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Der Kardinal

Benno Rüttenauer: Der Kardinal - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titleDer Kardinal
publisherGeorg Müller
year1912
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Der Bekenntnisse drittes Stück.

Diese Vorgänge verdienen, des genaueren erzählt zu werden.

Seit einer Reihe von Jahren schon hatten die Benediktinerinnen des Klosters Port-Royal, eine Meile weit über Saint-Cyre hinaus gelegen, ihren Sitz zu Paris, am Ende der Vorstadt St. Jakob aufgeschlagen, allwo sich um die fromme Äbtissin, Mutter Angelika, die Schwester des Herrn Arnauld von Andilly, alle die versammelten, die den Anspruch erhoben, frömmere Christen zu sein als wir andern. Den Grundstock dieser Familie von Heiligen bildeten die Mitglieder der Familie Arnauld, aus der die Äbtissin stammte.

Dies besonders seit der Zeit, da Arnauld von Andilly, früher Doktor der Theologie an der Sorbonne, wegen seiner Neigung zum sogenannten Jansenismus, aus dieser illustren Körperschaft ausgestoßen worden, worauf er seine ganze geistige und geistliche Tätigkeit den Nonnen von Port-Royal widmete, zusammen mit dem Pedanten und Erz-Scholarchen Peter Nicole wie allen seinen Brüdern und Vettern, die zuvor teils der Sorbonne, teils dem Parlament angehört hatten. Das war der Anfang des eigentümlichen Wesens oder Unwesens von Port-Royal, wozu aber später auch Männer gehört haben wie Balzac, Pascal, Racine und andere Berühmtheiten. Denn das seltsame Nonnenkloster wurde mit der Zeit eine ausgezeichnete Schule klassischer Studien, die selbst auf den französischen Stil großen Einfluß ausübte. Einstweilen jedoch, unter Mutter Angelika und ihrem Gewissensrat, dem fürchterlichen Zisterzienser-Abt von St. Cyran, war es vor allem ein Ort der Buße und Zerknirschung, eine Art heiliges Jerusalem am Rand der sündigen Hauptstadt.

In diesen Kreis sah ich eines Tages, ich konnte es kaum glauben, meine schöne Fürstin geraten. Den Anstoß gab wohl die schmachvolle Enthauptung des Herzogs von Montmorency, die ihr Wesen in seinen Grundfesten erschütterte. Doch hatte schon immer – mit Bedauern habe ich es früh wahrgenommen – ihr reicher Geist sich gern am gefährlichen Wein der Mystik berauscht, als welche sehr selten zur wahren Frömmigkeit, gern aber zu frommen Ausschweifungen bedenklicher Art fuhrt. Und was tat sie nun plötzlich? Ohne mir nur ein Wort zu sagen, kaufte sie ein bescheidenes Haus. Wand an Wand mit Port-Royal und zog sich dahin vor aller Welt zurück.

Ich hielt sie schon ganz und gar für mich verloren, als sie eines Morgens in meinem Hause bei St. Severin plötzlich in meine Studierklause hereintrat. Hier war ich gerade, indes die Werke des heiligen Chrysostemus in aufgeschlagenen Folianten um mich her ausgebreitet lagen, in eine etwas davon verschiedene Lektüre, nämlich in die Ragionamenti des Peter Aretin andächtig vertieft. In freudiger Überraschung erhob ich mich, die Geliebte in meine Arme zu schließen, doch erschrocken wich ich zurück. – Die Fürstin sah mich aus starren Augen so fremd und verstört an, daß mich ein kaltes Grauen packte und ich nicht anders glaubte, als sie sei wahnsinnig geworden. Die dunkle Fülle ihres seidenglänzenden Haares war verwirrt, und unter den langen Wimpern ihrer mandelförmigen Augen blickte das Weiß ganz unheimlich hervor, so wie es manchmal diejenigen zeigen, die von der Epilepsie befallen sind.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sie mir in verständlicher Weise erklären konnte, um was es sich handelte. In der verflossenen Nacht, um die Geisterstunde, war die Fürstin von einem unheimlichen Geräusch erweckt worden und hatte, die Augen aufschlagend, nahe vor ihrem Bett den leibhaftigen Teufel erblickt, der seine furchtbaren Krallen nach ihr ausstreckte und sie zu ergreifen drohte. Unwillkürlich hatte sie einen entsetzten Schrei ausgestoßen. Darauf war das Licht in ihrer Nachtlampe erloschen und die Gestalt verschwunden.

Nur mit Mühe konnte ich bei ihrer Erzählung ein Lächeln unterdrücken. Und noch mehr Mühe kostete es mich, die Fürstin dahin zu bringen, meinen Plan, den ich sofort faßte, zu billigen und in meine Absichten einzutreten. Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufwenden, die Geliebte zu überzeugen, wie lächerlich und wie sündhaft es sei, einem Gespenst mehr Glauben zu schenken und eine höhere Macht zuzutrauen, als einem geweihten Priester der Kirche, der uns noch obendrein liebt.

Ich gedachte aber keineswegs, dem verwünschten Teufel mit den Machtmitteln meines Priestertums entgegenzutreten. Alle heiligen Verschwörungsformeln zusamt dem Rauchfaß und Weihwasserwedel konnten nach meiner Meinung hier gänzlich aus dem Spiel bleiben. Mein Degen schien mir dabei einzig notwendig.

Nachdem wir also genaue Verabredung getroffen, setzten wir folgendes ins Werk:

Die Fürstin schickte mir in einem Korb wohlverwahrt einen Anzug der Babette, ihrer Kammerzofe. Bei meiner damals noch recht schmächtigen Gestalt, man nannte mich allgemein nur den kleinen Abbé, paßten mir die Kleider wie angemessen. Unter den Röcken versteckte ich meinen Degen. Mit den Bändern des Häubchens und einem künstlichen Chignon vermummte ich mir den Kopf und auch vom Gesicht – ich war noch bartlos – so viel als möglich. In diesem Aufzug begab ich mich in der Dämmerung nach der Eremitage meiner Fürstin. Niemand, der mich etwa eintreten sah, konnte mich für etwas anderes halten als für die Babette. – Die Fürstin erwartete mich in ihrem Schlafzimmer, wo wir uns alsobald einschlossen. Wir hatten eine geraume Frist vor uns bis zur Stunde, die den Gespenstern allein angenehm ist, und wir verbrachten die lange Zeit auf eine Art, die Ihr Euch, teure Freundin, leicht denken könnt. Solus cum sola non dicunt Pater noster. Auch wir, aller Bekehrungsanwandlungen der Fürstin zum Trotz, beteten kein einziges Vaterunser. Unsere Litanei, die wir wiederholten, so oft es gehen wollte, hatte anderen Text und Refrain. Als aber die elfte Stunde nahe daran war abzulaufen, bekleidete ich mich mit meinem guten Hemd aus feinen geschmeidigen Stahlmaschen, und den bloßen Degen in der Hand, stellte ich mich, vom Vorhang gut versteckt, in die Fensternische, indes die Fürstin zwischen ihren Bettüchern sich zum Schein dem Schlaf überließ.

Und also harrten wir, sie in langen Ängsten, ich in brennender Neugierde, der Dinge, die da kommen sollten.

Wir wurden zunächst enttäuscht. Es kam nichts. Nachdem ich über eine lange Stunde in Ungeduld gestanden, trat ich halb fluchend halb lachend aus meinem Versteck. Über meinen komischen Ärger mußte auch die Fürstin lachen und wir entschädigten uns in nicht unwürdiger Weise dafür, daß uns der Teufel gefoppt hatte.

In der zweiten Nacht ging es nicht anders. Dennoch – und wahrlich die begleitenden Umstände erleichterten es mir – faßte ich mich in Geduld. Denn ich kannte die närrische Vorliebe der bösen und der guten Geister für die heilige drei. In solchen nebensächlichen Dingen pflegen die Bösen gern die Guten nachzuäffen.

Ich hatte richtig gerechnet. Die dritte Nacht brachte das Wunder. Kaum, daß ich diesmal zu warten brauchte. Noch keine drei Vaterunserlängen hatte ich mich hinter meinen Vorhang in die Finsternische zurückgezogen, als ich plötzlich ein leises Geräusch vernahm wie vom Knacken eines feinen Türschnäppers, und dann sah ich beim Schein des Lämpchens eine uns beiden verborgen gebliebene Tapetentüre sich weit aufreißen.

Und lautlos stand mit einmal das Phantom vor dem Bett der Fürstin.

Es schien wirklich wie aus dem Boden emporgetaucht. Die Ungestalt trug auf dem Kopf zwei Bockshörner, in dem schwarzen Maskengesicht glühten zwei feuerrote Augen, ein mächtiger Schweif hing ihm nach hinten. An den Händen, die sich gegen die Fürstin streckten, spreizten sich scharfe Krallen, und die ganze, im Grunde lächerliche Gestalt, schien aus allen Poren eine Art Rauch auszuströmen, worin das Gespenst wie in einer weißlichen Wolke halb verschwand, indes ein Geruch wie von Schwefeldämpfen und andern stinkenden Essenzen das ganze Gemach erfüllte.

Die Fürstin stieß wieder, meinen Ermahnungen zum Trotz, unwillkürlich und in aufrichtigem Entsetzen einen erstickten Schrei aus. Ich aber faßte meinen Degen fester und stürzte mich auf das Ungeheuer. Mit größter Wucht stieß ich ihm nach der Brust. Aber die Spitze meiner Waffe barst wie sprödes Glas, wie wenn ich gegen schwarzen Marmor gestoßen hätte. Darüber verlor ich, da ich zu heftig ausgefallen war, das Gleichgewicht und stürzte. Ich erhob mich wohl rasch, aber da war auch schon alles verschwunden.

Dieses Ergebnis befriedigte mich zunächst wenig. Ich mußte befürchten, daß dieser Verlauf der Sache den Glauben der Fürstin nur halb erschüttern werde. Aber da fiel mein Blick auf die Tapetentüre. Natürlich hatte der dumme Teufel vergessen, sie zu schließen. Mit der Nachtlampe in der Linken und dem Degen in der Rechten verfolgte ich nun den Weg, den das Gespenst genommen haben mußte und kam zuletzt an eine steinerne Wendeltreppe, die nach einem unterirdischen Gewölbe führte. Dieses wieder stand mit einem engen und niedern Gang in Verbindung, den ich aus Vorsicht nicht weiter verfolgen mochte, der aber nach Lage und Richtung nirgend anders hinführen konnte, als nach den Kellern von Port-Royal. Kurz, alles zusammen überzeugte endlich sogar die Fürstin, daß man vom Kloster aus in dieser plumpen Art auf ihr Gemüt und ihre lebhafte Einbildungskraft hatte wirken wollen.

Ich habe nun zwar keine Beweise dafür, daß Herr Arnauld von Andilly direkt bei dieser Komödie mitgewirkt hat. Aber ich bin dennoch überzeugt davon. Damals konnte ich noch zweifeln, aber mancherlei Anzeichen, die zu erzählen zu lang wären, bestärkten mich immer mehr in meiner Überzeugung.

Die Fürstin aber vertauschte drei Tage darauf das Port-Royal mit der Place-Royale, das heißt sie verließ ihre Einsiedelei und kehrte in ihren Palast am Königsplatz zurück, wo sie ihr ehemaliges Leben wieder aufnahm.

Damals hätte ich nicht geglaubt, daß sie noch einmal rückfällig werden könnte. Sie hat sich aber später noch zweimal nach Port-Royal zurückgezogen. Ihre einst so große Natur war eben, ich habe es schon einmal gesagt, seit der Hinrichtung des Herzogs von Montmorency allzusehr aus dem Gleichgewicht geraten.

Von ihrem seltenen Mut als junge Frau mögt Ihr Euch, meine Freundin, einen Begriff machen, wenn ich Euch verrate, daß die Fürstin, wenige Menschen wissen das, heimlich der Enthauptung des Marschalls beigewohnt hat. Ohne eines Menschen Wissen, in Verkleidung, ist sie nach Toulouse gereist.

Unerkannt, mitten im Gedränge des Pöbels, ganz nahe dem Mordgerüst, sah sie aus freier Entschließung das Entsetzliche mit an. Sah den schönen jungen Montmorency das Schaffot betreten, leichten Schritts, ein Held und Edelmann in jeder Faser seines Wesens, sah, wie er sich selbst des Wamses entledigte, den weißen Hals entblößte und dann niederkniete zu kurzem Gebet. Sah, wie er von freien Stücken seinen wundervollen Kopf auf den blutigen Block legte – zwei andere Edelleute waren vorher enthauptet worden – wie seine duftigen Locken sich mit dem fremden Blut mischten. Das alles sah sie, wie sie mir versicherte, noch mit festem Auge an. Dann aber wurde es zu grauenhaft. Der Henker selber verwirrte sich beim Anblick des tapferen Herzogs. Sogar dieser verachtete Knecht mochte fühlen, was es heißen wollte, diesem letzten Sprossen der ältesten Barone von Frankreich das Haupt abzuschlagen. Er verfehlte zweimal seinen Schlag.

Mit zwei erbärmlichen Fehlhieben zerhackte er die Schultern des Marschalls, der mit erstaunlicher Selbstüberwindung sein Haupt fest auf dem Blocke hielt. Aber für die Fürstin war es zuviel. Schon mit dem ersten Schlag war sie mit einem Aufschrei ohnmächtig zusammengebrochen.

Wenigstens konnte sie unerkannt, durch die Besorgtheit der treuen Babette, aus der Menge weggebracht werden. Sie hatte sich wahrlich zuviel zugetraut.

Das Schicksal jener Briefkassette – die Fürstin hatte vergeblich versucht, in ihren Besitz zu gelangen – und die fortgesetzten Drohungen Richelieus taten ebenfalls das ihrige, die Fürstin in ewigen Ängsten zu halten.

Was mich anbelangt, so erwies ich mich, nachdem ich sie (vielleicht nicht im figürlichen Sinn) aber doch wörtlich aus den Klauen des Teufels errettet hatte, um so eifriger in ihrem Dienst, je mehr Vorsicht und Heimlichkeit dabei nötig war, und ich darf schon gestehen, daß ich ohne diese zarten Ablenkungen vielleicht in den strengen Übungen meines Berufs allmählich erlahmt wäre.

Bald aber sollte ein noch ernsteres Unternehmen das Einerlei meiner theologalen Studien angenehm unterbrechen, – ein Unternehmen, das, wenn die Vorsehung mit mir einer Meinung gewesen wäre, mit einem Schlag das Angesicht von ganz Europa verändert haben würde.

Der Kardinal Richelieu war außer vielem anderen ein großer Spötter vor dem Herrn. Er hatte ebenfalls Wind bekommen von den himmlisch-teuflischen Machenschaften jenes frommen Herrn Arnauld von Port-Royal, und machte sich wiederholt das Vergnügen, in glänzenden Zirkeln gewisse versteckte Bemerkungen einfließen zu lassen, deren giftige Spitze noch mehr die Fürstin und meine Wenigkeit verletzen sollten, als den »Beherrscher aller Gläubigen«, wie Herr Arnauld oft spottweise genannt wurde. Denn wir hatten beide, die Fürstin und ich, allen Vorsätzen zum Trotz die nötige Heimlichkeit doch nicht immer bewahrt.

Diese erneuerte Verfolgung der Fürstin durch den Kardinal steigerte meine Erbitterung gegen den allmächtigen Minister aufs höchste.

Zugleich forderte der Kardinal noch in einer andern Sache meinen Haß heraus.

Die große Genugtuung, die ich darüber empfand, meine schöne Fürstin, aus den Fallstricken der jansenistischen Frömmigkeit und Askese errettet zu haben, hielt mich nicht ab (auch die stadt- und hofbekannte Borniertheit der Marschallin von Meilleraye nicht), mich in Beziehungen zu dieser letztgenannten Dame zu verwickeln, die nicht gerade auf die Rettung ihrer Seele abzielten.

Damit aber störte ich die Zirkel des Kardinals. Ja, eben hierin lag für mich der hauptsächlichste Ansporn. Den Kardinal auf einem so verlockenden Schlachtfeld zu besiegen, schien mir ein göttlicher Triumph, an dem ich mich durch Wochen und Monate wahrhaft berauschte. Doch siegte zuletzt bei meiner Schönen die Eitelkeit über die Liebe. Die offenkundigen häufigen Besuche der Marschallin auf dem Schlosse des Kardinals zu Ruel belehrten mich darüber, daß die Liebe zwar manchmal stärker sein mag als die Tugend, dafür aber immer schwächer sein wird als die Verlockungen der Eitelkeit, besonders für eine Dame der Hofgesellschaft, wo ein allmächtiger Minister den Vortritt vor einer gehaßten Nebenbuhlerin und ähnliche wunderbare Dinge zu vergeben hat. Sogar der Herr Marschall, der seiner Gemahlin zuerst wegen dieser Besuche in Ruel wiederholt die häßlichsten Szenen gemacht hatte, zeigte sich zuletzt ganz beglückt von der hohen Ehre.

Der friedliche Besitz der Dame von La Meilleraye würde mir wohl nicht lange behagt haben; aber nun (so unzertrennlich verfilzt sind Eitelkeit und Liebe) hatte ich plötzlich das Gefühl, als ob mir der Kardinal den halben Wert meines Lebens und mehr geraubt habe.

Und dieses fast lächerliche Abenteuer, in Verbindung mit dem Haß, den eine geliebte Freundin (die Fürstin von Rohan) fortgesetzt gegen den Kardinal in mir schürte, nicht zum wenigsten auch die ewige Unbefriedigtheit in meinem geistlichen Stand, kurz, ein ganzes Bündel von Motiven traf zusammen, mich zu einem Wagnis aufzureizen, das die Weltgeschichte zu den verwegensten Taten des Jahrhunderts rechnen würde, wenn nicht das Gelingen, ebenso wie jüngst das kühne Unternehmen des Fiesko zu Genua, durch einen ganz und gar läppischen Zufall zu nichts geworden wäre.

*

Ihr wisset, verehrte Frau, wie es Gaston von Orleans, dem Bruder Ludwigs des dreizehnten, nach der Verbannung seiner Mutter, Maria Medici, ergangen ist. Er wurde selber, und einzig um der Sympathie willen, die er für die verstoßene Königin, seine Mutter, an den Tag legte, für viele Jahre aus dem Königreich verwiesen und auch noch nach seiner Zurückberufung von Richelieu mit empörendem Mißtrauen behandelt. An gutem Willen, etwas gegen den despotischen Kardinal und Minister zu unternehmen, fehlte es ihm nicht, aber nie fand er in seiner schwächlichen Seele die Kraft eines kühnen Entschlusses. Sein Leben lang trug er sich mit Verschwörungen gegen den Kardinal, aber im entscheidenden Augenblick wich er jedesmal zurück.

Ich habe bereits davon gesprochen, wie der Graf von Soissons wegen eines Komplotts gegen Richelieu nach Sedan flüchten mußte. Auch in diese Sache war der Herzog von Orleans verwickelt. Durch seine Schuld wurde der Anschlag entdeckt und statt seinem Verbündeten, dem Grafen, in die Verbannung zu folgen, ging der Herzog an den Hof und spielte die Rolle des Reumütigen. In gleicher Weise hat er den Herzog von Montmorency, mit dem er im Einverständnis gestanden, im letzten Augenblick preisgegeben. Aus Feigheit und kleinlichem Egoismus hat er kalt lächelnd den kühnen Besiegten von Castelnaudary der Rache des Kardinals überlassen. Er wurde dafür von Richelieu nur um so verächtlicher behandelt. Innerlich kochte seine Seele vor Wut, aber zur Tat war sie zu schwach.

Daraus geht hervor, wie sehr der Herzog geneigt sein mußte, zu einem Unternehmen gegen den Kardinal seine Hand zu bieten, so lang er nicht fürchtete, seine Finger dabei zu verbrennen. Mit anderen Worten, man mußte ihm keine Zeit lassen zur Überlegung. Man durfte von ihm auch keinen entscheidenden Schritt erwarten; er mußte unvermerkt geschoben und ohne daß er es ahnte, bis an den Punkt gebracht werden, wo er nicht mehr zurückkonnte.

Der Oberzeremonienmeister des Herzogs, der Graf von Larochepot, war mein leiblicher Vetter und intimer Freund. Dessen Vater hatte der Kardinal aus den nichtigsten Vorwänden in die Bastille werfen lassen, wo er ihn noch zurückhielt, und daraus läßt sich leicht abnehmen, welche Gefühle Larochepot gegen Richelieu hegte. Wir beide sprachen nun oft darüber, wie es etwa möglich sein könnte, den Herzog, von dem wir wohl wußten, daß er in ewiger Furcht vor dem Kardinal lebte, sozusagen hinterrücks in ein kühnes Unternehmen hineinzustoßen. Dieser Ausdruck klingt etwas ungewöhnlich, aber ich finde keinen, der den Charakter Gastons von Orleans besser ins Licht stellte.

Dieser Prinz besaß zwar in hohem Grad eine gewisse Kühnheit der Seele, die man gemeinhin Tapferkeit nennt, hierin stand er gegen niemand zurück: ganz und gar fehlte ihm dagegen die Kühnheit des Geistes, die man im gewöhnlichen Sprachgebrauch Entschlossenheit heißt. Jene ist eine häufige und fast gemeine Sache, diese hingegen, nämlich die Kühnheit des Geistes, findet sich unendlich viel seltener als man glaubt: sie ist aber zu großen Unternehmungen nötiger als jene.

Und kann es eine größere Sache auf der Welt geben als eine Verschwörung? Wie einfach ist im Vergleich damit der Oberbefehl über eine Armee! Und die Leitung eines Staates ist wohl auch ein verwickeltes Geschäft, aber unvergleichbar weniger gefährlich. Kurz, ich bleibe dabei, daß man wohl aus dem und jenem einen leidlichen König oder Kaiser machen könnte, daß es aber zum Haupt einer Verschwörung viel höherer Eigenschaften des Geistes und der Seele bedarf. Unter diesen Eigenschaften steht die Entschlossenheit obenan. Und auch sie bedeutet noch wenig ohne jenes seltene Urteilsvermögen, wodurch ein Mann der großen Unternehmung das Unmögliche vom Außerordentlichen rasch zu unterscheiden vermag.

Keines von beiden besaß Gaston von Orleans. Er wünschte zu wollen, aber immer wieder wurde sein Wille erstickt durch die Überlegung. Man mußte ihn darum, wenn er einmal einen Anlauf zum Wollen nahm, wie ich schon gesagt habe, unvermerkt stoßen und schieben, wenn auch nur das Geringste erreicht werden sollte. Man mußte ihn sozusagen mit List in einen Entschluß stürzen wie in einen Abgrund.

Während wir so, der Graf von Larochepot und ich, die Möglichkeiten hin und her überlegten, bot sich uns plötzlich eine Gelegenheit dar, die uns auffallend zu begünstigen schien.

Die Tochter des Herzogs, die junge Herzogin von Montpensier, sollte getauft werden. Diese feierliche Handlung sollte in den Tuilerien, der Residenz des erlauchten Täuflings, stattfinden und Richelieu, als erster Pate, die Prinzessin über das Becken halten.

Auf diesen Tag verließen wir uns.

Der wankelmütige Gaston mußte durchaus blindlings in die Sache verwickelt werden. Wir verabredeten zusammen, daß Larochepot ihm nur wenig von den Einzelheiten unseres Planes verriete und sich damit begnügte, die Zustimmung Gastons im allgemeinen zu erhalten.

Die Ausführung lag also bei uns. Das erste war, daß wir uns einer Anzahl Leute versicherten, auf deren feste Hand und entschlossene Seele wir uns verlassen konnten. Dann bestellten wir für den Tag der Zeremonie, unter dem Vorwand einer Entführung, Postpferde auf allen Stationen zwischen Paris und Sedan. Der entscheidende Streich mußte geschehen in der Kapelle der Tuilerien, während der heiligen Handlung, in Gegenwart des Herzogs. Dann galt es, Gaston von Orleans, von dem wir hoffen durften, daß er uns wenigstens nach glücklich vollbrachter Tat nicht verleugnen würde, wie auch uns andere, mittels der von uns getroffenen Vorkehrungen nach Sedan in Sicherheit zu bringen.

Denn auf eines konnten wir uns verlassen: daß der König sich zuletzt selber über die Ermordung seines Tyrannen beglückwünschen und den Bruder, statt ihn zu verfolgen, mit Dankbarkeit zurückrufen werde.

Wir trafen demgemäß unsere Vorbereitungen. Ich verpflichtete mir den Herrn von Launoy, den man heute unter dem Namen eines Marquis von Pienne am Hofe sehen kann, und mein Vetter von Larochepot versicherte sich des Herrn von Lafrette, des Marquis von Boissy und des Grafen von Etourville, sämtliche im Dienste des Herzogs und erbitterte Feinde des Kardinals. Keiner von ihnen hegte den geringsten Zweifel an dem Gelingen des Unternehmens.

Wohl war die Gefahr für uns groß, aber die Hoffnung, ihr obzusiegen, durchaus nicht unvernünftig. Wir wußten, daß der ganze Palast von den Wachen des Herzogs besetzt sein werde, von denen wir uns jeder Unterstützung versehen durften, während die Leibwache des Kardinals – das war besonders wichtig – sich außerhalb des Palastes halten mußte, wo sie dem Kardinal nichts nützen konnte. So sahen wir mit voller Zuversicht dem Tag entgegen.

Doch will ich nicht leugnen, daß mich noch zu allerletzt ein Skrupel ankam. Hundertmal hatte ich zusammen mit Larochepot die Unentschiedenheit des Herzogs von Orleans als Feigheit und Schwäche gebrandmarkt, und nun regte sich plötzlich bei mir selber das Gewissen. Der Gedanke, daß durch meine Mitwirkung ein Priester und Kardinal ermordet werden sollte, erschien mir auf einmal ganz ungeheuerlich.

Und nicht nur mein Verstand wurde krank durch solche ängstliche Bedenken, das Grauenhafte der Tat bemächtigte sich vor allem meiner Phantasie. Die einzelnen Umstände des Mordes standen mir vor Augen bei Tag und Nacht, im Wachen und im Träumen. In jedem müßigen Augenblick war meine Vorstellung davon erfüllt. Immerfort, wie ich mir auch Mühe gab, mich davon abzukehren, sah ich die hohe hagere Gestalt des Kardinals mit dem schmalen blassen Gesicht über dem faltigen Purpur, wie er, den Täufling auf den Armen, den mörderischen Stoß in den Rücken erhält, im Augenblick, wo der Priester die Augen der kleinen Prinzessin berührt und das sakramentale »Hepheta« ausspricht: wie darauf das feine Gesicht des Hohenpriesters fast weiß wird gleich der Farbe seines langen spitzen Knebelbarts, wie die Prinzessin seinen Armen entsinkt, wie sein Blut sich vermischt mit dem heiligen Wasser des Taufbeckens ...

Aber Larochepot spottete meiner Verzagtheit.

»Wer hat denn je gehört,« rief er aus, »daß ein Feldherr eine Schlacht vermeidet, weil es dabei um Menschenleben geht?

Und haben nicht Griechen und Römer den Tyrannenmord als eine große und herrliche Sache verherrlicht?«

Da schämte ich mich meiner Zagheit und willigte von ganzem Herzen in ein Verbrechen, das mir durch illustre Beispiele aus der Geschichte geheiligt und durch die damit verbundenen großen Gefahren gerechtfertigt und ehrenhaft schien.

Aber das Glück zeigte sich dem Kardinal abermals günstig. Er erkrankte, oder die Prinzessin erkrankte, ich weiß es nicht mehr genau, kurz, die Taufhandlung wurde verschoben, und der ganze wohlausgedachte Anschlag fiel damit ins Wasser.

Nichts vermag so berauschend auf die Geister zu wirken als ein derartiges Unternehmen: nichts ist aber auch imstande, die Menschen nachträglich in so hohem Grad zu ernüchtern und zur Vorsicht und Klugheit aufzufordern, als eine mißlungene Verschwörung. Denn ist auch das Vorhaben aufgegeben, so dauert doch die Gefahr für die Verschworenen noch lange fort. Alle meine Freunde verließen in größter Stille den Hof. Der Marquis von Larochepot zog sich nach Commercy zurück. Auch Boissy, Lafrette und Etourville verbannten sich freiwillig auf ihre Schlösser in irgendeiner verlorenen Provinz.

Mich allein hielten meine Beziehungen zur Fürstin von Rohan und andere ähnliche Verpflichtungen zu Paris zurück. Doch lebte ich hier in der größten Eingezogenheit. Meine Hoffnung auf einen glänzenden Erfolg in weltlichen Unternehmungen schwand immer mehr, und in demselben Grad wurden die Aussichten auf den erzbischöflichen Stuhl von Paris für mich verlockender. Darum hielt ich es für das beste, den Beruf des Priesters, dem ich kaum mehr zu entrinnen hoffte, in meiner äußeren Lebensführung, immer noch stärker zu betonen.

Alles wies mich auf diesen Weg. Die Fürstin von Rohan-Guemené hatte sich in einem erneuten Anfall von Weltflucht abermals in das Kloster von Port-Royal zurückgezogen; der Teufelbeschwörer Arnauld schien sie mir endgültig entrissen zu haben. Sie schminkte und puderte sich nicht mehr, und ich erhielt zuletzt in aller Form meinen Abschied.

Nicht besser erging es mir mit der Dame von La Meilleraye, der schönen Marschallin. Der Kardinal hatte nicht vermocht, mich von ihr zu entfernen; nun aber mußte ich durch einen Kammerdiener dieser Dame, den ich bestochen hatte, die beschämende Gewißheit erlangen, daß ein junger Fähnrich vom Regiment des Marschalls mit der Frau Marschallin mindestens ebensogut stand wie ich selber.

Kurz, alles schien sich auf einmal verschworen zu haben, einen Heiligen aus mir zu machen.

Die theologischen und kanonischen Studien hatte ich zu keiner Zeit ganz vernachlässigt. Nun pflegte ich einen eifrigen Verkehr mit Männern der Wissenschaft und Frömmigkeit. Ich machte aus meiner Wohnung fast eine Akademie und war zugleich auf nichts so peinlich bedacht, als zu verhüten, daß die Akademie, was bei meinen Neigungen nur allzu nahe lag, zu einem politischen Forum Das Wort »Klub« scheint zur Zeit des Kardinals noch nicht in Brauch gewesen zu sein. werde. Ich fing auch an, den Mitgliedern des Kapitels und der übrigen Geistlichkeit bis auf den letzten Pfarrer hinunter, so oft ich nur mit diesen Herren bei meinem Onkel in Berührung kam, in unauffälliger Weise den Hof zu machen.

Den »Frommen« spielte ich nicht, weil ich mir nicht zutraute, die schreckliche Rolle lange auszuhalten.

Aber denen, die so tun, als ob sie die Frömmigkeit gepachtet hätten, erwies ich bei jeder Gelegenheit öffentlich meine Achtung, und das gilt bei diesen Leuten schon für eine Art Frömmigkeit.

Der holden Weiblichkeit mochte ich zwar nicht ganz entsagen, aber ich gab mir noch mehr Mühe als seither, meine kleinen Ausschweifungen den Augen der profanen Welt soviel als möglich zu entziehen. Und das ist in den Augen dieser Welt schon eine Art Tugend. Sogar mein alter Lehrer, der spätere heilige Vinzenz von Paul, gab mir damals das Zeugnis, daß ich zwar der wahren Frömmigkeit noch entbehrte, daß mir aber das Himmelreich bereits nahe sei.

Und wirklich schien es, als ob mich auf diesem Weg zum sogenannten Himmelreich das Glück mehr begünstigen wolle als je zuvor in allen meinen sonstigen Unternehmungen.

Ich machte um diese Zeit die Bekanntschaft der Gräfin Rambure, die eine eifrige Hugenottin und durch ihre Koketterie mit Schöngeisterei und Gelehrsamkeit gewissermaßen eine Vorläuferin der späteren sogenannten »Précieusen« war, wie denn komischer Weise schon ihr Name an das nachher so berüchtigte Hotel von Rambouillet erinnert.

Diese Dame brachte mich mit Seiner Ehrwürden, dem Herrn Pastor Mestresot von Charenton, dem berühmtesten hugenottischen Kampfhahn seiner Zeit zusammen, der mich denn auch ohne weiteres zu einer Disputation herausforderte. Ich nahm seinen Fehdehandschuh auf und es entstanden daraus nicht weniger als neun Konferenzen an neun verschiedenen Tagen, denen eine Anzahl hervorragender Hugenotten, darunter auch die Marschälle von Laforce und von Turenne beiwohnten. Es mochten etwa sieben Personen sein, und ein Edelmann aus dem Poitou wurde wirklich durch meine Beredsamkeit zum feierlichen Rücktritt in die Kirche bewogen.

Diese Bekehrung erregte in Anbetracht meines Alters, ich hatte kaum die vierundzwanzig überschritten, ein ungeheures Aussehen.

Ja, eine Frucht erwuchs mir aus diesem heiligen Werk, die man gerade von einem solchen Baum am wenigsten erwartet hätte.

Den genannten Konferenzen hatte auch die Fürstin von Vandôme beigewohnt, die daher die Veranlassung nahm, mich ein wenig zu bemuttern, was ich mir von einer so frommen und liebenswürdigen Dame auch gefallen ließ. Wenn die gute Fürstin geahnt hätte, wozu ihre Bemutterung führen sollte!

Die fromme Dame wurde in ihrer Neigung zu mir noch bestärkt durch ihren Beichtvater, den Bischof von Lizieux, der mich schon seit längerer Zeit seiner Freundschaft würdigte, was mir in den Augen aller Frommen ebenfalls ein großer Vorteil war. Denn dieser Bischof, der sich von geringer und obendrein ausländischer Geburt zum Episkopat emporgeschwungen hatte, stand fast im Rufe eines Heiligen. Er war von großem Einfluß bei Hof. Anna von Österreich schätzte ihn über alles trotz seiner Strenge und seines Freimuts; der Kardinal Richelieu, sein ehemaliger Schüler, fürchtete ihn fast.

Dieser außerordentliche Mann hatte mich ganz in sein Herz geschlossen. Er wünschte nichts so sehr, als mich endgültig für die Kirche zu gewinnen und äußerte mir, wo er konnte, sein Entzücken darüber, daß meine Neigung zum geistlichen Stand von Tag zu Tag zu wachsen schien.

Der fromme Bischof hielt zu dieser Zeit im Palast Vendôme seine berühmten Konferenzen, mit denen er es hauptsächlich auf die Bekehrung des Marschalls von Turenne abgesehen hatte, der denn auch diesen Zusammenkünften den größten Eifer entgegenzubringen schien.

Ach, seine Motive waren so ganz anderer Natur als die guten Leute sich dachten. Nur deshalb besuchte der Marschall, wie er mir allerdings erst später gestand, so eifrig die Konferenzen des Bischofs von Lizieux, um seinen intimen Freund, den Herzog von Damville, der der jungen Prinzessin heimlich den Hof machte, in unauffälliger Weise so häufig bei deren Mutter einzuführen. Der Marschall hat sich ja später tatsächlich bekehrt; zu jener Zeit aber, wovon hier die Rede ist, benutzten er und sein Freund Damville den bischöflichen Bekehrungseifer zum Deckmantel sehr wenig heiliger Absichten.

Indessen zweifelte der Bischof – ahnungslos, daß man seinen Spott mit ihm trieb – nicht an dem Erfolg seiner Bemühungen, und um auch mich auf dem Wege zum Heil, auf dem er mich glaubte, noch mehr anzuspornen, faßte er den Gedanken, das Verdienst der erhofften Bekehrung mit mir zu teilen. Er forderte mich darum auf, ebenfalls und sozusagen als sein Gehilfe an diesen viel besprochenen Konferenzen teilzunehmen. Ich gewann mir aber dabei ein Himmelreich ganz anderer Art, als der ausgezeichnete Mann sich träumen ließ.

Dieser fast heiligmäßige Bischof, den vor allem die Gabe der Beredsamkeit so hoch erhoben hatte, verehrte leidenschaftlich die Tragödien unseres großen Corneille und sprach oft, halb im Scherz, halb im Ernst, das Bedauern darüber aus, daß ihm sein Stand verbot, die so hochgeschätzten Werke auf dem Theater zu sehen. Die Fürstin machte darum eines Tages den Vorschlag, den Cid in engem Zirkel für den Bischof aufführen zu lassen. Und unter der Bedingung, daß dies auf dem Lande und ohne Aufsehen geschehe, willigte dieser ein. Wir bestimmten zum Schauplatz den erzbischöflichen Garten zu St. Cloud, auf derselben Stelle, wo später das berühmte Schloß erstanden ist, den mein Oheim nie besuchte, also daß ich jederzeit darüber verfügen konnte.

Ich wollte für die Bewirtung und der Herzog von Damville für die Schauspieler und die Musik sorgen.

Die Partie gelang aufs beste. Nur fügte es sich, daß die bestellten Musikanten am gleichen Abend auf dem Schlosse Richelieus zu Ruel zu spielen hatten und darum etwas spät bei uns eintrafen. Ihre Musik gefiel aber sehr; der asketische Bischof besonders hörte sie mit unverhohlener Freude, und die Fürstin wieder konnte nicht genug bekommen, ihre Tochter, die Prinzessin, tanzen zu sehen, obwohl dieselbe ganz allein tanzte. Die Augustnacht war lau und angenehm, und so mochte es schon stark auf den Morgen gehen, als wir endlich aufbrachen.

Indessen wir in dem schweren Wagen den steilen Abhang zur Seine hinunterfuhren und vom Fluß schon nicht mehr weit entfernt sein konnten, hielt plötzlich die Karosse an. Da ich zur Seite der Prinzessin von Vendôme dem Wagenschlag zunächst saß, streckte ich den Kopf durch die Portiere und rief dem Kutscher zu, was es gäbe. »Herr,« rief der Mann mit dem Ausdruck höchsten Schreckens zurück, »ich will meiner Seelen Seligkeit verlieren oder dort unten ist die Hölle los. Ein ganzer Haufen schwarzer Teufel drängt sich uns entgegen und versperrt den Weg.«

Unterdessen war bereits Turenne, der den Platz am andern Wagenschlag eingenommen, ins Freie gesprungen. Er war der erste unter uns, der mit eigenen Augen die Erscheinung gewahrte, die den Kutscher so erschreckt hatte. Ich sage unter uns, denn die sechs Lakaien auf dem hintern Wagentritt hatten schon vorher in die erschreckten Rufe des Kutschers mit eingestimmt.

Ich dachte an Diebesgesindel, sprang ebenfalls aus dem Wagen, entriß einem der Lakaien den Degen und gesellte mich zu dem Marschall, den ich, starren Blickes und blaß im Gesicht, auf eine mir unsichtbare Erscheinung hinstieren sah. Ich war schon damals sehr kurzsichtig und konnte absolut nichts erkennen, obwohl bereits das erste Tagesgrauen die Dunkelheit der Nacht durchbrach. Befremdet von so rätselhaftem und mir ganz unerklärlichem Betragen von seiten des großen Turenne, fragte ich den Marschall, was er sähe. Er stieß mich mit dem Arm an und winkte mir, ihm zu folgen.

»Wir müssen uns hüten, die Damen noch mehr zu erschrecken,« sagte er.

In Wahrheit äußerte sich bereits das Entsetzen der Gesellschaft, die alle mehr gesehen haben mußten als ich – denn ich hatte immer noch nichts gesehen – in einer Art, die jeder Beschreibung spottet. Die Herzogin von Choissy heulte vor Angst, die Prinzessin fing an, ihren Rosenkranz zu beten, ihre Mutter, die Fürstin, drang in den Bischof, ihr die Beichte abzunehmen: am tollsten aber betrug sich der Herzog von Damville, er war in die Knie gesunken und begann unter Zähneklappern die lauretanische Litanei.

Unterdessen hatte ich mit dem Marschall vier oder fünf Schritte vorwärts getan, und da ich noch immer nichts gewahrte vor meinen Augen als Luft und wieder Luft, hielt ich wahrhaftig die ganze Gesellschaft vom Sankt Veitstanz oder einer andern verrückten Krankheit befallen.

»Mut, mein Abbé,« sagte der Marschall neben mir. Er sagte es in dem Ton wie einer, der sich ein Herz nimmt, oder so wie er etwa in der Schlacht im Augenblick der höchsten Gefahr einen Befehl erteilen mochte. »Mut, mein Abbé, und laßt uns diesen Gesellen ein wenig näher ins Gesicht blicken.«

»Was für Gesellen?« antwortete ich.

»Sie sehen bei Gott aus wie leibhaftige Teufel,« entgegnete der Marschall.

Ich hatte mir immer gewünscht, mit eigenen Augen ein Gespenst zu sehen, und vor allem wollte ich an Beherztheit hinter dem Marschall nicht zurückstehen. Wir rückten also in der Dunkelheit tapfer vor. Die in der Karosse glaubten uns schon im Handgemenge mit den Teufeln, ihr Angstgeschrei vermehrte sich noch.

Aber weit mehr Angst als alle Insassen unserer Karosse hatten die armen Teufel selber, die sich endlich als eine Prozession von Mönchen darstellten aus dem Kloster der reformierten und barfüßigen Augustiner, die man zu Paris auch schwarze Kapuziner heißt. Sie baten demütig um Entschuldigung wegen des Schreckens, den sie uns unschuldigerweise verursacht. Sie hätten nichts Schlimmes vor, erklärten sie, sie wollten sich nur, ihrer Gesundheit halber, im Fluß ein wenig erfrischen.

Wir stiegen alle wieder ein und setzten die Reise fort. Meine Nachbarin, die Prinzessin, die sich vorher fast nur mit dem Herzog von Damville unterhalten hatte, saß jetzt lange still und in sich versunken an meiner Seite.

»Nicht wahr, Abbé,« sagte sie dann plötzlich mit Flüstern, indem sie ihren Mund meinem Ohr näherte, »der Herzog hat sich recht lächerlich betragen. Nichts läßt doch einen Mann so verächtlich erscheinen, als Furcht in der Gefahr. Mir wenigstens machen die Äußerungen von Furcht einen Mann ganz unerträglich. Daraus besonders erkenne ich, daß ich eine Enkelin Heinrichs des Großen bin. Euch aber, mein lieber Abbé, scheint die Farbe der Furcht eine unbekannte Sache zu sein, da Ihr Euch sogar bei dieser Gelegenheit so unerschrocken betragen habt.«

»Freilich hatte ich auch Furcht,« erwiderte ich, »sie hat sich nur nicht in Litaneien geäußert, da ich eben nicht so fromm bin wie der Herzog.«

»Nein, nein,« widersprach sie lebhaft, »und ich wollte wetten, Ihr glaubt überhaupt nicht an Teufel. Denn sogar der Marschall, dessen Tapferkeit bekannt ist, war weit furchtsamer als Ihr und ist viel zaghafter vorgegangen.«

»Man kann an den Teufel glauben,« versetzte ich, »ohne ihn zu fürchten. Und jedenfalls kenne ich ein Ding auf der Welt, wovor ich tausendmal mehr Angst hätte als vor allen Teufeln der Hölle.«

Ich meinte: einer schönen Dame einen Antrag zu stellen und abgewiesen zu werden. Halt, ist es auch so? Nein, sagen wollte ich: furchtbarer als die Hölle ist, von dir, du berückendes Kind, nicht geliebt zu sein.

»Und das wäre?« fragte, als ich schwieg, die Prinzessin.

»Ich werde mich hüten, so etwas schreckliches auch nur auszusprechen,« sprach ich bedeutungsvoll.

Die Prinzessin verstummte hierauf. Dann nahm sie wieder an dem allgemeinen Gespräche teil. Sie hatte mich aber wohlverstanden, wie sie mir später im Vertrauen sagte, und dies war der erste Anfang einer geheimen und köstlichen Intimität, die nur leider durch die Verheiratung der Prinzessin allzu früh unterbrochen wurde.

Schon tagte es, als wir am Palais Vendôme vorfuhren. Der Marschall hatte eine Strecke weit den gleichen Weg wie ich, und die Geständnisse, die wir uns gegenseitig machten, verdienen hier vermerkt zu werden.

Turenne schwur mir, beim Anblick der vermeintlichen Teufel nicht die geringste Angst verspürt zu haben. Dennoch hatte ich aus seinem stieren Blick, aus seiner auffallenden Blässe, wie aus seiner ganzen Haltung das Gegenteil geschlossen. Ich selber gestand ihm, daß mir einen Augenblick wirklich bange war, worüber er sich sehr verwunderte, da er, wie er sich ausdrückte, das Heil seiner Seele drauf gewettet hätte, daß das ganze Abenteuer nur meinen Übermut und meine Neugierde gereizt habe.

Dazu machten wir die Bemerkung, daß alle Erzählungen von den Erlebnissen eines andern notwendig falsch sein müssen. Nur wenn einmal ein Mensch, der zugleich von der höchsten Wahrheitsliebe beseelt ist, seine eigene Geschichte erzählt, nur wenn ein wirklich wahrhaftiger Mensch von dem spricht, was er selber erlebt hat, ist allein eine verhältnismäßige Richtigkeit der Darstellung möglich. Doch damit, schöne Freundin, will ich nicht auf mich und meine Bekenntnisse anspielen und mir gar aus meiner Wahrheitsliebe einen Ruhm machen. Ich bilde mir wohl ein, offen und ehrlich zu sein bis zum Zynismus: aber das rechne ich mir nicht zum Verdienst an, das tue ich nur, weil es mir einen Spaß macht: ich sehe darin gar keine Tugend, ich finde dabei nur mein Vergnügen.

Und nun erlaubt, schöne Frau, daß ich auf die Prinzessin von Vendôme zurückkomme. Sie war nicht, was man eine Schönheit nennt, aber sie hatte doch viele Schönheiten. Und vor allem, sie war eine Aristokratin von Kopf bis zu Fuß. Auch wer sie nicht gekannt hätte, würde ihr die Prinzessin am Gesicht angesehen haben. Freilich, ihre Intelligenz dürfte ich nicht rühmen; doch war auch ihre Dummheit damals noch nicht bis zu dem Grade entwickelt, daß sie abstieß. Und was ihr an Geist fehlte, wurde von der Güte ihres Herzens und der zarten Sinnlichkeit ihres ganzen Wesens hinlänglich ersetzt. Kurz, sie war recht die Person, mir vollkommen zu ersetzen, was mir der liebe Gott an der Place-Royale (wo nämlich das Palais Rohan-Guemené stand) und der Teufel am Arsenal (wo nämlich die Marschallin von La Meilleraye wohnte) einer mit dem andern um die Wette geraubt hatten.

Ich muß noch heute lachen, wenn ich daran denke, welches Lob mir die Frommen spendeten, dafür, daß ich keinen Augenblick mehr von dem gottesfürchtigen und bekehrungseifrigen Bischof von Lisieux zu weichen schien, der im Palast Vendôme seine Wohnung hatte. Die Konferenzen für Turenne waren längst beendet; statt dessen ließ uns der unermüdliche Bischof zu einer Erklärung der Paulinischen Briefe einladen und veranlaßte mich, den Fürstinnen und meiner Tante von Maignelay zuliebe, die an diesen Übungen teilnahmen, den lateinischen Text ins Französische zu übersetzen.

Aus all dem erratet Ihr, schöne Freundin, daß ich bei dieser Gelegenheit am wenigsten versäumte, meine eklesiastischen Übungen durch andere weniger langweilige Dinge hinlänglich zu würzen. Nur so war es ja auch zum Aushalten. Ich ging jedoch mit dem Gewürz sehr diskret um und tat deshalb den geistlichen Dingen damit keinen Schaden.

Und damit Ihr Euch, gute Freundin, nicht den Kopf zerbrecht, wie dies möglich war bei einer Person, die man selbst im eigenen Hause nicht einen Augenblick mit sich allein ließ, geschweige denn, daß sie ihren Palast je ohne Begleitung verlassen konnte, so hört, wie ich es angestellt habe.

Ich habe schon gesagt, daß der Bischof von Lisieux in dem Palast Vendôme wohnte. Unsere religiösen Versammlungen dauerten oft bis tief in die Nacht hinein, und der Bischof, der mich am liebsten nicht mehr von seiner Seite ließ, hatte innerhalb seiner Gemächer längst ein zweites Schlafzimmer eingerichtet, das er mir zur Benutzung anbot, so oft es mir bequem sein möchte. Von diesem Angebot machte ich recht oft Gebrauch, und das übrige, verehrte Freundin, werdet Ihr fast erraten. Natürlich gab es zu dem Schlafzimmer der Prinzessin keinen andern Weg, als durch das ihrer Kammerfrau. Aber wenn so eine Zofe glücklicherweise die Gewohnheit hat, am Abend nicht einschlafen zu können oder zu wollen, ohne zuvor ein Glas Wasser mit einigen Tropfen Rotweins getrunken zu haben, so braucht man nur den Wein in der betreffenden Flasche mit gehöriger Vorsicht und einem gewissen Pulver zu behandeln, daß nur wenige Tropfen genügen, um diejenige, die sie trinkt, in einen Schlaf zu versenken, aus dem selbst für die nächsten neun Stunden die Posaunen des Gerichts sie nicht würden erweckt haben.

Außerdem nahm die Fürstin Vendôme während unseres Verhältnisses zweimal einen mehrwöchentlichen Aufenthalt auf ihrem Familienschloß Anet. Ich wurde beidemal eingeladen – meine Beziehungen zur Prinzessin hatten auch nicht einen Schatten von Verdacht erweckt – und ich nahm beidemal an. Die Erinnerung an diese Ausflüge gehören zu den deliziösesten meines Lebens.

Die Lebensweise auf dem einfachen Landschloß war freier und ungebundener, das blinde Vertrauen der Fürstin in mich unbegrenzt, so daß ich hier auch tagsüber stundenlang mit der Prinzessin allein blieb. Zum Vorwand nahmen wir die gemeinschaftliche Lektüre des Orlando furioso im Original, wofür die Prinzessin eine große Leidenschaft an den Tag legte. Ich las in der Tat der Prinzessin das ganze prachtvolle Gedicht, doch mit Vorliebe und öfteren Wiederholungen diejenigen Gesänge, deren üppige Schilderungen der Liebe eigens für uns gemacht schienen. Oft lasen wir auf einer Bank im Park. Und dann, wenn wir bemerkten, daß niemand unser achtete, verloren wir uns in abgelegenere Gegenden, wo der knirschende Kies aufhörte und moosige und verwachsene Wege zwischen dichtbelaubtem Buschwerk in geheimnisvolle Waldesdunkel führten, wohin sich selten ein menschlicher Fuß verirrte.

Nur noch Herr von Lisieux schien, wenn auch in heiligern Absichten, diese grünen Einsamkeiten von Zeit zu Zeit aufzusuchen, wo der Fußtritt kein knirschendes Geräusch verursachte, das den Geist in seinem stillen Sinnen stören konnte.

Und so war er es, der eines Tages, ohne daß wir seinen Tritt vernommen hatten, plötzlich, nur wenige Schritte vor uns, auftauchte, während wir uns in einer Situation befanden, die schon keine Zweideutigkeit mehr zuließ. Aber der fromme Bischof war zum Glück noch kurzsichtiger als ich und obendrein so unschuldig in seinem kindlichen Herzen, daß er eines häßlichen Verdachtes, so nahe er hier lag, gar nicht fähig war.

Was wir denn so eifrig am Boden suchten, ob wir etwas verloren hätten, rief er uns zu in seiner Ahnungslosigkeit.

Dieser Zuruf gab uns beiden die Fassung zurück, die wir einen Augenblick verloren hatten.

»Denken Eure Gnaden«, antwortete ich mit bestürzter Miene, »der Prinzessin ist einer ihrer Diamanten, die sie am Ohr trägt, entfallen, und wir suchen bereits eine geraume Weile, ohne ihn finden zu können.« Zugleich gab ich verstohlenerweise der Geliebten einen Stoß, die unvermerkt einen ihrer Brillanten zur Erde fallen ließ. Denn ich nahm an, daß der gute Bischof uns im Suchen helfen werde.

Er tat das wirklich mit großem Eifer und hatte, seiner Kurzsichtigkeit zum Trotz, die Genugtuung, den Diamanten zu erblicken.

Wir dankten dem Mann Gottes in gerührten Worten und machten uns zusammen auf den Rückweg.

»Ich bitte Euch inständig,« sagte ihm die Prinzessin unterwegs, »das kleine Abenteuer nicht der Fürstin zu erzählen. Sie sieht es ohnedies ungern, daß ich die Brillanten hier auf dem Lande trage: wenn sie erfährt, was mir damit passiert ist, wird sie mir nie wieder erlauben, sie hier anzulegen.«

Herr von Lisieux war weit entfernt, den wahren Sinn dieser Bitte zu verstehen. Er gelobte der Prinzessin unverbrüchliches Schweigen.

Kaum habe ich nötig, Euch, verehrte Frau, zu bemerken, daß ich, wie weit ich auch mit der Prinzessin kam, und ich kam in der Tat sehr weit mit ihr, es doch nicht bis zum Letzten und Äußersten trieb. Ich blieb mir auch noch in den kitzligsten Augenblicken bewußt, daß ich die junge Fürstin nicht in eine Lage bringen durfte, die ihr ganzes zukünftiges Glück in Frage stellen konnte.

Ein Jahr und länger lebte ich so in einem von der Welt ganz und gar ungeahnten Zustand, dem leider durch die Vermählung der Prinzessin von Vendôme mit ihrem Vetter, dem Herzog von Némours, ein jähes Ende bereitet wurde.

Meine dümmliche Schöne verlegte sich nach ihrer Verheiratung auf die Frömmigkeit und machte sich einen Zeitvertreib daraus, mir Moral zu predigen. Ich zürnte ihr deswegen nicht, sondern schätzte mich glücklich, ihr später, während den Unordnungen des Bürgerkriegs, wichtige Dienste leisten zu können.

Aber zu was für ungehörigen Eröffnungen habe ich mich nun hinreißen lassen. Ich habe von einer unbescholtenen Prinzessin Dinge erzählt, die niemand in der Welt, außer mir, je gewußt hat. Das ist etwas anderes als die Erzählungen meiner übrigen Abenteuer, deren Heldinnen von mir schon nicht mehr kompromittiert werden können. Nur das ausdrückliche Versprechen, das Ihr mir, schöne Freundin, bei unserm letzten Zusammensein zu Paris abgenommen habt, Euch nicht das geringste aus meinem Leben zu verschweigen, wie die Zusage, die ich mir in diesem Sinn selber gegeben habe, kann die eben begangene Indiskretion entschuldigen. Vor die Wahl gestellt zu sein, von zwei gleich delikaten Pflichten entweder die eine oder die andere zu verletzen, ist eine peinliche Sache für einen Mann von Ehre.

Ihr aber seht, verehrte Freundin, wie ich auf dem Wege des Heils vor den erstaunten Augen der Welt immer auffallendere Schritte vorwärts machte, während ich gewisse Seitensprünge, die meine sündige Natur einmal nicht entbehren konnte, aufs geschickteste zu verbergen wußte.

So erlebte ich's, daß mich wirklich der gesamte Klerus der Erzdiözese zum Koadjutor wünschte.

Nur der Kardinal Richelieu war weit von diesem Wunsche entfernt. Er hat immer unsere Familie gehaßt, und ich persönlich hatte ihm, bei Gott, keinen Grund gegeben, mich zu lieben.

Indessen stand es um seine Gesundheit, wenigstens für ihn und die Seinigen, bereits sehr bedauerlich. Er war sogar, wovon aber kaum etwas in die Öffentlichkeit gedrungen ist, einer unheimlichen Krankheit des Geistes unterworfen. Er hatte Tage, wo er sich einbildete, ein Pferd zu sein. Er sprang dann wie toll um sein Billard, schlug mit den Beinen aus und wieherte wie ein Hengst. Es ist komisch, sich das vorzustellen, besonders wenn man ihn sich dabei mit dem Purpur bekleidet denkt. Seine Leute brachten ihn, sobald sie etwas von diesem Zustand bemerkten, zu Bett und häuften ganze Berge von Decken auf ihn, daß er sich nicht rühren konnte: in Schweiß gebadet versank er in Schlaf, aus dem er erwachte ohn alle Erinnerung an das Vorgefallene.

Sein Tod am 4. Dezember 1642 kam dennoch ziemlich unerwartet. Derselbe bedeutete, darüber machte sich niemand eine Illusion, für Ludwig den Dreizehnten die größte Freude seines Lebens.

Um so peinlicher suchte der König den Schein zu wahren. Er bestätigte das Testament Richelieus in seinem vollen Umfange, genehmigte die vom Kardinal gewünschte Nachfolgerschaft Mazarins, behandelte alle Freunde des Verstorbenen aufs gnädigste, und hielt jedermann von sich entfernt, von dem er wußte, daß er schlecht mit dem Kardinal gestanden.

Nur mit mir machte er eine Ausnahme. Mein Onkel, der Erzbischof von Paris, stellte mich ihm vor, und Seine Majestät erzeigte sich in einer Weise gütig gegen mich, daß der ganze Hof sich darüber verwunderte.

Der König sprach mit mir über meine Studien, über meine Disputationen und Predigten und ging dabei, eine unerhörte Sache an Ludwig XIII., bis zu freundschaftlichen Neckereien. Zum Schluß befahl er mir, ihm jeden Tag meine Aufwartung zu machen. Die Leute konnten sich von ihrem Erstaunen gar nicht erholen; aber wie würden sie sich erst verwundert haben, wenn sie den Grund zu diesem ebenso unerwarteten wie unerklärlichen Betragen Seiner Majestät geahnt hätten. Ich selber erfuhr das Geheimnis erst nach dem Tode des Königs und werde bei dieser Gelegenheit darauf zurückkommen.

Dieses Verhalten des königlichen Herrn und Meisters gegen mich ermunterte die Meinigen zu ernsten Schritten, endlich die Koadjutorerie von Paris für mich zu erlangen. Die Sache war auf dem besten Wege, aber durch den plötzlichen Tod Ludwigs des Dreizehnten geriet sie vorderhand ins Stocken.

Über die Gesinnungen des Kardinals Mazarin waren wir ganz im unklaren, aber meine Tante, die Marquise von Maignelay und mein alter Freund, der Bischof von Lisieux, damals noch in der Gunst Annas von Osterreich – kurz darauf wurde er plötzlich von der Königin in sein Bistum verbannt –, nahmen sich eines Tages das Herz, die Koadjutorerie von der Königin für mich zu erbitten.

Die Königin erwiderte, daß sie nur allein meinem Vater diese Gnade zu erweisen willens sei. Und mein Vater, der damals mehr als je bis über die Ohren in der Frömmigkeit stak, und seine klösterliche Zuflucht bei den Oratoriern kaum mehr verließ, den Hof aber seit langen Jahren vermied, tat dennoch mir zuliebe den geforderten Schritt.

Es mochte ihn schwer genug ankommen, vor Anna von Österreich das Knie zu beugen. Als ein konsequenter Asket und homo religiosus, huldigte er dem Grundsatz, daß man im Gewand eines Oratorianers und als geistlicher Sohn des großen Philipp Neri nur vor dem Herrn des Himmels und der Erde das Knie beugen dürfe. Um so gnädiger zeigte sich die Königin.

»Nun ja,« sagte sie lachend, »die Sache ist längst beschlossen. Der sterbende König hat sie mir als seine letzte Willensäußerung ganz nachdrücklich ans Herz gelegt.«

Und dann erzählte sie meinem Vater auch, wodurch die verstorbene Majestät zu dieser Gesinnung gelangt war, nämlich die Geschichte mit jener kleinen Nähzeugkrämerin zu Issy, die mein Freund Lisieux einst an der königlichen Tafel erzählt hatte. Und nun sagt mir doch, schöne Freundin, was eine arme Nadelkrämerin und die Würde eines Koadjutors von Paris miteinander zu tun haben? Aber ähnliche kuriose Zusammenhänge könnte man hinter noch viel wichtigeren Vorgängen der Weltgeschichte entdecken.

Das Domkapitel, der ganze Klerus von Paris, wie auch die theologische Fakultät der Sorbonne beeilten sich auf meine Aufforderung hin, der Königin schon am andern Morgen ihre Deputationen zu schicken und die Monarchin für die ihnen erwiesene Gnade ihrer Dankbarkeit zu versichern. Ein guter Freund aber, der Parlamentsrat Losières, von der Kammer der Regesten, lieh mir zweiunddreißigtausend Livres, den Preis für die päpstliche Bulle. Mit dieser Summe, der ich eine andere kaum geringere hinzufügte, schickte ich einen meiner Vertrauten nach Rom, dem ich einschärfte, die Expedition mit allen Mitteln zu betreiben und zu beschleunigen, um den Ministern keine Zeit zu lassen, mir etwa einen Strich durch die Rechnung zu machen. Am Vorabend vor Allerheiligen hatte ich bereits meine Bulle in Händen.

Bis jetzt, so schien es mir in diesem Augenblick, hatte ich mich im großen Welttheater bloß im Parterre der Zuschauer oder höchstens von Zeit zu Zeit im Orchester herumgetrieben, um mit den Musikanten meinen Spaß zu haben; nun aber, schöne Freundin, stand ich im Begriff, auf die Bühne selbst hinaufzusteigen, und so sollen, hoffe ich, Eure Gnaden von jetzt ab einigen Auftritten beiwohnen, die Eurer Aufmerksamkeit vielleicht nicht ganz unwürdig sind.

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