißlang der Angriff, fand er in dir nicht den Mann, den er brauchte – nun, so war ja nichts verloren; es galt dann eine Dieberei weniger, aber weiter kein Unglück. Indessen, dein Naturell arbeitete seinen Absichten in die Hand. Eins gab sich aus dem andern, kurz – der Erfolg hat ihn gerechtfertigt.»

«Wie schlau leitete er meinen Verdacht von der Spur ab auf die unschuldigen Hausgenossen des Gasthofs!» rief ich.

«Und vergiß nicht, daß er dem Wirte ebenfalls von einem Hausdiebe vorgesprochen hatte. Ja, er hatte sich sehr gut verschanzt! – Du weißt nun alles. Ein Kläger muß aber den Beweis liefern; hier ist er.»

Sie reichte mir ein Papier. Ich entfaltete und las. Es war die Abschrift eines gerichtlichen Verhörs.

 

Verhandelt im *er Gerichte zu * den *ten * 18*

Die gestern verhaftete Eugenia Sidonia, angebliche Gräfin **cka, hatte dem Gerichte von freien Stücken anzeigen lassen, daß sie mit ihren Aussagen heute fortzufahren wünsche. Man ließ sie vortreten. Sie gab Nachstehendes zu Protokoll, welches auf ausdrückliches Verlangen, so weit es möglich, mit ihren eigenen Worten niedergeschrieben worden ist.

«Ich beteure vor Gott und vor den Menschen», – so begann die Komparentin, «daß ich von den Verbrechen meines Begleiters, welche mir gestern vorgehalten worden sind, erst lange nach ihrer Verübung Kunde erhalten und auf keine Weise an ihnen teilgenommen habe. Durch den Schein glänzender Eigenschaften hat er mich getäuscht, durch meineidige Schwüre verleitet, durch unergründliche Heuchelei aus dem Hause meiner Eltern gelockt. In der Welt allein, verlassen, verworfen, sah ich die Larve ihm vom Antlitz fallen: meine einzige Stütze war ein Glücksritter, ein Bösewicht; ich meinte zu verzweifeln und wünschte mir den Tod, der mich von seiner schrecklichen Gesellschaft erlösen sollte. Er schleppte mich durch die Länder und Städte; mein Unglück hatte ihm eine Gewalt über mich gegeben, der ich nicht zu widerstehen vermochte.»

Sie wurde aufgefordert, sich näher über ihre frühern Lebensverhältnisse zu äußern, erklärte jedoch, daß sie sich dazu nicht verbunden achte, daß sie sehr unglücklich sei, unglücklicher, als ein Mensch begreifen könne, daß man Barmherzigkeit üben und sie schonen möge. Man stand von weitern Fragen ab, und sie fuhr in ihren Depositionen fort wie folgt.

«An einigen Orten ließ mich mein Begleiter, der sich in der letzten Zeit unsres Zusammenseins für einen Arzt ausgab, die Somnambule spielen. Der Magnetismus sei, wie er sich ausdrückte, in Deutschland Mode; dieser werde, sagte er, seiner Erscheinung mehr Relief geben. Ich muß hier bemerken, daß ich immer in dem Glauben gestanden habe, mein Begleiter sei wirklich Arzt; er besaß medizinische Bücher und Präparate, sprach von den großen Heilanstalten Europas so, als habe er sie alle gesehen, und unternahm hin und wieder auf unsern Reisen Kuren, die ihm zum Erstaunen schnell und glücklich gerieten. Ich weiß nicht, ob ich auch in dieser Meinung mich getäuscht habe. – In meiner unglücklichen Abhängigkeit ließ ich mich bestimmen, seiner Forderung nachzugeben. Ich stellte mich so, wie er mir vorschrieb; ich sprach, was er mir vorher in den Mund gelegt hatte. Er führte viele Menschen zu mir und ließ sie meine erdichteten Zustände wahrnehmen. Er knüpfte bei dieser Gelegenheit mannigfaltige Verbindungen an; wir lebten seit der Zeit reichlicher als vorher. Er sagte mir, daß er vermögende Gönner gefunden habe, und ich glaubte seinen Worten. Ich empfand den tiefsten Widerwillen gegen die Lüge, zu welcher ich verurteilt war; ich entschuldigte mich vor mir selbst nur damit, daß das Ganze doch nichts als ein unschuldiger Betrug sei, der niemandem schade. Ich versichere, und könnte das Sakrament darauf nehmen, daß mir damals von den wahren Absichten des * bei der Veranstaltung jener Täuschungen nicht das Geringste bekannt gewesen ist.

Nur in einem Falle bin ich schuldiger gewesen. Der furchtbarste Drang der Umstände hat mich so tief fallen lassen. Mein Schmerz darüber, meine Reue ist aufrichtig; könnten Tränen einen Flecken von der Seele waschen, so müßte die meinige wieder rein geworden sein, wie sie in den Tagen meiner unschuldigen Kindheit war. Ich hoffe zu der Gnade des Himmels und will dem Gerichte jetzt unverhohlen sagen, wie sich die Sache zugetragen hat.»

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.