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Der Karneval und die Somnambule

Karl (Leberecht) Immermann: Der Karneval und die Somnambule - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Karneval und die Somnambule
authorKarl Leberecht Immermann
year1989
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00326-1
titleDer Karneval und die Somnambule
pages3-116
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1830
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«Sie sind mir noch die fünfte Klasse schuldig geblieben.»

«Da sitzen drei Exemplare von derselben», sagte der Wirt und wies in eine Ecke des Zimmers. Ich sah drei ältliche Männer um einen Tisch sitzen, bleich, mit regungslosen Gesichtern und im gemessenen Tempo ihre Gläser zum Munde führen. Man wußte nicht, blickten sie einander an oder nicht; sie schauten starr vor sich hin, und wenn sie nicht tranken, so machte jeder mit den Fingern die Daumenmühle. «Das sind die sogenannten Stammgäste», fuhr der Wirt fort; «das ist der eiserne Bestand, der zu jeder Weinstube gehört. Alte Junggesellen, Hagestolze, Geistliche kommen jahraus, jahrein um dieselbe Stunde und gehen um dieselbe Stunde weg, sitzen immer an einem Flecke, sprechen immer dasselbe. Mit denen hat man eine Art von Religion: man schickt ihnen von dem ersten Fasse neuer Heringe, und zu Neujahr bekommt ein jeder eine neue Gipspfeife mit einer roten Federspitze. Wenn ein Stammgast stirbt, wird sein Stuhl weggesetzt und bleibt ungebraucht; kein anderer erhält ihn hinterher. Es ist gleich halb elf; das ist die Zeit, wo diese ihre Geschichten erzählen. Ich nenne sie die Versteinerungen oder die drei Kalender. Der da im schwarzen altmodischen Rock mit der Kappe ist der Altkölner, der mit dem Puderzopf ist der Stockpreuße, und der mit dem starken Backenbart ist der Bonapartist.»

Indem hob der Seiger aus, und auf dieses Zeichen war es, als ob drei Automaten lebendig würden.

Sie ruckten auf ihren Stühlen, räusperten sich, stießen mit den Gläsern an und bewegten ihre Lippen, als wollten sie diese eingerosteten Werkzeuge zum Gebrauch erst wieder instand setzen.

Darauf begann der erste Kalender, der Altkölner, seine Geschichte und sprach:

«Ja, ja, die Stadt, die Stadt! Es geht nichts über die Stadt, wie sie war, ehe ihr Herren Franzosen und ihr Herren Preußen ins Land kamt; denn jetzo ist es nicht viel mehr mit der Stadt. Wer dazumal die Stadt gesehen hat, der hat was gesehen. Es war so ein Wesen, so eine Art darin, man kann's nicht beschreiben; aber wer's mit durchgemacht hat, vergißt es sein Lebtage nicht. Wenn man so den Sonntag hinüber ging nach Deutz, seinen Schoppen zu trinken im Marienbildchen, dann hieß es rechts und links: Gevatter, geht Ihr auch nach Deutz? Ja, ich gehe auch nach Deutz, antworteten die andern. Und dann sagten sie alle zusammen: Wer nicht nach Deutz geht, ist kein echter Kölner. Ja, ja, es war eine Zeit – ich habe sie erlebt. Das Fleisch kostete nicht viel, das Brot wenig, die Fische verdarben fast auf dem Markte; die Stadt steckte nicht so voll Menschen, so voll Mäuler als jetzt. Wenn man auf den Straßen ging, konnte man doch seine Gedanken zusammenhalten; es war hübsch still und sachte drin, nicht so ein Getriebe und Geschreie, so ein Gehandle und Gewandle als jetzunder. Drei Tage nur durfte der Kurfürst hintereinander in der Stadt verweilen – so hat es der Verbundbrief von Anno 1437 bestimmt; so hat's gegolten bis zuletzt. Anno 89 kam Max Franz von Bonn herüber; er hatte hier Geschäfte, er wollte eine Schule in Ordnung bringen; er wurde nicht fertig in den drei Tagen. Er bat den Rat, ihm den vierten Tag für diesmal zu gestatten. Ich schrieb damals bei den Herren; ich habe die Antwort mundiert: Nein, sagte der Rat, es ist besser, daß eine Schule in Unordnung bleibt, als daß die Stadt mit ihren Privilegien in Unordnung gerät – und schlug's dem Herrn ab. Ja, ja, das haben wir gehabt und kriegen's nicht wieder; nun, wer kann's ändern? Die Zeiten sind schlecht; wir können sie nicht verbessern.»

Hierauf begann der zweite Kalender, der Stockpreuße, seine Geschichte und sprach:

«Donner und Wetter! Freilich sind die Zeiten schlecht und absonderlich für einen alten Preußen. Da muß ich nun auf meine letzten Tage noch in euer sakramentsches Pfaffennest geraten, wo ich mir über dem nichtsnutzigen Pflaster in meinen großen Stiefeln zehnmal des Tages den Hals breche. Denkt ihr, ihr seht jetzt Preußen, wenn ihr die jungen Bürschchen mit den Milchgesichtern, den leichten Mützen, den kurzen Jacken, den weiten Überhosen umherlaufen seht? Ja, prosit die Mahlzeit! Preußen seht ihr nicht. Zum Preußen gehört: erstens ein Schnauzbart, zweitens ein dreieckiger Hut, drittens ein Zopf, viertens Puder, fünftens lederne Hosen, sechstens steife Stiefeln und endlich siebentens die Fuchtel. Als ich Anno drei, meinen Abschied in der Hand, vor dem Obersten stand: Herr Oberst, fragte ich, kann ich im Zivil meine ledernen Hosen und die großen Stiefeln weiter tragen? – Wachtmeister, antwortete der Oberst, der Kavallerist bleibt ewig Kavallerist, er bleibt auch im Civil Kavallerist; ein preußischer Reiter geht mit Stiefeln und Sporen ins Himmelreich ein. – Da kam die Franzosengeschichte; sie trommelten und schrien um mich her: Vive l'empereur! – Ich dachte: Schreit ihr nur! Viel Geschrei und wenig Wolle. Ich behalte meine ledernen Hosen und meine großen Stiefeln an für die Zukunft. – Anno dreizehn ging's los; wie schlug mir das Herz! Aber zum Teufel, es war nicht mehr die alte Sache. Ich meldete mich freiwillig zur Landwehr; ich war längst aus den Jahren. Schön, brav! sagte der Aushebungskommissarius; aber die großen Stiefeln und die ledernen Hosen müssen Sie ablegen; die werden nicht mehr getragen. – Dann geht es nicht, erwiderte ich; die trage ich mit Ehren, ohne die vermag ich nichts, die marschieren mit mir ins Grab. – So blieb ich zu Hause, las die Zeitungen und exerzierte den Landsturm; bei dem wurde es so genau nicht genommen mit der Montierung. Nun, sie haben's anerkannt, daß ich ein brandenburgisches Herz führe, und mir den Posten in eurem verwünschten Steinklumpen gegeben. Aber mir gefällt's nicht mehr in der Welt: das preußische Wesen ist hinüber; der Staat wird nicht lange mehr bestehen; davon bin ich fest überzeugt. Was mich wundert, ist, daß es mit den neumodischen Streichen in den letzten Kampagnen noch so passabel gut fleckte. Es war nichts mehr, wie es sein sollte, das versichere ich euch: keine Zelte, keine Regimentsquartiermeister, keine Hühnerwagen für die Herren Generale und Kommandeure, kein Schick und kein Takt, kein Nichts und kein Alles. Die Sache nimmt ein schlechtes Ende, sagte ich damals, und doch schlug sie noch soso aus – begreif es, wer kann! Ich kann's nicht.»

Endlich begann der dritte Kalender, der Bonapartist, seine Geschichte und sprach:

«Daran ist niemand schuld als der verwünschte Feuerwerker, der die Elsterbrücke bei Leipzig zu früh sprengte. Wir haben euch Preußen überall geschlagen; wir sind singend von Moskau nach Paris gekommen. Die Elemente haben uns überwunden und die Überzahl und der Duc d'Otrante und die Verräterei. Der Kaiser! Ich habe ihn gesehn – es gefällt mir keiner mehr nach ihm. Was soll man machen? Die glückliche Zeit ist vorbei. Die Steuern waren geringer als jetzt, die Konscription ist geblieben, die Konstitution ist nicht gekommen. Am schlimmsten ging es mir. Ich war in Dresden während der sächsischen Kampagne Magazinverwalter; ich hielt mein Magazin, das muß ich sagen, in Ordnung, die Soldaten bekamen alles gut und in vollwichtigen Rationen. Wer den armen Teufeln das Ihrige nimmt, dachte ich, stiehlt's aus der Kirche. Enfin! Was ist's weiter, wenn man seine Pflicht tut? Eh bien! Was geschieht? Der Kaiser, zu Pferde, kommt eines Tages, reitet in mein Magazin, hinter ihm der Prince de Neufchâtel und der Prince Poniatowsky und der Général St. Cyr. Zu Pferde revidiert er alles, läßt sich jeden Artikel zeigen, kostet das Brot, probiert den Branntwein. Und da er nun alles gut findet und besser als irgendwo, wird er immer freundlicher, fängt an zu lächeln und sagt: Bon! und zu mir sagt er: Votre nom? – Pützenkirchen, Sire! antworte ich. – Notez! sagt der Kaiser zum Prince de Neufchâtel, und dieser schreibt meinen Namen in seine Schreibtafel. Darauf wirft mir der Kaiser noch einen Blick zu und reitet fort. Nun, ich war seit jenem Tage glücklich. Der Kaiser hatte meinen Namen sich gemerkt; in seinem Blicke lag meine Beförderung. Den Officier payeur oder sonsteine große Charge trug ich in der Tasche. Da muß der versuchte Feuerwerker die Brücke zu früh sprengen – alles war verloren. Ich ging immer mit bis zum Montmartre; der Blick des Kaisers war meine Hoffnung. Nun kam die erste Restauration, da war ich hier; dann kamen die hundert Tage, da war ich wieder in Paris; dann kam der 18. Junius, da war ich wieder hier. Was half's mir nun, daß der Kaiser mich angeblickt hatte und mein Name in der Schreibtafel des Prince de Neufchâtel stand? Geschadet hat mir's. Ich war wohlempfohlen; ich hatte verschiedene Gelegenheiten, angestellt zu werden, wenn ich mich nur gemeldet hätte. Aber immer, wenn's zum Supplizieren kommen sollte, war's als zöge mich etwas bei den Haaren zurück. Wollte ich eine Antichambre frequentieren, sprach eine Stimme in mir: Bleib zurück! Er hat deinen Namen sich sagen lassen. Schnitt ich die Feder zur Bittschrift, kam mir der Blick des Kaisers vor das Auge. Endlich ließ ich es gut sein; es ging doch nicht – ich konnte keinem andern Herrn dienen. Ich nahm meine ersparten Franken zusammen und helfe mir damit durch, so gut es gehen mag. Der Kaiser hat mich befördern wollen; er hat es nicht gekonnt: sie haben ihn zu Nichts gemacht. So will ich unbefördert bleiben und ein Nichts sein wie der Kaiser. Er hätte die Welt glücklich gemacht, wenn er vor Krieg dazu gelangt wäre; nun liegt er auf der Insel Ste. Hélàne, und das bißchen Erde, was sie von dem Felsen haben abkratzen können, liegt über ihm. Es ist vorbei mit der Welt; sie hat eine Lücke bekommen. Wer wird sie ausfüllen?»

«Die Hegelsche Philosophie!» sagte eine Stimme nahebei, die den Frühling des Lebens verriet. Die Kalender blickten sich um; das Froschgesicht und ich taten desgleichen. Wir sahen an einem Tische einen rosenroten weißhärigen Jüngling sitzen, den wir bis jetzt übersehen hatten. «Die Hegelsche Philosophie!» wiederholte der Jüngling. Er blieb sitzen und belehrte uns, kalt wie ein Sechziger, akzentlos, folgendergestalt:

«Was ist Geist? Das zum Bewußtsein gesteigerte Sein. Wohin soll alles Sein streben? Zum Dasein im Geist und Bewußtsein. Wodurch wird die Aufgabe gelöst? Durch das System. Dieses bringt eigentlich alle Dinge erst zur wahren Existenz; wenn wir von denselben und über dieselben reden, dann beginnen sie, im höhern Verstande, vorhanden zu sein. Der Held, die Tat, die Institution, das Kunstwerk – werden zu allem diesem erst, wenn wir angegeben haben, auf welche Weise ihr Sichverunmittelbaren, ihr sich in der Idee und durch die Idee Darstellen geschehen sei. Vorher waren sie Schatten; nun erst erhalten sie wahres Leben. Sie zum Beispiel» – mit diesen Worten wandte er sich an den Altkölner – «sind die Darstellung des in sich Abgeschlossenseins kalt-monoton-verdrossen-gemeinheitlicher Zustände. Sie» – er meinte den Stockpreußen – «bedeuten den Niederschlag aus dem schlechthin ins Leere gerichteten Sich-selbst-isolieren Friedrichs, den wir den Großen nennen. Sie» – nämlich der Bonapartist – «erscheinen als Typus des Hingegebenseins der durch Wort und Schall abgeklärten und in ihrer Klarheit unseligen Zeit an die dunkle Prägnanz der Tat und an das Imponieren eines bedeutenden Charakters – aus insularisch-mystischer Schroffheit und primitiver heroen-alterlicher Energie mit neuester, jedoch nur oberflächliche Kultur vereinigender Sinnesart sich gebildet habend. Sehen Sie, meine Herren, nun sind Sie konstruiert; jetzt darf man Ihnen sagen, daß Sie seien. Und hiermit werden Sie zugleich erkannt haben, was die Lücke der Welt ausfüllt. Wir wissen alles, wir vermögen alles; das System macht jegliches Ding lebendig.»

Nicht weiter redete der Jüngling, sondern der Stockpreuße unterbrach ihn und fuhr ihn an: «In dreier Teufel Namen! Herr, wie können Sie mich einen Niederschlag nennen? Ich habe mich nie niederschlagen lassen!» Der altkölnische Kalender fragte den Philosophen, ob er, der alles wisse, auch wohl wisse, wieviel Gaffeln oder Zünfte die Stadt Köln vor der Franzosenherrschaft gehabt habe. Der Bonapartist sagte mit trübem Blicke: «Kann Ihr System meinen Kaiser lebendig machen?» – «Nein, so viel verlange ich nicht», sprach der Wirt, der andere Systematiker, der sich unterdessen keuchend mit einer festgekorkten Flasche abgemüht hatte; «aber da Sie alles vermögen, Herr Doktor, so seien Sie doch von der großen Güte und Gewogenheit, den Pfropfen mir aus dieser Flasche zu schaffen!» Er hielt dem Philosophen die Flasche hin. Dieser murmelte ein verächtliches Wort – nicht in den Bart, denn er besaß noch keinen –, sah uns mitleidig an und ging dann mit gehaltenem Schritt aus dem Zimmer, worin der Versuch, die Welt von seiner Weisheit aus zu begründen, an der Barbarei der Anwesenden gescheitert war. Die drei Kalender erhoben gleichzeitig ihre Römer und sprachen anklingend, dumpf und eintönig: «Die alten guten Zeiten!» Friedlich tranken sie diese Gesundheit, obgleich, wie ihre Reden bewiesen, jeder dabei etwas anderes sich dachte. Der Wirt sagte mir, so säßen sie alle Abende, und so wie heute sprächen sie immer und stets zu derselben Zeit. Sie gingen mit niemandem um. Sie kämen auch nur hier zusammen, und nirgend anderswo hätte man sie je beieinander gesehen.

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