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Der Karneval und die Somnambule

Karl (Leberecht) Immermann: Der Karneval und die Somnambule - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Karneval und die Somnambule
authorKarl Leberecht Immermann
year1989
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00326-1
titleDer Karneval und die Somnambule
pages3-116
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1830
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Das war ein langes und langweiliges Intermezzo. Endlich erschien meine geheimnisvolle Schöne, umgekleidet, im reizenden Pilgerrocke, die beiden Ringe, ihren und meinen, am Hute befestigt – aber in welcher Gesellschaft? Ich rieb mir die Augen, ich glaubte behext zu sein, als ich dem Pilger, der mit ihr Hand in Hand erschien, näher ins Gesicht sah. Es war – mein Schwager, der Bruder meiner Frau! «Guten Abend, Gustav!» redete er mich an. «Sieh, ich habe mich auch noch aufgemacht, den Karneval zu feiern. Meine Schwester läßt dich grüßen und dir sagen, du möchtest hübsch an sie denken!» – «Du hier», rief ich, «und in welcher Gesellschaft?» – «In der besten von der Welt!» versetzte der Schalk. «Ich kenne diese Dame von früher her; sie hat mir die Ehre erzeigt, mich zu sich und dir einzuladen.» – «Mein Herr», sagte die ehemalige Fledermaus, nunmehrige Pilgerin, «komme ich Ihnen ungelegen?» – «Ganz und gar nicht!» stammelte ich in der äußersten Verlegenheit und führte meine Gäste in das artige Nebenzimmer, wo Argandsche Lampen eine angenehme Dämmerung verbreiteten.

Die Pfropfen flogen von den Champagnerflaschen, die Austern waren frisch, die Scherze der Unbekannten flatterten wie bunte Schmetterlinge um die Tafel; mein Schwager überbot sich in Einfällen und schien sehr bei Laune zu sein. Aber mir behagte der Champagner nicht, die Austern quollen mir im Munde; alle diese Scherze stachen wie Nadeln mir ins Haupt. War ich in einer Zauberherberge? Alles schwankte gleich einer Phantasmagorie vor meinen Augen. Draußen trug der Wirt einem neuangekommenen Gaste sein System vor, und zwar gerade so, wie ich es mir hatte erzählen lassen müssen. «Das Zeug», sagte mein Schwager, «schwatzt der Hanswurst seit zehn Jahren jeden Abend; es ist der einzige Witz, den er im Vermögen hat; er soll ihn einmal von einem Studenten gekauft haben.» – «Seien Sie doch fröhlich!» rief die Pilgerin. – «Ich bin es ja», versetzte ich und fing an, von dem traurigen Schicksale Portugals und Don Miguels Grausamkeit zu reden. Sie wollte sich totlachen über diese Probe meiner Heiterkeit und meinte, die ganze portugiesische Geschichte rühre sie nicht so sehr als das traurige Ende des armen Hühnchens, welches mit dem Hähnchen in die Nußhecken ging, Nüsse zu pflücken, und an einem Kerne erstickte. «Ich werde euch eine Tragödie davon vorstellen», sagte mein Schwager, wand sich um den Zeigefinger der rechten und linken Hand die Zipfel eines Taschentuchs, daß zwei Puppen entstanden, und trug mit Schattenspiel an der Wand in barocken Versen jenes alberne Kindermärchen, dessen man sich vielleicht aus der Grimmschen Sammlung erinnert, dramatisch vor. Sidonie war ganz entzückt von dem Stücke, sprach kauderwelsche lyrische Chorstrophen dazwischen, und ich ging umher, mich dieser Possen schämend und nicht wissend, ob ich im Tollhause sei oder in vernünftiger Gesellschaft.

«Nun müssen wir rezensieren; denn wir sind im nördlichen Deutschland», sagte die verwandelte Schwermütige, als jener Gallimathias vorüber war. «Wohlan, mein Herr, was halten Sie vom Gedicht und Dichter?» – «Ich habe immer bedauert, daß Adolf sein Talent nicht öffentlich zeigt», versetzte ich. «Nichts da», rief mein Schwager, «verführe mich nicht zur Torheit! Das Leben will Handlungen, nicht Verse; für das Gesindel, für den Pöbel sich zu bemühen ist das allerschlechteste Metier, und doch hat der Dichter kein anderes. Aber lobt mich nur, so heftig ihr wollt, und damit meine Bescheidenheit nicht zu erröten brauche, will ich mich auf einige Augenblicke entfernen.»

Wir waren allein. Endlich! Ersehnter Moment! Mir brannte das Herz, aber nicht vor Liebe. Die Gegenwart meines Schwagers, jene Possen, die Ausgelassenheit Sidoniens, die ich gar nicht fassen konnte, wenn ich an ihr früheres Benehmen dachte – alles hatte mich abgekühlt. So wahr ist es, daß Witz und Scherz die besten Gegenmittel wider lebhafte Empfindungen sind. Ich dachte ernstlich an meine Frau, ich dachte an die Tugend; Sidonie hatte sich in den Sofa gesetzt; ich machte einen Gang durch das Zimmer, holte tief Atem und hielt darauf eine Rede, die so konfus war, wie Reden immer zu geraten pflegen, wenn sie recht schön werden sollen. Ich sprach von gewissen Verhältnissen, die gewisse andere Verhältnisse fortzusetzen nicht gestatteten, von Pflichten und Rechten, von Ruhe Seele, die man sich um jeden Preis bewahren müsse, von Entsagung und dergleichen mehr. Ich war während dieser Rede wieder warm geworden – ihre Gestalt im Sofa schwamm so lockend vor mir – o Himmel, der Mensch ist sehr schwach! Meine Rede voll Grundsatz und Regel schloß mit der Bitte, mir einen Abschiedskuß zu geben. Sie stand auf, sie kam mir entgegen; ich wollte meine Lippen auf die ihrigen drücken; die verdammte Maske ließ als echtes Symbol trennender Verhältnisse diese Zärtlichkeit nicht zu. «Nimm doch die Maske ab!» flehte ich dringend. – «Nein», versetzte sie, «die Geheimnisse werden früh genug sich enthüllen; heute ist's noch zu früh.» Ich beschwor sie, mir endlich über sich, ihr Schicksal, den Grund ihres Hierseins Licht zu geben. Sie war unerbittlich. Da ich ihre Lippen nicht erreichen konnte, so preßte ich meinen Mund auf ihre Schulter, ihren Nacken – ich hielt sie fest umschlossen; gern hätte ich sie nie wieder aus meinen Armen gegeben. Sie duldete diese Liebkosungen eine Zeitlang ganz ruhig; auf einmal aber entwand sie sich mir wie ein Aal und sagte: «Nun ist's genug» und «Das für die tugendhafte Rede nebst allem, was ihr folgte!» Unter diesen Worten und ehe ich noch über deren Sinn nachdenken konnte, hatte sie mir mit bewundernswürdiger Schnelligkeit einen der derbsten Backenstreiche gegeben, die je von weißer Hand ausgeteilt worden sind. Sie floh; ich folgte ihr, erzürnt, meine feuernde Wange haltend. Durch den Hausflur, über die Straße sah ich das Gewand der Pilgerin wehen. Eine zweite Figur, eine männliche, hatte sich auf einmal zu ihr gesellt; war das mein Schwager? Sie liefen so rasch, daß ich sie nicht einholen konnte. Vom Himmel begann ein leichter Schnee zu fallen. Die Umrisse der Gestalten wurden in demselben schwächer; endlich war es mir, als ob sie in Flocken auseinanderflössen. Verschwunden waren beide; ich stand in der ödesten Gegend der Stadt, emporgeschüttelt aus einem Zaubermärchen, unter dem schneienden Himmel mit meiner Ohrfeige allein.

 

Ein leiser Gesang in meiner Nähe machte mich aufmerksam. Ich sah mich um, ich stand unter dem Portale einer Kirche. Seitwärts befand sich eine Nische, in der etliche trüb brennende Lampen das steinerne Bild des Gekreuzigten mit der Mutter und dem Lieblingsjünger zu seinen Füßen beleuchteten. Eine weibliche Figur lag in später Andacht vor dem Heiligtume auf den Knien. Von ihr rührte der Gesang her; ich horchte und konnte folgende Strophen vernehmen, die wohl aus einem Kirchenliede sein mußten:

«Das Herz verblutet und zerrissen,
Die Seele voll von jeder Qual,
Mein Leiden und mein krank Gewissen
Bring' ich vor Deines Augen Strahl.

Ach, keiner möchte solche Gaben,
Kein Mensch, der selber schwankt und irrt;
Du aber lächelst, nimmst erhaben,
Was von der Welt verworfen wird.»

Diese rührende Klage wurde oft von einem Husten unterbrochen, in den die Singende verfiel. Jetzt hatte sie ihr Gebet vollendet; sie erhob sich, wickelte sich fröstelnd in ihren schwarzen Mantel und wollte an mir vorbeigehn. Der Schnee hatte aufgehört, der Himmel war hell geworden, der Vollmond übergoß alle Gegenstände mit der Klarheit eines matten Tages. Indem die Büßerin sich mir nahte, blickte sie mir ins Gesicht; ich sehe sie eine heftige Bewegung mit der Hand machen, ich höre einen Schrei, dem ein konvulsivischer Husten folgt; unter Zuckungen sinkt sie auf die Bank vor dem Kruzifixe. Ich eile zu der Leidenden, ich schlage den Kragen des Mantels, den sie wie eine Kapuze über dem Haupte trug, zurück, ihr Gesicht wird frei, und – ich meine vor Schreck und Entsetzen zu vergehen! Sollte sich denn heute alles vereinigen, mich um Sinn und Verstand zu bringen? «Sidonie!» rufe ich überlaut; denn sie war es ja, sie blieb es; ich mochte meine Augen Lügner schelten; ich mochte mir sagen, mir zehnmal sagen, daß ja eben Sidonie mich verlassen habe, vor mir verschwunden sei unter wildem Scherz, unter ausschweifender Neckerei, daß dieses blasse, zerstörte Gesicht, diese hohlen Augen nicht Sidoniens sein könnten. «Ich bin Sidonie», sagte die Bleiche mit schwacher, hektischer Stimme. «Jetzt müssen wir uns wiedersehen, hier! Welch ein wunderbarer Zufall!» – «Um Gottes willen, Sidonie», rief ich, «retten Sie meinen Kopf, der zu erkranken beginnt! Sind Sie doppelt? War jene oder sind Sie ein Gespenst? Sie haben mich ja hierher eingeladen; Sie waren ja auf dem Karneval mit mir maskiert!» – «Ich – auf dem Karneval?» erwiderte sie kaum hörbar, und ein neuer Anstoß ihres Übels vollendete den Sinn der Antwort. – «Aber jene, die ich sah, zeigte mir ja den Ring, meinen Ring, den Sie von mir erhalten hatten?» – «Den haben sie mir vor Gericht abgenommen; ich weiß nicht, in welche Hände er geraten sein mag.» – «Vor Gericht? Sind Sie vor Gericht gewesen? Himmel, was hatten Sie vor Gericht zu tun?» – «Ich gab Rechenschaft von meinem Tun; ich hatte aber nichts begangen, was eure Gesetze bestrafen; sie erteilten mir die Freiheit wieder; ich bin nach meinem Gesetze gerichtet.» Ich rieb mir die Stirn – meine Seele lag auf der Folterbank schrecklicher Ahnungen.

«Sie wohnen...?» sagte ich.

«Seit vier Wochen hier. Aus den kleinen Städten lästerten sie mich weg. Köln ist groß; hier kann man unbemerkt, ruhig sterben.»

«Und allein – in der Nacht...?» stotterte ich. – «Ich scheue mich vor dem Tage; die Mitternacht ist meine Freundin. Das Auge Gottes leuchtet am hellsten durch das Dunkel; wenn die Geister beginnen umherzuwandeln, dann ist meine Stunde; denn ich bin ja auch nur noch ein Geist unter den Lebendigen. Dringen Sie nicht weiter in mich! Ach, wie ich mich freue, Sie noch einmal gesehen zu haben! So recht vom ganzen, ganzen Herzen! Auf dieses Glück hatte ich nicht gehofft. Wie ich Sie geliebt habe! Ich sterbe, so darf ich es Ihnen wohl sagen. Nicht gleich. Nicht damals, als Sie es glaubten; – aber nachher, ja nachher, als ich bedachte, welche überschwengliche Wohltat Sie mir erzeigt hatten. Mein Freund, mein Retter, mein Engel, du Werkzeug des Himmels! Ich bat dich um das Heilmittel, dort oben auf dem Felsen, und du hast mir das Heilmittel wirklich gereicht! Meine Auflösung ist nahe. Aber mein Gefühl nehme ich mit hinüber und will es am Throne der ewigen Güte bekennen; denn diesmal hat die Tugend die Liebe geschaffen, was ja, ach, so selten ist. Segen über Sie vom Himmel, Segen auf Ihr unschuldiges treues Haupt!»

Sie umfaßte mein Haupt, sie drückte es an ihre kranke Brust, sie küßte mit kalten Lippen meine Stirn. Ich schluchzte, aufgelöst von Wehmut; begriff ich sie auch nicht ganz, so fühlte ich doch, daß das tiefste Unglück über mir weine. Es nahte jemand. Eine Alte kam, gebückt, eiligen Schrittes, mit der Laterne den unebenen Weg vor sich erleuchtend. «Töchterchen! Töchterchen!» rief sie Sidonien gutmütig scheltend an. «Bist du mir doch wieder entschlüpft? Kind, Kind, deine arme Brust und die Nachtkälte! Was soll's hier?» – «Beten, Mutter», versetzte Sidonie, «bis der Atem ausgeht, knien, bis die Knie wund sind!» – «Komm nach Hause!» sagte die Alte. – «Ja, nach Hause», klang hohl wie aus dem Grabe die Antwort. Sie wankte am Arme der Alten fort; ich wollte folgen; Sidonie verbot es mir. Ich blieb auf der Bank vor dem Kruzifix sitzen und starrte der Leuchte nach, bis sie verschwunden war. Ich versuchte zu denken; aber alle meine Vorstellungen rannen in ein gestaltenloses Chaos zusammen. Die Glocke zur Frühmette ertönte, der Morgenwind schüttelte den Reif von den Bäumen über mir – ich saß noch auf der Bank vor dem Kruzifixe. Als es Tag war, erkundigte ich mich überall nach der polnischen Gräfin. Niemand kannte sie. Im Fremdenzettel las ich den Namen meines Schwagers nebst Frau. – Frau? – Mein Schwager war unverheiratet. Im Gasthofe sagte man mir, er sei nebst seiner Gemahlin abgereist. Mich trieb es nach Hause. Ein tiefer Widerwille durchdrang mich, dachte ich jener fratzenhaft-lustigen Gestalt, welche mir Sidonien vorgespielt hatte, während die Arme, dem Tode Geweihte vor dem Erlöser ihre Reue und ihr blutendes Herz opferte. Voll Erwartung, Bangigkeit, mit geheimem Schrecken reiste ich von Köln ab.

«Tröste dich!» sagte meine Frau, die mich den ganzen Abend über schon mit ihren Neckereien verfolgt hatte. «Du hast den Maskenzug nicht gesehen, du hast auf dem Gürzenich nicht getanzt; aber nach dem, was du mir erzähltest, kannst du doch sagen: Ich bin auf dem Karneval gewesen und habe ein Stück vom großen Narrentage mit durchgelebt.» – «Es ist wahr», versetzte ich. «Ich sah Masken der Zeit; ich war auf dem Mummenschanz der Wirklichkeit. Und an einer Person, die gefoppt wurde, fehlte es auch nicht; kurz, das Fest war auf seine Weise vollständig. Wo ist dein Bruder?»

«Ich weiß nicht», sagte meine Frau verlegen; «ich habe ihn seit deiner Abreise nicht gesehen.» Sie ging in den Grund des Zimmers und machte sich dort allerhand zu schaffen. Ich stellte mich an das Fenster, trommelte auf den Scheiben und überlegte, was zu tun sei. Sollte ich gleich zu meinem Schwager gehn und von ihm Erklärungen fordern? Ich verwünschte die Szene mit der Maske; ich war leider auch im Unrecht – es war, wie die Diplomaten sagen, eine sehr zarte Situation. Indem ich so hin und wieder überlegte, fühlte ich einen leichten Schlag auf der Schulter. Ich wandte mich um und – die Pilgerin aus Köln stand vor mir, den Überwurf der Fledermaus wie zur Beglaubigung ihrer Echtheit auf dem Arme tragend. Ich starrte die Gestalt sprachlos an. Sie reichte mir ein Papier, ich riß es auf: Sidoniens Ring und der meinige lagen darin. Ich konnte noch immer keinen Laut finden bei dieser Erscheinung, die wie das Wunder sichtbar, körperlich, greifbar in den Kreis meines Lebens trat.

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