Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl (Leberecht) Immermann >

Der Karneval und die Somnambule

Karl (Leberecht) Immermann: Der Karneval und die Somnambule - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Karneval und die Somnambule
authorKarl Leberecht Immermann
year1989
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
isbn3-373-00326-1
titleDer Karneval und die Somnambule
pages3-116
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1830
Schließen

Navigation:

Nun erzählte die Unglückliche den Vorfall in Ems. Ich fand die Bestätigung dessen, was meine Frau mir gesagt hatte, Punkt für Punkt, Zug für Zug.

Die Verhandlung lautete dann so weiter: Man legte der Komparentin die Frage vor: «Sie haben dem Gerichte gesagt, auf welche Weise Ihr Begleiter den Fremden mystifiziert, wie und wann er den Diebstahl der Schatulle verübt, mit welcher List er die Täuschung des Bestohlenen fortgesetzt und diesen von der Verfolgung der richtigen Spur abgebracht habe. In welcher Art haben Sie selbst aber an jenem Verbrechen teilgenommen?»

Sie deponierte hierauf:

«Als mein Begleiter im Nebenzimmer den Fremden hatte sprechen hören, strich er sich mit der Hand über die Stirn und sagte dann zu mir, daß der soeben Angekommene ein Gelehrter von Ruf sei, der ein vielgelesenes Journal redigiere. Es könne ihm von größtem Nutzen sein, diesen Mann für sich und seine magnetischen Kuren zu interessieren, und ich müßte mich daher entschließen, das gegen den Fremden zu sein, was ich schon so oft gewesen, nämlich Hellseherin. Alles wird zur Gewohnheit, die Tugend und das Laster; gedankenlos, ohne besondere Regung willigte ich ein. Es erfolgte die Szene auf dem Felsen, wie mein Begleiter dieselbe angeordnet, wie ich sie einstudiert hatte. Doch erfolgte noch etwas, was niemand außer mir erfahren hat. Jener Fremde kletterte nach dem Orte, wo die Quelle mit der erdichteten Heilkraft sprang, über einen weit verlaufenden Felsengrat. Wie er nun, sich wendend, unter dem Orte, wo ich stand, angelangt war, dicht am Abgrunde, verwünschte ich schon den Trug, welcher das Leben eines Menschen, der mir mit Treuherzigkeit einen Dienst erzeigen wollte, in eine so augenscheinliche Gefahr setzte. Ängstlich wollte ich ihn zurückrufen; da sah ich ihn ausgleiten, einer Spalte zu, die aus bodenloser Tiefe dunkel heraufgähnte. Er hat den ihm so nahen Tod vermutlich selbst nicht bemerkt; ich aber habe gesehen, daß nur noch eine Spanne fehlte, so wäre er in die Tiefe gestürzt. In diesem schrecklichen Augenblicke verließen mich meine äußern Sinne, und vor meinem innern Gesichte stand im nämlichen Augenblicke ein schreckliches Bild. Ich sah bis auf den Grund der Spalte; ich sah den Fremden da unten liegen, ganz zerschmettert und von Blut überströmt; nach mir hinauf starrte sein gebrochenes und sterbendes Auge. Alsobald tat meine Seele, wie durch eine ungeheure Kraft bezwungen, ein unfreiwilliges Gelübde. Alles dieses, was ich damals sah und erlebte, war wie ein Blitz, der vorüber ist, ehe man fragen kann: woher kommst du? Ich schlug sogleich die Augen wieder auf und sah den Fremden oben, heil, nur an der Hand blutend. Er rief mir einige scherzhafte Worte zu; er meinte, ich habe, von seiner Wunde erschreckt, geschrien. Ich aber hatte gesehen, daß ich zur Mörderin hätte werden können. So geschah auf dem Felsen statt des Wunders, das der Betrug ersonnen hatte, ein andres, und ich leerte den Becher, welchen mir der Fremde reichte, auf meine Besserung. Ich kehrte verwandelt, mit einem Herzen voll Dornen, fest in dem Entschlusse, mich nicht ferner zu dergleichen Gaukeleien herzugeben, nach meiner Wohnung zurück. Nun aber sollte ich erfahren, was es heiße, in den Schlingen des Lasters gefangen zu sein.

Tief in der Nacht kam mein Begleiter zu mir und kündigte mir an, daß jener angebliche Gelehrte mich schlafend zu sehen wünsche und daß ich mich bereit halten möge, am folgenden Vormittag somnambul zu sein. Ich weigerte mich und erklärte ihm, daß ich nie wieder diese Rolle spielen werde. Es erfolgte eine heftige Szene zwischen uns; er bat, befahl, drohte – ich widerstand. Endlich sagte er mir mit einem Hohne, der mir schrecklich war, daß meine Tugend zu spät komme, daß ich in meinen Schwächen schon zu weit gegangen sei, und erzählte die Betrügereien, die er mit Hilfe meiner Verstellung begangen habe. Ich war außer mir; ich blickte mit Entsetzen in einen Pfuhl der Nichtswürdigkeit. Unwissend zwar hatte ich jene Bubenstreiche befördert; doch wollte das mein Gefühl nicht beschwichtigen – ich verfluchte die Stunde meiner Geburt. Mein Begleiter setzte mir mit einer erschrecklichen Ruhe auseinander, daß ich als Genossin schwerer Verbrechen der Gerechtigkeit verfallen sei, daß es nun besser sei, vorwärts zu gehen, daß ich mich nur nicht sträuben müsse, weil ihn mein Widerstand sonst auch zu einem Extreme treiben könne, was denn unser beider Verderben sein werde. Ich sagte, daß kein Gericht mich für Dinge, von welchen ich nichts gewußt, verurteilen könne; er erwiderte, daß ich die Früchte der Sünde mit verzehrt habe, daß niemand mir meine Unschuld glauben werde, wenn er gegen mich zeuge, was er tun wolle, wofern ich es zum Äußersten kommen lasse. Denn, sagte er – ich erinnere mich seiner fürchterlichen Worte noch ganz genau – man wird alles überdrüssig, des Weins, der Weiber, des Spiels und seiner eigenen klugen Streiche. Ich bin beinahe bis zu diesem Punkte gediehen, und wenn du mir Verdruß machst, so kann es kommen, daß ich hingehe und dich und mich der Justiz angebe. Ich habe alles durchgespielt, nur Reue und Bekehrung noch nicht. Das ist etwas Neues; ich möchte es wohl auch einmal versuchen. Vielleicht finde ich in den Tiefen bußfertiger Zerknirschung eine frische Wollust, nach der ich lechze; alles übrige habe ich gekostet. – Mit dieser verruchten und gotteslästerlichen Rede schied er von mir. Ich wußte, daß er Wort zu halten imstande sei. Dieser Mensch ist unglaublicher Dinge fähig. Ich sah die Schande und den Pranger mit den Augen meines Geistes; ich dachte an meine Eltern und an den erlauchten Namen, den ich trage; ich bat Gott, mir aus dem Netze des Unglücks, in dem ich gefangen war, zu helfen; er ließ mich aber ohne Rat und ohne Erleuchtung. – Am andern Morgen versuchte ich alles Mögliche, den Fremden zu entfernen, damit die Veranlassung zu fernerer Unwürdigkeit hinwegfiele; es war vergebens. Ein Schicksal, mächtiger als der schwache Wille eines tadelnswürdigen Weibes, hielt mich gefesselt; mein Begleiter übte die Kraft seines Blicks, worin ich seinen ganzen Entschluß las, über mich aus; zerbrochen gab ich mich hin und tat, was ich gelehrt wurde, zu tun. Doch glaube ich, daß ich während meiner Verstellung nichts von dem zu dem Fremden gesprochen habe, was mir mein Begleiter befohlen hatte, zu sagen. Ich lag im Lehnsessel, dachte nichts, fühlte nichts; meine Seele befand sich in dem Zustande einer völligen Auflösung. Endlich überschattete mich eine Ohnmacht; ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen habe. Erwacht, sah ich meinen Begleiter vor mir stehn: er hielt eine erbrochene Schatulle in der Hand; er sagte, daß ich gestern die Vertraute seiner Taten geworden sei, daß er es für recht und billig halte, mir auch alles Fernere zu erzählen, damit unser Lebensbund ein unauflöslicher werde. – Ich erfuhr, was er während meines magnetischen Schlafs getan hatte; ich hörte, während er die Schatulle zum Fenster hinausschleuderte, wie er den Fremden ferner zu täuschen beabsichtigte. Ich schwieg ganz stille, entschlossen, dem Fremden alles zu entdecken, und ging nach meinem Zimmer, in der Meinung, den Täuschenden über die wahre Verfassung meiner Seele getäuscht zu haben. Es war aber dem nicht so. Als ich an meiner Tür klinkte, um zu dem Fremden zu gehn, fand ich mich eingeschlossen. So war ich abgesperrt von menschlicher Gesellschaft und Mitteilung. Doch gelang es mir, zu jenem Manne zu dringen. Nun stand ich ihm gegenüber, nun wollte ich reden; aber meine Lippen waren wie mit sieben Siegeln verschlossen. Ich fühlte mich unfähig, diesem meine Schande zu offenbaren; ich glaube, ich hätte sie der ganzen Welt gestehen, sie von den Dächern herabrufen können; aber dem Fremden konnte ich nichts sagen. Ich verschwieg, was ich wußte – das ist mein Verbrechen. Ich habe ihm einen Ring gegeben, ihn für seinen Verlust zu entschädigen; ich habe mir den Rest seiner Barschaft einhändigen lassen, damit dieser nicht auch meinem lästigen Begleiter zur Beute werde; ich habe diese Summe treu bewahrt und sie ihm am andern Tage zurückerstattet. Ich reiste nach diesen Vorfällen noch mit dem Verbrecher zusammen; aber sobald ich über die grausame Unordnung meines Geistes einigermaßen gesiegt hatte, war auch mein Entschluß gefaßt. Ich fühlte, daß ich nichts weiter auf Erden zu tun habe, als mich von der lasterhaften Gemeinschaft mit meinem Begleiter loszureißen, auf die Gefahr hin, am Wege zu verhungern und zu verderben. Und damit keine weibliche Schwäche mich jemals in den Pfuhl zurückgleiten lassen möge, begab ich mich in den Zwang einer gräßlichen, aber heilsamen Notwendigkeit. In einem Dorfe, wo die Pferde zu Mittag gefüttert wurden, ging ich heimlich zu dem Ortsschulzen und sagte, er solle mich festhalten und den fremden Arzt, der in der Schenke habe ausspannen lassen; dieser sei ein Landstreicher und Betrüger, und ich sei seine Genossin. Der Mann hat seine Pflicht getan, und was weiter erfolgte, ist dem Gericht bekannt.»

Man hielt der Komparentin vor, daß sie sich bemüht habe, ihren Anteil an der zuletzt angezeigten Betrügerei als sehr gering darzustellen. Es sei zu vermuten, daß ihr die Absicht ihres Begleiters, den Fremden zu berauben, vor der magnetischen Szene bekannt gewesen sei, daß sie die Somnambule gespielt habe, um die Ausführung jenes Verbrechens zu befördern. – Hierauf erwiderte sie mit allen Zeichen der heftigsten Bewegung: «Ich habe nicht eher von dem Raube etwas erfahren, als bis er geschehen war. Ich konnte und mußte wohl ahnen, daß mein Begleiter mit dem Fremden nichts Gutes vorhabe; die äußerste Verwirrung meiner Lebensgeister ließ aber keine bestimmten Vorstellungen in mir aufkommen. Meine Fehler bringen es über mich, daß man auch das Schimpflichste von mir glauben darf. Aber bei dem Grabe meiner Mutter: die Tochter des Grafen * ist nie eine Diebin gewesen!»

Der Kommissarius fordert sie auf, den Ort, wo der Vorfall sich zugetragen, zu entdecken, den Namen des Betrogenen zu nennen. Standhaft verweigert sie beides. Man fragt sie um den Grund dieses Verschweigens, man hält ihr vor, daß ein halbes Geständnis gar keins sei, man macht sie auf die nachteiligen Folgen aufmerksam, welche ihre Hartnäckigkeit für sie haben könne. Sie bleibt unerschüttert. Der Bestohlene, sagt sie, sei durch ihren Ring entschädigt; das Geld sei, wie sie wisse, verschleudert worden; weitere Erörterungen seien unnötig für das Interesse des Fremden. Nur an dieses scheint sie zu denken. Der Grund, warum sie Ort und Namen verschweige, ruhe in der Tiefe ihrer Seele; was deshalb über sie verhängt werde, wolle sie geduldig als Züchtigung der himmlischen Mächte hinnehmen; aber keine menschliche Gewalt sei imstande, ihre Lippen zu öffnen. Der Beamte habe ihr ein Zutrauen eingeflößt, sie habe das Bedürfnis gefühlt, ihr Herz aufzuschließen, er solle sich mit ihrer Beichte begnügen; sie sage nichts mehr, sie habe alles gesagt, was sie sagen könne und wolle; sie schaudere bei dem Gedanken, daß der Fremde vernommen, ihr vielleicht gegenübergestellt, daß der Vorfall in die Roheit eines gerichtlichen Verfahrens hinabgezogen werde. Sie sei vernichtet – was man denn noch weiter von ihr wolle? – Der Kommissarius läßt den (wie er im Protokolle heißt) Philipp Emanuel Kasimir **losch, seiner Angabe nach Arzt und Chemiker, vorführen. Er fragt ihn über das Verhältnis zu der Anwesenden. Der Elende behauptete, daß die Dame sich seiner Hilfe anvertraut habe, daß er mit ihr auf einer Reise nach den Bädern von Lucca begriffen gewesen sei. Ein anderes Verhältnis habe nicht zwischen ihnen bestanden. Ihm wird die Erzählung von meiner Beraubung in ihrer Gegenwart vorgehalten. Er leugnet die ganze Tatsache und fügt hinzu, daß er nun etwas angeben müsse, was er aus Delikatesse gern verschwiegen habe. Die Gräfin **cka leide an periodischen Geistesverwirrungen und halte in diesen Zuständen, wie es häufig bei Irren vorkomme, alle Personen ihrer Umgebung für Bösewichter. – Bei dieser Frechheit fährt die Arme, Gepeinigte auf und ruft: «Unglücklicher, wenn ich wahnsinnig bin, so weißt du, wer mich wahnsinnig gemacht hat!» Der Beamte schließt die Verhandlung mit der Bemerkung, daß die Zusammenstellung beider Personen kein weiteres Resultat gegeben habe und daß, da über den zuletzt angezeigten Betrug die Spezialien ermangelten, die Sache bis auf nähere Anzeigen nicht weiter verfolgt werden könne.

 

Nun erfuhr ich, wie meine Frau zu diesen Aufklärungen gelangt war. Sie hatte eine Bestellung bei unsrem Juwelier gemacht. Der an allen schönen Sachen seines Gewerbes einen lebhaften Anteil nehmende Mann schwatzt mit ihr von den Pracht- und Prunkstücken seines Ladens, zeigt ihr die besten Arbeiten vor und bringt endlich einen goldenen Ring herbei, dessen Façonnierung er ganz besonders rühmt. Sie nimmt ihn, betrachtet ihn genau und liest endlich in der innern Rundung den Namen meiner Schwester. Sie dringt in den Juwelier, ihr zu sagen, woher er den Ring habe. Ganz unbefangen erzählt der Mann, er sei vor kurzem auf einer Handelsreise in eine Landstadt gekommen und habe ihn dort auf einer Auktion, wo von Gerichts wegen verschiedene Deposita versteigert worden seien, nebst mehrern andern Gold- und Silbersachen zum Einschmelzen gekauft; die schöne Arbeit des Stücks habe ihn aber vermocht, es aufzubewahren. Sie fragt ihn über die Schicksale dieses Ringes aus und erfährt, daß das Gericht ihn einer verschmitzten Person abgenommen habe, von der in der ganzen Stadt die Rede gewesen sei. Von seinem Vetter, der als Unterbeamter bei dem Gerichte angestellt sei, habe er die sonderbarsten Dinge in betreff derselben gehört. Es sei ihr nichts anzuhaben gewesen; indessen habe man ihr alle Sachen von Wert abgenommen und diese versteigern lassen, um die Kosten der durch sie veranlaßten Untersuchung zu tilgen. – Nun war meine Frau im klaren. Ich hatte einmal gegen sie fallen lassen, daß ich mir ein Gewissen daraus mache, den Ring, ein Geschenk meiner Schwester, in Ems weggegeben zu haben. Sie hielt den verschenkten in Händen; ihre Ahnung über den wahren Zusammenhang der Sache bestätigte sich. Sie kaufte das Kleinod; sie suchte unter allerhand Vorwänden von dem Goldschmiede noch mehr über die frühere Eignerin zu erfahren. In ihrer unglücklichen Leidenschaftlichkeit drang sie endlich in den Mann, ihr um jeden Preis vollständige Notizen zu verschaffen. Der Juwelier wollte sich seiner besten Kundin gern gefällig erzeigen; er schrieb an seinen Vetter, und nach einigen Wochen hatte sie das traurige Vergnügen, Abschriften einiger Verhandlungen in den Händen zu halten, die jener Vetter halb unerlaubterweise aus den Akten gefertigt hatte.

So ward durch beklagenswerte Zufälligkeiten eine alte Mystifikation entdeckt und eine neue möglich gemacht, die auf das Schicksal meines Lebens den übelsten Einfluß geübt hat.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.